Worüber unterhalten sich zwei graue Boxen?

Ende Mai war ich bei der Konferenz “Bended Realities” in Offenbach und habe über “Die Sehnsucht nach dem Ende des biologischen Körpers” gesprochen. Hier ist das Video:

Irgendwo in der Mitte stelle ich eine steile These auf, nämlich die, dass jegliche menschliche Kommunikation an Körperlichkeit gebunden ist, dass unser Denken und unsere Interessen und Themen untrennbar vermischt sind mit der Tatsache, dass wir körperlich individualisierte Wesen sind, und ich behaupte, dass zwei graue Boxen nichts hätten, worüber sie sich unterhalten können.

Leider gab es im Anschluss an den Vortrag keine Diskussion, aber meine Spione im Publikum sagten mir hinterher, dass es dazu wohl einigen Widerspruch gegeben hätte. Deshalb würde mich jetzt hier auch eure Meinung interessieren:

Glaubt ihr, zwei graue Boxen (womit ich meine: Körper, deren Körperlichkeit völlig irrelevant ist und nur die Funktion hat, Behältnis für Gedanken zu sein) hätten Gesprächsthemen, die sie interessieren? Und wenn ja, welche?

Staatsfeminismus und Care Revolution

Betreuungsgeld und Ehegattensplitting sind schlecht, Quotenregelungen und betriebliche „Vereinbarkeitsmaßnahmen“ sind gut?

kritikdesstaatsfeminismusEine klare Gegenposition zu solchen gängigen Ansichten vieler Feministinnen (und auch anderer) nehmen Lilly Lent und Andrea Truman in ihrem Essay „Kritik des Staatsfeminismus“ vor.

Das kleine Büchlein liest sich wohltuend konkret. Seine Grundthese lautet: Solche als Feminismus ausgegebenen Maßnahmen dienen letztlich dazu, die Ausbeutung der Arbeitskraft – und neuerdings eben auch die von Frauen – im Interesse „des Kapitalismus“ besser zu organisieren. Feministisch sei da dran gar nichts.

In vielem stimme ich zu, ich habe ja selbst schon zu Elterngeld, Ehegattensplitting, Kita-Politik und so weiter gebloggt und bin dabei zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Ich empfehle jedenfalls allen, die sich mit solchen Themen beschäftigen, das Büchlein zu lesen und sich mit den dort angeführten Argumenten auseinander zu setzen.

Das heißt natürlich nicht, dass man mit allem einverstanden sein muss. Ich finde zum Beispiel den engen marxistischen Interpretations- und Analyserahmen schwierig. Vieles von dem, was heute unter „Care-Arbeit“ läuft, lässt sich meiner Ansicht nach nicht wirklich in der Logik von „Reproduktion“ verstehen. Sicher, die Lebensverhältnisse sind wesentlich vom Kapitalismus geprägt. Aber es gibt meiner Meinung nach in all dem noch mehr als Kapitalismus, andere Ressourcen, andere Paradigmen, die ebenfalls „heute schon“ wirksam sind.

Ein anderer Punkt ist die Frage nach der politischen Strategie, die Frage also: Was sollen wir denn nun sinnvollerweise tun? Diese Frage stellen Lent und Trumann nicht, sie bleiben bei der Kritik stehen (was der Qualität keinen Abbruch tut, sondern nur bedeutet, dass hier noch weiter gedacht werden muss).

Am Ende ihres Büchleins kritisieren sie explizit die Care Revolution mit dem Argument, hier würde auch wieder nur mehr Staat gefordert (mehr Kinderbetreuung, mehr Geld für Sorge Arbeiten und so weiter). Das stimmt einerseits, andererseits aber nicht, denn im Netzwerk Care Revolution sind eben ganz unterschiedliche Akteurinnen und Akteure. Sicher sind dort auch Gewerkschafterinnen oder Selbsthilfe-Initiativen, die einen eher „systemimmanenten“ Ansatz haben, es sind aber genauso gut systemkritische Gruppen und Personen dabei.

9783837630404_720x720 (1)Es geht bei der Care Revolution eben genau nicht darum, noch eine weitere, jetzt aber „richtige“ Analyse der ökonomischen Verhältnisse im Spätkapitalismus vorzulegen, sondern um „revolutionäre Realpolitik“, wie Gabriele Winker in ihrem Buch „Care Revolution“ unter Bezug auf eine Formulierung von Rosa Luxemburg ausführt. Die Praxis ist dabei, die Bedürfnisse, Interessen und Ansätze der unterschiedlichsten Aktivistinnen und Aktivisten zusammenzubringen und dann gemeinsam zu überlegen, was getan werden kann.

Von daher solltet Ihr Gabriele Winkers Buch gleich auch lesen. Sie gibt im ersten Teil eine volkswirtschaftliche Analyse der gegenwärtigen „Krise sozialer Reproduktion“, und entwirft im zweiten Teil Visionen für einen Transformationsprozess , nicht als der Weisheit letzter Schluss, sondern als Inspiration und Diskussionsgrundlage.

Und vielleicht gelingt es uns ja, als Netzwerk Care Revolution mit Lilly Lent und Andrea Truman in einen inhaltlichen Austausch zu kommen, das würde ich definitiv interessant finden.

Lily Lent/Andrea Truman: Kritik des Staatsfeminismus oder: Kinder, Küche, Kapitalismus. Bertz + Fischer, 2015 (7,90 Euro).
Gabriele Winker: Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft. Transcript, 2015 (11,99 Euro)

Mord und Totschlag – kleine Kommentar-Revue

Bei „Fisch und Fleisch“ drüben habe ich heute morgen unter der Überschrift: „Verlassene Männer sind häufig brutal. Das muss endlich ernst genommen werden“ über den Amokfahrer von Graz gebloggt. Leider war mir dabei in der ersten Fassung ein Fehler unterlaufen: Nicht 162 Frauen sind im Jahr 2013 in Deutschland mutmaßlich von ihren (Ex)Partnern getötet worden, sondern „nur“ 138. Den Fehler hatte ich aus einer wissenschaftlichen Hausarbeit übernommen, dort war die Statistik falsch interpretiert worden. Wen’s interessiert: Hier ist der Link zur Quelle beim BKA.

Aber eigentlich komme ich deshalb hier noch einmal auf das Thema zurück, weil die Kommentare unter dem Blogpost so treffend sind, dass ich sie für die Ewigkeit retten möchte:

Gleich am Anfang schon der Klassiker: NICHT ALLE MÄNNER!

Ich habe dazu gelesen, dass rund 99,5 Prozent der verlassenen Männer in Deutschland NOCH nicht versucht haben, ihre ehemaligen Frauen und Freundinnen umzubringen. Nun stellt sich die Frage, aus welchen beiden Zahlen, ihren 162 (tragisch) getöteten Frauen oder aus den 99,5 Prozent Nicht-Mödern, sich ein Trend ablesen lassen lässt.

Ich nehme an, das heißt, wir sollen dankbar dafür sein, dass die große Mehrheit der Männer ihre Frauen nicht umbringt – toll, tausend Dank dafür!

Ebenfalls immer schön ist ja das „Die Feministinnen sind schuld“-Argument:

Und, habe ich halt männliche Geschlechtsmerkmale. Was bitte sagt das über mich aus? Dass ich gewaltbereit bin? Ja, man kann es mir solange einreden, bis ich sage: okay, dann könnt ihr das gerne von mir haben.

Also, besser mal aufpassen, nicht dass ich mit meinem Blogpost die ganzen harmlosen Jungs noch auf dumme Gedanken bringe. Außerdem hinkt mein Vergleich ja sowieso, aber sowas von! Denn:

Bei der Grazer Amokfahrt wurde nicht versucht, die eigene Ehefrau, die ihren Mann verlässt, zu töten oder zu schlagen, sondern es wurde versucht, Menschen zu töten bzw. zu verletzen, die mit der Ehe gar nichts zu tun hatten. Ich halte es für verharmlosend, die Grazer Amokfahrt zu einem ganz normalen Fall von Gewalt eines verlassenen Mannes an seiner Frau zu erklären.

Ja, ja, diese ganzen „ganz normalen“ Fälle von Gewalt, die sind eben – ganz normal! Und dann habe ich auch noch die WICHTIGSTE Regel im öffentlichen Diskurs gebrochen:

Wer beginnt, hier nach den beispielhaft genannten Kriterien TäterInnengruppen zu bilden, der schafft in meinen Augen ein vorurteilsbildendes Klima. Wird ja zu Recht immer wieder eingemahnt, überlegter mit Sprache umzugehen was gendergerechte Formulierungen und dergleichen anbelangt

Dabei weiß ich doch: Wenn weiße Männer etwas machen, darf man NIENIENIE darauf hinweisen, dass es weiße Männer sind, das ist nämlich SEXISMUS!
PS. Mir geht es in diesem Zusammenhang nicht um eine Anklage “der Männer”, sondern um eine gesellschaftliche Selbstreflektion. Allein, dass es so schwierig ist, die Zahlen zu diesem Sachverhalt herauszufinden, zeigt, dass hier ein Missverhältnis herrscht. Warum finden sich nicht jede Menge Zeitungsartikel, die dieses Thema bereits recherchiert haben? Vor allem, wenn man vergleicht, wie viel allgemeine Betroffenheit (zurecht) herrscht, wenn es um “Ehrenmorde” in migrantischen Milieus geht, und wie vehement dort nach strukturellen, weltanschaulich begründeten Motiven gesucht wird. Die anderen, “normal-deutschen” Beziehungsmorde hingegen werden nie in einem strukturellen Kontext gesehen, sondern immer als “Einzelfälle” dargestellt, als psychisch bedingte individuelle Katastrophen ohne kulturelles Muster dahinter. Aber Tatmotive wie Eifersucht oder Wut darüber, verlassen zu werden, sind nicht individuell, sie sind eine Folge von gesellschaftlichen Vorstellungen davon, welche Ansprüche ein Mann an “seine” Frau stellen kann. Und egal, ob es nun 150 oder 100 pro Jahr sind – Einzelfälle sind es sicher nicht. Es wäre wichtig, die Hintergründe genauer zu beleuchten: Was genau sind die Motive von “Morden in Paarbeziehungen?” Gibt es hier geschlechtsspezifische Unterschiede? Zu erforschen und zu analysieren gäbe es hier jedenfalls eine Menge – wenn wir uns denn dafür interessierten.

PPS: In dem Zusammenhang auch interessant: “It’s not about mental illness: The big lie that always follows mass shootings by white males”

 

Die Geschlechterdifferenz gibt es, eine „Rassendifferenz“ gibt es nicht

Die fast zeitgleichen Enthüllungen über die Transsexualität von Caityln Jenner und das vorgetäuschte „Schwarzsein“ von Rachel Dolezal haben eine interessante Debatte über die Vergleichbarkeit oder Nicht-Vergleichbarkeit von Transsexualität und Trans“rassität“ ausgelöst. Inspirierend fand ich dazu einen Text von Kai M. Green, der folgende These vertritt: Der von vielen spontan geteilte Eindruck, dass Caitlyn Jenner „richtig“ und Rachel Dolezal „falsch“ gehandelt hat, so Green, sei berechtigt, aber noch nicht ausreichend verargumentiert. Es sei nicht illegitim, die Frage nach der Vergleichbarkeit von beidem zu stellen, und die bloße Behauptung „Race“ und Geschlecht seien nun mal nicht dasselbe, reiche als Antwort nicht aus.

Genau in diese Richtung bewegten sich auch meine Überlegungen zu den beiden Ereignissen. Also:  Warum ist beides nicht dasselbe? Was genau unterscheidet sie? Und was bedeutet das für ihre politische Beurteilung?

Erst einmal zu dem, was Geschlecht und „Race“ nicht unterscheidet. Beides sind kulturell hervorgebrachte Differenzierungen zwischen Menschen, die nicht „natürlicherweise“ aufgrund des biologischen Körpers selbstevident sind. Zum zweiten haben sie gemeinsam, dass die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht oder einer „Rasse“ ein extrem wichtiger und im Alltag ständig aktualisierter Baustein der persönlichen Identität ist, und zwar unabhängig davon, ob die betreffende Person sich dessen bewusst ist oder nicht. Es ist für niemanden und in praktisch keiner konkreten Situation „egal“, ein Mann oder eine Frau, Schwarz oder weiß zu sein, weil die gesamte Kulturproduktion von diesen Differenzierungen durchzogen ist.

Die dritte Gemeinsamkeit ist, dass die anhand von Geschlecht oder „Race“ vorgenommenen Differenzierungen eine Hierarchie definieren, also das eine als Norm und das andere als Abweichung gesetzt wird, und dass damit Herrschaftsverhältnisse, Privilegien und Diskriminierungen, verbunden sind. Eine vierte Gemeinsamkeit ist, dass beides  sich vor allem an Äußerlichkeiten festmacht: Kleidung, Sprechweise, Haare, Körperhaltung und so weiter. Fünftens wird die Zugehörigkeit in beiden Fällen von klein auf eingeübt und anerzogen. Menschen werden von Geburt an ständig darauf „trainiert“, männlich oder weiblich, Schwarz oder weiß zu sein und sich entsprechend zu verhalten. Und sechstens können beide Kategorien individuell bis zu einem gewissen Grad überschritten werden:  Es ist möglich, dass Menschen, die bei Geburt als weiblich oder männlich, Schwarz oder weiß „gelabelt“ wurden, durch bestimmte Maßnahmen (chirurgischer und_oder performativer Art) als Zugehörige der jeweils anderen Kategorie „durchgehen“.

Weshalb ist also das Zurückweisen der geschlechtlichen Zuordnung bei der Geburt okay, und zwar in beide Richtungen (männlich zu weiblich und weiblich zu männlich)? Und sowohl in Form von Transsexualität (also als Bekenntnis dazu, dass das eigene Geschlecht real ein anderes ist als es körperlicherweise den Anschein hatte) als auch in Form von „Transgender“ (also als persönliche Wahl der eigenen Geschlechtsidentität aufgrund von subjektiven Vorlieben oder als Ausdruck eines politischen Aktivismus), ganz abgesehen von der Möglichkeit, keinem Geschlecht eindeutig anzugehören (oder anzugehören wollen)? Und auch zu jedem Zeitpunkt des Lebens, unabhängig davon, was man bis dahin erlebt oder „performt“ hat oder wie man sozialisiert wurde? Wohingegen die Behauptung, „Schwarz“ zu sein, wenn man ausschließlich weiße Vorfahren hat und weiß sozialisiert wurde, nicht okay ist?

Ich glaube, das liegt daran, dass es trotz aller Gemeinsamkeiten einen wichtigen Unterschied zwischen den Kategorien „Geschlecht“ und „Race“ gibt, der aber entscheidend ist: Geschlecht gibt es wirklich, auch unabhängig davon, was kulturell diesbezüglich verhandelt und eingeübt wurde, „Rasse“ hingegen nicht.

Die Geschlechterdifferenz hat als Wurzel eine reale Notwendigkeit, nämlich die, das Zusammenleben zwischen Menschen, die schwanger werden können, und solchen, die es nicht können, zu regeln. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, das zu tun, und jede konkret existierende Ausformung von Geschlechterdifferenzen ist kulturell hervorgebracht. Aber es ist keine Gesellschaft denkbar, in der dieser Unterschied überhaupt keine Rolle spielt (jedenfalls nicht hier und heute, vielleicht irgendwann einmal, wenn Kinder nicht mehr von schwangeren Menschen ausgetragen und geboren werden, sondern eine technologische Reproduktionsmethode erfunden und etabliert wurde).

Hingegen gibt es keinerlei reale Notwendigkeit, Menschen verschiedener Hautfarben zu unterscheiden. Eine Gesellschaft, in der es keine „Rassenunterschiede“ gibt, ist sehr leicht vorstellbar. „Rassentheorien“ sind immer die Folge von Herrschaftsverhältnissen, sie dienen ausschließlich deren Legitimation, sie haben keinen anderen Sinn und Zweck. Und es gibt ja auf der Welt auch zahlreiche Kulturen, in denen keine „Rassenunterschiede“ gemacht werden.

„Geschlechtertheorien“ dienen zwar ebenfalls sehr häufig der Legitimation von Herrschaftsverhältnissen, aber das ist nicht ihr einziger und ausschließlicher Sinn. „Monogeschlechtliche“ menschliche Gesellschaften gibt es nicht, alle Kulturen finden irgendeinen Umgang mit dem Fakt, dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht. Auch wenn dieser Umgang natürlich nicht immer die heteronormative Zweigeschlechtlichkeit ist, mit der wir es heute zu tun haben. Matriarchatsforscherinnen gehen zum Beispiel – mit Argumenten, die mich durchaus überzeugen, auch wenn ich das nur laienhaft beurteilen kann – davon aus, dass es Gesellschaften gibt oder gab, in denen die Geschlechterdifferenz nicht herrschaftsförmig geregelt ist.

Vielleicht lässt es sich so sagen: Zwischen Herrschaftsverhältnissen und Geschlechtern gibt es eine Wechselwirkung – die Geschlechterdifferenz bringt (oft, aber nicht immer) Herrschaftsverhältnisse hervor, zum Beispiel weil Menschen, die schwanger werden und Kinder gebären, aufgrund der damit verbundenen körperlichen Belastung weniger Möglichkeiten haben, sich in Arbeitsprozesse einzubringen oder individuelle Projekte zu verfolgen, was ihnen, wenn keine kulturellen Gegenmaßnahmen existieren, faktische Nachteile bringt. Gleichzeitig äußern sich etablierte Herrschaftsverhältnisse häufig in diskriminierenden Geschlechterarrangements – die Kausalität funktioniert also sowohl in die eine als auch in die andere Richtung, und meistens ist beides der Fall.

In Bezug auf „Race“ ist der Zusammenhang zur Herrschaft hingegen nicht wechselseitig, sondern eine Einbahnstraße: „Rassentheorien“ sind immer eine Folge von Herrschaft, sie dienen ausschließlich ihrer Legitimation und Stabilisierung. Die bloße Existenz von unterschiedlichen Hautfarben kann ja selbst überhaupt keine Herrschaftsverhältnisse begründen, weil die Farbe der Haut (anders als Schwangerschaften und Geburten) keinerlei unterschiedliche Möglichkeiten und Lebensbedingungen konstituiert. Es muss also bereits Herrschaftsverhältnisse geben, bevor die Hautfarbe eine relevante Kategorie werden kann.

Damit zusammen hängt ein weiterer Unterschied, nämlich der, dass die Geschlechterdifferenz von ihrem Ursprung her keine Differenz der fließenden Übergänge ist. Schwangerwerdenkönnen oder nicht ist eine Ja-Nein-Unterscheidung, es gibt da keine Zwischentöne. Möglicherweise ist nicht bei jeder Person bekannt, ob sie schwanger werden kann, und nicht jede Person, die schwanger werden kann, realisiert diese Möglichkeit auch. Aber das ändert nichts daran, dass die Unterscheidung für sich genommen logisch eine Ja-Nein-Unterscheidung ist. Lediglich die kulturellen Ausformungen der Geschlechterdifferenz umreißen dann ein Kontinuum, das nicht nur Ja und Nein kennt, sondern auch noch jede Menge dazwischen: Kleiderordnungen, Zuschreibungen aller Art und so weiter.

Bei „Race“ ist das anders: Es gibt in Bezug auf Hautfarben kein Schwarz und Weiß, sondern nur ein Mehr- oder-weniger Pigmentiert. Die Differenz der Hautfarben ist also für sich genommen eine quantitative, die erst durch Politiken (wie etwa die “One-Drop-Rule” in den USA) künstlich zu einer qualitativen gemacht wurde. Während die Unterscheidung nach Schwangerwerdenkönnen zunächst eine qualitative ist, und erst durch kulturelle Überformungen auch eine quantitative wird.

Um nun wieder zu der eingangs gestellten Frage zurückzukommen, warum Transsexualität, Transgender und Genderfluid legitime Positionen sind, das Vorgeben einer Schwarzen Identität vonseiten einer weißen Person hingegen nicht. Mit „legitim“ meine ich hier, dass damit individuelle Freiheitsrechte berührt sind, aber auch, dass diesen Handlungen das Potenzial inhärent ist, Herrschaftsverhältnisse aufzulösen und zu untergraben.

Da es unmöglich ist, eine Gesellschaft zu entwerfen, die keine Geschlechterdifferenzen kennt, ist es für ein gutes Leben aller Menschen unabdingbar, den Einzelnen jede nur denkbare größtmögliche Freiheit im Umgang mit ihrer Geschlechteridentität zu ermöglichen. Jede Infragestellung der angeblichen „Natürlichkeit“ von real existierenden Geschlechterkonstrukten, welcher Art auch immer (auch so „unfeministische“ wie das Posen von ehemals männlich gelesenen Personen mit Highheels und Minirock), ist nicht nur in Bezug auf die persönlichen Freiheitsrechte der Betreffenden legitim, sondern auch gesamtgesellschaftlich wertvoll, weil es uns vor Augen führt, wo wir uns überall in Klischees und Vorurteilen über „Frauen“ und „Männer“ eingerichtet haben und darüber unsere eigentliche Aufgabe vernachlässigen: nämlich die herrschaftsfreie Regelung des Zusammenlebens von Menschen, die schwanger werden können und solchen, die es nicht können.

Und wer wollte bestreiten, dass es da auch heute noch so manches zu regeln gäbe! Gerade weil die Geschlechterdifferenz nicht einfach nur aus Jux und Dollerei konstruiert ist, sondern ihr eine reale Notwendigkeit zugrunde liegt, ist es unabdingbar, sämtliche damit zusammenhängenden vermeintlichen Gewissheiten immer wieder in Frage zu stellen, sie zu überschreiten und neu mit der Geschlechterdifferenz zu experimentieren. Und möglicherweise ist es heute tatsächlich so, dass die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ nur noch bedingt oder überhaupt nicht mehr brauchbar sind, um über das zu sprechen, was mit Schwangerwerdenkönnen und nicht Schwangerwerdenkönnen zu tun hat. Weil sich die kulturellen Muster im Bezug auf die Geschlechter „Frau“ und „Mann“ von dieser eigentlichen Fragestellung inzwischen vollkommen verselbständigt haben. Ich bin mir dessen nicht so sicher, aber wenn es so wäre, dann müssten wir uns eben etwas Neues einfallen lassen.

Eine weiße Person, die sich als „Schwarz“ ausgibt, stellt freilich ebenfalls eine Konstruiertheit zu Schau, in dem Fall die von „Race“, aber hier ist diese Selbstrepräsentation, anders als bei Transfrauen, banal, weil „Race“ eben gar nichts anderes als konstruiert ist. Es gibt nicht die Möglichkeit, in einer „falschen“ Hautfarbe geboren zu sein, weil die Hautfarbe für sich genommen vollkommen irrelevant für das menschliche Zusammenleben ist. Relevant ist die Hautfarbe einzig und allein als Ausdruck von Herrschaftsverhältnissen beziehungsweise als ein politischer Kampf dagegen. Und deshalb ist es völlig legitim, wenn Menschen, die aufgrund dieses Merkmals diskriminiert werden, versuchen, als „Weiße“ durchzugehen, aber eben nicht andersrum. Denn die Leugnung des eigenen Standorts als Weiße ist dann immer auch eine Leugnung der eigenen Verantwortung als Weiße.

Okay, soweit erstmal meine Gedanken, die sicher noch unfertig sind. Therefore: discuss!

Meine zehn Cent zu Elinor Burkett

Ich weiß nicht, ob sie es wirklich gesagt hat: “My brain is much more female than it is male”. Aber dieses und andere Statements von Caitlyn Jenner hat Elinor Burkett in einem Artikel in der New York Times zum Anlass genommen, sich über grundsätzliche Differenzen zwischen Feminismus und Transaktivismus Gedanken zu machen.

Kurz zusammengefasst beschwert sie sich darüber, dass Transfrauen häufig zu alten biologistischen Thesen über Geschlecht zurückkehren würden, wie zum Beispiel stereotype Körperinszenierungen von “Weiblichkeit” in Form von Nagellack, kurzen Röcken und dergleichen. Ich stimme ihrer Kritik zu, dass es Blödsinn ist, über unterschiedliche Männer- und Frauengehirne nachzudenken und dass solche Weiblichkeitsinszenierungen wie die von Caitlyn Jenner ärgerlich sind. Aber das alles ist ja nun nicht eine Besonderheit von Transfrauen. Die große Mehrheit von Cisfrauen tut doch genau dasselbe. Es ist also gehüpft wie gesprungen. Frauen sind eben nicht von Natur aus Feministinnen, ob nun Trans oder Cis.

Ein Vorteil davon, wenn es Transfrauen sind, die Geschlechterklischees performen, ist es immerhin, dass damit deutlich wird, dass diese Erscheinungsformen von Weiblichkeit nichts sind, was sich aus einer bestimmten körperlichen Beschaffenheit – Gebärmutter, Brüste und dergleichen – natürlicherweise herleitet, sondern dass es kulturelle Übereinkünfte sind. Es wird nämlich offensichtlich, dass jeder Mensch, mit dem entsprechenden Geschick (und dem nötigen Kleingeld für kosmetische Operationen und die passende Garderobe), das darstellen kann, was allgemein auf den ersten Blick als “Frau” identifiziert wird.

Unter Rückgriff auf den traditionellen Feminismus macht Burkett dann die Sozialisierungs-These stark, wonach Frausein eben nicht aus irgend etwas Biologischem herrührt, sondern gesellschaftlich hergestellt wird, nämlich durch rollenkonforme Erziehung. Daher, so schließt sie, können Menschen, die männlich sozialisiert wurden, eigentlich keine “richtigen” Frauen sein.

Gegen dieses Argument habe ich nun starke Einwände, und zwar deshalb, weil es den Status des Frauseins ganz auf eine gesellschaftliche Deformation und Diskriminierung zurück führt: Frauen sind wir, weil wir Opfer der Verhältnisse sind.

Nein, sind wir nicht. Ich schlage vielmehr vor, Frausein als ein politisches Statement aufzufassen. Ich bin eine Frau, weil ich es wähle, mich in der Position einer Frau in diese Gesellschaft einzubringen. Zu sagen “Ich bin eine Frau” ist sozusagen ein Bekenntnis. Es bedeutet auch für Cis-Frauen eine Wahl, wie man ja zum Beispiel an der Wandlung von Angela Merkel in dieser Frage sehen kann, die am Anfang ihrer politischen Karriere gerne betonte, dass ihr Frausein überhaupt keine Rolle spiele, während sie mittlerweile durchaus absichtlich und bewusst ihr Bundeskanzlerinnenamt “als Frau” ausfüllt.

Viele Cisfrauen lehnen dieses Bekenntnis ab, nicht unbedingt indem sie es rundheraus abstreiten, eine Frau zu sein, aber doch, indem sie ihrem Frausein jede Bedeutung absprechen und darauf bestehen, “doch einfach nur Menschen” zu sein. Die italienische Philosophin Wanda Tommasi hat das einmal “die Versuchung des Neutrums” genannt. Und diese Versuchung, also die Leugnung der Geschlechterdifferenz, ist meiner Ansicht nach ebenso gefährlich für die weibliche Freiheit, wie ein klischeehaftes Ausleben von angeblich feststehenden Merkmalen von Frausein.

Für Menschen, die ihr Frausein verstecken, hatte das Patriarchat schon immer ein Plätzchen frei. Angefangen von der Päpstin Johanna über die englischen Gärtnerinnen, die Männerkleidung tragen mussten, um nicht aufzufallen, und die albanischen Burneshas (die meiner Ansicht Opfer einer extrem patriarchalen Kultur sind und nichts, was feministischerseits zu feiern wäre), bis hin zu heutigen Managerinnen, die mit ihrer Businesskleidung einen männlichen Stil imitieren müssen, um ernst genommen zu werden.

Frauen können aber nur frei sein, wenn es Frauen gibt. Und Frauen gibt es nur, wenn es Menschen gibt, die sagen: “Ich bin eine Frau”. Biologie und Sozialisation sind sicherlich Faktoren, die an der Entstehung von “Frauen” beteiligt sind, aber nicht in definierender oder gar determinierender Art und Weise. Frauen können die unterschiedlichsten biologischen Herkünfte und die gegensätzlichsten Sozialisationen haben, und sie sind trotzdem Frauen. Natürlich ist es auf jeden Fall richtig, über Biologie und Sozialisation nachzudenken und beides zu berücksichtigen. So finde ich zum Beispiel nicht, dass die Themen Frausein und Schwangerwerdenkönnen völlig voneinander getrennt werden sollten. Nicht weil jede Frau schwanger werden kann, was ja nicht der Fall ist, sondern weil die Konstruktionen von Geschlechterdifferenz und Schwangerwerdenkönnen (bzw. nicht Schwangerwerdenkönnen) aufs Allerengste miteinander verknüpft sind.

Biologie und Sozialisation sind also wichtig, aber sie sind nicht der entscheidende Dreh- und Angelpunkt dessen, was ich meine, wenn ich sage “Ich bin eine Frau”. Und sie sind auch nicht das, was ich höre, wenn eine andere von sich sagt, dass sie eine Frau ist.

 

Weniger Gender, mehr Feminismus?

… Das fordern Wissenschaftlerinnen jetzt offenbar in einem Sammelband. (den ich nicht gelesen habe).

Das Thema ist wichtig – dass zum Beispiel beim Kirchentag das feministische Zentrum durch ein Genderzentrum ersetzt wurde, habe ich schon vor zwei Jahren kritisiert  (und für den aktuellen Kirchentag auch, aber nur gedruckt, steht leider nicht online).

Ich finde allerdings, das muss man nicht gegeneinander ausspielen: Wir brauchen “Gender” UND Feminismus. Man muss sich nur darüber im Klaren sein, dass beides nicht dasselbe ist (Viele Leute setzen es leider gleich oder verwechseln es).

Kurzgefasst ist der Unterschied: Gender beschäftigt sich mit der (De)-Konstruktion von Geschlecht, Feminismus beschäftigt sich aus der Perspektive weiblicher Freiheit heraus mit der Welt. Dass “Gender’ seit längerem die Funktion hat (oder dafür benutzt wird), Feminismus zu verdrängen, ist tatsächlich problematisch.

Was macht eigentlich…. das Abtreibungsthema?

Neulich hat sich Katha Pollit in einem Artikel damit beschäftigt, dass die gesellschaftliche Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Ehen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich Aufschwung bekommen hat, während in Punkto Abtreibung die Tendenz wieder in Richtung auf mehr Restriktionen gegen Schwangere zu weisen scheint. Ihre Analyse bezieht sich auf die USA, aber auch in Deutschland lässt sich wohl so etwas Ähnliches beobachten. Ein von Ulrike Busch und Daphne Hahn herausgegebener Sammelband will die Diskussion auch hierzulande wieder ein bisschen in die Gänge bringen, und das ist gut so.

31Gd6sIsgNL._SY344_BO1,204,203,200_Das Buch versammelt Rück- und Überblicke über die Lage und den Diskurs. Dabei wird deutlich, dass die Diskussion letztlich mit dem letzten “Abtreibungsgesetz” 1990 zum Erliegen gekommen ist. Einerseits vielleicht verständlich: Zwar ist Abtreibung weiterhin im Prinzip nicht Entscheidung der Schwangeren selbst, sondern gilt als Unrecht, aber sie wird nicht strafrechtlich verfolgt und gilt bei Einhaltung bestimmter Verfahren oder bei vorliegenden Indikationen auch nicht mehr als gesetzwidrig. Konkret heißt das: Rein theoretisch ist zwar das Ziel der Frauenbewegung, nämlich das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung, nicht erreicht worden, ganz praktisch kann aber im konkreten Fall fast jede Frau, die abtreiben will, das auch tun. Also warum weiter aufregen?

Aber es kommt noch etwas anderes hinzu, und zwar die gespaltene Haltung von Feministinnen zur Frage der Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik. In den vergangenen 25 Jahren hat es in der Reproduktionstechnologie große Veränderungen gegeben. Und viele Feministinnen stehen dieser “Invasion” medizinischer Apparate in den Prozess von Schwangerwerden, Schwangersein und Gebären sehr skeptisch gegenüber. Auch in diesen Debatten geht es um die Haltung der Gesellschaft gegenüber dem “ungeborenen Leben”. Und offenbar finden viele es schwer zu begründen, wie man einerseits das “Recht auf Abtreibung” vertreten, andererseits aber gegen jegliche Art eugenischer “Selektion” (etwa von Embryonen) eintreten kann. Dabei kommt erschwerend hinzu – das wurde mir bei der Lektüre des Buches erst so richtig klar – dass gerade in Deutschland die Pro-Abtreibungs-Argumente in den 1980er Jahren noch ziemlich eng mit eugenischen Erwägungen durchzogen waren.

Meiner Ansicht nach liegt ein Kern des Problems darin, dass sich die Debatten viel zu sehr auf den universalen Blickwinkel kapriziert haben, nämlich die ethische Frage, wann “man” einen Embryo töten oder sterben lassen darf und wann nicht. Wann beginnt Leben? Was für Rechtsgut gilt es hier zu schützen? Und so weiter. Gesetze haben dann quasi die Aufgabe, Schwangere zur Einhaltung dieser ethischen Normen zu zwingen, die die Gesellschaft allgemein festlegt.

Und das ist eben in Bezug auf Abtreibung die falsche Frage. Da geht es nämlich letztlich darum, inwiefern es legitim ist, Schwangere (oder, im Fall der Präimplantationsdiagnostik, potenziell Schwangere) in die Entscheidung über ihren Körper hineinzureden.

Meine Position dazu ist: Diejenige Person, die rund um das Schwangersein oder Schwangerwerden etwas letztlich zu entscheiden hat, ist immer diejenige, um deren Körper es geht. Ethische Diskussionen sind sinnvoll, aber nur dafür, diesen (potenziell) schwangeren Personen Anhaltspunkte für ihre Entscheidungen zu geben. Sie mit Argumenten, Informationen, ethischen Erwägungen und so weiter zu versorgen, und darüber hinaus mit Hilfestellung und Unterstützung, mit dem Ziel, dass die dann umso besser ausgerüstet sind, um für ihren konkreten Fall zu entscheiden, wie sie schwanger werden, wie und ob sie ein Kind austragen und gebären.

Das ist dann letztlich auch eine philosophische Frage: zu sehen, dass es im wirklichen Leben niemals 100-prozent “saubere” ethische Entscheidungen gibt, sondern dass die Lage in der Regel komplex ist. Ethisch verantwortliche Entscheidungen kommen nicht so zustande, dass man Regel X auf Situation Y anwendet. Sondern sie kommen dadurch zustande, dass jemand in einer Situation möglichst verantwortlich entscheidet, also sagt: So wird das jetzt gemacht. In Bezug auf Angelegenheiten, die alle betreffen, kann das gut “der Gesetzgeber” (unterstützt von Polizei und Justiz) sein. In Bezug auf den Körper einer Person aber nicht. Da kann man vielleicht Ratschläge geben, entscheiden muss aber die Person, um die es geht.

Wenn das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung klar und unhinterfragt wäre, dann können ethische Diskussionen auch in Bezug auf Medizintechnologie kritisch sein, auch sehr kritisch bis gegnerisch, weil das nämlich dann nicht mehr automatisch bedeutet, dass daraus Gesetze generiert werden, die in den Körper von Schwangeren hineinregieren.

Die Frage ist: Schaffen wir es, ein gesellschaftliches Klima zu erreichen, das der reproduktiven Selbstbestimmung von Frauen genauso wohlgesonnen ist wie der gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft? Ich finde, hier liegt eine inhaltliche Herausforderung für feministische Körperphilosophien heute, die mehr Aufmerksamkeit unsererseits verlangen würde. Auch vor dem Hintergrund, dass das Thema Abtreibung in vielen Teilen der Welt noch längst nicht so “durch” ist, wie bei uns. Selbst in Europa gibt es noch Länder, in denen Frauen nur unter unwürdigsten und schwierigsten Bedingungen eine Schwangerschaft abbrechen können.

Global gesehen ist es noch schlimmer: 40 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter, schreibt Ulrike Busch in ihrem Aufsatz, leben heute noch in Ländern mit einer hoch restriktiven Rechtslage. Laut WHO finden jedes Jahr 22 Millionen Abtreibungen unter unsicheren Bedingungen statt, etwa 47.000 Frauen sterben jedes Jahr dabei, und etwa fünf Millionen erleiden Folgeschädigungen. Abtreibung ist also ein Thema, das wir feministischerseits noch lange nicht zu den Akten legen können.

Ulrike Busch, Daphne Hahn (Hg): Abtreibung. Diskurse und Tendenzen. Transcript 2015, 326 Seiten, 29,99 Euro.