An und für sich ist die Idee klasse: Eine kleine Geschichte des Anarchismus im Comic-Format. Leider befindet sich der Anarchismus in Deutschland offenbar in einer Zeitschleife. Seit dreißig, vierzig Jahren, so scheint es, bewegt sich hier im Denken rein gar nichts. Anders ist es kaum zu erklären, dass man immer wieder dieselben Dinge wiederkäut. Unter dem Stichwort „Geschichte des Anachismus“ etwa spulen sich reflexhaft die immer selben Namen ab – Stirner, Proudhon, Bakunin, Kropotkin – und öffnen sich immer dieselben Schubladen – individualistischer, kollektivistiser und so weiter Anarchismus und so weiter und so weiter.
Und jetzt gibt es das Ganze eben auch noch als Comic. Nicht einen einzigen Gedanken habe ich in diesem Büchlein gefunden, den ich nicht schon hundert Mal anderswo gehört habe. Nun könnte man natürlich einwenden: Ist die Geschichte denn nicht immer dieselbe? Wieso soll sich daran etwas ändern, wenn es doch nun einmal so war?
Das wäre aber eine recht einfältige Vorstellung. Geschichte erinnern bedeutet immer und unweigerlich, Vergangenes zu interpretieren und auf das Hier und Heute zu beziehen. In einen Dialog mit der Vergangenheit zu treten, in den man selbst auch involviert ist. Deshalb verändern sich Geschichtsbücher im Allgemeinen im Lauf der Jahre. Nicht weil die Geschichte eine andere geworden wäre oder die früheren falsch gewesen wären, sondern weil man selbst sich in der Zwischenzeit verändert hat, andere Fragen stellt, sich für neue Aspekte interessiert.
Und so sagt es nichts Gutes über den Stand des Anarchismus in Deutschland aus, wenn dessen Vertreter immer noch dasselbe über ihre eigene Geschichte erzählen, wie schon vor einem halben Jahrhundert. Wenn sie zum Beipiel immer noch Proudhon unkritisch und unhinterfragt als eine ihrer Leitfiguren feiern, obwohl es gute Gründe gibt, sich gründlich für ihn zu schämen (zum Beispiel, aber nicht nur wegen seiner frauenhasserischen Hetztiraden). Und überhaupt diese Ahnenreihen großer Vordenker – sowas wirkt heute schlicht antiquiert. Aber all die einschlägigen Verdächtigen bekommen auch hier wieder ihre Doppelseite, nur die Männer natürlich. Denn die Frauen werden, ganz wie gehabt, alle in einen Sack gesteckt und unter der Rubrik „Anarchafeminismus“ subsumiert (und müssen sich gemeinsam eine Doppelseite teilen).
Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre: Simone Weil und Emma Goldman in einer Kategorie! Zwei Denkerinnen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber sie waren halt Frauen, und das macht es offenbar für manche Leute unmöglich, in ihnen individuelle Denkerinnen zu sehen - so alt, so langweilig.
Natürlich wäre ein revolutionärer Mann nicht wirklich ein revolutionärer Mann, würde er heute noch mit patriarchalem Getue kommen. Im Gegenteil: Heute will man am liebsten auch noch der bessere Feminist sein. Also muss das Prinzip Cover-Girl her: Man setzt ein fesches Mädel auf den Titel, schreibt alles durchgängig mit großem I und malt überhaupt möglichst viele Frauen überall auf die Seiten. Will sich da am Ende noch jemand beschweren?
Beschweren vielleicht nicht, aber desinteressiert abwenden ganz bestimmt. Denn diesen deutschen Anarchisten ist es ja offensichtlich sowieso schnurzpiepegal, was die weibliche Differenz und das Denken von Frauen sie lehren könnte. An Versuchen, ihnen die zu vermitteln, hat es in den vergangenen Jahrzehnten nämlich keinesfalls gefehlt. Sie können sich also – und das zumindest ist anders als vor dreißig, vierzig Jahren – nicht mehr auf einen schlechten Forschungsstand berufen. Wenn sie nur wollten, könnten sie heute mehr wissen. Aber sie wollen halt offensichtlich nicht. Der deutsche Anarchismus, eingewickelt in seine eigene Endlosschleife, genügt sich selbst und interessiert sich nicht für anderes. Und jetzt gibt es den Beweis für diese Ignoranz eben auch in Bildern.
Zum Glück dreht sich die Welt auch ohne sie weiter. Soll dann aber bloß keiner kommen und über die eigene Bedeutungslosigkeit jammern. Sie ist wohlverdient.
Findus: Kleine Geschichte des Anarchismus. Ein schwarz-roter Leitfaden. Verlag Graswurzelrevolution. Heidelberg 2009, 7,80 Euro.
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Der Mythos von Maria Magdalena
Diese Woche habe ich an einer Podiumsdiskussion teilgenommen, bei der es um drei wichtige Frauen in den monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam ging. Mein Part war es, Maria Magdalena vorzustellen – neben der jüdischen Prophetin Hulda und Aischa, die als Ehefrau Mohammeds eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Islam hatte.
Dabei war ich wieder einmal überrascht, wie viele Leute aus dem Publikum Maria Magdalena immer noch wie selbstverständlich mit der „Sünderin“ oder der „Prostituierten“ gleichsetzten. Offenbar sind die entsprechenden Bilder noch immer sehr präsent, obwohl der Vatikan in den 1960er Jahren klar gestellt hat, dass es sich bei der Jüngerin Maria Magdalena und der „Ehebrecherin“, die von Jesus vor der Steinigung bewahrt wird, um zwei verschiedene Frauen handelt. Die Vermischung der beiden Figuren geht auf Papst Gregor zurück, der im 6. Jahrhundert vier biblische Frauen – Maria Magdalena, die Ehebrecherin, die Frau, die Jesus salbte und Maria, die Schwester Marthas – zu einer vermengt hatte.

Maria Magdalena begegnet dem Auferstandenen: Abbildung aus dem Buch "Legende von den lieben Heiligen Gottes" (1863).
In Wirklichkeit war Maria Magdalena einfach eine Jüngerin Jesu, und zwar eine sehr wichtige, denn sie war diejenige, die als erste dem Auferstandenen begegnete. Alle vier Evangelien (und es gibt nicht viele Dinge, bei denen sich alle Evangelien einig sind) nennen Maria Magdalena namentlich als eine der Frauen, die nicht nur während der Kreuzigung dabei waren, sondern auch an Jesu Grab um ihn trauerten. Maria Magdalena hat dort eine Gottesbegegnung, sie bekommt vom auferstandenen Jesus den Auftrag, diese Botschaft (dass der Tod nicht das Ende sei) den anderen Jüngern und Jüngerinnen weiterzusagen. Daher gilt sie in der christlichen Tradition auch als die Apostelin der Apostel – diejenige „Gesandte“, die den anderen erst ihren Auftrag gibt.
Anders als etwa Paulus (der Jesus zu Lebzeiten gar nicht kannte) verbindet Maria Magdalena somit zwei wichtige Phasen in der Entstehung des Christentums: Die Lehre von Jesus selbst, wonach das „Reich Gottes“ bereits auf der Erde verwirklicht werden kann (die noch eine innerjüdische Position ist) und dann die speziell christliche Glaubenslehre, die sich erst nach Jesu Tod in kontroversen Diskussionen der „Hinterbliebenen“ herausbildet.
Vermutlich gab es dabei sehr unterschiedliche Richtungen, und im Prozess der Kanonisierung (also der Diskussion und Entscheidung darüber, welche Positionen verbindlich für das Christentum werden sollen, das heißt, welche Texte in die Bibel aufgenommen werden und welche nicht) hat sich die paulinische Richtung durchgesetzt. Paulus jedoch kennt Maria Magdalena entweder nicht oder er verschweigt sie absichtlich, das lässt sich heute nicht mehr feststellen.
Allerdings wird Maria Magdalena noch einmal wichtig, als im frühen Christentum über die Frage diskutiert wird, ob Frauen kirchliche Ämter übernehmen können oder nicht. Bekanntlich wird dieser Streit gegen die Frauen entschieden, aber es gab eine starke Gegenbewegung, die sich explizit auf Maria Magdalena beruft. So gibt es etwa ein Evangelium der Maria, in dem sie als diejenige vorgestellt wird, die als erste und schon zu Lebzeiten Jesu die eigentliche Tragweite seiner Botschaft verstanden habe und nach der Kreuzigung die anderen in der christlichen Lehre unterweist.
Im Lauf der Kirchengeschichte haben sich immer wieder Frauen auf Maria Magdalena berufen, zum Beispiel im 14. Jahrhundert Christine de Pizan in ihrem feministischen „Buch von der Stadt der Frauen“, aber auch viele Mystikerinnen und Beginen. Auch für die feministische Theologie in den 1980er Jahren spielte Maria Magdalena eine wichtige Rolle.
Doch außerhalb eines feministischen Kontextes hat das Bild der lasziven, erotischen „Magdalena“ einen sehr dominanten Platz eingenommen. Wobei auch diese Gleichsetzung, so falsch sie ist, durchaus kirchenkritische Impulse haben konnte. Im Mittelalter etwa, als zahlreiche Maria-Magdalena-Legenden entstanden sind, wurde das Bild der Sünderin, die umkehrt und auf den rechten Weg findet, auch als Kritik an einer korrupten Kirche verstanden und als Aufforderung an feiste und sündigende Priester, sich an Maria Magdalena ein Beispiel zu nehmen. Und so gut es ist, dass heute auch kirchenoffiziell die Jüngerin Maria Magdalena und die Ex-Prostituierte nicht mehr in eins fallen, so hatte es auch durchaus einen gewissen Charme, dass lange Zeit eine Prostituierte im Heiligenkalender war.
Bezeichnend ist es aber, dass das Frauenbild der weltlichen Kirchenkritiker bis heute dem Klischeebild von Maria Magdalena verhaftet bleibt. Sowohl Martin Scorsese in seinem Film „Die letzte Versuchung“ als auch Dan Brown in seinem (ebenfalls verfilmten) Bestseller „Sakrileg“ fällt nichts besseres ein, als Maria Magdalena als Geliebte Jesu zu phantasieren. (darüber habe ich hier schon einmal was geschrieben) Sie verstehen das als Gott weiß wie kritisch, in Wirklichkeit sind sie im Bezug auf ihr Frauenbild aber rückständiger als die Kirche, denn sie können sich eine wichtige und bedeutende Frau offenbar nicht anders als in sexueller Beziehung zu einem Mann vorstellen.
Das ist überhaupt das große Dilemma im Christentum gewesen: Dass aufgrund der Gleichsetzung von Jesus (also einem Mann) und Gott sich Patriarchat und Glaube auf ganz ungute Weise miteinander vermengt haben. Die Philosophin Luisa Muraro hat das einmal gut auf den Punkt gebracht: „Die größte Sünde der Männer war es, dass sie sich den Frauen gegenüber an die Stelle Gottes gesetzt haben. Und die größte Sünde der Frauen war es, dass sie das zugelassen haben.“
Dieses Dilemma wurde auch auf der Podiumsdiskussion thematisiert, nämlich in einer Frage der Rabbinerin Elisa Klapheck an mich und an die muslimische Mitdiskutantin Amina Luise Becker: Sie kritisierte, dass „unsere“ Frauen sich nur über einen Mann definiert hätten, Maria Magdalena über Jesus und Aischa über Mohammed.
Doch genau das ist der Knackpunkt: Wenn Maria Magdalena dem Auferstanden begegnet, dann begegnet sie Gott – und nicht einem Mann. (Ganz abgesehen davon, dass natürlich auch Beckers Einwand stimmt, dass nämlich allein die Tatsache, dass eine Frau mit einem Mann verheiratet ist, sie noch nicht als eigenständige Denkerin disqualifiziert).
Für die christlichen Frauen aber ist genau das die Herausforderung: Immer wieder klar zu machen (sich selbst und anderen), dass es um ihre Beziehung zu Gott geht und nicht um ihre Beziehung zu dem Mann Jesus oder gar zu seinen selbsternannten männlichen Stellvertretern auf Erden. Keine leichte Aufgabe freilich angesichts einer Geschichte, in der die Männer es immer wieder versucht haben, aus der (im Prinzip völlig zufälligen) Tatsache, dass Jesus ein Mann war, einen Herrschaftsanspruch für sich selbst abzuleiten. Die einzige richtige Anwort darauf ist freilich (und kluge Frauen geben sie nun schon seit 2000 Jahren, oft unter Berufung auf Maria von Magdala): So eine Argumentation ist der Gipfel der Gotteslästerung.
Wer noch mehr wissen möchte, hier ist mein Manuskript zum Statement bei der Podiumsdiskussion.
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Ich kann mich noch ziemlich genau daran erinnern, wo ich die „Ethik“ zum ersten Mal gelesen habe: Es war bei einem Strandurlaub, mit viel Zeit. Und diese Zeit braucht es, um sich durch die durchaus schwierigen, weil so ungewohnten Gedankengänge zu arbeiten. Weil zur Bedeutung Irigarays für die Frauenbewegung und zur Aktualität ihres Denken Ina Praetorius schon das Wesentlich gesagt hat (lest ihren Text!) möchte ich an dieser Stelle nur eines meiner Lieblingszitate posten. Ich mag es so, weil es genau auf den Punkt bringt, dass die Tatsache der sexuellen Differenz (und die betrifft NICHT Klischees von Männern und Frauen, sondern die Tatsache der nicht-Reduzierbarkeit des Anderen auf das Selbe) – einfach schön, belebend und notwendig ist. Irigaray schreibt also:
„Bleibt die Tatsache, dass der andere – er oder sie – uns betrachten kann. Und dass wir uns über ihn verwundern können, auch wenn er uns betrachtet. Dass wir über den Anblick, das Sichtbare hinausgehen, dass wir uns einen Ort zum Wohnen herstellen, dass die Verwunderung uns Anlass und Möglichkeit zur Bewegung gibt, Mittel ist, um innezuhalten, weiterzugehen oder zu uns zurückzukehren. Diese erste Leidenschaft ist unerlässlich für das Leben, aber auch und noch mehr für die Herausbildung einer Ehtik, insbesondere einer Ethik der sexuellen Differenz und durch diese. Dieser (oder diese) andere müsste uns wieder und wieder überraschen, uns als neu erscheinen, sehr verschieden von dem, was wir kannten, oder von dem, was wir vermuteten, dass er (oder sie) sein sollte. Das bewirkt, dass wir ihn (oder sie) anschauen, innehalten, um ihn anzuschauen, uns fragen, uns fragend nähern. Wer bist du? Ich bin und ich werde dank dieser Frage. Verwunderung, die über das, was uns angenehm ist oder nicht, hinausgeht. Der andere ist uns niemals einfach angenehm. Würde er uns ganz und gar zusagen, hätten wir ihn uns auf irgendeine Weise angeglichen. Aber etwas geht darüber hinaus und widersetzt sich: seine Existenz und sein Werden als Ort, der das Bündnis möglich macht, das Bündnis und/durch die Resistenz gegen die Assimilation oder die Reduktion auf das Selbe.“ (Seite 90f).
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Normalerweise finde ich solche Bücher ja schrecklich: Ratgeber, die Frauen beibringen, im Berufsleben genauso statusfixiert, ellenbogenmentalisiert, rangordnungshickhackig zu sein wie Männer. Und allein schon der Titel: „Das Arroganz-Prinzip. So haben Frauen mehr Erfolg im Beruf“ – Arrrrrgghhhh!
Nun war mir das Buch aber empfohlen worden, es war Wochenende, schlechtes Wetter, den Roman, den ich grade am Lesen war, hatte ich woanders liegen lassen – und so blätterte ich halt mal rein. Und stellte fest, dass der Inhalt des Buches besser war, als das Cover versprach.
Ein Hauptgrund dafür war, dass das Buch, anders als die ähnlichen Themas, die ich früher gelesen hatte, nicht von einer Frau, sondern von einem Mann geschrieben worden war. Peter Modler schreibt, wie er sich darüber geärgert hat, dass gute Ideen und Initiativen von Frauen in vielen Unternehmen und Institutionen oft kein Gehör finden und sich fragte, woran das liegt. Die Botschaft ist also nicht die Aufforderung von Frauen an andere Frauen, sich doch bitte endlich an die Welt der Männer anzupassen, sondern das Bemühen eines Mannes, Verständigungsschwierigkeiten zwischen Frauen und Männern zu verstehen und mitzuhelfen, dass sie überwunden werden. Ein wichtiger Unterschied.
Diese dezidiert „interkulturelle“ Perspektive hat es mir ermöglicht, mich auf die Sichtweise einzulassen. Außerdem ist das Buch weniger von abstrakten Theorien denn von konkreten Beispielen geprägt. Das bietet vielerlei Anknüpfungsmöglichkeiten.
Die Frage ist also nicht: Müssen oder sollen Frauen sich in ihren Kommunikationsformen an die Welt der Männer anpassen? Sondern: Worauf müssen Frauen sich einstellen, wenn sie innerhalb einer von Männern dominierten Kultur sichtbar und einflussreich werden wollen?
Die konkreten Anregungen und Beispiele sind nicht wirklich neu und wohl viele Frauen, ich selbst auch, haben ähnliche Situationen schon erlebt: dass für die Männer, mit denen man es zu tun hat, Status und Hierarchie wichtiger sind als für eine selbst, dass Sachargumente nicht gehört werden, dass unterschwellige Botschaften und Rituale von größerer Bedeutung sind als die sachlichen Themen.
Insofern ist das Buch nicht nur hilfreich für Frauen, die „mehr Erfolg im Beruf“ haben wollen. Wer es liest, vesteht auch, warum sich viele Frauen aus solchen Situationen zurückziehen und wenig Ambitionen haben, dort mitzuspielen (was ich an anderer Stelle schon mal problematisiert habe). Von daher ist das Buch übrigens dringend auch Männern zur Lektüre empfohlen, die sich darüber wundern, ständig keine Frauen zu finden, die bei ihren Projekten gerne mitmachen würden.
Ein Punkt ist mir nach der Lektüre besonders klar geworden, und zwar, dass es so oder so um einen Konflikt zwischen einer weiblichen und einer männlichen Kultur geht (was nicht deckungsgleich sein muss mit realen Frauen und Männern). Einen Konflikt, der nicht wegdiskutiert werden kann, sondern ausgetragen werden muss. Es geschieht nicht „einfach so“, dass Frauen sich entweder an die Spielregeln einer männlichen Kultur anpassen müssen oder aber dort wenig Einfluss haben (und also nicht aufsteigen, wenig Geld verdienen, weggehen und sich eigene Nischen suchen). Sondern es hat Gründe, und diese Gründe liegen weniger in einem bösen Willen seitens der einzelnen betreffenden Männer, sondern in klar beschreibbaren Unterschieden in Gewohnheiten, Verhaltensweisen und so weiter.
Von daher ist dieses Buch gerade auch für Frauen interessant, die nicht einfach „Erfolg im Beruf“ wollen, sondern die Dinge verändern und in Frage stellen wollen. Denn es zeigt die Rahmenbedingungen, unter denen sich diese Veränderungen abspielen. Modler gibt Hinweise darauf, mit welchen Missverständnissen und Hürden Frauen zu rechnen haben, wenn sie sich entscheiden, es anders zu machen und die Regeln nicht einzuhalten.
Allerdings würde ich an einem wichtigen Punkt dem Autor widersprechen. Ich meine nicht, dass es sich einfach um eine „männliche“ und eine „weibliche“ Art der Kommunikation handelt, die so wertfrei nebeneinander stehen wie etwa Deutsch und Japanisch. Sondern die „männliche“ Kultur ist tatsächlich in vielerlei Hinsicht schädlich – nicht nur für die Frauen, sondern, was viel schlimmer ist, für die Welt insgesamt. Das Problem ist nicht bloß, eine Übersetzung zu finden, sondern man muss das, was hier als „männlich“ bezeichnet ist, grundlegend kritisieren und verändern.
Eindrücklich etwa ist dafür das Beispiel, in dem eine Frau zur Abteilungsleiterin aufsteigt und dann angesichts der prekären Lage der Firma gerne auf den dazugehörigen fetten Dienstwagen verzichten will – eine rationale und verantwortliche Haltung in dieser Situation. Aber, so Modlers Rat, das darf sie um Himmels willen nicht tun, weil es ihren Status unter den anderen Abteilungsleitern beschädigen würde und dann niemand mehr auf sie hören würde. Das mag zwar so sein. Die Anpassung der Frauen an so einen Blödsinn wäre aber nun wirklich überhaupt keine Lösung (höchstens vielleicht für die Frau selbst, aber gewiss nicht für die Firma).
Die Statusbesessenheit der männlich geprägten Kultur ist nicht einfach wertneutral, sondern schädlich – wie wir an der Finanzkrise ja eindrücklich gesehen haben – und sie muss verändert werden. Natürlich ist sie eine Realität, und jede Frau, die die symbolische Ordnung der Männer in Frage stellt, muss mit Widerstand und Hindernissen rechnen. Und vielleicht muss sie auch manches strategisch einkalkulieren. Das ist aber nur von Wert, wenn sie dabei nicht aus den Augen verliert, dass es eigentlich darum geht, bessere Wege zu finden, eine Veränderung einzuleiten.
Gefragt ist also nicht Anpassung, sondern Konflikt, Auseinandersetzung, politisches Aushandeln von Differenzen. Diesen Konflikt thematisiert das Buch – wie alle anderen in der Rubrik „Ratgeber für Karrierefrauen“ – nicht, sondern definiert ihn auf die Ebene von bloßen Verständigungsschwierigkeiten herunter. Trotzdem hat es mir geholfen, zu verstehen, mit welchen interkulturellen Hürden wir bei diesem Konflikt rechnen müssen.
Peter Modler: Das Arroganz-Prinzip. So haben Frauen mehr Erfolg im Beruf. Krüger 2009, 16,95 Euro.
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Dass es schlecht um „die Politik“ steht, so wie wir sie bisher kannten, ist inzwischen ein offenes Geheimnis. Vergangenes Wochenende nahm ich an einer Tagung zum Thema „Sprache und Politik“ in der Evangelischen Akademie Bad Boll teil. Während der drei Tage wurden immer wieder die gegenseitigen Zwänge, die Medien und Repräsentationspolitik aufeinander ausüben, thematisiert: Politikerinnen beklagten, wie unmöglich es sei, in den Medien differenzierte und fundierte Positionen unterzubringen, das Publikum klagte über nichtssagende und banalisierte Polit-Rhetorik. Bei der Schlussdiskussion zog Johano Strasser, Vorsitzender des Deutschen PEN-Zentrums, eine sehr ernüchternde Bilanz: Symbolpolitik sei heute an die Stelle von inhaltlichem Profil getreten, Parteitage seien lediglich Inszenierungen und nicht Foren für echte Auseinandersetzungen. „Aber eine Demokratie, wo es keinen Platz mehr gibt für den Austausch von Argumenten, kann nicht bestehen“, so Strassers Warnung, und er gestand ein: „Ich weiß auch nicht, was man da machen kann.“
Ein interessanter Bogen schloss sich von hier zu einer Beobachtung der Grünen-Politikerin Antje Vollmer. Sie sagte, noch nie habe es von einem deutschen Bundeskanzler eine solche Fülle an Bildern gegeben wie von Angela Merkel und stellte die – wie ich meine, zutreffende – These in den Raum, dass Merkel die erste Frau in einem hohen Amt sei, der ihr Frausein mehr nütze als schade.
Leider wurde in der Diskussion dieser Hinweis nicht weiter verfolgt (wie während der ganzen Tagung die Geschlechterdifferenz außer in meinem Vortrag und ganz wenigen Publikumsäußerungen nicht thematisiert wurde, auch nicht von den zahlreich vertretenen anderen Referentinnen). Aber mich brachte er zum Nachdenken: Ist die tatsächlich auffällige Inszenierung von Angela Merkel als Kanzlerin vielleicht ein unbewusster Hinweis darauf, dass man sich von weiblicher Differenz irgendetwas erhofft?
Eine Hoffnung, die jedoch auf der Ebene der Sprache tabuisiert wird. Die Gleichheit der Geschlechter ist das alles überragende Paradigma, das es verhindert, der sexuellen Differenz jenseits eines bloßen Benachteiligungs-Diskurses eine Bedeutung beizumessen. Das ist natürlich schade, weil auf diese Weise Angela Merkel die einzige dezidiert als „weiblich“ konnotierte politische Persönlichkeit bleibt, das heißt, sie kann sozusagen den gesamten „Differenzbonus“ auf die Mühlen ihrer persönlichen Politik, die ja weitgehend die der CDU insgesamt ist, umleiten.
Dabei gäbe es so viele Anhaltspunkte dafür, wie eine weibliche symbolische Ordnung aus dem geschilderten Dilemma der männlichen Politik herausführen kann. Freilich nur, wenn man hinter die Dinge schaut und nicht bloß vordergründig auf das Geschlecht der beteiligten Personen verweist – obwohl ich durchaus den Eindruck hatte, dass die bei der Tagung anwesenden Politikerinnen, etwa Renate Schmidt, Beate Weber und Ute Vogt, immer ein kleines ironisch-distanziertes Lächeln auf den Lippen hatten, während die Männer, etwa Erhard Eppler, Freimut Duve und eben Strasser, tatsächlich unter dem diagnostizierten Ende einer vertrauten Ordnung persönlich zu leiden schienen. Aber so ein Eindruck kann natürlich täuschen.
Der eigentliche Bonus der weiblichen Differenz liegt ohnehin auf einer tieferen Ebene, einer, die symbolische Umwertungen erlaubt, auf vielen Ebenen, bei eigentlich allen Fragen. Ich möchte hier nur auf ein Beispiel näher eingehen: Auf die Frage aus dem Publikum, ob nicht vielleicht das Internet mit seinen entstehenden sozialen Netzwerken eine neue Plattform für jenen „Austausch an Argumenten“ sein könne, der laut Strasser Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie ist, blieb dieser skeptisch. Solche Netzwerke, so sein Argument (das auf die Thesen von Cass R. Sunstein und dessen Buch „Republic 2.0“ zurückgeht), filterten Nachrichtenflüsse lediglich auf der nicht vernunftgemäßen, bloß„ästhetischen“ Basis von „mag ich“ oder „mag ich nicht“. Bei Facebook zum Beispiel bewege man sich nur noch im quasi privaten Kreis derer, die man „mag“, und man müsse daher die eigenen Argumente nicht mehr der Kritik von Andersdenkenden aussetzen. Solche Plattformen seien also kein „öffentlicher“ Raum und könnten logischerweise auch nicht jene Funktion eines Aushandlungsortes, der für die Demokratie notwendig sei, übernehmen.
Dabei ließ Strasser es durchaus offen, ob das Internet zukünftig vielleicht dennoch so ein öffentlicher Raum sein könne, aber ich will hier auf etwas anderes hinaus: Nämlich auf die seinem Argument ganz offensichtlich zugrunde liegende alte patriarchale Dualisierung und Hierarchisierung von „öffentlich“ und „privat“. In dieser Logik hat er natürlich recht: Das alte „Heim“ des Familienvaters war in der Tat nie eine Plattform für demokratische Aushandlungsprozesse gewesen, weil man ja davon ausging, dass ohnehin alle Familienmitglieder des Patriarchen Meinung sind bzw. sein müssen. Wobei das in der Regel wohl nur auf einer symbolischen Ebene zutraf, denn faktisch dürfte es auch früher in allen Haushalten Meinungsverschiedenheiten und argumentativen Austausch gegeben haben. Aber sie galten damals eben qua Definition als „unpolitisch“ und damit als uninteressant für die Demokratie (ein Irrtum, den dann die Frauenbewegung zur Sprache brachte, indem sie erklärte, das Private sei politisch).
Die alte patriarchale Familienordnung, die der strikten Trennung von „privat“ und „öffentlich“ zugrunde liegt, ist also längst nicht mehr wahr – weder faktisch, noch symbolisch. Die Frauen haben speziell auch durch ihr Vordringen ins Erwerbsleben längst Fakten geschaffen, die es unmöglich machen, zu jener zweigeteilten Welt zurückzukehren – was heute jedes Kind weiß. Doch dass dies auch die andere Seite verändern muss, nämlich jenen „öffentlichen“ Raum und damit unsere Vorstellung von Demokratie samt den dazugehörigen Institutionen, ist noch nicht ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen. Im Bezug auf ein verbreitetes Politik- und Demokratieverständnis leben diese falschen Kategorien einfach weiter als wäre nichts gewesen. Kein Wunder, wenn daraus dann intellektuelle Ratlosigkeit resultiert.
Das Ende der männlich-patriarchalen Politik und damit auch der „Demokratie“, wie wir sie bisher kannten, ist keine Katastrophe, sondern eine logische Begleiterscheinung des zu Ende gehenden Patriarchats. Und vielleicht sind die sozialen Netzwerke im Internet bereits erste institutionalisierte Ausdrucksformen einer neuen Ordnung. Nicht zufällig sind sie ja weder öffentlich noch privat, sondern „halböffentlich“, haben also zumindest an diesem Punkt die alten Dualismen hinter sich gelassen. Richtig, ich muss mich dort nicht jedem blödsinnigen Argument aussetzen und nicht mit jedem Deppen diskutieren wie in der alten Demokratie (obwohl die sich, Beispiel Neonazis, an dieses theoretische Ideal mit guten Gründen auch selber nie gehalten hat). Das heißt aber nicht, dass ich im Internet nur das lese, was mir genehm ist und womit ich ohnehin schon übereinstimme.
Das Gegenteil ist der Fall: Wenn mir eine Freundin in Facebook etwas empfiehlt, dann werde ich das wahrscheinlich auch dann lesen, wenn es mir widerstrebt. Weil sie es mir empfohlen hat (in der Zeitung hätte ich es garantiert überblättert). Wenn jemand, aus dessen Tweets ich bereits wertvolle Anregungen bekommen habe, mich auf etwas hinweist, dann widme ich dem womöglich Aufmerksamkeit, auch wenn es mich vom Thema her gar nicht interessiert. Ich persönlich kann jedenfalls aufgrund meiner eigenen Erfahrung im Web 2.0 sagen, dass ich mich, seit ich soziale Medien nutze, mit einer größeren Bandbreite an Themen beschäftigt habe als vorher aufgrund der Lektüre einer Tageszeitung.
Und ja, vielleicht ist das ein eher „weibliches“ Verständnis von Beziehung. Dass ich mich gerade auch für solche Leute interessiere und mich von ihnen angezogen fühle, die auf den ersten Blick gar nicht zu mir passen, in die Fremden, die Anderen. Vielleicht suchen Männer sich eher diejenigen Freunde, Gattinnen, Liebhaber aus, von denen sie keinen Widerspruch oder Infragestellen ihrer bisherigen Positionen fürchten müssen. Aber wenn das so ist, dann werden diese Männer zusammen mit den Institutionen einer repräsentativen Politik untergehen, die auf echte menschliche Beziehungen keinen Wert gelegt haben, sondern nur auf ihre Zerrbilder vom autonomen Ich, der unabhängigen Vernunft, dem unkorrumpierbaren Argument.
Ich will gar nicht leugnen, dass das Ende des Patriarchats auch Gefahren mit sich bringt. Der Zusammenbruch einer alten Ordnung ist sicher kein Spaziergang. Die Zukunft ist immer offen, sie kann gut, aber sie kann auch schrecklich werden. Sicher bedeutet es Arbeit, Sorgfalt und Aufmerksamkeit, um Institutionen, Räume und Plattformen die für eine neue, postpatriarchale Politik notwendig sind, so zu gestalten, dass sie funktionieren. Ich meine, das würde uns besser gelingen, wenn wir die Geschlechterdifferenz offen thematisieren und nicht die in ihr liegende Dynamik unter dem Gleichheitsparadigma tabuisieren würden. Aber so oder so wird es nicht helfen, wenn wir uns an überkommenen Strukturen festklammern.
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In diesen Tagen veröffentlichen die Frauen des Mailänder Frauenbuchladens ein neues „Sottosopra“. Mit diesen programmatischen Flugschriften (Sottosopra heißt in etwa: „drunter und drüber“ oder auch: „das untere nach oben bringen“) mischen sie sich schon seit Jahren immer wieder in den politischen Diskurs ein, etwa mit dem „grünen“ Sottosopra (Mehr Frau als Mann) oder dem „roten“ Sottosopra (Das Patriarchat ist zu Ende), die beide auf Deutsch übersetzt sind.
Das neue Sottosopra heißt „Stell dir vor, dass die Arbeit….“, und wird mit der Beobachtung eingeleitet, „dass der Gleichheitsdiskurs an allen Ecken und Enden hinkt und uns der Feminismus nicht mehr reicht“. Ihr Ausgangspunkt ist, dass auch wenn Frauen im Arbeitsleben noch nicht 100-prozentig „gleichberechtigt“ sind, sie doch inzwischen genug Erfahrungen gesammelt haben, um eine Bilanz zu ziehen: nicht nur darüber, wie weit sie „gekommen“ sind (im Vergleich zu den Männern), sondern auch darüber, was ihnen an der Erwerbsarbeit, so wie sie ist, nicht gefällt.
Ich habe das Sottosopra letzte Woche gelesen und finde es gut. Allerdings ist es – aus deutscher Perspektive – nicht so innovativ wie die früheren Sottosopras. Im Bezug auf die Notwendigkeit, Arbeitsbedingungen zu verändern, Hausarbeit in ökonomische Berechnungen einzukalkulieren, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie herzustellen, haben wir in Deutschland ja auch schon vieles diskutiert.
Richtig klasse finde ich aber, wie die Mailänderinnen daraus eine politische Aktion machen: Ihr feministische Netzwerk haben sie genutzt, um in vielen italienischen Städten am kommenden Samstag (24. Oktober) parallele Präsentationen zu machen und das Sottosopra offiziell vorzustellen. Zurzeit wird das neue Sottosopra ins Deutsche übersetzt. Es wird dann – ebenso wie die anderen – im Christel Göttert Verlag erscheinen, wahrscheinlich in der Reihe der kleinen quadratischen Büchlein.
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Er hält sich hartnäckig, der Mythos von der Eigenverantwortlichkeit. Nicht nur neoliberale Leistunsträger-Ideologie, sondern auch die linke Kritik an sozialer Ungleichheit setzt immer noch auf den autonomen Selbstversorger-Mann/Mensch als Modell für das, was wir uns unter gelungenem Menschsein vorzustellen haben. „Menschen müssen von ihrer Arbeit leben können“ heißt es zum Beispiel in einer kirchlichen Stellungnahme oder, wie in einem taz-Kommentar: „Die Entstigmatisierung von Hartz IV als normale Sozialleistung und nicht als Fürsorge ist der einzig positive Aspekt des Bürgergeld-Vorschlags der FDP.“
Aber diese Gegenüberstellung von „Fürsorge“ und „normale Sozialleistung“ ist Unsinn. Eher andersrum wird ein Schuh draus: Nur wenn wir Bedürftigkeit und Fürsorge als „normalen“ menschlichen Zustand begreifen, werden wir auch das Rechts- und Sozialsystem so einrichten, dass niemand dabei auf der Strecke bleibt.
Kein Mensch kann von seiner Arbeit leben. Auch nicht die Starken und die Leistungsträger. Das angeblich so unabhängige und für sich selbst sorgende „Ich“ der männlichen Philosophie haben Feministinnen schon lange problematisiert und hinterfragt. Dabei gab es verschiedene Ausgangspunkte: Etwa die Kritik daran, dass die Frauen oder das Weibliche in dieser Logik tendenziell das Objekt, das Andere sind, dem Subjektivität abgesprochen wurde oder auch, konkreter und simpler, die banale Tatsache, dass die in so einer Perspektive ins Abseits gedrängten Care- und Fürsorgearbeit dann von den Frauen geleistet wurden und werden (mit den bekannten Problematiken). Doch dieser genderspezifische Blick ist nur der Ausgangspunkt. Worum es vor allem geht ist, dass wir den sozialen Herausforderungen mit diesem Menschenbild niemals gerecht werden.
Dem autonomen, individuellen Subjekt stellen viele feministische Theoretikerinnen die Relativität, die Beziehung gegenüber. Sie haben in ganz vielen Publikationen bereits gezeigt, dass Menschen nur in Beziehungen leben und überleben können (besonders wichtig für mich sind hier Hannah Arendt und ihr Bild vom „Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten“ aus der Vita Activa zu nennen sowie Martha Finemans Auseinandersetzung mit „The Autonomy Myth“ – um nur zwei Literaturtipps von vielen anzuführen).
In einem Sammelband, dem wir den Untertitel „Zu einer Weltsicht der Freiheit in Bezogenheit“ gaben, entwickelten wir die Idee weiter, dass es eigentlich nicht nur um die Pflege und Aufmerksamkeit für Beziehungen geht – die ja letztlich das autonome Subjekt nicht wirklich hinterfragen, sondern erstmal nur in einen neuen Kontext stellen – sondern um Bezogenheit, also eine Seinsweise, die das Menschsein generell betrifft, auch unabhängig von den konkreten Beziehungen, die in einer gegebenen Situation tatsächlich gepflegt werden: Beziehungen können wir uns bis zu einem gewissen Grad verweigern, die Tatsache der Bezogenheit hingegen ist nicht hintergehbar.
Michaela Moser, eine der Autorinnen dieses Buches und Vizepräsidentin des Europäischen Armutsnetzwerks, geht noch einen Schritt weiter. Wo wir von „Bezogenheit“ sprechen, spricht sie von „Bedürftigkeit“, verlagert also die Aufmerksamkeit noch einmal auf einen Punkt, der dem vermeintlich „autonomen“ Subjekt vollends gegen den Strich gehen muss. Klingt „Bezogenheit“ noch akzeptabel, weil gegenseitig, als Geben und Nehmen, legt der Hinweis auf unser aller Bedürftigkeit den Finger genau in die Wunde.
Als sie kürzlich bei mir zu Besuch war, habe ich mit Michaela Moser ein kleines Interview geführt, in dem sie das genauer erklärt:
Dr. Michaela Moser ist Mitarbeiterin der Dachorganisation der Schuldnerberatungen und der Armutskonferenz und Vizepräsidentin des Europäischen Armutsnetzwerks EAPN. Ihre Dissertation schrieb sie 2008 zum Thema „A good life for all. Feminist ethical reflections on women, poverty and the possibilities of creating a change“.
Hier noch einige Links zum Weiterlesen:
* Michaela Moser: Banken, Betteln, Bedürftigkeit. Anmerkungen zur Finanzkrise, SozialschmarotzerInnen und einem notwendigen Perspektivenwechsel (in „Apfel“, Zeitschrift des österreichischen Frauenforums Feministische Theologie. Zum Downloaden auf Heft 88 gehen).
* www.attac.at – u.a. div Thesenpapiere zur Finanzkrise
* www.bzw-weiterdenken.de – ein Internetforum für Philosophie und Politik
* www.armutskonferez.at – u.a. ein Aktionsplan mit konkreten Maßnahmen für eine Politik des Sozialen
Weitere Literaturtipps:
*Attac (Hg.), Crash statt Cash. Warum wir die globalen Finanzmärkte bändigen müssen, Wien: ÖGB-Verlag 2008.
* Ina Praetorius (Hg.): Sich in Beziehung setzen. Zur Weltsicht der Freiheit in Bezogenheit, Königstein/Taunus: Ulrike Helmer Verlag 2005.
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Auf das zehnjährige Jubiläum des Büchleins „Liebe zur Freiheit – Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ haben dreißig Frauen aus verschiedenen feministischen Kontexten am Wochenende in den Räumen des Rüsselsheimer Christel Göttert-Verlags angestoßen. Im Rahmen einer Tagung des Online-Forums www.bzw-weiterdenken.de zum Thema „Sichtbar und einflussreich, ohne sich anzupassen“ (über die demnächst noch ausführlicher berichtet wird) feierten wir auch die vielfältigen Initiativen und Beziehungen, die die Flugschrift angestoßen hat.
Bzw-Redakteurin Astrid Wehmeyer zog in ihrem Eingangsvortrag eine Linie von der Flugschrift hin zu den heutigen feministischen Bewegungen und betonte, wie viele der Flugschrift-Thesen heute immer noch aktuell sind (der Vortrag wird demnächst in „Beziehungsweise Weiterdenken“-Forum dokumentiert).
Dorothee Markert, die (neben Ulrike Wagener, Andrea Günter und mir selbst) eine der Autorinnen der Flugschrift war, schilderte den Entstehungsprozess des Textes, der das Ergebnis eines „gemeinsamen Denken und Schreibens“ war. Bei mehreren Wochenendtreffen haben wir die Thesen diskutiert und schließlich formuliert. Dorothee betonte zum Jubiläum auch, dass es nicht darum ging, fixe Thesen in die Welt zu stellen, sondern Diskussionen über Grundlage, Sinn und Perspektiven der Frauenbewegung anzustoßen und öffentliche Wirkung zu entfalten. Zum Beispiel hatten wir damals die Idee, die folgenden Eingangsworte der Flugschrift auf Brötchentüten zu drucken, um sie in der Welt zu verbreiten (zwar haben wir das dann nicht verwirklicht, aber eine gute Idee ist es gewesen
„Die Liebe der Frauen zur Freiheit hat die Welt verändert. Frauen glauben nicht mehr an das Patriarchat, sie lassen sich nicht mehr von der Vorstellung beirren, schwächer und weniger wert zu sein als Männer. Sie haben die Verantwortung für ihr Leben und für die Welt übernommen und die Herausforderung akzeptiert, die das bedeutet. (Einleitung und 1. Kapitel der Flugschrift stehen hier)
Die Flugschrift war das erste „kleine philosophische Quadrat“ im Christel-Göttert-Verlag, inzwischen ist daraus eine beliebte Reihe geworden. Mit ihren schönen, bunt gestalteten Covers, dem praktischen Format und dem überschaubaren Umfang, dem bezahlbaren Preis (5 Euro) und vor allem dem Konzept, innovative feministische Philosophie in verständlicher Sprache zu vermitteln, eignen sich die Büchlein nämlich auch gut als Geschenk. 13 Bändchen sind inzwischen erschienen.
Aber auch andere Initiativen sind aus der Flugschrift hervorgegangen. Zum Konzept hatte damals gehört, dass wir in den drei Folgejahren jeweils eine Tagung veranstaltet haben, die ein Forum bot für Frauen, die die Flugschrift lasen und diskutierten. Daraus hervorgegangen sind vielfältige Initiativen, weitere Publikationen und Vernetzungen.
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Tags: Feminismus, Flugschrift
Eben habe ich zufällig gesehen, dass es ein Video gibt, auf dem Chiara Zamboni, eine der Mitbegründerinnen der philosophischen Gemeinschaft Diotima an der Universität von Verona, erklärt, wie Diotima entstanden ist und welche Entwicklung dieser Richtung des italienischen Feminismus seither genommen hat. Die Frauen von Diotima sind ja durch persönliche Kontakte und durch ihre Bücher, die teilweise ins Deutsche übersetzt wurden, auch hier zu Lande bekannt. Über ihre Mitbegründerin Luisa Muraro sind sie auch eng mit dem Mailänder Frauenbuchladen verbunden.
Auch wenn das Video auf Italienisch ist, ist es für manche vielleicht spannend, Chiara Zamboni mal „live“ zu hören.
Sie erzählt in dem Video, wie sich die Diotima-Philosophinnen, ausgehend von dem Wunsch, philosophisch zu arbeiten und dabei gleichzeitig die Tatsache, eine Frau zu sein, präsent zu halten, einen symbolischen Ort an der Universität und in der Welt geschaffen haben. Dabei kommt es nicht nur auf die Inhalte des Philosophierens an, sondern vor allem auf eine andere Praxis: Die Abkehr vom Zitatenwissen, das Schaffen eines Raumes, in dem Worte von Autorität zirkulieren können und so gemeinsam Neues entstehen kann, Ideen, die über das schon Gedachte hinausgehen.
Für die, die kein Italienisch können: Einiges davon erläutert Zamboni auch in einem Text, den es im Forum bzw-weiterdenken auf Deutsch gibt. Er hat den Titel „Ein philosophischer und politischer Streit über das Verständnis von Praxis“. Darin beschreibt sie außerdem, was den Denkansatz von Diotima von den Foucault-inspirierten Dekonstruktivismusansätzen unterscheidet (der in Deutschland den akademischen Feminismus ja stark geprägt hat).
Hier im Blog hatte ich kürzlich schon mal einen kleinen Auszug aus Zambonis neuem Buch „Pensare in presenza“ übersetzt.
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Tags: Chiara Zamboni, Diotima
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