Würde diesem Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz eine Frauenquote gut tun? Wahrscheinlich schon. Foto: Bundestag.de Lichtblick/Achim Melde

Mit dem Cortison-Vergleich in ihrer gleichstellungspolitischen Grundsatzrede hat Bundesministerin Kristina Schröder das Thema Quoten mal wieder in die Debatte gebracht. Ich finde den Vergleich interessant – und einer genaueren Überlegung wert.

Denn wenn Quoten ein Medikament sind, das – wie Schröder sagte – lediglich die Symptome einer Krankheit heilt, nicht aber ihre Ursachen beseitigt, dann stellt sich ja die spannende Frage: Was genau ist die Krankheit, um die es hier geht? Und vor allem: Wer ist eigentlich der Patient?

Ich gebe Schröder nämlich völlig recht in ihrer prinzipiellen Diagnose: Dass „Strukturen und Kulturen in der Arbeitswelt nicht nur Frauen benachteiligen, sondern zu einer Benachteiligung von Menschen, von Männern und Frauen, führen, wenn sie Fürsorgeaufgaben in der Familie übernehmen.”

Und mit ihr stelle ich auch die folgende Frage:

„Wir kritisieren zu Recht, dass Frauen immer noch deutlich weniger verdienen als Männer. Wir kritisieren zu Recht, dass auf höheren Hierarchieebenen, in Führungspositionen, insbesondere in Vorständen und Aufsichtsräten sehr wenige Frauen vertreten sind. Aber warum reden wir so wenig über die kulturellen und strukturellen Ursachen in der Arbeitswelt, die diesen Beobachtungen zugrunde liegen?”

Also gut, reden wir über die kulturellen und strukturellen Ursachen. Die liegen nämlich in einem falschen Wirtschaftsverständnis, das traditionell zwischen „produktiver” Arbeit in „der Wirtschaft” und „unproduktiver” Arbeit wie Putzen, Kochen, Krankenpflege, Kindererziehung unterschieden hat. Die diese Bereiche geschlechtlich konnotiert hat (Männer sind für das eine, Frauen für das andere zuständig) und sie dann auch noch hierarchisch zugeordnet hat. Weshalb es, nur so zum Beispiel, für das eine viel Geld gibt und für das andere keines oder nur wenig. Aber man könnte hier auch von Anerkennung, von Status, von gesellschaftlichen Einflussmöglichkeiten generell sprechen.

Ich gebe Schröder völlig Recht in ihrer Diagnose, dass die Abwesenheit der Frauen aus der einen Sphäre (und umgekehrt die Abwesenheit der Männer aus der anderen) nur ein Symptom ist. Die Krankheit heißt nicht „Frauendiskriminierung”, sondern sie heißt „falsches Wirtschaftssystem, falsche kulturelle Denkmuster”.

Und der Patient sind nicht die benachteiligten Frauen, sondern die Gesellschaft, in der vieles nicht funktioniert. In der die Menschen nicht genug Zeit und Muße für so wichtige Dinge wie Kindererziehung, Krankenpflege und vieles andere mehr haben, weil sie ständig damit beschäftigt sein müssen, in der ersten, „wichtigen” Wirtschaft einen Stich zu machen, also zum Beispiel Geld zu verdienen.

Und was machen wir also nun?

Der Patient, die Gesellschaft also, ist ziemlich krank. Sie leidet unter ganz heftigen Symptomen, auch die Finanzkrise war so eines. Die Armutsschere ist so eines. Die Misere der so genannten „bildungsfernen Schichten” ist so eines. Der allseits gefürchtete Pflegenotstand ist eines. Die Tatsache, dass der Ausbau von Kinderkrippen daran zu scheitern droht, dass es schlichtweg nicht genug Erzieherinnen für den Job gibt, von Erziehern ganz zu schweigen. Die Aufzählung ließe sich noch lange weiter führen.

Ich meine, wenn ein Patient so krank darniederliegt: Müsste man da nicht doch einmal über Symptombehandlungen nachdenken? Denn wenn der Patient erst mal tot ist, weil er keine Antibiotika nehmen wollte (den Vergleich finde ich besser als das schreckensbeladene Cortison), dann war’s das.

Allerdings stimmt: Bei der Behandlung von Symptomen kann es nicht bleiben. Dann bleibt der Patient nämlich langfristig krank, höchstwahrscheinlich entwickelt er sogar Resistenzen. Ein gutes Beispiel ist das Finanzthema: Da haben ja Studien unter dem Stichwort Lehman Sisters gezeigt, dass zwar tatsächlich Frauen besser mit Geld umgehen, Risikoanlagen zum Beispiel meiden – aber nicht, weil das in den weiblichen Genen so festgelegt wäre, sondern weil sie schlicht und einfach nicht so viel Geld zum Spekulieren haben, wie Männer (im Schnitt). Die Studien haben auch gezeigt, dass Frauen, wenn sie genauso viel Geld haben, genauso schlecht mit Geld umgehen.

Ein anderes Beispiel für die Ausbildung von Resistenzen habe ich in der März-Ausgabe von „mobil” gefunden, diesem Bahn-Magazin, das in ICEs ausliegt. In einem Interview erzählt Maybrit Illner dort von der Veränderung im Gesprächsverhalten von Politikerinnen, die sie im Talkshow-Business über die Jahre beobachtet hat. Sie sagt:

„Die erste Generation der Frauen hat sich Macht hart und einsam erarbeitet. Die zweite ist über die sogenannte Quote zu Verantwortung gekommen. Sie ist mittlerweise erfahren, souverän und entspannt. Früher sind Politikerinnen nach einem harten Schlagabtausch schon mal weinend rausgerannt. Das passiert heute nicht mehr.”

Mission completed? Ich meine, nicht. Eher: Chance auf Veränderung verschenkt. Über das dissidente Potenzial weiblichen Heulens habe ich an anderer Stelle schon mal nachgedacht. Das Beispiel zeigt, dass Frauen sich anpassen können, natürlich. Alles eine Frage des Trainings. Aber auf diese Weise bleibt dann eben alles, wie es ist – außer dass Frauen mitmachen dürfen. Ist ja vielleicht schon mal was. Mir aber ist es nicht genug. Und vor allem wird es dem Patient Gesellschaft nichts nützen, im Gegenteil, das Antibiotikum wirkt dann irgendwann nicht mehr.

Es ist ja nicht so, dass wir über die Wirkungsweise des Medikamentes „Quoten” noch überhaupt nichts wüssten. Bei den Grünen findet es seit dreißig Jahren Anwendung, wir können also recht gut sehen, wogegen es hilft – und wogegen nicht.

Tatsächlich profitieren die Grünen als Partei von ihrer 50-Prozent-Quote für Frauen, denn sie haben oft die besseren Ideen, die originelleren Aktionen, die zukunftsweisenderen Konzepte (auch wenn ich an manchen Punkten mit ihnen hadere). Das liegt nicht daran, dass Frauen per se die besseren Ideen hätten, sondern daran, dass bei den Diskussionen innerhalb der Grünen immer genügend Frauen da sind, die dafür sorgen, dass es zu fruchtbaren Auseinandersetzungen über Themen kommt, die Männer, wenn sie allzu sehr unter sich sind, leicht mal vergessen – und die aber, siehe oben, von gesellschaftlicher Wichtigkeit sind. Denn, nicht vergessen: Krank sind nicht die Frauen, sondern unsere männerdominierte Kultur.

Allerdings frage ich mich seit einiger Zeit, warum die Grünen denn die Quote eigentlich nach drei Jahrzehnten immer noch nötig haben. Sollte man nicht meinen, die Zeitspanne ist lang genug, um jene tiefgreifenden kulturellen und strukturellen Veränderungen zu bewirken, die ja die eigentliche Krankheit ausmachen?

Offenbar nicht. Alle grünen Frauen, mit denen ich darüber geredet habe (und ich spreche das Thema seit einigen Jahren an, wo immer sich eine Gelegenheit ergibt), sind überzeugt: Hätten die Grünen die Quote nicht, dann wäre auch bei ihnen der Männeranteil recht schnell wieder deutlich höher als der Frauenanteil. Die Symptome würden zurückkehren, wenn das Medikament abgesetzt wird, der Patient ist also nicht geheilt.

Von daher: Quoten ja – aber nicht, um den Frauen zu helfen, sondern um denjenigen Institutionen zu helfen, die unter dem Mangel an Frauen, dem Mangel an weiblicher Dissidenz leiden. Institutionen, die Frauenquoten einführen, tun nicht den Frauen einen Gefallen damit, sondern sich selbst.

Aber sie doktern nur an den Symptomen herum, sie gehen noch nicht an die Wurzel des Übels. Dazu müssten sie die Ruhepause, die ein solches Medikament ihnen verschafft, nutzen, um tiefer zu gehen, um grundsätzlichere Fragen zu stellen, um prinzipielle Dinge zu ändern. Stellen sie sich dieser Herausforderung nicht, geben sie sich damit zufrieden, dass die Symptome kurzweilig unterdrückt sind – dann laufen sie Gefahr, dass sich Resistenzen ausbilden, dass das Mittel irgendwann nicht mehr wirkt.

Und dann stünde der Patient am Ende schlechter da als vorher.


Illustration: Uschi Madeisky

Anlässlich der erneut aufgepoppten Gender-Debatten in der Piratenpartei fällt mir auf, dass immer wieder (und nicht nur bei den Piraten) drei Argumente vorgebracht werden, die aus meiner Sicht ein grobes Missverständnis im Hinblick auf den Feminismus zeigen. Anlässlich des Internationalen Frauentages am 8. März will ich die Gelegenheit mal nutzen, sie hier aufzuschreiben.

Irrtum 1: Feminismus muss es nur geben, wenn Frauen diskriminiert werden

Mal ganz abgesehen, ob die Beteuerungen, dass bei „bei uns“ Frauen doch total gleich behandelt werden, im konkreten Einzelfall stimmen oder nicht: Der Kampf gegen Diskriminierung ist nicht der Hauptgrund für den Feminismus. Feminismus ist eine politische Praxis, die die Freiheit von Frauen befördern will. Das heißt, es geht darum, wie Frauen mit ihren eigenen, individuellen Wünschen und Ideen die Welt gestalten können. Natürlich richtet sich das in patriarchalen Gesellschaften, die Frauen aufgrund ihres Geschlechtes zu allem möglichen zwingen oder von allem möglichen ausschließen, zunächst einmal darauf, diese Zwänge abzuschaffen. Aber wenn das geschafft ist, wird der Feminismus keineswegs überflüssig. Ich meine sogar, er wird umso wichtiger. Denn gerade wenn Frauen alles mögliche werden und tun können, kommt es ja umso mehr darauf an, nach welchen Maßstäben sie das tun – nach ihren eigenen oder denen, die andere ihnen vorgeben. Auch in emanzipierten Gesellschaften gibt es Konformismus und Erwartungsdruck. Die Abwesenheit von Zwängen bedeutet nicht automatisch Freiheit (auch für Männer übrigens nicht).

Irrtum 2: Feministinnen müssen für alle Frauen sprechen

Ein ebenso oft gehörter Einwand gegen feministische Initiativen lautet: Was du sagst, ist falsch, denn es gibt viele Frauen, die deine Meinung gar nicht teilen. Aber seit wann sprechen Feministinnen für „alle Frauen“? Das haben sie nie getan. Als Feministinnen für das Frauenwahlrecht kämpften, war die Mehrheit der Frauen der Ansicht, dass das nicht gebraucht wird. Ganz abgesehen davon, dass es „die Frauen“ als homogene Gruppe mit einheitlichen Interessen sowieso nicht gibt. „Die Frauen“ gibt es nur, wenn man sie mit „den Männern“ vergleicht. Und genau diesen Maßstab setzt der Feminismus ja außer Kraft. Frauen sind Individuen, sie haben ihre subjektiven Meinungen und Ansichten. Die innovative Kraft des Feminismus liegt und lag schon immer in den Differenzen unter Frauen, darin, dass aus den Diskussionen, die Frauen untereinander führen, Ideen und Impulse entstehen, die nicht nur für sie selbst, sondern für die Gesellschaft insgesamt wichtig sind.

Irrtum 3: Feministinnen müssen Männer zu ihren Gruppen zulassen

Empfindlichkeiten gegen Feministinnen werden immer dann besonders groß, wenn Männer irgendwo nicht dabei sein dürfen. Heute wird ihnen dafür sogar Sexismus vorgeworfen. Aber der Vergleich hinkt: Frauen wurden früher nicht aus irgendwelchen privaten Männergruppen ausgeschlossen, sondern aus Institutionen, die die Belange der Allgemeinheit regelten – Parlamente, Universitäten, Verbände. Das ist Sexismus: Menschen aufgrund ihres Geschlechtes von den Orten auszuschließen, wo über Dinge entschieden wird, die sie selber unmittelbar betreffen. Wenn Frauen sich hingegen in Diskussionsgruppen, Mailinglisten oder sonstwo ohne Männer zusammen finden möchten, um untereinander Dinge zu diskutieren, ist das etwas völlig anderes. Sie nehmen für sich ja nicht in Anspruch, auch über Männer zu entscheiden. Frauen, die auf solche Gruppen keine Lust haben, müssen dabei natürlich nicht mitmachen (siehe Irrtum 2). Und selbstverständlich steht es Männern jederzeit frei, für sich auch solche Räume zu schaffen, wenn sie das wollen. Klar ist es notwendig, dass die in Frauengruppen gewonnenen Erkenntnisse und Ideen auch mit Männern diskutiert werden, aber das ist ja ohnehin eine Selbstverständlichkeit. Ich persönlich bin sowieso der Meinung, dass Männer zu Frauenveranstaltungen öfter zugelassen werden sollten. Dieser Dialog gelingt – nach meiner Erfahrung – immer dann besonders gut, wenn sich die Männer auch wirklich für das, was Frauen an möglicherweise anderem zu sagen haben, interessieren. Und nicht gleich wieder versuchen, es ihren eigenen Maßstäben oder Kriterien unterzuordnen.


Gestern berichtet die Nachrichtenagentur idea, ich würde eine Kampagne zur Wiederwahl von Margot Käßmann starten. Allerdings hat man dazu nicht mich gefragt (obwohl ich ja nun wirklich nicht schwer aufzufinden bin) sondern das einfach aus der AZ abgeschrieben, die über einen Vortrag von mir in Bad Kreuznach berichtet hatte.

Update 3.3., 11.10 Uhr: Soeben schreibt mir die idea-Redaktion, dass die Meldung inzwischen gelöscht und  richtiggestellt wurde und dass man bedauert, das veröffentlicht zu haben, ohne vorher mit mir zu sprechen.

Wie auch immer, die Meldung zieht inzwischen Kreise. Als erster hat interessanterweisender Atheist Media Blog sie aufgegriffen. (Bei der Gelegenheit fiel mir auf, dass dort Unmengen von idea-Meldungen ungeprüft weiter verbreitet werden. Naja, so viel zum Thema „Das Gegenteil ist genauso falsch”)

Aber jetzt zur eigentlich interessanten Frage: Warum starte ich keine Kampagne zur Wiederwahl von Margot Käßmann? Schließlich hatte ich diese Idee ja in der Tat am Tag ihres Rücktritts hier zur Diskussion gestellt.

Seither habe ich mit vielen Frauen und auch Männern darüber geredet, viele Kommentare sind eingegangen. Und dabei ist mir etwas Interessantes aufgefallen.

Die allermeisten Frauen und auch viele Männer finden es richtig, dass Käßmann zurückgetreten ist, und zwar nicht nur aus strategischen Gründen (nach dem Motto: Sie wäre nicht mehr glaubwürdig gewesen), sondern einfach deshalb, weil sie finden, dieser Rücktritt ist eine richtige und notwendige Reaktion gewesen, die Übernahme der Verantwortung für einen schweren Fehler, den sie gemacht hat. Aber gleichzeitig finden fast alle Frauen und auch einige Männer diesen Rücktritt schade und hätten Käßmann gerne weiter als ihre Repräsentantin. Wäre da eine erneute Wahl nicht die logische Konsequenz? Und wieso erscheint uns das so unmöglich?

Unser eigentliches Thema letzten Freitag in Bad Kreuznach war meine These gewesen, dass es eine gewisse Antipathie oder Inkompatibilität zwischen dem Begehren von Frauen und der Logik der (von und für Männer entwickelten) bürgerlichen Institutionen gibt. Zwei Tage nach dem Rücktritt Käßmanns war es naheliegend, das anhand dieses Beispiels zu diskutieren. Was eigentlich hindert uns daran, Margot Käßmann wieder zu wählen, wenn es doch das ist, was wir wollen? (Oder, meinetwegen, solange wir in der Minderheit sind, eine Kampagne dafür zu starten?) Wieso scheint es einen Widerspruch zu geben zwischen dem, was viele Frauen sich wünschen und dem, was die innere Logik der Institutionen hergibt?

In der Tat waren die Frauen in Bad Kreuznach, wie die AZ richtig schreibt, gleich Feuer und Flamme für die Idee, Käßmann erneut die Ratspräsidentschaft anzuvertrauen. Indes: Eine Kampagne hat keine von ihnen gestartet. Auch keine von den vielen anderen, die die Idee der Wiederwahl ebenfalls klasse fanden, hat etwas in dieser Richtung unternommen. Ich selber ja auch nicht. Warum nicht? Hat unser Zögern, etwas in dieser Richtung zu unternehmen, eine Bedeutung? Ist an dem Gedanken etwas falsch? Wenn ja, was?

Der häufigste Einwand, der von Frauen dagegen vorbracht wurde, war interessanterweise folgender: Eine solche Kampagne sollte man nur starten, wenn man Käßmann vorher gefragt hat, ob sie damit einverstanden ist. Schließlich würde das nur weiteren Druck bedeuten. Ich finde das interessant: Vermuten wir etwa schon selbst, dass Margot Käßmann vielleicht gar nicht unbedingt diese Spitzenamt haben will? Selbst dann nicht, wenn man es ihr anträgt?

Wohlgemerkt, es geht mir hier überhaupt nicht um die Motive und Absichten von Margot Käßmann selbst, über die ich nichts weiß und vermutlich die Frauen, die diesen Einwand vorbrachten, auch nicht. Dieser Einwand spiegelt vielmehr unser eigenes Verhältnis zu diesen Ämtern wieder: Empfinden wir, wenn wir uns in die Lage Käßmanns versetzen, nicht selber genau so ein Gefühl der Erleichterung: Endlich ist der Druck weg? Endlich bin ich wieder – frei? Dabei sind wir genau wieder bei diesem Thema der Antipathie: Nein, wir starten keine Kampagne zur Wiederwahl von Margot Käßmann, weil, irgendwie, die Vermutung im Raum steht, dass dies der weiblichen Freiheit entgegen stünde.

Damit sind wir aber nicht aus dem Schneider. Ich bin der Meinung, wenn wir also keine Kampagne zur Käßmanns erneuter Wahl machen wollen, dann müssen wir zumindest weiter über dieses Thema nachdenken und diskutieren, und das Ganze nicht vorschnell als die skurrile Episode „Frau an Kirchenspitze” in den Annalen verschwinden lassen.

Ein Ausgangspunkt dafür könnte jene Idee sein, die ein Kollege ins Gespräch brachte. Er sagt voraus, dass Margot Käßmann der Kirche erhalten bleiben wird (er teilt meine These, dass die Kirche Käßmann mehr braucht als andersrum), und dass sie vielleicht sogar jetzt, in der „Freiheit der Amtslosigkeit”, mehr bewirken kann als vorher. Sie wird weiterhin zu Talkshows und Vorträgen eingeladen, sie wird weiterhin Bücher schreiben. Und: Hat nicht in der Tat eine Dorothee Sölle, die nie ein kirchliches Amt oder einen universitären Lehrstuhl hatte, das Gesicht des deutschen Protestantismus mehr geprägt als alle bisherigen EKD-Ratsvorsitzenden zusammen?

Ich finde das ist eine tröstliche Situation. Nur das Problem mit der Inkompatibilität und Antipathie zwischen Frauen und institutionellen Ämtern – das besteht halt eben weiterhin. Und das kann nicht einfach so bleiben.


Es Reicht für alle Es brauchte nicht erst die Rhetorik von Guido Westerwelle, um zu wissen, dass die Diskussionen über Arm und Reich in Deutschland schon länger ziemlich schief laufen. Für alle, die sich nicht hinter ideologischen Gewissheiten verbarrikadieren wollen, sondern die tatsächlich gangbare „Wege aus der Armut“ suchen, gibt es jetzt ein klasse Handbuch, in dem alle wichtigen Zahlen und Argumente zu finden sind.

„Es reicht! Für alle!“ – so haben Michaela Moser und Martin Schenk ihr Buch überschrieben. Die Vizepräsidentin des European Anti Poverty Networks und der Diakonie-Sozialexperte sind beide seit schon lange in der österreichischen Armutskonferenz aktiv. Das merkt man dem Buch an, denn die statistischen Befunde werden immer wieder mit Beispielen und Geschichten von Menschen ergänzt, die von ihren Armutserfahrungen erzählen. Und am Ende jedes Kapitels geben sie konkrete und pragmatische Ideen, was politisch getan werden könnte.

Das setzt natürlich voraus, dass man die auseinander driftende Einkommensschere tatsächlich für etwas hält, das nicht ein ökonomisches Naturgesetz oder auf individuelle Schuld der Betroffenen zurückzuführen ist, sondern ein Zeichen dafür, dass mit dem Sozialgefüge unserer Gesellschaft etwas nicht in Ordnung ist. Und solange man daran nichts Grundsätzliches verändert, werden all jene Programme, die allein darauf setzen, dass „die Armen“ etwas lernen oder anders machen sollen als bisher, nicht wirklich greifen. Sicher ist es sinnvoll, Menschen zu qualifizieren, ihnen gute Schuldenberatung anzubieten, sie zu gesunder Ernährung und verantwortungsbewusstem Konsum aufzufordern und dergleichen. Aber das allein wird Armut nicht verhindern. Gleichzeitig muss danach gefragt werden, wie gesellschaftlicher Wohlstand insgesamt verteilt werden soll.

Der größte Vorteil des Buches ist aus meiner Sicht, dass es neben den wichtigen und informativen Zahlen zur Verteilung von Geld und Wohlstand die Aufmerksamkeit auch auf die „weichen“ Faktoren der Armut legt. Denn Menschen mit Armutserfahrungen leiden nicht nur unter den materiellen Problemen, die sich ergeben, wenn nicht genug Geld da ist – schlechte Wohnungen, Krankheiten, mangelhafte Kleidung. Sie leiden auch darunter, dass ihnen Schuldgefühle gemacht werden, dass ihr Selbstbewusstsein angeknackst ist, dass sie sich schämen über ihre Situation, dass diese Scham mit jeder Schikane auf Ämtern und Behörden wächst, dass Freundschaften zerbrechen und vor allem daran, dass sie die eigene Lebensplanung nicht mehr in der Hand haben und sich mit ihren Ideen und Vorstellungen gesellschaftlich nur schwer einbringen können.

Und dies alles wird durch einen gesellschaftlichen Diskurs verursacht, der Menschen mit Armutserfahrungen zu Schuldigen erklärt, zu solchen, die „es nicht geschafft“ haben und die deshalb im besten Fall „gefördert“, im schlimmsten Fall aber noch mehr kontrolliert und drangsaliert werden müssen. Das führt zu jener Beschämung, die den Kern des Lebens in Armut bei uns ausmacht – und die abzuschaffen keinen Pfennig kosten würde.

Moser und Schenk gehen davon aus, dass Menschen, die von Armut betroffen sind, selbst Expertinnen und Experten für ihre Lebenssituation sind. Sie wissen, was nötig wäre, um ihre Lebenssituation zu verbessern – und da ließe sich vieles tun, das gar nicht unbedingt viel kosten muss.

Die neoliberale Vorstellung, dass „Leistung“ und „Einkommen“ miteinander zusammenhänge und also, wer nichts hat, wohl auch nicht genug leistet, wird in dem Buch mit guten Argumenten widerlegt. Ebenso wie die Behauptung, es sei eben nicht genug zum Verteilen da. Beides ist vielfach belegt und berechnet. Warum aber halten sich dieses Vorurteil so hartnäckig in der Bevölkerung? Und zwar nicht nur bei den Eliten, die je immerhin ein persönliches Interesse haben, da diese Diskurs es ihnen ermöglicht, immer mehr Reichtümer anzuhäufen. Warum sind diese Irrtümer im Bezug auf die Ursachen und den Charakter von Armut auch unter denen verbreitet, die eigentlich gar nichts davon haben, sondern vielmehr selbst gefährdet sind?

Die verbreiteten Ressentiments gegen Menschen mit Armutserfahrungen erklären Moser und Schenk unter anderem damit, dass versucht wird, einen sozialen Abstand zu markieren zwischen denen, die „es allein schaffen“ und denen, die „wirklich arm“ sind. An diesem Punkt sind die Befunde dieses Buches auch eine Kritik an der prinzipiellen Richtung, die die rot-grüne Bundesregierung mit den Hartz-Reformen eingeschlagen hat: Soziale Absicherung, so war die Begründung, sollen nicht mehr die bekommen, die ihr Wohlstandsniveau erhalten wollen, sondern nur noch die, die „es wirklich brauchen“. Das klingt zunächst sogar ziemlich „links”, nach dem Motto: Warum sollen die Sozialkassen dem arbeitslos gewordenen höheren Angestellten seinen Lebensstandard absichern? Ist es nicht besser, das Geld nur denen zu geben, die „wirklich arm” sind?

Genau hier, in dem Versuch, die „wirklich Armen“ zu identifizieren, sehen Moser und Schenk aber den symbolischen Fehler. „Soziale Maßnahmen, die nur auf die Armen zielen, neigen dazu, armselige Maßnahmen zu werden“, schreiben sie (S. 171). Sozialstaatliche Hilfen werden leichter gesellschaftlich akzeptiert, wenn sie für alle gelten, wenn sie schon in ihrer Konzeption zum Ausdruck bringen, dass sie nicht „für die da“ sind, sondern auch für „uns” selber. Weil wir alle Bedürftige sind, und weil niemand allein von der eigenen Leistung leben kann.

Martin Schenk, Michaela Moser: Es reicht! Für alle! Wege aus der Armut. Deuticke, Wien 2010, 237 S., 19,90 Euro.


Als gestern die Nachricht vom Promillegrad Margot Käßmanns hereinkam, hatte ich gleich so ein Gefühl: “Die schmeißt hin.” Frauen kleben nicht an Ämtern, jedenfalls solche Frauen wie Käßmann nicht. Also Frauen, die innerhalb der Kirche (oder sonst irgendwelcher von Männern erfundener Institutionen) nicht nur einfach mitmachen, sondern etwas verändern wollen.

Es ist ja sowieso selten, dass solche Frauen überhaupt in solche Ämter gelangen. Die allermeisten kandidieren nämlich gar nicht erst.  So toll ist die Arbeit in diesen Positionen nun auch wieder nicht. Vor einiger Zeit hörte ich einen Vortrag von Bärbel Wartenberg-Potter, einer Bischöfin im Ruhestand. Sie erzählte bei einer Frauenveranstaltung, dass sie die meiste Zeit den Eindruck hatte, dass sie “nur Bischöfin spielt”. Sie musste eine Rolle verkörpern , die sie eigentlich gar nicht haben wollte, und ihre Einflussmöglichkeiten, das Potenzial, etwas zu verändern, sei viel kleiner gewesen, als sie sich das gewünscht hatte.

Man könnte auch sagen: Es gibt eine grundlegende “Inkompatibilität” zwischen Frauen und solchen Ämtern. Ein Mann, der Bischof (oder General oder Bundeskanzler oder sonst ein König) wird, bekommt dadurch eine Bestätigung seiner Männlichkeit. Bischöfe (Kanzler, Generäle etc.) sind sozusagen Super-Männer. Eine Frau, die Bischöfin (Kanzlerin, Generalin) wird, bekommt dadurch aber keine Bestätigung ihrer Weiblichkeit. Sie wird keine Super-Frau, sondern eher so eine Art neutrales Mittelding. Wenn sie sich über ihre Geschlechtsrolle keine großen Gedanken macht, sondern sich in erster Linie als “Mensch” versteht, hat sie damit auch nicht unbedingt ein Problem. Ist sie aber Feministin, will sie also nicht einfach nur auch an die ehemals den Männern vorbehaltenen Fleischtöpfe gelangen,  sondern diese im Gegenteil kritisch hinterfragen und verändern – dann schon.

Und das ist der Grund, warum Käßmann nach dieser alkoholisierten Autofahrt tatsächlich nicht einfach so im Amt bleiben konnte. Denn: Sie braucht, um als Ratsvorsitzende das zu tun, was sie tun will, ungleich mehr Autorität und Rückendeckung als andere. Sie kann nichts verändern, wenn irgend etwas an ihr “klebt”. Deshalb ist ihr Rücktritt konsequent: Sicher, sie hätte Ratsvorsitzende bleiben können. Aber sie hätte sich nichts wirklich Systemkritisches mehr erlauben dürfen, sie hätte funktionieren müssen. Und dazu hat sie wohl keine Lust, was ich gut verstehen kann. Einfach nur ein Amt haben um es zu haben – das finden die meisten Frauen eben nicht unbedingt prickelnd.

Die absurde gesellschaftliche Situation ist nun die, dass die alten Institutionen solche ”anderen” Frauen dringend bräuchten, gleichzeitig aber interne Mechanismen ausgebildet haben, die es schwer machen, solche Frauen zu finden: Die Nachfolgerinnen stehen ja nicht unbedingt Schlange. Und so ist die EKD in der Zwickmühle, denn eines ist ja nur allzu offensichtlich: Die Kirche braucht Margot Käßmann mehr als umgekehrt.

Die eher halbgare Erklärung, die der Rat der EKD abgegeben hat, war deshalb nicht genug, um Käßmann zu halten. “In ungeteiltem Vertrauen überlässt der Rat seiner Vorsitzenden die Entscheidung über den Weg, der dann gemeinsam eingeschlagen werden soll”, hieß es. Das hätte vielleicht genügt, damit ein Mann weitergemacht hätte, der richtig stolz auf sein Amt ist und es unbedingt behalten will. Für eine Frau wie Käßmann war es vermutlich nicht genug.

Aber ich hätte da mal eine Idee: Die Synode der EKD könnte Käßmann ja einfach wieder wählen. Also nicht ihr die Entscheidung großmütig überlassen, sondern laut und deutlich sagen: Frau Käßmann, wir wollen Sie. Trotz allem. Ich wette, dann würde sie es sich noch einmal überlegen. Frauen tun sich ja bekanntlich schwer damit, Nein zu sagen, wenn sie gebraucht werden.

Weiterlesen: Der Fall Käßmann und wie alles weiterging


Die Diskussionen über die geschlechtsspezifischen Aspekte der Finanzkrise werden gewöhnlich zwischen zwei Positionen geführt, die perfekt in meine kleine Reihe “Falsche Dualismen” passen.

Die einen sagen: Mit Frauen an der Spitze der Banken wäre das nicht passiert, die Krise ist eine “Testosteronkrise”; Frauen wirtschaften nachhaltiger und gehen seltener dumme und waghalsige Risiken ein. Die anderen entgegnen: Alles Quatsch, wenn Frauen mächtig sind und genauso soviel Geld haben wie Männer, dann machen sie auch alles ganz genauso wie diese. Bekanntlich können beide Seiten regalmeterweise Studien anführen, die ihre jeweilige Annahme “empirisch” belegen.

In diesem Argumentationsgestrüpp landete teilweise auch eine Tagung zum Thema "Genderspezifische Aspekte der Finanz- und Wirtschaftskrise", zu der am 28. Januar die Hessische Landeszentrale für Politische Bildung, das ver.di Bildungswerk Hessen und die Landesarbeitsgemeinschaft Hessischer Frauenbüros in den Räumen der Deka-Bank in Frankfurt eingeladen hatte. Andrea Günter hat sie besucht und eine kluge Analyse dazu geschrieben.

Ihre These: Was vermeintlich nach einem Gegensatz aussieht, ist in Wirklichkeit von derselben falschen Grundannahme aus diskutiert. Dass nämlich “die Frauen” und “die Männer” eine einheitliche Größe wären, und dass folglich das, was eine Frau oder ein Mann tut, quasi determiniert sei von ihrem Geschlechtscharakter. Das ist aber falsch (wie vor allem Feministinnen wissen, die sich ja ziemlich oft anders verhalten haben, als ihre Geschlechtsrolle es vorsah).

Bei Geschlechtsrollen handelt es sich nicht um biologische, sondern um kulturelle Phänomene. Das heißt, sie sind sowohl real vorhanden als auch veränderbar. Beides muss berücksichtigt werden, um politische Optionen zu gewinnen.

Es ist zum Beispiel müßig, darüber zu spekulieren, was Frauen machen würden, wenn sie genauso viel Geld hätten oder genauso sozialisiert wären wir Männer – denn das ist nun einmal nicht der Fall. Genauso falsch ist es aber, die Andersheit der Frauen, die sich aufgrund dieser Geschichte beobachten lässt, auf irgendwelche “natürlichen” Gründe zurückzuführen, die Evolution, die Gene oder ähnliches. Das, was zählt, ist, was eine Frau oder ein Mann in einer bestimmten Situation konkret tut. Und das kann von Frau zu Frau und von Mann zu Mann bekanntlich höchst unterschiedlich sein.

Die interessante Frage ist also eine politische Frage: Begrüßen wir als Gesellschaft die in konkreten Situationen zu beobachtende “Andersheit” der Frauen? Wollen wir das Experiment wagen und ihnen Verantwortung übertragen, in der Hoffnung darauf, dass sie zum Beispiel in der Finanzwelt etwas “anders” machen als die Männer es dort bisher gemacht haben? Einfach deshalb, weil es ganz dringend nötig ist, dass dort etwas anders gemacht wird, als bisher? Ich für meinen Teil würde sagen: Ja.

Hier weiterlesen: Andrea Günter: Die Krise und die “Lehman Sisters”


taniaJamesIn ihrem Roman “Atlas des Unbekannten” erzählt die indisch-amerikanische Autorin Tania James die Geschichte von zwei Schwestern und ihrer engen, gleichwohl komplizierten Beziehung zueinander. Beide wachsen in einer christlichen Familie in einer kleinen indischen Stadt auf. Zwei Ereignisse prägen ihre Lebensläufe: Der Unfalltod ihrer Mutter, als beide noch klein waren, und ein Verbrennungsunfall, bei dem Linno, die Ältere, eine Hand verliert. Während Linno sich daraufhin in die Hausarbeit zurückzieht, absolviert Anju, die Jüngere, eine glänzende Schulkarriere und wird sogar für ein Stipendium in den USA ausgewählt. Allerdings verdankt sie dies auch einem Betrug an ihrer Schwester, der ihr auf der Seele liegt.

Ich kann in dieser Rezension nicht zu viel von der Geschichte erzählen, damit die Spannung erhalten bleibt. Nur soviel: Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen, nicht nur, weil die Geschichte spannend ist (und so manche unerwartete Wendung nimmt), sondern auch, weil man hier viel über kulturelle Hintergründe und Differenzen erfährt – über die Lebensbedingungen der indischen unteren Mittelschicht, über die US-amerikanische Einwanderungspolitik, über die Geschlechterverhältnisse hier und da.

Tania James schildert das alles einfühlsam und plausibel, die komplexen Persönlichkeitsstrukturen der beteiligten Personen sind sehr lebendig und nachvollziehbar. Und bei all dem ist einfach auch die Geschichte spannend, vor allem was die mysteriöse Vergangenheit der verstorbenen Mutter betrifft. Denn deren beste Freundin ist es, die Anju in New York unter ihre Fittiche nimmt….

Tania James: Atlas des Unbekannten. Roman über zwei Schwestern, Knaus-Verlag 2009, 21,95 Euro.


Erfolgreiche Frau mit Bonusmeilen, George Clooney als Lover - und das ist noch nicht alles! Alex in "Up in the Air". Foto: Paramount Pictures Germany

Gestern sah ich den Film “Up in the Air”, und er hinterließ mich etwas ratlos. So als Frau meine ich. Mir ist nicht klar, was ich daraus lernen soll.

Ich meine: Das Role-Model, das mir da vorgelebt wurde, war ja eindeutig Alex. Alex (gespielt von Vera Farmiga), eine offensichtlich gut verdienende Karrierefrau, die George Clooney zum Lover hat, jede Menge Flugmeilen auf dem Konto und, wie sich letztlich herausstellt (Achtung, alle die den Plot noch nicht kennen und den Film noch sehen möchten, bitte hier abbrechen) – auch noch glückliche Besitzerin einer Familie mit Kindern und Hausmann ist. Die also neben ihrem aufregenden Leben auch noch eine von diesen Familien hat, die emotionalen Rückhalt geben und um deren Wichtigkeit es letztlich in dem ganzen Film geht.

Also, Alex, die strahlende Siegerin zwischen den zwei gegensätzlichen Polen, die im Film als Loser dargestellt werden: Ryan alias Clooney auf der einen Seite, ein bindungsloser Single, der am Ende traurig und einsam dasteht, und seine Schwester auf der anderen Seite, das bemitleidenswerte Landei mit langweiligem Leben zwischen Heiratskitsch und Verlassenwerden.

Alles wunderbar dargestellt, der Film ein Genuss. Aber, noch einmal: Was soll ich jetzt daraus lernen? Dass Polyandrie die neue angesagte Lebensform für die moderne Frau ist?

Nicht, dass ich damit prinzipiell ein Problem hätte. Es wundert mich bloß, dass frau das heutzutage schon in Form von Hollywoodstreifen präsentiert bekommt.

Natürlich soll der eigentliche Fokus auf dem traurigen Helden Ryan liegen. Dem, dessen Scheitern an der Bindungslosigkeit hier Thema ist, wie die tränendrückenden Schluss-Statements arbeitsloser Familienväter und –mütter klar machen, die schwülstig bekunden, dass Beziehungen doch das Wichtigste im Leben seien. Aber ehrlich gesagt, wirklich mit ihnen tauschen möchte man nicht.

Tauschen möchte man, wenn überhaupt, eben mit Alex. Mit der, die zu ihrem männlichen Geliebten jenen Schlüsselsatz sagt, der die ganze traurige Bilanz der Frauenemanzipation auf den Punkt bringt: „I’m just like you. Only with a vagina.“ Und genau das ist sie: Alex lebt genau jene patriarchale Männerlebensform, die die Feministinnen früher mal abschaffen wollten, und die sie jetzt tragischerweise offenbar selbst verkörpern. Sie sind die Löwinnen im Beruf und in der Öffentlichkeit, und werden emotional gestützt von einer Familie, die im Privaten abgeschottet ist und von einer unsichtbaren Hausarbeitskraft am Leben gehalten wird. Und die ihr, der strahlenden Heldin und ihren Ambitionen, weder Arbeit macht noch sonst wie im Weg steht.

Wie gesagt. Ich bin etwas ratlos. Mal abgesehen davon, wie realistisch es ist, sich so etwas einzurichten: Ist das tatsächlich das neue Rolemodel, das das der Mainstream für mich vorgesehen hat?

Lest zu dem Film auch den interessanten Kommentar von Benni


Nancy Fraser bei ihrer Vorlesung über Feminismus und Neoliberalismus

Nach einem Hinweis von @antertainer auf Twitter habe ich heute diesen Vortrag von Nancy Fraser über die ambivalente Beziehung zwischen Feminismus und Kapitalismus gehört, den sie im April 2009 in Frankreich gehalten hat. Ihre Thesen sollten unbedingt auch in Deutschland diskutiert und fruchtbar gemacht werden.

Sie analysiert darin ein Phänomen, das mir selbst auch schon länger Kopfschmerzen bereitet, und zwar die fatale Übereinstimmung zwischen manchen feministischen Forderungen, die ihre Wurzeln in der zweiten Frauenbewegung haben, und dem Aufstieg des Neoliberalismus.

Der Feminismus in den siebziger Jahren hat, nach Frasers Analyse, seine Kritik auf einen staatlich organisierten Kapitalismus fokussiert, wie er damals noch in den meisten europäischen und nordamerikanischen, aber auch in den meisten postkolonialen Staaten vorherrschend war. Dabei richtete sich die Kritik vor allem auf folgende vier Punkte:

Erstens: Feministinnen kritisierten die Vorherrschaft einer rein ökonomistischen Perspektive auf Ungleichheit und weiteten die Analyse auf kulturelle Differenzen aus. Nicht nur Klassenunterschiede seien das Problem, so die feministische Argumentation, sondern der Blick müsse auch auf kulturelle Unterschiede gerichtet werden, natürlich vor allem die zwischen Frauen und Männern, aber auch zwischen “Rassen”, Lebensformen und weiteres mehr. Wobei aber mit dieser kulturellen Kritik im radikalen Feminismus immer auch das Projekt einer grundlegenden Neuordnung der Gesellschaft verbunden war.

Zweitens: Feministinnen kritisierten den Androzentrismus, also die gesellschaftliche Organisation von Arbeit entlang des Dualismus von “Familienernährer” und zuarbeitender Ehefrau. Dies brachte sie auch in Opposition zu vielen linken Männern, die die familiäre und persönliche Unterordnung von Frauen für zweitrangig hielten. Allerdings war im radikalen Feminismus immer klar, dass es nicht nur um die Einbeziehung von Frauen in den Erwerbsarbeitsmarkt gehen könne, sondern um eine Neuorganisation von Arbeit überhaupt, insbesondere eine Aufwertung der Haus- und Fürsorgearbeit und ihre Einbeziehung in ökonomische Theorien und Analysen.

Drittens: Feministinnen kritisierten den Etatismus, den patriarchalen Staat, der Bürgerinnen und Bürger eher als Klienten oder Konsumentinnen staatlicher Wohlfahrt sah, denn als aktive Teilnehmer_innen am politischen Diskurs. Radikale Feministinnen erfanden andere Formen politischer Partizipation, die nicht staatlich orientiert waren. Dies bedeutete für sie aber keine grundsätzliche Ablehnung von staatlichen Strukturen als solchen, sondern vielmehr ihre Re-Demokratisierung.

Viertens: Feminismus wendete sich gegen ein allein auf den Nationalstaat gerichtetes Politikverständnis, allerdings eher auf einer symbolischen Ebene. Slogans wie „Sisterhood is global“ blieben eher symbolisch, in ihren Forderungen richteten sich Feministinnen dennoch vorwegend an nationalstaatliche Institutionen.

Mit der Verschiebung vom staatlich organisierten Kapitalismus hin zum neoliberalen Kapitalismus in den 1980er und 1990er Jahren ergaben sich jedoch andere Perspektiven. Aus der radikalen und umfassenden feministischen Kritik am bestehenden Gesellschaftssystem wurde eine sich ebenfalls als feministisch gebende Mainstream-Bewegung. Die Gesamtheit feministischer Gesellschaftskonzeptionen wurde aufgeteilt in verschiedene Einzelforderungen, die als solche große Breitenwirkung erzielten. Familienbilder veränderten sich und emanzipatorische Forderungen wurden Allgemeingut.

Dies geschah zeitgleich mit dem Vormarsch neoliberaler Ideologien. Fraser stellt nun die “häretische” Frage: War das bloßer Zufall, oder gab es eine untergründige Verbindung zwischen beidem? Auf jeden Fall haben feministische Ideale im Zuge dieser Entwicklung neue Bedeutungen angenommen. Forderungen, die im staatlich organisiertem Kapitalismus klar radikal und kritisch waren, wurden nun ambivalent:

So konnte der Neoliberalismus gut den Vorschlag aufnehmen, die Kämpfe für ökonomische Gleichheit unterzubewerten und kulturelle Anerkennungskämpfe überzubewerten. Die feministische Kulturkritik wurde von der Kapitalismuskritik abgekoppelt und ist im Hinblick auf die Anerkennung von “Diversity” auch in das neoliberale Projekt eingegangen. Auch die Kritik am Androzentrismus hat der Neoliberalismus aufgegriffen und neu gefasst: Etwa die Einbeziehung von Frauen in den Erwerbsarbeitsmarkt. Der Traum der Frauenemanzipation rechtfertigt so die Zur-Verfügung-Stellung weiblicher Arbeitskraft in flexible neoliberale Märkte, und zwar sowohl am “unteren” Ende, auf Seiten der Arbeiterinnen in den neuen globalen Märkten als auch am “oberen” Ende, nämlich dem Versuch, die “gläserne” Decke auf dem Weg ins obere Management zu durchbrechen. Schließlich wurde die feministische Kritik an paternalistischen Staatsformen so gewendet, dass diese keineswegs Re-Demokratisiert, sondern im Gegenteil gänzlich geschwächt wurden. Feministische NGOs entwickelten  sich von radikalen Graswurzelbewegungen hin zu professionellen Institutionen, die die Lücken, die staatliche Umverteilungs- und Ausgleichspolitik hinterlassen hatten, nur unzureichend füllen können.

Diese Entwicklung ist also ein Paradox: Eine kleine, radikale gegenkulturelle Bewegung, nämlich der Feminismus der ”zweiten Wellte” hat sich erfolgreich um den Globus verbreitet, aber dabei einen Wandel durchlaufen, der in seinen Folgen höchst ambivalent ist, so dass feministische Argumente heute durchaus als Unterstützung eines neoliberalen Kapitalismus herangezogen werden können, der sich weibliche Arbeitkraft nutzbar macht, staatliche Strukturen schwächt und lieber kulturelle statt ökonomische Fragen diskutiert.

Der Feminismus, so Fraser, wurde so ein diskursives Konstrukt, das die Frauenbewegung – also diejenigen Feministinnen, denen es nach wie vor um eine radikale und grundsätzliche Gesellschaftskritik geht – nicht mehr in der Hand haben. Feminismus ist eine leere Bedeutungshülle geworden (ähnlich wie “Demokratie”), und nicht alles, was unter diesem Label läuft, ist sinnvoll im Hinblick auf eine gerechte Gesellschaft.

Die Frauenbewegung hat es sozusagen mit einem Schatten ihrer selbst zu tun, mit Doubles des Feminismus, und sie steht in dem Dilemma, dass sie sich von ihnen weder ganz distanzieren, noch sich voll zu ihnen bekennen kann. Sarah Palin, aber auch Hillary Clinton sind für Fraser Beispiele für solche “Feminismus-Doubles”.

Was können wir dieser Siuation tun und wie ist sie zu bewerten? Sicher ist es falsch zu sagen, dass der Feminismus der zweiten Welle einfach gescheitert sei, dass er gar Schuld am Triumph des Neoliberalismus wäre. Auch ist es nicht so, dass feministische Ideale per se problematisch wären. Vielmehr fordert Fraser die Feministinnen auf, in ihrem Engagement aufmerksamer zu sein für die historische Situation, in der wir uns jeweils befinden. Wir sind nicht einfach die Opfer eines unglücklichen Zufalls, sondern wir haben die Aufgabe, diese Querverbindungen zwischen Feminismus und Neoliberalismus genau zu studieren und entsprechend zu handeln.

Einig sind sich Feminismus und neoliberaler Kapitalismus in der Kritik an alten Autoritäten. Sie divergieren aber in der Vorstellung, wie die Geschlechterbeziehungen neu organisiert werden sollen. Feministinnen beschränken sich nicht darauf, individuelle Unterdrückungsstrukturen zu kritisieren, sondern sie wenden sich auch gegen strukturelle, von individuellen Beziehungen losgelöste Ungerechtigkeitsstruktuen, wie etwa Märkte sie hervorrufen. Und dies müsste stärker in den Fokus der feministischen Kritik kommen und wieder die Kapitalismuskritik aufgreifen. Dabei können wir uns auf die emanzipatorische Versprechen des 2. Welle beziehen.

Konkret macht Fraser folgende Vorschläge, die ich nur voll unterschreiben kann:

Erstens sollte sich Feminismus wieder stärker mit einer Kritik des Kapitalismus beschäftigen und sich wieder dezidierter “links” positionieren. Zweitens sollten wir die Forderung nach Einbeziehung von Frauen in die Erwerbsarbeitswelt, solange sie als isolierte Forderung vertreten wird, kritisieren und nicht selber vertreten. Der ökonomische Fokus muss darauf liegen, Erwerbsarbeit aus dem Zentrum zu rücken und andere Arten der Arbeit und der Einkommensverteilung aufzuwerten. Und drittens sollte die Reorganisation politischer Sturkturen und Prozesse wieder stärker in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken: Zwar ist es weiterhin richtig, bürokratische Strukturen zu kritisieren und sie politischen Verhandlungsprozessen unterzuordnen, aber es müsse darum zu gehen “öffentliche Macht” nicht zu schwächen, sondern zu stärken. Und viertens müsse es darum gehen, die exklusive Verknüpfung von “Demokratie” mit politischen Strukturen aufzubrechen und für mehr Gestaltungsmöglichkeiten und Einflussnahme aller Menschen auch in ökonomischen und anderen Bereichen einzutreten.

Der gesamte Vortrag dauert eine Stunde und kann hier angehört werden.


Foto: artpost/Fotolia.com

In Haiti, so berichten verschiedene Medien, unter anderem tagesschau.de, sollen an den neuen Verteilstellen Lebensmittel nur noch an Frauen ausgegeben werden. Der Grund ist, dass es wohl zu “Drängeleien” gekommen sei (man muss annehmen: von Männern), sodass die Schwächeren bei der Verteilung meist leer ausgingen.

Immer wenn ich solche Nachrichten lese, bin ich gleichzeitig erleichtert und verärgert. Erleichtert, weil es wahrscheinlich tatsächlich so ist, dass es bei der Verteilung von Lebensnotwendigem gerechter zugeht, wenn man dies den Frauen anvertraut, und sich nicht das Recht des Stärkeren ungebrochen durchsetzt. Das ist ja nichts wirklich Neues. In der Entwicklungshilfe hat man schon vor Jahren damit begonnen, stärker auf die Frauen zu setzen, sowohl was die Zusammenarbeit in lokalen Projekten betrifft, als auch zum Beispiel bei den Mikrokrediten. Und eine etwas abgewandelte Version davon ist ja auch die mit der Finanzkrise begonnene Debatte, ob mehr Frauen in verantwortlichen Positionen dem Desaster vielleicht abhelfen würden.

Verärgert bin ich, weil sich an dem Schema so niemals etwas ändert, wonach man sich immer auf die Frauen verlässt, wenn es darum geht, “das Gemeinwohl” im Auge zu behalten und die herkömmlichen Regeln und Normen nicht mehr greifen. Ich stelle mir vor, dass der Druck, der nun auf den Haitianerinnen lastet, enorm sein muss: Sie müssen eine schier unlösbare Aufgabe schultern und dabei wahrscheinlich mit einer gehörigen Aggressivität von seiten der Männer zurecht kommen, die von der Lebensmittelverteilung ausgeschlossen sind.

Wie alle anderen, werden auch die Frauen vermutlich wollen, dass erst einmal ihre Kinder, ihre unmittelbaren Angehörigen und sie selbst das Lebensnotwendige bekommen. Gleichzeitig wissen sie, dass mit der “Bevorzugung”, die ihnen nun zuteil wird, auch die Erwartung an sie geknüpft ist, es “besser” zu machen: Good women, bad men.

Doch das ist es nicht, was der feministische Einsatz für mehr weibliche Freiheit meint. Sicher: Die Forderung nach “mehr Frauen in verantwortlichen Positionen” ist kein bloßer Lobbyismus, der Frauen den Zugang zu männlichen Privilegien ebnen soll. Es ist aber auch nicht das Versprechen einer besseren Welt, die die Frauen aus dem Hut zaubern würden, wenn man sie nur ließe.

Fakt ist: Wir wissen nicht, wie die Welt wäre, wenn sie von Frauen nach ihren Maßstäben eingerichtet wäre. Wir wissen nur, dass sie anders wäre, als die Welt, die wir jetzt haben. Und natürlich gibt es klare Hinweise darauf, dass manche Probleme, die aus der männlichen Kultur mit ihrem inhärenten Konkurrenzdenken, Egoismus und Autonomismus resultieren, dort nicht auftreten würden – das Vertrauen, das die Vereinten Nationen jetzt in die Haitianerinnen setzen, und zwar vermutlich zu Recht, ist einer davon.

Aber möglicherweise gäbe es in einer “weiblichen” Kultur dann ganz andere Schwierigkeiten, die wir heute nur erahnen können, weil diese Kultur bislang überhaupt nicht flächendeckend wirksam werden konnte.

Jedenfalls liegt meine Hoffnung auf mehr weibliche Einflussnahme nicht darin, dass Frauen die Welt retten, dass sie den Kapitalismus sozialverträglich machen, die korrupte Politik wieder auf einen rechten Pfad führen und die Ungerechtigkeiten ausgleichen, die allgemein beklagt werden. Ich jedenfalls habe keine Lust darauf, irgend etwas “besser” zu machen als die Männer. Ich möchte es so machen, wie ich es will.