Gleichstellungs-Elend in a Nutshell

Isa Sonnenfeld von Twitter Deutschland hat  in einem Interview mit EditionF  in einem Satz exemplarisch anschaulich gemacht, warum das Konzept „Gleichstellung“ meiner Ansicht nach einen falschen symbolischen Ansatz fährt. Sie antwortet auf die Frage, warum Twitter in seiner Führungsspitze kaum Frauen hat:

Die Vielfalt der Mitarbeiter und gerade die Förderung von Frauen gehört mittlerweile zu einer der Prioritäten bei uns. Wir wissen, dass es nicht nur das Richtige ist – es macht auch wirtschaftlich Sinn für Twitter. Studien haben gezeigt, dass ein gemischtes Team bessere Entscheidungen trifft und Frauen in Führungspositionen bessere finanzielle Resultate erzielen. Twitter ist natürlich keinenfalls immun gegen die weltweiten Entwicklungen im Technologie-Bereich, das heißt ein fehlendes Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen im Unternehmen, aber wir arbeiten hart daran, den Trend in eine andere Richtung zu lenken.

Hier die drei Bullshit-Bingos des Gleichstellungs-Diskurses, die in diesem kurzen Absatz so schön auf den Punkt gebracht sind, aber natürlich nicht nur hier vorkommen. Sie sind inzwischen mehr oder weniger Standard, wenn es um das Thema geht. Ich habe manchmal den Eindruck, dass sich dabei bestimmte Diskurs-Versatzstücke verselbstständigt haben und immer wieder nachgeplappert werden – daher ist Bullshit-Bingo auch nicht als Metapher zu verstehen.

1. Der Ansatz „Förderung von Frauen“ ist allertiefste Achziger. Ich weiß, dass in vielen Unternehmen noch geglaubt wird, die Ursache der dortigen Männerdominanz sei ein Defizit weiblicherseits, weshalb die armen, minderbemittelten Frauen „gefördert“ werden müssten. Genau dieser Blick auf Frauen und auf die Geschlechterdifferenz ist aber ein wesentlicher Teil des Problems. Wer heute noch so an die Sache herangeht, ist jedenfalls auf einem völlig falschen Gleis. Nicht Frauen haben Defizite und müssen also gefördert, sondern die Unternehmenskultur hat Defizite und muss also verändert werden. (Der Begriff „Frauenförderung“ kommt in dem Interview noch mehrfach vor, sowohl in den Fragen als auch in den Antworten.)

2: Der Wunsch, mehr Frauen in einem Unternehmen zu haben, wird mit wirtschaftlichen Interessen und der Aussicht auf mehr Gewinn gerechtfertigt. Frauen haben aber nicht die Aufgabe (und Feministinnen schon gar nicht), den Kapitalismus zu verbessern oder den Gewinn von Unternehmen zu erhöhen. Allerdings wurde Isa Sonnenfeld ja nicht als Feministin, sondern als Repräsentantin von Twitter interviewt, von daher ist ihre Antwort völlig legitim. Sie zeigt aber, dass wir von Unternehmen nur solange Rückenwind in Geschlechterdingen zu erwarten haben, wie wir belegen können, dass sich das für sie „rechnet.“ Von einem sich als feministisch verstehenden Magazin wie EditionF hätte ich mir jedoch doch die eine oder andere kritische Rückfrage erwartet.

3: Das „Das ist eben so“-Argument. Denn natürlich kann Twitter nichts dafür, dass es dort keine Frauen gibt, haha, sondern es ist hier nur selber Opfer „der weltweiten Entwicklungen im Technik-Bereich“. Aber Twitter stellt sich dem mutig entgegen und „arbeitet hart daran“, sich dieser bösen Welt, für die es ja gar nichts kann, entgegen zu stemmen. Vermutlich sollen wir den Helden von Twitter dafür jetzt auch noch dankbar sein.

Thanks, but no thanks.

Stattdessen noch einen Satz aus dem Interview, der sich eins zu eins in ein Kabarettprogramm aufnehmen ließe :))

Wir haben bei Twitter eine ganze Reihe von Arbeitsgruppen und Initiativen, die sich für mehr Diversity und Equality stark machen. Dazu zählen beispielsweise die „Super Women At Twitter” – kurz SWAT –, Womeng und Wux. Womeng ist angetreten, um mehr Softwareentwicklerinnen zu Twitter zu holen beziehungsweise zu halten. Wux steht für „women in UX” und macht sich zum Ziel, mehr Frauen für die Arbeit in unseren Design-Teams zu begeistern.

PS: Wer ein Wort wie „Frauenförderung” ohne Facepalm im Mund führen kann, spricht über Frauen auch konsequenterweise im generischen Maskulinum. Ich glaube, es geht hier nicht nur um eine Sprachkonvention, sondern um einen wirklich inhaltlichen Konflikt über die Aufgaben und die Ausrichtung von Feminismus. Substanzielle (feministische) Gesellschaftskritik ist weder im generischen Maskulinum noch unter dem Frauenförderungs-Paradigma denkbar.

PPS:  Wie Gleichstellung praktisch und symbolisch besser geht, lässt sich in dem neuen Buch von Anke Domscheit-Berg („Ein bisschen gleich ist nicht genug”) nachlesen. Ihr gelingt es, das Konzept Gleichstellung aus den Achztigern in die Jetztzeit weiterzuentwickeln, und zwar unter Einbeziehung feministischer Debatten der vergangenen Jahre. Das Buch macht mich jetzt noch nicht unbedingt zu einem glühenden Fan der Gleichstellung, aber immerhin doch hoffnungsvoll, dass Gleichstellung nicht immer in eine falsche Richtung zielen muss, sondern durchaus die Freiheit der Frauen auch befruchten und vergrößern kann :))

 

 

Erster Mai: „Tag der unsichtbaren Arbeit“

Der erste Mai als Kampftag der Arbeiterbewegung hat traditionell nur die Erwerbsarbeit im Blick, also die bezahlte Arbeit, jene Arbeit also, die den Status des echten Proletariers ausmacht. Oder, in marxistischer Terminologie, es geht am ersten Mai um die „Produktionsarbeit“, und nicht um die daraus nur abgeleitete so genannte „Reproduktionsarbeit“. Mit dieser Unterscheidung hat auch die Tradition der Arbeiterbewegung dazu beigetragen, die – größtenteils von Frauen geleistete – unbezahlte Care-Arbeit (Pflegen, Putzen, Essenkochen, Kinder versorgen und so weiter) auch in Arbeitskämpfen unsichtbar zu machen.

Dass Care-Arbeit unsichtbar ist, zieht sich dabei noch durchgängiger als Motiv durch die symbolische Ordnung, als dass sie nicht bezahlt wird. Denken wir nur an die mysteriösen „helfenden Hände“, die dafür sorgen, dass bei Festen immer genug Kuchen da ist und nie zu viel verschmutztes Zeug herumsteht, oder an die Heinzelmännchen, die ebenfalls über Nacht für Ordnung sorgen und nie gesehen werden.

Auch wenn Care-Arbeiten bezahlt werden, was heute ja zunehmend der Fall ist, sollen sie unsichtbar bleiben, nicht stören, nicht auffallen, nicht im Weg stehen. Gehörte es zu den Pflichten einer bürgerlichen Hausfrau, die Kinder ruhig zu halten, damit der Vater in seinem Arbeitszimmer nicht gestört wurde, so müssen heute Reinigungskolonnen Büros mitten in der Nacht putzen, damit die wertvollen Büroarbeiter_innen nicht bei ihrer wichtigen Arbeit belästigt und abgelenkt werden.

Arbeit, die systematisch unsichtbar gemacht wird, gerät logischerweise auch aus dem Blick politischer Verhandlungen, gilt als unwichtig, vernachlässigbar. Deshalb macht das Netzwerk Care-Revolution den ersten Mai zum „Tag der unsichtbaren Arbeit“. Geplante Aktionen in diesem Jahr sind:
*Frankfurt am Main, 9.30 Uhr, Günthersburgpark
*Berlin, 10 Uhr, Hackescher Markt
*Freiburg, 11 Uhr, Stühlinger Kirchplatz
*Hamburg, 11 Uhr, Rödingsmarkt

Außerdem ist das Netzwerk bei der 1. Mai-Demo in Berlin dabei.

 

Verantwortlichkeiten II

Da ich schon mal beim Nachdenken bin über das, was politische Verantwortung bedeutet, hier noch ein anderer Punkt. Ich bekomme öfter mal Mails oder Kommentare, in denen sowas steht wie „Der Feminismus müsste mal das und das tun“. Dabei frage ich mich dann natürlich immer, wer dieser „Der Feminismus“ eigentlich sein soll. Die naheliegende Antwort auf so was ist wohl: Wenn das und das deiner Meinung nach getan werden muss – ja, warum tust du es dann nicht?

In gewisser Weise sind solche Anregungen eine netter formulierte Unterform der beliebten Argumentationsfigur: „Wenn der Feminismus nur dieses oder jenes (nicht) tun würde, dann wäre er besser, dann würde ich mich vielleicht auch Feministin nennen, dann wäre ich nicht mehr dagegen“ usw. Darin spiegelt sich die merkwürdige Haltung wider, Politik in der Logik von Werbung und Verkaufen zu interpretieren. „Wenn der Feminismus so und so (nicht) wäre, dann würde ich ihn vielleicht kaufen, dann könntet Ihr mich als Kund_in gewinnen.“

Und tatsächlich ist das ja nur ein Spiegel davon, wie sich der Raum des Politischen seit längerem tatsächlich präsentiert – das Phänomen lässt sich durchaus auf andere politische Bewegungen übertragen. Parteien oder politische Bewegungen stehen quasi wie auf dem Verkaufsregal, und wer die eingängigsten Versprechen oder auch nur die hübscheren Gesichter und die knalligsten Slogans hat, wird gewählt. Und wer nicht gewählt wird, hat sich wahrscheinlich nicht gut genug „vermarktet“.

Allerdings ist es doch eigentlich so: Wenn ich zum Beispiel der Ansicht bin, dass mit dem Verhältnis der Geschlechter so manches im Argen liegt, dann muss ich halt etwas tun, um die Dinge zu verbessern, also „Feministin werden“ (ob man das dann so nennt oder nicht). Auch wenn mir das, was andere Feministinnen tun, vielleicht nicht vollumfänglich zusagt. Oder eigentlich, gerade wenn mir das, was andere Feministinnen tun, nicht vollumfänglich zusagt.

Jedenfalls kann ich mich nicht drauf herausreden, dass ich mich ja prinzipiell für das Thema engagieren würde, aber es mir der aktuelle Stand des Feminismus leider unmöglich macht. „Wenn Ihr euch so abschreckend verhaltet, dann müsst ihr euch nicht wundern, wenn so viele Leute mit dem Feminismus nichts anfangen können.“ Doch, wir wundern uns. Denn wir haben keinen Joghurt zu verkaufen, wir machen Politik.

Für das eigene politische Handeln (oder Unterlassen) ist jeder und jede selbst verantwortlich. Und wer ungerechte Verhältnisse hinnimmt, ohne sich zu engagieren, soll doch bitte einfach zu dieser Ignoranz stehen – und nicht anderen dafür die Verantwortung zuschieben.

 

Verantwortlichkeiten

Ich möchte euch ein schönes Portrait über die feministische Theologin Amina Wadud empfehlen, die muslimische Frauen auffordert, der patriarchalen Interpretation des Islam deutlicher zu widersprechen. „We let patriarchy to take over“ kritisiert sie, das heißt, sie richtet sich mit ihrem Appell nicht an „die anderen“ (die Männer, das Patriarchat, die Typen vom Islamischen Staat) sondern an „uns“ – in diesem Fall die muslimischen Frauen – und fordert sie auf, Verantwortung für die Art und Weise zu übernehmen, wie sich der Islam derzeit entwickelt.

Ich poste das hier auch deshalb, weil mich einige Reaktionen auf meinen Blogpost zum Thema Rape Culture doch verwundert haben. Dort schrieb ich unter Bezug auf die Arbeiten von Mithu M. Sanyal, Frauen seien „mit der Art und Weise, wie sie Geschlecht ‚performen‘ auch selbst aktive Mitwirkende an dem, was heute unter dem Oberbegriff Rape Culture, also Vergewaltigungskultur zusammengefasst wird.“ Das wurde kritisiert mit dem Argument, damit würde ich Vergewaltigungsopfern eine Mitschuld zuweisen, also letztlich Victim Blaming betreiben.

Es ist meines Erachtens ein echtes Problem bei vielen deutschen politischen Debatten, dass alles quasi innerhalb von Nanosekunden auf die Schuldfrage zugespitzt wird. Über Politik, so scheint es mir manchmal, können wir gar nicht anders als moralisch sprechen, also immer vor dem Hintergrund der Frage, wo Gut und Böse jeweils liegen und wer in den Himmel kommt und wer in die Hölle.

Es geht aber bei politischen Debatten nicht um moralische Schuld, sondern um Verantwortung. Gerade in Deutschland sollten wir angesichts der Notwendigkeit, den Nationalsozialismus aufzuarbeiten, eigentlich inzwischen gelernt haben, zwischen beidem einen Unterschied zu machen. Nicht persönlich an etwas „schuld“ zu sein, enthebt niemanden der Verantwortung.

Selbstverständlich ist keine Frau, die vergewaltigt wird, in irgendeiner Weise selbst daran „schuld“. Schuld ist immer zu 100 Prozent der Täter. Das festzustellen bedeutet aber nicht, dass Frauen in Bezug auf Vergewaltigungskultur generell keine Verantwortung tragen würden, dass es also für sie unmöglich wäre, diesbezüglich eine aktive Rolle einzunehmen. Und immer, wenn es jemandem möglich ist, aktiv etwas zu tun, lässt sich auch sinnvollerweise darüber diskutieren, ob das, was jemand tut, richtig oder falsch, sinnvoll oder sinnlos ist.

Frauen, die ihren Töchtern beibringen, sie müssten erstmal „Nein“ sagen, um sich bei Männer interessanter zu machen; Frauen, die sich sexualisiert aufbretzeln, nicht weil es ihnen so gefällt, sondern weil sie meinen, sie müssten das tun, um anerkannt zu sein; Frauen, die schweigend zuschauen, wie andere Frauen von Männern belästigt werden; Frauen, die als Mitarbeiterinnen von Werbeagenturen Kampagnen mit objektivizierten Frauenkörpern mittragen und so weiter und so weiter – sie alle aktiv zur Stabilisierung von Vergewaltigungskultur bei. Die Beispiele ließen sich natürlich vervielfachen.

Aber auch das festzustellen bedeutet nicht, dass alle Frauen, die sich so verhalten, auch in einem moralischen Sinne schuldig sind. Möglicherweise haben sie ja gute Gründe, die ihr Verhalten rechtfertigen. Oder sie befinden sich in einer Situation, in der sie keine anderen Möglichkeiten haben. Oder sie haben noch nie über das Thema nachgedacht. Es gibt hundert Gründe, die ihr Verhalten erklären, viele davon sind struktureller Natur und damit in der Logik individueller Schuld nicht hinreichend zu erfassen.

Die Frage nach der moralischen Schuld lässt sich sowieso immer nur im Einzelfall beantworten, niemals pauschal. Kriterium dafür ist, ob eine Person im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Richtige tut oder nicht. Normalerweise können das Außenstehende gar nicht beurteilen (weshalb ich es sinnvoll finde, dass in religiösen Kontexten diese Entscheidung „Gott“ überlassen wird, aber das nur nebenbei. Die Eliminierung der Kategorie „Gott“ aus dem politischen Diskurs ist meiner Meinung nach einer der Gründe für diese ständige Vermengung von moralischer Schuld und politischer Verantwortung).

Auch wenn wir uns also zurückhalten müssen, eine anderen Person im Einzelfall als moralisch schuldig zu verurteilen, weil wir die jeweiligen Umstände höchstwahrscheinlich nicht vollständig erfassen, so können wir uns aber durchaus mit solchen ethischen Fragen auf einer politischen Ebene auseinandersetzen. Dabei geht es aber eben nicht um Moral und Schuld, sondern um Verantwortlichkeit. Nicht nur die „Täter“ und „Mächtigen“ sind für ihr Handeln verantwortlich, nicht nur sie haben Handlungsspielräume – zum Glück, denn es ist keine aussichtsreiche politische Strategie, bloß Forderungen an „die da oben“ zu stellen. „Die da oben“ werden unseren Forderungen nicht nachkommen. Der politische Wandel geht, wenn überhaupt, dann von uns selber aus. Die interessante Frage ist deshalb: Was wollen_können_sollen wir tun? Und nicht: Was sollen wir von „denen da“ fordern?

„Niemand hat das Recht, zu gehorchen“, sagte Hannah Arendt. Ihre Kritik an den „Judenräten“, die als jüdische Autoritäten die Nazis bei der Organisation des Lebens in den Ghettos unterstützten (mit besten Absichten), hat ihr von jüdischer Seite ebenfalls den Vorwurf des „Victim Blaming“ eingebracht. Der Hinweis darauf, dass es kein Recht zu Gehorchen gibt, dass es also nicht erlaubt ist, den eigenen Konformismus damit zu rechtfertigen, dass irgendwelche Autoritäten das verlangt oder so vorgeschrieben haben, ist aber gerade auch für den Feminismus wichtig. Denn viele Frauen nutzen ihre Handlungsmöglichkeiten aufgrund von zu viel „Gehorsam“ nicht aus, sie scheuen Konflikte, legen Wert auf männliche Anerkennung, fokussieren sich ausschließlich auf ihr Privatleben und so weiter. Das lässt sich auf einer generellen Ebene durchaus als Problem feststellen, auch wenn es auf einer moralischen Ebene nicht möglich ist, in einem konkreten Fall von außen zu entscheiden, welche Handlungsmöglichkeiten eine konkrete Frau nun tatsächlich hat oder nicht.

Feminismus ist jedenfalls umso wirkungsvoller und interessanter, je mehr wir uns nicht in einer Politik der Forderungen verlaufen, sondern uns selbst und andere Frauen dazu anregen, etwas Sinnvolles zu tun. Wenn wir Praktiken erfinden, die uns (und vielleicht auch anderen) dabei helfen, angesichts der Verhältnisse verantwortlich zu handeln und uns für das einsetzen, was wir für richtig halten. Zum Beispiel indem wir uns darüber austauschen, welches Handeln Erfolg hat und was nicht und so weiter. Indem wir also gerade nicht moralische Anforderungen an uns selbst oder gar an andere Frauen stellen, sondern durch eine realistische Betrachtungsweise die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass jede im Rahmen ihrer Möglichkeiten tut, was sie kann. Dafür ist es ja gerade nötig, dass wir ernst nehmen, was Frauen daran hindert. Und es ist unabdingbar, nicht ständig in jedem Vorschlag zum politischen Handeln gleich einen moralischen Druck zu sehen, was natürlich nur zu reflexhafter Ablehnung führt (in der Regel eine Begleiterscheinung von schlechtem Gewissen). Es geht im Feminismus darum, Wege zu finden, wie wir die Möglichkeiten und Handlungsoptionen von Frauen erweitern können. Moral hilft uns dabei nicht, aber Realismus.

Denn niemand hat überhaupt keine Handlungsmöglichkeiten. Und genau das ist der Hebel für politische Transformationen. Veränderung hin zu einer freiheitlicheren Welt ist nur möglich, wenn die betroffenen Akteur_innen selbst etwas bewegen; Veränderung wird nie „von oben“ ausgehen.

Das ist im Übrigen kein Aufruf zu Aktionismus. Wir wissen ja längst, dass zu viel Aktivismus oft genauso schädlich für eine positive Transformation ist wie zu wenig. „Nicht Handeln“, wie Simone Weil es nannte, ist oft besser, als falsch zu Handeln, und falsches Handeln aus guten und ehrenwerten Motiven kann ebenso viel Schaden anrichten wie unterlassenes Handeln.

Aber dass Menschen, die Opfer von ungerechten Verhältnissen sind, keine Schuld an ihrer Lage haben, bedeutet nicht, dass sie innerhalb dieser Verhältnisse keine politische Verantwortung trügen und keinerlei Handlungsoptionen hätten. Dass sie sich realistisch und ohne moralischen Impetus untereinander über diese Optionen und die eigenen Verantwortlichkeiten austauschen und sich über ihre Möglichkeiten klarwerden, ist aus meiner Sicht der entscheidende Hebel für feministisches (und vermutlich auch anderes) Engagement.

… for President. 

Wer immer auch Präsident der Vereinigten Staaten werden will, muss sich darauf einstellen, dass sein Charakter in Stücke gerissen wird, dass er verletzt, geschlagen und mit Schmutz überzogen wird von jedem unflätigen Blättchen im ganzen Land. Keine Frau, die nicht wie ein alter Putzlumpen durch jede Gosse und jedes dreckige Wasserloch gezogen werden will, würde jemals einer Kandidatur zustimmen. Es ist eine Qual, die einen Mann umbringen kann. Was für ein unverschämtes Luder von einer Frau muss das sein, die so etwas aushält, ohne dass es sie umbringt?

Das schrieb die Bestsellerautorin und politische Aktivistin Harriet Beecher-Stowe 1870 anlässlich der Kandidatur von Victoria Woodhull für die Präsidentschaft der USA. 

Es klingt sehr retro, aber ist es das wirklich?

www.vicwoodhull.wordpress.com

Rape revisited. Über Vergewaltigungsdiskurse

Weil aus aktuellem Anlass gerade viel über Vergewaltigung diskutiert wird, möchte ich hier noch einmal etwas genauer über die aktuelleren feministischen Analysen zu dem Thema schreiben, die nämlich wie meistens komplexer sind als viele meinen.

Unter dem Titel „rape revisited. Die Tiefengrammatik der sexuellen Gewalt“ hat Mithu M. Sanyal für den grade erst von mir empfohlenen Sammelband „Feminismen heute“ eine kritische Rekapitulation des Vergewaltigungsdiskurses seit den 1970er Jahren unternommen. Kleine Erinnerung: Damals hat die Frauenbewegung das Thema häusliche Gewalt öffentlich zum Thema gemacht. In diesem Zusammenhang wurde vielen (auch vielen Frauen) erstmals bewusst, dass Vergewaltigung nicht vor allem etwas ist, das im dunklen Park von einem bösen Fremden ausgeht, sondern meistens innerhalb sozialer Beziehungen stattfindet: Es sind Ehemänner, Freunde, Bekannte, die vergewaltigen. Der Verdienst der damaligen Frauenbewegung, das bewusst zu machen und politisch zu thematisieren, ist unbestritten, allerdings hat der Diskurs einige Schwachstellen, die Mithu Sanyal analysiert:

Erstens wurde dadurch ein Bild von Frauen als sexuell eher inaktiven, tendenziell an Sex desinteressierten Wesen noch einmal bekräftigt und so bestehende Geschlechterzuschreibungen eher verstärkt als dekonstruiert. In dem Bemühen, den tatsächlichen Skandal der sexuellen Gewalt sichtbar zu machen, wurde gleichzeitig denjenigen, die Vergewaltigungen erlebt und erlitten hatten, eine bestimmte Interpretation zugeschrieben, zum Beispiel, dass dies in jedem Fall ein ungeheuer traumatisierendes Ereignis sein muss. Manche Feministinnen beanspruchten „im Namen der vergewaltigten“ Frauen zu sprechen, obwohl ja auch Frauen, die vergewaltigt wurden, sehr unterschiedliche Weisen haben, das Erlebte zu verarbeiten und zu interpretieren. (In diesem Zusammenhang ist übrigens auch der Beitrag von Claudia Schöning-Kalender über „Frauenhäuser im Aufbruch“ aus diesem Sammelband interessant).

Zweitens wurde im damaligen Diskurs die Debatte über sexuelle Gewalt sehr pauschal mit einem Gewaltverhältnis zwischen den Geschlechtern gleichgesetzt. Es ist eben nicht so, dass es schlicht um das Schema „Männer sind Täter und Frauen sind Opfer“ geht. Auch Männer werden Opfer von sexueller Gewalt, die zumeist von anderen Männern ausgeht, aber auch von Frauen ausgehen kann. Und Frauen sind mit der Art und Weise, wie sie Geschlecht „performen“ auch selbst aktive Mitwirkende an dem, was heute unter dem Oberbegriff „Rape Culture“, also „Vergewaltigungskultur“ zusammengefasst wird.

Daraus aber nun – wie es manche tun – den Schluss zu ziehen, Vergewaltigung sei ja quasi eine „geschlechtsneutrale“ Angelegenheit und betreffe Frauen und Männer gleichermaßen (nach dem Motto: Frauen vergewaltigen Männer genauso wie Männer Frauen), ist natürlich Quatsch. Mithu M. Sanyal geht denn auch den genau umgekehrten Weg: Sie untersucht gerade die Verwobenheit zwischen Vergewaltigung, Vergewaltigungsdebatten und der Konstruktion von Geschlecht, die nämlich eben sehr viel komplexer ist als das schlichte Täter/Opfer-Schema.

„Vergewaltigung ist nicht nur das am meisten gegenderte Verbrechen, sondern auch das Verbrechen, das uns am meisten gendert“, beginnt sie ihren Text. Unter diesem Aspekt rekapituliert sie anschließend die feministischen und medialen Diskurse über Vergewaltigung, und kommt zu dem Schluss: „Vergewaltigung gendert uns, indem sie uns beibringt, wie wir uns unserem Geschlecht entsprechend zu verhalten haben, wie die Geschlechter zueineinander stehen.“

Ihr Fazit ist übrigens, dass der entscheidende Faktor für „Rape Culture“, also die Wahrscheinlichkeit, dass sexuelle Gewalt in einer Kultur vorkommt, die soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist: „Je totaler eine Institution ist, desto höher die  Zahl der Vergewaltigungen. Je rigider die Geschlechterrollen, desto mehr Sexismus bis hin zur physischen sexuellen Gewalt. Das enthebt das Individuum zwar nicht der Verantwortung, verlagert den Fokus jedoch auf die gesellschaftliche Organisationsform. Entsprechend gibt es Gesellschaftsformen, in denen Vergewaltigung so gut wie nicht vorkommt, bis hin zu hoch gewalttätigen Gesellschaften mit einer hohen Rate an sexualisierten Verbrechen.“ Und:

„Die schlechte Nachricht ist zwar, dass sich das Vergewaltigungsproblem nicht durch schärfere Gesetze lösen lassen wird. Das Gute ist allerdings, dass nahezu alle Maßnahmen, die unsere gesamte Gesellschaft (geschlechter-)gerechter machen, ein direktes Vergewaltigungspräventionspotenzial haben.“

Mehr Infos:

*Unter der Überschrift „Vergewaltigung gibt es nicht“ hatte Mithu M. Sanyal schon 2012 einen Artikel im Missy Magazine, der leider nicht online steht, aber natürlich kritisch diskutiert wurde, hier ist eine Antwort von ihr auf entsprechende Kritik.

*Zur  Zeit arbeitet Mithu M. Sanyal an einer Kulturgeschichte der Vergewaltigung. Auf das Buch freue ich mich schon.

*Vor dem Thema Vergewaltigung hat sie sich mit der Vulva beschäftigt. Hier meine Rezension dazu.

*Für das Forum bzw-weiterdenken schrieb sie über Die Pornofizierung der Gesellschaft.

 

Feminismen heute

9783837626735_216x1000Im Transcript-Verlag ist vor einiger Zeit der Sammelband “Feminismen heute” erschienen, bei dem es etwas Zeit gebraucht hat, bis ich durch war, den ich aber allen empfehlen möchte, die sich mit den Entwicklungen und Veränderungen der Frauenbewegung beschäftigen. Es ist ein Sammelband, der auf eine Tagung zum Thema zurückgeht, und mit 28 unterschiedlichen thematischen Beiträgen entsprechend uneinheitlich.

Aber wenn sie auf einen Nenner gebracht werden sollten, dann wäre es vermutlich der, die in den 1970ern entwickelten Ansätze des radikalen Feminismus heute, vierzig Jahre später, zu aktualisieren. Großen Raum nimmt dabei die Auseinandersetzung mit Differenzen ein, eine Korrektur der damals doch verbreiteten Annahme, es gebe ein “Wir” der Frauen mit gemeinsamen Interessen, die die Frauenbewegung zu verteidigen hätte.

Dass Feminismus hingegen gerade die Differenzen unter Frauen nicht nur ernst nehmen, sondern sogar ins Zentrum stellen sollte, wird in dem Sammelband mit Beiträgen zu Schwarzem feministischem Denken, Queerfeminismus, muslimischen Positionen, Überlegungen zu Dis/Ability und so weiter deutlich.

In einem zweiten Kapitel werden verschiedene Themen behandelt, in denen neue feministische Entwicklungen und Analysen stattgefunden haben, wie etwa Medien, Mutterschaft, Körper, Ökonomie, Arbeitsmarkt, Recht, Medizin.

Am interessantesten fand ich diejenigen Texte, die bestimmte Überzeugungen des Feminismus der 1970er Jahre aufgreifen und einer kritischen Revision unterziehen, wie zum Beispiel der Text von Mithu M. Sanyal über Vergewaltigung, bei dem sie darauf aufmerksam macht, dass die allzu eindeutige Konstruktion von Frauen als Opfern und Männern als Tätern auch eine Verfestigung von Stereotypen war und das Ganze komplexer gesehen werden muss. Ebenfalls lesenswert sind die Reflektionen zur Konzeption von feministischen Projekten wie Frauenhäusern oder Mädchenarbeit.

Wie gesagt: Ich finde, eine unverzichtbare Lektüre für alle, die sich mit feministischen “Trends”, mit Gleichstellungspolitik oder ähnlichem beschäftigen.

Mehr Infos dazu auch in einer Rezension von Bettina Kruse.

Yvonne Franke, Kati Mozygemba, Kathleen Pöge, Bettina Ritter, Dagmar Venohr (Hg): Feminismen heute. Positionen in Theorie und Praxis. Transcript 2014, 395 S., Print: 29,99 Euro, E-Book: 26,99 Euro.