Arendt, Eigentum, Austerity – neue Episode von “Besondere Umstände”

Benni und ich haben heute morgen wieder gepodcastet.  Endlich haben wir dabei mal Hannah Arendts Vita Activa abgehandelt, dann über Eigentum und Besitz gesprochen, über #merkelstreichelt und über den IAFFE-Kongress feministischer Ökonominnen in Berlin und Austeritätspolitik.

Eingestiegen sind wir aber mit einer Idee, die uns kürzlich kam: Dass es eigentlich schön wäre, wenn es die Podcasts auch als Buch geben würde. Vielleicht hilft uns jemand beim transkribieren? Über die Idee reden wir ganz am Anfang – sozusagen “Crowd-doing” statt “Crowd-funding” :))

Hier gehts zum Podcast

Ehe nach Bedarf

Editorial: Diesen Text schrieb ich für die aktuelle Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik, wo er jedoch im bezahlpflichtigen Teil steht. Ich darf ihn aber auch hier veröffentlichen, was außerdem den Charme hat, dass Ihr kommentieren könnt! Voilà!

Die Öffnung der Ehe für schwule und lesbische Paare hat in den letzten Wochen starken Aufwind bekommen: Zuerst stimmten Ende Mai bei einem Referendum 62 Prozent der Irinnen und Iren für die sogenannte Homo-Ehe, kaum einen Monat später entschied der Oberste Gerichtshof der USA, dass jene Bundesstaaten verfassungswidrig handeln, die gleichgeschlechtlichen Paaren die Ehe verweigern.

Es ist unübersehbar, dass die Zustimmung zur „Ehe für alle“ – ein Ausdruck, der vielerorts die marginalisierende Bezeichnung „Homo-Ehe“ ersetzt hat – inzwischen weitgehend Mainstream ist. Unmittelbar nach der Entscheidung des Supreme Court schaltete Facebook ein Regenbogen-Feature frei: Mit nur einem Klick konnten Nutzerinnen und Nutzer ihre Profilbilder mit einem Regenbogenverlauf unterlegen und damit symbolisch ihrer Freude Ausdruck verleihen. Ganze Timelines verwandelten sich in regelrechte „Gay-Marriage“-Manifestationen.

Ein weiteres Symbolbild, das in den vergangenen Wochen durch die sozialen Netzwerke gereicht wurde, war ein Postkartenspruch: „Was wird sich für heterosexuelle Paare ändern, wenn Homosexuelle heiraten dürfen?“ Antwort: „Nichts!“ Seine Beliebtheit erklärt, warum die Zustimmung in der Bevölkerung zur Gleichstellung schwuler und lesbischer Paare so groß ist: Sie ist nicht revolutionär gemeint, sondern versteht sich als antidiskriminierende Maßnahme, durch die sich buchstäblich „nichts“ ändert. Aber ist das wirklich so? Und vor allem: Ist das gut oder schlecht?

Wenn man sich die historische Entwicklung des Konstrukts „Ehe“ anschaut, wird deutlich, dass die jetzige Öffnung für gleichgeschlechtliche Paare mit einer Veränderung zusammenhängt, die nicht politischer, sondern technologischer Natur ist: die Erfindung der In-Vitro-Fertilisation, also der Möglichkeit, ohne Geschlechtsverkehr Schwangerschaften zu erzeugen. Die In-Vitro-Fertilisation ermöglicht es lesbischen Frauen, schwanger zu werden, ohne mit einem Mann zu schlafen. Und sie ermöglicht es schwulen Männern in vielen Ländern der Welt, ihren Kinderwunsch mit sogenannten Leihmüttern auf vertraglicher Basis – oft gegen Geld – zu verwirklichen. Kinderhaben ist heute nicht mehr an Sex gebunden.

Die Geschichte der Ehe

Historisch betrachtet regelt die Institution Ehe die Verantwortlichkeiten im Fall von Elternschaft. Vor der Erfindung der In-Vitro-Fertilisation war sie daher logischerweise heterosexuell ausgelegt: Geschlechtsverkehr zwischen einer Frau und einem Mann war lange Zeit die einzige Möglichkeit, eine Schwangerschaft hervorzubringen. Kurz gefasst stellte die Ehe sicher, dass Männer die Frauen, die von ihnen schwanger wurden, mit der Versorgung des Kindes nicht allein lassen. Gleichzeitig bekamen Ehemänner für diese Verantwortungsübernahme in patriarchalen Kulturen zahlreiche Privilegien zugestanden. Wenn sich Elternschaft heute aber nicht mehr notwendigerweise durch gemeinsamen Sex konstituiert, dann gibt es auch keinen Grund, warum die Ehe auf heterosexuelle Paare beschränkt bleiben sollte.

Dass die Ehe vom Prinzip her kein Institut zur Regelung von Sexualität und romantischer Liebe ist, sondern das regeln sollte, was heute Care-Arbeit genannt wird – also die private, nicht erwerbsmäßige Versorgung hilfsbedürftiger Menschen (in diesem Fall von Kindern) –, wird auch darin deutlich, dass sie in vielen Kulturen weder monogam angelegt war noch auf individueller Zuneigung oder gar „Liebe“ gründete. Die Ehe hat fast überall auf der Welt in erster Linie rechtliche und ökonomische Aspekte. Dass vor allem an Ehefrauen der Anspruch gestellt wurde, sexuell nur mit ihrem Ehemann zu verkehren, hatte weniger mit Vorstellungen von Treue und Hingabe zu tun, sondern sollte sicherstellen, dass Männer nicht für die Kinder anderer Männer aufkommen müssen.

Die Vorstellung, dass Eheleute einander wechselseitig als Individuen mögen, sich sogar lieben, ihre Beziehung als lebenslang und exklusiv verstehen, ist stark vom Christentum geprägt. Als solche hat sie vor allem in Europa und den USA die ideologischen Grundlagen geschaffen, auf denen bis heute über das Thema diskutiert wird. Funktioniert hat das in der Realität meist nur so mittelgut. Auch in Europa war es weithin üblich, dass Ehen nicht aus Liebe, sondern aus politischem Kalkül geschlossen wurden. Die gesamte Minnetradition lebt von der Unterscheidung zwischen Ehe und Liebe: In der europäischen Liebesliteratur gilt beides bis zur Romantik als zweierlei, eben genau deshalb, weil sich in der Ehe politische und ökonomische Interessen ausdrücken, die mit „wahrer Liebe“ zumeist unvereinbar sind.

Erst die Romantik hat der Idee der gefühlsbetonten und lebenslangen Zweierbeziehung Auftrieb gegeben und das Bild des idealen, zu einer Einheit verschmolzenen Paares entworfen. Es sollte alles in sich vereinen: Freundschaft, sexuelle Leidenschaft, gemeinsame Interessen, Kinder, lebenslange Verbundenheit. Das Ideal ist bis heute höchst wirksam und gibt neuerdings eben nicht nur für heterosexuelle Paare die Maßstäbe vor, sondern auch für homosexuelle.

Dabei hätte es auch anders kommen können. Viele schwule Männer aus der Beatnik-Bewegung der 1950er Jahre verbanden mit ihrem selbstbewussten Bekenntnis zum Spaß am Sex mit anderen Männern keineswegs die Idee, diese deshalb heiraten zu wollen. Sie waren vielmehr recht zufrieden damit, gleichzeitig auch Ehefrauen zu haben, die die Kinder versorgten und für die sie – mehr oder weniger zuverlässig – finanziell aufkamen.[1] Eigentlich naheliegend, denn schwuler Sex hat ja eben mit Schwangerwerdenkönnen nichts zu tun.

Sex und Ehe voneinander zu trennen, ist weder absurd noch originell. Es gibt durchaus Kulturen, die es traditionell so handhaben, zum Beispiel die Mosuo in China: Frauen und ihre Kinder leben dort in mütterlichen Clans, während die männlichen Sexualpartner nur „zu Besuch“ kommen. Auch dort haben Kinder männliche Bezugspersonen, allerdings nicht ihre biologischen Väter, sondern ihre Onkel, die im selben Haushalt mit ihnen und ihren Müttern leben.[2]

»Ehe für alle« stärkt die Institution Ehe an sich

Dass sich die Schwulen- und Lesbenbewegung mehrheitlich für die Übernahme des heterosexuellen Ehemodells entschieden hat, war also keineswegs zwangsläufig und lässt sich ohne die nach wie vor starke Verankerung des christlich inspirierten romantischen Zweisamkeitsideals kaum erklären. Das könnte auch ein Grund dafür sein, warum der Aktivismus für „Homo-Ehen“ in vielen anderen Regionen der Welt nur sehr zögerlich Zustimmung findet. Doch auch im christlich geprägten Westen ist die Begeisterung über den Zugang zur Ehe nicht ungeteilt. Es gibt – neben jenen Kritikern, die auf das christliche Familienbild, bestehend aus Mann und Frau, verweisen – zahlreiche Aktivisten und noch mehr Aktivistinnen, die den Kampf für eine „Ehe für alle“ als stabilisierende Anpassung kritisieren. Er würde nicht von gesellschaftskritischen Impulsen getragen, sondern reklamiere lediglich unberechtigte Privilegien auch für sich selbst.[3]

Dass die Ausweitung der traditionellen christlich-romantischen Ehe auf schwule und lesbische Paare die Institution Ehe symbolisch stärkt und stabilisiert, ist offensichtlich. Fraglich ist aber, ob dies langfristig funktionieren wird. Und zwar nicht in erster Linie deshalb, weil Ehen häufig scheitern, sobald Trennungen nicht mehr mit einem starken sozialen Stigma belegt sind. Sondern weil sich längst neue Formen des gemeinsamen Lebens und Wirtschaftens herausbilden, die für viele Menschen attraktiver sind.

Unter dem Stichwort „Co-Parenting“ wird etwa das Phänomen diskutiert, dass Menschen sich auch außerhalb von romantischen Zweierbeziehungen dazu entscheiden, gemeinsam für Kinder Verantwortung zu übernehmen.[4] Das können zum Beispiel Singles sein, die zwar Eltern sein möchten, aber keine Liebesbeziehung führen wollen. Oder auch lesbische und schwule Paare, die gemeinsam Kinder zeugen und die Elternschaft als Gruppe leben.[5] Oder „normale“ heterosexuelle Elternpaare, die die Verantwortung für ihre Kinder mit anderen befreundeten Menschen auf eine verbindliche Weise teilen.[6] Oder polyamore Beziehungsgruppen, also Menschen, die nicht zu zweit, sondern zu mehreren eine Liebesbeziehung führen und in dieser Konstellation Eltern werden.[7] Inzwischen gibt es sogar mit „Familyship.org“ eine Art Kontaktbörse für „Menschen, die auf freundschaftlicher Basis eine Familie gründen“ wollen. Diese Lebensformen sind auch eine Folge davon, dass zahlreiche Scheidungen längst solche „Patchworkfamilien“ hervorgebracht haben. Heute „überspringen“ manche eben gleich das Stadium der Ehe davor.

Während einerseits neue Familienformen rund um das Leben mit Kindern entstehen, nimmt andererseits das Bedürfnis ab, eine simple Zweierbeziehung durch eine Eheschließung zu bekräftigen. Dass Menschen Sex miteinander haben oder zusammenleben, ohne verheiratet zu sein, ist heute völlig normal. In Frankreich wählen zahlreiche Paare, die ihre Beziehung vertraglich regeln wollen, nicht die Ehe, sondern einen abgespeckten Pacte civil de solidarité, der ursprünglich für gleichgeschlechtliche Paare eingeführt wurde, aber inzwischen auch bei Heterosexuellen sehr beliebt ist.[8]

Wenn heutzutage traditionell geheiratet wird, dann steht oft das Ereignis als solches, die schöne Feier im Vordergrund und nicht ein Bekenntnis zu lebenslanger Treue oder der Wunsch nach gemeinsamen Kindern. Längst sind auch hier Eheverträge Standard, die die rechtlichen Implikationen einer Ehe teilweise wieder aufheben – etwa die Gütergemeinschaft. Auch von politischer Seite werden die klassischen Verbindlichkeiten einer Ehe sukzessive relativiert, etwa mit der Abschaffung des Unterhaltsanspruchs für ehemalige Ehepartnerinnen, sofern sie nicht gemeinsame Kleinkinder versorgen.

Sorgegemeinschaften sind die zeitgemäßen Ehemodelle

Die gegenwärtige Ehe entfernt sich somit zunehmend von ihrem ursprünglichen Sinn: Viele Familienkonstellationen, die verbindliche Sorgegemeinschaften mit Kindern bilden, bleiben vom Genuss ehelicher Privilegien ausgeschlossen, während andererseits der Wunsch zu heiraten nicht unbedingt mit dem Bedürfnis einhergeht, Kinder zu haben und langfristig eine echte Wirtschaftsgemeinschaft zu bilden.

Das Thema wird noch komplexer, wenn man sich klarmacht, dass die traditionelle Aufgabe von Ehen, nämlich Care-Arbeit in nahen Beziehungsstrukturen zu ermöglichen und dafür rechtliche, finanzielle und soziale Rahmenbedingungen zu schaffen, sich nicht nur auf die Versorgung von Kindern beschränkt. Angesichts des demographischen Wandels gewinnen auch andere Bereiche, etwa die gegenseitige Unterstützung bei Krankheit oder Pflegebedürftigkeit, an Bedeutung.

Wenn konservative Gegnerinnen der „Homo-Ehe“ wie die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer daher einwenden, dann könne man ja gleich auch Inzest und Polygamie erlauben, besteht eigentlich wenig Anlass, dieses Szenario als propagandistisch und absurd zurückzuweisen. Vielmehr könnte man zurückfragen: Warum eigentlich nicht?

Das wird besonders deutlich am deutschen Ehegattensplitting. Es wird von kritischen Stimmen in der Regel mit dem Argument abgelehnt, es gebe keinen Grund, kinderlose Ehepaare finanziell zu fördern, zumal damit ein Anreiz für Frauen verbunden ist, auf Erwerbsarbeit zu verzichten. Aber aufgrund der Notwendigkeit von Care-Arbeit ist es wichtig, dass Menschen die Möglichkeit haben, auf Erwerbsarbeit zu verzichten, wenn sie Zeit brauchen, um für Andere Sorgearbeit zu leisten – seien es Kinder, Kranke oder Pflegebedürftige. Das wirtschaftsliberale Credo, dass alle „für sich selbst sorgen“ müssen, bedeutet konkret den Zwang zur Erwerbsarbeit für alle und lässt die Frage offen, wer dann unter welchen Bedingungen die notwendige unbezahlte Care-Arbeit erledigen soll.[9]

Insofern wären Überlegungen zu einer „Ehe für wirklich alle“ durchaus sinnvoll. Sie können sich aber nicht länger an der Frage festmachen, wer mit wem Sex hat oder wer mit wem eine romantische Liebesbeziehung führt. Beim heutigen Stand von Geburtenkontrolle und Reproduktionstechnologie ist die Frage, wer mit wem schläft und wer wen liebt, tatsächlich Privatsache, die die Gesellschaft und den Staat nichts angeht. Mit der Frage, wer für wen sorgt und wer mit wem eine verantwortliche – auch ökonomische – Lebensgemeinschaft eingeht, hat sie nicht mehr notwendigerweise etwas zu tun.[10]

Genau an dieser Frage aber haben sich zeitgemäße „Ehemodelle“ – inklusive finanzieller Vergünstigungen und rechtlicher Sicherheit für diese Modelle – zu orientieren: Sie müssen generationenübergreifende Gemeinschaften fördern, in denen Menschen verbindlich füreinander sorgen und sich langfristig für andere verantwortlich fühlen, auch ökonomisch. Wenn man die historischen Wurzeln der Ehe berücksichtigt, dann ist das auch kein so neuer Gedanke – im Gegenteil.

 

[1] Vgl. Brenda Knight, Women of the Beat Generation, Newburyport 1998, insbesondere S. 62 ff.

[2] Vgl. Lugu Lake Mosuo Cultural Development Association, www.mosuoproject.org.

[3] Vgl. z.B. Nadine Lantzsch, Ehe abschaffen! Und bis dahin Eheprivilegien umverteilen, www.maedchenmannschaft.net, 1.7.2015.

[4] Vgl. Louise Carpenter: Echte Wunschkinder, in: „der Freitag“, 29.1.2014.

[5] Vgl. Ute Zauft, Der Traum vom Kind, in: „Der Tagesspiegel“, 30.6.2015.

[6] Vgl. zum Beispiel das Blog „Gemeinsam Eltern“, http://gemeinsameltern.blogsport.de.

[7] Vgl. Lisa Seelig, Vater, Vater, Mutter, Kind, www.zeit.de, 7.12.2010.

[8] Vgl. Katrin Rönicke, Lass uns einen Pakt schließen, in: „der Freitag“, 18.6.2015.

[9] Auch wenn es möglich ist, Teile der ehemals von „Hausfrauen“ unbezahlt geleisteten Arbeit in Erwerbsarbeit zu überführen, so ist das aus verschiedenen Gründen nicht für das gesamte Volumen der notwendigen Care-Arbeit eine Lösung. Vgl. dazu Ina Praetorius, Wirtschaft ist Care, Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2015 (kostenloser Download unter www.boell.de) sowie Gabriele Winker, Care Revolution, Bielefeld 2015.

[10] Vgl. dazu Or Kasthi, Elderly sisters fight to be legally recognized as a „couple“, in: „Haaretz“, 3.7.2015.

(aus: »Blätter« 8/2015, Seite 9-12)

 

Der (zweifelhafte) Nutzen von Statistik

Der erste Workshop, den ich bei der IAFFE-Konferenz besuchte, hatte das Thema „Gendered Fields: Women’s Labor in Agriculture“ und bestand vor allem daraus, dass Feldstudien vorgestellt wurden: Els Lecoutere sprach über den Zusammenhang zwischen veränderten Geschlechterrollen und einer Intensivierung der Kaffeeproduktion in einem kleinen Dorf in Uganda, Jing Liu hatte die Versuche der chinesischen Kommunisten untersucht, unter der Landbevölkerung mehr Gleichberechtigung einzuführen (am Beispiel einer Landkommune in den 1970er Jahren). Billy Nyagaya stellte eine Studie vor über die geschlechtsspezifischen Unterschiede zwischen Mangoproduzentinnen und Mangoproduzenten in einem Dorf in Kenia, und Jennifer Twyman hatte untersucht, welchen Anteil das Einkommen auf die Entscheidung von Frauen und Männern in einer bestimmten Region Kolumbiens hat, in Haushalten oder auf dem Feld zu arbeiten.

Die Kurzvorträge waren alle sehr statistisch basiert, und da ich mich mit Statistik nicht sonderlich auskenne, hab ich nicht so wirklich alles im Detail verstanden. Interessant war aber anschließend die Diskussion darüber, wie solche Interviews vor Ort organisiert werden. Sollen Männer Männer und Frauen Frauen interviewen? Oder führt das zu „gender conforming“ Antworten? Sollen die Leute aus derselben Community kommen sie die Interviewer_innen (eher nicht, weil man dem Nachbarn ja über persönliche Dinge nichts erzählen will, andererseits müssen sie aber die Sprache können)…. Und so weiter. Feldforschung ist wirklich sehr komplex…

Ich habe mich allerdings gefragt, wozu solche Studien eigentlich gut sind. Denn in keinem Fall waren die Ergebnisse großartig überraschend. Solche Zahlen sind doch immer nur ein kleiner Baustein in einem sehr komplexen Gefüge. Dass zum Beispiel kolumbianische Männer mehr Geld angeboten kriegen müssen, um von der Feldarbeit zur Hausarbeit zu wechseln als Frauen ist doch keine Überraschung (überraschend höchstens für Leute, die an den Homo Oeconomicus glauben, denn kolumbianische Männer entscheiden über ihre Erwerbsorientierung offenbar höchst irrational: Selbst wenn sie dort ein Vielfaches verdienen würden, würden sie nicht von der Feldarbeit zur Hausarbeit wechseln).

Interessant fand ich auch die Mango-Studie aus Kenia. Denn einerseits gab es das erwartbare Ergebnis, dass Frauen, die Mangos produzieren, nicht so gute Preise erzielen wie die Männer und häufiger von Zwischenhändlern abgezockt werden. Und natürlich ist es gut, wenn so eine Studie dazu dient, Programme anzustoßen, die Frauen besser über Marktpreise und Absatzmöglichkeiten informieren und so weiter. Andererseits fand ich die Unterschiede nun auch wieder nicht so dramatisch groß, vor allem angesichts der Tatsache, dass laut Billy Nyagaya die Mangoproduktion in dieser Region eine historisch männliche Tätigkeit ist.

Whatever: Ich bleibe bei meiner Meinung, dass Studien und statistische Untersuchungen überbewertet werden. Und dass es durchaus ein Problem ist, dass solche „empirische“ Forschung mit viel mehr Geld gepampert wird als analytische, spekulative, ideenproduzierende Arbeiten.

 

Vom Kolonialismus zur Care-Migration – Keynote von Joan Tronto

Hier Teil 2 meiner Notizen zum IAFFE-Kongress in Berlin: Über die Keynote von Joan Tronto über die globalen Aspekte von Care. Tronto ist Professorin an der University of Minnesota und eine Pionierin der feministischen Forschung zum Thema Care. Dabei besonders interessant für mich, weil sie dabei ökonomische und politische  Fäden zusammenbringt (ihr jüngstes Buch heißt zum Beispiel „Caring Democracy“ und ich habe es unverzeihlicherweise noch nicht gelesen).

In ihrer Keynote stellte sie die Frage, die hier im Blog auch schon vorkam, nämlich: Wer macht die unbeliebten Arbeiten? Dabei zog sie eine Linie von der Kolonialisierung zur heutigen Care-Arbeits-Migration. Erstmal in Zahlen: 300 Millionen „zählbare“ globale Care Workers gibt es weltweit, dabei sind aber noch nicht mitgezählt Flüchtlinge, die teilweise ebenfalls Care Arbeit leisten (aber eben nicht speziell zu diesem Zweck migriert sind), sowie inländische Care-Migrant_innen, wenn also zum Beispiel Care Workers aus ländlichen Bereichen Chinas in chinesische Städte gehen.

IMG_5382Zur Theorie: Tronto verfolgte die Wurzeln der heutigen Care Thematik zu den Anfängen der Moderne zurück, erstmal zu „Utopia“ von Thomas Morus. In seinem Entwurf für eine egalitäre, utopische Gesellschaft beantwortete er die Frage, wer denn dort die unbeliebten Arbeiten macht, mit: Sklaven. Aber die Sklaven kämen eben ja freiwillig nach Utopia, weil in ihren Herkunftsländern so schlechte Lebensbedingungen wären, dass es ihnen selbst als Sklaven in Utopia noch besser gehe als zuhause. Ring some bells!

Zweite Wurzel: Der westliche Diskurs über Arbeitsteilung. Die Kolonialisierung wurde häufig damit gerechtfertigt, dass der Westen den „Wilden“ die Zivilisation bringe. Gleichzeitig waren westliche Ökonomen der Ansicht, eine fortgeschrittene Arbeitsteilung sei ein Zeichen für Zivilisation (Adam Smith’s famous pin factory, vor allem aber vertrat Durkheim diese Auffassung). Und natürlich ist es eine tolle Arbeitsteilung, wenn die die einen Bücher schreiben und die anderen den Dreck wegputzen. „Zivilisatorischer Fortschritt“ und die Auslagerung von Care-Arbeit an „tieferstehende“ Menschen haben also eine logische gemeinsame Wurzel in einer verqueren westlichen Vorstellung von Ökonomie. Somit ist die Versklavung anderer Menschen auch eigentlich keine Verirrung der europäischen Moderne, sondern hängt mit ihr logisch zusammen.

Die heute übliche Rede von den „Globalen Care Ketten“ kritisierte Tronto ein bisschen, weil dabei oft die Vorstellung mitschwinge, dass der „richtige“ Platz einer Mutter bei ihren Kindern sei – das ist natürlich auch das Argument, mit dem sich am Mainstreamdiskurs am besten anschließen lässt. Aber der entscheidende Punkt ist natürlich nicht die Frage, wo der „richtige“ Ort einer Frau ist, sondern wo der Ort ist, an dem sie selbst sein möchte. Ein Kriterium, so Tronto, sei es, zu untersuchen, ob Menschen freiwillig und in Kenntnis aller Umstände migrieren, oder ob sie dazu gezwungen sind. Und zwar nicht nur gezwungen durch Armut und politische Umstände, sondern es müsste auch untersucht werden, wer in den betreffenden Familien eigentlich die Entscheidung trifft, ob eine Frau ins Ausland geht (zum Beispiel eine Tochter).

Und, wie eine Teilnehmerin aus Uganda anfügte, ob die Vermittlungsagenturen mit offenen Karten spielen. Viele junge Leute würden aus Afrika mit falschen Versprechungen abgeworben, aber wenn ihnen dann klar wird, dass sie in Europa nicht das vorfinden, was sie erhofft hatten, könnten sie oft nicht mehr zurück, weil sie all ihren Besitz verkauft und Beziehungen abgebrochen hätten.

Aber auch für die „Importeure“ von Care-Arbeit in Europa und USA sieht Tronto Gefahr: „Was wird aus Kindern, die in dem Bewusstsein aufwachsen, dass sie ein Recht darauf haben, von anderen versorgt zu haben?“ Sie gewöhnen sich daran, dass es eine „minderwertige“ Sorte von Menschen gibt, die nur teilweise politische und soziale Rechte haben, was die demokratische Grundbasis zerstört.

Neben der Antwort „Sklaven“ hat die westliche Philosophie freilich noch zwei andere Antworten auf die Frage gegeben, wer denn die unbeliebten Arbeiten tun soll, nämlich „Technologie“ (John Stuart Mill) oder „Vergesellschaften und Industrialisieren“ (Engels, aber auch z.B. Angela Davis). Beide Antworten erfreuen sich bis heute unter Linken recht großer Beliebtheit. Joan Tronto fragt was anderes: Ist Effizienz wirklich der richtige Maßstab, um Care Arbeit zu organisieren?

Sie fordert stattdessen eine demokratische Care-Politik, was bedeutet: Zuständigkeiten für Care-Arbeit zuweisen und die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass die Menschen diesen Verantwortlichkeiten auch nachkommen können. Sie meine damit nicht eine vollständige Gleichverteilung (sondern? Ich vermute: Eine sinnvolle, da könnte ich mit leben). Kurzfristige politische Ziele könnten sein: Arbeitsrechte für Care-Arbeiterinnen installieren, keine Formen von „teilweiser“ Citizenship dulden, neue Arten entwickeln, um ökonomischen Gewinn und Wohlstand zu definieren.

Ich fand den Vortrag sehr gut, würde allerdings anmerken, dass das System der „Abwälzung“ der Care Arbeit auf „Andere“ deutlich älter ist als der Kolonialismus. Sklaverei gab es ja auch schon in der Antike, und auch im Mittelalter haben nicht alle Leute ihre Dreck selber weggeputzt. Just saying…

In the moment of crisis, all things become possible

Diesmal ein typischer Tagebuch-Eintrag, um meine spontanen Eindrücke von der IAFFE-Konferenz in Berlin festzuhalten (IAFFE = International Association for Feminist Economics). Es sind ungefähr 370 Ökonominnen (darunter auch einige Männer) dort, von überall auf der Welt. Ich werde meine verschiedenen Erkenntnisse nach und nach hier verbloggen. Nur zur Sicherheit: Es sind keine Berichte von den Veranstaltungen, ich schreib bloß hier auf, was mir persönlich wichtig erschien oder zu denken gab.

Zum Eröffnungspanel über „Gender Equality in Europa“ kam ich etwas zu spät, ich hörte aber noch den Beitrag von Sylvia Walby (UNESCO Chair of Gender Research), die sagte, dass der Finanzmarkt dringend (wieder) mehr politisch reguliert werden müsse. „Finance“ sei die Ursache der Krise, die sich dann auf die Realwirtschaft, die Steuerpolitik und zuletzt auf die Demokratie selber ausgebreitet hat. Sie forderte uns auf, uns stärker mit Finanzpolitik zu beschäftigen. Die käme zwar immer „geschlechtsneutral“ daher (geht ja nur um Zahlen), sei aber in Wahrheit zutiefst „gegendered“. Finanzkrisen seien nicht einfach „Realität“, sondern ein „soziales Konstrukt“, ein Narrativ. (Dazu passt gut ein Artikel von Carolin Ehmke von heute).

Krise sei dabei aber nicht nur schlimm: „In the moment of crisis, all things become possible“. Zum Beispiel, lass mal träumen: „Gender Balance“ würde nicht länger nur als quotierte Beteiligung von Frauen an Entscheidungsprozessen verstanden, sondern in den Zielbeschreibungen aller europäischen Institutionen drin stehen. Es wäre Bestandteil von Effizienzdefinitionen (alles, was keine Gender Equality hervorbringt, ist ineffizient), Gender Budgeting (also die Evaluation der Auswirkungen sämtlicher (Finanz-)Entscheidungen in Bezug auf Geschlecht) wäre obligatorisch. Jedenfalls sei es sinnlos, davon zu sprechen, dass es einen Zusammenhang von Krise und Gender gäbe, da „Gender“ im Zentrum der Krise steht.

Allerdings, die Europäische Union. So wie sie sich in letzter Zeit benommen hat, kann man ja kaum noch glauben, dass sie solche „großen issues“ überhaupt bewältigen könnte. Anderseits, fragte Walby: „Wenn nicht mal Syriza die EU als Projekt aufgegeben hat, wieso sollten wir das tun?“ Klar ist, dass es bei einem feministisch-ökonomischen Blick auf Europa nicht bloß um „Gender- und Gleichstellungsgesetze“ gehen kann, sondern um alles gehen muss, und speziell und vor allem eben auch um die europäische Finanz- und Steuerpolitik.

Der zweite Vortrag, den ich hörte, war der von Daniela Bankier, „Head of Unit Gender Equality bei der Europäischen Kommission“. Sie war, wie es wahrscheinlich zu ihrem Job gehört, relativ enthusiastisch über den in der EU erreichten Grad an Gender Equality. Es gebe natürlich auch Defizite, Gender Pay Gap und so weiter (variiert zwischen 7 und 30 Prozent in den verschiedenen Ländern), aber keinen Backlash aufgrund der Krisen in den letzten Jahren. Das ist wahrscheinlich zutreffend, was die „Gender Equality“ betrifft, aber das Problematische an der Entwicklung spielt sich halt auch nicht entlang der Linie Frauen/Männer ab, sondern an der Linie Arm/Reich.

Aufgeschrieben habe ich mir von ihr noch den Satz „Good politics can be effective!“ – den muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Zu sagen, dass Politik möglicherweise wirksam sein kann, ist heute offenbar schon eine steile These.

Überhaupt war das wohl das Resumée aus dem ersten Panel: Die Erwartung, dass tatsächlich Politik gemacht wird, dass in Europa politische Ziele und Werte diskutiert und umgesetzt werden.

Das hatte ich ja neulich schon auf Facebook geschrieben: Die „linke“ These, dass es keine Politik mehr gebe, sondern die Wirtschaft heutzutage alles bestimme (und die Politik nur deren Handlanger sei), halte ich für eine falsche Analyse, oder vielleicht war sie zu Schröder/Blair Zeiten mal richtig, heute – spätestens seit der Bankenrettung – ist sie es nicht mehr. Das war auch der Fehler von Varoufakis, zu glauben, in der europäischen Debatte gehe es darum, irgendwie eine vernünftige Lösung für ein ökonomisches Problem zu finden. Es geht um Politik, um Macht, um Besitzstandwahrung von Eliten.

Die Frage ist also, ob es mit der Europäischen Union nochmal gelingt, eine sinnvolle Politik zu machen. Das Dilemma ist: Es gibt kaum Grund zur Hoffnung, allerdings ist auch keine andere politische Ebene außer Europa denkbar. Daher gibt es wohl kaum eine andere Möglichkeit, als auf europäischer Ebene weiter zu machen. Vielleicht muss der Anstoß dazu tatsächlich aus „der Wirtschaft“ kommen; die feministischen Ökonominnen jedenfalls scheinen dafür schonmal gute Bündnispartnerinnen zu sein.

Über welchen Kanal hätten Sie’s denn gerne?

Grade fragte das Nuf auf Twitter nach Unter-20-Jährigen, die eine Meinung zu dem LeFloid-Interview mit Merkel hätten (zu dem sie schon was Feines gebloggt hatte) – und dabei fiel mir ein, dass ich ja einen Unter-20-Jährigen kenne, den ich fragen kann (meinen Neffen). Also dachte ich, ich frag ihn mal.

Um mit meinem Neffen zu kommunizieren, gibt es genau eine Möglichkeit: Snapchat. Ich also Frage hin, Antwort zurück, zackzack in drei Minuten erledigt (hat das Interview gesehen, fand es gut, hat Verständnis dafür, dass LeFloid nicht allzu kritisch gefragt hat, weil er ja sicher froh gewesen wäre, ein Interview mit ihr machen zu dürfen). (Update: Lesenswert zu dem Interview auch was Johnny Haeusler schreibt.)

Für mich ist das jetzt der Anlass, mal über was anderes zu bloggen, das mir schon länger im Kopf herum geht: Nämlich die zunehmende Diversifizierung der verfügbaren Kommunikationskanäle und die damit einhergehende Notwendigkeit, für die jeweilige Person, mit der man kommunizieren will, den richtigen Kanal zu wählen.

Snapchat habe ich praktisch nur für Neffe 1, mit Neffe 2 muss ich WhatsApp nehmen. Meine chinesischen Bekannten erreiche ich nur über WeChat. Telefonieren geht natürlich immer, aber so unhöflich bin ich nun nicht, Leute einfach telefonisch zu belästigen, wenn es nicht was ganz Dringendes ist – Anrufen ist doch fast so aufdringlich, wie einfach ohne Voranmeldung an der Tür zu klingeln. Abgesehen natürlich von denen, die sehr gerne telefonieren und auch sehr gerne von mir angerufen werden wollen.

E-Mails sind zunehmend out, es sei denn, man möchte Leute über etwas pro Forma informiert haben ohne wirklich eine Reaktion von ihnen zu wünschen. Es gibt nämlich immer mehr Leute, die ihre E-Mails gar nicht lesen beziehungsweise grundsätzlich nicht darauf reagieren (mein Neffe ist da keine Ausnahme). Erst diese Woche wieder ging es um eine Verabredung, die schon länger feststand. Keine Reaktion auf die nachfragende Mail, ob es dabei denn bleibt, aber instantaneous Antwort via Twitter.

Bei anderen Menschen funktioniert dasselbe über Facebook, und zwar besonders bei Firmen oder Organisationen. Wochenlang hatte ich etwa vergeblich versucht, eine Presse-Akkredition für einen Kongress nächste Woche zu bekommen, aber keine oder nichtssagende Antworten. Als ich die Verantwortlichen über Facebook kontaktierte, ging es plötzlich ratzfatz.

Andererseits sind da immer noch sehr viele, die überhaupt nur via E-Mail erreichbar sind, weil sie Social Media generell verweigern. Und dann gibt es natürlich auch noch die Leute, die gar kein Internet haben und denen man Postkarten schreiben muss.

Ich überlege ernsthaft, ob ich in meiner Adressen-Datenbank noch ein weiteres Feld einfügen muss, nämlich: “erfolgsversprechendster Kommunikationskanal”. Auswendig verliere ich nämlich so langsam die Übersicht.