Fremdheit als Erfahrungsraum

Muttersprache und koloniales Sprechen, die Bedeutung des Schweigens und die Chancen, die im Lernen einer fremden Sprache liegen – darum geht es in diesem Text der Diotima-Philosophin Elisabeth Jankowski, den ich ganz herzlich zur Lektüre empfehle: http://www.bzw-weiterdenken.de/index.php?m=artikel&rub=3&tid=161

Unbelehrbar bleiben!

Immer zuverlässig darin, unterschwellige Stimmungen knackig auf den Punkt zu bringen, hat die Bildzeitung gestern eine interessante Frage formuliert: „Ist Ypsilanti so unbelehrbar, weil sie eine Frau ist?“

In dem dazugehörigen Artikel erklärt dann die „Politikberaterin“ Gertrud Höhler, die ja schon lange mit der Mission unterwegs ist, Frauen die Spielregeln des Politbetriebes einzubleuen, warum Andrea Ypsilanti mit ihrem Vorhaben, Ministerpräsidentin von Hessen zu werden, ganz einfach scheitern musste: „Sie hat ihre Lektion nicht gelernt“.

Wer, frage ich da mal keck zurück, ist eigentlich der Schulmeister? Welche Lektionen genau sind es, die hier gelernt werden müssen, bevor eine sich politische Ambitionen erlauben darf?

Das hat an anderer Stelle ein alter Bekannter beantwortet: Joschka Fischer ließ über die Nachrichtenagenturen verbreiten, Ypsilanti habe „das Einmaleins der Koalitionsbildung“ nicht begriffen. Interessant, wie einer jetzt den Staatsmann gibt, der doch selbst mal dadurch berühmt geworden war, dass er sich allen Lektionen verweigert und in Turnschuhen den Amtseid zum hessischen Minister leistete.

Aber klar: Joschka Fischer ist ja auch ein Mann. Und als solcher gehört er, egal ob links oder rechts, egal ob angepasst oder revoluzzermäßig, ganz einfach quasi von Natur aus aufs politische Parkett. Eine Frau hingegen muss erst mal beweisen, dass sie das kann.

Angela Merkel übrigens kann es Fischer zufolge auch nicht. Ihre „Performance“ in der Finanzkrise hat ihm nicht gefallen. „Da bedarf es des festen Blicks nach vorn, einer starken Hand und zumindest des Eindrucks, dass sie weiß, wohin es geht“ schulmeisterte er weiter. Frau kann es eben niemals richtig machen. Die eine weiß viel zu genau, was sie will, und die andere weiß es nicht genau genug.

Ich habe ja schon an anderer Stelle darüber geschrieben, dass das politische Diskursphänomen, das wir derzeit unter dem Stichwort „Obama“ erleben (sogar meine kleinen Neffen sind schon Obama-Fans) nur möglich ist mit einem männlichen Protagonisten. http://www.bzw-weiterdenken.de/index.php?m=artikel&rub2=&tid=105

Und genauso ist das, was wir derzeit unter dem Stichwort „Ypsilanti“ als Mediendebatte erleben, nur möglich mit einer weiblichen Protagonistin.

Es ist allerdings schon lange her, dass die öffentliche Demontage einer Politikerin so offen sexistisch war wie das, was in den letzten Tagen – und nicht nur in der Bildzeitung – über Andrea Ypsilanti geschrieben wurde. Plötzlich ist sie an allem schuld, was in der hessischen SPD schlecht läuft. Dabei ist die, wie jede weiß, deren Gedächtnis weiter als ein paar Monate zurückreicht, schon lange in einem ziemlich desolaten Zustand. Völlig vergessen scheint plötzlich zu sein, dass es überhaupt nur der Strahlkraft von Andrea Ypsilanti und gerade ihrem „Anders-Sein“ zu verdanken war, dass sie bei den letzten Landtagswahlen so unverhofft gut abgeschnitten hat.

Ich frage mich also, worin die große Ypsilanti-Katastrophe eigentlich bestehen soll. Auf der Suche nach Verantwortlichen für den Niedergang der SPD würden mir jedenfalls erstmal etliche andere Namen einfallen. Ypsilanti hatte ganz einfach ein linkes, für hessisch-sozialdemokratische Verhältnisse sehr radikales Programm. Ungefähr die Hälfte ihrer eigenen Partei ist anderer Meinung als sie. Weil sie bei den Wahlen aber so gut Stimmen mobilisiert hat und auch mangels überzeugender Alternativen ließ man sie eine Zeitlang gewähren. Doch letztendlich hat sich herausgestellt, dass es für ihre politische Vorstellungen in der hessischen SPD keine Mehrheit gibt. Das mag man schade finden oder toll, je nachdem welcher Meinung man selbst ist, aber es ist doch ein ganz normaler Vorgang in einer Demokratie – jedenfalls nach meinem Verständnis von Politik. Aber vielleicht habe ich ja meine Lektionen auch noch nicht gelernt.

Ein Problem ist der „Fall Ypsilanti“ jedenfalls aus einem ganz anderen Grund, von dem ich bisher allerdings noch nirgendwo etwas gelesen habe. Er wird nämlich zur Folge haben, dass Frauen noch mehr die Lust verlieren, ein politisches Amt zu übernehmen. Bekanntlich ist das Interesse von Frauen, in die Politik zu gehen, ohnehin nicht sehr groß. Jedenfalls höre ich oft Klagen, man finde keine, die für Listen, Gemeinderäte, Positionen und dergleichen kandidieren wollen. Woran liegt das wohl? An den Frauen, die ihre Lektionen nicht lernen? Oder nicht vielleicht doch eher daran, dass es einfach keine große Freude macht, dauernd von Typen der Marke Fischer belehrt zu werden? Die sich sowieso nur für ihre eigenen Strategien interessieren und nicht dafür, was eine zu sagen hat?

Der „Fall Ypsilanti“ beweist, wieder einmal, dass Frauen in der Politik die Geduld eines Engels und die Dickfelligkeit eines Elefanten brauchen. Und darin sind wir eben nicht alle so gut, wie Angela Merkel. Und deshalb besteht wohl die Gefahr, dass die „offizielle“ Politik auch weiterhin eine Männer-Angelegenheit bleibt. Schade eigentlich, denn eine besonders gute „Performance“ gibt das aller Erfahrung nach nicht.

Ich für meinen Teil hoffe jedenfalls ganz fest, dass die Frauen, egal welcher Couleur, auch weiterhin schön unbelehrbar bleiben.

Fruchtbarer Kompost für das gute Leben aller

Hier ein aktueller Lesetipp: Dorothee Markert freut sich über die Kühnheit, mit der Ina Praetorius eine Theologie geschrieben hat, die nach allen Seiten hin offen bleibt aber dennoch Hand und Fuß hat: http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-7-158.htm