Die Vermännlichung der Welt

Frank Schirrmacher bei seiner Fastenpredigt in der Katharinenkirche. Foto: Rolf Oeser

Frank Schirrmacher bei seiner Fastenpredigt in der Katharinenkirche. Foto: Rolf Oeser

Hatte ich nur einen schlechten Tag als ich am Aschermittwoch den Gottesdienst zum Auftakt der diejährigen Fastenzeit und die Predigt von Frank Schirrmacher so schrecklich vermännlicht fand, oder ist das eine erschreckende Tendenz, vor der wir auf keinen Fall die Augen verschließen dürfen? Was geschieht, wenn immer mehr Frauen sich resigniert in ihre Nischen zurückziehen, weil sie die allgegenwärtige Dominanz des männlichen Habitus in der “Welt” nicht mehr ertragen?

Dazu habe ich einen Artikel im Online-Forum “Beziehungsweise weiterdenken” geschrieben. Bin mal gespannt, was Ihr davon haltet: http://www.bzw-weiterdenken.de/index.php?m=artikel&rub=2&tid=188

Luise F. Pusch: Der Kaiser sagt Ja

pusch_kaiserMit Sprachwitz und ironischem Augenzwinkern nimmt die feministische Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch regelmäßig die Absurditäten der „Männersprache“ Deutsch aufs Korn. Ihre Glossen publiziert sie wöchentlich im Internet – und für alle, die die Version auf Papier vorziehen, auch im Taschenbuchformat. Der neueste Band umfasst die Jahre 2007 und 2008 und begleitend kommentierend den Wahlkampf zwischen Barack Obama und Hillary Clinton, den Hype um die Serie „L-Word“ und das Jubiläum von 1968 und viele andere Ereignisse aus dieser Zeit. Und natürlich auch jene weltbewegende Wichtigkeit, bei der der „Kaiser“ Ja sagte und „seine Heidi“ heiratete. Ihre besondere Aufmerksamkeit richtet Pusch dabei aber auch auf die so genannte „ernste“ Kunst, und ist dabei oft auch für einen Lacher gut, beziehungsweise für eine Lacherin – wenn sie etwa zur Ausstellung „Der verbotenen Blick auf die Nacktheit“ nicht nur anmerkt, dass wirklich verboten nur der Blick auf die männliche Nacktheit ist: „Männer werden in der Kunst nicht beim Baden überrascht; vielleicht baden sie zu selten?“ Kurzum: Eine vergnügliche Lektüre, die außerdem auch noch lehrreich ist.

Luise F. Pusch: Der Kaiser sagt Ja – und andere Glossen. Wallstein Verlag, Göttingen 2009, 9,90 Euro

Wahrheit jenseits von Fakten Fakten Fakten

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Bildnisse der Bettine von Arnim haben Schülerinnen und Schüler des Bettina-Gymnasiums zu der Ausstellung im Goethehaus beigesteuert.

Weil es heute regnete, aber ich doch mal raus wollte, habe ich mir die Ausstellung über Bettine von Arnim im Frankfurter Goethehaus anlässlich ihres 150. Todestages angeschaut. Diese Frauenleben der Romantik üben auf mich immer eine merkwürdige und politisch eher unkorrekte Faszination aus: Bettine von Arnim müsste frau sein, dachte ich mir, als ich mir so ihre Lebenszeugnisse anschaute, so ganz ohne Verpflichtungen, Geldnöte, Arbeitsdruck, mit Zeit genug, um Unmengen von Büchern zu lesen – eigentlich alle wichtigen, die es zu ihrer Zeit gibt (und mir kam der Gedanke, wie schön es gewesen sein muss, in einer Zeit zu leben, als die Menge der lieferbaren Bücher so ziemlich überschaubar war. Ich habe derzeit einen ungefähr meterhohen Stapel neuer Verlagskataloge auf dem Schreibtisch…)

Die Ausstellung ist nicht spektakulär – drei Räume mit Bildern von Bettine selbst und Personen aus ihrer Umgebung, ein bisschen aus dem Lebenslauf (sie hatte 19 (!) Geschwister und Halbgeschwister, der Vater war dreimal verheiratet) und ein großer Raum mit Glasvitrinen, unter denen hauptsächlich aufgeschlagene Bücher von Arnim selbst bzw. Texten, die sich auf sie beziehen, liegen.

Etwas neidisch schlenderte ich also da hindurch und dachte mir, wie schön es wäre, so eine Universalgelehrte zu sein. Zu dichten und zu komponieren, mich mit einem eigenen Entwurf an den Diskussionen um ein neues Goethedenkmal zu beteiligen, mit den Machthabern zu korrespondieren (und von ihnen Antwort zu bekommen), soziale Projekte für die Armen anzuleiern, zwischendurch mit Herder oder Goethe oder sonst welchen Berühmtheiten Kaffee zu trinken oder zu korrespondieren und dann wieder politische Pamphlete zu verfassen über die Revolution oder über Polen, die dann auch noch in wichtigen Zeitungen abgedruckt werden, medizinische Studien anzustellen (eine Lanze für die Homöopathie zu brechen)…

Sicher, das ist alles ziemlich “romantisch”. Bettine von Arnim führte ja keineswegs ein “normales” Frauenleben zu ihrer Zeit sondern war in vielerlei Hinsicht ein Glückskind: Nicht nur stammte sie aus reicher Familie, sondern wuchs auch noch bei ihrer feministischen Großmutter Sophie de la Roche auf und war umgeben von Männern und Frauen, die auch ihre teilweise exzentrischen Ideen ernst nahmen. Wahrscheinlich hatte auch sie so ihre Probleme, allerdings hat die Ausstellung keine angesprochen und ich selbst bin nicht gerade eine Expertin für diese Zeit.

Interessant fand ich die Unerschrockenheit und fast schon Dreistigkeit, mit der Bettine von Arnim damals mit der so genannten “Wahrheit” und mit dem “geistigem Eigentum” anderer umgegangen ist. Eine Tafel zum Beispiel stellte einen original Goethe-Brief der von Arnim bearbeiteten Fassung aus “Goethes Briefwechsel mit einem Kinde” gegenüber. Fröhlich verändert und ergänzt hat sie da: Worauf es ihr ankam, war nicht die Fakten-Wahrheit, die heutzutage so verehrt wird, sondern die “innere” Wahrheit dessen, was ihrer Ansicht nach zu sagen wäre, und zwar nicht nur von ihr selbst, sondern eben auch von anderen, und seien es auch solche Berühmtheiten wie Goethe. Das hat mich auch schon an Arnims Günderode-Buch so fasziniert (das einzige, was ich von ihr gelesen habe) in dem sie ihre Freundschaft zu der Schriftstellerin Karoline von Günderode, mit der sie sich inzwischen verkracht hatte, schildert – und eben auch nicht so, wie diese Beziehung war, sondern wie sie hätte sein können, sollen, müssen?

War das in ihrer Zeit normal? Hat sich da niemand drüber aufgeregt, ihr “Unwissenschaftlichkeit” vorgeworfen und Unterlassungsklagen eingereicht oder Copyright-Prozesse angestrengt? Oder konnte Bettine von Arnim sich das leisten, weil sie eine Frau war, an deren literarische Produktion andere Maßstäbe angelegt wurden als an die von Männern? Oder weil sie so berühmt und in “kultivierten” Kreisen bekannt war? Oder hat sie selbst sich diese Möglichkeit verschafft, indem sie von sich vorsorglich die Aura eines “Naturkindes” erschaffen hatte, das gewissermaßen alles “aus dem Bauch heraus” und mit naiv-kindlichem Blick beurteilt, ohne den Anspruch auf “Wissenschaftlichkeit” zu erheben?

Und: Ist das vielleicht ein Vorbild für jene “weibliche Subjektivität”, die Ida Dominijanni kürzlich angemahnt hat? Jedenfalls wäre Bettine von Arnims außerordentlich selbstbewusste Annäherung an die “Fakten Fakten Fakten” der Aspekt, der mich interessieren würde, hätte ich die Zeit, mich genauer mit ihrem Werk zu beschäftigen.

Die Ausstellung ist noch bis zum 5. April zu sehen, mehr unter www.goethehaus-frankfurt.de

Die Verknotungen der Gleichheit

Die Gleichheit ist sehr verlockend, vor allem für junge Frauen. Gerade habe ich die „Alphamädchen“ (von Meredith Haaf, Susanne Klinger und Barbara Streidl) gelesen – zugegeben, mit etwas Verspätung – und war einerseits gerührt von diesem flammenden Appell zum feministisch Werden, andererseits doch etwas verwundert, dass das Versprechen der Gleichheit für junge Frauen heute immer noch so eine große Anziehungskraft hat.

Schließlich hat die feministische Theoriearbeit der letzten zwanzig, dreißig Jahre in ganz unterschiedlicher Weise und auf allen möglichen Ebenen genau dieses problematisiert – sowohl die Queer-Theorie im Anschluss an Judith Butler, als auch die postpatriarchalen, vom italienischen Differenzfeminismus inspirierten Denkerinnen einer neuen symbolischen Ordnung, um nur die zwei wichtigsten zu nennen. Auch wenn sie sonst in vielem konträr sind, zumindest an DIESEM Punkt herrscht Einigkeit: Die Gleichheit ist nicht die Lösung.

Doch für diese Diskussionen scheinen sich junge Frauen nicht sehr zu interessieren. Deshalb fangen sie im Prinzip da wieder an, wo die Frauenbewegung auch vor dreißig Jahren schon stand. Ich verstehe ja schon, dass es verlockend ist, sich vorzustellen, das ganze Problem mit dem Frau- und Mannsein wäre prima leicht zu lösen, wenn nur die Bedingungen und Chancen für Frauen genau gleich wären wie für die Männer. Dass dann die Probleme der Welt irgendwie wundersamerweise verschwinden werden.
 
Vielleicht ist es auch eine Einsicht des Älterwerdens, dass es so nicht funktioniert – meine Generation, die Mitte Vierzigjährigen, hat die Kinderphase nämlich meistens schon hinter sich und wir können und wollen die Augen nicht mehr davor verschließen, dass unser Unbehagen an der Welt, so wie sie ist, unser undefinierbares aber dennoch vorhandenes Anderssein, NICHT nur mit der „Vereinbarkeitsfrage“ zu tun hat beziehungsweise eine Folge unserer Sozialisation oder Diskriminierung ist. Astrid Wehmeyer hat dazu kürzlich einen lesenswerten Text geschrieben.

Schon seit einiger Zeit geht es mir auf die Nerven, dass zum Beispiel in der Sprache ständig darauf geachtet wird, Männer immer zu benennen, wo man sie emanzipatorisch korrekt gerne hätte, speziell in allem, was mit Kindern, Erziehung usw. zu tun hat. Elternzeit statt Mütterzeit und so weiter. Gerade die jungen Frauen legen darauf höchsten Wert, und das, obwohl sie es sonst überhaupt nicht mit der inklusiven Sprache haben. Wie selbstverständlich subsumieren sie zum Beispiel sich selbst und andere Frauen unter das generische Maskulinum – klar: Frauen sind „mitgemeint“. Männer können das aber irgendwie immer noch nicht: sich mitgemeint fühlen. Sobald im Mütterkreis auch nur ein Vater ist, muss von „Eltern“ geredet werden. Und eigentlich sogar auch dann, wenn kein einziger Vater da ist, allein deshalb, weil er da sein sollte.

Das ist kein Eitelkeitsproblem, sondern berührt den Kern dessen, was ich meine: Das Weibliche taugt nicht als Allgemeines. Weiblichkeit steht für Partikularität, Männlichkeit für Universalität – und DAS ist das Kernproblem des Patriarchats, nicht der Ausschluss der Frauen von diesem oder jenem. Das war/ist nur ein Symptom. Wir beseitigen momentan das Symptom und lassen so die Krankheit selbst schön weiterwuchern.

Die nicht vorhandene Fähigkeit des Männlichen, in einer „weiblichen“ Beschreibung der Welt sich „mitgemeint“ zu fühlen (etwas, das den Frauen andersrum nicht zufällig ganz leicht fällt), ist ein zentraler Punkt. Es ist nämlich die Voraussetzung dafür, dass das weibliche Andere sich artikulieren kann, ohne in einer „Frauenecke“ zu stehen. Und da geht es nicht um die Einsicht oder Fähigkeit einzelner Männer, sondern um einen symbolischen Denkrahmen, der über das Wissen und Können einzelner Personen hinausreicht. (Lesenswert dazu ist ein Artikel von Andrea Günter zum „Fall“ Andrea Ypsilanti).

Der Wunsch, Männer für die ehemals als „weiblich“ verstandenen Sphären zu interessieren, ist natürlich wichtig und richtig. Aber der Weg dazu ist eben gerade NICHT, sie einfach symbolisch und sprachlich einzuschließen, indem man sie explizit benennt. Das führt nur dazu, dass die Männer sich in ihrer alten Universalitätslogik nun auch noch dafür zuständig fühlen. Das heißt, es verschlimmert das Problem, anstatt es zu lösen. Und auf diesem Weg sind wir zur Zeit, wenn man zum Beispiel all die männlichen Gender-Experten und Gleichstellungsbeauftragten betrachtet, die plötzlich geradezu aus dem Boden sprießen, seit für Genderkram Staatsknete zu bekommen ist.

Sprachkosmetik im Sinne einer symbolischen Aufwertung und Einbeziehung und Ermutigung der Männer ist nicht die Lösung. In dem Artikel über Krabbelstuben, den ich gerade schreibe, wird deshalb auch nur von Erzieherinnen die Rede sein und nicht von „Erzieherinnen und Erziehern“, denn die Erzieher machen nur einen sehr geringen Anteil aus (das werde ich erwähnen). Eine geschlechtsneutrale Formulierung würde diesen Umstand schlicht und einfach verschleiern.

Die männlichen Erzieher dürfen sich vielmehr unter der Bezeichnung „Erzieherinnen“ mitgemeint fühlen. Nicht, um’s ihnen mal zu zeigen, sondern weil das zu Lernen notwendig ist, damit das „Weibliche“ irgendwann mal als etwas Allgemeines denkbar wird, als etwas, das für die Menschheit insgesamt unverzichtbar ist. Etwas, wofür Männer sich von sich aus und aus echtem Interesse interessieren können, auch wenn es gerade nicht in ihrer Einheits-Gleichheits-Universalismus-Logik aufgeht. Letzten Endes geht es einfach nur darum: Weiblichen Menschen aus Fleisch und Blut zuzuhören, sie zu sehen und sprachlich zu benennen, die Geschlechterdifferenz also „arbeiten“ zu lassen und sie nicht als x-beliebiges „Thema“ anzusehen, das aus neutralem Abstand „behandelt“ werden kann.

Ich denke schon, dass das möglich ist. Schließlich ist es den Frauen ja auch von sich aus und aus echtem Interesse gelungen, sich die ehedem männlichen Sphären zu erobern, ohne dafür gehätschelt und gelobt zu werden.

Sind Lesben frauenfeindlich?

Ja, meint die Publizistin Christa Mulack, die mit einem provokanten Vortrag vor großem Publikum eine neue Veranstaltungsreihe zu (selbst)kritischer Theorie in Frankfurt eröffnete.

Christa Mulack (rechts) mit Frauenpfarrerin Eli Wolf beim Auftakt der feministischen Theoriereihe "DenkRäume"

Christa Mulack (rechts) mit Frauenpfarrerin Eli Wolf beim Auftakt der feministischen Theoriereihe "DenkRäume"

Jede Menge Frauen, waren gekommen: Junge und Alte, Lesben und Heteras, Matriarchatsforscherinnen und Queer-Denkerinnen, Differenz- und Gleichheitsfeministinnen, Praxisfrauen und Akademikerinnen… Und das beste: Sie spielten keine Grabenkämpfe, sondern interessierten sich füreinander. Soviel nur zu der These der Feminismus sei erstens out und zweitens dogmatisch….

Hier ein Veranstaltungsbericht:  http://www.bzw-weiterdenken.de/index.php?m=artikel&rub=15&tid=184

Hollywood im Vaterkomplex

Schon seit einiger Zeit fällt mir auf, dass es fast keine Hollywoodfilme oder US-Amerikanische Serien mehr gibt, in denen nicht in irgendeiner Weise ein Vaterkonflikt aufgearbeitet wird. Inzwischen ist das bei uns zu Hause fast schon ein running gag: “Achtung, jetzt kommt wieder dieser Vaterschwulst”, sagen wir dann, und gehen aufs Klo oder holen eine neue Tüte Chips aus der Kammer.

Die Vaterschwulst-Dialoge gehen meistens darum, dass irgendein jüngerer Mann (manchmal auch eine jüngere Frau) sich grämt, vom Vater nicht anerkannt zu sein, oder unter einem griesgrämig-verantwortungslosen Vater gelitten hat, und dann kommt es zu einer Aussprache, die meistens so geht, dass der Vater aus irgend einem Grund sein Fehlverhalten einsieht, eine mehr oder weniger gelungene Entschuldigung oder Wiedergutmachung anbietet, und ihm dann verziehen wird.

Nun spricht ja eigentlich nichts dagegen, auch diesen zweifellos hin und wieder vorkommenden Aspekt menschlicher Beziehungen filmisch aufzubereiten. Der Punkt ist aber, dass diese Szenen auch dann in die Handlung eingebaut werden, wenn es eigentlich um etwas ganz anderes geht. Ja, selbst dann, wenn alte Filme neu inszeniert oder literarische Vorlagen verfilmt werden, wird dieser Vaterschwulst irgendwie hineingezwirbelt.

Gestern abend zum Beispiel sah ich „Der seltsame Fall des Benjamin Button“. Es geht um die Geschichte eines Mannes, der als alter Mensch geboren wird und im Laufe des Lebens immer jünger wird und schließlich als Baby stirbt. Das „Vaterschwulst-Motiv“ wurde hier sogar gleich an zwei Stellen eingebaut: Sein Vater setzt das hässlich-verunstaltete Baby Benjamin gleich nach der Geburt aus und bereut die Tat später, als er selbst alt wird und seine Fabrik dem Sohn vererben will. Und Benjamin Button selbst verlässt dann ebenfalls seine Frau, als diese ein Kind bekommt, und hinterlässt beiden nur sein Geld und sein Tagebuch. Die Tochter wächst in dem Glauben auf, dass der zweite Mann ihrer Mutter auch ihr leiblicher Vater sei und erfährt die Wahrheit erst am Sterbebett ihrer Mutter, als diese sich von ihr Benjamins Tagebuch vorlesen lässt – das ist die Rahmenhandlung des Films.

„Der seltsame Fall des Benjamin Button“ mit Brad Pitt in der Hauptrolle ist die Verfilmung einer Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald (http://www.readbookonline.net/read/690/10628/), und interessehalber habe ich das Original gestern abend nachgelesen. Und: In Fitzgeralds Geschichte kommen beide Vaterkonflikte überhaupt nicht vor. Bei ihm wächst das hässliche Baby Benjamin in der Herkunftsfamilie auf, und als Benjamin dann später selbst Vater wird, verlässt auch er keineswegs Frau und Kind. Der Fokus der Handlung liegt ganz auf diesem merkwürdigen Umstand des quasi rückwärts ablaufenden Lebens. Vaterschaft wird dabei zwar thematisiert, sogar mehr noch als in der neuen Fassung, weil beide Väter ja im Leben ihrer Kinder anwesend sind mit allen Konflikten und Auseinandersetzungen, die das mit sich bringt. Aber es gibt nicht diesen „Vaterschwulst“ rund um einen zunächst abwesenden und verantwortungslosen, dann aber reuigen Vater und die Frage, ob man ihm verzeihen soll oder nicht.

Ganz ähnlich war es auch schon bei dem ersten Film, dessen Abweichung vom Original an genau diesem Punkt mir aufgefallen ist, nämlich der Science-Fiction Neuverfilmung von „Der Tag, an dem die Erde stillstand“. Hier handelt die Geschichte von einem Außerirdischen, der in Gestalt eines normalen Mannes auf die Erde kommt, um den Menschen mitzuteilen, dass sie demnächst ausgerottet werden, weil sie im Begriff sind, den Planeten zu zerstören und die Außerirdischen, die der Menschheit technisch haushoch überlegen sind, das nicht zulassen werden. Auch von dieser Geschichte gibt es zwei Varianten: Eine alte Verfilmung mit Michael Rennie aus dem Jahr 1951, und eben die von 2008 mit Keanu Reeves.

Michael Rennie musste als Außerirdischer noch keine Väterkomplexe ausarbeiten

Michael Rennie musste noch keine Vaterkonflikte lösen, als er als Außerirdischer auf die Erde kam. Sein Nachfolger Keanu Reeves schon….

In beiden Versionen ist es eine Frau, die eine Beziehung zu dem Außerirdischen aufbaut und versucht, ihn davon zu überzeugen, dass die Menschen sich bessern können, während die Politiker und die Militärs vergeblich versuchen, den Fremden zu töten und sein Raumschiff zu zerstören. In beiden Versionen hat die Frau einen kleinen Sohn und keinen Ehemann dazu. Doch während in der alten Fassung dieser Umstand lediglich eine Tatsache ist, die nicht weiter im Fokus steht und auch nicht kommentiert werden muss, sondern nur Anlass zu einigen Szenen gibt, die die Fürsorglichkeit des ansonsten sehr überlegen und distanziert wirkenden Außerirdischen zeigen (während der Vater wohl nur deshalb fehlt, damit der leicht erotische Unterton in der Beziehung zwischen der Frau und dem Fremden nicht moralisch verwerflich erscheint), wird in der neuen Fassung der abwesende Vater quasi zur Hauptperson. Hier ist das Kind nicht einfach das Kind der Hauptperson, sondern seine Trauer um den fehlenden Vater, der als Soldat im Irakkrieg gestorben ist, wird zum wesentlichen Erzählstrang. Die Verschiebung weg von der Mutter hin zum Vater wird zudem noch dadurch verstärkt, dass die Frau in der neuen Fassung gar nicht die leibliche Mutter des Kindes ist.

Der Konflikt zwischen einer militärisch-technischen Lösung und einer menschlich-beziehungsweisen Lösung, der in der alten Fassung eine deutliche geschlechtsdifferenzierte Konnotation hatte (die Frau steht für die Beziehung, die männlichen Militärs für die Technik) verlagert sich so weg von der Frau als Hauptperson hin zu dem „abwesenden“ Vater als Hauptperson, dargestellt an dem kleinen Sohn, der seinen „kriegerisch-militärischen“, aber eben toten Vater zunächst verehrt, dann aber Vertrauen zu dem anderen Mann entwickelt. Die Frau spielt in dieser Beziehung eine bloße Nebenrolle, auch sie ist nicht in erster Linie Mutter des Kindes, sondern trauernde Ex-Gattin.

Was bedeutet diese große symbolische Präsenz des abwesenden und/oder verantwortungslosen Vaters in der amerikanischen Kinowelt? Welches Thema wird hier bearbeitet und warum ist es so wichtig, dass es offenbar auch in Geschichten und Handlungen eingeschrieben werden muss, in denen es eigentlich um etwas ganz anderes geht? Was folgt aus der Tatsache, dass auf diese Weise die weiblichen Rollen zwangsläufig in den Hintergrund treten und Frauen nur in ihrer Beziehung zu einem Vater an Kontur gewinnen?

Sind Liebesbeziehungen wirklich so schlimm heute?

Soeben habe ich – mit etwas Verspätung, zugegeben, aber ich habe in den letzten Jahren so viele “neue Feminismus”_Bücher gelesen, dass ich erstmal keine Lust mehr hatte – das “Neue deutsche Mädchen”- Buch von Jana Hensel und Elisabeth Raether gelesen. Was mich dabei regelrecht schockiert hat ist, wie darin Liebesbeziehungen zwischen Frauen und Männern geschildert werden: So viel “Coolness”, so wenig Vertrauen, so viel Angst und Unsicherheit, der verzweifelte Versuch, nur ja nicht “abhängig” zu erscheinen, nur nichts von “ihm” zu verlangen (sind Männer heute wirklich so schreckhaft und rennen dauernd gleich weg) – also ich war sehr berührt. Zwar enden die Geschichten versöhnlich, beide scheinen zuletzt doch noch jemand Nettes gefunden zu haben, aber trotzdem ist es irgendwie schockierend. Ich bin ja grade mal 15 Jahre älter, und soweit ich mich erinnere, habe ich die Liebesverhältnisse in meinen Zwanzigern sehr anders erlebt: Natürlich nicht ohne Dramen und Tränen, aber mit sehr viel weniger Distanziertheit. Daher meine Frage an alle 20-30-Jährigen, die das hier lesen: Sind Liebesbeziehungen zwischen Frauen und Männern heute wirklich so schlimm? Und was tut ihr dagegen?