Geschlecht und Fundamentalismus

halbierte3Alle fundamentalistischen Weltanschauungen vertreten sehr rigide Vorstellungen davon, was eine “gute” Frau zu machen und vor allem zu lassen hat. So sehr sich die evangelikal-charismatischen Kirchen Lateinamerikas, die “Hardliner” im Vatikan, die streng-jüdische Orthodoxie, islamistische Bewegungen oder auch der Rechtsradikalismus und der politische Fundamentalismus US-amerikanischer Prägung voneinander unterscheiden, sie alle teilen nicht nur eine gewisse Schlichtheit in ihrer Weltanschauung und geben viel zu einfache Antworten auf komplizierte Fragen, sondern sie vertreten auch vor allem klare Ansichten über die angeblich natur- und ordnungsgemäßen Rollen der Geschlechter. Angesichts dieser frappanten Ähnlichkeit von Ideologien, die ansonsten vorgeben, einander spinnefeind zu sein, ist es verwunderlich, dass dieser Aspekt in den Massen von Fundamentalismus-Analysen, die seit einiger Zeit angestellt werden, normalerweise gar nicht oder nur am Rande behandelt wird. Dieser Sammelband schließt diese Lücke. (Rezension lesen)

Elisabeth Rohr, Ulrike Wagner-Rau, Mechtild M. Jansen: Die halbierte Emanzipation? Fundamentalismus und Geschlecht. Ulrike Helmer Verlag, Königstein 2007, 221 S., 19,90 Euro.

Individualität oder Solidarität – weder noch!

Gestern war ich bei der Frauenkonferenz der Grünen in Bayern und hielt einen Vortrag zum Thema “Individualität und Solidarität – Unterschiede zwischen Frauen als Basis weiblicher Politik”, und wen’s interessiert, kann den im Internet nachlesen: http://www.antjeschrupp.de/individualitaet_und_solidaritaet.htm

Wer so erschossen wurde…

Also, nun bin ich doch ein wenig erstaunt. Da ich kein Fernsehen schaue und nur ausgewählte Zeitschriften lese, ist der Medien-Hype über den Amokläufer in Winnenden ziemlich an mir vorbei gerauscht. Wahrscheinlich liegt es an dieser Medienabstinez, dass mir das Wesentliche an diesem Ereignis ziemlich schnell bekannt gemacht wurde: Mein Masseur, eifriger RTL-Gucker und wissend, dass ich eine Feministin bin und mich dieser Aspekt wohl interessieren würde, erzählte mir noch am selben Nachmittag, während er meinen Rücken bearbeitete, dass am Morgen in Winnenden einer herumgelaufen wäre und gezielt Frauen erschossen hat. Am nächsten Tag wunderte ich mich zwar, dass in der taz-Berichterstattung nur von erschossenen “Lehrern” und “Schülern” die Rede ist, und habe das in meinem vorigen Blogeintrag kurz erwähnt.

Naiv, wie ich vielleicht bin, dachte ich mir aber – na, das wird schon noch die Runde machen. Die Frauen in den Medien werden bestimmt darüber schreiben und darauf hinweisen. Vollends beruhigt war ich dann, als Luise Pusch dazu einen Artikel bloggte http://www.fembio.org/biographie.php/frau/comments/herr-koma-kommt-der-frauenmord-in-winnenden/

Nun ist das Thema inzwischen weitgehend durch – aber die Nachricht, dass hier gezielt auf Frauen geschossen wurde, blieb tatsächlich unbemerkt. Nachdem Luises Blog und einige andere Texte dazu inzwischen die Runde machen, kommen bei mir ständig erstaunte Mails an: Hast du schon gewusst, der Typ hat auf Frauen geschossen!

Tja, kann ich da nur sagen: Das war das erste, was ich dazu erfahren habe. Von meinem Masseur. Offensichtlich ist er eine bessere Informationsquelle als die üblichen Medien.

Also, für alle, die es tatsächlich noch nicht mitbekommen haben sollten: Lest den Blog von Luise! Und guckt in Zukunft weniger Fernsehen, kündigt eure Zeitungsabos, das vernebelt offenbar nur das Gehirn. Redet lieber öfter mal mit euren Masseuren :)

Der neue Trend: Covergirls

covergirls

Ja, es ist definitiv ein Trend: Covergirls machen sich gut. Wir sind ja so gleichberechtigt. Frauenpower und Frauendominanz allerorten. Zum Beispiel beim Kirchentag im Mai. Letzte Woche kam mir ein Flyer ins Haus mit Highlights aus dem Programm. Toll. Lauter Frauen. Die kenianische Nobelpreisträgerin Dehka Ibrahim Abdi. Klar, die Bundeskanzlerin. Gesine Schwan. Alle drei fett im Foto. Nur ein Mann, der unvermeidliche Helmut Schmidt, jedoch  blass im Hintergrund. Wenn man das Programm aber mal genauer liest, sieht die Sache ziemlich anders aus: Unter den in den Highlights aufgeführten Personen sind grade mal 7 Frauen – aber 29 Männer. Macht einen Männeranteil von über 80 Prozent. Heute kam dann die taz. Und wirbt ganzseitig für das taz-Programm auf der Leipziger Buchmesse. Schon wieder ausschließlich Frauen im Bild: Autorinnen, Politikerin, Managerin – toll! Aber schaut man das Programm genauer an und macht sich den Spaß, mal durchzuzählen, wieder ein trauriges Bild: 10 Frauen und 21 Männer.

Dass es mit der Sensibilität für die Geschlechter in Wirklichkeit aber gar nicht weit her ist, sieht man dann auf der ersten Seite. Da geht es um den Amokläufer in Winnenden. Er habe neun “Mitschüler”, dazu “Lehrer und Passanten” erschossen. Die hat er übrigens gezielt ausgesucht. Es waren acht Mitschülerinnen, ein Mitschüler und drei Lehrerinnen. So kann er aussehen, der Unterschied zwischen Realität und Fassade.