Von der Leyen: Unten durch

Am Anfang war ich noch ganz angetan von Ursula von der Leyen. Ist doch schön, dachte ich, wenn sich auch in der CDU ein paar moderne Karrierefrauen tummeln. Okay, es war etwas nervig, wie sie ihre sieben Kinder vor sich her trug und ständig das “Vereinbarkeit ist doch kein Problem”-Mantra verkündete, aber gut.

Und bisher waren ihre Projekte als Familienministerin ja auch so, dass man ihr mit etwas gutem Willen abnehmen konnte, dass es irgendwie auch darum gehen könnte, frauenpolitisch neue Wege einzuschlagen. Natürlich waren schon früh Zweifel angesagt: Das Elterngeld entschädigte zwar einerseits erwerbstätige Frauen zu Recht für Verdienstausfälle in den Monaten nach einer Geburt – andererseits war es aber von Anfang an eine Umverteilungsaktion zulasten der ärmeren Familien und zugunsten der Reicheren. Der Krippenplatzausbau ist natürlich völlig richtig – allerdings ist das Motiv ein durch und durch neoliberales: Den Wirtschaftsunternehmen soll die Arbeitskraft gut ausgebildeter junger Frauen zugeführt werden. In Zukunft gibt es für Mütter also keine Ausrede mehr, sich dem Arbeitsmarkt zu entziehen, und dass das Ganze mit einer Änderung des Unterhaltsrechtes zulasten der Frauen (und zugunsten der Männer) einherging, ist da nur folgerichtig.

Doch immerhin hatten diese Maßnahmen irgendwie immer doch auch zwei Seiten, und neben den negativen auch positive Aspekte. Mit von der Leyens jüngster Kampagne zur Einführung von Internetzensur ist aber endgültig klar geworden, dass sie die Instrumentalisierung feministischer Anliegen zur Durchsetzung neoliberaler und staatspaternalistischer Ziele zum Prinzip ihrer Politik gemacht hat.

Der angebliche Kampf gegen Kinderpornografie ist jedenfalls bloße Fassade. Die jüngsten Vereinbarungen zwischen Staat und Internetprovidern werden keinem missbrauchten Kind etwas nützen. Worum es hier geht ist, eine staatliche Kontrolle von Internetseiten gesellschaftsfähig zu machen und die Modalitäten dazu auszuprobieren. In Zukunft werden die großen Internetprovider Seiten sperren, die ihnen vom Bundeskriminalamt genannt werden – von Schäuble also. Was passiert, wenn Seiten zu Unrecht gesperrt werden, ist noch völlig unklar. Den Internetprovidern ist nur schon mal wichtig, dass sie für eventuelle Schäden nicht zur Verantwortung gezogen werden können (und zum Beispiel gegen Klagen von Kundinnen und Kunden abgesichert sind). Sinn und Zweck des Ganzen ist schlicht und einfach, Erfahrungen mit Internetzensur zu sammeln.

Dass der Staat und speziell Schäuble daran ein Interesse haben, ist klar. Dass von der Leyen hier den Aufreger “Kinderpornografie” ins Spiel bringt, um die gesellschaftlichen Debatten darüber von vornherein abzuwürgen, ist der eigenliche Skandal.

Kinderpornografie wird auf diese Weise jedenfalls nicht verhindert. Erstens sind die Sperren für auch nur halbwegs technisch Versierte leicht zu umgehen (zum Beispiel mit Hilfe von Anti-Zensur-Software, wie sie von Internetnutzern in China oder Iran, also Ländern, die schon länger Erfahrung mit Internetzensur haben, längst entwickelt wurde). Zweitens ist der Kinderporno-Markt größtenteils – und mit wieder zunehmender Tendenz – außerhalb des Internet organisiert. Drittens stehen die meisten Server solcher Seiten in westlichen Ländern, das heißt, wenn man sich etwas anstrengen würde, könnte man diese Leute finden und bestrafen und vor allem die Server abstellen (was weitaus wirkungsvoller wäre, als Leute daran zu hindern, diese Seiten zu besuchen).

Besonders absurd finde ich das Argument, dass durch solche Zensurmaßnahmen Menschen (Männer) davor geschützt werden sollen, durch “zufälliges” Surfen auf Kinderporno-Seiten gewissermaßen “angefixt” zu werden. Was für ein Menschen (Männer)-Bild ist das denn, zu glauben, dass der liebe, nette und harmlose Herr Schmidt von nebenan ganz plötzlich und unerwartet zu einem Kinderporno-Konsumenten werden könnte, wenn er zufällig mal auf einen stößt? Wenn das so sein sollte, dann wäre ja Hopfen und Malz sowieso verloren.

Allein dieses Argument ist entlarvend, denn es bedeutet letztlich, dass man Kinderpornografie für etwas völlig Normales hält – für ebenso so normal wie zum Beispiel die menschliche Lust, Schokolade zu essen. Dagegen ist es in der Tat eine gute Maßnahme, sich keine Schokolade in den Vorratsschrank zu legen, um sich selbst nicht in Versuchung zu führen. Die sexuelle Ausbeutung von Kindern ist aber für sich genommen eklig und menschenverachtend – und die Lust an ihr deshalb auch alles andere als normal, sondern die Folge einer patriarchalen Kultur, die Herrschaft und Ausbeutung von Frauen und Kindern über Jahrhunderte als Attribut von Männlichkeit angesehen hat. Diese Kultur gilt es zu bekämpfen, nicht bloß ihre schlimmsten Symptome.

Eine gesellschaftliche Ächtung von Kinderpornografie sieht jedenfalls anders aus. Wer sich an der sexuellen Ausbeutung von Kindern aufgeilen kann, ist ganz bestimmt auch sonst kein netter und unauffälliger Mensch. Würden wir im Alltag sexistisches und überhebliches und herrschsüchtiges Verhalten von Männern Frauen und Kindern gegenüber ächten, in jedem Fall widersprechen, wenn wir so etwas wahrnehmen, die Beziehungen zu solchen Leuten aufkündigen – dann wäre das weitaus effektiver.

Ich jedenfalls werde die Instrumentalisierung feministischer Anliegen durch Ursula von der Leyen nicht länger durch Abwägen und Anerkennung positiver Aspekte relativieren. Denn durch diesen jüngsten Coup ist klar: Um Freiheit geht es ihr nicht, auch nicht um die Freiheit der Frauen. Ihr geht es bloß um das, worum es in der CDU meistens geht: Den Wirtschaftskonzernen jede Freiheit zu geben und sie aus jeder gesellschaftlichen Verantwortung zu entlassen, und den Menschen möglichst haarklein vorzuschreiben, wie sie leben sollen, was sie zu tun und zu glauben haben, und für dessen Überwachung dem Staat möglichst viele Zugriffsrechte zu geben. Mit Feminismus hat das aber auch rein gar nichts zu tun.

Erzieherinnen und Erzieher braucht das Land

Nachdem in Punkto Kinderbetreuung für unter Dreijährige lange Zeit Familien und öffentliche Einrichtungen gegeneinander ausgespielt wurden, hat jetzt endlich ein Umdenken eingesetzt. Mit ungefähr vierzig Jahren Verspätung vollzieht die deutsche Gesellschaft das, was Feministinnen schon lange vorschlagen: Ab 2013 haben Eltern in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz für ihr Kind. Um dies auch nur halbwegs einlösen zu können, müssen jetzt holterdipolter Krippenplätze geschaffen werden – was in der Praxis gar nicht einfach ist. Vor allem deshalb, weil es überhaupt nicht genügend Erzieherinnen gibt, von Erziehern ganz zu schweigen. Ich habe das Thema regional für Frankfurt im Bezug auf die evangelische Kirche recherchiert und kommentiert (als große Träger von Kitas und Krabbelstuben sind die Kirchen stark involviert). Ich denke, das wird so ähnlich auch für andere Regionen und Städte sein.

Zum Artikel geht es hier: www.antjeschrupp.de/krabbelstuben.htm

Filmreif: Paul Verhoevens Jesus-Buch

jesus3Wenn ein Hollywood-Prominenter ein Buch über Jesus schreibt, ist erstmal Skepsis angebracht – normalerweise folgt dann ziemlicher Schwulst. Nicht so bei Paul Verhoeven. Der niederländische Filmemacher, der durch Kassenschlager wie Basic Instinct berühmt geworden ist, kennt sich gut aus in der Materie. Er kennt die einschlägigen theologischen Debatten und Theorien und ist seit 1986 Mitglied im Jesus Seminar, einem US-amerikanischen Zusammenschluss kritischer Theologen und Bibelforscherinnen.

In seinem gut recherchierten und schön verständlich geschriebenen Buch nimmt er sich einer Frage an, die viele Menschen interessiert, innerhalb der theologischen Wissenschaft aber seit langem als veraltet gilt: Wie war das damals wirklich mit Jesus? Was lässt sich aus den historischen Quellen und Dokumenten herausfiltern, wenn man davon ausgeht, dass nichts Übernatürliches im Spiel ist? Erfrischend ist, wie er mit dem Blick eines Filmemachers an die Frage herangeht, welche dramaturgischen Elemente die Autoren  (von Autorinnen geht Verhoeven nicht aus) der Evangelien, der frühchristlichen Briefe und anderer Texte wohl eingefügt haben.

Das Ergebnis ist, wie Verhoeven selbst zugibt, weitgehend Spekulation (Fakt ist nun einmal, dass man eben nicht wissen kann, was damals wirklich geschehen ist, denn dazu ist die Quellenlage schlicht zu dünn). Aber seine Rekonstuktion ist jedenfalls auch nicht spekulativer als das, was ansonsten zu dem Thema gesagt wird, etwa seitens diverser christlicher Orthodoxien. Und man muss zugeben, dass Verhoeven seine Version stichhaltig begründet und plausibel macht, weshalb sich das Buch streckenweise wie ein Krimi liest.

In Kurzfassung spielte sich das Leben Jesu – nach Verhoeven – so ab: Jesus ist ursprünglich ein Anhänger von Johannes dem Täufer, der predigt, dass in naher Zeit eine Art Gottesgericht bevorsteht, bei dem unter den Juden (und Jüdinnen?) die Spreu vom Weizen getrennt wird und nur die von ihm Getaufen eine Chance haben. Doch bald entsteht eine gewisse Konkurrenz zwischen Jesus und Johannes (zum Beispiel, weil Jesus ebenfalls anfängt, Leute zu taufen). Nachdem Johannes hingerichtet wurde, übernimmt Jesus selbst das Ruder.

Er entwickelt eine radikale Ethik, wie sie in den Gleichnissen zum Ausdruck kommt, die herkömmliche Moralvorstellungen in Frage stellen und neudenken. Das Anbrechen von “Gottes Reich”, indem diese neue Welt Wirklichkeit wird, steht seiner Ansicht nach kurz bevor. Gewaltsamen Aufstand (etwa gegen die römische Besatzungsmacht) lehnt er ab, weil er davon überzeugt ist, dass Gott selbst dieses Reich bringen wird und es in bestimmten Situationen auch bereits Realität sei. Seit Johannes’  Tod ist ihm klar, dass dies eine gefährliche Botschaft ist, deshalb versteckt er sich meistens oder flieht.

Besonders originell ist Verhoevens Interpretation der Lazarus-Geschichte: Dieser sei ein Anhänger von Jesus gewesen und verhaftet und gefoltert worden. Jesus sieht darin ein Zeichen Gottes, dass sein Tod sozusagen Teil von dessen Plan ist und fasst den Entschluss, sich den Behörden zu stellen, um Lazarus zu retten. Doch als Jesus nach Bethanien (in der Nähe von Jerusalem) kommt, erfährt er, dass Lazarus bereits tot ist. Seine Selbst-Auslieferung ist nun also sinnlos geworden. Hat er sich etwa im Hinblick auf Gottes Plan geirrt?

Offensichtlich. Ab jetzt schlägt Jesus daher einen anderen Weg ein. Wenn Gottes Reich offensichtlich doch nicht einfach von selber kommt, sondern rechtschaffene Leute wie Lazarus brutal ermordet werden, muss er eine andere Strategie einschlagen – er ruft die Bewegung zu den Waffen. Doch schon bald wird er verraten und von den Römern als Aufständischer hingerichtet.  Eine Auferstehung findet laut Verhoeven nicht statt – alles Weitere sei von der christlichen Bewegung später erfunden worden.

Auf den ersten Blick scheint das eine skandalöse Neuerzählung zu sein, die das Fundament christlichen Glaubens in Frage stellt. Auf den zweiten Blick aber auch wieder nicht – es sei denn, man ist verheiratet mit kirchlichem Dogmatismus. Dass das Gros dessen, was christlicher Glaube ist, nicht von Jesus selbst, sondern von seinen Anhängerinnen und Anhängern erfunden wurde, ist nämlich ohnehin klar, dazu muss man nicht auf Verhoevens kunstvolle Rekonstruktionen zurückgreifen. Denn das ist so ziemlich das Einzige, was historisch ganz und gar zweifelsfrei feststeht: Jesus selbst war definitiv tot, als das Christentum entstanden ist. Wer immer in den Jahrzehnten nach Jesu Kreuzigung die inhaltlichen Grundlagen christlicher Religiosität ausgearbeitet, diskutiert, verworfen, neukonsturiert hat – Jesus selbst war daran ganz bestimmt nicht beteiligt.

Die Frage ist also nicht: Hat Paul Verhoeven mit seiner Rekonstuktion des historischen Jesus Recht oder nicht? Sondern: Wie wichtig ist das überhaupt?

Ich jedenfalls kann mit dieser Variante so gut leben wie mit jeder anderen. So oder so ist aus der Auseinandersetzung mit Jesu Tod, der seine Anhängerinnen und Anhänger logischerweise in eine Krise stürzte, eine religiöse Bewegung entstanden, die viel Interessantes (und natürlich auch weniger Interessantes) hervorgebracht hat. Und was auch immer der historische Jesus selbst geglaubt oder nicht geglaubt hat (und wir müssen uns nun einmal damit abfinden, dass wir niemals herausfinden werden, was genau das war) – einiges davon wird in die von der Jesusbewegung entwickelte Theologie eingegangen sein und anderes nicht.

Aber: Wäre es denn so schlimm, wenn die christlichen Glaubensinhalte zum größten Teil nicht auf einen einzigen genialen großen Mann zurückgingen, sondern auf die Diskussionen einer religiösen Bewegung, in die die Erfahrungen vieler Menschen eingeflossen sind? Durch Jesu Tod war es für seine Anhängerinnen und Anhänger nicht mehr möglich, eine Glorienreligion rund um einen heroischen Star zu bauen, sondern sie mussten mit der Tatsache klarkommen, dass ein von ihnen als Erlöser und Vordenker verehrter Mensch ziemlich kläglich hingerichtet worden war. Sie haben – vielleicht gerade deswegen – eine Möglichkeit gefunden, angesichts existenzieller Nöte und politischer Brutalitäten dennoch die Hoffnung auf das Gute in der Welt und ein sinnvolles Leben und Handeln nicht zu verlieren. Wäre es so schlimm, wenn das zum Großteil ihre eigene Erfindung war und nicht nur einfach Nachbeten dessen, was ein “historischer Jesus” selbst ihnen vorgebetet hat? Ich finde eigentlich nicht.

Und deshalb würde ich mir einen Jesus-Film von Paul Verhoeven auf jeden Fall anschauen. Nach der Lektüre dieses Buches ist jetzt schon klar: Historisch korrekter als die “Passion” von Mel Gibson wäre das allemal.

Paul Verhoeven: Jesus. Die Geschichte eines Menschen. Pendo, München und Zürich 2008, 19,95 Euro.

Das Ende der Bohème

Das war ja wohl der Hammer-Vorspann in der taz vom vergangenen Mittwoch (8. April):

Im New Yorker Hotel Chelsea schrieb William Burroughs “Naked Lunch”. Bob Dylan blieb vier Jahre lang. Sid Vicious ermordete seine Freundin in Zimmer 103. Das New Yorker Hotel Chelsea ist das Künstlerhotel. Investoren wollen jetzt ein Luxushotel daraus machen – doch die Bewohner wehren sich.

Und dann folgt ein rührseliger Artikel über “Das Biotop für die Boheme” und wie ungeheuer schrecklich es ist, dass dieses tolle Hotel, in dem tolle Hechte tolle Bücher geschrieben und ihre Freundinnen ermordet haben (ist ja wohl beides irgendwie ein Ausdruck von KREATIVITÄT) jetzt einfach nicht mehr weiter existieren soll. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass die taz die inklusive Sprache längst aufgegeben hat – die Bewohnerinnen hatten bei all den tollhechtigen Bewohnern des Hotel Chelsea wahrscheinlich eh nix zu sagen.

Wer über all das mehr wissen will, kann das Buch: “Women of the Beat Generation” lesen (von Brenda Knight, Conari Press 1996) – da sind spannende Geschichten drin, die tief blicken lassen in die Weiblichkeits- und Frauenverachtung dieser beatnickigen “Boheme”. Dass bei all dieser männlichen Freiheit und Unkonventionalität Frauen unter die Räder kamen, umgebracht oder in den Selbstmord getrieben wurden, war jedenfalls kein Einzelfall und leider nicht mal eine Seltenheit.

Zum Beispiel diese Episode von selbigem  William Burroughs, der dann später im Hotel Chelsea so unkonventionelle Texte fabriziert hat: “On September 6, 1951, Joan and Bill were at a party. Everyone had been drinking gin for hours when Bill announced that it was time for the William Tell act. Joan put a water glass on her head and turned her face, saying that she couldn’t stand the sight of blood. Bill, a crack shot, took aim from about six feet away. She died instantly, not yet thirty years old” (s. 52f)  Und dann geht es so weiter: “Bill was able to keep himself out of too much trouble with the help of a good lawyer and spent only thirteen days in jail. … He always maintained that it was Joan’s death that had motivated him to write.” (S. 53).

Wer Geschichten dieser Marke ertragen kann, sollte das Buch lesen, denn darin ist viel Interessantes über die Frauen in dieser Bewegung zu finden. Und darüber, was sie gemacht haben, um in all dem Schlamassel doch etwas vom freiheitlichenAufbruch zu retten. Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, solche Biotope können gar nicht schnell genug aussterben.  Und wenn die Luxussanierung des Hotel Chelsea dabei hilft, ist das eine gute Nachricht! Zumindest solange die Erinnerung an jene Zeit immer noch machomäßig verklärt wird und angeblich linke Zeitungen Frauentöten und Bücherschreiben für irgendwie dasselbe halten.

Hier übrigens der Link zu dem taz-Artikel (der in der online-Version allerdings etwas anders ist, u.a. eine andere Überschrift hat als in der Print-Version): http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/kreative-kaempfen-um-ihre-kommune/

Der Sinn und Unsinn des Zwitscherns

Worauf es beim Mitmachen im Web 2.0 ankommt

Wenn Sie das Wort “Zwitschern” hören – woran denken Sie dann spontan? An die Vögel, die endlich den Frühling trällern? Oder daran, dass Sie schon seit mehreren Stunden keinen neuen Status-Update gepostet haben?
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Antje beim Zwitschern (Selbstportrait)

Je nach Antwort könnten Sie, bildlich gesprochen, auf einer von zwei Eisschollen stehen, die derzeit nach Ansicht mancher Beobachter_innen stetig auseinander driften: bei denen, die sich aktiv an den neuen Internet-Netzwerken wie Twitter (daher das “Zwitschern”), Facebook oder ähnlichem beteiligen, eigene Blogs schreiben oder die Blogs anderer kommentieren – oder bei den anderen, die mit diesem Phänomen namens “Web 2.0″ nichts anfangen können. Das Thema ist auch deshalb interessant, weil es hier ein signifikantes Gender-Gap gibt: Der Anteil von Frauen, die twittern oder bloggen oder facebooken liegt nur bei ungefähr einem Viertel (siehe: http://twitterumfrage.de). Wie sieht es demnach aus mit der Verbreitung feministischer und postpatriarchaler Themen und Ideen im Internet? Worum geht es hier eigentlich und worauf käme es in Zukunft an?

Darüber gibt es einen neuen Beitrag von mir im Internetforum www.bzw-weiterdenken.de

Direkter Link: http://www.bzw-weiterdenken.de/index.php?m=artikel&rub=2&tid=194&see=136#136

Und das sind die Themen:

* Zunächst einmal: Was Web 2.0 eigentlich ist
* Der Streit darüber, wozu das gut sein soll
* Die Vorteile der Internet-Kommunikation
* Die Bedeutung virtueller und realer Beziehungen
* Die Fallstricke der Internet-Kommunikation
* Wenn alle zu allem eine Meinung haben müssen
* Worauf es nun ankommt

Antje beim Twittern verfolgen: www.twitter.com/antjeschrupp

Die Rückkehr der Vielehe

Warum wir längst nicht mehr monogam sind – und warum das auch nicht schlimm ist

Bei einer Debatte über das neue Unterhaltsrecht hörte ich neulich eine interessante Formulierung: Einige Diskussionsteilnehmerinnen klagten darüber, dass viele Frauen, die jahrelang als Hausfrauen für Kinder und Ehemann gearbeitet hatten, nun um ihre finanzielle Absicherung fürchten müssen. Woraufhin andere die neue Regelung verteidigten, darunter auch eine Bundestagsabgeordnete, die schilderte, wie Politikerinnen aus allen Parteien gemeinsam dieses Thema diskutiert und schließlich die Neuregelung befürwortet hätten. Sie sagte in etwa: „Es ist jetzt zwar für die Erstfrauen schlechter geworden, aber wir hatten eben auch die Interessen der Zweit- und Drittfrauen im Auge.“

In diesem Moment wurde mir klar, womit ich als Idee schon eine ganze Zeit schwanger gehe, was ich aber bis dahin nicht so formuliert hätte: Wir erleben derzeit eine Rückkehr der Vielehe. Das soziologische Gerede von der „seriellen Monogamie“ stimmt überhaupt nicht. „Seriell“ ist die Monogamie, also die exklusive Lebensgemeinschaft eines Paares, nämlich höchstens im Hinblick auf den Sex – darüber besteht jedenfalls weithin Einigkeit: Wer mit der einen pennt, darf nicht (mehr) mit der anderen. Aber im Hinblick auf die Gesamtheit der Beziehung stimmt es ganz oft nicht, nämlich immer dann, wenn Kinder da sind. Denn es ist heutzutage ausdrücklich erwünscht, dass die Beziehung der Kinder zu beiden Elternteilen auch nach der Scheidung aufrechterhalten wird. Es ist aber völlig unsinnig anzunehmen, ein Vater könnte eine intensive und verantwortungsvolle Beziehung zu seinen Kindern pflegen, ohne gleichzeitig auch eine (wie auch immer geartete) Beziehung zu deren Mutter zu haben – oder gegebenenfalls auch andersrum.

Wie soll man dieses komplizierte Beziehungsgefüge organisieren? An dieser Frage scheitern heute viele Liebesbeziehungen zwischen Frauen und Männern. Eine Bekannte von mir hat sich zum Beispiel von ihrem Freund getrennt, mit dem sie drei Jahre lang ein Paar war. Das ungeklärte Verhältnis zu seiner Exfrau und den noch kleinen Kindern war ein dauernder Streitpunkt gewesen. Meine Bekannte hatte den Eindruck, immer nur um die Bedürfnisse der „Erstfamilie“ herumorganisiert zu werden – angefangen vom Urlaubstermin über die Frage, in welcher Stadt man wohnt, bis hin zur Planung der Weihnachtsfeiertage. Endgültig gereicht hat es ihr dann, als ihr Freund den Vorschlag machte, sie könnten doch eine Wohnung im selben Haus beziehen, in dem auch seine Exfrau und die Kinder lebten. Das wäre doch organisatorisch am einfachsten, fand er. In dem Moment beschloss sie, dass das Leben einer Zweitfrau wohl doch nichts für sie ist.

Vielleicht wird es Zeit, sich einzugestehen, dass die so genannte „serielle Monogamie“ überhaupt keine Monogamie ist. Monogamie ist nämlich, so sagt die Lexikon-Definition, „die lebenslange exklusive Fortpflanzungsgemeinschaft zwischen zwei Individuen“. In diesem Sinne ist unsere Kultur ganz offensichtlich schon lange nicht mehr monogam. Hierzulande wird „monogam“ verstanden als „in einem bestimmten Lebensabschnitt nur mit einer Person Sex haben.“ Die Frage, wer mit wem ins Bett geht, ist aber in diesem Zusammenhang ziemlich unerheblich. Solange keine Kinder da sind, entstehen diesbezüglich im Allgemeinen keine größeren Probleme, jedenfalls keine, die erwachsene Menschen nicht im Normalfall untereinander regeln könnten.

Das Hauptproblem besteht nicht im Hinblick auf die Sexualität, sondern auf die Kinder, und die Frage, wie stabile Elternbeziehungen auf der einen und wechselnde Sexualbeziehungen auf der anderen Seite unter einen Hut gebracht werden können. Oder konkret: Wer sich mit wem wie intensiv verbunden fühlt, wo der emotionale Lebensmittelpunkt liegt, wo die Verantwortlichkeiten und Verbindlichkeiten.

„Fortpflanzungsgemeinschaften“ lassen sich ganz einfach nicht „seriell“ organisieren. Jedenfalls dann nicht, wenn eine Gesellschaft den Anspruch auf lebenslange verantwortliche Elternschaft sowohl von Vater als auch von Mutter legt. Es gäbe natürlich andere Möglichkeiten. Matriarchale Gesellschaften zum Beispiel sind häufig so organisiert, dass sie Vaterschaft und Sexualität trennen: Die Rolle des sozialen Vaters, also der verlässlichen, lebenslang verpflichteten männlichen Bezugsperson eines Kindes, übernimmt der Bruder der Frau, während die Sexualpartner der Mütter wechseln können. Männer sind also nicht die Väter der Kinder, die ihre (wechselnden) Sexualpartnerinnen zur Welt bringen, sondern sie sind die „Väter“ ihrer Nichten und Neffen, der Kinder ihrer Schwestern, mit denen sie ja auch ohnehin eine lebenslange familiäre Beziehung verbindet.

In diese Richtung einer kulturellen Trennung zwischen biologischer und sozialer Vaterschaft geht die Entwicklung hierzulande aber gerade nicht. Die „biologische“ Vaterschaft wird – wie die jüngste Aufwertung genetischer Vaterschaftstests in juristischen Verfahren zeigt – im Vergleich zur sozialen Vaterschaft sogar immer wichtiger. Vor allem die organisierten Männerverbände bekunden hieran ein großes Interesse (obwohl es nach wie vor auch sehr viele Väter gibt, die nach einer Trennung den Kontakt zu ihren Kindern abbrechen). Doch wenn man das will, muss man sich auch den Konsequenzen solcher Verhältnisse stellen: Wenn Väter und Mütter das Recht auf wechselnde, serielle Liebesbeziehungen inklusive daraus möglicherweise resultierender weiterer Kinder haben, dann ist das faktische Polygamie.

Dass dies nicht offen thematisiert wird, liegt natürlich daran, dass wir komplexe Familienstrukturen, die über die intime Zweierbeziehung als „Keimzelle“ hinausweisen, hierzulande offiziell ablehnen. Schon in der Schule hat man uns beigebracht, dass der Übergang von der bösen Polygamie der wilden Naturvölker zur guten Monogamie der zivilisierten Gesellschaften ein Fortschritt in der Menschheitsgeschichte war. Derzeit ist das Thema zudem besonders heikel, weil diese alte, patriarchale Vielehe doch eher bei den vermeintlich so rückständigen Muslimen vermutet wird, als mitten unter „uns“ aufgeklärten westlichen Leuten. Dabei ist es völlig abwegig zu glauben, dass die alten Araber ihre vielen Frauen alle gleichzeitig geehelicht hätten. Natürlich taten auch sie das in der Regel „seriell“, also hübsch nacheinander. Und auch damals wird es im wesentlichen so gewesen sein, dass die „Erstfrau“ vor allem, was das Nachtlager betraf, gegen ihre jüngeren, sexuell attraktiveren Nachfolgerinnen ausgetauscht wurde, aber als Mutter der bereits geborenen Kinder eben weiterhin zum Familienkreis gehörte. Dass der Prophet Mohammed irgendwann die Parole ausgab, bei vier Frauen müsse Schluss sein, hatte auch keineswegs sexualmoralische, sondern ökonomische Gründe: Es ging, damals wie heute, um die Frage der wirtschaftlichen Absicherung von Frauen und Kindern, also um das Unterhaltsrecht.

Eines allerdings ist heute anders geworden, und das ist die Gleichberechtigung der Frauen. Es sind nicht mehr, wie in patriarchalen Zeiten, nur die Männer, denen es erlaubt ist, im Laufe der Zeit mehrere Frauen zu haben, sondern auch die Frauen dürfen heute mehrere Männer haben. Das macht das Problem aber nicht unbedingt einfacher. Auch so manchem „Zweitmann“ dürfte das familiäre Kuddelmuddel seiner bereits mit einem anderen Mann Mutter gewordenen Lebenspartnerin Probleme bereiten. Immerhin können die Männer, anders als die Frauen, hier auf den Faktor Zeit hoffen: Bei den Frauen ist nämlich irgendwann mit dem Mutterwerden Schluss, während die Männer bis ins hohe Alter weitere Kinder zeugen können. Deshalb ist das neue Unterhaltsrecht übrigens auch unter Geschlechteraspekten höchst ungerecht: Ein „Erstmann“, der wegen der Kinder auf Karrierechancen verzichtet hat, kann sich relativ sicher sein, dass die gut verdienende Mutter seiner Kinder irgendwann keine weiteren Kinder in die Welt setzt, denen (und deren Vätern) gegenüber sie möglicherweise unterhaltspflichtig ist. Den „Erstfrauen“ geht es da deutlich schlechter. Sie müssen bis ans Lebensende um ihre Unterhaltsansprüche bangen, da die gut verdienenden Väter ihrer Kinder jederzeit die Möglichkeit haben, erneut mit anderen Frauen Kinder zu haben.

Was die ökonomische Seite des Problems betrifft, so ist eine Lösung aber in Sicht: Sie besteht in der finanziellen Unabhängigkeit aller erwachsenen Individuen. Wenn erst einmal alle Frauen und Männer erwerbstätig und individuell ökonomisch abgesichert sind, dann verliert die Frage des Unterhaltsrechts an Bedeutung. Dass dieser Weg bislang nur halbherzig eingeschlagen wird – unter anderem deshalb, weil die ökonomische Bedeutung von Haus- und Familienarbeit noch immer nicht in aller Klarheit mit einkalkuliert wird – ist zwar wahr, aber kein symbolisches, sondern lediglich ein handwerkliches Problem der Politik. Denkbar ist so eine Lösung, und im Großen und Ganzen sind wir ja auch bereits auf dem Weg dorthin.

Dennoch glaube ich, dass das Problem der heutigen, uneingestanden polygamen Beziehungsstrukturen damit nicht gelöst ist. Meine Bekannte zum Beispiel, die keine andere Lösung sah, als sich von dem Mann, den sie eigentlich liebt, zu trennen, hat kein wirtschaftliches Problem. Dass ihr Freund sein Einkommen mit seinen Kindern und deren Mutter teilt, findet sie völlig in Ordnung. Als ökonomisch selbstständiger Frau kann es ihr ja auch egal sein. Ihr Problem ist vielmehr, dass es ihr in dieser Beziehungskonstellation nicht möglich ist, weiterhin den Traum einer monogamen Liebesbeziehung zu träumen. Sie musste einsehen, dass sie mit diesem Mann, obwohl sie ihn liebt, keinen intimen Familienbereich gründen (und in diesem Binnenraum selbst Mutter werden) kann, ohne dass dieser „monogame“ Bereich gewissermaßen „gestört“ wird durch die gleichfalls berechtigen Ansprüche anderer Frauen und Kinder, die durch ebenso intime Beziehungen mit diesem Mann bereits verbunden sind.

Worauf ich hinaus will ist, zu zeigen, dass Probleme dieser Art nicht nur individuelle Probleme sind, sondern die logische Folge der Art und Weise, wie wir über Familien und Liebesbeziehungen sprechen und nachdenken. Früher, in patriarchalen und monogamen Zeiten, hatte der Liebeskummer der Frauen seinen Grund in einem individuellen Fehlverhalten der betreffenden Männer. Zwar war sexuelle Polygamie, insbesondere unter Männern (aber wahrscheinlich auch unter Frauen) schon immer weit verbreitet. Doch wenn ein Ehemann mit der Sekretärin ins Bett ging oder die Ehefrau den Briefträger verführte, dann entstanden daraus keine moralischen, von der Gesellschaft eingeforderten Folgen und Verpflichtungen. Monogamie hieß eben, dass die erste, eigentliche, gesetzlich abgesegnete Beziehung (die Ehe) als einzige zählte. Entsprechend war sich die „öffentliche Meinung“, also die Nachbarinnen, die Schwiegermütter, die Zeitungsschreiber und so weiter, auch einig: Wer „fremdgeht“ – egal ob als Verheirateter oder mit einem anderweitig Verheirateten – handelt schlecht, ist schuldig, hat keine Ansprüche zu stellen.

Das hat sich geändert. Wir möchten, dass die Ansprüche aller Beteiligten gehört und beachtet werden. Das heißt aber, dass heute der aus „Mehrfachbeziehungen“ herrührende Liebeskummer der Frauen (und wohl auch vieler Männer) nicht in erster Linie mit individuellem Fehlverhalten zu tun hat, sondern mit widersprüchlichen, einander ausschließenden Ansprüchen der Gesellschaft: Man kann eben ganz einfach nicht sowohl intime und exklusive Zweierbeziehungen führen, als auch für die Kinder aus vorangegangenen Beziehungen verantwortlich und verlässlich da sein. Der Traum der intimen, exklusiven Zweierbeziehung, der Monogamie also, lässt sich nur träumen, wenn man entweder auf Kinder ganz verzichtet (und auch nur Kinderlose als mögliche Liebespartner und -partnerinnen in Betracht zieht), oder wenn man tatsächlich zur ursprünglichen Monogamie-Definition der „lebenslangen exklusiven Fortpflanzungsgemeinschaft“ zurückkehrt. Und es ist wohl kein Zufall, dass es für beides derzeit starke gesellschaftliche Tendenzen gibt.

Wenn wir das aber nicht wollen, wenn wir vielmehr eine Gesellschaft wollen, in der weiterhin Kinder geboren werden, die Erwachsenen aber dennoch frei sind, ihre Sexualpartner und -partnerinnen im Lauf der Zeit zu wechseln, dann werden wir uns wohl dem Thema „moderne Polygamie“ zuwenden müssen. Wie können familiäre Beziehungsstrukturen funktionieren, in denen sich mehrere Frauen und Männer, die in komplizierten Strukturen wechselseitig durch (ehemalige und aktuelle) Sexualbeziehungen sowie durch ein komplexes Netz von sozialer oder biologischer Mutter- und Vaterschaft unweigerlich miteinander verbunden sind, wohlfühlen und menschenfreundlich miteinander umgehen?