Nein, die Kinderlosen sind nicht schuld

Erstmals hat das statistische Bundesamt jetzt eine Erhebung gemacht zu der Frage, wie viele Kinder Mütter in Deutschland haben. Das heißt, es wurde nicht wie sonst nur die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau erhoben, sondern auch die Entwicklung innerhalb der Gruppe der Mütter selbst untersucht. Als ich vor drei Jahren mein Buch „Methusalems Mütter“ schrieb, lagen solche Zahlen noch nicht vor, also war ich besonders gespannt auf das Ergebnis und habe mir heute die Zahlen einmal genauer angeschaut (nachzulesen sind sie unter www.destatis.de).

Mutter sein ist schön, finden die meisten Frauen. Aber eben nicht alle, und das ist auch nicht schlimm. Foto: www.photocase.com/paul-can5

Mutter sein ist schön, finden die meisten Frauen. Aber nicht alle, und so what? Foto: http://www.photocase.com/paul-can5

Vergleicht man die Frauen der Jahrgänge 1933 bis 1968 (die Jüngeren sind zwar auch befragt worden, jedoch kann man daraus nicht wirklich etwas schließen, weil sie ja noch weitere Kinder bekommen können, weshalb ich sie an dieser Stelle nicht berücksichtige), so zeigt sich, dass es innerhalb der Mütter zu einer klaren Verschiebung hin zur „Norm-Mutter“ gegeben hat: nämlich der, die ein oder zwei Kinder hat. Ihr Anteil ist im Vergleich zu der Generation der heute 70 bis 75-jährigen Frauen um jeweils rund fünf Prozent gestiegen, und zwar von 25 auf knapp 30 Prozent bei den Müttern mit einem und von 39 auf knapp 44 Prozent bei den Müttern von zwei Kindern. Allerdings ging diese Veränderung nicht linear vonstatten, sondern relativ rasch im Verlauf von nur zehn Jahren: Schon die heute 60 bis 64 Jahre alten Mütter hatten zu 30 Prozent ein Kind und zu 45 Prozent zwei Kinder, und dies ist seither stabil geblieben.

Rasant zurückgegangen ist hingegen der Anteil der Frauen, die drei oder mehr Kinder haben: Er liegt bei den 70 bis 75 Jahre alten Müttern noch bei 35 Prozent und ist, ebenfalls relativ rasch (in einem Zeitraum von 20 Jahren), auf um die 20 Prozent gefallen, wo er bis heute liegt. Das ist ein Rückgang um satte 15 Prozent, wobei er unter den Frauen mit vier oder mehr Kindern mit 18 Prozent noch einmal deutlicher ausgefallen ist.

Ebenfalls klar angestiegen ist der Anteil der Frauen ohne Kinder, er ist von 11 Prozent bei den älteren Frauen auf heute um die 20 Prozent gewachsen. Ein interessanter Unterschied in der Verschiebung ist aber, dass anders als bei den Umschichtungen innerhalb der Gruppe der Mütter, dies eine kontinuierliche Entwicklung war: ein stetiger Anstieg über die Jahrzehnte.

Manche Zeitungen, zum Beispiel die taz, ziehen aus diesen Zahlen die Schlussfolgerung, das „Problem“ der sinkenden Geburtenraten (ich würde in diesem Zusammenhang überhaupt nicht von einem Problem sprechen) liege nicht so sehr in einem Trend zu weniger Kindern, sondern im Anstieg des Anteils kinderloser Frauen. Ich habe dieser These schon in meinem Buch vehement widersprochen und bleibe auch nach diesen Zahlen dabei. Zwar ist es natürlich richtig, dass die zunehmende Kinderlosigkeit auf die Geburtenrate drückt. Aber es ist gleichwohl nicht sinnvoll, hier den Fokus der Familienpolitik anzusetzen.

Denn eine Frau, die keine Kinder will, weil sie zum Beispiel andere Prioritäten in ihrem Leben setzt, wird sich auch mit bester Kindergartenausstattung nicht zum Mutterwerden überreden lassen. Dass dies bei Akademikerinnen oder ansonsten beruflich engagierten Frauen häufiger vorkommt als bei anderen, ist auch keine wirklich große Überraschung. Insofern ist der Anstieg der Kinderlosigkeit aus Sicht der Frauen durchaus auch ein positives Zeichen: Kinderlos zu sein ist heute kein Stigma mehr, und dass Frauen auch ohne Kinder zufrieden sind und sich als vollwertig begreifen, ist definitiv ein Grund zur Freude. Anzunehmen, dass unter den Müttern der älteren Generationen ein gewisser Anteil ungewollt Mutter geworden war, ist sicher nicht abwegig. Der höhere Anteil kinderloser Frauen ist definitiv auch darauf zurückzuführen, dass ungewollte Mutterschaften heute viel seltener sind als früher. Und das ist auch gut so.

Natürlich gibt es daneben auch eine große Gruppe von Frauen, die ungewollt kinderlos bleiben. Und zwar eine kleinere, bei denen das medizinische Ursachen hat, und eine deutlich größere, die Kinder nur gemeinsam mit einem Partner großziehen wollen, aber keinen Mann finden, der diesen Wunsch mit ihnen teilt. Aber auch in diesen beiden Fällen kann die Politik kaum Einfluss nehmen. Allenfalls besteht die Möglichkeit, die „Zeugungsunlust“ der Männer irgendwie zu bearbeiten, aber für einen der wesentlichen Gründe, warum Männer heute zögerlich sind, ein Kind in die Welt zu setzen, ist ja keine Lösung in Sicht, ganz im Gegenteil: die wirtschaftliche Unsicherheit, die bei der Familienplanung wohl aus Sicht der Männer noch mehr als aus Sicht der Frauen ins Gewicht fällt, nimmt derzeit ja nicht ab, sondern zu.

In meinem Buch hatte ich deshalb dafür plädiert, die Aufmerksamkeit darauf zu richten, die Situation von Müttern möglichst zu verbessern, denn eine Frau, die sich schon einmal grundsätzlich für Kinder entschieden hat, sollte nicht aus organisatorischen und finanziellen oder sozialen Gründen gezwungen sein, auf ein drittes, viertes oder fünftes Kind zu verzichten. Wenn ich diese Zahlen nun sehe, muss ich zugeben, dass das vermutlich auch unrealistisch ist. Denn wenn der Trend weg von der Vielkinder-Familie eigentlich gar kein (kontinuierlicher) Trend ist, sondern ein Umbruch in den Familienstrukturen, der bereits vor vierzig bis fünfzig Jahren weitgehend abgeschlossen war, dann ist es sehr unwahrscheinlich, dass sich an diesem Rad noch etwas drehen lässt.

Von daher würde ich aus dieser neuen Studie die Schlussfolgerung ziehen, dass eine gute Familienpolitik vielfältig sein und aus der Fixierung auf die „Normfamilie“ mit zwei Kindern herauskommen muss. Jeder Kinderwunsch einer Frau ist möglichst zu unterstützen, ob es nun das erste, zweite, dritte, vierte oder fünfte Kind ist. Keinesfalls brauchen wir noch mehr Fixierung auf die typische Vater-Mutter-zwei Kinder-Konstellation, sondern eine Vielfalt von Lebensformen, mehr Akzeptanz sowohl für Vielkind-Familien als auch für lesbische Mütter und schwule Väter und vor allem für die wachsende Gruppe der so genannten „Alleinerziehenden“ (die übrigens in den seltensten Fällen ihre Kinder tatsächlich „allein“ erzieht, sondern nur halt eben nicht im typischen Kleinfamilien-Rahmen).

Unter demografischen Gesichtspunkten (also im Hinblick auf die Frage, wie sich das Generationengefüge heute und in den kommenden Jahrzehnten sinnvoll in gesellschaftlichen Strukturen abbilden lässt) ist ohnehin die Bildungsfrage und nicht die Geburtenfrage die entscheidende: Auch die neue Studie hat wieder ergeben, dass der Kinderanteil in sozial schwachen Familien tendenziell höher ist als in sozial besser gestellten, und zusammen mit der sozialen Auslese, von der unser Bildungssystem immer noch geprägt ist, sind da die Probleme der Zukunft vorprogrammiert. Auf den Punkt gebracht heißt das: Es ist vor allem notwendig, den Kindern, die geboren werden, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft eine gute Ausbildung und gesellschaftliche Perspektiven zu bieten. Dazu gehört übrigens auch, ihnen nicht durch verfehlte Politik immer mehr Schulden und sonstige Altlasten aufzubürden.

Jedenfalls werden sich die Kinderzahlen auch mit bester Eltern-Förderungspolitik nicht entscheidend nach oben treiben lassen. Dass unsere Gesellschaft veraltet, also im Durchschnitt älter wird (was ohnehin vor allem an der Lebenserwartung und nicht an den Kinderzahlen liegt) ist eine Tatsache. Eine Katastrophe wird das nur, wenn wir uns dieser Tatsache nicht stellen, sondern uns immer weiter der Illusion hingeben, dass die Herausforderungen wie ein Hokuspokus verschwinden würden, würden wir nur mehr Kinder in die Welt setzen.

Viel mehr als Gleichberechtigung…

Seit zehn Jahren gibt es im Christel Göttert-Verlag eine Reihe mit kleinen, quadratischen philosophischen Bändchen mit aktuellen Impulsen feministischer Denkerinnen. Soeben sind zwei neue erschienen: “Mutter, Sprache, Autorität” von Andrea Günter (das bespreche ich später an dieser Stelle auch noch), sowie eines von Ina Praetorius mit dem Titel “Weit über Gleichberechtigung hinaus. Das Wissen der Frauenbewegung fruchtbar machen”.

Praetorius_GleichberechtigungAls ich das gestern in der S-Bahn anfing zu lesen, war ich zwar gespannt, aber nicht sehr: Schließlich kenne ich Ina seit Jahren und wusste also schon ungefähr, was da drin stehen würde. Trotzdem habe ich die knapp 70 kleinen Seiten dann in einem Rutsch verschlungen. Denn die Art, wie Ina Praetorius schreibt, ist einfach schön: Klar, auf den Punkt, witzig, ohne Schnörkel.

Ihr Thema ist, wie das Wissen der Frauenbewegung nun endlich einmal für die Weltgestaltung fruchtbar gemacht werden kann. Denn natürlich war die Gleichberechtigung nie ein Zweck an sich. Sondern es ging um mehr, um Glück, um gutes Leben für die Frauen und für alle.

“Was Feministinnen unter Weltgestaltung verstehen, haben sie schon in unzähligen Texten erläutert. Aber dieses Wissen, das uns eigentlich längst zur Verfügung steht, wird immer wieder vergessen. Warum? Weil wir immer noch zu sehr mit dem Kampf um Gleichberechtigung beschäftigt sind? Weil wir noch nicht aufgehört haben, das ‘Höhere Männliche’ anzubeten, das sich heute kaum mehr ‘Herrgott’, sondern zum Beispiel ‘Wallstreet’ oder ‘Eliteuniversität’ oder ‘FAZ’ nennt? Oder weil Weltgestaltung anstrengend ist?”

Mit ihrem Text will Ina uns selber und “alle Vergesslichen an die Wünsche und Ziele der Frauenbewegung erinnern, die über Gleichberechtigung hinausreichen. Und allen, die noch nie etwas von feministischen Einsichten und Visionen gehört haben, möchte ich sagen, worum es geht”. Und das ist ihr außerordentlich gut gelungen. Mit einem prägnanten Überblick über die wichtigsten Themen und inklusive Literaturliste am Ende. Also: dringende Leseempfehlung für alle (auch für Männer!) sowie eine brilliante Geschenkidee.

Ina Praetorius: Weit über Gleichberechtigung hinaus… Das Wissen der Frauenbewegung fruchtbar machen. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 2009, 5 Euro.

Gezwungen, das Gesetz zu unterschreiben?

In einem taz-Artikel über den Antrittsbesuch der litauischen Präsidentin Dalie Grybauskaite in Schweden geht es um ihre Kritik an dem neuen so genannten „Moralgesetz“ in Litauen. Ein Satz darin hat mich ins Grübeln gebracht. Sie wird  zitiert mit den Worten: “Ich bin empört über das Gesetz, es rückt Litauen in ein schlechtes Licht und es erinnert an Sowjetzeiten. Aber ich bin gezwungen, es zu unterschreiben und in Kraft zu setzen.”

Dalia Gybauskaite - wer zwingt die Präsidentin, das so genannte litauische "Moralgesetz" zu unterschreiben?

Dalie Gybauskaite - wer zwingt die Präsidentin, das so genannte litauische "Moralgesetz" zu unterschreiben?

Was bedeutet diese Aussage „Ich bin gezwungen“ in diesem Zusammenhang? Wie kann Grybauskaite das meinen, dass sie „gezwungen“ ist, das Gesetz zu unterschreiben? Von wem wird sie gezwungen? Was würde passieren, wenn sie es nicht tut? Würde sie ermordet? Enteignet? Ins Gefängnis geworfen? Ihres Postens enthoben?

Leider geht der Artikel dieser Frage nicht nach. Grybauskaites Aussage „Ich bin gezwungen, es zu unterschreiben“ wird vielmehr als selbstverständlich akzeptiert. Man kann nur ahnen, was gemeint ist: Offenbar würde ein Veto ihrerseits das Gesetz nicht mehr verhindern können. Aber ist das gleichzusetzen mit „gezwungen“ sein? Ehrlich, ich verstehe es nicht.

Das Thema „Müssen“ und wodurch eigentlich Pflichten entstehen, beschäftigt mich schon seit einer Weile, und meine These ist, dass die westlich-moralische Pflichtethik à la Kant gescheitert ist.  Dabei bin ich von der Beobachtung ausgegangen, dass „Müssen“ heutzutage schlicht mit „Zwang“ gleichgesetzt wird: Wozu ich nicht gezwungen bin, das muss ich auch nicht.

Interessant ist daher, wie „Zwang“ definiert wird. Spontan stelle ich mir dabei eine gewaltvolle Macht vor: Jemand „zwingt“ mich mit der Pistole auf der Brust, etwas zu unterschreiben. Ich bin in einer Situation, in der ich „nicht anders kann“, oder jedenfalls nur um einen sehr hohen, eigentlich unbezahlbaren Preis.

Offenbar hat sich aber längst an eine andere Bedeutung von „Zwang“ ausgebreitet: Viele Menschen fühlen sich, wie Grybauskaite, schon zu etwas „gezwungen“, wenn ihnen andernfalls bloß kleinere Nachteile drohen, wie zum Beispiel finanzielle Einbußen oder der Verlust eines Amtes. Wie anders wäre es  zu erklären, dass wir bereitwillig die Erklärung akzeptieren, sie sei „gezwungen“, das Gesetz zu unterschreiben?

Wenn man beides nun zusammen denkt, die Gleichsetzung von „Müssen“ mit „Zwang“ auf der einen Seite und die Gleichsetzung von „Zwang“ mit „andernfalls kleinere Nachteile in Kauf nehmen müssen“ – dann ist das Ende jeder moralisch-ethischen Grundlage augenfällig. Dann ist nämlich jede nicht-mainstreamige Handlung logisch ausgeschlossen: Es gibt keine Verpflichtung mehr jenseits des Zwanges, andererseits aber sind wir ständig zu vollkommen angepasstem Verhalten „gezwungen“, weil nicht mehrheitskonformes Handeln ja mit großer Wahrscheinlichkeit den einen oder anderen materiellen oder statusbezogenen Nachteil mit sich bringt.

Das würde natürlich den außerordentlichen Grad an Konformismus erklären, der für die heutigen Gesellschaften charakteristisch ist. Und es ist eine Bankrotterklärung für unsere Kultur, die sich von jedem ethischen Anspruch offenbar ganz verabschiedet hat. Da wundert es dann auch nicht mehr, dass menschenfeindliche Ideologien sich, wie eben in Litauen, ganz ungeniert als „Moralgesetze“ ausgeben können. Es gibt ja schließlich nichts, was ihnen diesen Platz streitig machen könnte.

„Ich weiß, was du gestern Abend getwittert hast!“

Gestern habe ich auf Twitter eine kleine Umfrage gestartet zu der Frage „Wie viel Prozent deiner Follower kennst du persönlich?“ Die Idee dazu kam mir, als eine Kollegin, die sich gerade einen Account eingerichtet hatte, anfing, mir zu followen. Und ich dachte: Oh je, jetzt liest die im Büro nebenan alle meine Tweets. Das heißt, ich muss jetzt dauernd damit rechnen, dass ich auf meine Twitterei angesprochen werde. Ob das was ändert?

Es interessierte mich zu wissen, wie viele ihrer Follower die anderen Twitties so im Allgemeinen persönlich kennen, aber offensichtlich gibt es dazu noch keine Erhebung. Auf den entsprechenden Tweet haben aber manche gleich mit ihren Zahlen geantwortet, und daher retweetete ich die Frage noch zwei, drei Mal, und hier ist das Ergebnis:

Es haben 39 Personen geantwortet, fast gleich viel Frauen und Männer. Durchschnittlich kennen sie 1,04 Prozent ihrer Follower, von denen sie im Schnitt 373 haben (mit einer Bandbreite von 35 bis 2260, also relativ breit gestreut).

Natürlich ist das Ergebnis bei so einer kleinen Stichprobe überhaupt nicht repräsentativ, aber viel interessanter als Durchschnittwerte ist ja ohnehin, was sich ansonsten so an Einsichten ergibt. Vor allem war das die nicht wirklich überraschende Erkenntnis, dass Durchschnittswerte im Bezug auf Twitter nicht von Bedeutung sind. Denn offensichtlich nutzen die Leute diese Plattform sehr unterschiedlich, und das schlägt sich auch hier nieder.

Interessant finde ich zum Beispiel, dass es eine ganze Reihe von Twitties gibt, die nicht einen einzigen Follower persönlich kennen. Sie twittern also im Bezug auf die Leute, mit denen sie offline zu tun haben, sozusagen inkognito. Das finde ich aus zweierlei Gründen spannend. Wie sind sie überhaupt auf die Idee zum Twittern gekommen? Offenbar anders als ich, die ich nämlich von einer Freundin dazu angeregt wurde. Und: Haben sie nicht den Wunsch, ihre Offline-Beziehungen auch in Twitter wiederzutreffen? Ich jedenfalls habe den, und immerhin drei meiner sechs persönlich bekannten Follower habe ich selber dazu animiert, hier mitzumachen.

Eine andere Gruppe gibt relativ hohe persönlich bekannte Zahlen an, so um die 20 Prozent. Das sind jedoch Leute mit unter hundert, also relativ wenigen Followern. Sie sind vielleicht noch am nächsten dran an dem ursprünglichen Twitter-Projekt, das ja auf der Startseite immer noch postet: „Twitter is a service for friends, family, and co-workers to communicate and stay connected.“ Im Gegensatz dazu wird Twitter aber offenbar gerade nicht dazu genutzt, um mit Menschen in Kontakt zu bleiben, die man ohnehin kennt, sondern überwiegend dazu, neue Kontakte zu machen oder auch Botschaften an eine möglichst große Gruppe vollkommen Unbekannter zu senden.

Ebenfalls interessant waren die Diskussionen über die Frage: Was heißt es überhaupt, persönlich bekannt zu sein? Ich habe das eingegrenzt auf die körperliche Präsenz, also dass man sich tatsächlich schon einmal getroffen und miteinander gesprochen hat. Ich denke nämlich zurzeit über die Bedeutung persönlicher, körperlicher Anwesenheit für die Art und Weise von Kommunikation nach. Also über den Unterschied zwischen Worten, die mündlich in einer konkreten Situation zwischen zwei oder mehreren Menschen zirkulieren, und solchen, die schriftlich bzw. medial vermittelt sind (also auch von der konkreten Situation losgelöst).

Meine vorläufige These dazu ist, dass sich medial zwar gut Informationen verbreiten lassen, neue Ideen oder auch neuer Sinn hingegen nur entstehen können, wenn Sprache zirkuliert, wenn Worte wie Spielbälle hin und her fliegen können, Sätze vorläufig ausprobiert werden und so weiter. Manchmal sage ich zum Beispiel Sätze in einem Gespräch und beobachte, wie sie auf die anderen und mich selbst wirken. Dadurch kann ich ein Gefühl dafür bekommen, ob sie wahr sind und Sinn ergeben oder nicht. Wenn ich publiziere, geht das nicht, da muss ich meiner Meinung sozusagen vorher schon relativ sicher sein, weil sie losgelöst von meiner Person herumgeistern wird. Meine Idee ist, dass wenn via Internet die Verfügbarkeit und Verbreitung von Informationen nicht mehr beschränkt ist, diese persönliche Anwesenheit vielleicht bedeutsamer wird, weil wir ja alle Wege finden müssen, in die Flut an Informationen sozusagen „Sinnschneisen“ zu schlagen.

Aber das ist, wie gesagt, bisher nur eine Idee, die ich noch weiter untersuchen und verfolgen will. Dafür spricht vielleicht, dass manche Twitterer offenbar Lust haben, ihre Twitter-Kontakte auch offline zu treffen. Eine antwortete zum Beispiel, dass sie ihre ursprünglich 1 Prozent-Bekanntschaften über Twittagessen schon auf 4 Prozent gesteigert hat.

Trotzdem hat sich bei der kurzen Umfrage gezeigt, dass auch reine „Internetbekanntschaften“ eine Qualität erreichen können, die an das „persönlich bekannt sein“ heranreicht, jedenfalls als ebenso vertraut und intim erlebt werden. Manche haben zum Beispiel schon mit Followern telefoniert. Andere kennen sich online schon seit vielen Jahren, also ziemlich gut, auch wenn sie sich noch nie getroffen haben. Von ihnen würde ich gerne wissen, ob sie nicht dann auch das Bedürfnis haben, die anderen mal persönlich zu treffen? Ich jedenfalls habe das bisher immer gehabt, ich habe schon eine ganze Reihe von Personen „im Internet“ kennengelernt und sie dann irgendwann auch „offline“ getroffen. Das hat unsere Beziehung meistens auf eine neue qualitative Ebene gehoben (auch für späteres Wiedertreffen online), was mir gut gefällt.

Mir ist jedenfalls bei dem Ganzen bewusst geworden, dass die Tatsache, dass ich einige meiner Follower persönlich kenne, bewirkt, dass ich bewusster oder vielleicht auch verantwortlicher twittere. Weil ich mit blödsinnigen Tweets nicht nur riskiere, dass mir Follower abhanden kommen (was ja auch bei guten Tweets passieren kann, wenn die Follower eben einfach etwas anderes erwarten oder meine Interessen oder meinen Stil nicht teilen). Wenn hingegen Leute meine Tweets lesen, die mir persönlich etwas bedeuten, die ich regelmäßig sehe oder mit denen mich politische Ziele und Initiativen verbinden, dann twittere ich gewissermaßen mit dem Wissen im Hinterkopf, dass sie mich im ganz realen Leben dafür zur Verantwortung ziehen. Das macht es ein bisschen anstrengender, ist aber unterm Strich wahrscheinlich ganz fruchtbar.

Thema Urheberrecht: Wofür werden Autor_innen eigentlich bezahlt?

Gestern im Tagesspiegel schrieb Else Buschheuer,   dass sie, seit sie twittert, nicht mehr bloggt, und dass sie seither vier Texte verkauft habe, die sie früher „umsonst“ ins Internet gestellt hätte. Als ich das las, dachte ich, dass es doch eigentlich noch besser wäre, wenn sie die Texte sowohl ins Internet stellen, als auch verkaufen würde. Ist das nicht wieder mal so ein falscher Gegensatz?

Das Urheberrecht ist derzeit in der Debatte, ebenso die miesen Verdienstmöglichkeiten für freie Autorinnen und Autoren, über die Hilal Sezgin vor einiger Zeit so eindrücklich in der taz geschrieben hat  Meiner Ansicht nach sind die dazu diskutierten Lösungen aber allesamt unbefriedigend. Bezahlte Texte aus dem Internet „rauszuhalten“ (oder, die Alternative, durch ein strenges Urheberrecht Bezahlung dafür einzutreiben) ist eine künstliche Verknappung des Angebots. Sie hat nicht nur den Nachteil, dass die Texte dann vielen unzugänglich sind, sondern auch – aus meiner Sicht als freie Autorin noch viel schlimmer – dass die Verbreitung von Ideen dadurch behindert wird. Etwas überspitzt gesagt: Was ich schreibe, finde ich so toll, dass ich es gerne auf allen verfügbaren Kanälen verbreiten will.

Die „Gewerkschaftslösung“, die Hilal Sezgin in ihrem Artikel vorschlägt, also dass Autor/innenverbände verbindliche Honorarregelungen aushandeln, an die sich Medien dann auch halten, ist angesichts der Marktmechanismen eher unwahrscheinlich. Außerdem folgen Gewerkschaften einer Massenlogik (eine Lösung für alle), die heute nicht mehr funktioniert. Die derzeit diskutierte Lösung „Kulturflatrate“ gefällt mir auch nicht, denn da fragt sich doch gleich wieder, welche illustren Gremien denn dann wohl darüber entscheiden, wer vom Kuchen etwas abkriegt – und wer nicht.

Angesichts vieler schlechter Lösungen sollte man sich nicht für die am wenigsten schlechte entscheiden, sondern eine bessere suchen. Also: Was tue ich eigentlich genau, wenn ich einen Text schreibe und veröffentliche? Was daran ist bezahlenswert und von wem?

Da gibt es drei Möglichkeiten: Entweder ich schreibe, weil ich etwas sagen will, ein Thema wichtig finde und meine Gedanken dazu in die öffentliche Debatte bringen möchte (dieser Text gehört in diese Kategorie). Oder ich schreibe, weil jemand anderes mich damit beauftragt hat, weil er oder sie sich davon offenbar etwas erhofft (das ist der Fall bei den meisten Artikeln oder Vorträgen die ich schreibe). Oder, drittens, ich schreibe, um Geld zu verdienen.

Früher haben sich diese drei Faktoren oft vermischt, wenn auch nur idealerweise. Ich glaube, um die heutige Situation zu verstehen, muss man sie trennen.

Zum ersten Punkt: Texte, die ich schreiben will, schreibe ich sowieso – und das Internet gibt mir die fantastische Möglichkeit, sie auch noch publizieren und bewerben zu können. Das ist ganz wunderbar, denn ich bin dabei völlig unabhängig von den üblichen Kanälen (Universitäten, Verlage, Redaktionen), bei denen ich in vor-digitalen Zeiten Klinken putzen musste.

Was direkt zum zweiten Punkt führt: Gerade, indem ich meine Ideen frei ins Internet stelle, finde ich Menschen, die mich mit irgendwelchen Dingen beauftragen – und mir dafür auch Geld bezahlen. Nur weil meine Vorträge im Netz stehen, wissen sie ja, dass ich Themen auf eine Art und Weise bearbeite, die ihnen gefällt. Nur was genau bezahlen sie dann? Sie bezahlen nicht die Ideenproduktion als solche (worum es im Urheberrecht geht), sondern deren Bearbeitung für ihr genaues Bedürfnis: dass ich bei ihnen einen Vortrag halte oder einen Text, der im Netz schon längst steht, für genau ihr Medium, ihre Publikation noch einmal aufbereite, oder dass ich einen Gedankengang, den ich längst entwickelt und publiziert habe, in ihrem Kontext noch einmal vermittle, etwa bei einer Podiumsdiskussion.

Seit ich mir klar mache, dass ich nicht meine Ideen verkaufe (die sind im Netz frei verfügbar), sondern deren Vermittlung, kann ich in solchen Fällen viel besser über Geld verhandeln. Weil nämlich die alten Argumente, Honorare zu drücken, bei mir nicht mehr funktionieren. Ich soll mich ohne Honorar fürs Fernsehen interviewen lassen oder eine Lesung halten, um mein Buch zu promoten? Hab ich nicht nötig, ich promote mich selbst. Wenn ich für so etwas Zeit aufwende, dann nicht für mich, sondern für die Auftraggeberin, also will ich Geld sehen. Oder: Ich soll ohne Honorar einen Vortrag halten, weil das Projekt so politisch, gemeinnützig, wichtig ist, aber leider keinen Etat hat? Kann ich inzwischen ganz ohne schlechtes Gewissen absagen: Sie können meine Texte zu ihrem Thema ja aus dem Internet ziehen und selber lesen – der „guten Sache“ ist also Genüge getan. Meine Erfahrung ist, dass sich auf dieser Basis gute Honorare aushandeln lassen, und wenn nicht, verbringe ich meine Zeit jedenfalls nicht mit Gratisarbeit.

Das heißt, das Autorin-Sein, sofern es Quelle des Gelderwerbs ist, funktioniert heute anders. Nicht die Originalität der Idee wird bezahlt, denn die Idee als solche steht allen zur Verfügung, sondern die Vermittlung dieser Idee – und die hat tatsächlich immer noch einen Marktwert, vielleicht sogar einen steigenden. Jedenfalls mache ich diese Erfahrung.

Bleibt der dritte Punkt. Was ist mit denen, die ausschließlich schreiben, um Geld zu verdienen? Ich glaube ja nicht, dass das viele sind – aber die es betrifft, sollten vielleicht doch lieber etwas anders machen. Es kann doch nicht sinnvollerweise einen Anspruch darauf geben, mit einer bestimmten Tätigkeit Geld zu verdienen. Schon viele ehedem nützliche Berufe sind im Lauf der Zeit ausgestorben. Warum auch nicht der der Autor_in gegen Geld?

Bleibt natürlich die Frage, was mit jenen Autor_innen ist, die zwar aus Engagement und um der Themen willen schreiben, ihre Ideen aber nicht „verkaufen“ können? Dafür kann es ja viele Gründe geben, die nichts mit der Qualität ihrer Arbeit zu tun haben müssen. Sie brauchen natürlich trotzdem Geld zum Leben. Aber dieses Problem betrifft ja nicht nur sie, sondern viele Menschen, die wichtige Dinge tun, die aber nicht marktförmig verwertbar sind. Wir brauchen also nicht Subventionen für eine bestimmte Art von Arbeit, sondern ein bedingungsloses Grundeinkommen. Damit alle Menschen ohne Konformitätsdruck das machen können, was ihnen wichtig ist.



Danke für die Spende!