von Trotta verfilmt das Leben der Hildegard von Bingen

Eigentlich ist sie eine Regisseurin für politische Themen: Das Leben von Gudrun und Christiane Ensslin hat sie ins Kino gebracht, das von Rosa Luxemburg und den Widerstand der Frauen von der „Rosenstraße“. Da mag es erstaunen, dass sich Margarete von Trotta in ihrem neuesten Film ausgerechnet das Leben einer Nonne vorgenommen hat, noch dazu einer, die vor fast tausend Jahren lebte.

Doch die Art und Weise, wie sie in „Vision“ das Leben der Hildegard von Bingen erzählt, macht die Wahl plausibel. Nicht nur die Hauptdarstellerin lässt an der Kontinuität keinen Zweifel – Barbara Sukowa verkörperte auch schon die an Gudrun Ensslin angelehnte Figur der Marianne sowie die Rosa Luxemburg früherer Trotta-Filme. Und genau wie sonst geht es der Regisseurin auch diesmal um die Zweifel und die Stärken von Frauen, die sich innerhalb männerdominierter Strukturen bemühen, einen sinnvollen und wesentlichen Beitrag zur Gestaltung der Welt zu leisten.

Szenenfoto mit Barbara Sukova als Hildegard von Bingen. Foto: Concorde-Film.

Szenenfoto mit Barbara Sukova als Hildegard von Bingen. Foto: Concorde-Film.

Hildegard von Bingen lebte im 11. Jahrhundert und gilt als eine der frühesten Vertreterinnen der mittelalterlichen deutschen Mystik. Als Mädchen wird sie ins Benediktinerkloster Disibodenberg am Rhein gegeben, wo sie später Vorsteherin des Frauenteils wird. Sie empfängt Visionen, die sie auch publiziert. Außerdem erforscht sie antike Philosophie und die Wirkung von Heilpflanzen. Gegen den Willen des Abtes gründet sie ein eigenes Frauenkloster auf dem Rupertsberg. Sie ist zu Lebzeiten eine anerkannte Wissenschaftlerin und theologische Lehrmeisterin, die mit den Berühmtheiten ihrer Zeit korrespondiert.

Von Trotta gelingt das Kunststück, den Lebensweg der Hildegard sehr originalgetreu nachzustellen und doch gleichzeitig aktuell zu halten. Sie widersteht der Versuchung, aus Hildegard von Bingen eine „moderne“ Frau mit emanzipatorischen Ambitionen machen, sondern sie zeichnet sie als das, was sie wohl war: Eine tief religiöse Nonne, die ihren Glauben an Gott sehr ernst nahm. Dass Hildegard gleichzeitig eine starke Frau war, die für das, was ihr wichtig war, einstand und dafür auch Konflikte mit den Mächtigen nicht scheute, ist eben kein Widerspruch zu ihrer Frömmigkeit.

Die Figur der Hildegard, aber auch die ihrer lebenslangen Freundin Jutta (Lena Stolze) oder ihrer jungen Bewunderin Richardis (Hannah Herzsprung) laden zur Identifizierung ein; gleiches gilt für den treuen Freund und Unterstützer Hildegards, Bruder Volmar (grandios gespielt von Heino Ferch). Und so wird man als Zuschauerin oder Zuschauer trotz all der Kostüme, Klostermauern und Mönchstonsuren immer wieder vergessen, dass man sich hier eigentlich im tiefsten Mittelalter befindet.

Kleiner Nachtrag zur Frage, wen oder was Feministinnen wählen können…

Da meine letzten Posts teilweise Missverständnisse ausgelöst haben, möchte ich hier noch einmal klarstellen, dass ich nicht der Meinung bin, Feministinnen könnten Piraten oder Grüne nicht wählen. Natürlich können sie, so wie Feministinnen ja ohnehin immer alles tun können, was sie wollen, bzw. ist das ja das eigentliche Programm des Feminismus: Dass Frauen das tun sollen, was sie selbst wollen und nicht das, was andere wollen, dass sie tun. Und Feministinnen sind ja letztendlich auch Frauen.

Sicherlich habt Ihr euch auch schon gedacht, dass ich mich nur deshalb ausgerechnet mit den Grünen und mit den Piraten kritisch auseinander gesetzt habe, weil ich von diesen beiden noch am ehesten erwarte, sie wählen zu können. Falls nicht, sag ich’s an dieser Stelle nochmal ausdrücklich: Wenn überhaupt …

… es sei denn …

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… okay, das war jetzt nur ein Witz. Ehrlich.

Kann eine Feministin die Grünen wählen?

Früher konnte sie es mal, jedenfalls recht gut. Keine andere Partei hatte so viele unterschiedliche, eigensinnige und teilweise auch skurrile Frauen in ihren Reihen wie die Grünen. Grüne Frauen waren dafür bekannt, dass sie sich nicht scheuen, Meinungen zu vertreten, die völlig ab vom Mainstream liegen. Es waren spitze Rhetorikerinnen darunter. Pulloverstrickende Müslis. Ganz Junge und ganz Alte. Dicke. Esos. Emanzen. Muttis. Was auch immer, jedenfalls: viele verschiedene feministische Fraktionen, die sich gegenseitig zuweilen mit großer Verve bekämpften, was manchmal peinlich, häufig aber sehr interessant war. Selten hatte der Begriff der „sexuellen Differenz“ so bunte Blüten hervorgebracht, wie bei den Grünen.

Tempi passati? An die relativ stromlinienförmige „Professionalität“ heutiger Grünen-Politikerinnen hat man sich ja inzwischen schon gewöhnt. Wie sehr aber die eigenwillige „Politik der grünen Frauen“ inzwischen im gleichgestellten Meer „grüner Frauenpolitik“ untergegangen ist, ist mir erst beim Anblick dieses „Frauen nach oben“- Wahlplakates aufgegangen.

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„Frauen nach oben“ – das ist ja wirklich eine absurde Forderung. Ich will jetzt gar nicht darauf eingehen, dass sie explizit die Verabschiedung jeglichen Wunsches nach gesellschaftlicher Veränderung beinhaltet. Denn wer selbst nach oben will, hat ja offensichtlich gegen die Existenz dieses „oben“ nichts einzuwenden, sondern zollt ihm im Gegenteil ein Höchstmaß an Anerkennung.

Aber das ist nur das Offensichtliche. Jedes Mal, wenn ich an diesem Plakat vorbeikomme, frage ich mich, wer hier überhaupt zu mir spricht. Männer, die mir galant die Hand hinhalten, um mir an die Fleischtöpfe ihrer Macht zu helfen? Gruseliger Gedanke. Oder sind es Frauen, die diese Forderung erheben? Dann wäre der Feminismus vollends auf Lobbyismus zusammengeschmolzen und auf die banale Forderung des „Wir auch“.

Man könnte natürlich erwidern, dass politische Slogans komplexe Sachverhalte immer sehr verkürzt wiedergeben müssen. Oder auch, dass der Gedanke „Frauen nach oben“ durchaus Potenzial zur Veränderung der Strukturen in sich trage, sozusagen die Hoffnung, dass Frauen, wenn sie erst mal „oben“ sind, dann von „oben“ herab auch Dinge verändern werden.

Ich bin da skeptisch. Wieso sollten sie? Frauen sind nicht die besseren Menschen. Wir hatten doch inzwischen genug Genderdebatten, um begründete Zweifel  zu haben, dass das dissidente Potenzial eines weiblichen Subjektes in den weiblichen Genen oder Hirnströmen oder sonst an irgendeinem sicheren Ort aufbewahrt wäre. Kennen wir denn nicht inzwischen alle genug Frauen, die, wenn sie erst einmal „oben“ sind, es auch nicht unbedingt anders oder gar besser machen als Männer?

Es ist aber nicht nur die sehr systemkonforme Grundhaltung, die mich an diesem Plakat stört. Oder die Tatsache, dass hier ein feministischer Impetus ausgenutzt wird, um recht durchsichtig Werbung für eine Partei zu machen.

Was mich vor allem stört, ist, dass sich hinter dem Slogan eine Geringschätzung weiblicher Subjektivität verbirgt. Irgendwie macht diese Forderung „Frauen nach oben“ (wenn wir sie wohlwollend als feministische Quintessenz verstehen wollen und nicht nur als Strategie, um ein krisengebeuteltes System mit frischer weiblicher Energie zu versorgen), ja nur Sinn, wenn man davon ausgeht, Frauen selbst wollten auch tatsächlich nach oben – schafften es aber irgendwie nicht aus eigenen Kräften.

Aber ist das wirklich so? Oder sieht die Realität nicht längst anders aus? Jedenfalls kenne ich viele Frauen (mich selbst eingeschlossen), die gar nicht weiter nach „oben“ wollen. Weil wir nämlich um den Preis wissen, der dafür zu bezahlen ist. Weil wir vierzig Jahre nach Beginn der neuen Frauenbewegung genug Erfahrungen gesammelt haben, um zu wissen, dass die eigenen Einflussmöglichkeiten der Weltgestaltung nicht unbedingt größer werden, je weiter „oben“ eine ist.

Klar, ein bisschen einflussreich, ein bisschen „oben“ muss eine schon sein, um überhaupt etwas bewegen zu können. Aber es gibt dabei möglicherweise einen Punkt, an dem die Kurve sich wieder senkt. Einen Punkt, an dem Selbstbestimmung und Einflussmöglichkeiten wieder kleiner werden, wenn man weiterhin nach „oben“ marschiert. Besteht der Trick vielleicht eher darin, genau diesen Punkt zu erwischen? Den Punkt, an dem es angemessen ist, innezuhalten, zu tun, was sinnvoll und notwendig ist, die vorhandenen Einflussmöglichkeiten so gut es geht zu nutzen – ohne aber die eigenen Wünsche und Vorstellungen aus den Augen zu verlieren und sich den Maßstäben und Anforderungen eines Vorgegebenen anzupassen?

Natürlich gibt es Frauen, die dabei unter ihren Möglichkeiten bleiben. Die aufgeben, bevor sie weit genug „oben“ sind. Es gibt aber inzwischen auch Frauen, die darüber hinaus gegangen sind – und dann wieder umkehren. Die zum Beispiel einen gut dotierten Job aufgeben , weil sie den Sinn ihrer Arbeit wichtiger finden als Geld und Status. Die sich lieber in der Kommunalpolitik engagieren, als für den Bundestag kandidieren. Die Klage „Wir finden nicht genug Frauen, die sich für dieses oder jenes zur Verfügung stellen“ ist ja längst ein Mantra geworden. (Darüber habe ich an anderer Stelle schon einmal etwas geschrieben).

Wie ist es zu verstehen, dass unter dem Vorwand des Feminismus die Parole „nach oben!“ ausgegeben wird, anstatt zu fragen, welche politischen Konsequenzen aus dem weiblichen Desinteresse an diesem „oben“ zu ziehen wäre? Wäre es nicht sinnvoller, sich dafür zu interessieren, welche alternativen Strategien und Praxen Frauen inzwischen entwickelt haben, um sich in einer stark verbesserungswürdigen Welt einzumischen – anstatt ihnen „Hilfe“ anzubieten oder in ihrem Namen konformistische Forderungen zu erheben?

Ich will ja gar nicht bestreiten, dass es immer noch Diskriminierungen oder sonstige Mechanismen gibt, die Frauen davon abhalten, ebenso leicht „nach oben“ zu kommen, wie Männer. Es ist sogar gut möglich, dass ich selbst, wäre ich als Mann geboren, heute weiter „oben“ wäre, als es der Fall ist. Aber ich frage mich, ob ich mir dann auch genauso sympathisch wäre.

Worauf ich hinaus will ist, dass „Frauen nach oben“ alles andere als eine feministische Forderung ist – also eine, die in politische Worte und Gedanken zu gießen versucht, was sich gegenwärtig als weibliches Begehren in der Welt zeigt. Vielmehr kommt der Slogan verdächtigerweise genau zu einem Zeitpunkt, wo sich viele Frauen ernsthaft die Frage stellen, wie sinnvoll es überhaupt ist, „nach oben“ zu streben. Und wo andererseits überall die Hoffnung auf weiblichen Surplus an den Horizont gemalt wird, ein Surplus, von dem man recht unverhohlen erwartet, uns doch bitte aus der Krise zu führen.

Nein, ich möchte lieber dabei bleiben, dass es im Feminismus nicht darum geht, „Frauen nach oben“ zu bringen, sondern darum, die Logik des „oben“ und „unten“ in Frage zu stellen. Die bessere Position ist „dazwischen“. Dort, wo ich etwas bewegen kann, mich aber nicht der Logik und den Kriterien einer Ordnung unterwerfen muss, von der wir im Prinzip längst wissen, dass sie gescheitert ist. Das Projekt vieler Frauen (und vermutlich auch vieler Männer) besteht heute darin, für sich einen solchen Ort zu finden. Das ist – gemessen an den üblichen Statusformen – nicht für alle derselbe. Der Platz, an dem eine Frau „richtig“ ist, kann für die eine die Vorstandsetage sein, für die andere die Sacharbeiterinnen-Ebene. Für die eine ist er innerhalb einer Institution, für die andere außerhalb, für die eine der Ortsverein, für die andere der Parteivorstand, und für wieder eine andere die außerparlamentarische Bewegung. Es ist ein Selbstexperiment. Aber eines, bei dem die Marschrichtung nicht eindeutig ist. Und schon gar nicht in dem Slogan „oben“ zusammengefasst werden kann.

Statt den Karriere-Motor für aufstiegswillige Frauen zu geben, könnten die Grünen vielleicht mal wieder einen Frauenkongress ausrichten. Und dazu all die skurrilen, kantigen, unangepassten Frauen einladen, die ihnen in den letzten dreißig Jahren abhanden gekommen sind. Das wäre sicher ziemlich spannend.

PS.: Über den mindestens ebenso bescheuerten Slogan „Jobs, Jobs, Jobs“, den die Grünen ja auch noch plakatiert haben, verkneife ich mir jetzt mal einen Kommentar.

Kann eine Feministin Piraten wählen?

Es ist fast wie eine enttäuschte Liebe: Da ist eine neue Partei, rebellisch, wild und entschlossen im Kampf gegen die alten Knochen – und dann stellt sie sich als zutiefst sexistisch heraus und, schlimmer noch, ihr scheint das auch völlig egal zu sein. Was tun wir nun mit den Piraten?

Der derzeitige Tenor scheint zu sein: Schade, inhaltlich stimmen wir mit ihrem Programm überein, aber wir können sie wegen ihres Sexismus nicht wählen – so etwa Danilola in seinem Blog oder auch Rochus Wolff im Genderblog.

Ich selbst bin vielleicht deshalb weniger vom Gehabe der Piraten überrascht (und damit auch weniger enttäuscht) weil ich ihre Existenz schon vor fünf Jahren quasi vorausgesagt und auch analysiert habe, worin das Besondere dieser neuen Form von Männlichkeit besteht. In meinem Büchlein „Zukunft der Frauenbewegung“ (von 2004) gibt es nämlich ein Kapitel, das heißt „Patriarchen und Piraten“.

Darin gehe ich von einem Gedanken aus, den die italienische Philosophin Luisa Muraro schon 1995 formulierte, nämlich den, dass das Patriarchat zu Ende sei. Anzeichen dafür seien der Glaubwürdigkeitsverlust der offiziellen Politik, die Unfähigkeit der Wirtschaft, Wohlbehagen und Wohlstand zu ermöglichen, der desolate Zustand der Universitäten – also der Niedergang all jener Institutionen, die zum Kernbestand des Patriarchats gehörten.

Allerdings müssen wir feststellen, dass am Ende des Patriarchats ganz offenbar nicht das Paradies auf uns wartet, sondern dass es in vielerlei Hinsicht eher schlimmer als besser wird. Die alten Patriarchen trugen immerhin noch die Verantwortung für das, was unter ihrer „Herrschaft“ geschah. Sie forderten von Frauen und Söhnen Gehorsam, sorgten aber auch für deren Schutz. Ganz anders die Herrschaft der “Brüder”, das “Fratriarchat”, wie man es nennen könnte. Dorothee Markert hat diesen Prozess “Am Ende der Ordnung des Vaters” sehr gut analysiert.

Und an dieser Stelle schreibe ich in meinem Büchlein: „Heute sind diese Hierarchien verschwunden. Das Prestige, das Geld, das Ansehen, die Macht ist zwar bei denen „da oben“ geblieben, die Verantwortung haben sie aber nach „unten“ abgeschoben. Sie haben keine Autorität mehr, keine „Ehre“, für sie zählt nur noch der persönliche Vorteil. Oder, wie Johnny Depp es im Film „Fluch der Karibik“ formuliert hat: „Wir nehmen, was wir kriegen können, und geben nichts davon zurück.“ Das ist es: Wir haben es heute nicht mehr mit Patriarchen zu tun, sondern mit Piraten.“

Die Piratenpartei ist also nur die Spitze des Eisberges, und es ist natürlich bloß ein lustiger Zufall, dass sie sich genau diesen Namen gegeben hat. In Wahrheit hat sich die Piraterie aber schon längst in der ganzen Gesellschaft ausgebreitet. Auch bei der Bankenkrise war ja ganz offensichtlich, dass man das, was dort geschah, sehr gut auf den Begriff der Piraterie bringen kann. Generell halten sich ja immer mehr Menschen  (deutlich mehr Männer als Frauen) nur noch dann an Gesetze, wenn sie sicher sind, andernfalls erwischt zu werden.

Und natürlich wäre es dumm, von Piraten Fairness zu erwarten. Piraten sind qua Definition keine Gentlemänner. Es wäre naiv, darauf zu hoffen, dass sie sich darum scheren, wie es anderen geht, zum Beispiel Frauen. Piraten fühlen sich grundsätzlich für andere nicht zuständig. Zum Beispiel hat mir einer auf eine Mail, in der ich sie für ihre Männerlastigkeit kritisierte, geantwortet, gerade ich als Feministin müsste doch bei ihnen eintreten, um gegen diese Männerlastigkeit etwas zu unternehmen. Das ist natürlich nur eine Variante des allgemein weit verbreiteten Satzes, mit dem feministische Anliegen heute gekontert werden: Ihr Frauen seid doch selbst schuld. Wir sind also selbst verantwortlich, wenn wir nicht Managerinnen, reich und so weiter werden, wenn wir uns nicht unser Stück Kuchen erkämpfen, denn es hindert uns doch heute niemand mehr dran. Wir sind nicht mehr im Patriarchat, wo Frauen per Gesetz und Sitte allerlei verboten und vorgeschrieben war und sich der Kampf daher auf diese Verbote und Vorschriften richten konnte. Die sind weg. Wir können machen, was wir wollen. Im Nahkampf mit den anderen Piraten. Und wenn wir das nicht wollen, gibt es niemanden, bei dem wir uns beschweren können.

Man könnte es kurz auch so sagen: Die Patriarchen wollen Frauen reglementieren. Den Piraten sind Frauen egal.

Und was machen wir nun also mit ihnen? Denn so oder so muss man ihnen zugestehen: Piraten sind irgendwie auch sexy. Ihre Wildheit, ihre Skrupellosigkeit, ihre Unbändigkeit, ihr Größenwahn hat etwas Faszinierendes. Und wenn wir zuschauen, wie sich die Piraten mit den alten Patriarchen Schlachten liefern, dann drücken wir doch irgendwie eher den Piraten die Daumen als den Patriarchen.

Denn wenn eines feststeht, dann das: So schlimm die Piraten auch sein mögen, zu den alten kolonialen Zeiten des wohlgeordneten Patriarchats wollen wir nun wahrlich auch wieder nicht zurück. In meinem Büchlein schrieb ich: „Sicher, Krisenzeiten sind nicht nur gute Zeiten für Abenteurerinnen, sondern auch für Piraten. Aber es wäre falsch, die Piraten zu bekämpfen, indem wir gemeinsame Sache mit den alten, verknöcherten Kolonialherren machten. Denn deren Schwäche schafft nicht nur Raum für Piraterie, sondern auch für Menschen, die ihre Freiheit und die der anderen lieben. Die die gewonnenen Spielräume nutzen wollen, um neue, bessere Möglichkeiten des Zusammenlebens zu erfinden.“

Wir wollen nicht dasselbe wie die Piraten. Wir wollen nicht einfach nur alles haben können, was uns gefällt, ohne Rücksicht auf Verluste. Wir wollen keine beziehungslose Freiheit, sondern bessere Beziehungen mit Verlässlichkeit und Sicherheit, wenn auch ohne die alten Hierarchien. Aber auch wir Feministinnen wollen hinaus in die Welt, wir wollen zu neuen Ufern aufbrechen, und wir wissen noch nicht genau, was uns dort erwartet.

Oder, wie Luisa Muraro es formulierte: “Krisenzeiten sind günstige Gelegenheiten für Abenteurer oder könnten es werden. Und wir sind Abenteurerinnen.” Konkret heißt das: Uns ist völlig klar, dass wir die Piraten niemals an die Macht lassen dürfen. Aber vielleicht können wir durchaus hin und wieder eine Weile mit ihnen segeln.

P.S.: Ach, übrigens: Kommentare schalte ich nur frei, wenn sie etwas Sachliches zur Argumentation beitragen und auf die Inhalte eingehen. Posts, in denen Leute bloß ihre ungefilterte Meinung hinrotzen, werden gelöscht.

Die Anwältin und ihre Zeugin

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Hannah (hinten) ist Anklägerin am Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Sie überredet die Bosnierin Mira zu einer Aussage - was ungeahnte Dynamiken in Gang setzt. (Szenenfoto)

Als einer ihrer Kollegen befördert wird (und nicht sie), muss Hannah Maynard, Anklägerin am Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, von ihm einen undankbaren Fall übernehmen, der zudem auch noch schlecht vorbereitet ist: die Beweisführung gegen einen serbischen Kriegsverbrecher. Im Prozess stellt sich heraus, dass der Hauptzeuge der Anklage, ein junger Bosnier, gelogen hat. Maynard hängt sich in den Fall rein, recherchiert vor Ort, treibt eine weitere Zeugin auf und findet heraus, dass es bei all dem noch um viel mehr geht, als ursprünglich gedacht…

Der Film “Sturm” – Kinostart in Deutschland am 10. September - verhandelt den Krieg in Bosnien und die Möglichkeiten internationaler Sanktionen aus der Perspektive zweier Frauen: einer Anklägerin am Kriegsverbrechertribunal in Den Haag und einer bosnischen Zeugin. Ich hab ihn vorab sehen können und finde ihn ganz und gar empfehlenswert.

Hier habe ich eine ausführliche Besprechung gepostet:
http://www.bzw-weiterdenken.de/index.php?m=artikel&rub=9&tid=217