Arroganz lernen ja, arrogant werden nein!

Normalerweise finde ich solche Bücher ja schrecklich: Ratgeber, die Frauen beibringen, im Berufsleben genauso statusfixiert, ellenbogenmentalisiert, rangordnungshickhackig zu sein wie Männer. Und allein schon der Titel: „Das Arroganz-Prinzip. So haben Frauen mehr Erfolg im Beruf“ – Arrrrrgghhhh!

26335640nNun war mir das Buch aber empfohlen worden, es war Wochenende, schlechtes Wetter, den Roman, den ich grade am Lesen war, hatte ich woanders liegen lassen – und so blätterte ich halt mal rein. Und stellte fest, dass der Inhalt des Buches besser war, als das Cover versprach.

Ein Hauptgrund dafür war, dass das Buch, anders als die ähnlichen Themas, die ich früher gelesen hatte, nicht von einer Frau, sondern von einem Mann geschrieben worden war. Peter Modler schreibt, wie er sich darüber geärgert hat, dass gute Ideen und Initiativen von Frauen in vielen Unternehmen und Institutionen oft kein Gehör finden und sich fragte, woran das liegt. Die Botschaft ist also nicht die Aufforderung von Frauen an andere Frauen, sich doch bitte endlich an die Welt der Männer anzupassen, sondern das Bemühen eines Mannes, Verständigungsschwierigkeiten zwischen Frauen und Männern zu verstehen und mitzuhelfen, dass sie überwunden werden. Ein wichtiger Unterschied.

Diese dezidiert „interkulturelle“ Perspektive hat es mir ermöglicht, mich auf die Sichtweise einzulassen. Außerdem ist das Buch weniger von abstrakten Theorien denn von konkreten Beispielen geprägt. Das bietet vielerlei Anknüpfungsmöglichkeiten.

Die Frage ist also nicht: Müssen oder sollen Frauen sich in ihren Kommunikationsformen an die Welt der Männer anpassen? Sondern: Worauf müssen Frauen sich einstellen, wenn sie innerhalb einer von Männern dominierten Kultur sichtbar und einflussreich werden wollen?

Die konkreten Anregungen und Beispiele sind nicht wirklich neu und wohl viele Frauen, ich selbst auch, haben ähnliche Situationen schon erlebt: dass für die Männer, mit denen man es zu tun hat, Status und Hierarchie wichtiger sind als für eine selbst, dass Sachargumente nicht gehört werden, dass unterschwellige Botschaften und Rituale von größerer Bedeutung sind als die sachlichen Themen.

Insofern ist das Buch nicht nur hilfreich für Frauen, die „mehr Erfolg im Beruf“ haben wollen. Wer es liest, vesteht auch, warum sich viele Frauen aus solchen Situationen zurückziehen und wenig Ambitionen haben, dort mitzuspielen (was ich an anderer Stelle schon mal problematisiert habe). Von daher ist das Buch übrigens dringend auch Männern zur Lektüre empfohlen, die sich darüber wundern, ständig keine Frauen zu finden, die bei ihren Projekten gerne mitmachen würden.

Ein Punkt ist mir nach der Lektüre besonders klar geworden, und zwar, dass es so oder so um einen Konflikt zwischen einer weiblichen und einer männlichen Kultur geht (was nicht deckungsgleich sein muss mit realen Frauen und Männern). Einen Konflikt, der nicht wegdiskutiert werden kann, sondern ausgetragen werden muss. Es geschieht nicht „einfach so“, dass Frauen sich entweder an die Spielregeln einer männlichen Kultur anpassen müssen oder aber dort wenig Einfluss haben (und also nicht aufsteigen, wenig Geld verdienen, weggehen und sich eigene Nischen suchen). Sondern es hat Gründe, und diese Gründe liegen weniger in einem bösen Willen seitens der einzelnen betreffenden Männer, sondern in klar beschreibbaren Unterschieden in Gewohnheiten, Verhaltensweisen und so weiter.

Von daher ist dieses Buch gerade auch für Frauen interessant, die nicht einfach „Erfolg im Beruf“ wollen, sondern die Dinge verändern und in Frage stellen wollen. Denn es zeigt die Rahmenbedingungen, unter denen sich diese Veränderungen abspielen. Modler gibt Hinweise darauf, mit welchen Missverständnissen und Hürden Frauen zu rechnen haben, wenn sie sich entscheiden, es anders zu machen und die Regeln nicht einzuhalten.

Allerdings würde ich an einem wichtigen Punkt dem Autor widersprechen. Ich meine nicht, dass es sich einfach um eine „männliche“ und eine „weibliche“ Art der Kommunikation handelt, die so wertfrei nebeneinander stehen wie etwa Deutsch und Japanisch. Sondern die „männliche“ Kultur ist tatsächlich in vielerlei Hinsicht schädlich – nicht nur für die Frauen, sondern, was viel schlimmer ist, für die Welt insgesamt. Das Problem ist nicht bloß, eine Übersetzung zu finden, sondern man muss das, was hier als „männlich“ bezeichnet ist, grundlegend kritisieren und verändern.

Eindrücklich etwa ist dafür das Beispiel, in dem eine Frau zur Abteilungsleiterin aufsteigt und dann angesichts der prekären Lage der Firma gerne auf den dazugehörigen fetten Dienstwagen verzichten will – eine rationale und verantwortliche Haltung in dieser Situation. Aber, so Modlers Rat, das darf sie um Himmels willen nicht tun, weil es ihren Status unter den anderen Abteilungsleitern beschädigen würde und dann niemand mehr auf sie hören würde. Das mag zwar so sein. Die Anpassung der Frauen an so einen Blödsinn wäre aber nun wirklich überhaupt keine Lösung (höchstens vielleicht für die Frau selbst, aber gewiss nicht für die Firma).

Die Statusbesessenheit der männlich geprägten Kultur ist nicht einfach wertneutral, sondern schädlich – wie wir an der Finanzkrise ja eindrücklich gesehen haben – und sie muss verändert werden. Natürlich ist sie eine Realität, und jede Frau, die die symbolische Ordnung der Männer in Frage stellt, muss mit Widerstand und Hindernissen rechnen. Und vielleicht muss sie auch manches strategisch einkalkulieren. Das ist aber nur von Wert, wenn sie dabei nicht aus den Augen verliert, dass es eigentlich darum geht, bessere Wege zu finden, eine Veränderung einzuleiten.

Gefragt ist also nicht Anpassung, sondern Konflikt, Auseinandersetzung, politisches Aushandeln von Differenzen. Diesen Konflikt thematisiert das Buch – wie alle anderen in der Rubrik „Ratgeber für Karrierefrauen“ – nicht, sondern definiert ihn auf die Ebene von bloßen Verständigungsschwierigkeiten herunter. Trotzdem hat es mir geholfen, zu verstehen, mit welchen interkulturellen Hürden wir bei diesem Konflikt rechnen müssen.

Peter Modler: Das Arroganz-Prinzip. So haben Frauen mehr Erfolg im Beruf. Krüger 2009, 16,95 Euro.

Das Ende der Demokratie, wie wir sie kannten

Dass es schlecht um „die Politik“ steht, so wie wir sie bisher kannten, ist inzwischen ein offenes Geheimnis. Vergangenes Wochenende nahm ich an einer Tagung zum Thema „Sprache und Politik“ in der Evangelischen Akademie Bad Boll teil. Während der drei Tage wurden immer wieder die gegenseitigen Zwänge, die Medien und Repräsentationspolitik aufeinander ausüben, thematisiert: Politikerinnen beklagten, wie unmöglich es sei, in den Medien differenzierte und fundierte Positionen unterzubringen, das Publikum klagte über nichtssagende und banalisierte Polit-Rhetorik. Bei der Schlussdiskussion zog Johano Strasser, Vorsitzender des Deutschen PEN-Zentrums, eine sehr ernüchternde Bilanz: Symbolpolitik sei heute an die Stelle von inhaltlichem Profil getreten, Parteitage seien lediglich Inszenierungen und nicht Foren für echte Auseinandersetzungen. „Aber eine Demokratie, wo es keinen Platz mehr gibt für den Austausch von Argumenten, kann nicht bestehen“, so Strassers Warnung, und er gestand ein: „Ich weiß auch nicht, was man da machen kann.“

Ein interessanter Bogen schloss sich von hier zu einer Beobachtung der Grünen-Politikerin Antje Vollmer. Sie sagte, noch nie habe es von einem deutschen Bundeskanzler eine solche Fülle an Bildern gegeben wie von Angela Merkel und stellte die – wie ich meine, zutreffende – These in den Raum, dass Merkel die erste Frau in einem hohen Amt sei, der ihr Frausein mehr nütze als schade.

Leider wurde in der Diskussion dieser Hinweis nicht weiter verfolgt (wie während der ganzen Tagung die Geschlechterdifferenz außer in meinem Vortrag und ganz wenigen Publikumsäußerungen nicht thematisiert wurde, auch nicht von den zahlreich vertretenen anderen Referentinnen). Aber mich brachte er zum Nachdenken: Ist die tatsächlich auffällige Inszenierung von Angela Merkel als Kanzlerin vielleicht ein unbewusster Hinweis darauf, dass man sich von weiblicher Differenz irgendetwas erhofft?

Eine Hoffnung, die jedoch auf der Ebene der Sprache tabuisiert wird. Die Gleichheit der Geschlechter ist das alles überragende Paradigma, das es verhindert, der sexuellen Differenz jenseits eines bloßen Benachteiligungs-Diskurses eine Bedeutung beizumessen. Das ist natürlich schade, weil auf diese Weise Angela Merkel die einzige dezidiert als „weiblich“ konnotierte politische Persönlichkeit bleibt, das heißt, sie kann sozusagen den gesamten „Differenzbonus“ auf die Mühlen ihrer persönlichen Politik, die ja weitgehend die der CDU insgesamt ist, umleiten.

Dabei gäbe es so viele Anhaltspunkte dafür, wie eine weibliche symbolische Ordnung aus dem geschilderten Dilemma der männlichen Politik herausführen kann. Freilich nur, wenn man hinter die Dinge schaut und nicht bloß vordergründig auf das Geschlecht der beteiligten Personen verweist – obwohl ich durchaus den Eindruck hatte, dass die bei der Tagung anwesenden Politikerinnen, etwa Renate Schmidt, Beate Weber und Ute Vogt, immer ein kleines ironisch-distanziertes Lächeln auf den Lippen hatten, während die Männer, etwa Erhard Eppler, Freimut Duve und eben Strasser, tatsächlich unter dem diagnostizierten Ende einer vertrauten Ordnung persönlich zu leiden schienen. Aber so ein Eindruck kann natürlich täuschen.

Der eigentliche Bonus der weiblichen Differenz liegt ohnehin auf einer tieferen Ebene, einer, die symbolische Umwertungen erlaubt, auf vielen Ebenen, bei eigentlich allen Fragen. Ich möchte hier nur auf ein Beispiel näher eingehen: Auf die Frage aus dem Publikum, ob nicht vielleicht das Internet mit seinen entstehenden sozialen Netzwerken eine neue Plattform für jenen „Austausch an Argumenten“ sein könne, der laut Strasser Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie ist, blieb dieser skeptisch. Solche Netzwerke, so sein Argument (das auf die Thesen von Cass R. Sunstein und dessen Buch „Republic 2.0“ zurückgeht), filterten Nachrichtenflüsse lediglich auf der nicht vernunftgemäßen, bloß„ästhetischen“ Basis von „mag ich“ oder „mag ich nicht“. Bei Facebook zum Beispiel bewege man sich nur noch im quasi privaten Kreis derer, die man „mag“, und man müsse daher die eigenen Argumente nicht mehr der Kritik von Andersdenkenden aussetzen. Solche Plattformen seien also kein „öffentlicher“ Raum und könnten logischerweise auch nicht jene Funktion eines Aushandlungsortes, der für die Demokratie notwendig sei, übernehmen.

Dabei ließ Strasser es durchaus offen, ob das Internet zukünftig vielleicht dennoch so ein öffentlicher Raum sein könne, aber ich will hier auf etwas anderes hinaus: Nämlich auf die seinem Argument ganz offensichtlich zugrunde liegende alte patriarchale Dualisierung und Hierarchisierung von „öffentlich“ und „privat“. In dieser Logik hat er natürlich recht: Das alte „Heim“ des Familienvaters war in der Tat nie eine Plattform für demokratische Aushandlungsprozesse gewesen, weil man ja davon ausging, dass ohnehin alle Familienmitglieder des Patriarchen Meinung sind bzw. sein müssen. Wobei das in der Regel wohl nur auf einer symbolischen Ebene zutraf, denn faktisch dürfte es auch früher in allen Haushalten Meinungsverschiedenheiten und argumentativen Austausch gegeben haben. Aber sie galten damals eben qua Definition als „unpolitisch“ und damit als uninteressant für die Demokratie (ein Irrtum, den dann die Frauenbewegung zur Sprache brachte, indem sie erklärte, das Private sei politisch).

Die alte patriarchale Familienordnung, die der strikten Trennung von „privat“ und „öffentlich“ zugrunde liegt, ist also längst nicht mehr wahr – weder faktisch, noch symbolisch. Die Frauen haben speziell auch durch ihr Vordringen ins Erwerbsleben längst Fakten geschaffen, die es unmöglich machen, zu jener zweigeteilten Welt zurückzukehren – was heute jedes Kind weiß. Doch dass dies auch die andere Seite verändern muss, nämlich jenen „öffentlichen“ Raum und damit unsere Vorstellung von Demokratie samt den dazugehörigen Institutionen, ist noch nicht ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen. Im Bezug auf ein verbreitetes Politik- und Demokratieverständnis leben diese falschen Kategorien einfach weiter als wäre nichts gewesen. Kein Wunder, wenn daraus dann intellektuelle Ratlosigkeit resultiert.

Das Ende der männlich-patriarchalen Politik und damit auch der „Demokratie“, wie wir sie bisher kannten, ist keine Katastrophe, sondern eine logische Begleiterscheinung des zu Ende gehenden Patriarchats. Und vielleicht sind die sozialen Netzwerke im Internet bereits erste institutionalisierte Ausdrucksformen einer neuen Ordnung. Nicht zufällig sind sie ja weder öffentlich noch privat, sondern „halböffentlich“, haben also zumindest an diesem Punkt die alten Dualismen hinter sich gelassen. Richtig, ich muss mich dort nicht jedem blödsinnigen Argument aussetzen und nicht mit jedem Deppen diskutieren wie in der alten Demokratie (obwohl die sich, Beispiel Neonazis, an dieses theoretische Ideal mit guten Gründen auch selber nie gehalten hat). Das heißt aber nicht, dass ich im Internet nur das lese, was mir genehm ist und womit ich ohnehin schon übereinstimme.

Das Gegenteil ist der Fall: Wenn mir eine Freundin in Facebook etwas empfiehlt, dann werde ich das wahrscheinlich auch dann lesen, wenn es mir widerstrebt. Weil sie es mir empfohlen hat (in der Zeitung hätte ich es garantiert überblättert). Wenn jemand, aus dessen Tweets ich bereits wertvolle Anregungen bekommen habe, mich auf etwas hinweist, dann widme ich dem womöglich Aufmerksamkeit, auch wenn es mich vom Thema her gar nicht interessiert. Ich persönlich kann jedenfalls aufgrund meiner eigenen Erfahrung im Web 2.0 sagen, dass ich mich, seit ich soziale Medien nutze, mit einer größeren Bandbreite an Themen beschäftigt habe als vorher aufgrund der Lektüre einer Tageszeitung.

Und ja, vielleicht ist das ein eher „weibliches“ Verständnis von Beziehung. Dass ich mich gerade auch für solche Leute interessiere und mich von ihnen angezogen fühle, die auf den ersten Blick gar nicht zu mir passen, in die Fremden, die Anderen. Vielleicht suchen Männer sich eher diejenigen Freunde, Gattinnen, Liebhaber aus, von denen sie keinen Widerspruch oder Infragestellen ihrer bisherigen Positionen fürchten müssen. Aber wenn das so ist, dann werden diese Männer zusammen mit den Institutionen einer repräsentativen Politik untergehen, die auf echte menschliche Beziehungen keinen Wert gelegt haben, sondern nur auf ihre Zerrbilder vom autonomen Ich, der unabhängigen Vernunft, dem unkorrumpierbaren Argument.

Ich will gar nicht leugnen, dass das Ende des Patriarchats auch Gefahren mit sich bringt. Der Zusammenbruch einer alten Ordnung ist sicher kein Spaziergang. Die Zukunft ist immer offen, sie kann gut, aber sie kann auch schrecklich werden. Sicher bedeutet es Arbeit, Sorgfalt und Aufmerksamkeit, um Institutionen, Räume und Plattformen die für eine neue, postpatriarchale Politik notwendig sind, so zu gestalten, dass sie funktionieren. Ich meine, das würde uns besser gelingen, wenn wir die Geschlechterdifferenz offen thematisieren und nicht die in ihr liegende Dynamik unter dem Gleichheitsparadigma tabuisieren würden. Aber so oder so wird es nicht helfen, wenn wir uns an überkommenen Strukturen festklammern.

In Italien gibt es ein neues “Sottosopra”

In diesen Tagen veröffentlichen die Frauen des Mailänder Frauenbuchladens ein neues „Sottosopra“. Mit diesen programmatischen Flugschriften (Sottosopra heißt in etwa: “drunter und drüber” oder auch: “das untere nach oben bringen”) mischen sie sich schon seit Jahren immer wieder in den politischen Diskurs ein, etwa mit dem „grünen“ Sottosopra (Mehr Frau als Mann) oder dem „roten“ Sottosopra (Das Patriarchat ist zu Ende), die beide auf Deutsch übersetzt sind.

sottosopra

Das neue Sottosopra heißt “Stell dir vor, dass die Arbeit….”, und wird mit der Beobachtung eingeleitet, „dass der Gleichheitsdiskurs an allen Ecken und Enden hinkt und uns der Feminismus nicht mehr reicht“. Ihr Ausgangspunkt ist, dass auch wenn Frauen im Arbeitsleben noch nicht 100-prozentig “gleichberechtigt” sind, sie doch inzwischen genug Erfahrungen gesammelt haben, um eine Bilanz zu ziehen: nicht nur darüber, wie weit sie “gekommen” sind (im Vergleich zu den Männern), sondern auch darüber, was ihnen an der Erwerbsarbeit, so wie sie ist, nicht gefällt.

Ich habe das Sottosopra letzte Woche gelesen und finde es gut. Allerdings ist es – aus deutscher Perspektive – nicht so innovativ wie die früheren Sottosopras. Im Bezug auf die Notwendigkeit, Arbeitsbedingungen zu verändern, Hausarbeit in ökonomische Berechnungen einzukalkulieren, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie herzustellen, haben wir in Deutschland ja auch schon vieles diskutiert.

Richtig klasse finde ich aber, wie die Mailänderinnen daraus eine politische Aktion machen: Ihr feministische Netzwerk haben sie genutzt, um in vielen italienischen Städten am kommenden Samstag (24. Oktober) parallele Präsentationen zu machen und das Sottosopra offiziell vorzustellen. Zurzeit wird das neue Sottosopra ins Deutsche übersetzt. Es wird dann – ebenso wie die anderen – im Christel Göttert Verlag erscheinen, wahrscheinlich in der Reihe der kleinen quadratischen Büchlein.

Auch unter Linken ist die Bedürftigkeit der Menschen ein Tabuthema

Er hält sich hartnäckig, der Mythos von der Eigenverantwortlichkeit. Nicht nur neoliberale Leistunsträger-Ideologie, sondern auch die linke Kritik an sozialer Ungleichheit setzt immer noch  auf den autonomen Selbstversorger-Mann/Mensch als Modell für das, was wir uns unter gelungenem Menschsein vorzustellen haben. “Menschen müssen von ihrer Arbeit leben können” heißt es zum Beispiel in einer kirchlichen Stellungnahme oder, wie in einem taz-Kommentar: “Die Entstigmatisierung von Hartz IV als normale Sozialleistung und nicht als Fürsorge ist der einzig positive Aspekt des Bürgergeld-Vorschlags der FDP.”

Aber diese Gegenüberstellung von “Fürsorge” und “normale Sozialleistung” ist Unsinn. Eher andersrum wird ein Schuh draus: Nur wenn wir Bedürftigkeit und Fürsorge als “normalen” menschlichen Zustand begreifen, werden wir auch das Rechts- und Sozialsystem so einrichten, dass niemand dabei auf der Strecke bleibt.

Kein Mensch kann von seiner Arbeit leben. Auch nicht die Starken und die Leistungsträger. Das angeblich so unabhängige und für sich selbst sorgende “Ich” der männlichen Philosophie haben Feministinnen schon lange problematisiert und hinterfragt. Dabei gab es verschiedene Ausgangspunkte: Etwa die Kritik daran, dass die Frauen oder das Weibliche in dieser Logik tendenziell das Objekt, das Andere sind, dem Subjektivität abgesprochen wurde oder auch, konkreter und simpler, die banale Tatsache, dass die in so einer Perspektive ins Abseits gedrängten Care- und Fürsorgearbeit dann von den Frauen geleistet wurden und werden (mit den bekannten Problematiken). Doch dieser genderspezifische Blick ist nur der Ausgangspunkt. Worum es vor allem geht ist, dass wir den sozialen Herausforderungen mit diesem Menschenbild niemals gerecht werden.

Dem autonomen, individuellen Subjekt stellen viele feministische Theoretikerinnen die Relativität, die Beziehung gegenüber. Sie haben in ganz vielen Publikationen bereits gezeigt, dass Menschen nur in Beziehungen leben und überleben können (besonders wichtig für mich sind hier Hannah Arendt und ihr Bild vom “Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten” aus der Vita Activa zu nennen sowie Martha Finemans Auseinandersetzung mit “The Autonomy Myth” – um nur zwei Literaturtipps von vielen anzuführen).

In einem Sammelband, dem wir den Untertitel “Zu einer Weltsicht der Freiheit in Bezogenheit” gaben, entwickelten wir die Idee weiter, dass es eigentlich nicht nur um die Pflege und Aufmerksamkeit für Beziehungen geht – die ja letztlich das autonome Subjekt nicht wirklich hinterfragen, sondern erstmal nur in einen neuen Kontext stellen – sondern um Bezogenheit, also eine Seinsweise, die das Menschsein generell betrifft, auch unabhängig von den konkreten Beziehungen, die in einer gegebenen Situation tatsächlich gepflegt werden: Beziehungen können wir uns bis zu einem gewissen Grad verweigern, die Tatsache der Bezogenheit hingegen ist nicht hintergehbar.

Michaela Moser, eine der Autorinnen dieses Buches und Vizepräsidentin des Europäischen Armutsnetzwerks, geht noch einen Schritt weiter. Wo wir von “Bezogenheit” sprechen, spricht sie von “Bedürftigkeit”, verlagert also die Aufmerksamkeit noch einmal auf einen Punkt, der dem vermeintlich “autonomen” Subjekt vollends gegen den Strich gehen muss. Klingt “Bezogenheit” noch akzeptabel, weil gegenseitig, als Geben und Nehmen, legt der Hinweis auf unser aller Bedürftigkeit den Finger genau in die Wunde.

Als sie kürzlich bei mir zu Besuch war, habe ich mit Michaela Moser ein kleines Interview geführt, in dem sie das genauer erklärt:

Dr. Michaela Moser ist Mitarbeiterin der Dachorganisation der Schuldnerberatungen und der Armutskonferenz und Vizepräsidentin des Europäischen Armutsnetzwerks EAPN. Ihre Dissertation schrieb sie 2008 zum Thema „A good life for all. Feminist ethical reflections on women, poverty and the possibilities of creating a change“.

Hier noch einige Links zum Weiterlesen:

* Michaela Moser: Banken, Betteln, Bedürftigkeit. Anmerkungen zur Finanzkrise, SozialschmarotzerInnen und einem notwendigen Perspektivenwechsel (in “Apfel”, Zeitschrift des österreichischen Frauenforums Feministische Theologie. Zum Downloaden auf Heft 88 gehen).

www.attac.at – u.a. div Thesenpapiere zur Finanzkrise
www.bzw-weiterdenken.de – ein Internetforum für Philosophie und Politik
www.armutskonferez.at – u.a. ein Aktionsplan mit konkreten Maßnahmen für eine Politik des Sozialen

Weitere Literaturtipps:

*Attac (Hg.), Crash statt Cash. Warum wir die globalen Finanzmärkte bändigen müssen, Wien: ÖGB-Verlag 2008.
*
Ina Praetorius (Hg.): Sich in Beziehung setzen. Zur Weltsicht der Freiheit in Bezogenheit, Königstein/Taunus: Ulrike Helmer Verlag 2005.

„Die Liebe der Frauen zur Freiheit hat die Welt verändert“: Zehn Jahre Flugschrift

Auf das zehnjährige Jubiläum des Büchleins “Liebe zur Freiheit – Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik” haben dreißig Frauen aus verschiedenen feministischen Kontexten am Wochenende in den Räumen des Rüsselsheimer Christel Göttert-Verlags angestoßen. Im Rahmen einer Tagung des Online-Forums www.bzw-weiterdenken.de zum Thema “Sichtbar und einflussreich, ohne sich anzupassen” (über die demnächst noch ausführlicher berichtet wird) feierten wir auch die vielfältigen Initiativen und Beziehungen, die die Flugschrift angestoßen hat.

Bzw-Redakteurin Astrid Wehmeyer zog in ihrem Eingangsvortrag eine Linie von der Flugschrift hin zu den heutigen feministischen Bewegungen und betonte, wie viele der Flugschrift-Thesen heute immer noch aktuell sind (der Vortrag wird demnächst in “Beziehungsweise Weiterdenken”-Forum dokumentiert).

Dorothee Markert, die (neben Ulrike Wagener, Andrea Günter und mir selbst) eine der Autorinnen der Flugschrift war, schilderte den Entstehungsprozess des Textes, der das Ergebnis eines “gemeinsamen Denken und Schreibens” war. Bei mehreren Wochenendtreffen haben wir die Thesen diskutiert und schließlich formuliert. Dorothee betonte zum Jubiläum auch, dass es nicht darum ging, fixe Thesen in die Welt zu stellen, sondern Diskussionen über Grundlage, Sinn und Perspektiven der Frauenbewegung anzustoßen und öffentliche Wirkung zu entfalten. Zum Beispiel hatten wir damals die Idee, die folgenden Eingangsworte der Flugschrift auf Brötchentüten zu drucken, um sie in der Welt zu verbreiten (zwar haben wir das dann nicht verwirklicht, aber eine gute Idee ist es gewesen :)

Flugschrift“Die Liebe der Frauen zur Freiheit hat die Welt verändert. Frauen glauben nicht mehr an das Patriarchat, sie lassen sich nicht mehr von der Vorstellung beirren, schwächer und weniger wert zu sein als Männer. Sie haben die Verantwortung für ihr Leben und für die Welt übernommen und die Herausforderung akzeptiert, die das bedeutet. (Einleitung und 1. Kapitel der Flugschrift stehen hier)

Die Flugschrift war das erste “kleine philosophische Quadrat” im Christel-Göttert-Verlag, inzwischen ist daraus eine beliebte Reihe geworden. Mit ihren schönen, bunt gestalteten Covers, dem praktischen Format und dem überschaubaren Umfang, dem bezahlbaren Preis (5 Euro) und vor allem dem Konzept, innovative feministische Philosophie in verständlicher Sprache zu vermitteln, eignen sich die Büchlein nämlich auch gut als Geschenk. 13 Bändchen sind inzwischen erschienen.

Aber auch andere Initiativen sind aus der Flugschrift hervorgegangen. Zum Konzept hatte damals gehört, dass wir in den drei Folgejahren jeweils eine Tagung veranstaltet haben, die ein Forum bot für Frauen, die die Flugschrift lasen und diskutierten. Daraus hervorgegangen sind vielfältige Initiativen, weitere Publikationen und Vernetzungen.

Hier noch ein Artikel über die Tagung aus der “Mainspitze”

Put aside – Herrschaftszeiten!

Hier mal eine Buchbesprechung als Video. Hatte heute keine rechte Lust, das aufzuschreiben. Es geht um

Friederike Gierst (Hg): Herrschaftszeiten. Vom Leben unter Männern, Dumont 2009.

Was meint Ihr: Soll ich das öfter mal so machen? Oder wollt Ihr lieber lesen? Würde mich interessieren.

„Es geht um eine neue Praxis des Philosophierens“

Eben habe ich zufällig gesehen, dass es ein Video gibt, auf dem Chiara Zamboni, eine der Mitbegründerinnen der philosophischen Gemeinschaft Diotima an der Universität von Verona, erklärt, wie Diotima entstanden ist und welche Entwicklung dieser Richtung des italienischen Feminismus seither genommen hat. Die Frauen von Diotima sind ja durch persönliche Kontakte und durch ihre Bücher, die teilweise ins Deutsche übersetzt wurden, auch hier zu Lande bekannt. Über ihre Mitbegründerin Luisa Muraro sind sie auch eng mit dem Mailänder Frauenbuchladen verbunden.

Auch wenn das Video auf Italienisch ist, ist es für manche vielleicht spannend, Chiara Zamboni mal “live” zu hören.

Sie erzählt in dem Video, wie sich die Diotima-Philosophinnen, ausgehend von dem Wunsch, philosophisch zu arbeiten und dabei gleichzeitig die Tatsache, eine Frau zu sein, präsent zu halten, einen symbolischen Ort an der Universität und in der Welt geschaffen haben. Dabei kommt es nicht nur auf die Inhalte des Philosophierens an, sondern vor allem auf eine andere Praxis: Die Abkehr vom Zitatenwissen, das Schaffen eines Raumes, in dem Worte von Autorität zirkulieren können und so gemeinsam Neues entstehen kann, Ideen, die über das schon Gedachte hinausgehen.

Für die, die kein Italienisch können: Einiges davon erläutert Zamboni auch in einem Text, den es im Forum bzw-weiterdenken auf Deutsch gibt. Er hat den Titel “Ein philosophischer und politischer Streit über das Verständnis von Praxis”. Darin beschreibt sie außerdem, was den Denkansatz von Diotima von den Foucault-inspirierten Dekonstruktivismusansätzen unterscheidet (der in Deutschland den akademischen Feminismus ja stark geprägt hat).

Hier im Blog hatte ich kürzlich schon mal einen kleinen Auszug aus Zambonis neuem Buch “Pensare in presenza” übersetzt.

So viele Frauen, damals…

Gerade habe ich das Buch “Hammerstein oder Der Eigensinn” von Hans Magnus Enzensberger ausgelesen. Es ist ein sehr interessantes Buch, es geht um den Chef des Deutschen Heeres, General Kurt von Hammerstein-Equord, der ein Gegner des Nationalsozialismus war und 1934 deshalb zurückgetreten ist. Es geht um die ambivalenten Diskussionen im Militär und unter Adligen darüber, was man von Hitler halten sollte (die meisten hielten nichts von ihm) und ob man aktiv was gehen ihn unternehmen sollte (dabei waren die meisten bekanntlich zu zögerlich – Hammerstein starb 1943 an Krebs, also vor dem Attentat vom 20. Juli 1944).

Das alles ist höchst interessant und gut gefiel mir auch, wie Enzensberger das aufschreibt (mit verschiedenen Formen, u.a. fiktiven Interviews mit den Protagonistinnen und Protagonisten). Was mich aber am meisten frappiert hat, das war die große Anzahl von Frauen, die hier eine aktive Rolle gespielt haben. Man könnte fast sagen, das Buch wimmelt nur so von ihnen. Und das bei so einem Thema: Militär und “harte” Politik, weit vor den Zeiten der Emanzipation.

Maria Theres Hammerstein Anfang der 1930er Jahre

Maria Therese von Hammerstein, Anfang der 1930er Jahre

Da wären zunächst einmal die drei ältesten Töchter Hammersteins, Marie Luise, Maria Therese und Helga. Ihre vielfältigen Aktivitäten im Widerstand, ihre Mitarbeit in kommunistischen Kreisen, ihre Beziehungen zum jüdischen Widerstand und so weiter. Aber auch zum Beispiel Ruth von Mayenburg, eine deutsche Adlige, die für die Rote Armee spionierte. Und noch zahlreiche andere, nicht nur Frauen, die im Widerstand aktiv waren, sondern auch Hitler-Anhängerinnen oder Denunziantinnen.

Mir hat die Lektüre wieder mal klar gemacht, wie falsch es ist, anzunehmen, dass Emanzipation und Gleichberechtigung Vorbedingungen für ein freies weibliches Engagement in der Welt sind. Manchmal habe ich, wenn ich mich auf solche geschichtlichen Ausflüge in voremanzipatorische Zeiten begebe, sogar den Eindruck, dass weibliche Subjektivität sich damals (zumindest im Einzelfall) besser entfalten konnte, weil Frauen, die sich engagierten, noch nicht mit dem Stigma des Opferseins behaftet waren.

Allerdings ist es andererseits auch so, dass erst die Frauenbewegung solche Bücher ermöglicht hat: In voremanzipatorischen Zeiten tendierten die Geschichtsschreiber ja im Allgemeinen dazu, aktive Frauen zu übersehen. Sie kamen deshalb früher in solchen Büchern nicht vor. Von daher ist es gut, dass es die Frauenbewegung gegeben hat und mit ihr das Bewusstsein für die vielfältigen Benachteiligungen, denen Frauen in einer männerzentrierten Realität ausgesetzt sind. Dieses Bewusstsein (und der Kampf für die Abschaffung der Diskriminierungen) darf uns aber nicht dazu verleiten, zu glauben, dass es vor der Emanzipation politisch engagierte Frauen nur im Einzelfall gegeben hätte. Es waren auch damals schon ganz viele.

Hans Magnus Enzensberger: Hammerstein oder Der Eigensinn, Suhrkamp 2009 (Taschenbuchausgabe), 9,90 Euro.
Hier eine ausführliche Rezension von Frank Raudszus

Mehr Frauen in verantwortliche Stellungen!

 

Kürzlich schickte mir eine Freundin folgende Postkarte: Das DDR-Propagandaplakat “Mehr Frauen in verantwortliche Stellungen”, entworfen von Gerhard Schlundt, aus dem Jahr 1948.

 Frauen_in_verantwortliche_Stellungen

Kommt mir das irgendwie bekannt vor?

Ach ja. “Mehr Frauen in Führungspositionen” heißt es heute. Es scheint fast ein Ritual zu sein: Immer wenn es “der Wirtschaft” (also dem, was die Männer darunter verstehen, die mit den Bilanzen, den Zahlen, dem ganzen Offiziellen also) schlecht geht, sollen die Frauen ran. Man schmeichelt ihnen, wie gut sie das doch alles könnten, wie zäh sie sind, wie geduldig, wie geschickt, wie kommunikativ, wie integrierend, wie vorausschauend.

Ich werde immer skeptisch, wenn der Mainstream so fürsorglich mit den Frauen umgeht. Momentan ist ja vor allem ihre schlechte Bezahlung in aller Munde: Sie verdienen weniger als die Männer (ich sage ja immer: Die Männer verdienen mehr als die Frauen). Natürlich ist das ein Skandal. Schön, dass sich jetzt endlich einmal alle darüber empören. Schön, dass es diese massenweisen Studien gibt, die dafür auch die “harten Zahlen” liefern. Schön. Aber.

Mir bleibt bei all der Schmeichelei den Frauen gegenüber ein unbehagliches Gefühl. So wenig, wie es in der DDR um die weibliche Freiheit ging (sondern um die Nutzbarmachung weiblicher Kompetenz und Arbeitsleistung für den Sozialismus), so wenig geht es heute um die weibliche Freiheit (sondern um die Nutzbarmachung weiblicher Kompetenz und Arbeitsleistung für den postindustriell-globalisierten Kapitalismus).

Das muss nicht schlecht sein. Schön häufiger ist es der Frauenbewegung gelungen, solche Situationen dazu zu nutzen, eigene Anliegen zu verwirklichen und den Freiheitsspielraum von Frauen tatsächlich zu vergrößern. Wir wissen aber auch: Oft sind sie dann nur die Trümmerfrauen. Die Gefahr ist groß, dass Frauen sich anpassen und “funktionieren”, anstatt wirkliche Veränderungen anzustoßen, die Welt wirklich in eine Richtung zu bewegen, die uns gefällt. (Und mit “uns” meine ich jetzt nicht “die Frauen”, so als wären sie alle einer Meinung, sondern die vielen weiblichen “Ichs”, wo auch immer es sein mag, dass sie sich engagieren).

Die feministische Frage lautet deshalb nicht: Wie bringen wir mehr Frauen in verantwortliche Stellungen resp. Führungspositionen? Sondern die feministische Frage lautet: Wie machen wir Frauen in dieser Welt einflussreicher, sodass sie ihre eigenen Visionen und Anliegen umsetzen können?

Frauen in “verantwortlichen Stellungen” (ich merke gerade, dass mir dieser Ausdruck viel besser gefällt als die “Führungspositionen”) sind nur dann ein Gewinn für die weibliche Freiheit, wenn sie dort auch etwas bewirken können. Wenn sie sich nicht den Spielregeln der Männer anpassen müssen. Denn, es sind ja nicht “die Männer”, die uns all die Probleme dieser Welt beschert haben, sondern eine “männliche Ordnung”, die die Welt in Hierarchien aufteilt, in oben und unten, in vermeintliche Gegensätze und Dualismen. Diese “männliche Ordnung” kann auch von weiblichen Personen vertreten werden. Und damit wäre also gar nichts gewonnen. Politisch gesehen kommt es nicht darauf an “Frauen nach oben” zu bringen, sondern das gesellschaftliche Veränderungspotenzial, das in der weiblichen Differenz liegt, fruchtbar zu machen (was allerdings, um auch hier kein Missverständnis aufkommen zu lassen, nicht geht, ohne reale Frauen aus Fleisch und Blut zu Wort kommen zu lassen).

Jedenfalls: Die reinen Zahlen von “Frauen in” sagen darüber gar nichts aus. Eine selbstbewusste und unkonventionelle Frau in einem Spitzengremium kann unter Umständen mehr verändern, als fünf angepasste Karrieristinnen, die sich die Statuslogik des Betriebs völlig zu eigen gemacht haben.  Es ist deshalb wichtig, dass wir uns nicht plötzlich einbilden, wir hätten Bärte, um die man uns Honig schmieren kann. All diese emanzipatorisch weichgespülten Schmeicheleien, die es derzeit im Überfluss zu geben scheint, gelten nicht uns als Subjekten freier, individueller Weiblichkeit, sondern sie gelten uns, den “Human Ressources”, die man besser nutzen möchte.

Deshalb kommt es darauf an, dass wir sie nutzen – statt andersrum. Bleiben wir flexibel und vergessen wir vor allem niemals, uns diese Frage immer wieder zu stellen: Und ich? Was will ich? Was will ich wirklich? Diese Frage zu stellen, zu beantworten und dann entsprechend zu handeln, unabhängig von dem, was im Mainstream gerade als Marschrichtung für die “moderne Frau” ausgegeben wird – darauf kommt es an.