Der Störfaktor Frau und das männliche Imaginäre

Kürzlich wurde über eine neue Studie des Sinus-Institutes berichtet, bei der 30 männliche Führungskräfte in Tiefeninterviews nach ihrer Haltung zum Thema “Frauen in Führungspositionen” befragt wurden. Die Ergebnisse, von denen der verantwortliche Soziologe Carsten Wippermann im Interview mit Zeit-online berichtet, sind interessant.

Diese schöne Postkarte stammt von der Künstlerin Dorothea Siegert-Binder. http://www.siegert-binder.de

Zunächst einmal haben sich alle Befragten im Prinzip sehr positiv über Frauen in Führungspositionen geäußert. Das sollte man nicht einfach nur als bloßes Zugeständnis an die politische Korrektheit im heutigen Gleichstellungsparadigma abhaken. Es ist für Frauen, die sich innerhalb von Unternehmen bewegen, durchaus nicht unwichtig, dass sie mit prinzipieller Ablehnung, wie sie ambitionierten Frauen noch vor wenigen Jahrzehnten entgegenschlug, heute nicht mehr zu rechnen haben.

Bei tieferen Nachfragen zeigte sich jedoch, dass es durchaus Vorbehalte gibt, und zwar in drei Typen, die Wippermann so beschreibt: “Alle 30 von uns befragten Manager konnte man einem Typus zuordnen. Der eine ist sehr konservativ. Bei ihm kann man eine kulturelle und funktionale Ablehnung von Frauen qua Geschlecht ausmachen. Zitate aus den Interviews sind: Frauen seien eine Irritation im inner circle und unerwünscht im Vorstand. Der andere Typus hat eine emanzipierte Grundhaltung und geht davon aus, dass Frauen chancenlos gegen die Machtrituale seien. Das Topmanagement verlangt Härte und das steht im Widerspruch zum Frauenbild in unserer Gesellschaft. Es fielen Formulierungen wie: Ein Vorstandsposten ist eine andere Sportart – und Frauen hätten nicht die Härte dafür. Frauen, die entsprechend auftreten, wirken dann nicht mehr authentisch – und für diesen Typus ist aber Authentizität ein sehr wichtiger Erfolgsfaktor. Der dritte Typus zeigt einen radikalen Individualismus. Diese Männer sagen, dass das Geschlecht eigentlich keine Rolle dabei spielt, wenn es um die Besetzung einer Führungsposition geht. Aber es gebe nicht genügend Frauen, die authentisch und flexibel genug dafür seien.”

In der Berichterstattung über diese Studie dominierte das Klagen darüber, dass diese Haltungen Frauen nach wie vor durch eine “gläserne Decke” davon abhalten, in Führungspositionen vorzudringen. So schreibt Heide Oestreich in der taz: “Kurz gesagt haben wir hier einen hübschen Teufelskreis der Vorurteilsstrukturen: Frauen können per “Weiblichkeit” nicht Chef werden. Ändern sie ihr Verhalten Richtung “Männlichkeit”, können sie erst recht nicht Chef werden, weil sie dann nicht authentisch sind. wonach Frauen von (männlichen) Führungskräften auch heute noch oft als “Störfaktoren” angesehen werden.”

Aus gleichstellungspolitischer Perspektive ist das natürlich zu bedauern. Ich hingegen finde es ziemlich gut, dass Frauen innerhalb der Wirtschaftsunternehmen als “Störfaktoren” angesehen werden – und es möglicherweise sogar hin und wieder auch tatsächlich sind. Denn so, wie diese Kreise derzeit agieren, kann es dort ja gar nicht genug Störungen geben. Das “störende” Potenzial von Weiblichkeit birgt daher – gerade in Kombination mit einer prinzipiellen Aufgeschlossenheit für mehr Frauen in Führungspositionen” – aus meiner Sicht eine Chance für Veränderung, die es zu nutzen gilt. Damit das gelingt, ist aber wichtig, zu verstehen, woher sie kommt.

Bei den Positionen der befragten Männer handelt es sich nämlich nicht einfach nur um “Vorurteile”, die in der Realität völlig unbegründet sind und nur ihrer insgeheim immer noch patriarchalen Phantasie entspringen. Vielmehr fassen sie hier eine Realität in Worte, freilich auf unbeholfene und unbefriedigende Art und Weise, die verstanden werden muss, wenn es überhaupt eine Chance geben soll, dass sich an der Situation einmal etwas ändert.

Vor allem ist es wichtig, irreführende und falsche Argumentationen zu vermeiden. Wenn zum Beispiel auf reine Assimilation der Frauen gesetzt wird, hilft uns das nicht weiter. In diesen Strang gehört sowohl das Bemühen, Frauen dazu zu bringen, sich “männliche” Verhaltensweisen anzueignen (auch dann, wenn sie das eigentlich nicht wollen) als auch der Versuch, Männern klar zu machen, dass Frauen “eigentlich” doch gar keine Störfaktoren seien. Vielmehr ist beides politisch zu verhandeln: Die Frauen sollten darüber reden, wenn sie mit bestimmten Verfahrensweisen, Abläufen, Ritualen und Maßstäben in einem Unternehmen nicht einverstanden sein, und die Männer sollten darüber reden, wann und wo und eventuell warum sie sich von Frauen “gestört” fühlen.

Ganz genauso wichtig ist es aber, dass diese “Störungen”, dort, wo sie auftreten, nicht auf eine angeblich “natürliche” Differenz der Geschlechter zurückgeführt werden, nach dem Motto “Frauen sind eben so” oder “Männer sind eben so”. Denn damit werden die konkreten Konflikte zum Klischee gemacht und der Notwendigkeit einer politischen Verhandlung entzogen. Worum es geht, das sind immer die beteiligten Personen in einer bestimmten, konkreten Situation. Diese Konflikte und Differenzen sind fruchtbar zu machen, und sie dürfen weder an einem vorab gegebenen Maßstab der “Gleichheit” noch an einem vorab gegebenen Maßstab der “Differenz” gemessen werden.

In unserer 1999 erschienenen Flugschrift “Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn” haben wir das Phänomen, um das es hierbei geht, das “männliche Imaginäre” genannt. Dort schreiben wir: “Männer nutzen öffentliche Ämter und Funktionen – genau wie den Bereich der beruflichen Tätigkeit – um sich ihre männliche Größe zu spiegeln. Die Erfahrung der Frauen, dass die Politik der Frauenförderung in Wirtschaft und Politik auf so hinhaltenden männlichen Widerstand stößt, hat nicht nur mit konkreten materiellen und Macht-Interessen zu tun. Es geht vielmehr um das männliche Imaginäre: Männer verteidigen Männer-Räume, weil sie ihnen die Möglichkeit bieten, ihre Männlichkeit unter Männern zu spiegeln. In unserer Kultur ist das männliche Imaginäre nun aber fest mit der Besetzung der gesellschaftlichen Macht- und Einflussbereiche sowie mit einer inhärenten Frauenfeindlichkeit verknüpft. Deshalb wird das Vordringen von Frauen … als Bedrohung für die Männlichkeit überhaupt interpretiert.” (S. 44f)

Genau das ist es, was die neue Sinus-Studie erneut bestätigt hat. Es geht bei dem hier zu verhandelnden Konflikt zwischen der männlichen Kultur der Unternehmensführungen und dem “Störfaktor” Weiblichkeit nicht um “natürliche” Geschlechterunterschiede und auch nicht nur um ansozialisierte Differenzen im Verhalten, sondern darum, wie “Männlichkeit” mit diesen Bereichen verknüpft sind, sodass Weiblichkeit dort per se ein Störfaktor ist, völlig unabhängig davon, was eine konkrete Frau tut oder nicht tut, ob sie sich anpasst oder nicht.

Dies erklärt sehr gut die nach wie vor bestehenden männlichen Vorbehalte gegen Frauen in Führungspersonen, die ansonsten angesichts des gleichzeitigen prinzipiellen Bekenntnis zur Gleichstellung ja gar nicht erklärbar wären. Es erklärt aber auch die Schwierigkeiten und das Unbehagen vieler Frauen, sich auf dieses konfliktreiche Feld überhaupt noch zu begeben, das meiner Ansicht nach heutzutage ebenso zur “Wieder-Vermännlichung der Welt” beiträgt, wie die Widerstände seitens der Männer. Denn aufgrund des männlichen Imaginären finden Männer in Führungspositionen eine doppelte Belohnung: Einmal die konkrete Macht, das Geld und den Einfluss, den eine solche Position mit sich bringt, dann aber auch den imaginären Bonus der Bestätigung ihrer Männlichkeit. Für Frauen fällt dieser Bonus weg. Sie bekommen zwar in Führungspositionen ebenfalls Macht und Geld, aber eben keine imaginäre Bestätigung ihrer Weiblichkeit. Genau das ist es, was in den Interviews des Sinus-Institutes zum Ausdruck kam.

Im Paradigma der Gleichheit lässt sich dieses Dilemma nicht lösen. Der einzige Ausweg ist es, den mühsamen Weg der Differenz zu gehen, die – um es noch einmal zu sagen – weder eine natürliche, noch eine bloß ansozialisierte Differenz ist, sondern eine, die der Logik dieser Institutionen und Positionen inhärent ist. Sich das bewusst zu machen, ist der erste Schritt. Frauen sind “Störfaktoren” in diesem Betrieb, und nur, wenn diese Störung gesellschaftlich und politisch thematisiert wird, besteht die Chance, an dieser Situation etwas zu ändern. Es ist ein Schritt, den sowohl die einzelnen Frauen gehen können, die Führungspositionen anstreben, als auch die einzelnen Männer, die mit der männlichen Monokultur der Unternehmensspitzen unzufrieden sind. Und gleiches gilt für jede Politik, die geschlechterbewusste Maßnahmen plant, sowie für alle, die sich theoretisch und analytisch mit diesem Thema beschäftigen.

Schöne Wörter, Scheißwörter

Diese Woche sah ich abends den Film “Letzes Jahr in Marienbad”, einen alten Film von 1961, in dem sehr häufig das Wort “Balustrade” vorkam. Das Wort hakte sich irgendwie in meinem Kopf fest, und als ich tags drauf durch die Stadt lief, hielt ich Ausschau nach Balustraden. Ich fand natürlich keine. Dafür fand ich ein Plakat, das für eine Tagung zum Thema “Sozialraumorientierung” warb. Und neben dem schönen Wort “Balustrade”, das mich an jenem Tag begleitete, fand ich dieses Wort “Sozialraumorientierung” so unglaublich häßlich.

Menschen an Balustraden. Szenenfoto aus dem Film "Letztes Jahr in Marienbad".

Die Schönheit und Hässlichkeit von Wörtern ist ein Phänomen, über das ich immer mal wieder nachdenke, seit ich Chiara Zambonis Buch “Unverbrauchte Worte” gelesen habe. Sie schreibt darin über die Möglichkeit einer gegenseitigen Öffnung zwischen den Worten, der Sprechenden und den Dingen, die benannt werden. Worte sind nicht einfach nur neutrale “Platzhalter” für eine angeblich objektive und unverrückbare Realität, sondern beides wirkt aufeinander ein und beeinflusst sich gegenseitig. Wie wir sprechen, welche Worte wir verwenden, um die Realität zu erschließen und uns mit der Welt in Beziehung zu setzen, ist ihrer Ansicht nach eine politische Praxis.

“Unverbrauchte Worte” zu finden (und zu hören) ist dabei keine Frage des Willens, der Technik, der Methode, sondern – so ein Bild von Zamboni – wie ein Schwimmen im freien Meer: “Wir sprechen und bekommen keine Klippe zu fassen, an der wir hochklettern könnten, um uns von oben sprechen zu sehen. Es ist, als wären wir immer draußen im offenen Meer.”

Meine These: Wenn wir die Realität im Sinne eines Besseren verändern wollen, ist es hilfreich, schöne Worte zu finden und hässliche zu meiden. Denn mit hässlichen Wörtern kann die Welt nicht schön werden. Ich glaube, es war Kant, der schrieb, dass über Ästhetik kein abstraktes Urteil möglich ist. Schönheit erkennt man an Beispielen, in der Situation. Man kann nicht definieren, was schön ist, aber man kann das Schöne erkennen, wenn es einer begegnet.

Deshalb wollte ich wissen, welche Wörter andere schön finden und welche sie hässlich finden und startete vor zwei Tagen bei Twitter eine kleine Reihe “Schöne Wörter, Scheißwörter”. Inzwischen hat sich unter dem Hashtag #swsw schon einiges angesammelt. Schön gefunden werden zum Beispiel die Wörter Wischmop, Augenstern, Aubergine, hässlich die Wörter Mobbing, Anpassungsstörung, Liebling…

Mich interessiert auch die Frage, wie weit die Urteile darüber, welche Wörter schön und welche hässlich sind, auseinandergehen. Bisher waren zwei umstritten: Das Wort “Eiterbeule” findet jemand hässlich, ich finde es hingegen ganz schön. Und ich finde das Wort “Lebertran” schön, jemand anderes versieht das mit einem Fragezeichen. Wobei man natürlich unterscheiden muss zwischen dem Wort als Wort und dem möglicherweisen unangenehmen Inhalt, der damit bezeichnet wird. Also das Wort “Lebertran” kann ja nichts dafür, dass der eklig schmeckt.

Hiermit ist die Beispielsammlung samt Diskussion nun auch im Blog eröffnet. Ich bin gespannt.

Anarchisten in der Endlosschleife

An und für sich ist die Idee klasse: Eine kleine Geschichte des Anarchismus im Comic-Format. Leider befindet sich der Anarchismus in Deutschland offenbar in einer Zeitschleife. Seit dreißig, vierzig Jahren, so scheint es, bewegt sich hier im Denken rein gar nichts. Anders ist es kaum zu erklären, dass man immer wieder dieselben Dinge wiederkäut. Unter dem Stichwort „Geschichte des Anachismus“ etwa spulen sich reflexhaft die immer selben Namen ab – Stirner, Proudhon, Bakunin, Kropotkin – und öffnen sich immer dieselben Schubladen – individualistischer, kollektivistiser und so weiter Anarchismus und so weiter und so weiter.

Kl_geschichte_d_anarchUnd jetzt gibt es das Ganze eben auch noch als Comic. Nicht einen einzigen Gedanken habe ich in diesem Büchlein gefunden, den ich nicht schon hundert Mal anderswo gehört habe. Nun könnte man natürlich einwenden: Ist die Geschichte denn nicht immer dieselbe? Wieso soll sich daran etwas ändern, wenn es doch nun einmal so war?

Das wäre aber eine recht einfältige Vorstellung. Geschichte erinnern bedeutet immer und unweigerlich, Vergangenes zu interpretieren und auf das Hier und Heute zu beziehen. In einen Dialog mit der Vergangenheit zu treten, in den man selbst auch involviert ist. Deshalb verändern sich Geschichtsbücher im Allgemeinen im Lauf der Jahre. Nicht weil die Geschichte eine andere geworden wäre oder die früheren falsch gewesen wären, sondern weil man selbst sich in der Zwischenzeit verändert hat, andere Fragen stellt, sich für neue Aspekte interessiert.

Und so sagt es nichts Gutes über den Stand des Anarchismus in Deutschland aus, wenn dessen Vertreter immer noch dasselbe über ihre eigene Geschichte erzählen, wie schon vor einem halben Jahrhundert. Wenn sie zum Beipiel immer noch Proudhon unkritisch und unhinterfragt als eine ihrer Leitfiguren feiern, obwohl es gute Gründe gibt, sich gründlich für ihn zu schämen (zum Beispiel, aber nicht nur wegen seiner frauenhasserischen Hetztiraden). Und überhaupt diese Ahnenreihen großer Vordenker – sowas wirkt heute schlicht antiquiert. Aber all die einschlägigen Verdächtigen bekommen auch hier wieder ihre Doppelseite, nur die Männer natürlich. Denn die Frauen werden, ganz wie gehabt, alle in einen Sack gesteckt und unter der Rubrik „Anarchafeminismus“ subsumiert (und müssen sich gemeinsam eine Doppelseite teilen).

Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre: Simone Weil und Emma Goldman in einer Kategorie! Zwei Denkerinnen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber sie waren halt Frauen, und das macht es offenbar für manche Leute unmöglich, in ihnen individuelle Denkerinnen zu sehen – so alt, so langweilig.

Natürlich wäre ein revolutionärer Mann nicht wirklich ein revolutionärer Mann, würde er heute noch mit patriarchalem Getue kommen. Im Gegenteil: Heute will man am liebsten auch noch der bessere Feminist sein. Also muss das Prinzip Cover-Girl her: Man setzt ein fesches Mädel auf den Titel, schreibt alles durchgängig mit großem I und malt überhaupt möglichst viele Frauen überall auf die Seiten. Will sich da am Ende noch jemand beschweren?

Beschweren vielleicht nicht, aber desinteressiert abwenden ganz bestimmt. Denn diesen deutschen Anarchisten ist es ja offensichtlich sowieso schnurzpiepegal, was die weibliche Differenz und das Denken von Frauen sie lehren könnte. An Versuchen, ihnen die zu vermitteln, hat es in den vergangenen Jahrzehnten nämlich keinesfalls gefehlt. Sie können sich also – und das zumindest ist anders als vor dreißig, vierzig Jahren – nicht mehr auf einen schlechten Forschungsstand berufen. Wenn sie nur wollten, könnten sie heute mehr wissen. Aber sie wollen halt offensichtlich nicht. Der deutsche Anarchismus, eingewickelt in seine eigene Endlosschleife, genügt sich selbst und interessiert sich nicht für anderes. Und jetzt gibt es den Beweis für diese Ignoranz eben auch in Bildern.

Zum Glück dreht sich die Welt auch ohne sie weiter. Soll dann aber bloß keiner kommen und über die eigene Bedeutungslosigkeit jammern. Sie ist wohlverdient.

Findus: Kleine Geschichte des Anarchismus. Ein schwarz-roter Leitfaden. Verlag Graswurzelrevolution. Heidelberg 2009, 7,80 Euro.

Der Mythos von Maria Magdalena

Diese Woche habe ich an einer Podiumsdiskussion teilgenommen, bei der es um drei wichtige Frauen in den monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam ging. Mein Part war es, Maria Magdalena vorzustellen – neben der jüdischen Prophetin Hulda und Aischa, die als Ehefrau Mohammeds eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Islam hatte.

Dabei war ich wieder einmal überrascht, wie viele Leute aus dem Publikum Maria Magdalena immer noch wie selbstverständlich mit der “Sünderin” oder der “Prostituierten” gleichsetzten. Offenbar sind die entsprechenden Bilder noch immer sehr präsent, obwohl der Vatikan in den 1960er Jahren klar gestellt hat, dass es sich bei der Jüngerin Maria Magdalena und der “Ehebrecherin”, die von Jesus vor der Steinigung bewahrt wird, um zwei verschiedene Frauen handelt. Die Vermischung der beiden Figuren geht auf Papst Gregor zurück, der im 6. Jahrhundert vier biblische Frauen – Maria Magdalena, die Ehebrecherin, die Frau, die Jesus salbte und Maria, die Schwester Marthas – zu einer vermengt hatte.

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Maria Magdalena begegnet dem Auferstandenen: Abbildung aus dem Buch "Legende von den lieben Heiligen Gottes" (1863).

In Wirklichkeit war Maria Magdalena einfach eine Jüngerin Jesu, und zwar eine sehr wichtige, denn sie war diejenige, die als erste dem Auferstandenen begegnete. Alle vier Evangelien (und es gibt nicht viele Dinge, bei denen sich alle Evangelien einig sind) nennen Maria Magdalena namentlich als eine der Frauen, die nicht nur während der Kreuzigung dabei waren, sondern auch an Jesu Grab um ihn trauerten. Maria Magdalena hat dort eine Gottesbegegnung, sie bekommt vom auferstandenen Jesus den Auftrag, diese Botschaft (dass der Tod nicht das Ende sei) den anderen Jüngern und Jüngerinnen weiterzusagen. Daher gilt sie in der christlichen Tradition auch als die Apostelin der Apostel – diejenige “Gesandte”, die den anderen erst ihren Auftrag gibt.

Anders als etwa Paulus (der Jesus zu Lebzeiten gar nicht kannte) verbindet Maria Magdalena somit zwei wichtige Phasen in der Entstehung des Christentums: Die Lehre von Jesus selbst, wonach das “Reich Gottes” bereits auf der Erde verwirklicht werden kann (die noch eine innerjüdische Position ist) und dann die speziell christliche Glaubenslehre, die sich erst nach Jesu Tod in kontroversen Diskussionen der “Hinterbliebenen” herausbildet.

Vermutlich gab es dabei sehr unterschiedliche Richtungen, und im Prozess der Kanonisierung (also der Diskussion und Entscheidung darüber, welche Positionen verbindlich für das Christentum werden sollen, das heißt, welche Texte in die Bibel aufgenommen werden und welche nicht) hat sich die paulinische Richtung durchgesetzt. Paulus jedoch kennt Maria Magdalena entweder nicht oder er verschweigt sie absichtlich, das lässt sich heute nicht mehr feststellen.

Allerdings wird Maria Magdalena noch einmal wichtig, als im frühen Christentum über die Frage diskutiert wird, ob Frauen kirchliche Ämter übernehmen können oder nicht. Bekanntlich wird dieser Streit gegen die Frauen entschieden, aber es gab eine starke Gegenbewegung, die sich explizit auf Maria Magdalena beruft. So gibt es etwa ein Evangelium der Maria, in dem sie als diejenige vorgestellt wird, die als erste und schon zu Lebzeiten Jesu die eigentliche Tragweite seiner Botschaft verstanden habe und nach der Kreuzigung die anderen in der christlichen Lehre unterweist.

Im Lauf der Kirchengeschichte haben sich immer wieder Frauen auf Maria Magdalena berufen, zum Beispiel im 14. Jahrhundert Christine de Pizan in ihrem feministischen “Buch von der Stadt der Frauen”, aber auch viele Mystikerinnen und Beginen. Auch für die feministische Theologie in den 1980er Jahren spielte Maria Magdalena eine wichtige Rolle.

Doch außerhalb eines feministischen Kontextes hat das Bild der lasziven, erotischen “Magdalena” einen sehr dominanten Platz eingenommen. Wobei auch diese Gleichsetzung, so falsch sie ist, durchaus kirchenkritische Impulse haben konnte. Im Mittelalter etwa, als zahlreiche Maria-Magdalena-Legenden entstanden sind, wurde das Bild der Sünderin, die umkehrt und auf den rechten Weg findet, auch als Kritik an einer korrupten Kirche verstanden und als Aufforderung an feiste und sündigende Priester, sich an Maria Magdalena ein Beispiel zu nehmen. Und so gut es ist, dass heute auch kirchenoffiziell die Jüngerin Maria Magdalena und die Ex-Prostituierte nicht mehr in eins fallen, so hatte es auch durchaus einen gewissen Charme, dass lange Zeit eine Prostituierte im Heiligenkalender war.

Bezeichnend ist es aber, dass das Frauenbild der weltlichen Kirchenkritiker bis heute dem Klischeebild von Maria Magdalena verhaftet bleibt. Sowohl Martin Scorsese in seinem Film “Die letzte Versuchung” als auch Dan Brown in seinem (ebenfalls verfilmten) Bestseller “Sakrileg” fällt nichts besseres ein, als Maria Magdalena als Geliebte Jesu zu phantasieren. (darüber habe ich hier schon einmal was geschrieben) Sie verstehen das als Gott weiß wie kritisch, in Wirklichkeit sind sie im Bezug auf ihr Frauenbild aber rückständiger als die Kirche, denn sie können sich eine wichtige und bedeutende Frau offenbar nicht anders als in sexueller Beziehung zu einem Mann vorstellen.

Das ist überhaupt das große Dilemma im Christentum gewesen: Dass aufgrund der Gleichsetzung von Jesus (also einem Mann) und Gott sich Patriarchat und Glaube auf ganz ungute Weise miteinander vermengt haben. Die Philosophin Luisa Muraro hat das einmal gut auf den Punkt gebracht: “Die größte Sünde der Männer war es, dass sie sich den Frauen gegenüber an die Stelle Gottes gesetzt haben. Und die größte Sünde der Frauen war es, dass sie das  zugelassen haben.”

Dieses Dilemma wurde auch auf der Podiumsdiskussion thematisiert, nämlich in einer Frage der Rabbinerin Elisa Klapheck an mich und an die muslimische Mitdiskutantin Amina Luise Becker: Sie kritisierte, dass “unsere” Frauen sich nur über einen Mann definiert hätten, Maria Magdalena über Jesus und Aischa über Mohammed.

Doch genau das ist der Knackpunkt: Wenn Maria Magdalena dem Auferstanden begegnet, dann begegnet sie Gott – und nicht einem Mann. (Ganz abgesehen davon, dass natürlich auch Beckers Einwand stimmt, dass nämlich allein die Tatsache, dass eine Frau mit einem Mann verheiratet ist, sie noch nicht als eigenständige Denkerin disqualifiziert).

Für die christlichen Frauen aber ist genau das die Herausforderung: Immer wieder klar zu machen (sich selbst und anderen), dass es um ihre Beziehung zu Gott geht und nicht um ihre Beziehung zu dem Mann Jesus oder gar zu seinen selbsternannten männlichen Stellvertretern auf Erden. Keine leichte Aufgabe freilich angesichts einer Geschichte, in der die Männer es immer wieder versucht haben, aus der (im Prinzip völlig zufälligen) Tatsache, dass Jesus ein Mann war, einen Herrschaftsanspruch für sich selbst abzuleiten. Die einzige richtige Anwort darauf ist freilich (und kluge Frauen geben sie nun schon seit 2000 Jahren, oft unter Berufung auf Maria von Magdala): So eine Argumentation ist der Gipfel der Gotteslästerung.

Wer noch mehr wissen möchte, hier ist mein Manuskript zum Statement bei der Podiumsdiskussion.

Die Überraschung und der Zwischenraum

Vor 25 Jahren erschien in Frankreich unter dem Titel “Ethik der sexuellen Differenz” eine Sammlung von Vorlesungen der Philosophin und Psychoanalytikerin Luce Irigaray. Auf dieses Jubiläum hat mich Ina Praetorius hingewiesen, die aus diesem Anlass eine wunderbare Würdigung geschrieben hat. Ich kann mich ihr nur voll anschließen, wenn sie schreibt: “Ich weiß nicht, wer und wo ich heute wäre, gäbe es Luce Irigarays geheimnisvoll zukunftsschwangere Texte nicht.”

LUCE IRIGARAY

Foto: Rino Bianchi

Ich kann mich noch ziemlich genau daran erinnern, wo ich die “Ethik” zum ersten Mal gelesen habe: Es war bei einem Strandurlaub, mit viel Zeit. Und diese Zeit braucht es, um sich durch die durchaus schwierigen, weil so ungewohnten Gedankengänge zu arbeiten. Weil zur Bedeutung Irigarays für die Frauenbewegung und zur Aktualität ihres Denken Ina Praetorius schon das Wesentlich gesagt hat (lest ihren Text!) möchte ich an dieser Stelle nur eines meiner Lieblingszitate posten. Ich mag es so, weil es genau auf den Punkt bringt, dass die Tatsache der sexuellen Differenz (und die betrifft NICHT Klischees von Männern und Frauen, sondern die Tatsache der nicht-Reduzierbarkeit des Anderen auf das Selbe) – einfach schön, belebend und notwendig ist. Irigaray schreibt also:

“Bleibt die Tatsache, dass der andere – er oder sie – uns betrachten kann. Und dass wir uns über ihn verwundern können, auch wenn er uns betrachtet. Dass wir über den Anblick, das Sichtbare hinausgehen, dass wir uns einen Ort zum Wohnen herstellen, dass die Verwunderung uns Anlass und Möglichkeit zur Bewegung gibt, Mittel ist, um innezuhalten, weiterzugehen oder zu uns zurückzukehren. Diese erste Leidenschaft ist unerlässlich für das Leben, aber auch und noch mehr für die Herausbildung einer Ehtik, insbesondere einer Ethik der sexuellen Differenz und durch diese. Dieser (oder diese) andere müsste uns wieder und wieder überraschen, uns als neu erscheinen, sehr verschieden von dem, was wir kannten, oder von dem, was wir vermuteten, dass er (oder sie) sein sollte. Das bewirkt, dass wir ihn (oder sie) anschauen, innehalten, um ihn anzuschauen, uns fragen, uns fragend nähern. Wer bist du? Ich bin und ich werde dank dieser Frage. Verwunderung, die über das, was uns angenehm ist oder nicht, hinausgeht. Der andere ist uns niemals einfach angenehm. Würde er uns ganz und gar zusagen, hätten wir ihn uns auf irgendeine Weise angeglichen. Aber etwas geht darüber hinaus und widersetzt sich: seine Existenz und sein Werden als Ort, der das Bündnis möglich macht, das Bündnis und/durch die Resistenz gegen die Assimilation oder die Reduktion auf das Selbe.” (Seite 90f).