Nerds (m/w). Eine Analyse und eine Frage.

Über Nerds wollte ich eigentlich gar nichts schreiben, weil ich mir nicht sicher bin, ob es so etwas überhaupt gibt. Jedenfalls hatte ich noch nie das Bedürfnis, die Menschen, mit denen ich es im Alltag zu tun habe, in Nerds und Nicht-Nerds aufzuteilen. Nur aus Erzählungen kenne ich ein, zwei, die dem Klischee vielleicht halbwegs nahe kommen.

Aber das Thema kommt ja aus den Medien gar nicht mehr raus, und deshalb komme ich wohl mittelfristig nicht drum herum, mir dazu eine Meinung zu bilden. Zumal im Zusammenhang mit Nerds immer auch von Frauen die Rede ist. Und zwar nicht nur indirekt, insofern der Nerd nach allgemeiner Auffassung männlich ist, sondern auch ganz direkt: Immer steht die Frage im Raum, ob Frauen sich in Nerds verlieben oder nicht.

Das interessiert mich, denn die Vorstellung, das Sich-Verlieben einer Frau würde etwas über die objektive, gesellschaftliche Qualität eines Mannes aussagen, ist ein fester Bestandteil unseres Kulturwissens. So heißt es zum Beispiel in „De Amore“, einem im Mittelalter weit verbreiteten Liebes- und Erotik-Lehrbuch: „Sie selber aber (d.h. die Frauen) sind dringend gehalten, jeden entsprechend seinen Verdiensten zu belohnen. Denn was immer die Menschen (d.h. die Männer) an Gutem tun und sagen, sie pflegen alles dem Lob der Frauen zuliebe zu tun, und es in ihrem Dienst zu vollbringen, damit sie sich der Belohnung durch sie rühmen können.“

Spätere Varianten dieses Motivs handeln davon, dass verantwortungsbewusste Frauen einen gut verdienenden Langweiler dem charmanten Hallodri bei der Gattenwahl vorziehen sollen und so weiter. Jedenfalls geht es durch die Jahrhunderte bei der Frage, wen eine Frau „erwählt“, so gut wie nie um das weibliche Begehren selbst, sondern darum, die Männer und ihre Taten letztlich zu evaluieren – und zu belohnen.

Und jetzt also die Nerds. Die im Kommen sind. Die immer wichtiger werden. Vor denen wir eventuell Angst haben müssen, weil sie die einzigen sind, die bei diesem ganzen Computerkram noch durchblicken. Die Frauen sind es, die mit ihrem gewandelten Urteil den letztgültigen Beweis dafür liefern, dass die Nerds aus der Schmuddel-kalte-Pizza-Autisten-Ecke heraus sind: „Und ja, es gibt Frauen, die Nerds ziemlich erotisch finden“ – so endet der Artikel zum Thema in der aktuellen brandeins, und es klingt fast wie eine Drohung.

Bei der Diskussion über die Nerds geht es um einen Konflikt zwischen Männern. Verhandelt wird daran ein sich veränderndes Männerbild. Der visionäre, polternde, machtbewusste, charismatische Macher-Mann, der seit einigen Jahrzehnten das männliche Role-Model war (nicht zufällig denke ich hier an Frank Schirrmacher) wittert Konkurrenz durch eine neue Sorte Mann, der er der Einfachheit halber den Namen „Nerd“ gibt.

Und ich, eine Frau? Was habe ich mit all dem zu tun?

Zunächst ist natürlich einmal das Selbstverständliche festzuhalten, nämlich dass es auch Frauen gibt, die kalte Pizza essen, geselligen Small-Talk meiden, nicht viel auf Mode geben und sich extrem gut mit Computern auskennen. Der Punkt ist nicht, dass es keine weiblichen Nerds gäbe, sondern dass es offenbar nicht notwendig ist, sie so zu nennen. Niemand hat das Bedürfnis, diese Frauen zu einer bestimmten „Sorte“ Mensch zu erklären, sie mit einem eigenen Label zu belegen.

Ich bin der Meinung, das hängt eben genau damit zusammen, dass die Nerd-Diskussion in Wahrheit eine versteckte Männlichkeits-Diskussion ist: Während verunsicherte Nicht-Nerd-Männer die Selbstverständlichkeiten, an die sie immer geglaubt haben, in Gefahr sehen (einfach weil es immer mehr Männer gibt, die es anders machen, eben die „Nerds“), gibt es auf Seiten der „Nicht-Nerd-Frauen“ (wie ich zum Beispiel eine bin) keine Notwendigkeit, sich irgendwie konzeptionell von „Nerd-Frauen“ zu unterscheiden. Es besteht einfach an diesem Punkt keinerlei Unsicherheit im Bezug auf die eigene Weiblichkeit oder die Bedeutung, die wir jeweils dem Frausein beimessen. Wie gut eine Frau mit Computern kann und wie viel sie im Netz unterwegs ist, ist schlicht unerheblich im Bezug auf das Frausein. Die einen machen es eben so und die anderen so (was nicht heißt, dass Frauen bei diesem Thema keine Konflikte untereinander hätten, aber dazu ein andermal).

Was können am Thema interessierte Frauen also nun mit dieser Diskussion um die Nerds tun? Mein Vorschlag wäre, dass wir nicht so sehr darauf hinweisen, dass es auch „weibliche Nerds“ gibt, sondern eher versuchen, die der Debatte eigentlich unterliegende Konstruktion (beziehungsweise Dekonstruktion) von Männlichkeit aufzudecken und als solche zu thematisieren.

Denn da hätten speziell die Feministinnen unter uns ja durchaus vieles beizutragen. Zum Beispiel haben wir Regalweise feministische Analysen darüber verfasst, warum sich der Schirrmacher-Typus eigentlich überholt hat und was genau das Problem an seiner Vorherrschaft ist. Was die Nerds betrifft, so bin ich mir, wie gesagt, nicht sicher, ob es sie überhaupt gibt, aber eventuell ist so ein Begriff, wenn auch sicher pauschalierend, ganz nützlich, um zu benennen, dass sich gegenwärtig alternative Typen von Männlichkeit herausbilden. Dann könnten wir auch untersuchen, inwiefern sie sich von den klassischen unterscheiden oder nicht.

Ich persönlich finde an diesen ominösen „Nerds“ zum Beispiel positiv, dass sie, anders als die Schirrmacher-Machos, kaum noch Geschlechterklischees und patriarchales Überheblichkeitsgetue an den Tag legen. Problematisch finde ich allerdings, dass sie ihre eigene (männliche) Partikularität oft nicht sehen und gerne mal glauben, alle Menschen (nicht nur, aber speziell auch Frauen) wären genauso wie sie selbst.

Eine erste Ahnung für einen möglichen Grund für dieses Desinteresse an der Differenz kam mir gestern beim Lesen des genannten brandeins-Artikels. Neben den üblichen Klischees war es folgende Beschreibung der Nerds, die bei mir hängen blieb und mich interessierte: „Unverdrossene und pedantische Wahrheitssucher, die auf Daten, Fakten und Logik pochen, die Letzten, die noch zwischen null und eins, zwischen Kompetenz und Inkompetenz unterscheiden können.“

Genau dieser Punkt war es, der mich vor einem halben Jahr an vielen „nerdigen“ Kommentaren zu meinem Blogpost über die Piraten vor allem gestört hat. Nicht, dass sie anderer Meinung waren als ich (nämlich der Meinung, der Frauenanteil in einer Partei sei irrelevant, während ich der Meinung war, er sei relevant), sondern dass sie ihre Meinung so verkündeten, als ginge es dabei um eine objektive Wahrheit, eine universale Logik, und ich sei nur zu blöde, um sie zu verstehen.

Diese Vorstellung, es gebe hinter allem eine „Wahrheit“ und es gehe nur darum, sie möglichst zweifelsfrei herauszufinden, stimmt aber nur für abgeschlossene Systeme und nicht für Politik. Es ist zum Beispiel schlicht nicht möglich, zu „beweisen“, ob der Frauenanteil in einer Partei relevant ist oder nicht. Sondern genau das ist der Gegenstand politischer Urteile, darüber gibt es Differenzen, und nirgendwo ist ein Schiedsrichter, der sagt, wer recht hat: Sobald ich, eine einzige Frau, beschließe, dass der Frauenanteil in einer Partei relevant ist, dann ist er nämlich relevant (zunächst einmal für mich, aber bald auch für die Welt, denn ich werde dann entsprechend handeln).

Der Bereich des Politischen führt immer aus dem jeweiligen System hinaus, das ist sein Wesen. Politik zeichnet sich (nach Hannah Arendt) durch die Möglichkeit des Neuanfangs aus, durch die Fähigkeit jedes einzelnen Menschen, etwas Anderes, Neues, noch nie da Gewesenes zu tun. Die alten, bisher existierenden Logiken und Maßstäbe haben im Bezug auf dieses Neue keine Gültigkeit. Man befindet sich in der Politik in einem undefinierbaren und schwammigen und unsicheren Bereich, wo einem nichts anderes übrig bleibt, als real existierende Unterschiede auszuhandeln und sich mit Menschen abzugeben, die (aus eigener Perspektive) Blödsinn reden, nichts kapiert haben, kein bisschen durchblicken und so weiter.

Daher meine Frage an die „Nerds“ (und jetzt meine ich explizit auch die Frauen, die sich dazu zählen): Könnt Ihr mit diesem Unterschied zwischen offener, unbeweisbarer, überraschender, nicht vorhersagbarer Politik (Differenz) und verstehbarem, allgemein gültigem und logisch beweisbaren Systemen (Universalismus) etwas anfangen? Habt ihr darüber schon diskutiert? Ergebnisse? Texte? Links? Danke!

Warum Jungen in der Schule benachteiligt sind – und was dagegen hilft

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Am 8. März war ich bei WDR5 als Studiogast eingeladen, um mit Hörerinnen und Hörern über das allseitige Dauerbrenner-Thema „Feminismus – brauchen wir den noch?” zu diskutieren. Eine Frage geht mir seither besonders im Kopf herum.

Unter den Anrufern war ein Lehrer, der sich darüber beklagte, dass in Schulbüchern neuerdings nur noch Frauen und Mädchen vorkämen, und dass die Jungen überhaupt keine Vorbilder mehr hätten. Das Beispiel, das er erzählte, war Folgendes: Im Englischbuch war von einem Raumschiff die Rede, und er dachte: Endlich mal was, das auch die Jungen interessiert! Aber dann kam „The Captain” und „she” tat dies und das. Also wieder eine Frau, wieder eine Zurückweisung für die Jungen, wieder keine Möglichkeit zur Identifikation!

Das Beispiel ist natürlich in mancherlei Hinsicht schwach: Erstens bin ich nicht so sicher, dass in heutigen Schulbüchern wirklich nur noch Frauen vorkommen und keine Männer (vielleicht kann das ja mal jemand durchzählen und in den Kommentaren posten?). Und zweitens ist ein weiblicher Raumschiff-Captain seit Kathryn Janeway ja nichts Außergewöhnliches mehr, oder anders: Dass Geschlechterbilder in Schulbüchern nicht die typischen Klischeerollen wiederholen, sollte uns doch eigentlich freuen.

Aber diese offensichtlichen Schwächen in der Argumentation sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier ein in der Tat wichtiges Problem angesprochen wurde. Mit der Sorge um die Benachteiligung von Jungen in der Schule steht dieser Hörer ja nicht alleine da, es ist nicht zufällig eines der heutigen Top-Themen in punkto Geschlechterverhältnis. Und es ist ein, wie ich finde, sehr wichtiges Thema.

Woran aber liegt die Benachteiligung der Jungen, wodurch kommt sie zustande?

Das Problem liegt meiner Ansicht nach nicht daran, dass Jungen heute mit vielen Frauen konfrontiert sind (sei es als Lehrerinnen oder als Figuren in Schulbüchern). Denn diese Tatsache wird für die Jungen doch nur deshalb zum Problem, weil sie sich mit Frauen bzw. weiblichen Protagonistinnen nicht (oder nur schlecht) identifizieren können. Und dies liegt wiederum daran, dass wir kulturell immer noch mit jenem patriarchalen Erbe zu kämpfen haben, in dem das Männliche das Normale und das Weibliche das Andere, das Defizitäre war.

Es ist doch auffällig, dass Mädchen überhaupt kein Problem damit haben, sich mit männlichen Protagonisten zu identifizieren, sie sich zum Vorbild zu nehmen, und von Männern etwas zu lernen. Mädchen und Frauen sind in unserer Kultur sozusagen zwangsweise Meisterinnen darin, zwischen „Ich-Frau” und „Ich-Mensch” hin- und her zu switchen. Sie lernen von klein auf, dass sie zwar einerseits „Mensch” sind, also normal, andererseits aber „Frau”, also anders. Deshalb können sie sich sowohl als Frau, als auch als Mensch verstehen – und sind entsprechend flexibel, wenn es darum geht, Vorbilder zu finden.

Ein Beispiel von mir selbst: Bei der Lektüre der Winnetou-Romane von Karl May habe ich mich als Jugendliche sowohl mit Old-Shatterhand (dem Ich-Erzähler) als auch mit Nscho-tschi (Winnetous Schwester und weibliche Hauptfigur) identifiziert. Ich hatte sozusagen eine gespaltene Identität: Als Shatterhand war ich in Winnetou verliebt, als Nscho-tschi in Shatterhand. Und das fand ich keineswegs kompliziert, weil ich es gewohnt war, sowohl Frau als auch Mensch zu sein, das heißt, mich sowohl mit Frauen als auch mit Männern zu identifizieren, wenn ich dort etwas Lernenswertes vermutete.

Ähnlich ging es mir mit den Schulbüchern, die damals im Hinblick auf Frauen- und Männerrollen noch weitgehend klischeehaft waren und in denen alle wichtigen Positionen von Männern repräsentiert wurden. Das hielt mich keineswegs davon ab, so gut wie möglich von ihrem Vorbild zu profitieren.

Das Problem der Jungen ist nun heute, dass sie es nie gelernt haben (wie vielleicht die Männer überhaupt), Frauen nicht nur in ihrer Qualität des Anders-Seins wahrzunehmen, sondern in ihrer Qualität des Menschseins. Sie haben dieses flexible Hin- und her Switchen nicht gelernt. Sobald sie eine Frau sehen, eine weibliche Protagonistin in einem Schulbuch etwa, identifizieren sie sie als „Nicht-Ich”, als „Andere” – und damit taugt sie natürlich nicht mehr als Vorbild. Sie können nichts von ihrem Beispiel lernen, weil sie das nicht auf sich selbst beziehen.

Damit sind die Jungen natürlich in einer emanzipierten Welt, in der Frauen wichtige und maßgebliche Positionen einnehmen, den Mädchen gegenüber in einem großen Nachteil: Denn die Mädchen können, etwas überspitzt gesagt, sowohl von Frauen als auch von Männern lernen, Jungen hingegen nur von Männern.

Leider ist die Art und Weise, wie dieses Problem öffentlich diskutiert wird, nicht gerade hilfreich, um es zu lösen, im Gegenteil. Wenn etwa davon die Rede ist, dass die große Zahl an Lehrerinnen und Erzieherinnen Schuld wäre am schulischen Misserfolg von Jungen, dann liegt diesem Argument eine latente Abwertung weiblicher Autorität zugrunde. Sie hilft den Jungen also gerade nicht, vom Wissen der Lehrerin zu profitieren, sondern bietet im Gegenteil einen weiteren Anknüpfungspunkt, ihr die Autorität zu entziehen.

Das heißt nicht, dass gegen mehr Männer in Grundschulen und Kitas etwas einzuwenden wäre. Männliche Vorbilder und Erziehungspersonen könnten den Jungen nämlich vorleben, dass auch sie nicht einfach nur „normal”, sondern auch „anders” sind – und das ist ein erster Schritt dazu, zu erkennen, dass auch die „anderen”, also die Frauen, nicht nur anders, sondern gleichzeitig normal sind. Problematisch wird nur, wenn dieses Thema so diskutiert wird,  dass Jungen unbedingt männliche Vorbilder bräuchten, um überhaupt etwas lernen zu können. Denn genau in diesem Missverständnis liegt die Ursache ihres Problems.

Die Benachteiligung von Jungen in den Schulen kann nur beendet werden, wenn wir ihnen helfen, dass sie auch in weiblichen Personen Vorbilder für sich selbst sehen können. Wenn sie lernen, dass auch die Frauen, die aus ihrer Sicht “anderen” also, für das allgemein Menschliche stehen, und es sich deshalb lohnt, ihnen zuzuhören und sich für das, was sie tun zu interessieren. Weil darin nämlich möglicherweise auch für sie selbst, die Jungen, etwas Lehrreiches steckt. Aber das ist natürlich ein Projekt, das nicht nur auf die Schule bezogen ist, sondern auf die Gesellschaft allgemein.



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Nichts gegen Sex (censored). Ich bin dafür und dagegen.

Darf man so viel Sex öffentlich zeigen? Foto: dron/Fotolia.com

Die Diskussionen um die öffentlichen Darstellungen von Sexualität, um pornografische Ästhetik auf Werbeplakaten und so weiter sind seit langem verkorkst. Radikale PorNo-Kampagnerinnen à la Emma und Protagonistinnen von „Pornos auch für Frauen” stehen sich unversöhnlich gegenüber. Ähnlich verlaufen die Fronten zwischen jenen Feministinnen, die Prostitution verbieten (und Freier bestrafen) wollen, und anderen, die die Arbeitsbedingungen von Prostituierten verbessern wollen. Aus meiner Sicht ist das alles eine typische Pest- oder Cholera-Frage. Alles ist falsch, und alles ist richtig. Eine dieser Pattsituationen, in denen die politische Debatte heutzutage so oft landet.

Die niederländische Musikjournalistin Myrthe Hilkens hat jetzt ein neues Buch zum Thema geschrieben, das die gegenwärtige „Pornofizierung unserer Gesellschaft” kritisch unter die Lupe nimmt und viele interessante Informationen enthält. Auch wenn ich ihre Unterscheidung zwischen „Sex” und „Porno” durchaus problematisch finde (weil die Diffamierung von Sex, den jemand unmoralisch findet, als „Pornografie” eine gängige Floskel dieses Patt-Diskurses ist) finde ich es lesens- und empfehlenswert. Sie hat sicher recht, wenn sie als Hauptursache des Problems die Kommerzialisierung von Sexualität und die daraus resultierende Gleichgültigkeit vieler identifiziert. Mithu M. Sanyal hat ein sehr gutes Vorwort zu dem Buch geschrieben.

Ich denke, eine Auseinandersetzung müsste vor allem damit beginnen, dass wir uns die Wurzeln der Verkorkstheit dieser Diskussion anschauen. Sie liegen aus meiner Sicht darin, dass im Zusammenhang mit der „sexuellen Revolution” der Aspekt der weiblichen Freiheit nicht mitdiskutiert worden ist. Anfangs zwar schon, aber irgendwann gegen Ende der 1980er geriet dieser Aspekt einerseits unter die Räder der unter Kohl eingeleiteten „geistig-moralischen Wende” und fiel andererseits der Dekonstruktion von Weiblichkeit zum Opfer. Die Frage, inwiefern Männlichkeit sich historisch über die Gewalt gegenüber dem Körper anderer definiert hat, die die zweite Frauenbewegung thematisiert hatte, wird inzwischen wieder meistens ausgeblendet (nach dem Motto: Männer müssen sich heute doch auch nackig machen). Auch im aktuellen Debatten-Hype um den Missbrauch in der katholischen Kirche spielte das Thema keine Rolle. Dabei gäbe es so interessante Rückverbindungen wie die, dass im Mittelalter männliche Homosexualität nicht generell als Sünde galt, sondern nur die „passive” Variante: Sünder war ein Mann, der sich penetrieren ließ. Ein Mann, der andere penetrierte, war ganz normal, egal, ob er ihn einer Frau oder einem anderen Mann reinsteckte. (Darüber hat Ruth Mazo Karras ein interessantes Buch geschrieben, das ich seinerzeit für die FR rezensiert habe).

In dieser christlich-westlichen Kultur ist Sex also prinzipiell als eine Sache verstanden worden, die nicht zwischen zweien sich abspielt, die beide begehren und ihr Begehren miteinander verhandeln, sondern Sex findet statt zwischen einem aktiven, begehrenden Part, und einem passiven, penetriert-werdenden Part. Dass sich hier ein Geschlechterdualismus niederschlägt, dass dies ganz zentral etwas mit dem Verhältnis von Frauen und Männern zu tun hat, ist offensichtlich. Und der Dualismus bleibt auch dann bestehen, wenn Frauen in diesem Setting zu „aktiven” und Männer zu „passiven” Beteiligten werden können.

Was die heutige Diskussionsstruktur betrifft, so gab es mit der „sexuellen Revolution” einen nahtlosen Umklapp von den alten patriarchalen Zeiten, in denen Frauen als Huren beschimpft wurden, wenn sie sich schminkten oder die Röcke zu kurz waren, hin zu jenen anderen Zeiten, in denen sie als hässlich und prüde tituliert wurden, wenn sie sich nicht schminken oder die Röcke zu lang sind. Es geht also nicht um Sex als solchen, sondern um die Verfügbarkeit des weiblichen Körpers (der immer schon auch ein männlicher sein konnte). Beides mal bleibt die Passivität der Frau (oder des Kindes oder des „passiv”-schwulen Mannes), die Abwesenheit ihres eigenen Begehrens, das entscheidende Merkmal.

Das Ende des Patriarchats bedeutet, dass dieser Körper nicht mehr nur dem Ehemann verfügbar ist und daher nach außen verhüllt oder unscheinbar gemacht werden muss, sondern dass er der Allgemeinheit, dem Kommerz ausgeliefert ist – und die Argumentationsfigur der „Freiwilligkeit” ist dafür grundlegend, so ähnlich, wie die „Freiheit” des Konsumenten oder der Konsumentin sich darin erschöpft, zwischen vierzig verschiedenen Joghurtsorten wählen zu können. Wenn aber beide Varianten der sexuellen Verfügbarkeit der Frauen (und anderer „passiver” Sex-Partner) heute nebeneinander existieren, zum Beispiel inszeniert im Rahmen des Migrationsdiskurses (das Kopftuch, die Burka…), hat man, egal wie man diskutiert, immer die falschen Verbündeten.

Deshalb habe ich immer weniger Lust, mich an diesem Diskurs überhaupt noch zu beteiligen. Was soll man schon Vernünftiges sagen in einer Welt, in der auf der einen Seite Facebook Fotos von stillenden Müttern zensiert, weil darauf Brüste zu sehen sind, und man andererseits dauernd von übersexualisierten Frauenkörpern optisch überschwemmt wird? Die Frage, ob ich für oder gegen die öffentliche Sichtbarkeit nackter Frauenbrüste bin, lässt sich nicht beantworten. Ich bin gleichzeitig dafür und dagegen. Ebenso wie ich gleichzeitig für und gegen Prostitution bin, dafür und dagegen, dass Frauen sich verhüllen und ausziehen, für und gegen Pornos und so weiter.

Die Frage, die aus meiner Sicht entscheidend ist, ist die die nach dem Begehren der Frauen selbst. Unabhängig von dieser oder jener Tradition, unabhängig von den Tabus, die sich rund um Sexualität aufgetürmt haben. Es ist freilich nicht leicht, über dieses Thema außerhalb dieser Schemata nachzudenken und zu diskutieren. Die ersten Versuche dazu (mit guten und langjährigen politischen Freundinnen!) gerieten jedenfalls außerordentlich kontrovers. Aber gerade deshalb ist es spannend.

McSex_klein Myrthe Hilkens: McSex. Die Pornofizierung unserer Gesellschaft. Orlanda Frauenverlag, Berlin 2010, 207 Seiten, 18 Euro.

Warum ich nicht queer bin. Eine autobiografische Annäherung.

Antje (24), verkündet Entscheidungen. Aufnahme von 1988.

Antje (24) verkündet Entscheidungen. Aufnahme von 1988.

Ich bin eine Prä-Butlersche Feministin. Das heißt, ich habe meine Vorstellungen davon, was es bedeutet, Frau und frei zu sein, im Wesentlichen ausgebildet, bevor 1990 Judith Butlers Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“ erschien und die feministische Theoriearbeit in Deutschland in eine Richtung wendete, die ich nicht mitvollzogen habe.

Bis vor kurzem war das für mich kein Problem, weil die Frauen, mit denen ich politisch-feministisch zusammenarbeite, ebenfalls keine “Butlerianerinnen” sind. Seit ich aber ein Blog schreibe und andere feministische Blogs lese und dort kommentiere, begegne ich dem auf Butlers Denken zurückgehenden Queer-Feminismus häufig, und in Kommentardiskussionen ergeben sich daraus immer wieder ähnliche Missverständnisse und Differenzen.

Deshalb möchte ich hier einmal aufschreiben, warum ich nicht queer bin. Und zwar ausgehend von meiner persönlichen Geschichte, denn vermutlich sind biografische Gründe ziemlich bedeutsam für die theoretischen Wege, die jemand geht.

Als ich 19 war, zog ich vom Dorf in die Großstadt, nach Frankfurt, um zu studieren. Das war 1983. Vom Feminismus als politischer Bewegung hatte ich noch nichts gehört, sehr wohl aber war mir bewusst, dass sich Frauenrollen ganz heftig am Ändern waren. Zumindest war ich fest entschlossen, dass alles, was man bisher über Frauen gesagt hatte (und auch zu mir) für mich absolut keine Gültigkeit haben würde. Ich fühlte mich frei, unabhängig und emanzipiert – ob es dafür nun einen Namen gab oder nicht.

Konkret bedeutete das, dass ich mir von niemandem Vorschriften machen ließ, weder von den „Erwachsenen“, noch von den Männern, mit denen ich Beziehungen hatte. Ich diskutierte nicht, ich verkündete meine Entscheidungen: Meiner Mutter, dass ich nicht beabsichtigte, jemals Unterhemden zu bügeln, meinem damaligen Freund, dass Penetrationssex für mich nicht in Frage kommt, weil er mir keinen Spaß macht. Solche Dinge. Auf die Idee, ich könnte in unserer WG irgendwie mehr für Putzen und Kochen zuständig sein als die Männer, die dort wohnten, wäre ich ohnehin nicht gekommen (die Männer übrigens auch nicht).

Die Frauenbewegung, die ich dann an der Uni vorfand, bot mir also lediglich eine Theorie für das, was ich ohnehin selbstverständlich fand: Dass ich, eine Frau, tun und lassen kann, was ich will, und dass der Wunsch danach (und die kompromisslose Entschlossenheit dazu) nicht eine individuelle Macke von mir ist, sondern Teil eines umfassenden politischen Projektes zur Befreiung aus altmodischen Rollenklischees.

Diese selbe Frauenbewegung langweilte mich aber auch, weil sie mir persönlich nicht weiterhelfen konnte. Wie gesagt, sie konstatierte ja aus meiner Sicht nur das ohnehin Selbstverständliche. Interessant fand ich lediglich das eine oder andere konkrete Thema: das Experimentieren mit geschlechterbewusster Sprache zum Beispiel oder die Erforschung von Frauengeschichte. Was das Thema persönliche Befreiung betraf, so sah ich natürlich ein, dass nicht alle Frauen so selbstbewusst waren wie ich, dass ich als Kind der Mittelschicht bessere Startchancen hatte als andere und so fort. Deshalb, so dachte ich, brauchte es natürlich den Feminismus, brauchte es Solidarität etcetera. Aber ich, persönlich, brauchte die Frauenbewegung nicht.

Bei all dem wäre ich aber niemals auf die Idee gekommen, die Tatsache meines Frauseins in Frage zu stellen. Wenn ich Motorrad fuhr, wenn ich Sex mit Frauen hatte, wenn ich andere in Grund und Boden diskutierte, wenn ich ungerührt zusah, wie sich der Abwasch in der Spüle stapelte – dann wäre ich nicht für eine Sekunde auf den Gedanken gekommen, dass ich damit die Grenzen meiner Geschlechtszugehörigkeit überschreiten würde. Ganz im Gegenteil: Ich war dadurch erst recht eine Frau, so „unbeschreiblich weiblich“ wie Nina Hagen, wenn sie sich keine kleinen Kinder anschaffen wollte.

Und auch die Männer waren ja längst nicht mehr so, wie das Klischee. Sie hatten lange Haare, trugen Blümchenblusen und übten gewaltfreie Kommunikation. Sie gingen einkaufen und putzten das Bad, sie diskutierten über ihre Gefühle, manche wurden schwul. Und niemals wären wir auf die Idee gekommen, sie würden dabei irgendwelche „weiblichen Seiten“ an sich entdecken, ganz im Gegenteil: Es wurden doch „neue Männer“ aus ihnen!

Aber dann kam Judith Butler. Am Anfang fand ich ihren Gedanken, dass nicht nur soziale Geschlechtsrollen konstruiert sind (was damals schon ein alter Hut war), sondern auch der biologische Körper, durchaus spannend. Und es leuchtete mir auch absolut ein, jedenfalls auf einer theoretischen Ebene. Allerdings fand ich es nicht wirklich alltagsrelevant. Zum Beispiel änderte diese theoretische Erkenntnis ja nichts an der Tatsache, dass ich schwanger werden konnte, die Männer, mit denen ich Sex hatte, aber nicht. So what.

Eines Abends sah ich dann im Fernsehen ein Interview mit Judith Butler, in dem sie auf mich doch sehr altbacken wirkte. Sie erzählte, wie sie auf die Idee für ihr Buch gekommen war: Eines Abends habe sie in einer Schwulendisko Männern beim Tanzen zugeschaut und ihr sei aufgefallen, dass diese sich vollkommen „weiblich“ bewegen. So ein Schwachsinn, dachte ich, seit wann ist es denn weiblich, wenn Männer mit den Hüften wackeln.

Für mich waren gerade solche Zuschreibungen nicht etwa ein Fortschritt im Bezug auf die Überwindung von Geschlechterklischees, sondern ein Rückschritt. Ein Mann, der mit den Hüften wackelt, bewegt sich nicht „weiblich“, sondern er macht aus dem Hüftenwackeln eine männliche Bewegungsform. So wie Frauen, die Hosen tragen, keine „Männerkleidung“ anziehen, denn Hosen sind längst Frauenkleidung geworden. Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau. Ganz egal, was sie tut. Und ein Mann auch.

Und dieser Meinung bin ich heute noch. Meinetwegen können einzelne Frauen Männer werden und andersherum, oder sie können sich weitere Geschlechter erfinden, dagegen habe ich nichts. Ich werde aber allergisch, wenn das mit „weiblichem“ oder „männlichem“ Habitus analysiert wird. Ich kann nicht sehen, warum ein Mann sich „weiblich“ gibt, wenn er sich die Lippen schminkt oder Stöckelschuhe trägt – ich tue weder das eine noch das andere und bin trotzdem ganz unbestreitbar eine Frau. Also wenn, muss es andere Gründe haben.

Die Entwicklung des Feminismus in den 1990er Jahren war für mich im Großen und Ganzen eine Enttäuschung. An den Universitäten wurde mehr oder weniger nur noch über Judith Butler diskutiert (was allerdings, soweit ich es beurteilen kann, ein deutsches Phänomen ist, in den USA blieb die Bewegung auch im Hinblick auf die Theoriearbeit vielfältiger), während in den staatlichen Institutionen die Gleichstellung einzog, die immer weniger revolutionäre Ambitionen hatte.

Über italienische Feministinnen stieß ich dann Anfang der neunziger Jahre auf andere Theorien, die sich für meinen politischen Alltag und das Projekt „Wie kann ich eine freie Frau sein“ als hilfreich erwiesen und die mich letztlich doch noch zur ausgewiesenen Feministin machten – doch das ist eine andere Geschichte, die ich vielleicht an anderer Stelle mal erzähle.

Heute haben wir es jedenfalls in der Alltagskultur wieder mit Geschlechterklischees zu tun, von denen ich mir vor fünfundzwanzig Jahren niemals hätte träumen lassen, dass das möglich wäre. Jungs tragen blau, Mädchen stehen auf rosa – tiefster fünfziger Jahre-Mist. Wenn ich mir anschaue, wie sich Mädchen und Jungen heute schon in Schulen voneinander separieren, dann leben wir im Vergleich zu meiner Kindheit in Zeiten krasser Geschlechterapartheid. Und was die Machismo-Inszenierungen junger Männer oder der nuttige Körperexhibitionismus junger Frauen soll, ist mir schleierhaft. Nicht, dass ich das moralisch verwerflich finde. Mir ist bloß schleierhaft, wie man damit Freiheit verbinden kann.

Ich kann es mir nur so erklären, dass es nach wie vor offenbar eine tiefe Sehnsucht gibt, Frau und Mann zu sein. Dass es aber an Ideen und Beispielen dafür fehlt, wie das in Freiheit möglich wäre. Es gibt keine Vorbilder, nur noch Klischees. In dem Versuch, das Geschlecht abzuschaffen, wurde so viel über die Geschlechterunterschiede diskutiert und geforscht, dass sie sich hinterrücks zu Riesenmonstern ausgewachsen haben.

Was aus meiner Sicht notwendig wäre ist, die Praxis des freien Frauseins und des freien Mannseins weiter zu verfolgen, zu verfeinern, darin zu Meisterinnen und Meistern zu werden.

Und deshalb bin ich nicht queer. Denn wenn Frauen, die „anders“ sind, gar nicht mehr als Frauen wahrgenommen werden, sondern als Queer, dann bleibt für diejenigen, die weiterhin Frauen sind, eben nur das Klischee übrig. Und wenn sich die ganze feministische Energie darauf konzentriert, den Sinn der Existenz von Frauen (und Männern) zu bestreiten, dann wird der Feminismus logischerweise auch nichts zur Freiheit von Frauen und Männern beitragen können.

Dieser Artikel wurde auch abgedruckt in: Graswurzelrevolution April 2010, S. 1



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Gegen welche Krankheit helfen nochmal Quoten, und wer ist überhaupt der Patient?

Würde diesem Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz eine Frauenquote gut tun? Wahrscheinlich schon. Foto: Bundestag.de Lichtblick/Achim Melde

Mit dem Cortison-Vergleich in ihrer gleichstellungspolitischen Grundsatzrede hat Bundesministerin Kristina Schröder das Thema Quoten mal wieder in die Debatte gebracht. Ich finde den Vergleich interessant – und einer genaueren Überlegung wert.

Denn wenn Quoten ein Medikament sind, das – wie Schröder sagte – lediglich die Symptome einer Krankheit heilt, nicht aber ihre Ursachen beseitigt, dann stellt sich ja die spannende Frage: Was genau ist die Krankheit, um die es hier geht? Und vor allem: Wer ist eigentlich der Patient?

Ich gebe Schröder nämlich völlig recht in ihrer prinzipiellen Diagnose: Dass „Strukturen und Kulturen in der Arbeitswelt nicht nur Frauen benachteiligen, sondern zu einer Benachteiligung von Menschen, von Männern und Frauen, führen, wenn sie Fürsorgeaufgaben in der Familie übernehmen.”

Und mit ihr stelle ich auch die folgende Frage:

„Wir kritisieren zu Recht, dass Frauen immer noch deutlich weniger verdienen als Männer. Wir kritisieren zu Recht, dass auf höheren Hierarchieebenen, in Führungspositionen, insbesondere in Vorständen und Aufsichtsräten sehr wenige Frauen vertreten sind. Aber warum reden wir so wenig über die kulturellen und strukturellen Ursachen in der Arbeitswelt, die diesen Beobachtungen zugrunde liegen?”

Also gut, reden wir über die kulturellen und strukturellen Ursachen. Die liegen nämlich in einem falschen Wirtschaftsverständnis, das traditionell zwischen „produktiver” Arbeit in „der Wirtschaft” und „unproduktiver” Arbeit wie Putzen, Kochen, Krankenpflege, Kindererziehung unterschieden hat. Die diese Bereiche geschlechtlich konnotiert hat (Männer sind für das eine, Frauen für das andere zuständig) und sie dann auch noch hierarchisch zugeordnet hat. Weshalb es, nur so zum Beispiel, für das eine viel Geld gibt und für das andere keines oder nur wenig. Aber man könnte hier auch von Anerkennung, von Status, von gesellschaftlichen Einflussmöglichkeiten generell sprechen.

Ich gebe Schröder völlig Recht in ihrer Diagnose, dass die Abwesenheit der Frauen aus der einen Sphäre (und umgekehrt die Abwesenheit der Männer aus der anderen) nur ein Symptom ist. Die Krankheit heißt nicht „Frauendiskriminierung”, sondern sie heißt „falsches Wirtschaftssystem, falsche kulturelle Denkmuster”.

Und der Patient sind nicht die benachteiligten Frauen, sondern die Gesellschaft, in der vieles nicht funktioniert. In der die Menschen nicht genug Zeit und Muße für so wichtige Dinge wie Kindererziehung, Krankenpflege und vieles andere mehr haben, weil sie ständig damit beschäftigt sein müssen, in der ersten, „wichtigen” Wirtschaft einen Stich zu machen, also zum Beispiel Geld zu verdienen.

Und was machen wir also nun?

Der Patient, die Gesellschaft also, ist ziemlich krank. Sie leidet unter ganz heftigen Symptomen, auch die Finanzkrise war so eines. Die Armutsschere ist so eines. Die Misere der so genannten „bildungsfernen Schichten” ist so eines. Der allseits gefürchtete Pflegenotstand ist eines. Die Tatsache, dass der Ausbau von Kinderkrippen daran zu scheitern droht, dass es schlichtweg nicht genug Erzieherinnen für den Job gibt, von Erziehern ganz zu schweigen. Die Aufzählung ließe sich noch lange weiter führen.

Ich meine, wenn ein Patient so krank darniederliegt: Müsste man da nicht doch einmal über Symptombehandlungen nachdenken? Denn wenn der Patient erst mal tot ist, weil er keine Antibiotika nehmen wollte (den Vergleich finde ich besser als das schreckensbeladene Cortison), dann war’s das.

Allerdings stimmt: Bei der Behandlung von Symptomen kann es nicht bleiben. Dann bleibt der Patient nämlich langfristig krank, höchstwahrscheinlich entwickelt er sogar Resistenzen. Ein gutes Beispiel ist das Finanzthema: Da haben ja Studien unter dem Stichwort Lehman Sisters gezeigt, dass zwar tatsächlich Frauen besser mit Geld umgehen, Risikoanlagen zum Beispiel meiden – aber nicht, weil das in den weiblichen Genen so festgelegt wäre, sondern weil sie schlicht und einfach nicht so viel Geld zum Spekulieren haben, wie Männer (im Schnitt). Die Studien haben auch gezeigt, dass Frauen, wenn sie genauso viel Geld haben, genauso schlecht mit Geld umgehen.

Ein anderes Beispiel für die Ausbildung von Resistenzen habe ich in der März-Ausgabe von „mobil” gefunden, diesem Bahn-Magazin, das in ICEs ausliegt. In einem Interview erzählt Maybrit Illner dort von der Veränderung im Gesprächsverhalten von Politikerinnen, die sie im Talkshow-Business über die Jahre beobachtet hat. Sie sagt:

„Die erste Generation der Frauen hat sich Macht hart und einsam erarbeitet. Die zweite ist über die sogenannte Quote zu Verantwortung gekommen. Sie ist mittlerweise erfahren, souverän und entspannt. Früher sind Politikerinnen nach einem harten Schlagabtausch schon mal weinend rausgerannt. Das passiert heute nicht mehr.”

Mission completed? Ich meine, nicht. Eher: Chance auf Veränderung verschenkt. Über das dissidente Potenzial weiblichen Heulens habe ich an anderer Stelle schon mal nachgedacht. Das Beispiel zeigt, dass Frauen sich anpassen können, natürlich. Alles eine Frage des Trainings. Aber auf diese Weise bleibt dann eben alles, wie es ist – außer dass Frauen mitmachen dürfen. Ist ja vielleicht schon mal was. Mir aber ist es nicht genug. Und vor allem wird es dem Patient Gesellschaft nichts nützen, im Gegenteil, das Antibiotikum wirkt dann irgendwann nicht mehr.

Es ist ja nicht so, dass wir über die Wirkungsweise des Medikamentes „Quoten” noch überhaupt nichts wüssten. Bei den Grünen findet es seit dreißig Jahren Anwendung, wir können also recht gut sehen, wogegen es hilft – und wogegen nicht.

Tatsächlich profitieren die Grünen als Partei von ihrer 50-Prozent-Quote für Frauen, denn sie haben oft die besseren Ideen, die originelleren Aktionen, die zukunftsweisenderen Konzepte (auch wenn ich an manchen Punkten mit ihnen hadere). Das liegt nicht daran, dass Frauen per se die besseren Ideen hätten, sondern daran, dass bei den Diskussionen innerhalb der Grünen immer genügend Frauen da sind, die dafür sorgen, dass es zu fruchtbaren Auseinandersetzungen über Themen kommt, die Männer, wenn sie allzu sehr unter sich sind, leicht mal vergessen – und die aber, siehe oben, von gesellschaftlicher Wichtigkeit sind. Denn, nicht vergessen: Krank sind nicht die Frauen, sondern unsere männerdominierte Kultur.

Allerdings frage ich mich seit einiger Zeit, warum die Grünen denn die Quote eigentlich nach drei Jahrzehnten immer noch nötig haben. Sollte man nicht meinen, die Zeitspanne ist lang genug, um jene tiefgreifenden kulturellen und strukturellen Veränderungen zu bewirken, die ja die eigentliche Krankheit ausmachen?

Offenbar nicht. Alle grünen Frauen, mit denen ich darüber geredet habe (und ich spreche das Thema seit einigen Jahren an, wo immer sich eine Gelegenheit ergibt), sind überzeugt: Hätten die Grünen die Quote nicht, dann wäre auch bei ihnen der Männeranteil recht schnell wieder deutlich höher als der Frauenanteil. Die Symptome würden zurückkehren, wenn das Medikament abgesetzt wird, der Patient ist also nicht geheilt.

Von daher: Quoten ja – aber nicht, um den Frauen zu helfen, sondern um denjenigen Institutionen zu helfen, die unter dem Mangel an Frauen, dem Mangel an weiblicher Dissidenz leiden. Institutionen, die Frauenquoten einführen, tun nicht den Frauen einen Gefallen damit, sondern sich selbst.

Aber sie doktern nur an den Symptomen herum, sie gehen noch nicht an die Wurzel des Übels. Dazu müssten sie die Ruhepause, die ein solches Medikament ihnen verschafft, nutzen, um tiefer zu gehen, um grundsätzlichere Fragen zu stellen, um prinzipielle Dinge zu ändern. Stellen sie sich dieser Herausforderung nicht, geben sie sich damit zufrieden, dass die Symptome kurzweilig unterdrückt sind – dann laufen sie Gefahr, dass sich Resistenzen ausbilden, dass das Mittel irgendwann nicht mehr wirkt.

Und dann stünde der Patient am Ende schlechter da als vorher.

Drei verbreitete Irrtümer zum Feminismus

Illustration: Uschi Madeisky

Anlässlich der erneut aufgepoppten Gender-Debatten in der Piratenpartei fällt mir auf, dass immer wieder (und nicht nur bei den Piraten) drei Argumente vorgebracht werden, die aus meiner Sicht ein grobes Missverständnis im Hinblick auf den Feminismus zeigen. Anlässlich des Internationalen Frauentages am 8. März will ich die Gelegenheit mal nutzen, sie hier aufzuschreiben.

Irrtum 1: Feminismus muss es nur geben, wenn Frauen diskriminiert werden

Mal ganz abgesehen, ob die Beteuerungen, dass bei „bei uns“ Frauen doch total gleich behandelt werden, im konkreten Einzelfall stimmen oder nicht: Der Kampf gegen Diskriminierung ist nicht der Hauptgrund für den Feminismus. Feminismus ist eine politische Praxis, die die Freiheit von Frauen befördern will. Das heißt, es geht darum, wie Frauen mit ihren eigenen, individuellen Wünschen und Ideen die Welt gestalten können. Natürlich richtet sich das in patriarchalen Gesellschaften, die Frauen aufgrund ihres Geschlechtes zu allem möglichen zwingen oder von allem möglichen ausschließen, zunächst einmal darauf, diese Zwänge abzuschaffen. Aber wenn das geschafft ist, wird der Feminismus keineswegs überflüssig. Ich meine sogar, er wird umso wichtiger. Denn gerade wenn Frauen alles mögliche werden und tun können, kommt es ja umso mehr darauf an, nach welchen Maßstäben sie das tun – nach ihren eigenen oder denen, die andere ihnen vorgeben. Auch in emanzipierten Gesellschaften gibt es Konformismus und Erwartungsdruck. Die Abwesenheit von Zwängen bedeutet nicht automatisch Freiheit (auch für Männer übrigens nicht).

Irrtum 2: Feministinnen müssen für alle Frauen sprechen

Ein ebenso oft gehörter Einwand gegen feministische Initiativen lautet: Was du sagst, ist falsch, denn es gibt viele Frauen, die deine Meinung gar nicht teilen. Aber seit wann sprechen Feministinnen für „alle Frauen“? Das haben sie nie getan. Als Feministinnen für das Frauenwahlrecht kämpften, war die Mehrheit der Frauen der Ansicht, dass das nicht gebraucht wird. Ganz abgesehen davon, dass es „die Frauen“ als homogene Gruppe mit einheitlichen Interessen sowieso nicht gibt. „Die Frauen“ gibt es nur, wenn man sie mit „den Männern“ vergleicht. Und genau diesen Maßstab setzt der Feminismus ja außer Kraft. Frauen sind Individuen, sie haben ihre subjektiven Meinungen und Ansichten. Die innovative Kraft des Feminismus liegt und lag schon immer in den Differenzen unter Frauen, darin, dass aus den Diskussionen, die Frauen untereinander führen, Ideen und Impulse entstehen, die nicht nur für sie selbst, sondern für die Gesellschaft insgesamt wichtig sind.

Irrtum 3: Feministinnen müssen Männer zu ihren Gruppen zulassen

Empfindlichkeiten gegen Feministinnen werden immer dann besonders groß, wenn Männer irgendwo nicht dabei sein dürfen. Heute wird ihnen dafür sogar Sexismus vorgeworfen. Aber der Vergleich hinkt: Frauen wurden früher nicht aus irgendwelchen privaten Männergruppen ausgeschlossen, sondern aus Institutionen, die die Belange der Allgemeinheit regelten – Parlamente, Universitäten, Verbände. Das ist Sexismus: Menschen aufgrund ihres Geschlechtes von den Orten auszuschließen, wo über Dinge entschieden wird, die sie selber unmittelbar betreffen. Wenn Frauen sich hingegen in Diskussionsgruppen, Mailinglisten oder sonstwo ohne Männer zusammen finden möchten, um untereinander Dinge zu diskutieren, ist das etwas völlig anderes. Sie nehmen für sich ja nicht in Anspruch, auch über Männer zu entscheiden. Frauen, die auf solche Gruppen keine Lust haben, müssen dabei natürlich nicht mitmachen (siehe Irrtum 2). Und selbstverständlich steht es Männern jederzeit frei, für sich auch solche Räume zu schaffen, wenn sie das wollen. Klar ist es notwendig, dass die in Frauengruppen gewonnenen Erkenntnisse und Ideen auch mit Männern diskutiert werden, aber das ist ja ohnehin eine Selbstverständlichkeit. Ich persönlich bin sowieso der Meinung, dass Männer zu Frauenveranstaltungen öfter zugelassen werden sollten. Dieser Dialog gelingt – nach meiner Erfahrung – immer dann besonders gut, wenn sich die Männer auch wirklich für das, was Frauen an möglicherweise anderem zu sagen haben, interessieren. Und nicht gleich wieder versuchen, es ihren eigenen Maßstäben oder Kriterien unterzuordnen.



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Der Fall Käßmann und wie alles weiterging

Gestern berichtet die Nachrichtenagentur idea, ich würde eine Kampagne zur Wiederwahl von Margot Käßmann starten. Allerdings hat man dazu nicht mich gefragt (obwohl ich ja nun wirklich nicht schwer aufzufinden bin) sondern das einfach aus der AZ abgeschrieben, die über einen Vortrag von mir in Bad Kreuznach berichtet hatte.

Update 3.3., 11.10 Uhr: Soeben schreibt mir die idea-Redaktion, dass die Meldung inzwischen gelöscht und richtiggestellt wurde und dass man bedauert, das veröffentlicht zu haben, ohne vorher mit mir zu sprechen.

Wie auch immer, die Meldung zieht inzwischen Kreise. Als erster hat interessanterweisender Atheist Media Blog sie aufgegriffen. (Bei der Gelegenheit fiel mir auf, dass dort Unmengen von idea-Meldungen ungeprüft weiter verbreitet werden. Naja, so viel zum Thema „Das Gegenteil ist genauso falsch”)

Aber jetzt zur eigentlich interessanten Frage: Warum starte ich keine Kampagne zur Wiederwahl von Margot Käßmann? Schließlich hatte ich diese Idee ja in der Tat am Tag ihres Rücktritts hier zur Diskussion gestellt.

Seither habe ich mit vielen Frauen und auch Männern darüber geredet, viele Kommentare sind eingegangen. Und dabei ist mir etwas Interessantes aufgefallen.

Die allermeisten Frauen und auch viele Männer finden es richtig, dass Käßmann zurückgetreten ist, und zwar nicht nur aus strategischen Gründen (nach dem Motto: Sie wäre nicht mehr glaubwürdig gewesen), sondern einfach deshalb, weil sie finden, dieser Rücktritt ist eine richtige und notwendige Reaktion gewesen, die Übernahme der Verantwortung für einen schweren Fehler, den sie gemacht hat. Aber gleichzeitig finden fast alle Frauen und auch einige Männer diesen Rücktritt schade und hätten Käßmann gerne weiter als ihre Repräsentantin. Wäre da eine erneute Wahl nicht die logische Konsequenz? Und wieso erscheint uns das so unmöglich?

Unser eigentliches Thema letzten Freitag in Bad Kreuznach war meine These gewesen, dass es eine gewisse Antipathie oder Inkompatibilität zwischen dem Begehren von Frauen und der Logik der (von und für Männer entwickelten) bürgerlichen Institutionen gibt. Zwei Tage nach dem Rücktritt Käßmanns war es naheliegend, das anhand dieses Beispiels zu diskutieren. Was eigentlich hindert uns daran, Margot Käßmann wieder zu wählen, wenn es doch das ist, was wir wollen? (Oder, meinetwegen, solange wir in der Minderheit sind, eine Kampagne dafür zu starten?) Wieso scheint es einen Widerspruch zu geben zwischen dem, was viele Frauen sich wünschen und dem, was die innere Logik der Institutionen hergibt?

In der Tat waren die Frauen in Bad Kreuznach, wie die AZ richtig schreibt, gleich Feuer und Flamme für die Idee, Käßmann erneut die Ratspräsidentschaft anzuvertrauen. Indes: Eine Kampagne hat keine von ihnen gestartet. Auch keine von den vielen anderen, die die Idee der Wiederwahl ebenfalls klasse fanden, hat etwas in dieser Richtung unternommen. Ich selber ja auch nicht. Warum nicht? Hat unser Zögern, etwas in dieser Richtung zu unternehmen, eine Bedeutung? Ist an dem Gedanken etwas falsch? Wenn ja, was?

Der häufigste Einwand, der von Frauen dagegen vorbracht wurde, war interessanterweise folgender: Eine solche Kampagne sollte man nur starten, wenn man Käßmann vorher gefragt hat, ob sie damit einverstanden ist. Schließlich würde das nur weiteren Druck bedeuten. Ich finde das interessant: Vermuten wir etwa schon selbst, dass Margot Käßmann vielleicht gar nicht unbedingt diese Spitzenamt haben will? Selbst dann nicht, wenn man es ihr anträgt?

Wohlgemerkt, es geht mir hier überhaupt nicht um die Motive und Absichten von Margot Käßmann selbst, über die ich nichts weiß und vermutlich die Frauen, die diesen Einwand vorbrachten, auch nicht. Dieser Einwand spiegelt vielmehr unser eigenes Verhältnis zu diesen Ämtern wieder: Empfinden wir, wenn wir uns in die Lage Käßmanns versetzen, nicht selber genau so ein Gefühl der Erleichterung: Endlich ist der Druck weg? Endlich bin ich wieder – frei? Dabei sind wir genau wieder bei diesem Thema der Antipathie: Nein, wir starten keine Kampagne zur Wiederwahl von Margot Käßmann, weil, irgendwie, die Vermutung im Raum steht, dass dies der weiblichen Freiheit entgegen stünde.

Damit sind wir aber nicht aus dem Schneider. Ich bin der Meinung, wenn wir also keine Kampagne zur Käßmanns erneuter Wahl machen wollen, dann müssen wir zumindest weiter über dieses Thema nachdenken und diskutieren, und das Ganze nicht vorschnell als die skurrile Episode „Frau an Kirchenspitze” in den Annalen verschwinden lassen.

Ein Ausgangspunkt dafür könnte jene Idee sein, die ein Kollege ins Gespräch brachte. Er sagt voraus, dass Margot Käßmann der Kirche erhalten bleiben wird (er teilt meine These, dass die Kirche Käßmann mehr braucht als andersrum), und dass sie vielleicht sogar jetzt, in der „Freiheit der Amtslosigkeit”, mehr bewirken kann als vorher. Sie wird weiterhin zu Talkshows und Vorträgen eingeladen, sie wird weiterhin Bücher schreiben. Und: Hat nicht in der Tat eine Dorothee Sölle, die nie ein kirchliches Amt oder einen universitären Lehrstuhl hatte, das Gesicht des deutschen Protestantismus mehr geprägt als alle bisherigen EKD-Ratsvorsitzenden zusammen?

Ich finde das ist eine tröstliche Situation. Nur das Problem mit der Inkompatibilität und Antipathie zwischen Frauen und institutionellen Ämtern – das besteht halt eben weiterhin. Und das kann nicht einfach so bleiben.