Wie ich neulich mal ein Troll war

Nachdem ich diesen Tweet gestern abend in einem Anfall spontanen Ärgers rausgeschickt hatte, musste ich an den Shitstorm-Vortrag von Sascha Lobo bei der Republica denken. Darin stellt er am Ende die These auf, dass wir alle etwas von einem Troll in uns haben, und dass die Übergänge zwischen berechtigter Kritik und trolligem Diskussionsstil fließend sind.

Ich hatte dem spontan widersprochen und gesagt (ebenfalls in einem Tweet): “gerade @saschalobo gehört. Ich finde nicht, dass wir alle ein bisschen Troll sind. Die Unterscheidung ist schwierig, aber nicht fließend.”

Und dann schreibe ich kaum drei Tage später selbst einen Tweet, der ganz klar trollig ist. Denn man kann ja meinen Vorwurf an den Zeit-Kolumnisten Harald Martenstein, er habe “einen an der Raddel”, nicht wirklich als Diskussionsangebot verstehen. Es ist genau die Art von Ton, die mir in Kommentaren selber immer so aufstößt, weil hier inhaltliche Differenzen als persönliche Angriffe formuliert werden.

Also muss ich wohl zugeben: Auch ich habe etwas von einem Troll in mir. Beim Nachdenken über mich selber, die Trolle und die Diskussionskultur im Internet hat sich dann folgende These herauskristallisiert, die ich gerne zur Diskussion stellen möchte: Ja, es ist richtig – wir alle laufen Gefahr, in einer Diskussion trollig zu werden. Aber gleichwohl ist die Unterscheidung, die Grenze, die akzeptables und unakzeptables Diskussionsverhalten voneinander trennt, nicht fließend, sondern klar und scharf. Sie ist nur schwer zu ziehen.

Um es am Beispiel meines eigenen Troll-Tweets deutlich zu machen: Der Anlass für meinen Ärger war real, und auch die Schärfe der Reaktion war, das würde ich auch jetzt noch sagen, angemessen. Unter der Überschrift “Gender-Politik und Voodoo laufen auf das Gleiche hinaus” wirft Martenstein feministischen Forscherinnen vor, sie wären unwissenschaftlich, weil sie biologisch bedingte Unterschiede zwischen Frauen und Männern leugneten, und er fordert, dass “Gender-Professorinnen” daher nicht aus dem Wissenschaftsetat finanziert werden sollen.

Offensichtlich hat Martenstein selbst nichts gegen einen polemischen Diskussionsstil einzuwenden (weshalb ich den Tweet dann auch nicht gelöscht habe). Aber seine Aburteilung von Gender-Politik war es gar nicht, die mich so aufregte. Ich habe ja sogar selbst zwei, drei skeptische Einwände gegen das Konzept Gender Studies. Was mich aufbrachte, war vielmehr der überhebliche und besserwisserische Gestus, der sich durch seine Kolumne zieht, und der ein verbreitetes Phänomen vor allem bei männlichen Diskutanten ist, nicht nur, aber auch im Internet. (Das war in diesem Blog schonmal Thema)

Dieser Habitus wird meiner Ansicht nach in Martensteins Selbstseinschätzung, er sei “als ZEITmagazin- Kolumnist von Amts wegen zum Nonkonformismus verpflichtet”, sehr gut sichtbar: Es ist ja letztlich das Eingeständnis, dass es ihm nicht wirklich allein um das Thema geht, sondern eher darum, den Gestus der “Political Incorrectness” hochzuhalten. Warum ich das für Unfug halte, für ein Relikt aus alten patriarchalen Weltbild-Zeiten, ist ein anderes Thema und würde an dieser Stelle zu weit führen. Es reicht zu wissen, dass hier bei mir ein wunder Punkt berührt ist, offensichtlich, denn schließlich ließ ich meine gute Erziehung fahren und pöbelte zurück.

Worum es in diesem Post gehen soll ist, dass diese Grenzüberschreitung meiner Ansicht nach nicht graduell ist. Hätte ich geschrieben, dass solche Leute “von gestern sind”, dass sie “der Welt schaden”, dass sie “selbstverliebt sind” oder irgend etwas in der Art, dann wäre diese Grenze nicht überschritten worden. Die von mir Kritisierten hätten so nämlich nach wie vor die Möglichkeit gehabt, den Diskurs weiter zu führen – und etwa plausibel zu machen, warum sie nicht von gestern sind, warum ihr Beitrag doch wichtig für die Welt ist. Aber jemand, der “einen an der Raddel hat”, ist aus dem Diskurs qua Definition draußen.

Im Prinzip habe ich bei meinem Tweet das verwechselt, was ich in einem anderen Post mal als den Unterschied zwischen einem öffentlichen Diskurs und Stammtischgerede charakterisiert hatte. Zu sagen, jemand hätte “einen an der Raddel”, geht in Ordnung, solange das im privaten, nicht-öffentlichen Bereich geschieht. Ich hätte das sagen können, wenn ich einer Freundin abends beim Bier von dieser unsäglichen Kolumne erzählt hätte, und dann hätten wir noch ein bisschen über diese zurückgebliebenen alten Männer gelästert. Aber das wäre unter uns geblieben. Ich hätte es nicht öffentlich via Twitter sagen dürfen. Nicht so.

Ich denke, dass es der “Netzkultur”, wenn man so will, gut tun würde, wenn wir üben würden, diese Grenze zwischen dem, was geht, und dem, was nicht geht, zu ziehen. Nicht als moralische Keule nach dem Motto “das gehört sich nicht”, sondern ganz sachlich: Wenn wir das nicht tun, bringen wir keine guten inhaltlichen Debatten zustande.

Ich glaube nicht, dass dabei Definitionen weiter helfen. Dazu sind die Ähnlichkeiten zwischen angemessener, scharfer Auseinandersetzung und Herumtrollen zu groß. Jede Definition, die wir finden würden, wäre vermutlich schwammig, und jedes Mal würde es Ausnahmen geben. Wir können zum Beispiel nicht die alten, engen Regeln des traditionellen Journalismus übernehmen. Dessen Etikette wäre natürlich etwas, woran man sich festhalten kann, aber sie ist der Dynamik des Internetdiskurses nicht angemessen. Es geht hier persönlicher vor, privater, die strenge Separation zwischen Öffentlichkeit und Privatheit trägt ja gerade nicht mehr.

Der Prozess der Vermischung von Öffentlichem und Privatem, der im Feminismus ja schon lange diskutiert wird und der nicht nur im Internet stattfindet, erfordert neue Kompetenzen und Maßstäbe. Es ist sozusagen die Aufgabe, vor der wir nach dem Ende des Patriarchats stehen, nachdem also die alten, klaren Dualismen von früher brüchig und nutzlos geworden sind und meistens nicht mehr funktionieren. Wir sind momentan noch dabei, das auszuloten und mit dieser neuen Situation zu experimentieren. Wie gesagt, ich glaube nicht, dass wir dabei klare Regeln ausarbeiten sollten, die an die Stelle der alten treten (auch zu patriarchalen Zeiten wurden die Regeln ja immer mal wieder geändert, aber das Grundmuster ist trotzdem gleich geblieben).

Eher brauchen wir so etwas wie eine situative Kompetenz: Ich muss nicht definieren können, was ein Troll-Beitrag ist, sondern es reicht, einen zu erkennen, wenn er mir begegnet. Vor allem dann, wenn ich ihn selber in die Tasten gehauen habe.

Freiheit in Zeiten des Algorithmus

... oder wie ich mich nicht finden lasse.

Amazon weiß, welche Bücher mir gefallen, Facebook kennt meine Freundinnen, die Werbung schlägt mir nur noch Produkte vor, die mich tatsächlich interessieren: Wird das menschliche Handeln immer vorhersehbarer und ausrechenbarer? Viele befürchten das. Und sie befürchten deshalb Schlimmes für unsere Freiheit.

Die Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel zum Beispiel hat in einem Interview davor gewarnt, dass die zunehmende Verfeinerung von Algorithmen es erlaubt, menschliches Verhalten immer genauer vorherzusagen und Informationen passgenau zuzuschneiden. Sie findet das problematisch und fragt, ob es nicht ein gewisses Maß an Unsicherheit braucht, um Freiheit zu ermöglichen.

Ich finde die Frage sehr bedenkenswert. Aber – auch wenn mir jetzt manche wieder Optimismus vorwerfen: Ich teile diese Angst nicht. Denn ein Algorithmus kann ja nicht mehr tun, als prognostizieren. Er rechnet hoch, was aus unserer Vergangenheit bereits bekannt ist. Ob er damit recht hat oder nicht, steht damit noch lange nicht fest. Freie Menschen sind in ihrem Handeln nicht vorhersehbar. Die Möglichkeit, aus der Vergangenheit Prognosen für die Zukunft zu erstellen, schränkt ja nicht die Freiheit der Einzelnen ein, in jeder beliebigen Situation dann doch etwas ganz anderes zu tun. Etwas Unvorhergesehenes, Unberechenbares.

Wenn Amazon mir zum Beispiel Bücher vorschlägt, die mich wahrscheinlich interessieren, dann ist das schön und gut. Trotzdem weiß Amazon nicht, welche Bücher ich mir tatsächlich kaufe. Ich kann gleichzeitig dankbar für die Vorschläge sein – und mir dann trotzdem ein völlig anderes Buch kaufen. Keine noch so komplexe Auswertung meines Jetzt-Bestandes an Daten sagt etwas Definitives über mich aus – und deshalb haben Algorithmen auf mich keinen Zugriff. Denn wie mein zukünftiges Ich sein wird, das hängt von dem ab, was ich als nächstes tue. Und das weiß ich meistens ja selbst noch gar nicht.

Es gibt allerdings eine Voraussetzung dafür, dass die Algorithmisierung der Welt uns keine Angst machen muss: und zwar die, dass wir unsere Freiheit lieben, dass wir also politische Menschen im Sinne von Hannah Arendt sind – und nicht bloß Teile einer Gesellschaft, die sich so verhalten, wie es von ihnen erwartet wird. Arendt sah den Kern der Politik in der Möglichkeit jedes Einzelnen und jeder Einzelnen, in jeder beliebigen Situation einen neuen Anfang zu setzen. Das ist eine Folge unserer Gebürtigkeit. Jedes Kind zum Beispiel ist ein solcher neuer Anfang. Diese Fähigkeit, etwas Neues in die Welt zu bringen, ist der Kern der menschlichen Freiheit.

Ähnlich formuliert es Luisa Muraro, die die Praxis der Frauenbewegung einmal beschrieb als „Von sich selbst ausgehen und sich nicht finden lassen“. Meine Herkunft, meine Familie, meine Geschichte, mein Körper, meine bisherigen Vorlieben und Gewohnheiten, kurz: die Gesamtheit meiner „Daten“ – sie sind nicht eine fixe Identität, sondern lediglich der Ausgangspunkt, von dem aus ich jetzt und hier starte. Ein Ausgangspunkt gibt mir eine Basis, hält mich aber nicht fest. Freiheit ist, sich von dort aus auf den Weg zu machen, anderswo hin. Ich habe natürlich niemals alle Möglichkeiten der Welt. Aber ich habe immer mehr als eine Möglichkeit. Die Behauptung „There is no alternative“ ist immer, wirklich immer, eine Lüge.

Ihr Weg führt freie Menschen nicht auf ein vorab festgelegtes Ziel zu. Es gibt keine Möglichkeit, die Zukunft zu kennen. Man muss sie machen – oder sich treiben lassen. Dieses Verhältnis von Vorhersehbarkeit (den bekannten Daten) und der Unvorhersehbarkeit des menschlichen Handelns (der Freiheit) bestand schon immer, es ist nichts Neues. Verändert hat sich durch die immer verfeinerten Algorithmen und Rechenkapazitäten lediglich die Genauigkeit der Prognose: All das, was bislang nur theoretisch vorhersehbar war, ist nun auch tatsächlich vorhersehbar. Mehr aber auch nicht.

Aber selbst wenn das keine grundsätzliche Veränderung ist, müssen wir uns doch auf die neuen Gegebenheiten einstellen. Um es wieder am banalen Beispiel Amazon zu erläutern: Früher war es schwierig, von Büchern, die mich möglicherweise interessieren, überhaupt etwas zu erfahren, jedenfalls wenn meine Interessen sich außerhalb des Mainstreams bewegten: Die örtliche Buchhandlung führte praktisch keine feministischen Autorinnen, mühsam musste ich mir entsprechende Rundbriefe besorgen, und wenn ich mal in die Stadt kam, ging ich in den Frauenbuchladen und staunte über die vielen Neuerscheinungen, von denen ich noch nichts gehört hatte.

Das war typisch für das Leben in Vor-Internet-Zeiten: Wir waren ständig umgeben von Dingen, Informationen und Menschen, die zufällig in der Nähe waren, die wir nicht selbst gewählt hatten. Der Vorteil war: Wir waren automatisch mit Anderem konfrontiert. Der Nachteil war: Wir mussten uns sehr anstrengen, um „Gleichgesinnte“ und interessante Dinge zu finden, sie um uns zu sammeln, möglichst noch in stabilen Organisationen wie Vereinen oder Parteien abzusichern. Das Andere hingegen, die restlichen Informationen, die uninteressanten Leute, die nahmen wir als gegeben hin. Wir empfanden sie sogar als Ärgernis, da sie uns ja von dem fernhielten, was uns wirklich wichtig war.

Heute ist die Situation eine ganz andere: Über sämtliche feministischen Neuerscheinungen werde ich schon lange vor dem Erscheinungstermin informiert. Das kostet mich keine Mühe mehr. Und das ist so was von toll! Ich muss meine Zeit auch nicht mehr mit den Leuten verbringen, die zufällig im selben Ort wohnen, sondern ich kann mich rund um die Uhr mit solchen Leuten austauschen, die auf meiner Wellenlänge liegen. Das ist eine Bereicherung, ein großartiger Fortschritt. Die Algorithmen machen mir das Leben leichter, denn sie „spülen“ mir gewissermaßen alles, was mich interessiert, automatisch ins Haus.

Allerdings heißt das, dass ich nun auch meine Aufmerksamkeit anders fokussieren muss. Ich muss zwar feministische Bücher nicht mehr mühselig suchen, dafür muss ich mir aber immer wieder die Frage stellen, ob ich denn nicht vielleicht auch mal etwas anderes lesen will als immer nur feministische Bücher. Der Algorithmus macht es mir in der Tat immer leichter, diesen anderen Dingen, über die ich mich vielleicht ärgern würde, aus dem Weg zu gehen. Das ist verführerisch. Und darin liegt durchaus eine Gefahr. Jedenfalls für Menschen, die ihre Freiheit nicht lieben, sondern es einfach nur bequem haben wollen.

Das weibliche Denken hat sich – ganz unabhängig von dieser neuen technischen „Wende“ – schon lange mit dieser Problematik beschäftigt. Von christlichen Mystikerinnen wie Margarete Porete über Politikwissenschaftlerinnen wie Arendt bis hin zu Vordenkerinnen der neuen Frauenbewegung wie Luce Irigaray zieht sich durch einen Großteil weiblicher Philosophie genau dieses Thema: dass es für die Freiheit der Menschen unverzichtbar ist, sich nicht auf das eigene Ich zurückzuziehen, dem Anderen Raum zu geben, keine universalen Normen aufzustellen, kein großes „Eins“ zu schaffen, dem sich die anderen unterordnen müssen. Vielleicht war das den Frauen deshalb so wichtig, weil sie selbst in patriarchaler Logik als das „andere“ galten und die schädlichen Auswirkungen dieses Denkens am eigenen Leibe zu spüren bekamen. Ihre Gedanken und Vorschläge sind aber für alle, Frauen und Männer, hilfreich.

Und heute eben mehr denn je: Wer sich am Algorithmus orientiert, läuft Gefahr, den Input von Außen zu verlieren. Will ich wirklich immer nur im eigenen (ideologischen) Saft spüren? Oder wäre es nicht viel interessanter, ein paar Andersdenkende in die Timeline zu holen? Viele gar?

Die interessante Frage im Bezug ist heute auch für Männer nicht mehr die, wie wir Möglichkeiten finden, uns gegen Beschränkungen und die „bösen Anderen“ zu wehren. Die Anstrengung darf sich nicht länger darauf richten, sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun (die Logik der sozialen Bewegungen in Vor-Internetzeiten, die Logik der Parteien, Verbände usw.) Sondern Freiheit in Zeiten des Algorithmus bedeutet, sich bewusst an die Orte der Anderen zu begeben, die Differenz nicht als Gefahr, sondern als Bereicherung des eigenen Horizontes zu erkennen, aktiv auf diejenigen zuzugehen, die anderer Meinung sind. Nicht weil ich ein so netter Mensch und so tolerant bin. Sondern weil ich nur dann die Möglichkeit habe, mich weiterzuentwickeln, eine andere zu werden. Mich nicht finden zu lassen.

Eigentlich läuft es auf eine einzige simple Frage hinaus: Ist das, was ich glaube zu wollen, auch das, was ich tatsächlich will? Akzeptiere ich die Zukunft, die der Computer für mich als die Wahrscheinlichste ausrechnet (und zwar immer treffsicherer, also verführerischer) – oder bin ich offen für eine andere mögliche Zukunft, von der ich noch nicht wissen kann, wie sie aussieht? Meine Freiheit hängt davon ab, ob ich die Möglichkeit in Betracht ziehe, auch etwas anderes zu tun. Davon, dass ich immer wieder prüfe, ob es vielleicht besser ist, mein derzeitiges Selbst zu verlassen. Niemand zwingt mich, genau in die Richtung zu marschieren, die mir vom Algorithmus aufgrund meiner Vergangenheit prognostiziert wird. Ich habe zu jedem beliebigen Zeitpunkt meines Lebens die Möglichkeit, mich anders zu entscheiden. Unberechenbar zu sein. Mich nicht finden zu lassen.

Und diese Freiheit kann mir niemand nehmen, schon gar nicht ein Computerprogramm. Das einzige, was diese Freiheit bedroht, ist eine Kultur, die sich von ihr nichts mehr verspricht.

Mihriban pfeift auf Gott

Mihriban_bearb Mihriban ist 32, lebt in Berlin, und sieht sich selbst als „Nichtskönnerin auf allerhöchstem Niveau“. Ihr Leben plätschert eigentlich ganz gemütlich vor sich hin, der Job als Mädchen für alles in einem Kinderhort fordert sie nur mäßig, und dass in Liebesdingen nicht allzu viel läuft, bereitet ihr keine größeren Kopfschmerzen: Immerhin hat sie Familienanschluss, sie lebt mit ihrem „kleinen“ Bruder Mesut und dessen Tochter Suna zusammen.

Soweit könnte das Buch ein gewöhnlicher Hauptstadt-Roman mit Multikulti-Einschlag werden (und das ist es in gewisser Weise auch), aber Hilal Sezgin verfolgt noch eine andere Absicht: Sie will die Klischees und Denkmuster entlarven, in denen sich weite Teile des öffentlichen Diskurses inzwischen eingerichtet haben. Speziell im Bezug auf die so genannten „Migrationshintergründe“, das moderne Frauenbild und das, was man sich im Allgemeinen so unter dem „Islam“ vorstellt.

Machen wir uns also zusammen mit Mihriban Gedanken darüber, was sie wohl davon halten soll, dass Mesut seit einiger Zeit „fromm“ geworden ist. Regelmäßig setzt er sich mit seinen neuen Freunden zusammen, um über Gott zu reden und den Koran zu studieren. Ist das nicht für sich genommen schon bedrohlich? Und hat die emanzipierte Eva ihn etwa deshalb verlassen? Wie lange wird es wohl dauern, bis er als frommer Muslim seiner kleinen, zum Widerspruch neigenden Tochter Suna ihre Aufmüpfigkeit austreiben wird?

Mihriban, Mesut und Suna machen gerade zusammen in Ägypten Urlaub, als in Deutschland ein Terroranschlag verübt wird: In der Silversternacht haben mutmaßliche Islamisten Sekt vergiftet. Nach und nach findet sie sich mitten in einem Gestrüpp aus Indizien wieder, die ihren Bruder belasten. Auf eigene Faust macht sich Mihriban an die Recherche…

Normalerweise ist es ein heikles Unterfangen, wenn ein Roman so deutlich tagespolitische Bezüge herstellt, weil die Gefahr besteht, dass die Erzählung schematisch wird. Aber Hilal Sezgin missbraucht ihre Figuren nicht als bloße Repräsentantinnen oder Repräsentanten für einen bestimmten „Typus“. Sie bezieht zwar, wie man aus ihren zahlreichen journalistischen Texten weiß, einen klaren Standpunkt im Hinblick auf die gegenwärtigen „Islamdiskussionen“ in Deutschland. Sie ist aber auch – was sich schon in ihrem ersten, vor vielen Jahren erschienenen Roman „der Tod des Maßschneiders“ zeigte – eine gute Erzählerin und vor allem kann sie großartig Alltagsdetails beobachten und in lakonische Formulierungen gießen. Allein das schon macht das Lesen zum Vergnügen.

Was aber für ein spannendes Buch das Wichtigste ist: Man weiß bis zum Schluss nicht, wie die Geschichte ausgeht und was als Nächstes geschieht. Ich konnte das Buch jedenfalls, nachdem ich erst mal mit dem Lesen angefangen hatte, nicht mehr aus der Hand legen, bevor ich es durchhatte.

Hilal Sezgin: Mihriban pfeift auf Gott. Dumont, 16,95 Euro.

Zwei, drei Gedanken zum Panel “Sexismus im Netz”

(Update: Wenn Ihr es gerne lustiger habt, könnt Ihr statt diesem Post auch das hier lesen: http://bov.antville.org/stories/1989046/)

Gerade hab ich mir im Livestream das Panel “Sexismus im Netz” bei der Re:publica angeschaut (dieser Blogger_innen-Konfererenz in Berlin) und ja, es war schade, dass die Diskussion dann zu Ende war. Glücklicherweise konnte ich mir das Ganze ganz entspannt anschauen, denn mein Computer hat den Chat gar nicht erst übertragen, @piratenweib ging es nicht so gut, über den Shitstorm, der da ablief, hat sie hier gebloggt).

Interessant fand ich den Hinweis mehrerer Männer (aus dem Publikum und vom Podium), dass diese Troll-Phänomene, von denen die Rede war, nicht nur in feministischen Blogs die Laune verderben, sondern dass es sie überall im Internet gibt. Natürlich ist der Hinweis von Anna Berg richtig gewesen, dass es einen Unterschied macht, ob einfach nur so getrollt wird, oder ob Frauen aufgrund ihres Frauseins gedisst werden, und ebenso, dass es auch weibliche Trolle gibt (habe eben gelernt, dass sie Trullas heißen).

Unabhängig davon finde ich aber den Hinweis trotzdem interessant, insbesondere in Zusammenhang mit der impliziten Schlussfolgerung, dass dieses Trollphänomen, weil es doch überall vorkommt, irgendwie dann auch normal sei und infolgedessen kein Grund, sich darüber besonders aufzuregen. Das ist nämlich die Stelle, an der ich widersprochen hätte: Denn nur dass Männer etwas normal finden, heißt ja noch lange nicht, dass es auch normal ist.

Jedenfalls beobachte ich an genau diesem Punkt einen Unterschied in den Vorlieben von Frauen und Männern, der eventuell auch ein Grund dafür ist, warum Frauen im Netz weniger aktiv, exponiert, präsent sind. Ich glaube, dass mehr Frauen eine niedrige Toleranzschwelle gegenüber Trollen (und Trullas) haben als Männer. Zumindest bin ich immer wieder sehr erstaunt, wenn ich mal auf die Diskussionen mancher von Männern gemachten Blogs und Foren komme, dass da schon ziemlich viele trollige Kommentare stehen bleiben – Posts, die in den meisten von Frauen betriebenen Blogs (und auch in meinem) nicht durchgelassen werden.

Es geht bei diesem Thema also nicht nur darum, inwiefern Frauen Opfer von Sexismus sind, sondern auch darum, welche Art von Diskussionskultur wir wollen und wie gelassen wir gegenüber Leuten sind, die nichts zur Diskussion beitragen, sondern einfach nur mal ihre Meinung raushauen, und wenn sie auch nur darin besteht, die anderen doof zu finden. Je höher hier die Toleranzschwelle ist, desto langweiliger sind die Diskussionen (“Dummheit ist langweilig” brachte es eine Teilnehmerin aus dem Publikum auf den Punkt) und desto schwieriger, zu den wirklich spannenden Themen und Argumenten zu kommen.

Das Ganze betrifft im Übrigen nicht nur die ausgewiesenen Trolle, denen man ja mit einfachem Löschen beikommen kann und über deren Gagaheit auch Konsens mit den meisten Männern im Netz bestehen dürfte. Sondern es betrifft den Diskussionsstil allgemein. Nicht nur platter Sexismus, auch Besserwisserei, Überheblichkeit, Arroganz, nicht Eingehen auf die bereits vorgebrachten Argumente nerven mich. Auch das Monologisieren, das Angeben, das Desinteresse für andere Sichtweisen usw. usw. finde ich kontraproduktiv. Das Behaupten einer “objektiven Wahrheit” anstelle von Dialog und Offenheit für die Urteile und Perspektiven der anderen usw. usw.

Es ist nicht schwer, hier einen Konflikt zu erkennen, der sich nicht nur im Internet zeigt, sondern auch außerhalb. Und der nicht strikt zwischen Frauen und Männern verläuft, aber doch zwischen mehr Männern als Frauen auf der einen und mehr Frauen als Männern auf der anderen Seite. (Ich persönlich gehöre übrigens zu den Frauen, die – im Vergleich zu anderen – noch relativ viel Spaß an solchen, sagen wir mal, “sportlichen” Arten des Schlagabtauschs haben. Die meisten Frauen, die ich kenne, sind da noch sehr viel ablehnender).

Meine These ist also, dass die Zurückhaltung von Frauen, sich in die “großen Themen” auf den “relevanten Seiten” einzumischen, nicht nur darauf zurückzuführen ist, dass sie Angst hätten, sich bedroht fühlen oder durch ihr Frausein und sexistische Strukturen besonders “gefährdet” sind. Sondern schlicht und einfach darauf, dass sehr viele von ihnen einen anderen Anspruch an eine politische Debatte haben. Sie beteiligen sich nicht, weil sie genervt sind und sich langweilen. Nicht, weil sie zu verschüchtert sind.

Und daraus folgt die Notwendigkeit, zu überlegen, wie und wodurch es gelingen könnte, in diesem Gebilde “Internet” eine Kultur zu befördern, die diesen Wünschen besser entgegen kommt. Anstatt implizit zu erwarten, die genervten Frauen sollten sich doch nicht so anstellen, weil es “hier im Internet” nun mal so zugeht.

Dazu habe ich auch noch keine wirkliche Antwort, aber eine erste vorläufige Idee: Das Web 2.0 bedeutet ja bekanntlich eine Vermischung der Grenzen zwischen privater Meinungsäußerung und professionellem Journalismus. Dieser Profijournalismus und seine Regeln sorgten früher bei öffentlichen Äußerungen von Männern (Journalisten) für eine gewisse Zivilisiertheit in Ton und Inhalt, von Frauen (Journalistinnen) die Bereitschaft, sich öffentlich zu exponieren.

Die private Meinungsäußerung hingegen brauchte keine weiteren Regeln, denn sie blieb ja privat und folgenlos. Für die Männer war das sozusagen der Stammtisch, für die Frauen der Kaffeeklatsch. Am Stammtisch führten die Männer groß das Wort, wussten besser, wie regiert und Fußball gespielt werden soll, hatten keine Hemmungen, sich lautstark zu streiten. Beim Kaffeeklatsch hingegen versicherten sich die Frauen untereinander ihrer Gemeinsamkeiten (meist auf Kosten Abwesender) und gingen ansonsten heiklen Themen kunstfertig aus dem Weg. Beim Kaffeeklatsch streitet man sich nicht, jedenfalls nicht laut.

Entschuldigt diese Steretypen (die früher keine waren, sondern die Realität, ich habe das selbst noch erlebt), aber ich denke, die Bilder könnten vielleicht  helfen, dem Phänomen auf die Spur zu kommen. Denn ich glaube, dieser erstaunliche Befund der großen Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei ihren Netzaktivitäten, die aufgrund der Gleichheit in den Zugangsbedingungen auf den ersten Blick doch so unerklärlich ist, hat auch damit zu tun, dass diese “Stammtisch-” bzw. “Kaffeeklatschlogik” hier teilweise weiter lebt, nur eben nicht mehr privat, sondern öffentlich. Und zwar vor allem in den weniger “professionellen” Blogs, die sich eben umso weiter von den journalistischen Gepflogenheiten entfernen.

Vielleicht müssten wir diese “Stammtisch-” bzw. “Kaffeeklatschlogik” einmal genauso intensiv auf den Prüfstand tun, wie es ja für den Journalismus bereits geschieht. Denn dieses “Internet” wird eben von beiden Seiten bestückt.

Ich bin dann mal woanders

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Die Republica 2010 – eine große Konferenz rund um Internet-Themen – steht vor der Tür. Und ich fahre wieder nicht hin. Geschweige denn, dass ich einen Vortrag oder Workshop abhalten würde. So bin ich also auch mit daran schuld, dass Frauen dort erheblich unterrepräsentiert sind: Eben hab ich noch einmal knapp die Speakers durchgezählt und kam auf insgesamt 218, von denen 46 Frauen sind, also 21 Prozent.

Seit Feministinnen im Netz im Anschluss an die Republica 2009 den niedrigen Frauenanteil an den dortigen Speakers kritisiert haben, zum Beispiel Anne Roth, die in ihrem Blog  immer wieder mal auf dieses Missverhältnis hinweist, wird im Netz heftig diskutiert, woran das liegt. Auch ich selbst habe mich schon mit dem Thema beschäftigt. Die Mädchenmannschaft und andere feministische Bloggerinnen (und einige Blogger) bemühen sich seither, Frauen im Netz sichtbarer zu machen, organisieren Gendercamps gründeten eine Facebook-Gruppe Girls on Web Society und bringen so das Thema auch ins Programm der diesjährigen Re:publica.

Sicher ist all das notwendig, denn die Zahlen sind wirklich eklatant. Unter den Top-Hundert der deutschen Twittercharts sind nur sieben Frauen – @frauenfuss (Nr. 26), @kristinakoehler (Nr. 46), @happyschnitzel (Nr. 53), @kathrinpassig (Nr. 56), @silenttiffy (Nr. 80), @elsebuschheuer (Nr. 89) und @smarttipps (Nr. 99). – Update: Es sind acht Frauen, ich habe @coldmirror (Nr. 13) vergessen! Thx an @Martina) Zumal diese Abwesenheit sich längst nicht mehr auf die Nutzung von web 2.0 bezieht: Unter denen, die auf Plattformen wie Twitter oder Facebook aktiv sind, sind inzwischen offenbar rund 60 Prozent Frauen.

Allerdings muss ich gestehen, dass mich das Thema inzwischen ein bisschen langweilt. Und zwar deshalb, weil hier, auch wenn das sicher keine Absicht ist, doch immer wieder die Vorstellung durchscheint, dass die relative Abwesenheit der Frauen irgendwie ein Defizit auf Seiten der Frauen bedeuten würde: Entweder wird gefragt: Machen sie irgendwas falsch? Sind ihre Posts nicht gut genug? Geben sie sich zu wenig Mühe? usw. usw. Oder aber man identifiziert sie als Opfer und fahndet nach Strukturen oder Sonstigem, das Frauen daran hindert, sich „genauso wie die Männer” einzubringen.

Wir bewegen uns mit dieser Fragestellung, was man machen kann, um Frauen „einzubeziehen“, immer noch im Rahmen einer falschen symbolischen Ordnung, wie das italienische Feministinnen nennen. Wenn etwa, wie von Tamar Lewin in ihrem Artikel „Bias Called Persistent Hurdle for Women in Sciences“ (nur ein Beispiel von vielen), immer wieder darauf hingewiesen wird, dass „Stereotypen und kulturelle Vorurteile den Erfolg von Frauen weiter verhindern“, dann wird damit ganz klar definiert, was „Erfolg“ ist: nämlich das, was die Männer machen.

Sicher, es gibt diese Stereotypen und es gibt diese kulturellen Hindernisse. Aber diese alleine ins Zentrum der Analyse zu stellen, legt eine Annahme zugrunde, die ich bestreite, und zwar die: Dass Frauen unbedingt dorthin wollen, wo die Männer schon sind, und dass sie nur von diesen äußeren Umständen (wenn nicht gar von ihrer eigenen Blödheit) daran gehindert werden. Das reicht mir nicht. Und es überzeugt mich nicht, und einige andere Frauen auch nicht, zum Beispiel für Mela Eckenfels nicht, die darüber in ihrem Blog geschrieben hat.

Ich interessiere mich generell weniger dafür, was Frauen nicht tun, sondern mehr dafür, was sie tun. Die Philosophinnengemeinschaft Diotima aus Verona hat diesen Perspektivenwechsel vor einigen Jahren in einem Aufsatzband mit dem schönen Titel „Von der Abwesenheit profitieren“ beleuchtet (den es leider nicht in Deutsch gibt). Darin fragen sie: Wenn Frauen nicht da sind, wo die Männer sind, wo sind sie denn dann? Und ist es da, wo sie sind, nicht vielleicht viel interessanter?

Der Fokus des Buches ist nicht die Netzkultur, sondern es geht um andere männerdominierte Felder: Geschichtsbücher, politische Institutionen, Universitäten, Religionen. Auch hier wurde seit Beginn der Frauenbewegung die Aufmerksamkeit ja vor allem auf die Mechanismen gelenkt, die Frauen den Zugang zu diesen Orten verstellt oder erschwert haben – die Verbote, die sozialen und kulturellen Gewohnheiten. Die Frauenbewegung hat erfolgreich dafür gekämpft, dass diese Mechanismen abgeschafft oder zumindest entschärft und hinterfragt wurden, und darüber bin ich froh. Aber das ist nicht genug.

Die italienischen Philosophinnen beschreiben anhand von vielen Beispielen, dass diese „Ausschlussperspektive“ immer nur einen Teil der Wirklichkeit beschrieben hat. Zwar kommen Frauen in der offiziellen Darstellung der westlichen Geschichte praktisch nicht vor, liest man Geschichtsbücher, dann könnte man glauben, in früheren Jahrhunderten hätte der Männeranteil bei ungefähr 95 Prozent gelegen. Aber das ist ja Quatsch: Zu allen Zeiten haben Frauen gelebt, und sie haben durchaus nicht nur Däumchen gedreht, sondern sie haben gearbeitet, Politik getrieben, Wissen weitergegeben, Traditionen herausgebildet, die Zivilisation gestaltet.

Die Italienerinnen fragen sich nun: „Wie sollen wir uns in eine Beziehung setzen mit einer Tradition voller Unternehmungen und Werken von Männern, ohne die weibliche Genealogie zu unterbrechen, ohne unsere Mütter zu verraten, die in dieser Tradition nicht eingeschrieben sind? Die Frauen sind in der Geschichte präsent, aber ohne sichtbare Kontinuität. Diese Feststellung hat uns auf die Idee gebracht, dass es eine originäre Geschichtlichkeit der Frauen gibt, die nicht in die Chronologie und die Sichtbarkeit der kodifizierten Fakten eingeschrieben ist. Daher die Idee zu diesem Buch. ‚Von der Abwesenheit profitieren’ ist eine Formel, die die berühmte Einladung von Carla Lonzi aufgreift, die sagte: Die Differenz der Frauen besteht aus Jahrtausenden ihrer Abwesenheit von der Geschichte. Profitieren wir von dieser Abwesenheit.“

Dazu gehört es nicht nur, die „weiblichen“ (im Sinne von mehr von Frauen als von Männern geprägten) Orte und Tätigkeiten aufzuwerten – Hausarbeit ist wichtig, die Erfindung der Nähmaschine hat die Zivilisation maßgeblich geprägt, und, ja, Strick- und Rezepteblogs sind interessant. Ina Praetorius hat einmal darauf hingewiesen, dass diese alte feministische Praxis der „Enttrivialisierung des Weiblichen“ ergänzt werden muss um einen gleichzeitigen Prozess der „Trivialisierung des Männlichen“. Also eine Bewusstseinsarbeit, die uns erkennen lässt, dass die Orden der Militärs, die Sitzungen der Parlamente, die Wissenschaft der Universitäten, die Beherrschung der „Leitmedien“ und so fort, wenn man genau hinschaut, gar nicht so bedeutsam und wichtig für das gesellschaftliche Wohlergehen sind, wie sie tun und wie im allgemeinen angenommen wird.

Dies gilt, so meine ich, nicht nur für geschichtliche Themen, sondern auch für heutige Orte und Szenarien, die von einer starken männlichen Sichtbarkeit dominiert werden, wie eben die Netzkultur-Debatten. Auch hier geht es nicht nur darum, die Sichtbarkeit von Frauen an diesen Orten zu vergrößern (das auch). Sondern es geht gleichzeitig darum, diejenigen Frauen und ihre Ideen und Wünsche und Vorstellungen nicht zu „verraten“, die sich anderswo aufhalten.

Mir fallen dazu auf Anhieb eine ganze Reihe von Punkten ein, was die Abwesenheit von Frauen aus dem „Netzdingens“ betrifft: Die fragwürdigen Kriterien zur Beurteilung von „Relevanz“ durch automatisch generierte Rankings etwa (die meiner Meinung nach noch aus der alten, analogen Massenlogik stammen), die problematischen Illusionen im Bezug auf „Anonymität“, die zu den bekannten Troll-Phänomenen führen, von denen sehr viele Frauen extrem abgenervt sind (mehr Frauen als Männer, glaube ich), die große Vorliebe vieler Frauen für Reallife-Begegnungen im Vergleich zu nur „virtuellen“ Kontakten (ein Missverständnis, wie ich meine, da diese Internetkontakte häufig das Bedürfnis nach tatsächlichen Treffen wecken), und so weiter.

Man muss allerdings aufpassen, dass man hier nicht in eine Falle läuft: Die „Trivialisierung des Männlichen“ (in diesem Fall der Bedeutung der „Alphablogger“ etc.) darf keine Ausrede sein, wenn eine Frau ihren eigenen Misserfolg, etwa im Bezug auf Rankings und dergleichen, analysiert. Denn auch wenn man wohl sagen kann, dass mehr Männer als Frauen diesbezügliche Ambitionen haben, so gibt es sicher auch Frauen, die in diesen Bereichen durchaus mitmischen möchten. Und sie sind bei ihren Ambitionen nur vollstens zu unterstützen und zu ermutigen.

„Enttrivialisierung“ des Weiblichen und „Trivialisierung“ des Männlichen bedeutet keine moralische Wertung in dem Sinne, dass das Weibliche per se wichtiger wäre als das Männliche. Worum es geht ist, einer alten patriarchalen (und bis heute wirksamen) Tradition entgegenzutreten, die alles, was Männer machen, automatisch für wichtig hält, und alles, was Frauen machen, automatisch für unwichtig – und zwar unabhängig von der tatsächlichen gesellschaftlichen Bedeutung der jeweiligen Bereiche.

Ich zumindest möchte mich von diesen symbolisch aufgeladenen Kriterien nicht beeinflussen lassen, sondern versuchen, herauszufinden, was ich selbst denn tatsächlich für relevant und wichtig halte. Ein wichtiger Wegweiser dabei ist – das habe ich auch von den italienischen Philosophinnen gelernt – das Begehren: Wo ist bei dem, was ich mache, Strom drauf? Was macht mir Spaß? Wofür strenge ich mich gerne an? Und wozu quäle ich mich, mache es nur aus Pflichtbewusstsein? Dieses Begehren (das etwas anderes ist als der „freie Wille“ aus der männlichen Philosophie, aber dazu vielleicht ein andermal) ist mein Wegweiser zu einem Urteil über „Relevanz“.

Derjenige Punkt, der mir persönlich im Zusammenhang mit dem ganzen Thema Netzkultur momentan besonders wichtig ist, liegt in ihrer Integration mit dem analogem Leben. Das wurde mir klar, als ich vor einigen Tagen per Twitter fragte, was die „Nerds“ in meiner Timeline eigentlich von dem Nerd-Artikel in der letzten brandeins halten. Die ziemlich einhellige Antwort war: Denn Artikel haben sie nicht gelesen, weil er nicht online verfügbar ist, und sie lesen nur noch im Netz.

Das kann ich gut nachvollziehen, und es nervt mich auch, wenn wichtige Texte nicht im Netz stehen. Aber so eine Haltung kann man sich natürlich nur leisten, wenn man sich auf Themen beschränkt, die im Netz auch ziemlich vollständig abgebildet sind. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass in Zukunft nichts mehr Relevanz haben wird, was nicht im Internet verfügbar ist. Aber heute sind wir definitiv noch sehr weit davon entfernt.

Ich könnte zum Beispiel keine relevante feministische Denkarbeit betreiben, wenn ich meine Informationen ausschließlich aus dem Netz beziehen würde. Dazu passiert einfach viel zu viel außerhalb. Ich würde die interessantesten und relevantesten Ideen und Diskussionen verpassen, wenn ich einfach alles ignorieren würde, was nicht online verfügbar ist. Und so geht es vermutlich allen, die sich mit irgendwelchen anderen Themen beschäftigen als mit dem eng definierten Thema „Internet“ als solchem.

Aber es ist auch noch anders herum. Ich denke, dass angesichts der rasanten Entwicklung des Internet und seiner rapide zunehmenden Bedeutung eine gesellschaftlich-politischen Hauptaufgabe derzeit darin liegt, die Kluft zwischen „Online-Virtuos_innen“ und „Netzdistanzierten“ nicht ständig weiter wachsen zu lassen. In dieser Vermittlungsarbeit liegt das, wo bei mir momentan im Bezug auf „Netzpolitik“ der größte Strom drauf ist. Solche Vermittlungsarbeit funktioniert aber – wie jede andere politische Vermittlungsarbeit auch – nicht über das Ausformulieren von Standpunkten und Positionen und Analysen, sondern nur, indem man hingeht und mit den „anderen“ redet. (Politik verkörpern statt Stellung beziehen habe ich das an anderer Stelle mal genannt). Nicht besserwisserisch, sondern mit wirklichem Interesse für ihre Ansichten und Meinungen, auch wenn man sie erst einmal falsch findet. Nur in dieser Begegnung selbst kann dann nach Anknüpfungspunkten dafür gesucht werden, anderen die eigenen Erfahrungen, die eigene Begeisterung zu vermitteln.

Deshalb entscheide ich mich ganz bewusst dafür, meine Energie nicht in erster Linie dafür aufzuwenden, doch noch auf irgendwelchen Blogcharts zu landen, meine Followerzahlen in die Höhe zu treiben oder ähnliches, sondern darauf, die Funktionsweise des Internet, die Fülle seiner Möglichkeiten und vor allem die Unausweichlichkeit seiner immer dominanter werdenden Relevanz gerade auch denjenigen gegenüber zu vermitteln, die dieser ganzen Sache skeptisch bis ahnungslos gegenüber stehen.

Und das ist der Grund, warum ich nicht zur Re:publica fahre, sondern meine Wochenende anderen Treffen widme. Ganz besonders solchen, von deren Existenz das Internet gar nichts weiß, und wo Leute zusammenkommen, die ihrerseits vom Internet noch viel zu wenig wissen.

(Vielen Dank an Anne Roth, die diesen Text in einer ersten Fassung gelesen hat und deren Kommentare mich zu einigen Überarbeitungen und Ergänzungen anregten.)

„Das Leben hier ist wie Himmel und Hölle”

Wie gleichberechtigt, wie feministisch, wie gut für Frauen ist das Leben in einer Kommune? So wenig man diese Frage eindeutig beantworten kann, so uneindeutig ist auch dieses Buch. Fast zehn Jahre lang haben sich die sechs Herausgeberinnen – anfangs war die Gruppe größer – regelmäßig getroffen, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen. Sie haben Erlebnisse, Erinnerungen und Gedanken aufgeschrieben, miteinander über die fertigen Texte diskutiert, andere Frauen (und auch Kinder) befragt.

Herausgekommen ist ein dickes Buch, das auf den ersten Blick wie ein Sammelsurium wirkt, auf den zweiten Blick aber ein Ergebnis bester frauenbewegter Tradition darstellt: Von sich selbst ausgehend und im Austausch mit anderen Frauen die Welt zu verstehen, den eigenen Standort darin zu bestimmen, und zwar ohne sich von gegebenen und vorgefundenen Interpretationsmustern in eine bestimmte Richtung drängen zu lassen.

Diese vorgefundenen Interpretationsmuster wären im vorliegenden Fall entweder: Nirgendwo sonst in dieser bürgerlich-spießigen Welt geht es so frei, emanzipiert und gleichberechtigt zu, wie in einer Kommune, also soll man (bzw. frau) sich doch bitte nicht so anstellen und aus einer Mücke einen Elefanten machen, wenn doch mal was nicht perfekt ist. Oder aber: In einer Kommune sind die Männer natürlich ganz genauso große Machos wie anderswo, das war doch schon immer klar. Die Antwort liegt, so wird beim Lesen dieses Buches deutlich, keineswegs irgendwo in der Mitte. Vielmehr ist beides gleichzeitig wahr, und eine Menge anderes auch noch.

Persönliche Erlebnisberichte, die interpretiert und aus denen Schlussfolgerungen abgeleitet werden, machen den Hauptteil der hier versammelten Texte aus. Manchmal sind sie sogar sehr persönlich, und man muss die Offenheit bewundern, mit der einige der Autorinnen Einblick in Privates geben (das aber, wie wir ja wissen, politisch ist) und dabei auch über eigene Schwächen und Selbstzweifel sprechen. Diese Erlebnisberichte werden ergänzt durch Gedichte, Interviews, programmatische Texte, Selbstdarstellungen einiger Kommunen sowie ein Glossar.

Die Autorinnen sind zwischen 35 und 50 Jahre alt und leben überwiegend schon lange, teilweise schon Jahrzehnte in verschiedenen Kommunen, also in Gemeinschaften, die gemeinsam leben und wirtschaften mit dem Anspruch auf politisches Engagement und ein hierarchiefreies Neuorganisieren privater Lebensverhältnisse.

Den Großteil der Beiträge haben die Herausgeberinnen selbst verfasst, ergänzt haben sie ihre eigenen Erfahrungen und Analysen durch Interviews mit anderen Kommunardinnen, die teilweise anonymisiert sind. Dabei sind die Artikel in Themenbereiche geordnet: Mütter, Kinder, Lesben, Kommunikation, Anarchie und Hierarchie, (strukturelle) Gewalt, Geld und Arbeit, Sexualität und Liebe, Sterben, Frauenräume, Träume und Wünsche.

Da es darum geht, die eigenen Kommuneerfahrungen kritisch aus einer feministischen Perspektive unter die Lupe zu nehmen, liegt der Schwerpunkt der Berichte auf negativen Erfahrungen und Kritik. Vieles ist spannend zu lesen ist und lädt zur Identifikation ein, manches ist aber durch den sehr persönlichen Zugang für Außenstehende nicht immer leicht zu verstehen. Gerade durch die Radikalität der Positionen kommt aber indirekt auch die Stärke des Kommunelebens heraus. Um nur ein Beispiel zu nennen: Wenn unter „strukturelle Gewalt“ betont wird, dass dazu auch gehört, wenn Väter gelobt werden, weil sie sich um ihre Kinder kümmern, dann wird immerhin auch deutlich, dass Väter sich hier in der Regel um ihre Kinder kümmern.

Das Hauptthema des Buches bildet ganz klar die Schwierigkeit, ein Leben mit Kindern und den herrschaftsfreien Anspruch in einer Kommune miteinander zu vereinbaren. Hier wird deutlich, dass ein Konzept von Freiheit und Selbstbestimmung dort an Grenzen stößt, wo Autonomie schlicht und ergreifend nicht funktioniert – wie im Fall von Kindern. Diejenigen, die sich um die Kinder kümmern, sind dann sozusagen co-abhängig. Hier sind die Erfahrungen, die die Mütter schildern, in der Tendenz ähnlich: Zwar finden sich in einer Kommune leichter als anderswo Menschen, die die Kinder mal eine Weile „übernehmen“. Doch nur schwer finden sich andere, die wirklich verbindlich Verantwortung für Kinder übernehmen, was bedeutet, dass das Organisieren meist doch allein an der Mutter hängen bleibt.

Ein anderes Thema, das am deutlichsten von den befragten Kindern aufgegriffen wird, ist die Frage nach der Sauberkeit: „Also, viele ‚VERGESSEN’ ja den Tisch ab zu reumen. Besonders im Sommer wo man andere Sachen zu tun hat. Das ist ja o.k., aber wenn die Milch offen im Milchkrug steht und tote Fliegen drin schwimmen, ist das schon eklich“, drückt es drastisch die 8-jährige Anaya aus. Oder: „Jetzt kommt eine WARNUNG: wer uns mal besuchen kommt, sollte sich einen Staublappen mitbringen, denn wenn er oder sie sich hinsetzt, egal wo, hat er eine zwei Meter dicke Staubschicht am Arsch hängen“, geben zwei elfjährige Kommunardinnen von der Burg Lutter zu Protokoll.

Dass Putzen nicht gerade zu den Lieblingsaufgaben der meisten Menschen gehört und die Standards sehr tief sinken können, wird niemanden überraschen, der oder die mal in einer WG gelebt hat. Ebenso wenig überraschend – wenn auch durchaus erschütternd – sind die Berichte über gewaltförmige Kommunikationsstrukturen unter dem Deckmantel eine behaupteten Gleichheit, die wahrscheinlich jede Frau kennt, die schon mal in gemischten Gruppen mit Männern gearbeitet hat. Man kann es aber natürlich nicht oft genug aufschreiben und analysieren.

Was mich aber wirklich überrascht hat, das war der wiederholt vorgebrachte Wunsch nach tieferen persönlichen Beziehungen. Offenbar bleibt das Zusammenleben in einer Kommune, selbst wenn die Beteiligten viel von sich ab- und hergeben müssen, letzten Endes doch oft relativ oberflächlich, ist die Verbindlichkeit nicht tief genug, um ein wirklicher und dauerhafter Ersatz für die traditionelle Kleinfamilie zu sein. Offenbar reicht es nicht, bloß gemeinsam zu arbeiten und zu wirtschaften. Jedenfalls war bei vielen Texten der Wunsch nach tieferen Beziehungen spürbar, sowohl was das gemeinsame Sorgen für Kinder betrifft, aber auch im Zusammenleben generell.

Hier scheint mir jedenfalls der interessanteste Erkenntnisgewinn des Buches für die Kommunen selbst zu liegen: Vielleicht ist es so, dass diese Sehnsucht von Frauen nach intensiveren und verbindlicheren Beziehungen der Menschen größer ist als die von Männern (im Schnitt), vielleicht sollte man im Hinblick auf zukünftige Perspektiven weniger an den Regularien und Abläufen feilen als vielmehr die Aufmerksamkeit stärker auf die Frage legen, wie und warum Beziehungen gelingen und Verbindlichkeit bieten – und wie und warum nicht.

Auf jeden Fall ist das Buch sehr lesenswert für alle, die in Kommunen leben oder sich für diese Lebensform interessieren. Allerdings ist manchmal implizites „Insiderwissen“ nötig, um alles zu verstehen – in dieser Hinsicht wären ein weiterer Redaktionsgang und zusätzliche Erläuterungen an der einen oder anderen Stelle vielleicht hilfreich gewesen. Etwas schwierig ist es auch, die einzelnen Autorinnen durch die jeweiligen Lebensgeschichten hinweg vor Augen zu behalten, das macht die Lektüre manchmal etwas verwirrend. Aber eine gewisse Verwirrung kann ja letzten Endes durchaus auch produktiv sein.

Astrid Glenk, Britta Hapke-Kerwien, Karin Hartrampf, Anja Kraus, Doris Krutisch, Heike Richards (Hg): Das Kommunefrauenbuch. Alltag zwischen Patriarchat und Utopie. Edition AV, Lich 2010, 437 Seiten, 24,50 Euro.

Dieser Artikel wurde auch abgedruckt in: Graswurzelrevolution Mai 2010, S. 17, und in Junge Welt v. 23.7.2010, S. 15.

Proud (and happy) to be a feminist!

Foto: Franz Pflügl / Fotolia.com

Wenn Sachen allzu oft wiederholt werden, regt sich bei mir oft irgendwann Widerspruch. Heute war das wieder mal so, als ich im Freitag einen Artikel von Chloe Angel las, einer US-amerikanischen Feministin, die sich darüber beklagt, dass so viele junge Frauen sich nicht gerne Feministin nennen. Mit dieser Diagnose steht sie nicht alleine. Ich werde öfter zu Vorträgen über den Feminismus eingeladen, und in zwei von drei Fällen beginnen die Veranstalterinnen ihre Anfrage mit eben dieser Bemerkung: Sie kennen so viele Frauen, die keine Feministinnen sein wollen, und da müsse man doch mal etwas dagegen unternehmen…

Das klingt mir alles ein bisschen zu sehr nach moralischem Appell. “Feministin zu sein, ist harte Arbeit” beginnt zum Beispiel der Artikel von Chloe Angel. Wenn ich meine eigenen Erfahrungen zu dem Thema einmal zum Ausgangspunkt nehme, dann kann ich das eigentlich nicht bestätigen. Sicher, es gibt blöde Antifeministen, sicher, es gibt immer noch Unverbesserliche, die Feminismus mit Alice Schwarzer und sonst nichts gleichsetzen. Aber unter’m Strich muss ich sagen, ist das Feministin sein weder ein heroischer Kraftakt, noch führt es zu gesellschaftlicher Stigmatisierung. Viele Leute sind interessiert, wenn ich mich als Feministin “oute”, sind neugierig, stellen Fragen, wollen mehr darüber wissen. Junge und Alte gleichermaßen (unter den älteren Frauen gibt es ja ebenfalls viele, die sich nicht Feministinnen nennen).

Deshalb überzeugt mich die These nicht so recht, die jungen Frauen wären zwar inhaltlich Feministinnen (sie sind für die Gleichberechtigung und schätzen die Errungenschaften der Emanzipation), würden das F-Wort aber vermeiden, weil sie sich irgendwie nicht trauen, weil sie Angst haben, dadurch irgendwie stigmatisiert zu werden. Das mag es auch geben, aber einen so wirklich ängstlichen Eindruck machen mir die meisten jungen Frauen heutzutage eigentlich nicht.

Deshalb setze ich jetzt mal eine Gegenthese in den Raum: Die Frauen, die so reden (“Klar bin ich emanzipiert, aber ich bin keine Feministin”) schätzen die Lage durchaus richtig ein. Emanzipation und Feminismus sind nämlich nicht dasselbe. Emanzipation begnügt sich mit der Forderung nach gleichen Rechten für Frauen innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung. Es geht um Gleichstellung mit den Männern, darum, dass Frauen all das auch zustehen soll, was Männern zusteht. Ein Programm, das heute ja in auch nicht mehr sonderlich revolutionär ist, schließlich wird es längst Top-Down mit Hilfe von Regierungsmaßnahmen implementiert, wenn auch nicht immer konsequent genug.

Feminismus hingegen ist eine politsche Praxis, die generell für mehr weibliche Freiheit eintritt, die sich dafür einsetzt, dass Frauen mit ihrem Wünschen und Wollen sich in der Welt zu Wort melden und Einfluss gewinnen – und zwar auch und gerade dann, wenn sie die Selbstverständlichkeiten der gegebenen Ordnung in Frage stellen. Feminismus will mehr, als nur die Frauen mit den Männern gleichstellen, nämlich die Welt und ihre von Männern erfundene symbolische Ordnung grundsätzlich und radikal in Frage stellen.

Dass viele, eigentlich fast alle, jungen (und alten) Frauen heute die Errungenschaften der Emanzipation für selbstverständlich halten, macht sie also noch lange nicht zu Feministinnen. (Ausführlicher dazu hier: “Was kommt nach der Gleichstellung?”)

Ich kenne übrigens auch noch andere Frauen, die das F-Wort nicht gerne benutzen, obwohl sie aus einer Perspektive der weiblichen Freiheit heraus die gegebene Ordnung durchaus radikal in Frage stellen. Meine Freundin Ina Praetorius zum Beispiel nennt sich lieber “postpatriarchale Denkerin”. Und zwar aus genau diesem Grund: Sie will damit deutlich machen, dass es nicht um einen bloßen Lobbyismus für Fraueninteressen geht, sondern um eine Neugestaltung der gesamten Welt.

Anders als Ina benutze ich selber das Label “Feminismus” gerne und offensiv, weil ich meine, wenn erst einmal viele postpatriarchale Denkerinnen sich selbst so nennen, dann ändert sich irgendwann auch das Image des Feminismus, dann wird sichtbar und öffentlich, dass wir eine breite Bewegung sind, die sich nicht auf die paar Klischees reduzieren lässt, die über uns immer und immer wieder nachgebetet werden. Aber eigentlich liegt mir an dem Label nicht so viel: Eine postpatriarchale Denkerin, die sich nicht Feministin nennt, ist mir lieber als eine Feministin, die sich mit der Emanzipation zufrieden gibt und keine weitergehenden Ambitionen hat.

Wenn wir aber wollen, dass mehr Frauen sich Feministinnen nennen (und ich will das auch), dann ist es aus meiner Sicht kein guter Weg, dauernd hervorzuheben, wie hart und anstrengend das Leben einer Feministin doch angeblich ist. Es ist nämlich gar nicht anstrengend – jedenfalls nicht hier bei uns in den westlichen Ländern, anderswo auf der Welt natürlich schon, leider. Aber was hat eine Feministin denn hier groß zu befürchten? Sicher, ihr wird nicht unbedingt der rote Teppich ausgerollt. Aber das ist ja auch kein Wunder, wenn man die Selbstverständlichkeiten derer mit dem roten Teppich bestreitet.

Eine Hauptpraxis der Frauenbewegung war es, das eigene Beziehungsnetz zu überprüfen und neu zu sortieren. Deshalb kennen Feministinnen oft viele andere unkonventionelle Frauen. Sie orientieren sich an ihren eigenen Kriterien und Maßstäben und nicht an denen der Männer oder des Mainstreams. Das macht das Leben enorm leichter!

Sicherlich gibt es Hindernisse und Widrigkeiten, aber die sind für eine Feministin eben genau das – Hindernisse und Widrigkeiten – und nicht mehr. Zum Beispiel sind sie kein Grund mehr, sich dauernd mit Selbstzweifeln und dem Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit herumzuquälen: Wenn ich die Anerkennung bestimmter Leute nicht mehr suche, dann bin ich von dieser Anerkennung auch relativ unabhängig.

Aus meiner Erfahrung heraus kann ich jedenfalls nur sagen, dass es enorm viele Vorteile hat, Feministin zu sein. Wenn wir andere für diese Lebensform begeistern wollen, dann wäre es, so vermute ich, hilfreicher, diese Vorteile herauszustellen, anstatt immer wieder zu betonen, wie anstrengend und “harte Arbeit” das ist.

Nein, Feministin zu sein ist keine moralische Verpflichtung, es ist nicht mühsam, und es ist auch nicht wirklich gefährlich. Es ist eher so etwas wie das natürliche Lebensgefühl einer Frau, die ihre Freiheit und die Freiheit der anderen liebt.

Safeta, Helene und Antje streiten sich

Antje und Safeta mit Mina in Wuppertal. Wir haben uns vor der Statue der Arbeiterin Mina mit der Handykamera gegenseitig fotografiert und das Bild dann mit Photoshop zusammengestückelt, haha.

Letzte Woche traf ich mich zum Mittagessen mit Safeta Obhodjas, einer aus Bosnien stammenden muslimischen Schriftstellerin, die 1992 aus Pale flüchten musste und seither in Wuppertal lebt. Safeta habe ich vor gut zwei Jahren kennengelernt, denn ich war beim Stöbern im Internet auf ihre wunderbare Erzählung „Dzamillas Vorbild“ gestoßen und habe mit ihr Kontakt aufgenommen, um sie als Autorin für unser Forum Beziehungsweise Weiterdenken zu gewinnen, was glücklicherweise geklappt hat :)

Seither haben wir viel gemailt und uns auch schon einige Male getroffen, und meistens sind wir dabei heftig ins Diskutieren geraten. So auch diesmal wieder. Eines unserer liebsten Streitthemen ist der Islam. Safeta engagiert sich nämlich sehr für die Bildungs- und Entwicklungschancen von Mädchen aus Migrationsfamilien und legt den Finger dabei gerne in die Wunden patriarchaler muslimischer Strukturen. Ich hingegen bin besorgt über die zunehmende Islamfeindlichkeit in Deutschland und finde ihren Enthusiasmus für die emanzipatorischen Errungenschaften der westlichen Moderne manchmal etwas übertrieben. Jedenfalls vergehen auf diese Weise die Stunden immer recht schnell, wenn wir ins Diskutieren kommen.

Dass eine Politik der Beziehungen produktiven Streit ermöglicht, weil Differenzen ausgetragen werden können, ist eine alte Erfahrung der Frauenbewegung. Wenn man der anderen Person wirkliches Interesse entgegenbringt, wenn man von ihr annimmt, dass sie auf die eigenen Fragen und Anliegen Antworten weiß, dann hat man nämlich keinen Anlass, sich hinter Standpunkten und Rechtfertigungen zu verschanzen. Das Interessante sind dann nicht die Übereinstimmungen, sondern die Unterschiede – nichts ist langweiliger, als mit jemandem zu diskutieren, der sowieso schon dieselbe Meinung hat wie ich. Denn weder habe ich dann eine Chance, meine Ideen in der Welt zu verbreiten, noch die Chance, etwas dazuzulernen. Italienische Feministinnen haben diese politische Praxis der Frauen (die nicht nur auf Frauen beschränkt sein muss) Affidamento genannt.

Ein anderes Beispiel dafür hat mir Safeta bei unserem Treffen in Form eines Hörspiels geschenkt, das sie gerade produziert hat. Auch darin spaziert sie mit einer Freundin diskutierend, lachend und streitend durch Wuppertal, nur diesmal mit einer fiktiven bzw. mit einer, die nicht mehr lebt: Helene Stöcker, Frauenrechtlerin, Pazifistin, Sexualreformerin und Philosophin, wurde 1869 in Elberfeld geboren, floh vor den Nazis ins Exil, wo sie 1943 starb.

Das Hörspiel ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie Geschichte anschaulich und lebendig werden kann, wenn man sie als Dialog und Beziehungsgeschehen begreift. Während man die Unterhaltung zwischen Helene und Safeta belauscht, erfährt man eine ganze Reihe von biografischen und zeitgeschichtlichen Fakten, aber sie sind getragen von einem Dialog, der Theorie, gesellschaftliche Umstände und persönliche Biografien miteinander verwebt. Die Erfahrungen beider Frauen werden anschaulich, die Kriege, die sie erlebt haben, ihre Erfahrungen im Exil, ihr Kampf für weibliche Freiheit, ihr Wunsch, politisch Einfluss zu nehmen. Dabei zeigen sich viele Parallelen – etwa ihr Entsetzen über das Ausmaß von Brutalität und Moralverlust am Beginn eines Krieges, sei es der 1. Weltkrieg oder der  Bosnienkrieg – aber es werden auch Unterschiede sichtbar, Verwunderungen und Überraschungen.

Wie es zu ihrer Auseinandersetzung mit Helene Stöcker kam, hat Safeta hier beschrieben.

Die CD  eignet sich auch für den Einsatz im Unterricht oder in interkulturellen Gruppen. Sie hat den Titel Ketten reißen nie von selbst und ist für 12,50 Euro beim Nordpark Verlag zu beziehen. Safeta Obhodjas kann man auch zu Vorträgen oder Diskussionen einladen: www.safetaobhodjas.de.