Bitte keine Abenteuer

Antje unterwegs

Meinen ersten Koffer bekam ich mit fünf. Er war ein Geschenk meines Uropas, klein, aus Pappe, schwarz-rot kariert, wenn ich mich recht erinnere. Als stolze Kofferbesitzerin musste ich natürlich verreisen. Ja, schön, sagte meine Mutter, wir könnten hierhin fahren, oder dorthin. Aber das kam gar nicht in Frage. Ich musste allein weg. Sonst hätte es nicht gegolten. Am Ende durfte ich „ganz alleine“ mit dem Bus in die nächste Stadt fahren. Wo meine Großeltern mich am Busbahnhof in Empfang nahmen.

Ich weiß nicht, ob sie es damals schon sagte, aber immer, wenn ich verreise, ermahnt mich meine Mutter: „Lass dich bloß nicht auf irgendwelche Abenteuer ein!“ Recht hat sie. Ich weiß nicht, wer auf die merkwürdige Idee kam, dass Reisen etwas mit Abenteuern zu tun hätte. Ich jedenfalls kann auf Abenteuer gut verzichten. Ich habe keinen Bedarf, gegen Räuber zu kämpfen, im abenteuerlichen Nirgendwo zu stranden, Prinzessinnen zu retten oder wilde Tiere zu bezwingen. Dafür bin ich viel zu bequem. Und zu ängstlich.

Ich verreise, um Sachen zu sehen. Um woanders zu sein. Nicht aus Neugier auf eine bestimmte Sache. Es kommt selten vor, dass ich irgendwas unbedingt sehen will, die Pyramiden oder das Taj Mahal oder den Amazonas. Meine Reiseziele kommen eigentlich immer mehr oder weniger zufällig zustande. Hauptsache, ich verlasse meine gewohnte Welt samt ihren eingeschliffenen Urteilen, Interpretationen, Gewohnheiten, Normalitäten. Deshalb reise ich auch am liebsten allein, denn sonst hat man ja einen Teil dieser Gewohnheiten mit im Gepäck.

Natürlich sind Risiken unvermeidbar. Jetzt zum Beispiel habe ich Hunger, weil es im Flieger nur ein paar Nüsschen gab. Ich könnte natürlich was essen gehen. Aber draußen kübelt es in Strömen, und ich hab noch kein Geld getauscht. Reisen geht nicht virtuell. Ich muss meinen faulen, verletzlichen, bedürftigen Körper anderswohin bewegen und ihn allen möglichen Unwägbarkeiten aussetzen. Ich bin in einer Umgebung, deren Regeln ich nicht kenne. Und ich bin auf wildfremde Leute angewiesen.

Aber das kann man wohl nicht wirklich als Abenteuer bezeichnen. Die meisten Orte, zu denen man reist, sind schließlich ganz normale Orte für die Leute, die da leben. Es ist diese andere Normalität, die mich interessiert, nicht die Exotik. Deshalb kann ich auch nicht organisiert verreisen. Die Normalität eines Ortes erschließt sich nicht in zwei Stunden. Die reichen nur für die üblichen Fotos.

Naja. Ich geb dem Wetter noch eine halbe Stunde, dann geh ich raus, ob Regen oder nicht. Ansonsten hab ich drei Wochen Zeit. Keine Pläne und keine Agenda. Und bitte auch keine Abenteuer.



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Es ist okay, keine Feministin zu sein

Einige meiner besten Freundinnen sind keine Feministinnen. Wenn ich genauer nachdenke (also diejenigen rausrechne, die über die politische Arbeit zu Freundinnen geworden sind), ist sogar fast keine meiner „normalen“ Freundinnen eine Feministin. Von den Freunden ganz zu schweigen. Es gibt die eine oder andere, aber man muss sie einzeln suchen wie die Rosinen in einem Apfelkuchen.

Klar, meine Freundinnen sind alle emanzipiert und verdienen ihr eigenes Geld, oder wenn nicht, dann haben sie zumindest eine revolutionäre Erklärung dafür. Meine Freunde sind vollkommen gleichgestellt und kämen nie auf die Idee, uns Frauen zu unterdrücken. Aber – nee, Feministinnen sind sie nicht. Oder Feministen.

Und wisst Ihr was? Ich finde das völlig in Ordnung. Ich finde es sogar fast normal. Denn Feministin sein ist heute ja nicht mehr damit erledigt, dass man so vollkommen evidente Dinge tut wie dagegen protestieren, dass Menschen ohne Penis kein Konto eröffnen dürfen. Es ist auch nicht mehr damit getan, die zwei, drei maßgeblichen Bücher zu kennen, es gibt längst hunderte. Nicht nur Bücher, auch feministische Fraktionen und Unterströmungen. Will man das alles wirklich so genau wissen?

Außerdem: Es gibt heute in Deutschland schlimmere Probleme als die Benachteiligung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Armut etwa, die Krise der Erwerbsarbeit, die Ausbeutung von Tieren. Der Klassiker Umweltverschmutzung. Islamophobie. Bildungsmisere. Pflegenotstand. Die Liste möglicher Themen, mit denen sich ein politischer Mensch beschäftigen kann, ist lang und breit.

Und eigentlich ist es völlig albern, darüber zu streiten, welches davon wichtiger ist. Wahrscheinlich sind sie alle wichtig. Und schließlich: Je tiefer man in ein Thema einsteigt, umso interessanter wird es. Man kann schlicht nicht überall so richtig gut Bescheid wissen. Die meisten Menschen haben irgendeine Leidenschaft, in die sie viel Zeit und Energie investieren.

Bei mir ist es eben der Feminismus. Die Frage, wie das Verhältnis der Geschlechter unserer Kultur zugrunde liegt, wie im Laufe der Jahrhunderte über Frauen und Männer gesprochen wurde, welche Ideen Frauen zu all dem hatten (was mühsam erforscht werden musste) – das ist einfach das Ding, wo bei mir „Strom“ drauf ist.

Und ja, ich bin überzeugt, dass dieses Geschlechter-Dingens extrem wichtig ist, wichtiger als die meisten Leute sehen. Dass es allem anderen zugrunde liegt und alles andere erklärt, die Umweltverschmutzung, das marode Gesundheitssystem, die Tierquälerei, die Bildungsmisere, die Kriege sowieso. Aber es ist völlig okay, dass andere das anderes sehen. Ich kann das sogar nachvollziehen: Sie kennen sich mit dem Feminismus halt nicht so gut aus wie ich, haha!

Natürlich weiß ich, dass sie das vermutlich andersrum genauso sehen. Schließlich habe ich kaum eine Ahnung von IHREN Themen. Deshalb: Lasst uns Freundinnen bleiben!

Unter einer Bedingung allerdings: Was gar nicht geht, das sind Leute, die noch kein einziges feministisches Buch gelesen haben, die die allergrundlegendsten Basics der Debatte nicht kennen und noch keine fünf ernsthaften Gedanken an das Thema verschwendet haben – und die mir dann erklären wollen, warum ich Unrecht habe. Also diese „Ich fühle mich nicht diskriminiert, das Thema ist doch längst überholt“-Frauen. Oder die „Meine Frau hat mich verlassen und ich muss trotzdem Unterhalt zahlen, ich werde unterdrückt und daran ist der Feminismus schuld“-Männer.

Klar, zum Thema Feminismus fällt uns allen etwas ein, schließlich sind wir alle Frauen und Männer. Oder kennen zumindest welche. Ebenso wie uns was einfällt zum Gesundheitswesen, der Unfähigkeit von Politikern oder was man tun müsste, um den Klimawandel aufzuhalten. Bloß: Es gibt einen Unterschied zwischen der eigenen Betroffenheit und der langjährigen inhaltlichen Auseinandersetzung mit einem Thema.

Die eigene Betroffenheit macht mich sozusagen zur Expertin für die Realität. Das ist ein wichtiges Korrektiv gegen graue Theorie. Das Erzählen von dem, was wir selbst erleben, ist der erste und wichtigste und unverzichtbare Schritt zur Theorie. Aber eben nur der erste Schritt, es ist noch nicht die Theorie selber. Danach kommen viele weitere Schritte der Analyse, der Auseinandersetzung, der Forschung – also all das Zeitraubende, Anstrengende, Mühsame, das nicht alle „Betroffenen“ auf sich nehmen, sondern nur die, die sich besonders für ein Thema interessieren.

Der Witz besteht darin, dass wir aus dieser Ungleichheit der Leidenschaften einen Hebel machen können, um gemeinsam weiterzukommen. Nicht alle müssen Feministinnen sein. Aber alle sollten akzeptieren, dass das Verhältnis der Geschlechter ein wichtiges Ding ist und dass es deshalb prima ist, wenn es Feministinnen gibt, die sich darum kümmern. Eventuell ist ja das eine oder andere Forschungsergebnis auch für sie interessant. Wir müssen auch nicht alle Umweltexperten sein oder Spezialistinnen für alternative Heilmethoden, aber wir können nicht einfach leugnen, es beides dringend geben muss und dass diese Themen letztlich auch mich selbst etwas angehen. Ich kann schließlich nicht als Umweltsau leben und zur Rechtfertigung anführen, ich wäre doch zum Ausgleich Feministin.

Die Anerkennung von Expertise heißt also gerade nicht, dass man sich aus den anderen Themen einfach raushält. Dann würden wir nämlich miteinander nur noch über das Wetter reden können. Alle „Theoretikerinnen“ brauchen die Erfahrungen der „normalen“ Leute. Die Expertin für alternative Heilmethoden ist darauf angewiesen, dass ich ihr meine Zipperlein schildere. Und sie muss es dann schon ernst nehmen, wenn ich ihr sage, dass ihr Tipp mir überhaupt kein bisschen geholfen hat.

Im konkreten Fall sticht Erfahrung nämlich immer die Theorie. Jede Theorie, die in der Realität, in einer konkreten Situation keine Resonanz hat, ist überflüssig. Aber die Erfahrung kann die Theorie nicht ersetzen. Wenn Theorie und Realität auseinanderklaffen, müssen wir diskutieren, sogar streiten. Zum Beispiel ich und die Heilpraktikerin, deren Mittelchen mir nicht geholfen hat. Aber so ein Gespräch hat wenig Sinn, wenn ich glaube, mein angelesenes Halbwissen zusammen mit dieser einen Erfahrung würde ausreichen, um zu wissen, dass sie nicht die allergeringste Ahnung von Heilkunde hat. Wenn ich ihre Autorität ohnehin nicht anerkenne – dann reden wir besser tatsächlich nur übers Wetter.

Ich könnte ihr allerdings erklären, warum ihre Honorarsätze um ein Drittel niedriger liegen als die ihres Praxiskollegen. Für den Fall, dass sie sich darüber schon mal gewundert hat.


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Fünfzehn Thesen zu Feminismus und Post-Gender

Foto: Stenzel Washington - Fotolia.com

“Disciplineandanarchy”-Blog made the following theses available in English

1. Der wichtigste Punkt rund um das Thema „Gender“ hat nichts mit Frauen zu tun, sondern ist die Kritik an der Sich-zur-Normsetzung des Männlichen. Frauen kommen allerdings insofern ins Spiel, als Feministinnen die ersten waren, die dieses Sich-zur-Norm-Setzen des Männlichen hinterfragt haben.

2. Der Einwand, dass Geschlechtsklischees generell abzulehnen sind, ist zwar richtig, kann aber leicht vom eigentlichen Punkt ablenken: Kein anderes Geschlecht als das Männliche hat sich jemals zur Norm gesetzt. Wobei „das Männliche“ nicht identisch ist mit „den Männern“. Es gab schon immer Männer, die diese patriarchale Ordnung kritisiert haben, und Frauen, die sie unterstützt haben.

3. Das wesentliche Merkmal des Patriarchats war nicht, Frauen und Männern bestimmte Klischees zuzuschreiben, sondern Differenzen unter Menschen (vor allem, aber nicht nur die Geschlechterdifferenz) hierarchisch im Sinne von „normal“ und „defizitär“ zu interpretieren. Also nicht: „Männer sind so“ und „Frauen sind so“, sondern „Männer sind normale Menschen“ (in vielen Sprachen gibt es für beides sogar nur ein Wort) und „Frauen sind eine defizitäre Sorte von Menschen“ (wenn überhaupt). Dies bildet die Folie, vor der dann auch andere Unterschiede (Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Alter usw.) an einer angeblichen Norm gemessen und somit hierarchisiert werden konnten.

4. Die Betonung von biologistischen Klischees über Frausein und Mannsein wurde ideengeschichtlich erst bedeutsam, als diese Hierarchisierung der Geschlechter mit der Aufklärung und ihrem Postulat von der Gleichheit aller Menschen in Legitimationsschwierigkeiten kam. Die Überwindung dieser Geschlechterklischees („post-gender“) garantiert deshalb noch nicht die Freiheit aller Menschen und speziell nicht die Freiheit der Frauen. Post-Gender-Denken kann auch genau das Gegenteil bewirken, nämlich die erneute Behauptung des „Unwichtigseins“ von Frauen.

5. Weibliche Freiheit lässt sich nicht dadurch erreichen, dass Frauen abgeschafft werden.

6. Unterschiede zwischen Menschen haben vielfältige Ursachen. Ob diese biologisch oder sozial bedingt sind, ist zwar interessant zu erforschen, aber letztlich nicht so wichtig. In einem politischen Sinne sind die interessantesten Differenzen ohnehin die selbst gewählten, diejenigen also, bei denen sich Menschen aktiv durch ihr Handeln von anderen Menschen unterscheiden.

7. Dass sich kein Mensch dabei völlig losgelöst von sozialer Herkunft, dem eigenen Körper, der ererbten Kultur oder anderen äußeren Beeinflussungen verhält, ist eine Binsenweisheit. Das „autonome Ich“ ist ein Konstrukt der männlichen (westlichen?) Philosophie. Menschliche Freiheit ist immer Freiheit in Bezogenheit, sie existiert nur zusammen mit Körperlichkeit, Natur und sozialer Zugehörigkeit.

8. Eine freiheitliche Politik besteht nicht in der Behauptung einer (immer nur abstrakt denkbaren) Gleichheit der Menschen, sondern in kreativen und dem jeweiligen Kontext angemessenen Wegen, mit der (real vorhandenen) Ungleichheit der Menschen umzugehen, ohne dass daraus Herrschaft entsteht.

9. Diese Ungleichheiten allein auf individuelle Unterschiede zurückzuführen, wie es unter dem „Post-Gender“-Begriff versucht wird, beinhaltet nicht nur die Gefahr, die prägende Kraft von Konventionen und gesellschaftlichen Normierungen zu ignorieren. Sie beinhaltet vor allem die Gefahr, die Normsetzung des Männlichen quasi durch die Hintertür wieder einzuführen. Männlichkeit und der „geschlechtsneutrale Mensch“ sind historisch eins. Männlichkeit hat sich nie als einheitlich, sondern schon immer als vielfältig verstanden. „Einheitlich“ im Sinne von Stereotypen wurden immer nur die „anderen“, speziell die Frauen, definiert.

10. Eine wichtige feministische Strategie besteht deshalb darin, Differenzen unter Frauen anzuerkennen, sichtbar zu machen und öffentlich zu verhandeln. Die Praxis dazu ist die bewusste Pflege von Beziehungen unter Frauen und die Anerkennung weiblicher Autorität, und zwar ohne dabei von einem einheitlichen „Wir“ der Frauen auszugehen. Nur so entsteht weibliche Freiheit. Wobei dies natürlich nicht ausschließt, dass Frauen auch Beziehungen zu Männern oder anderen Geschlechtern haben, sowohl privat als auch politisch.

11. Freies Frausein bedeutet weder die Angleichung an das Männliche noch die Abgrenzung davon. Zwischen Frauen und Männern besteht eine Differenz, aber diese ist nicht symmetrisch und definierbar, sondern sie zeigt sich immer nur in einer konkreten Situation (oder auch nicht). Frauen sind weder dasselbe wie Männer, noch sind sie anders als Männer. Sie sind, wie sie sind. Das Männliche ist kein Maßstab, weder im Positiven noch im Negativen. (Es kann aber durchaus Inspiration und Anregung sein).

12. Eine freie Gesellschaft, die den Geschlechterdualismus überwunden hat, besteht nicht in einer geschlechtslosen Gesellschaft, sondern in einer geschlechtervielfältigen Gesellschaft. Ob es zwei, drei, vier oder fünf Geschlechter gibt, ist nicht so wichtig und hängt von vielen Faktoren ab. Der entscheidende Punkt ist: Es darf nicht nur eines geben.

13. Nur auf Grundlage einer freien weiblichen (also geschlechtervielfältigen) Differenz ist es möglich, dass Frauen und Männer (und andere Geschlechter ebenso wie andere „Andere“) sich über die Gestaltung der gemeinsam bewohnten Welt verständigen, austauschen und darüber herrschaftsfrei verhandeln. Dabei ist jede Sichtweise, die auf eine angeblich allgemeingültige Norm pocht, abzulehnen. Es gibt keinen höheren Maßstab, dem sich alle unterordnen müssen. Das ist das Wesen des Pluralismus.

14. Der wesentliche Impuls des Feminismus für eine freie Gesellschaft besteht genau darin: Die Differenz aus der Falle ihrer hierarchischen und herrschaftsförmigen Interpretationen befreit zu haben. Freie Frauen, also solche, die sich weder an Stereotypen von Weiblichkeit orientieren noch das Männliche als Maßstab akzeptieren, haben die sexuelle Differenz (und damit die Differenz überhaupt) als politischen Verhandlungsfaktor in die Welt gebracht, mit dem zu rechnen ist.

15. Diese Praxis ist aber nicht auf Frauen beschränkt. Auch Männer und alle anderen Geschlechter können – und sollten – sich daran beteiligen. Denn es geht nicht um Lobbyarbeit für Fraueninteressen, sondern um eine Welt, in der gutes Leben für alle Menschen möglich ist.



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Liebe ohne Objekt. Eine Erinnerung an Margarete Porete.

Margarete Porete nach einem Gemälde von Hans Memling, ca. 1470

Vor 700 Jahren, am Pfingstmontag des Jahres 1310, wurde in Paris eine etwa fünfzig Jahre alte Frau auf dem Scheiterhaufen verbrannt: Margarete Porete hatte ihr Buch „Der Spiegel der einfachen Seelen“ nicht widerrufen, obwohl eine kirchliche Kommission nach langer Prüfung festgelegt hatte, dass einige seiner Thesen gotteslästerlich seien. Die Ermordung der Autorin konnte aber nicht verhindern, dass der „Spiegel“ von vielen Menschen gelesen wurde und die christliche Mystik (und darüber auch weite Teile vor allem der weiblichen Philosophie bis heute) stark beeinflusst hat.

In dem Buch geht es um die Suche nach Gott. Das klingt in den Ohren vieler Leute heute wahrscheinlich antiquiert. Aber im Mittelalter war Gott noch nicht Gegenstand wissenschaftlicher Dispute, bei denen sich Gelehrte darüber stritten, ob er existiert oder nicht und wie man das eine oder das andere beweisen könnte. „Gott“ war eher ein Wort, das für einen bestimmten Aspekt der Realität stand. Praktisch alle waren sich darüber einig, dass es sinnvoll ist, dieses Wort zu benutzen, und dass es erstrebenswert ist, Gottes Willen zu tun. Man war sich nur nicht einig darüber, woher man wissen soll, was Gott will. Heute könnten wir vielleicht sagen, es ging dabei um die Frage, was „richtig“ ist und woher man das wissen kann.

Für Margarete Porete ist es keine Lösung, sich einfach nach den Autoritäten zu richten: Es steht so im Gesetz, es ist nicht verboten, mein Chef will das so (damals: die Sitten sind so, der Fürst will es, die Kirche sagt es). Sie geht davon aus, dass Menschen eine Beziehung zu Gott haben können, das heißt also wissen, was „richtig“ ist, ohne auf die Vermittlung kirchlicher Autoritäten angewiesen zu sein. So gesehen könnte sie auch als eine frühe Vorläuferin der Reformation gelten.

Porete geht aber noch einen Schritt weiter als später Martin Luther, denn sie stellt auch zwei andere Wegweiser hin zum „Guten“ und „Richtigen“ in Frage, auf die ja auch heute noch gerne verwiesen wird: die Vernunft und die Tugend. Der Verstand, schreibt Porete, sieht immer nur „das Grobe“. Und die „Tugend“ sei zwar lobenswert – habe aber nichts mit Gott zu tun. Ihr persönlicher Weg führte sie vielmehr hin zu der Erkenntnis, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als Gott zu lieben.

Ich finde das einen genialen Dreh und auch heute noch eine hilfreiche Denkfigur. Das „Richtige“ zu finden ist keine Angelegenheit von äußerlichen Fähigkeiten, von genialer Wissenschaft und moralischer Tugend, sondern eine Frage der „Liebe“, also der inneren Haltung, die eine Person hat, und zwar genau hier und jetzt, in einer konkreten Situation: Wenn ich vor eine Entscheidung gestellt bin, dann kann ich das „Richtige“ tun, wenn ich liebe – und zwar nicht irgend etwas liebe (nicht einmal das „Richtige“ – das ist der Punkt, wo die Analogie nicht mehr stimmt) sondern eben „Gott“, also das, was gerade kein Objekt ist. Liebe „einfach nur so“ würden wir heute vielleicht sagen. Eine Liebe, die „im Nichts befestigt“ ist, wie Porete schrieb.

Es geht ihr nicht darum, ein philosophisches Denkgebäude zu zimmern, sondern sie beschreibt einen praktischen, experimentellen Weg (darin ist sie der Literatur der Frauenbewegung aus den 1970er-Jahren ähnlich). Deshalb ist das Buch auch nicht als Traktat geschrieben, sondern in Dialogform: Die Liebe, die Vernunft und die Tugenden diskutieren miteinander; auch die Seele, der Heilige Geist, die Kirche und die Wahrheit mischen sich ein. Dazu gibt es Selbstreflektionen und Schilderungen des eigenen Erkenntnisweges. Kein belehrendes Kompendium eben, sondern ein Dokument, das die Leserinnen und Leser an den Gedankenprozessen der Autorin teilnehmen lässt.

Es ist offensichtlich, dass so eine Philosophie bei Autoritäten nicht gut ankommt. Wenn „Gott“ (also das, was „richtig“ ist) nur über die Liebe gefunden werden kann – dann gibt es nämlich keine objektive „Ordnung“ mehr, die aufrechterhalten werden muss. Sondern alles hängt an den Fähigkeiten der Beteiligten, der einzelnen Menschen, in einer bestimmten, konkreten Situation das Richtige zu tun. Man kann daraus keine Gesetze machen, keine Regeln, keine abstrakten Konzepte. Jede Situation ist anders. Was man braucht, das sind selbstbewusste, gebildete, offenherzige, mutige Menschen. Menschen, die lieben können „einfach nur so“, also ohne ihre Liebe auf ein bestimmtes Objekt zu richten. Ich finde, das ist immer noch eine sehr anspruchsvolle Lebenshaltung.

Margarete Porete war mit ihren Ideen dabei keineswegs alleine. Als Begine gehörte sie zu einer religiösen Bewegung und Lebensgemeinschaft von Frauen, die im späten Mittelalter sehr bedeutend war. Später wurden die Beginenhäuser entweder verboten oder in die offizielle Kirche eingereiht.

Der „Spiegel der einfachen Seelen“ war durch die Jahrhunderte hinweg eine Art internationaler Bestseller, Übersetzungen in Latein, Englisch und Italienisch entstanden bereits im 14. Jahrhundert. Nach der Hinrichtung seiner Autorin wurde das Buch anonym verbreitet und man vergaß, wer es geschrieben hatte. Im Lauf der Zeit wurde es verschiedenen religiösen Autoritäten zugeschrieben, bis eine Historikerin 1946 Margarete Porete zweifelsfrei als die Autorin identifizierte.

Erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird das Buch auch mit katholischer Druckerlaubnis verlegt. Eine broschierte Neuauflage ist soeben im Topos-Verlag erschienen.

Einen ausführlicheren Text zu Margarete Porete hat Irmgard Kampmann geschrieben

Gefühlte und reale Frauen

Nachdem ich gestern etwas über die Piratenpartei und ihr Frauenproblem geschrieben habe (und ich war nicht die Einzige, einen Überblick gibt die Mädchenmannschaft) ergab sich in den Kommentaren die Frage bzw. die Vermutung, dass der Frauenanteil in den Landesvorständen deutlich höher sei und daher die Abwesenheit von Frauen auf der Bundesebene entweder doch ein Zufall oder eben einfach Ausdruck einer anderen Prioritätensetzung seitens der Piratinnen.

Das wäre eine interessante These, und deshalb bin ich der Sache nachgegangen. Ich fand im Piratenwiki diese Übersicht über die Besetzung der Landesvorstände der Piratenpartei und habe nachgezählt und komme auf einen Frauenanteil von 15 Prozent. Mir erscheinen die Angaben nicht veraltet, das Datum der jeweiligen Wahlen steht ja dabei. Ich habe die Frage gestern abend und heute früh nochmal über Twitter verbreitet, um das aufzuklären, aber keine anderen Daten bekommen. Jemand antwortete mir, der Frauenanteil sei in den in letzter Zeit neu gewählten Vorständen über 50 Prozent, allerdings ohne Belege.

Ich wollte eigentlich das Thema Piraten jetzt auch mal wieder verlassen, aber das Phänomen, dass viele dazu tendieren, den Frauenanteil in einem Gremium, einer Gruppe, einem Verein zu überschätzen, bezieht sich nicht nur auf die Piraten, sondern ist ein allgemeines gesellschaftliches Phänomen. Eine Zeitlang habe ich mal eine kleine Statistik geführt über die Zusammensetzung von Frauen und Männern in Veröffentlichungen, auf Rednerlisten, in Vorständen und so weiter und kam dazu, dass der Frauenanteil heute normalerweise (also nicht durch Quoten verändert) zwischen 20 und 30 Prozent rangiert. Aber dass dieser Anteil regelmäßig überschätzt wird, wenn man nicht genau nachzählt.

Meine These ist also: Dreißig Prozent Frauen ergeben heute bei uns eine gefühlte Gleichberechtigung. Fünfzig Prozent Frauen ergibt eine gefühlte weibliche Dominanz, jedenfalls bezogen auf solche Orte, die historisch männliche Orte sind, also die ursprünglich unter Ausschluss der Frauen zustande gekommen waren, wie Parteien, Universitäten, bestimmte Berufsgruppen und so weiter. (In traditionell “weiblichen” Szenarien wie unter Krankenschwestern oder Erzieherinnen ist es umgekehrt, sogar noch krasser, da gelten manchmal schon Männeranteile von zehn Prozent als gefühlte “Gleichberechtigung”).

Ich habe auch eine These dazu, woran das liegen könnte: Eine in der Soziologie verbreitete Annahme ist ja, dass ab einem Anteil von dreißig Prozent etwa “Minderheiten” jeglicher Art sich nicht mehr so einfach in die vorherrschende Kultur integrieren lassen, sondern sich durch ihre Anwesenheit diese Kultur grundlegend und radikal verändert. Ich stimme dieser Annahme zwar nicht hundertprozentig zu. Denn es spielen noch andere Faktoren mit. Eine starke, selbstbewusste Frau mit dezidiertem Veränderungswillen kann auch Sachen grundlegend anstoßen, wenn der Frauenanteil niedriger ist. Andererseits ist ein höherer Frauenanteil auch keine Garantie für eine grundlegende Veränderung, denn es kann auch sein, dass das speziell solche Frauen sind, die gar keine Ambitionen haben, etwas zu verändern.

Doch trotz dieser Fragezeichen ist wohl an dieser Theorie prinzipiell etwas dran. Wenn wir “Gleichberechtigung” der Geschlechter nicht nur aus formalen Gerechtigkeitsgründen fordern, sondern damit gesellschaftsverändernde Hoffnungen verbinden (was das Anliegen von Feministinnen ist, jedenfalls der meisten), müssen wir also versuchen, diese Grenze zu überschreiten. Also die Grenze, ab der die Anwesenheit von Frauen tatsächlich noch etwas anderes in der Dynamik der Organisation bewirkt als einfach nur die Anwesenheit von Frauen.

Deshalb habe ich einen Vorschlag: Wir sollten nachzählen. Überall. Um verlässliche Zahlen darüber zu haben, wie hoch der Frauenanteil und der Männeranteil (und ggfs. der Anteil “anderer” Geschlechter) an den Orten, an denen wir selbst aktiv sind, faktisch ist. Und das dann mit dem “gefühlten” Anteil abgleichen. Und dann darüber diskutieren, was sich jeweils daraus schließen lässt, und welche Möglichkeiten es gibt, das zu verändern. Diese Maßnahmen müssen nicht überall gleich sein und Quoten sind dabei nur eine Option unter vielen.

Die Piraten und ihr Frauenproblem

Die Piratenpartei steht momentan unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck: Sie hat keine einzige Frau in ihrem Bundesvorstand. Das ist ziemlich merkwürdig für eine Partei, die sich als „postgender“ versteht. Von außen gesehen ist es tiefstes 19. Jahrhundert – mir fällt auf Anhieb keine einzige andere gesellschaftlich relevante Institution ein, bei der die Männerdominanz so stark ist. Abgesehen vielleicht von der katholischen Kirche, bei der die Ursache aber organisationstechnisch ist: Frauen dürfen hier ja qua Gesetz nicht Priester werden. An der Basis braucht sich die katholische Kirche über fehlendes weibliches Engagement dennoch nicht beklagen.

Noch interessanter ist aber die Erklärung, die seit der gestrigen Wahl immer wieder vorgetragen wird: Die Frauen hätten nicht genug „Mut“ gehabt, um zu kandidieren. Das ist einerseits interessant, weil es der „postgender“-These natürlich diametral entgegen steht: Wären die Piraten tatsächlich „postgender“, dürfte es so einen auffälligen „Mutunterschied“ unter ihren Mitgliedern ja gar nicht geben. Gibt es ihn, sind sie offensichtlich nicht „postgender“.

Ich halte die Erklärung aber auch für falsch. Immerhin leben wir in einer Gesellschaft, die gerade mehrere Jahrzehnte Gleichstellungspolitik hinter sich hat. Frauen haben heute zu allem möglichen genug „Mut“, sie werden Soldatinnen, Bundeskanzlerinnen, gehen in Vorstände von Dax-Unternehmen und was nicht noch alles. Und da soll ihnen der „Mut“ fehlen, für den Vorstand der Piratenpartei zu kandidieren? Das erscheint mir nicht sonderlich plausibel.

Wahrscheinlich ist der Grund einfach, dass Frauen kein Interesse haben, sich in der Piratenpartei zu engagieren. Nicht genug Interesse jedenfalls. Nicht genug Interesse insofern, als schon unter den Wählern, Mitgliedern und Sympathisanten der Piratenpartei der Frauenanteil sehr niedrig ist – und entsprechend niedrig ist dann eben auch der „Pool“, aus dem man schöpfen kann. Nicht genug Interesse vermutlich auch auf Seiten der Piratinnen selbst. Soweit ich es mitbekommen habe, haben die Teilnehmerinnen am Bundesparteitag sich fast nur bei der Befragung von Leena Simon überhaupt mit Wortbeiträgen beteiligt. Warum nicht sonst? Fanden sie die anderen Themen uninteressant?

Leena Simon war mit feministischen Begründungen angetreten (wie etwa der, dass ansonsten nur Männer kandidiert hätten) und ist genau dafür heftig kritisiert worden. Aus feministischer Sicht waren ihre Anliegen relativ moderat, jedenfalls im Vergleich zu dem, was andernorts diskutiert wird. Aber es war doch deutlich, dass viele von den Frauen, die bei den Piraten aktiv sind, sich dezidiert nicht als Feministinnen verstehen wollen. Sie wollen das Geschlecht nicht thematisieren – und warfen Leena Simon vor, dass sie es tut.

Diese Haltung ist unter Frauen auch sonst nicht selten anzutreffen, unter Piratinnen scheint sie aber besonders verbreitet zu sein. Die frauenpolitischen Erfahrungen anderer Parteien zeigen aber deutlich, dass Frauen eine viel geringere Neigung haben, sich für Ämter zur Verfügung zu stellen als Männer. Sie bevorzugen andere Arten, politisch aktiv zu sein. Der Anreiz, ein Amt zu bekleiden, ist für sie aus vielen Gründen (die zu analysieren wäre ein anderes Thema) weniger hoch als für Männer.

Lässt man den Dingen einfach ihren Lauf, sind Männer deshalb überall klar in der Überzahl. Wenn man Frauen in Ämtern haben will, muss man also mehr tun, als ihnen die Kandidatur einfach zu erlauben. Das mag man gut oder schlecht finden, es ist einfach eine Tatsache. Verschiedene Parteien und Organisationen haben darauf unterschiedlich reagiert – von einer 50-ProzentQuote bei den Grünen über diverse „Quoren“ oder die Gründung von Frauen-Unterverbänden bis hin zum Aufbau einer eigenen Netzwerkstruktur.

Aus feministischer Sicht kann man solche Versuche der klassischen patriarchalen Institutionen, Frauen in ihre Strukturen zu „integrieren“ (Parteien sind von ihrem Prinzip her zu Zeiten entstanden, als nur Männer da aktiv waren) ambivalent gegenüber stehen. Ich persönlich beurteile Quoten skeptisch, weil sie sozusagen das Unbehagen vieler Frauen gegen diese Strukturen künstlich aushebeln – und mir wäre es lieber, wir würden Parteien und Politik viel grundsätzlicher verändern, sodass Quoten als Krücke nicht mehr notwendig sind.

Fakt ist aber: Ohne irgendeine explizite Auseinandersetzung mit dem Thema der sexuellen Differenz bekommt man keine Frauen – oder jedenfalls nur sehr wenige – in solche Strukturen hinein. Und da die Piraten eine explizite Auseinandersetzung mit dem Thema nicht führen, ist die logische Konsequenz, dass die Männer hier eher unter sich bleiben (Ausnahmen gibt es immer).

Und damit haben die Piraten ein ernstes Problem. Reine Männervereinigungen können heutzutage schlichtweg nicht mehr den Anspruch erheben, für die Gesellschaft allgemein zu sprechen. Sie wirken anachronistisch, bleiben partikular, rangieren in der öffentlichen Wahrnehmung – vor allem in der Wahrnehmung der Mehrheit der Frauen – als eine Art Männerhobby. Tendenziell uninteressant. Ich finde, mit Recht. Alle Erfahrung mit anderen Organisationen zeigt schließlich: Wo der weibliche Input fehlt, ist das Ergebnis nicht so gut, wie es sein könnte.

Solange die Piraten ein so stark dominierter Männerverein bleiben, werden sie deshalb niemals den gesellschaftlichen Einfluss haben, den sie haben könnten. Sie schießen sich somit selbst ins Knie, wenn sie die wenigen Frauen, die mit feministischen Impulsen in die Partei kommen, nicht freudig begrüßen, sondern ihnen im Gegenteil auch noch Steine in den Weg legen. Man muss sich nur mal vorstellen, dass eines der positivsten Voten zu Leena Simon war, sie hätte wirklich „Eier in der Hose“. Hallo? Überall sonst in der Gesellschaft sind die Zeiten, in denen es als Lob für Frauen gelten konnte, ihnen zu sagen, dass sie „ihren Mann stehen“, lange vorbei. Das Männliche als Maßstab hat bei allen, die auch nur das allerkleinste Einmaleins des Feminismus kennen, schon seit Jahrzehnten ausgedient.

Eine gewisse Hoffnung gibt es ja noch, weil immerhin knapp 30 Prozent Leena Simon gewählt haben. Mal sehen, ob sie das Thema „Warum sind wir als Partei für Frauen und speziell für Feministinnen so uninteressant?“ in den zukünftigen Parteidiskussionen wach halten können. Nicht, um den Frauen irgendwie einen Gefallen zu tun. Sondern aus purem Eigeninteresse. Gelingt ihnen das nämlich nicht, dann bleiben die Piraten ein gesellschaftliches Randphänomen, das mich ungefähr so sehr interessieren muss wie Formel Eins-Rennen.



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Bloggen vs. Journalismus oder: die Qualität des Begehrens

Foto: Sandra C./fotolia.com

Wie lange dauert es von der Idee für einen Blogeintrag bis zum Schreiben desselbigen? Bei mir maximal eine Stunde. Ich gehe natürlich laufend mit allen möglichen Themen schwanger. Aber nicht alle werden zu einem Text. Sie befinden sich quasi in meinem Inneren. Sie interessieren mich, ich denke darüber nach, forsche dazu und informiere mich, diskutiere sie mit anderen. Und manchmal passiert es, dass eines davon nach außen drängt – ich schreibe meine Gedanken dazu auf und veröffentliche sie.

Seit einiger Zeit beobachte ich an mir selbst diesen Prozess, weil er mir wichtig zu sein scheint für die Veränderungen, die sich durch das Medium „Blog“ im Vergleich zum klassischen Journalismus ergeben. Schon seit einer ganzen Weile stellen mich die Diskussionen dazu nicht zufrieden, die sich meistens um ökonomische Fragen (wofür gibt es Geld und wofür nicht) oder um eine – als objektiv vermutete – Qualität von Texten geht.

Ich blogge ungefähr seit vier Jahren, seit zwei Jahren intensiver. Vorher habe ich über zwanzig Jahre als Journalistin gearbeitet. Und ich stelle fest, dass mir das Bloggen sehr viel mehr Freude macht, als jemals das journalistische Schreiben.

Dabei habe ich als Journalistin eher schöne Aufträge gehabt: Eine meiner Hauptaktivitäten war es, Halbstundenfeatures fürs Radio zu schreiben, und zwar zu Themen, die mich wirklich interessierten. Damals (vor zehn, zwanzig Jahren) hatten die Fachredaktionen noch große inhaltliche Freiheit, und davon profitierten auch wir freie Autorinnen. Die Features mussten nicht skandalträchtig und nicht mainstreamig sein, und außerdem wurden sie gut bezahlt.

Es war also eine schöne Arbeit, aber dennoch hatte sie einen großen Anteil an „Pflicht“ und „Mühsal“ (und wir haben uns ja angewöhnt, das als wesentlichen Anteil von Arbeit zu begreifen, sodass viele glauben, wenn etwas nicht als mühevoll und anstrengend empfunden wird, dann ist es auch keine „richtige“ Arbeit.)

Der Grund für die Mühsal lag darin, dass es beim journalistischen Arbeiten notwendig ist, äußere Regeln und Grenzen einzuhalten. Begrenzter Zeitungs- und Sendeplatz macht Planung einfach notwendig. Ein zugesagter Beitrag muss zum Zeitpunkt X fertig sein, die Länge ist genau festgelegt. Diese Grenzen ergeben sich aus der Mangelsituation, die zur Entstehung des Journalismus als Beruf geführt hat: Es konnte in Vor-Internet-Zeiten eben nicht alles gedruckt und gesendet werden. Die Aufgabe, dieses „Gateway“ zu organisieren, hatten Verlage und Redaktionen. Und auch wenn sie tatsächlich so offen, objektiv, qualitätsbewusst und kritisch waren, wie es das journalistische Ethos beschreibt (das allzu oft unerreicht war): Es blieb eine Situation des Mangels. Nicht jeder gute Artikel kommt in die Zeitung, und manchmal werden schlechte Artikel in die Zeitung genommen, weil nichts anderes da ist.

Für mich als Autorin ergaben sich dadurch äußere Zwänge, die nichts mit der inhaltlichen Bearbeitung des Themas zu tun hatten: War der Auftrag einmal zugesagt, musste er auch dann und dann in der besprochenen Form abgegeben werden. Diese Mangelsituation der materiell gebundenen Informationsverbreitung (der Sendeplatz, die Zeitungsseite, die Produktionsvorläufe usf.) bewirkte, dass meine Offenheit für unerwartete Zwischenfälle bei der Recherche begrenzt war: Hatte die gewünschte Gesprächspartnerin keine Zeit für ein Interview, musste ich eine andere (zweite Wahl) nehmen. Ergab sich während der Recherche ein ganz anderer inhaltlicher Fokus, konnte ich das nur begrenzt einbeziehen, weil die Sendung schon im Programm angekündigt war. Stellte sich im Verlauf des Nachdenkens heraus, dass mich das Thema doch gar nicht so sehr interessierte, musste ich den Beitrag trotzdem fertig machen, denn er war zugesagt – Qualitätsverluste wegen meiner Lustlosigkeit waren dann unvermeidlich.

All diese Zwänge fallen beim Bloggen weg. Ich kann schreiben oder nicht. Ich kann warten, bis ein Thema „fertig“ ist. Ich kann meine Meinung dazu noch beim Schreiben selbst ändern. Die Recherche ist wirklich ergebnisoffen, weil ich nichts vorher schon unter einem bestimmten Fokus an eine Redaktion „verkaufen“ musste.

Überhaupt, ich „muss“ nichts mehr – nichts jedenfalls, wozu ich von außen gezwungen werde. Das „Müssen“ im Bezug auf das Bloggen besteht allein in der inneren Notwendigkeit. Es drängt mich, hierzu etwas zu sagen. Ich fühle die Verpflichtung, mein Wissen um ein Thema in eine öffentliche Diskussion einzubringen, der ansonsten etwas fehlen würde. Über diesen aus meiner Sicht sehr wichtigen Unterschied zwischen Müssen als Zwang und Müssen als Sehen einer Notwendigkeit habe ich an anderer Stelle schon einmal ausführlich geschrieben.

Praktisch heißt das in meinem Alltag, dass ich selbst nicht genau weiß, wann ein Thema die Reife hat, zu einem Blogeintrag zu werden. Ich beobachte, dass ich selbst nur teilweise daran beteiligt bin: Es „passiert“ irgendwie – eben im Verlauf der oben erwähnten Stunde. Oft ist es ein kleiner äußerer Anstoß: Beim vorigen Post zum Thema Ehenamen war es eine kleine Zeitungsnotiz, die mich an den Computer trieb. Bei diesem Post war es ein Link zu einem dieser zahlreichen „Blogexperten“, der empfahl, sich selbst Zwänge aufzuerlegen, um „erfolgreich“ zu bloggen – und daran merkte ich, dass ich dazu dringend etwas anderes sagen will.

Ein Blogeintrag kommt also dann zustande, wenn ein Thema, das mich innerlich bewegt, über das ich viel nachgedacht habe und zu dem ich Wesentliches beitragen kann, auf einen öffentlichen Diskurs trifft, und es mir ein Bedürfnis ist, mich daran zu beteiligen. Und dieses Bedürfnis muss dann auch noch eine bestimmte Stärke haben – nämlich eine Stärke, die groß genug ist, meine Trägheit, den Zeitmangel, oder was es noch an äußeren Hindernissen geben mag, zu überwinden. Meine Gedanken und Ideen dazu müssen mich auf eine Art und Weise beschäftigen, dass ich sie nicht beiläufig beiseite legen kann. Mit anderen Worten: Es geht hier zentral um das Begehren, das Feministinnen schon länger als wichtiges Kriterium für weibliche Freiheit in der Welt diskutieren.

Dass zusätzlich auch noch äußere Zufälle diesen Prozess beeinflussen (habe ich gerade Zeit zum Schreiben, bin ich gesund, funktioniert mein Computer, muss ich nicht gerade auf meine Neffen aufpassen oder das Essen kochen, zu dem ich in zwei Stunden Gäste erwarte), widerspricht dem nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn man das menschliche Tätigsein als ein Wechselspiel zwischen der Person, den anderen Menschen und der Welt und ihren Notwendigkeiten begreift und nicht als Stempel, den ein angeblich autonomes Subjekt der Welt aufdrückt.

Der Übergang vom klassischen Journalismus, der den öffentlichen Diskurs unter Bedingungen einer materiellen Mangelsituation organisierte, hin zum Bloggen als einer Möglichkeit, das Begehren der Beteiligten als eine Ressource zu sehen, die gerade nicht äußerlichen Zwang, sondern innere Notwendigkeit zum Ausgangspunkt hat, hat viel Ähnlichkeit mit der Unterscheidung, die Hannah Arendt zwischen Herstellen und Handeln getroffen hat.

„Herstellen“ bezieht sich auf ein Produkt, für das ich Pläne entwerfe und Mittel suche, um es zu realisieren, beispielsweise einen Stuhl. „Handeln“ hingegen bedeutet, sich mit der eigenen Person und Subjektivität in das „Bezugsgewebe der menschlichen Angelegenheiten“ (Arendt) einzuknüpfen. Im klassischen Journalismus musste sich beides notwendig vermischen. Jeder Beitrag zu einer öffentlichen Diskussion ist natürlich diesem Sinn Handeln. Aber unter den materiellen Produktionsbedingungen von Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen nahm der Aspekt des Herstellens zwangsläufig großen Raum ein. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum es so schwer ist, Blogs zu monetarisieren: Dass ich für einen Stuhl, den jemand anderes gebaut hat, Geld bezahle, ist mir einsichtig, weil der Stuhl ein materielles Produkt ist. Dass ich für einen Diskussionsbeitrag Geld bezahlen soll, ist mir aber kaum einsichtig: Da besteht meine Gegenleistung eher darin, dass ich ihm Aufmerksamkeit widme.

Wenn zurzeit sentimental erinnert wird, wie groß früher die Bereitschaft gewesen sei, für journalistische Inhalte Geld zu bezahlen, dann wird diese materielle Seite selten erwähnt, aber sie war meiner Ansicht nach Ausschlag gebend: Mein Zeitungsabo bezahle ich, weil ich einsehe, dass jemand das Papier kaufen, es bedrucken und in meinen Briefkasten tragen muss. Ich bezahle also gefühlt den Aspekt des „Herstellens“ der Zeitung und nicht den Aspekt des „Handelns“. Diese materiellen Seiten machen bei einem Printprodukt ungefähr vier Fünftel der Kosten aus (jedenfalls wenn ich die Publikationen zugrunde lege, über deren Kostenstruktur ich Bescheid weiß).

Beim Bloggen wird dieser Aspekt stark reduziert. Es gibt dabei nur sehr geringe „Herstellungskosten“. Deshalb kann ich dafür auch schlecht Geld verlangen. Mein „Lohn“ ist, dass ihr das lest und ernsthaft über meine Thesen nachdenkt.

Ich halte es für eine große Chance, dass wir deshalb beim Reflektieren über den Sinn und  Unsinn des Publizierens heute den Aspekt des Handelns in den Vordergrund stellen können, der ja der viel interessantere und wichtigere Aspekt ist. Und genau deshalb ist es schade, wenn die Potenziale des Bloggens heute meistens am Vergleich mit dem klassischen Journalismus gemessen werden. Wenn hier eine „Professionalität“ zum Ideal wird, die nicht auf das Begehren setzt, sondern auf Effizienz und Reichweite – Kritierien, die einfach nicht mehr sinnvoll sind, wenn wir es nicht mehr mit einem Mangel an Publikationsmöglichen zu tun haben.

Stattdessen können wir doch die Fülle genießen, die es bedeutet, fast ohne materielle Kosten publizieren zu können. Sich dabei vom eigenen Begehren leiten zu lassen – sowohl auf Seiten der Schreibenden als auch auf Seiten der Lesenden und Kommentierenden – bedeutet nicht Egoismus oder eine unverbindliche „Fungesellschaft“. Es ist im Gegenteil der Motor, das Notwendige in der Welt zum Zirkulieren zu bringen – und nicht bloß das, was Geld bringt oder politisch instrumentell opportun ist.

Deshalb werde ich auch weiterhin meine Blogposts nicht planen, sondern auf mich zukommen lassen. Ich werde mich nicht selbst zum Schreiben zwingen, sondern mich dem „Zwang“ überlassen, der mich zum Schreiben drängt. Ich werde nicht versuchen, die Kontrolle über meinen Blog auszuüben, sondern gewissermaßen dabei zusehen, wie sich die starre Grenze zwischen Subjekt und Objekt auflöst.

Und so wusste ich vor einer Stunde noch nicht, dass ich diesen Blogpost schreiben würde. Ich hatte geplant, diesen Vormittag mit ganz anderen Dingen verbringen. Aber dann kam dieser Link zu diesem „Blogexperten“, im mir regte sich Ärger, ich hatte zufällig Zeit. Und deshalb ist es mir – und euch – passiert, dass das jetzt hier steht. Macht damit, was ihr wollt. Nicht „ich“ mache meinen Blog erfolgreich, sondern wenn überhaupt das Zusammenwirken von mir, den anderen und der Welt und ihren Notwendigkeiten.

Ich bin überzeugt, dass uns diese Perspektive die Möglichkeit einer Qualität eröffnet, die der klassische Journalismus nie erreichen konnte. Damit sie sich entfalten kann, brauchen wir jedoch den Mut, uns von alten Konzepten zu lösen und uns diesem nicht planbaren, nicht herstellbaren Wechselspiel auszuliefern – inklusive der damit verbundenen Zufälligkeiten und Unwägbarkeiten.

Achja, und die Sache mit dem Geld müssen wir ohnehin ganz anders regeln.



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