Die Welt, die von mir unabhängt

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Im Bezug auf politisches Engagement gibt es zwei Haltungen, zwei Gruppen von Leuten, die mich gleichermaßen nerven.

Auf der einen Seite diejenigen, die sich und ihre jeweiligen Aktionen ungeheuer wichtig nehmen, sodass man oft den Eindruck hat (und zuweilen verbreiten sie diesen Eindruck sogar selbst), dass wenn man sich nicht unmittelbar mit Haut und Haaren an ihren Aktionen beteiligt, morgen die Welt untergeht.

Auf der anderen Seite die, die Politik für etwas halten, das nur die anderen etwas angeht, und die von sich das Bild des „kleinen Rädchens“ pflegen, auf dessen Handlungen es ja sowieso nicht ankommt.

Letztlich sind beide Varianten auf dieselbe Weise schädlich. Einen Mord kann man zum Beispiel von beiden Warten aus begehen: Im ersten Fall tötet man Feinde, Ungläubige, Kriminelle im Namen der „guten Sache“, denn da ja alles von mir und meinen Aktionen abhängt, bin ich auch berechtigt (oder, vornehmer gesagt, leider gezwungen), zu drastischen Maßnahmen zu greifen. Und andersrum kann man einen Mord auch begehen, weil man die Bedeutung des eigenen Handelns für die Welt unterschätzt: Auf mich kommt es ja ohnehin nicht an. Oder: Ich gehorche doch nur einem Befehl, nehme meine Chancen auf dem globalisierten Markt wahr, Verluste sind zwar bedauerlich, aber was habe ich als einzelne Person denn schon für einen Einfluss auf den Lauf der Dinge…

Man könnte die beiden Positionen vielleicht als „Größenwahn“ versus „Schicksalsergebenheit“ beschreiben. Sie sind nicht einfach eine persönliche Macke, sondern dieser Gegensatz durchzieht, wenn man mal genauer hinschaut, einen Großteil der westlichen Philosophie.

Zum Beispiel den Streit zwischen Moderne und Postmoderne – während man früher glaubte, dass der Mensch als Subjekt die Natur und sein Schicksal unterwerfen und in den Griff kriegen kann, bezweifelt ein postmoderner Relativismus die Möglichkeit, überhaupt einen freien Willen zu haben. Sind wir doch alle sowieso viel zu sehr geprägt von den Umständen. Eine biologistische Variante davon ist der Streit um die Hirnforschung: Ging man früher davon aus, dass der heroische (männliche) Geist über die Niederungen des Körpers erheben und sich von ihnen befreien kann (oder zumindest können sollte), sieht es für manche so aus, als seien wir durch unsere Gehirne (wahlweise auch die Gene) ohnehin komplett fremdgesteuert.

Dass dies ein falscher Dualismus ist, beschäftigt viele feministische Denkerinnen schon lange, aber bisher fehlte mir ein Begriff, mit dem sich das umschreiben lässt, der einen anderen Standpunkt beschreibt und nicht nur zwischen den beiden Gegensätzen hin- und herpendelt oder versucht, sie irgendwie auf einen Nenner zu bringen.

In dem neuen Buch der italienischen Diotima-Philosophinnen „Immaginazione e politica“ habe ich nun eine Formulierung gefunden, der das vielleicht gelingt. Annarosa Buttarelli zitiert in ihrem Aufsatz „Politica dell’altro mondo“ einen Satz der brasilianischen Schriftstellerin Clarice Lispector, die in ihrem Roman „Die Passion nach G.H.“ an einer Stelle schreibt, dass „die Welt von mir unabhängt“.

Buttarelli kommentiert das so: „Zu sagen, dass die Realität von uns unabhängt, korrespondiert mit dem Versuch zu sagen, dass wir eine Beziehung zur Realität haben können, in der aber ihre Unabhängigkeit aufbewahrt ist. Es ist das Bewusstsein, dass das Hervorbringen der Bedeutung von Realität davon abhängt, dass wir über sie nachdenken und davon sprechen. Auf diese Weise wird jeder Dualismus, in dem die philosophischen Realismen gefangen sind, außen vor gelassen. Es spricht uns nicht frei von der Verantwortung, Fragen zu stellen, vor allem aber beauftragt uns diese Sichtweise, der Realität eine Stimme zu geben. Jener Realität, die sich genau in dem Moment authentisch unserem komplexen Denken zeigt, in dem wir in der Lage sind, ihre Unabhängigkeit und Andersheit wahrzunehmen.“

Ich finde das eine inspirierende Weise, mich selbst und mein Engagement innerhalb der Welt zu positionieren. Weder hängt die Welt von dem ab, was ich tue (was wir Menschen überhaupt tun). Aber sie „ist“ auch nicht einfach unabhängig von uns. Sondern sie „unabhängt“ von uns. Es gibt eine Beziehung. Mein Beitrag zur Welt ist ein aktiver, aber er besteht weder darin, die Welt in meinem Sinne zu beeinflussen, also irgendetwas mit ihr „zu machen“, und auch nicht darin, ihr bei ihrer Entwicklung einfach nur “neutral” zuzuschauen.

Mein Beitrag besteht darin, zu sehen, zu durchdenken und immer wieder auszusprechen, dass sie – die Welt und die Realität – für mich, für uns Menschen, nicht verfügbar ist. Dass wir die Folgen unseres Handelns nicht vorhersehen können. Dass jederzeit Dinge geschehen können, von denen wir dachten, sie seien unmöglich. Und daraus müssen dann natürlich konkrete politische Maßnahmen und Handlungsoptionen entwickelt werden, wie wir die Gesellschaft und unser Zusammenleben auf eine Weise regeln können, die dieser Tatsache Rechnung trägt.


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Elinor Ostrom: Es gibt keine Allheilmittel

Elinor Ostrom bei ihrem Vortrag in Frankfurt. Foto: Antje Schrupp

Bei einer Gastvorlesung am vergangenen Mittwoch (23. Juni) an der Frankfurt School for Finance and Management stellte Elinor Ostrom ihre Forschungsergebnisse vor. In mehrjährigen Feldstudien in Afrika, Asien und Lateinamerika hat die 76 Jahre alte Professorin der Indiana University zusammen mit Kollegen und Kolleginnen untersucht, wie, wo und warum sich Menschen für den Schutz und den Erhalt natürlicher Ressourcen einsetzen – und wo nicht. Die Ergebnisse der aufwändigen Untersuchungen sind letzten Endes eigentlich banal, umso erschreckender aber ist, dass sie quer stehen zu gängigen ökonomischen Theorien und auch zu dem, was der internationalen Politik in Sachen Klimaschutz einfällt.

Ihre Thesen, kurz zusammengefasst:

1. Es gibt keine Allheilmittel. Was in dem einen Fall funktionieren kann, funktioniert woanders vielleicht nicht. Es gibt im Hinblick auf Klimaschutz kein spezielles “set of rules”, das man “anwenden” kann.

2. Es ist eine falsche Alternative, die Frage zu stellen, ob nun staatliche oder privatwirtschaftliche Organisation die richtige ist. Beides kann funktionieren, beides kann versagen, außerdem gibt es daneben eben auch noch andere mögliche Organisationsformen wie etwa die der Gemeingüter, also gemeinschaftliches Besitzrecht.

3. Was auf dem Papier steht – etwa Verträge zum Naturschutz – steht eben nur auf dem Papier. Er wird viel zu viel (politische) Aufmerksamkeit darauf gerichtet, was in Verträgen und Regelungen ausgehandelt wird und viel zu wenig Aufmerksamkeit darauf, was davon dann im konkreten Fall auch umgesetzt wird und was nicht. “Rules on paper” und “Rules in use” sind zwei grundverschiedene Sachen.

4. Wenn man versucht, am grünen Tisch (etwa zwischen Staaten oder auch zwischen NGOs und Regierungen) ausgehandelte Regeln zum Naturschutz auf ein konkretes Gebiet anzuwenden, funktioniert das in der Regel nicht. Regeln werden nur eingehalten, wenn alle relevanten Akteure und Akteurinnen (die Politiker, die Menschen, die in dem Gebiet wohnen usw.) sie selbst erarbeitet haben.

5. Es ist wichtiger zu beobachten, ob eine Regel funktioniert, als zu untersuchen, warum sie funktioniert. Regeln können funktionieren, auch wenn man sozialwissenschaftlich nicht versteht oder erklären kann, warum. Sie können aber nicht von einem Ort an einen anderen einfach übertragen werden.

6. Wir brauchen eine Vielfalt der Institutionen genauso wie biologische und kulturelle Vielfalt. Institutionelle Monokulturen sind nicht robust.

7. Akteure von außen (Regierungen, NGOs) tun gut daran, das Wissen der ansässigen Bevölkerung um die komplexen Strukturen an dem jeweiligen Ort einzubeziehen. Komplexität ist zu akzeptieren und nicht zurückzuweisen.

8. Es ist zwar durchaus möglich, Abkommen zum Naturschutz von außen durchzusetzen (etwa den Schutz der Grenzen von Naturschutzgebieten), aber nur, wenn man dem Wachpersonal sehr viel Geld bezahlt. Nachhaltiger ist es, die örtliche Bevölkerung selbst dafür zu gewinnen, solche Abkommen zu respektieren und ihre Einhaltung selbst zu überwachen. Erfahrungsgemäß funktioniert das besser, wenn man ihnen eine teilweise Nutzung der zu schützenden Ressourcen ermöglicht.

9. Bei der Ausarbeitung von Regeln zum Naturschutz ist es wichtiger, darauf zu achten, dass sie robust sind, als wie effektiv sie sind. Wenn man sich an größtmöglicher Effektivität orientiert, sind die Maßnahmen meist nicht von langer Dauer. Wenn man die Regeln auf bestimmte Problemsituationen zuschneidet, werden sie anfälliger für andere Problemsituationen. Hier sieht Ostrom Forschungsbedarf in zeitlicher Hinsicht: Wie werden Klimaschutzmaßnahmen in der Region von Generation zu Generation weitergegeben?

Eigentlich sind diese Ergebnisse nicht wirklich überraschend, sondern bestätigen sich im normalen Lebensalltag. Umso erstaunlicher, dass über Ostroms Vortrag – so etwa im Börsenblatt – unter Titeln wie “Nobelpreisträgerin fordert Ökonomie heraus” berichtet wird. Vor allem aber fordert sie eigentlich die Politik heraus, denn die sieht ja noch mehr als die Privatwirtschaft ihre eigene Aufgabe darin, möglichst hieb- und stichfeste internationale Regeln und Abkommen zu formulieren, meist mit heftigen Debatten um die minimalsten Details.

Dass Ostrom im Oktober 2009 zusammen mit Oliver Williamson den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften gewonnen hat, bringt sie – und ihre Forschungen – nun mehr ins Rampenlicht. Sie werde zunehmend als Beraterin angefragt, in letzter Zeit auch im Hinblick auf Gesundheitsversorgung, die ja ebenfalls idealerweise als Gemeingut organisiert wird.

Allerdings werde sie auch häufig noch gefragt, welche “Antwort” sie denn für dieses oder jenes Problem hätte. Ihre Antwort ist: Dass es eben keine allgemeine Antwort geben kann. Sondern dass man sich vor Ort, in die konkrete Situation begeben muss, um zusammen mit den dort ansässigen und beteiligten Menschen Antworten zu finden. “Dabei sollte man mehr Fragen stellen als Vorgaben machen”, rät sie den internationalen Organisationen.


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Rassismus und Homophobie. Einige Gedanken zu Judith Butler und dem CSD

Die Diskussionen über Judith Butlers Ablehnung des CSD-Zivilcourage-Preises (hier ein Video von ihrer Rede) berühren einen Punkt, der mich schon länger beschäftigt. Und zwar die Tendenz, dass politische Debatten, gerade unter Linken, häufig auf eine gewisse Konkurrenz darum hinauslaufen, wer die radikalere Theorie und die korrekteste Analyse der Situation liefert. Das führt dann leicht zu moralischen Aufteilungen in die „Guten“ und die „Bösen“.

Spontan fand ich Butlers Aktion sehr sympathisch, denn dass die inhaltlich (überwiegend) Recht hat, liegt meiner Ansicht nach auf der Hand: Es gibt rassistische Äußerungen und fremdenfeindliche Attitüden in der Szene. Und die werden zu selten thematisiert. Ebenso ist natürlich richtig, dass durch die Entwicklung hin zu einer rechtlichen Gleichstellung schwuler und lesbischer Paare eine „Mainstreamisierung“ stattgefunden hat. Immer wenn eine Bewegung sich Richtung „Mitte der Gesellschaft“ bewegt, verliert sie einen Teil ihrer Radikalität und hört auf, gesellschaftliche Verhältnisse an der Wurzel zu kritisieren – in diesem Fall ist das die Orientierung an der bürgerlichen Ehe. Jeder „Einschluss“ einer ehemals marginalisierten Gruppe führt zu neuen Ausschlüssen und so weiter. Das geht ja der Frauenbewegung genauso.

Es ist in diesem Zusammenhang relativ leicht, das zu analysieren und radikal, hieb- und stichfeste Thesen aufzustellen, ich selbst neige da auch gerne mal zu. Das läuft allerdings leicht auf eine moralische Schiene hinaus und führt zu einer Konkurrenz darum, wer radikaler ist und mehr Recht hat als die anderen. Und das bringt uns meiner Ansicht nach nicht weiter.

Die eigentliche Herausforderung besteht darin, angesichts dieser Differenzen gangbare politische Handlungsoptionen in einer konkreten Situation zu entwerfen. Denn die politische Kultur verändert sich nicht dadurch, dass wir immer ausgefeiltere Theorien haben – davon werden sich die „Gegner_innen“ kaum überzeugen lassen. Gerade bei so heiklen und alltagsrelevanten Themen wie sie die Freiheit von Schwulen und Lesben, von Transgender und letztlich sogar von Frauen insgesamt betrifft.

Also: Zu wissen, dass auch die Schwulen und Lesben nicht vor Rassismus gefeit sind, ist das eine. Die spannende Frage ist aber: Was kann ich dagegen tun?

Ein Beispiel, das ich selbst erlebt habe: Ich war bei einer Veranstaltung in einem Frauenzentrum, organisiert von netten Lesben. Es ging um lesbische Politik, wir hatten gute Diskussionen, und anschließend gingen wir noch in die Kneipe. Da kam das Thema dann auf den Islam, und es zeigte sich, dass eine der Organisatorinnen, die ich vorher sehr sympathisch gefunden hatte, extreme anti-muslimische Ressentiments hatte. Das ging soweit, dass sie uns anderen anschrie, entrüstet den Raum verließ, dann wiederkam und erzählte, dass sie sich in Geschäften grundsätzlich nicht von Verkäuferinnen bedienen lässt, die Kopftuch tragen.

Natürlich war sie ein Paradebeispiel für das, was Judith Butler (zu Recht) kritisiert. Aber was hilft mir es in so einer Situation, das zu wissen? Nicht viel. Das, was mir übrig bleibt, ist die Beziehung stark zu machen. In diesem Fall haben wir anderen diese Frau mit der Tatsache konfrontiert, dass wir nicht ihrer Meinung sind. Dass wir sie für falsch und gefährlich halten. Wir haben von ihr verlangt, dass sie sich damit auseinandersetzt, woher ihre Islamophobie kommt – und zwar gerade weil wir mit ihr befreundet sind. Ich halte das für viel versprechender, als die Beziehung zu beenden, also etwa zu sagen: Du bist rassistisch, du darfst bei unseren Veranstaltungen nicht mehr mitmachen.

Genauso ist es übrigens anders herum, bei der Kritik an Homophobie. Meiner Erfahrung nach gibt es tatsächlich einen Unterschied zwischen „westeuropäisch-liberaler“ Homophobie und Homophobie mit anderen kulturellen Hintergründen. Die westeuropäische funktioniert eher in die Richtung: „Schwule und Lesben sind doch gleichgestellt, jetzt lasst uns mit dem Thema in Ruhe und küsst euch nicht in der Öffentlichkeit“. Menschen mit anderen kulturellen Hintergründen stehen häufig viel offener zu ihrer Homophobie, weil diese Haltung in ihren sozialen Kontexten als „normal“ gilt.

Wenn politische Vermittlungsarbeit hin zu freiheitlichen Strukturen, wie ich behaupte, nur im konkreten Fall möglich ist, dann bedeutet das, dass auch hier je nach Situation unterschiedlich argumentiert werden muss. Ich muss keine abstrakten Positionen haben, sondern den jeweiligen individuellen Menschen sehen, der gerade mit homophoben (oder eben rassistischen) Einstellungen vor mir steht. Überlegen, wo hier, bei ihr oder ihm, ein Ansatzpunkt wäre, um ins Grübeln zu kommen. Jedenfalls bringt es dann nichts, auf eine „richtige“ Theorie zu verweisen oder moralische Keulen ins Spiel zu bringen. Gute Erfahrung habe ich gemacht mit einer Mischung aus echtem Interesse an der Position der anderen und der Entschlossenheit, den Konflikt hier und jetzt auszutragen (und nicht aus Harmoniegründen gleich das Thema zu wechseln).

Also im oben geschilderten Fall: Es hat mich wirklich interessiert, zu erfahren, woher diese heftigte antimuslimische Reaktion dieser ansonsten sehr sympathischen und politisch klugen Lesbe kam. Gleichzeitig war es notwendig, dass wir uns gestritten haben und dieses Thema nicht um einer vordergründigen Solidarität wegen umschifften.

Meine Erfahrung ist aber auch, dass man mit diesen Diskussionen irgendwann an einen Punkt kommen kann, wo man sagen muss: Mehr ist in dieser Situation nicht möglich. Das Entscheidende ist dann nicht, die Beziehung abzubrechen, weil der andere eine politisch nicht haltbare Meinung vertritt, sondern es immer wieder neu zu versuchen, diese Grenzen aufzubrechen. Vielleicht kommen wir morgen weiter.

Update vom 30.7.2010: In der Jungle World gibt es jetzt es ein ausführliches Interview mit Judith Butler, in dem sie ihre Position genau erklärt.


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Geborgenheit und Mut

Muenkler_Sicherheit Sicherheit und Unsicherheit sind die großen Themen des 21. Jahrhunderts. Vom Abbau der sozialen Sicherungsnetze über Terrorismus und Datensicherheit im Internet bis zu Finanzkrisen, Ölpest, Tsunami und Klimawandel. Unter dem Titel „Sicherheit und Risiko. Über den Umgang mit Gefahr im 21. Jahrhundert“ rollt ein neuer Sammelband das Thema auf. Er ist aus einer Ringvorlesung an der Berliner Humboldt-Uni hervorgegangen.

Im einführenden Beitrag zeigt Herfried Münkler aus ideengeschichtlicher Perspektive, wie sich im Übergang von Mittelalter zu Neuzeit der Umgang mit Gefahren verändert hat: nämlich weg von dem „die Sicherheit der Burg verlassenden und in die Welt hinausziehenden Ritter“, der bedingungslos agiert, hin zum „Risikokalkül des Kaufmanns“, der die Gefahren und das Wagnis „durch Berechnung zähmt“.

Eine interessante Analyse, die offensichtlich eng verknüpft ist mit Vorstellungen von Männlichkeit: „Den Helden interessiert der Sieg, den Kaufmann der Gewinn.“ Und die Frau? Wie ist sie von all dem betroffen, und vor allem, was denkt sie dazu?

Die Frage habe ich mir beim Lesen der sehr unterschiedlichen und teilweise disparaten Beiträge des Buches häufig gestellt, beantwortet wird sie aber nicht, da sich der Band ganz auf die männliche Ideengeschichte beschränkt. Das ist wohl auch der Grund, warum das Thema unter einer dualistischen Perspektive betrachtet wird – die Welt dualistisch, also in vermeintlichen Gegensätzen zu verstehen ist das wesentliche Merkmal der männlichen symbolischen Ordnung.

Die politische Herausforderung, so etwa Münklers Analyse, bestehe darin, „Kulturen der Sicherheit“ und „Kulturen des Risikos“ miteinander zu vermitteln. Eine reine Kultur der Sicherheit, die ein paternalistischer Staat gewährleisten soll, führe zu dem Dilemma, dass die Sicherheitserwartungen in der Bevölkerung immer weiter steigen, sodass sie am Ende nicht erfüllt werden können. Eine reine Kultur des Risikos hingegen tendiere dazu, die schädlichen Folgen und Konsequenzen auf die Allgemeinheit abzuwälzen. Deshalb, so Münklers Schlussfolgerung, müsse man beides ausbalancieren, so „dass die sich selbst antreibende Spirale wachsender Sicherheitsbedürfnisse angehalten, wird, während gleichzeitig dafür gesorgt wird, dass die Kulturen des Risikos nicht hegemonial auf die sie umgebenden Welten der Sicherheit übergreifen.“

Das ist kurzfristig pragmatisch wahrscheinlich gar nicht falsch, allerdings spricht derzeit wenig dafür, dass dieser Balanceakt gelingen könnte, wie ein beliebiger Blick in die Zeitung zeigt.

Deshalb denke ich, dass wir zusätzlich auch den grundlegenden Wandel von der „Gefahr“ zum „Risiko“ noch einmal neu denken müssen. Was mir in Münklers Analyse fehlt, ist vor allem der Aspekt der Beziehung, oder konkret die Frage: Wer bezahlt den Preis? Um es an einem der im Band vorgestellte Beispiele selbst zu erläutern: Der Kaufmann, der fünf Schiffe von Indien nach Europa auf die Reise schickt, riskiert zwar den Verlust seines Vermögens. Für die Seeleute auf den Schiffen ist die Havarie aber kein Risiko, sondern weiterhin eine Gefahr, der sie sich – wie ehedem die Ritter – bedingungslos aussetzen: Geht das Schiff unter, sind sie zu hundert Prozent tot.

Die qualitative Veränderung, die die ideengeschichtliche Umwandlung von „Gefahren“ in „Risiken“ bedeutete (die sich am Beginn der Neuzeit vollzog und auch die rational-wissenschaftliche Epoche in Westeuropa einläutete), war schlichtweg deren Ökonomisierung: Indem man sich gegen Unglücksfälle versichert, kann man Verluste bis zu einem gewissen Grad abmildern. Doch das ist nur möglich, wenn man auch die damit einhergehenden Beziehungen abstrahiert. Man trauert nicht um die toten Matrosen, sondern verbucht sie als Verluste.

Die Betrachtung einer Unternehmung unter der Risikoperspektive (banal ausgedrückt in der betriebswirtschaftlichen Frage: Rechnet sich das?) ist also nur aus einer Herrschaftsperspektive möglich. Ihre Problematik kommt nur deshalb jetzt in die öffentliche Debatte, weil so langsam klar wird, dass diese monetäre Absicherung nicht mehr nur qualitativ, sondern auch quantitativ nicht mehr funktioniert: Der Schaden, der durch Ölkatastrophen wie jetzt im Golf von Mexiko oder durch die heutigen Finanzmarktblasen entsteht, ist schlichtweg nicht mehr bezahlbar. Das Konzept „Risiko kalkulieren“ hat sich längst ins Absurde gewandelt.

Was wäre aber die Alternative? Ich denke, ein erster Schritt wäre es, die Gegenüberstellung von „Risiko“ und „Sicherheit“, diesen alten Streit unter Männern (Abenteurern auf der einen, Spießbürgern auf der anderen Seite), aufzugeben. Münkler selbst legt dazu bereits eine Fährte, wenn er den Begriff der Geborgenheit einführt: „Geborgenheit bezeichnet einen Zustand, in dem Selbst und System nicht in einem Verhältnis der Komplementarität für die Herstellung von Sicherheit bzw. Sicherheitsgefühlen zuständig sind, sondern beides gegeben ist und durch eine übergeordnete Macht in Ordnung gehalten wird. In dieser Vorstellung von Geborgenheit werden immer auch Erinnerungen an eine glückliche und behütete Kindheit aufrechterhalten. Man kann darum auch von einer paternalistischen Sicherheit sprechen, wobei der familiale Vater durch den Landesvater, den Staat oder Gott abgelöst werden kann bzw. abgelöst werden muss.“

Aber: Ist es denn wirklich der Vater, der (ideengeschichtlich wie konkret) für kindliche Geborgenheit steht – oder ist es nicht vielmehr die Mutter? Immerhin befinden wir uns hier ja in der Analyse klassischer, patriarchaler Familienstrukturen, die mütterliche und väterliche Aufgaben strikt voneinander unterschieden haben. Und der Part des „Geborgenheit Gebens“ war eher der mütterliche, während der Part des Vaters eher das „Ordnung Schaffen“ war: Geborgen fühlte man sich im Schoß der Mutter, in den man sich flüchtete, um sich nach den väterlichen Stockschlägen auszuweinen.

Münkler beschreibt sehr zutreffend, welche fatalen Folgen das patriarchale, also vom pater familias abgeleitete Staatsverständnis hatte, das „zum Einfallstor für autoritäre politische Ordnung werden“ kann. Und weiter: „Hier liegt zugleich der Quellgrund für die zuletzt häufig apostrophierte Entgegensetzung von Sicherheit und Freiheit, die keineswegs prinzipieller Art ist, sondern aus bestimmten Sicherheitsvorstellungen erwächst.“

Die Frage müsste also nicht lauten, wie wir Sicherheit, so wie sie bisher definiert wurde (als möglichst große Risikominimierung), herstellen können, sondern ob wir nicht ein anderes Verständnis von Sicherheit erwerben könnten. Ein eher mütterliches als ein väterliches? Und: Müsste man dann nicht auch das Verständnis von Risiko und Freiheit verändern?

Der erste, wichtigste (und damit zusammen hängende) Schritt wäre es jedenfalls, die ideengeschichtliche Analyse nicht länger auf die Ideen von Männern zu beschränken, sondern auch die Ideen von Frauen zu Rate zu ziehen. Schließlich haben sie inzwischen nicht nur dem Patriarchat ihre Gefolgschaft aufgekündigt (das ja für Frauen durchaus nicht nur unterdrückerisch war, sondern auch den Schutz eines „goldenen Käfigs“ beinhaltete), sondern auch schon zahlreiche postpatriarchale Analysen und Ideen hervorgebracht.

Zum Beispiel wird in den meisten feministische Theorien längst die Gegenüberstellung von „Freiheit“ und „Sicherheit“ hinterfragt und grundsätzlich angezweifelt. Wie sich überhaupt gezeigt hat, dass wenn man den grundlegenden Dualismus von Mann und Frau nicht mehr akzeptiert, auch die meisten anderen vermeintlich grundlegenden Dualismen in sich zusammenfallen.

Wenn aber Freiheit nicht länger als Autonomie (also als „Selbstgesetzgebung“, als Unabhängigkeit und beziehungsloser Individualismus) verstanden wird, sondern als „Freiheit in Bezogenheit“, dann lässt sich der männliche Risikobegriff eigentlich nicht mehr aufrechterhalten, der für den eigenen Profit das Leid anderer in Kauf nimmt. Die Herausforderung bestünde also nicht darin, Sicherheit und Risiko gegeneinander „auszubalancieren“, sondern an einer Kultur zu arbeiten, die beides gar nicht mehr als Gegensätze versteht.

Ein guter Ausgangspunkt ist in der Tat die von der Mutter geschenkte „Geborgenheit“. Dabei können wir ja alle auf eigenen Erfahrungen zurückgreifen, schließlich sind wir alle Söhne und Töchter. Und schon eine oberflächliche Beobachtung kindlichen Verhaltens macht klar, dass Kinder keineswegs Sicherheit und Risiko gegeneinander abwägen, sondern dass beides für sie Hand in Hand geht: Gerade weil das Kind sich in Gegenwart der Mutter (und auch der „neuen“, also nicht patriarchalen Väter) geborgen und sicher fühlt, traut es sich, Risiken einzugehen. Allerdings nicht unbedingt die kalkulierenden Risiken des Kaufmanns, die das Leid anderer für den eigenen Vorteil in Kauf nehmen (Da würde die Mutter nämlich schimpfen). Die “Risiken”, die auf der Grundlage von Sicherheit im Sinne von Geborgenheit möglich werden, sind eher solche, bei denen das Terrain des Bekannten und des “Es-war-schon-immer-so” verlassen werden kann, um etwas Neues auszuprobieren. Der Mut zum Ungewissen.

Genau diese Art des Mut habens brauchen wir auch als Erwachsene. Nicht nur für Kinder hat das Sich etwas Trauen in erster Linie mit Vertrauen zu tun – nicht mit dem Blick auf eine Versicherungsprämie, die mich für eventuelle Verluste entschädigt, sondern mit dem Vertrauen auf jene  Geborgenheit, die nur andere Menschen und die Beziehungen, die ich zu ihnen habe, mir gewähren können.

An diesem Risiko ist nichts Heldenhaftes und nichts Kaufmännisches. Und das ist auch gut so. Beides sind nämlich überkommene patriarchale Männerrollen, und weder Helden noch Kaufmänner sind in der Lage, uns heute weiter zu helfen. Auch nicht in einem „ausbalancierten“, vermittelten Zustand. Was wir hingegen brauchen, das sind mutige Menschen, die sich nicht am Überkommenen festklammern, sondern die Neues wagen.

Herfried Münkler, Matthias Bohlender, Sabine Meurer (Hg): Sicherheit und Risiko. Über den Umgang mit Gefahr im 21. Jahrhundert. Transcript, Bielefeld 2010, 26,80 Euro. Inhaltsverzeichnis (pdf)

Hier ein Vortrag von mir zum Thema “Mit (Un)Sicherheit leben”


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Reisen. Urlaub. Arbeit. Leben.

Mein Schmöker im Park, gestern.

Gestern hab ich mir, weil das Wetter so schön war, spontan einen Tag Urlaub genommen und mich mit einem Schmöker in den Park gelegt.

So war jedenfalls meine Definition. Nach herkömmlicher Meinung befinde ich mich sowieso im Urlaub – denn ich bin verreist. Nur dass Reisen für mich ungeheuer anstrengend ist. Da brauche ich dann zwischendurch Urlaub.

Vielleicht sogar mehr, als wenn ich zuhause bin und ins Büro gehe. Da gebe ich mir nämlich viel Mühe damit, dass sich gar nicht erst allzu viel Erholungsbedürfnis ansammelt. Ich finde, wenn die Arbeit so stressig ist, dass man sich einmal im Jahr aufwändig davon erholen muss, ist eh was faul (oder vielmehr: nicht faul genug).

Bist du denn überhaupt richtig im Urlaub, wenn du dauernd bloggst? Das mailte mir eine Freundin. Ja, aber warum sollte ich denn nicht bloggen, wenn mir was einfällt. Ich beantworte übrigens auch „Arbeits-Emails“. Sonst würde mir ja Himmelangst vor dem Haufen, der sich am Ende von drei Wochen angesammelt hätte.

(Eigentlich müsste hier auch noch was zu Twitter und Facebook auf Reisen stehen, aber das hat Michael Seemann schon erledigt.)

Momantan bin ich ja auch offiziell nicht verreist, um mich zu erholen. Es ist nämlich nicht der normale „Erholungsurlaub“, sondern ein zusätzlicher unbezahlter Urlaub. (By the way: Es ist viel zu kompliziert, so was zu organisieren. Es muss mühsam erkämpft, erdiskutiert, individuell verhandelt werden – ist das gerecht gegenüber denen, die sich nicht trauen? Oder die uneinsichtige Chefs haben? Nein! – Ich fordere ein Recht auf unbezahlten Urlaub!)

Mit diesen sechs Wochen bin ich nämlich noch nie ausgekommen. Ich verstehe nicht, wie das möglich ist: 46 Wochen im Jahr dasselbe machen.

Natürlich: Wer so viel Urlaub macht, muss unweigerlich im Urlaub arbeiten, sonst reicht ja auch das Geld nicht.

Es gibt da übrigens einen noch kaum bemerkten zivilen Ungehorsam. Viele Leute machen ja in ihrem „Erholungsurlaub“ Vietnam und Kambodscha in zehn Tagen oder etwas dergleichen. Ich stelle mir das nicht sehr erholsam vor. Was sagen eigentlich die Arbeitgeber dazu? Ich warte nur drauf, dass es die ersten Abmahnungen gibt, wenn Leute nicht erholt genug aus dem Urlaub zurückkommen.

„Mal raus kommen aus dem alltäglichen Trott“. Das scheint vielleicht ein kleiner gemeinsamer Nenner zu sein. Allerdings: Wenn der Urlaub nur die Funktion hat, dass man sich hinterher wieder schön mit dem Alltagstrott arrangiert, dann ist das ja auch nicht das Wahre.

Worum es geht, sind Perspektivenwechsel. Manches muss man mit eigenen Augen sehen. Orte sind wichtig, manches kann der Geist alleine nicht erforschen, da muss der Körper mit hin. Die Augen sehen aber nur, was der Geist mitdenkt. Man kann auch verreisen und dabei nur einen vorgefertigten Film im Kopf abspulen.

Man kann auch den Alltagstrott mitnehmen woandershin. Manchmal muss man das sogar, um im Neuen nicht desorientiert zu verschwimmen.

Und wer weiß: Womöglich lernt und erfährt man etwas, das sich hinterher auch noch zu Geld machen lässt.

Das alles ist jedenfalls kompliziert. Reisen, Urlaub, Arbeit, Freizeit – so richtig helfen diese alten Begriffe aus dem Industriezeitalter nicht mehr weiter.

Vielleicht nennen wir es vorläufig einfach Leben.

Einige Anmerkungen zu Sarrazins „Verdummungsthese“ und der Demografie generell

Okay, eigentlich ist der Ärger über die jüngsten Äußerungen von Thilo Sarrazin schon groß genug, aber weil das Thema Demografie eins meiner Lieblingsthemen ist, möchte ich nun noch ein paar Anmerkungen hinzufügen.

Sarrazin, Bundesbank-Vorstand und SPD-Politiker, hat Zeitungsmeldungen zufolge gesagt, „die Deutschen“ würden „verdummen“, weil Kinder von “aus der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika” eingewanderten Familien weniger Bildung hätten als bio-deutsche und diese Familien zudem überdurchschnittlich viele Kinder bekämen. Es geht dabei weniger um Rassismus (er hat ja nicht gesagt, dass es an ihren Genen liegt, zumindest könnte er ebenso gut die kulturellen Hintergründe gemeint haben), sondern um Demografie – nämlich um die Zusammensetzung der Bevölkerung und ihren Einfluss auf die zukünftige gesellschaftliche Entwicklung.

Dass Demografie in Deutschland überhaupt ein Thema ist, ist ein relativ junges Phänomen. Nach der rassistischen Selektionspolitik der Nazis – Menschen „jüdischer“ Herkunft umbringen, Menschen „arischer“ Herkunft zum Kinderkriegen animieren – hat man das Thema in den Nachkriegsjahrzehnten vorsichtshalber links liegen lassen. Erst als das Statistische Bundesamt 2003 eine Prognose veröffentlichte, wonach die Bevölkerung in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten deutlich veraltern wird, flammten plötzlich aufgeregte Demografiedebatten auf, und zwar unter dem Fokus: Woher kriegen wir mehr Kinder?

Die Antwort ist einfach: Nirgendwoher. Die Fertilitätsrate in Deutschland liegt seit etwa 35 Jahren (seit dem „Pillenknick“ Mitte der 1970er) ziemlich stabil bei ungefähr 1,5 Kindern pro Frau. Was sinkt, das ist die Geburtenrate, also die Zahl der pro tausend Einwohner_innen geborenen Kinder. Der Grund dafür ist aber nicht, dass Frauen plötzlich weniger Kinder bekämen, sondern dass der Anteil der Frauen im gebärfähigen Alter kleiner wird: Wenn der Altersdurchschnitt der Bevölkerung ansteigt, sinkt die Geburtenrate zwangsläufig.

Alle gut gemeinten Maßnahmen für „mehr Kinder“ wie etwa das Elterngeld können dagegen nichts ausrichten. Die wenigsten Menschen machen nämlich so eine weit reichende und existenzielle Frage wie die, ob (und wie viele) Kinder sie haben wollen, von ein paar hundert Euro abhängig oder davon, ob es einen Krippenplatz gibt. Das soll nicht heißen, dass solche Maßnahmen nicht wünschenswert wären, das sind sie aus hunderterlei Gründen. Man sollte sich nur nicht der Illusion hingeben, damit die Zahl der Geburten nennenswert steigern zu können.

Die Frage, wie viele Kinder Menschen bekommen, ist ein sehr komplexer kultureller Faktor. Der Hauptgrund für die niedrigen Kinderzahlen in Deutschland (wie in der westlichen Welt überhaupt) liegt darin, dass Kinder hier nicht selbstverständlich zum Leben dazu gehören. Die Entscheidung für ein Kind – und zwar für jedes Kind neu – will gut überlegt sein muss bewusst getroffen werden. Und das ist kein neues Phänomen, sondern bereits hundert Jahren alt. Der entscheidende „Geburtenknick“ in Deutschland fand nämlich weder in den 1970ern noch gar in letzter Zeit, sondern bereits zwischen 1910 und 1920 statt: Damals sank in nur einem Jahrzehnt die durchschnittliche Kinderzahl von über fünf auf nur noch zwei Kinder pro Frau.

Diese Mentalität der bewussten Familienplanung ist übrigens in allen westlichen Industrieländern ähnlich – allerdings doch mit einer kleinen Tendenz: In Ländern mit faschistischer oder nationalsozialistischer Vergangenheit (Deutschland, Österreich, Griechenland, Italien, Spanien) liegt die Fertilitätsrate signifikant niedriger als in Ländern ohne eine solche (Frankreich, England, Skandinavien, USA). Diese Verteilung zeigt im Übrigen auch, dass solche tiefen kulturellen Muster mehr Bedeutung für das Geburtenverhalten haben als staatliche Interventionen: Nicht nur in gut ausgebauten Sozialstaaten wie Skandinavien und Frankreich werden verhältnismäßig viele Kinder geboren, sondern auch in Ländern wie England und USA, wo soziale Förderung praktisch nicht existiert.

Und auch traditionelle Prägungen aus Kulturen mit viel höheren Kinderzahlen, wie sie zum Beispiel durch Migrationsbewegungen (aus Afrika oder dem mittleren Osten) zu uns kommen, richten gegen diese tiefen kulturellen Muster kaum etwas aus. Vor allem an diesem Punkt irrt sich Sarrazin nämlich: Die Kinderzahl immigrierter Familien gleicht sich schon nach einer, spätestens nach zwei Generationen der deutschen an.

Das heißt: Mehr Kinder werden es nicht werden, da kann man jammern, so lange man will. Es wäre also nur vernünftig, sich möglichst rasch von der Illusion zu verabschieden, durch politische Maßnahmen die „richtigen“ (deutschen, bürgerlichen, angepassten) Familien zum Kinderkriegen animieren zu können. Verantwortliche Politik hat angesichts der demografischen Entwicklung nur ein Mittel zur Verfügung: Sie muss alle nur denkbaren Anstrengungen unternehmen, um allen Kinder, die hier leben, die bestmögliche Förderung zukommen zu lassen. Denn unsere Zukunft hängt nun einmal davon ab, dass sie ihre Talente und Fähigkeiten so gut wie möglich entwickeln.

Ob es dafür hilfreich ist, ihnen zu erzählen, sie wären ja sowieso dümmer als andere? Bekanntlich leistet sich Deutschland eines der selektivsten Schulsysteme der westlichen Welt. Nirgendwo sonst gibt es so viele Kinder aus Migrationsfamilien ohne Abschluss. Selbst wenn es sein mag, dass sie von ihren Eltern nicht immer dieselbe Förderung erhalten, wie wir es als deutschen Mittelschichtsstandard gewohnt sind – umso wichtiger wäre es doch, dafür zu sorgen, dass ihnen ihre Herkunft nicht zum Nachteil wird.

Denn das ist ein Punkt, den Sarrazin und diejenigen, die ihm applaudieren, offenbar übersehen: Nicht die „Migrantenkinder“ brauchen uns. Wir brauchen sie.


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Der falsche Systemwechsel beim Elterngeld

In Deutschland gab es mal ein Elterngeld Erziehungsgeld: 300 Euro im Monat für jedes Kind, egal ob die Eltern reich oder arm waren, egal, welchen Beruf sie ausübten, und das zwei Jahre lang. (Ergänzung: Es gab allerdings eine familiäre Obergrenze beim laufenden Monatseinkommen).

Eine gute Idee, denn Kinder kosten Geld, und vor allem brauchen Kinder Zeit, man muss sich um sie kümmern. Das Geld nahm da ein wenig den Druck raus, ein wenig, denn 300 Euro sind ja nicht gerade viel. Aber das Elterngeld würdigte immerhin die Erziehungsleistung von Müttern (und gegebenenfalls Vätern), und zwar unabhängig von ihrem “Marktwert” als Arbeitkräfte, unabhängig von ihrer Employability, wie es heute heißt.

Dann kam die Idee auf, noch ein anderes Elterngeld einzuführen: Nämlich der Mutter oder dem Vater, die oder der vorher erwerbstätig war und wegen des Kindes für bis zu zwölf Monate das Arbeiten unterbricht, einen Prozentsatz des Lohnes zu ersetzen: 67 Prozent bisher (jetzt sollen es 65 Prozent werden), maximal jedoch 1800 Euro, mindestens aber 300 Euro.

Dieses neue Elterngeld folgt einer ganz anderen Logik als das alte: Es wird nicht mehr pro Kind bezahlt, wobei jedes Kind, unabhängig von der sozialen Herkunft, gleich viel wert ist, sondern es ist abhängig von der Erwerbstätigkeit der Mutter oder des Vaters: Je mehr Geld sie verdienen, desto mehr ist dem Staat (also uns allen) auch ihre Kindererziehungsarbeit wert.

Das wurde nun auch als feministische Errungenschaft gefeiert: Schließlich sind es vor allem die Mütter, die wegen der Kinder ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen. Dieser Umstand sollte den Frauen nun weniger zum Nachteil gereichen als vorher. Außerdem wurden noch die so genannten Vätermonate eingeführt, das heißt, wenn auch der Vater sich bereit erklärt, mindestens zwei Monate die Erwerbsarbeit zu unterbrechen, wird die Gesamtlaufzeit des Elterngeldes auf 14 Monate verlängert.

Doch trotz dieser frauenpolitischen Begleitmusik war schon dieses Elterngeld unsozial, und zwar deshalb, weil es nicht zusätzlich eingeführt wurde (worüber man durchaus hätte diskutieren können), sondern weil es zu Lasten der Armen refinanziert wurde, durch die Verkürzung des “alten” Elterngeldes von zwei auf nur noch ein Jahr für alle. Es war also bereits eine Umverteilung von unten nach oben – arme Mütter bekamen nun weniger Geld vom Staat, reiche mehr. Arbeitslose Eltern haben zudem auch nicht die Möglichkeit, die Gesamtzeit auf 14 Monate zu erhöhen. (Frage: Stimmt das so? Gerade bekam ich eine DM, dass auch Arbeitslose 14 Monaten Elterngeld bekommen können – wer es genau weiß, bitte in die Kommentare schreiben, Danke!) So hat das neue Elterngeld unterm Strich dazu beigetragen, die soziale Schere in Deutschland, den Abstand von Reich und Arm zu vergrößern.

Und jetzt soll Hartz-IV-Empfängerinnen das Elterngeld komplett gestrichen werden. War das neue Elterngeld noch eine Kombination beider Logiken, so hat nun die neue Logik die Oberhand gewonnen: Kinderbetreuung ist nicht mehr eine unterstützenswerte Sache an sich, sondern ihr ökonomischer Wert, also das, was der konkreten Familie von der Allgemeinheit dazu beigesteuert wird, ist direkt an die Erwerbsarbeit gekoppelt: Je besser jemand verdient, desto mehr gibt es auch.

Interessant ist dabei die Argumentation von Familienministerin Kristina Schröder: Sie erklärt nämlich das Elterngeld für Hartz-IV-Empfängerinnen (also das alte Elterngeld) für „systemwidrig“ – denn mit Hartz IV sollen alle Bedarfe abgedeckt sein. Hartz IV deckt aber lediglich die Bedarfe des Lebensunterhaltes. Erziehungsarbeit ist hier also gerade nicht einkalkuliert. Und Elterngeld hat – auch in der neuen Variante – nicht den Sinn, den Bedarf an Lebensunterhalt zu sichern, sonst bräuchte eine Familie mit zwei gut verdienenden Elternteilen, von denen eines die Erwerbsarbeit reduziert, ja keines. Es geht beim Elterngeld eben gerade nicht um den Bedarf an Lebensmitteln, Kleidung und Wohnung, sondern es geht darum, dass die Erziehungsleistung finanziell gewürdigt wird. Warum aber soll die Erziehungsleistung einer Rechtsanwältin von der Allgemeinheit teilweise finanziert werden, die einer Arbeitslosen aber nicht?

Das Interessante an diesem Thema ist also nicht unbedingt die Frage nach der absoluten Höhe des Betrags – auch wenn natürlich Hartz IV wenig Geld ist, und hatten wir erst nicht kürzlich eine große Debatte über das Armutsrisiko Kind? Aber es geht genau nicht darum, wie viel eine Familie zum Leben braucht, sondern es geht darum, ob Erziehungsarbeit ökonomisch anerkannt wird. Und genau hier ist der Systemwechsel bedeutsam. Wie definieren wir als Gesellschaft unsere Verantwortung für Kinder? Beteiligen wir uns an den Kosten der Erziehungsarbeit von Müttern (und gegebenenfalls Vätern)? Oder geht es lediglich darum, ihnen einen Verdienstausfall zu ersetzen?

In anderen Worten: Ist uns Erziehungsarbeit per se etwas wert, wollen wir die Menschen, die sie leisten, unterstützen? Oder ist uns nur die (marktförmige) Erwerbsarbeit etwas wert? Genau darin besteht der Systemwechsel, der jetzt definitiv vollzogen wird: Elterngeld ist kein Geld mehr, das die Erziehungsarbeit belohnt, sondern lediglich der Ersatz für entgangenen Erwerbsarbeitslohn.

Interessant sind übrigens auch die Summen, um die es hier geht. Laut Spiegel soll die Streichung des Elterngeldes für Hartz-IV-Empfängerinnen 400 Millionen Euro im Jahr bringen, das Senken des Prozentsatzes für den Einkommensersatz von 67 auf 65 Prozent soll weitere 200 Millionen bringen. Das heißt, es wäre relativ leicht, das “alte” Elterngeld, wonach die Erziehung jedes Kind einen Mindestbetrag wert ist, beizubehalten: Man könnte zum Beispiel den Prozentsatz gleich auf 60 Prozent senken, oder man könnte den Maximalbezug für alle Eltern auf zwölf Monate begrenzen (inklusive Vätermonate, wenn man die behalten will), oder man könnte vor allem die Höchstgrenze auf 1500 Euro heruntersetzen (dann würde es wirklich nur die eher Reichen treffen). Den relativ gut Verdienenden, die dadurch auf einige hundert Euro verzichten müssten, würde das alles zwar schon weh tun, aber nur mäßig – jedenfalls sehr viel weniger, als den Hartz-IV-Empfängerinnen, die am wirtschaftlichen Existenzminimum leben.

Aber es geht bei diesen Sparvorhaben gar nicht darum, sozial ausgewogen Geld einzusparen. Es geht im Übrigen auch nicht um die Verteilung der Geschlechter bei der Erziehungsarbeit und um die damit verbundenen innerfamiliären Aushandlungsprozesse – wer da ernsthaft etwas verändern will, müsste zu allererst mal das Ehegattensplitting abschaffen, was ja außerdem noch den Charme hätte, dass mehr Steuergelder hereinkämen. Aber das alles sind ohnehin nur vorgeschobene Argumente. Das, worum es hier geht, ist die Durchsetzung einer neoliberalen Ideologie auch in diesem Bereich: die totale Anbindung der gesellschaftlichen Beteiligung nun eben auch in punkto Kindererziehungsarbeit an die Erwerbsarbeitslogik.

Das “neue” Elterngeld ist, auch wenn es mit feministischen Girlanden umrankt wird, jedenfalls gerade nicht das, was feministische Kritikerinnen der Erwerbsarbeitslogik im Sinn haben, wenn sie seit den 1970er Jahren dafür eintreten, die Reproduktionsarbeit (die ja im Übrigen auch mehr umfasst als nur das Versorgen von Kindern im ersten Lebensjahr) in der Ökonomie angemessen zu berücksichtigen. Die Erwerbsarbeitsgesellschaft ist seit langem in der Krise, es wird keine Vollbeschäftigung mehr geben, und sie wäre aus tausendundeinem Grund auch nicht wünschenswert. Alle Sozialleistungen, die an die Erwerbsarbeit gekoppelt sind, sind tendenziell ungerecht und verschärfen die soziale Spaltung. Wir brauchen nicht mehr davon, sondern weniger.

Und keinesfalls wird der Tanz um dieses goldene Kalb der Erwerbsarbeit dadurch besser, dass man dabei „Frauenförderung“ ruft. Er wird dadurch nur noch ein bisschen zynischer.

P.S.:

Noch eine kleine Bemerkung zu dem Tweet von @kristinakoehler, den der Genderblog diskutiert: “Eine Familie in Hartz IV, 2 Kinder, erhält inkl. Elterngeld 1885 € vom Staat. Netto! Ist das gerecht gegenüber denen, die arbeiten?” – Dieser Tweet zeigt das ganze Dilemma der Sache. 1885 Euro hört sich erstmal viel an, aber rechnen wir mal durch: Davon Miete bezahlen plus Nebenkosten plus Essen und Kleidung für vier Personen, plus Transport. Plus alles, was an Anschaffungen hinzukommt. Die kaputte Waschmaschine, die Zahnarztbehandlung usw. usw. Und solche Familien haben im Notfall dann keine Eltern, die sie fragen können (Geldgeschenke werden ebenfalls auf Hartz IV angerechnet), und sie haben auch nichts auf der hohen Kante liegen. Sie müssen genau damit auskommen, ohne Sicherheitsnetz.

Und: In Zukunft soll nach den Plänen der Regierung genau diese Familie mit nur noch 1585 Euro auskommen. Besser konnte man es nicht illustrieren. Und zur Frage der Gerechtigkeit: Ja, richtig, in vielen Branchen werden inzwischen nur noch Löhne bezahlt, die ebenso niedrig sind wie Hartz IV oder noch niedriger. Deshalb müssen die Betroffenen, obwohl sie arbeiten, noch “ergänzende Leistungen” beziehen. Das ist natürlich ein Problem – und das Problem heißt eben Erwerbsarbeitsfixierung. Wie man darauf kommen kann, dass die Niedriglohn-Betroffenen etwas davon haben, wenn anderen Leuten Geld weggenommen wird, ist mir schleierhaft.

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Avicenna und die repräsentative Politik

Der persische Arzt, Philosoph und islamische Mystiker Ibn Sina alias Avicenna entwickelte eine höchst interessante Vorstellung vom Verhältnis zwischen materieller und ideeller Welt, die sich sehr von Platon unterscheidet.

Der letzte Blogpost von Felix Neumann, in dem er sich über die repräsentative Funktion des Bundespräsidenten Gedanken macht (und zu dem Schluss kommt, dass man dieses Amt doch niemandem zumuten könne) diskutierte heute Nacht in meinem Kopf mit einem Aufsatz von Chiara Zamboni, den ich am Tag davor gelesen hatte, und in dem sie unter anderem über den schiitischen Mystiker und Philosophen Ibn Sina schreibt, der im Westen unter dem Namen Avicenna bekannt ist.

Herausgekommen ist folgende Idee.

Felix Neumanns Unbehagen an einem repräsentativen Verständnis von Politik kann ich gut nachvollziehen, es ist auch ein klassisches feministisches Thema. Die Frauenbewegung hat sich ja nie in Form von repräsentativen Institutionen organisiert, im Unterschied zu anderen sozialen Bewegungen: Weder hat sie Parteien hervorgebracht (wie die Arbeiterbewegung) noch große Lobbyverbände (wie die Umweltbewegung). Sie hat auch kein einheitliches Programm zustande gebracht, und sich von Anfang an geweigert, Repräsentantinnen zu akzeptieren.

Kleine Randbemerkung: Das „Alice-Schwarzer-Phänomen“ – also der Versuch der Medien (und vielleicht auch von ihr selbst), dennoch eine solche Repräsentantin „des Feminismus“ zu konstruieren – zeigt gut die Schwierigkeiten, die sich für den öffentlichen Diskurs daraus ergeben. Schwarzer stand nie für „die Frauenbewegung“ – und deshalb sind Feministinnen, die die 1970er-Jahre miterlebt haben, mitunter auch etwas amüsiert, wenn jüngere Feministinnen sich später von Schwarzer distanziert haben und meinten, das sei etwas Originelles.

Innerhalb der Frauenbewegung ist die Abneigung gegen eine Politik der Repräsentation viel diskutiert und analysiert worden. Zum Beispiel unter der Fragestellung, was eigentlich Macht und Einfluss bedeuten: Je repräsentativer das Amt, desto weniger kann ich meine eigene Meinung sagen. In der Logik der repräsentativen Politik sprechen Funktionsträger „für andere“, woraus resultiert, dass sie nicht mehr sagen können, was sie selbst wirklich denken (aktuelles Beispiel: CDU-Abgeordnete müssen Wulff statt Gauck wählen, auch wenn sie Gauck vielleicht besser fänden). Macht bekommen ist daher nicht deckungsgleich mit Einflussreich werden.

Viele Frauen bevorzugen deshalb Wirkungsorte, wo sie „in erster Person“ handeln können – also ohne, dass sie andere repräsentieren müssen, aber auch ohne von anderen repräsentiert zu werden (vgl. dazu auch den Artikel von Dorothee Markert über den Unterschied zwischen „primärer“ und „sekundärer“ Politik.)

Die Idee, die mir nun heute Nacht zu all dem kam, war folgende: Vielleicht liegt das Problem nicht nur in den repräsentativen politischen Institutionen, wie sie sich im Lauf der (westlichen?) Kulturgeschichte herausgebildet haben, sondern noch tiefer in der abendländischen Philosophie verankert.

In besagtem Aufsatz beschäftigt sich Chiara Zamboni mit dem Verhältnis von Realem und Irrealem (aus: Diotima: Immaginazione e Politica, Neapel 2009). Dabei geht sie davon aus, dass die Realität, wie wir sie vorfinden, nicht einfach ein Faktum ist, das wie ein Objekt analysiert und seziert werden kann, wohingegen alles, was sich nicht eins zu eins mit der Realität deckt, irreal und phantasiert ist. Vielmehr haben die Menschen in Form von Sprache und Kultur die Fähigkeit, das Reale „hinter“ oder „neben“ dem bloß Faktischen zu erkunden und erforschen – eine Fähigkeit, die allerdings durchaus in Gefahr steht, ins Irreale und Illusorische abzudriften.

Dies ist ein breites Thema, an dieser Stelle interessiert mich vor allem ein Vergleich, den Zamboni in diesem Zusammenhang nur kurz streift, und zwar der zwischen Platon und Avicenna. Beide haben eine jeweils unterschiedliche Vorstellung davon entwickelt, in welchem Zusammenhang die gegebene, konkrete „Realität“ und das dahinter stehende „Reale“ zueinander stehen. Und meine Idee ist: Unsere Vorstellung von repräsentativer Politik geht letztlich auf Platon zurück. Eventuell würde aber die Philosophie Avicennas andere Perspektiven ermöglichen.

Platon geht ja davon aus, dass hinter den konkreten Dingen, die uns in der Realität begegnen, eine „Idee“ steht, die wir aber nicht direkt sehen können. Im so genannten „Höhlengleichnis“ macht er das anschaulich: Wir leben in einer Höhle und sehen, reflektiert von einer Feuerstelle, nur die Schatten der Dinge an den Höhlenwänden, nicht aber die Dinge selbst. Philosophie muss daher immer über die gegebenen Dinge hinausdenken, versuchen, ihr eigentliches Wesen, die „Idee“ dahinter, zu verstehen.

Bis heute lernen Philosophiestudierende das im ersten Semester. In Platons Vorstellung ist die Verbindung zwischen der Realität und dem dahinter stehenden Realen vor allem wegen der eingeschränkten menschlichen Erkenntnisfähigkeit problematisch: Wir sitzen im Dunkeln und können daher nicht sehen, wie es „in Wirklichkeit“ ist. Zweite Grundannahme: Die Dinge, die im Konkreten jeweils unterschiedlich aussehen können (weil die Schatten, die das Feuer in der Höhle wirft, mal so oder so flackern), haben einen „eigentlichen“ Wesenskern, den wir, wenn wir nur aus der Höhle hinauskletterten und lernten, im Sonnenlicht zu schauen, auch zweifelsfrei erkennen würden. Nicht schwer zu erahnen ist, dass hier auch der Ansatz für jenes Konzept der Normsetzungen liegt, das, da die Geschlechterdifferenz sich der Normierung widersetzt, dann auch zum Patriarchat, also zur Sich-zur-Normsetzung des Männlichen führte.

Und: In dieser platonischen Vorstellung von der Beziehung zwischen „eigentlichem“, ideelen Wesenskern und den vielen unterschiedlichen (zufälligen, kontingenten) Erscheinungsformen einer Sache sehe ich auch ein Modell für repräsentative Politik: Der Funktionsträger wird verstanden als Repräsentant des bunt gemischten Volkes und verkörpert so gewissermaßen die „Idee“, ist also „gereinigt“ von alle Zufälligkeiten und Individualitäten – wie zum Beispiel seiner persönlichen Meinung.

Welche andere Vorstellung hat nun Avicenna (ein persischer Arzt, Philosoph und Mystiker aus dem 11. Jahrhundert) entwickelt – übrigens von Platons Beispiel ausgehend und dieses weiterdenkend? Da ich Avicenna (bisher) noch nicht gelesen habe, beziehe ich mich hier auf die Darstellung Zambonis.

Laut Avicenna gibt es eine mittlere, vermittelnde Welt zwischen der konkreten, materiellen, empirischen Welt und der idealen, geistigen Welt der Ideen und Bedeutungen, und zwar die Welt der „Immagination“. Das ist der kulturelle und sprachliche Bereich menschlichen Lebens und menschlicher Auseinandersetzungen. Das heißt, laut Avicenna existieren die Ideen und Bedeutungen, die hinter einer konkreten, materiellen Realität stehen, nicht objektiv und für sich, sondern sie werden erst durch die Immagination der Menschen lebendig und relevant, die via Sprache und Kultur eine Verbindung schaffen zwischen der Realität und dem dahinter stehenden Realen.

Zamboni schreibt: „In dieser Welt der Immagination treffen wir Formen an, die von der aktiven Immagination geschaffen wurden, und zwar in der Beziehung zu einzelnen Dingen. Das bedeutet, dass wir mit unserer Erfahrung in einem Objekt nicht nur seine materielle Daseinsweise wahrnehmen, sondern gleichzeitig auch Anhaltspunkte und Bedeutungen von Anderem.“

Das „Andere“, das „Reale“ hinter einem gegebenen Ding zu sehen, besteht also nicht, wie bei Platon, darin, dass ich mich bemühe, sein abstraktes Wesen zu erfassen, die „Norm“ auf dem es beruht. Sondern im Gegenteil muss ich seine Besonderheit erkennen, also gerade das, was dieses Ding einzigartig macht, Genau darin liegt nämlich das Potenzial zu anderem, zu dem, was es sein könnte.

Erkenntnis bedeutet also gerade nicht, wenn ich in einer bestimmten Situation mit einer konkreten Sache konfrontiert bin (einem Ding, einem Menschen, einer Situation), dann das Allgemeingültige, die Norm, die Idee dahinter zu suchen. Denn gerade die unverwechselbare und unwiederholbare Einzigartigkeit dieser Sache (des Dings, des Menschen, der Situation) bietet Anknüpfungspunkte für meine Immagination. Nicht die Abstraktion, sondern nur die Kontingenz (die eben nicht das niedere, unwichtigere Zufällige, sondern das eigentlich Interessante ist) eröffnet die Möglichkeit, hinter das „Normale“ zu schauen und das Reale hinter der Realität aufzuspüren. Und dieses Andere können Menschen dann mit Hilfe von Sprache und Kultur in die Existenz rufen – zum Beispiel in der Politik, also wenn sie miteinander über die Regeln des Zusammenlebens verhandeln.

Repräsentative Formen von Politik (wie auch die üblichen Formen von Wissenschaft) erschweren dies jedoch enorm, weil sie versuchen, diese Vielfalt in Form von Parteien, Programmen und Theorien – quasi in platonischer Tradition – zu verdichten. Sie verwandeln Menschen aus Individuen in all ihrer einzigartigen Potenzialität in Funktionsträger, in „Linke“ und „Rechte“, in Anhänger von Partei X und Interessensverband Y. Und sie verwandeln konkrete Situationen in Strategien und Taktiken, in Siege und Niederlagen.

Dass die Frauenbewegung sich diesen Formen verweigert hat, wäre, so gesehen keine Schwäche, wie oft vermutet wurde, sondern gerade ihre Stärke.

PS: Noch ein kleiner Nachtrag – Beim nochmaligen Durchlesen finde ich jetzt, dass Platon etwas schlecht wegkommt. Diese ideengeschichtliche Entwicklung, die ich hier kritisiere, hat viele Quellen und Platon war dafür sicher nicht allein verantwortlich. Es lag auch daran, wie Platons Gedanken aufgegriffen und weiter entwickelt worden sind.



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Wenn man die Gefühle mal beiseite lässt…

Eher zufällig stolperte ich gerade über diesen Kommentar auf Spiegel-Online über den „Geht-so-Präsidenten“ Christian Wulff. Und ich musste – ehrlich – laut loslachen.

Also, nach der Analyse von Spiegel-Autor Roland Nelles haben folgende Interessensgruppen in der CDU/CSU verhindert, dass Ursula von der Leyen anstelle von Wulff zur Bundespräsidentin nominiert wurde, Zitat:

• Die notorischen Merkel-Hasser, die ihr schon immer eins auswischen wollten
• die Konservativen, die von der Leyen wegen ihrer Familienpolitik nicht mögen und Merkel nur erdulden
• die Katholiken, die sich ohnehin vernachlässigt fühlen
• die Wirtschaftsliberalen, die seit dem Abgang von Roland Koch gänzlich frustriert sind
• Männer, die finden, zwei Frauen an der Spitze des Staates seien mindestens eine zuviel
• CDU-Ministerpräsidenten, die das Gefühl haben, dass es an der Zeit ist, Merkels Macht zu begrenzen

Früher hat man ja den Frauen unterstellt, dass sie immer so von ihren Gefühlen beherrscht wären, dass sie keine ordentliche Politik machen können. Jetzt sind es offenbar die Männer, die höchste politische Ämter nicht nach sachlichen Kriterien besetzen, sondern weil sie anderen „eins auswischen wollen“, sich „vernachlässigt fühlen“, „frustriert sind“, „das Gefühl haben“…

Na gut, ich fürchte, das ist – zumindest bei diesen Männern – tatsächlich so. Aber findet das außer mir denn niemand erstaunlich? Der Spiegel jedenfalls scheint es völlig normal zu finden.

Nach fünf Jahren Merkel als Bundeskanzlerin sollte es sich allerdings langsam herumgesprochen haben, dass sie keine große Anhängerin von Symbolpolitik ist. Und das wäre es schließlich vor allem gewesen, wenn sie von der Leyen als Bundespräsidentin durchgedrückt hätte. ZWEI FRAUEN AN DER SPITZE – sowas hätte Emotionen geweckt, anders als der Geht-so-Wulff. Aber Merkel bleibt eben, wie immer, pragmatisch. Der Preis ist, nüchtern betrachtet, zu hoch. Außerdem braucht sie von der Leyen im Kabinett. And that’s it.

Nur wer in Gefühlen und Symbolen den Hauptzweck von Politik sieht, kann in der Nominierung von Wulff eine Niederlage für Merkel vermuten. In Wirklichkeit ist sie jetzt nach Merz, Oettinger und Koch schon den vierten CDU-Männerbündler vom Andenpakt los – im neuen Amt muss Wulff sich nämlich benehmen. Etwas Besseres kann ihr doch gar nicht passieren.

Also, wenn man die Gefühle jetzt mal beiseite lässt.



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