Eindrücke aus dem skandinavischen Frauenparadies

Osloer Geschäfte präsentieren Schaufensterpuppen in normalem Körperformat. Diese dürren Gerippe, die man normalerweise so kennt, gab es dort aber auch.

Vorige Woche war ich ein paar Tage in Oslo. Keine Recherchereise, sondern Freundinnenbesuch, aber in Zeiten wie diesen ist es ja, wie ich schon mal geschrieben habe, Bürger_innenpflicht, die eigenen Eindrücke von der Welt mit anderen zu teilen.

Und Norwegen ist für ein feministisches Blog natürlich besonders interessant, weil es eines dieser skandinavischen Länder ist, die in Sachen Gleichberechtigung immer besonders gute Noten bekommen. Deshalb war ich auch neugierig, das mal mit eigenen Augen zu sehen. Wie sind die Verhältnisse in einem Land, wo konservative Minister eine 40-Prozent-Frauenquote für Aufsichtsräte durchsetzen? Wo es schon früh eine Ministerpräsidentin gab? Hier einige Dinge, die mir aufgefallen sind, ergänzt um einige Infos, die ich dazu gelesen habe.

Das erste, was mir merkwürdig vorkam, war die Abwesenheit weiblicher Personenbezeichnungen. Meine Freundin, eine Deutsche, die seit drei Jahren in Oslo lebt, erzählte mir gleich mal, dass sie in dem Kindergarten, wo sie jetzt arbeitet, nicht mehr „Assistent“ ist, sondern „pädagogischer Leiter“. Ähemm, dachte ich, wieso redet sie so komisch, aber bald stellte sich heraus, dass das in Norwegen so üblich ist. Man benutzt nur die männliche Form.

Allerdings scheint das eine Eigentümlichkeit des Norwegischen schlechthin zu sein, da man auch für Dinge weibliche und männliche Formen bedeutungsgleich verwenden kann. Es ist zum Beispiel möglich, „die Straße“ oder „der Straße“ zu sagen, bloß „das Straße“ wäre falsch. Das heißt, es gibt entweder eine geschlechtliche oder eine neutrale Form, und es ist letztlich egal, ob die geschlechtliche Form weiblich oder männlich ist. Wobei offenbar die weibliche Form irgendwie „altmodischer“ klingt. Das sagte man früher so, oder das sagen die Leute aus dem Land. Aber in der kosmopolitisch-modernen Großstadt heißt es „der“ oder „das“, das „die“ wurde mehr oder weniger abgeschafft.

Das bestätigte sich auch am nächsten Tag, als wir die Nationalgalerie besuchten, und da auf einigen Gemälden aus dem 19. Jahrhundert „Malerinnen“ abgebildet waren, so das norwegische Wort, das eins-zu-eins offenbar so ähnlich wie „der Malerin“ übersetzt werden müsste. Eine leibhaftige Malerin, die mit uns dort war, bestand aber darauf, dass sie niemals so genannt werden wollte, das würden nur die Leute vom Land noch sagen, sie sei „Maleren“, also „der Maler“.

Hm, dachte die feministische Linguistin in mir, muss ich noch mal drüber nachdenken. Immerhin war es zu Beginn der Debatte in den 1980er Jahren auch in Deutschland unter Feministinnen umstritten, ob das Dilemma der männlichen Sprache (also die Tatsache, dass die männliche Form im Plural für beide Geschlechter gilt, die weibliche aber nur für reine Frauengruppen) dadurch gelöst werden soll, dass die weibliche Form stark gemacht wird oder ob man die besser ganz abgeschaffen sollte, um die Unterscheidung aus der Welt zu schaffen. In der DDR ging man bekanntlich den zweiten Weg, und es gibt auch durchaus Gründe dafür. Unterm Strich bin ich aber immer noch dafür, die Existenz des Weiblichen auch in der Sprache auszudrücken. Wobei das Deutsche an diesem Punkt mit dem Norwegischen nicht wirklich vergleichbar ist, weil die Unterscheidung weiblich/männlich im Artikel hier eben wichtig ist, also man kann nicht einfach „der Straße“ oder „die Kühlschrank“ sagen und behaupten, das wäre korrektes Deutsch.

Natürlich habe ich auch gleich danach Ausschau gehalten, ob sich diese sprachliche Irrelevanz des Weiblichen und Männlichen irgendwie im Alltagsleben bemerkbar macht, also ob es Zeichen für eine Auflösung der Zweigeschlechtlichkeit gibt. Das war nicht der Fall. Mir ist kein Mensch begegnet, bei dem oder der nicht auf den ersten Blick klar gewesen wäre, ob es ein Mann oder eine Frau ist (Die Malerin, die darauf bestand, „ein Maler“ zu sein, trug Zöpfchen und Rock, zum Beispiel).

Besser als in Deutschland scheint allerdings die Verteilung der Erziehungsarbeit auf Männer und Frauen zu klappen. „Hier streiten sich Eltern sogar vor Gericht darüber, wer Erziehungsurlaub nehmen darf“, informierte mich meine Freundin. Kein Bedarf offenbar für große propagandistische Anstrengungen in dieser Hinsicht. In der Tat hatte ich den Eindruck, dass nahezu alle Kinder, die mir auf der Straße begegneten, in der Begleitung von Männern unterwegs waren. In einem 2007 erschienenen Reiseführer („Gebrauchsanweisung für Norwegen“ von Ebba D. Drolshagen) las ich: „Die Elternzeit für Mütter beträgt acht Monate bei voller Lohnfortzahlung, ein ganzes Jahr bei etwa 80 Prozent, Väter können sechs Wochen „Papa-Urlaub“ nehmen, was knapp drei von vier Vätern tun.“ Meine Freundin meinte, das Gesetz sei inzwischen dahingehend geändert worden, dass Väter oder Mütter die Elternzeit gleichermaßen nehmen können, aber genau wusste sie es nicht (anyone? Dann bitte im Kommentar posten).

Der Anteil von Vätern, die eine Erziehungsauszeit von der Erwerbsarbeit nehmen, ist also eklatant höher als in Deutschland, und das, obwohl die Gesetzgebung die Mütter bevorzugt (oder zumindest bis vor kurzem bevorzugt hat). Ohnehin scheint mir diese Debatte in Norwegen weniger von männerrechtlichen oder väterrechtlichen Tendenzen beeinflusst zu sein als hierzulande, wo es ja leider oft auf eine Konkurrenz der Eltern um Rechte über das Kind hinausläuft. Auch die Begleitmusik, die in Deutschland oft den Einfluss der Mütter schmälern möchte – etwa mit Diskussionen darüber, dass zu viele Frauen im Umfeld Kindern schaden, dass Mütter zuviel glucken oder sonst alles mögliche falsch machen, sodass Männer in der Erziehung irgendwie korrigierend eingreifen müssen – scheint in Norwegen nicht so laut zu spielen. Ich vermute, es ist dort eher gelungen, die stärkere Einbeziehung von Männern in die Betreuung und Erziehung kleiner Kinder zu fördern, ohne dass das latent zu Lasten der Frauen geht oder gar eine antifeministische Schlagseite bekommt.

Ein ganz wichtiger Faktor dabei ist natürlich die individuelle soziale Absicherung. Soweit ich es verstanden habe, sind alle Erwachsenen materiell eigenständig versorgt. Das heißt, aus einer Ehe oder gemeinsamer Elternschaft folgt nicht, dass einzelne Erwachsene für andere Erwachsene finanziell einstehen müssen. Erstens einmal gibt es kaum Arbeitslosigkeit, sondern eher einen Arbeitskräftemangel, was auch der Grund dafür ist, dass der Staat schon immer größere Anstrengungen als in Deutschland unternommen hat, um auch Frauen, die Kinder haben, die Teilnahme am Erwerbsarbeitsleben zu ermöglichen. Und wenn doch mal jemand arbeitslos wird, dann springt der Staat ein und es wird nicht der Ex-Partner/die Ex-Partnerin herangezogen. Das nimmt natürlich viel Konfliktstoff heraus, denn die meisten väter- und männerrechtlichen Argumente in Deutschland speisen sich ja aus der Klage über Unterhaltsverpflichtungen, die die betreffenden Männer als ungerecht empfinden und nicht leisten wollen.

Ein anderer Faktor könnte auch sein, dass es in Norwegen noch Spuren matrilinearer Traditionen gibt. Es ist jedenfalls nicht, wie in Deutschland, allein die väterliche Linie, die den Status eines Menschen prägt. Zum Beispiel sind die Norweger_innen große Fans von Trachten, die sie (schreibt jedenfalls Dolshagen) gerne bei festlichen Gelegenheiten tragen. Und man darf immer nur die Tracht tragen, die aus der Gegend kommt, aus der die Mutter stammt. Außerdem wird sprachlich genau zwischen Großeltern mütterlicherseits und väterlicherseits unterschieden, das heißt, es gibt zwei Worte für „Oma“, je nachdem, ob es sich um die mütterliche oder die väterliche Linie handelt.

Ebba Drolshagen schreibt auch, dass jedes zweite Kind unehelich geboren wird, dass jede zweite Ehe geschieden wird, dass bei Eheschließungen die Frauen fast immer ihren Geburtsnamen behalten und dass auch die Kinder normalerweise den Nachnamen der Mutter tragen (anders als hier). Sie können jedoch – wenn ein entsprechender Antrag gestellt wird – den Nachnamen des Vaters bekommen. Das alles sind Zeichen dafür, dass „ordentliches“ Kinderkriegen in Norwegen nicht so eng wie in deutscher Tradition an das Vorhandensein einer heterosexuellen Partnerschaft geknüpft wird. Mir gefällt das gut. Woran das liegt, habe ich nicht rausfinden können. Eine Erklärung, die gerne romantischerweise angeführt wird, waren die alten Wikinger, bei denen die Männer auf Schiffen unterwegs waren und die Frauen zuhause ohnehin alleine den Laden schmissen. Aber das liegt ja nun doch schon ein paar Jährchen zurück.

Wenig verwunderlich ist jedenfalls, dass auch das Gender-Pay-Gap in Norwegen viel geringer ausfällt als in Deutschland: Hier verdienen Frauen im Schnitt nicht 24 Prozent, sondern nur 10 Prozent weniger als Männer. Allerdings heißt das auch: Ein gewisser Unterschied besteht immer noch. 10 Prozent sind zwar im internationalen Vergleich wenig, aber trotzdem nicht nichts. So ganz gelöst ist das Problem der Unvereinbarkeit von kapitalistischer Erwerbsarbeit und der Notwendigkeit von Haus- und Fürsorgearbeit also auch in Norwegen noch nicht.

Dass es wenige antifeministische Einwände gegen eine gleichberechtigte und selbstbewusste Gegenwart von Frauen in der Öffentlichkeit, im Erwerbsleben, in der Politik gibt, liegt ganz sicher auch daran, dass soziale Gleichheit in Norwegen ein positiver Wert an sich ist – und nicht als herablassende Wohltätigkeit der Reichen gegenüber den Armen angesehen wird, wie es in Deutschland der Fall ist und sich momentan sogar wieder verstärkt. Natürlich ist Norwegen ein reiches Land, die Erdölvorkommen polstern den Staatshaushalt, und es muss nicht gespart werden, sondern man kann verteilen.

Aber das ist ja erst seit den 1960er Jahren so, vorher war Norwegen arm, und die positive kulturelle Einstellung zu sozialer Gleichheit ist schon älter als der Geldregen aus dem Erdöl. Manche führen sie auf die pietistische Religiosität zurück, in der es als „ungehörig“ galt, mehr haben zu wollen als andere oder gar sich selbst auf Kosten anderer zu bereichern. Sogar die Königsfamilie muss hier das Kunststück bewerkstelligen, zwar einerseits „königlich“ zu wirken, andererseits aber „ganz normal“ zu bleiben. Wer herausragt, wer mehr hat als andere, muss sich dafür rechtfertigen und wird nicht auch noch dafür gefeiert. Es liegt auf der Hand, dass eine solche Kultur mehr soziale und materielle Gleichheit – auch zwischen den Geschlechtern – hervorbringt.

Unglaublich (aus deutscher Sicht), aber ganz entscheidend wichtig ist dabei auch die Tatsache, dass man in Norwegen die Steuererklärungen aller Leute im Internet nachlesen kann. Transparenz in Punkto Einkommen ist natürlich ein ganz zentraler Faktor, um überhaupt zu wissen, was vor sich geht. So manche Frau würde vielleicht auch in Deutschland viel selbstbewusster in Gehaltsverhandlungen gehen, wenn sie sich vorher im Internet darüber informieren könnte, wie viel denn ihr Kollege genau bekommt.

Doch so gravierend all diese Unterschiede auch sind, so wenig prägend erlebte ich das im ganz normalen Alltag. Auch in Norwegen traf ich Männer, die, sobald die Diskussion etwas politisch wurde, in jenen besserwisserischen und belehrenden Tonfall schalteten, der mich auch hier in Deutschland so oft nervt. Und auch die „Beziehungskisten“-Probleme scheinen, soweit ich Einblick erhalten habe, nicht wesentlich anders zu verlaufen, als wir das hier gewohnt sind. Kultur ist eben mehr als Sozialstaat.

Das alles ist freilich nur ein Sammelsurium von Dingen, die mir in dieser kurzen Reise begegnet sind und durch den Kopf gingen, keine letztgültige feministische Analyse der norwegischen Geschlechterverhältnisse. Aber der Blick von außen ist doch immer eine Quelle für Inspirationen, allein schon deshalb, weil er die Perspektiven weitet.


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Warum es hier keine Netiquette gibt

Ein Naturgesetz? Dagegen lässt sich was unternehmen!

Das in diesem Tweet von Anne Roth (vermutlich aus Anlass dieses Blogposts) ironisch konstatierte “Naturgesetz” ist leider wohl eine traurige Wahrheit. Auch an dieser Stelle waren die besserwisserischen Männerkommentare in feministischen Blogs ja schon häufiger Thema, ebenso wie das Phänomen der Trolle.

Aber es lässt sich was dagegen unternehmen. Dass es sich für feministische Blogs empfiehlt, eine relativ strikte Kommentarmoderation zu haben, hat sich inzwischen herauskristallisiert. Und zwar ist das nicht wichtig, um sich unliebsame Kommentare vom Leib zu halten oder sie gar zu “zensieren”, wie dann ein schnell geäußerter Vorwurf oft lautet. Sondern es ist wichtig, um den Raum der Diskussion frei zu halten für die wirklich interessanten Debatten und attraktiv für diejenigen, die gerne konstruktiv mitdiskutieren wollen, aber keine Lust auf langweilige oder sich im Ton vergreifende Diskussionsstile haben.

Bei manchen Punkten ist es leicht, sich dafür zu entscheiden, einen Kommentar gleich in den Papierkorb zu leiten: Wenn er sich im Ton vergreift, wenn er nicht zum Thema ist, wenn er andere diffamiert, wenn er pauschale Klischees und Meinungen über “die Frauen” oder “den Feminismus” enthält.

Inzwischen bin ich zu der Auffassung gelangt, dass das nicht reicht. Es gibt nämlich Fälle, in denen die üblichen Regeln der “Netiquette” nicht greifen.

Ein “Trick”, wenn man so will (auch wenn es vielleicht gar kein bewusster oder absichtlicher Trick ist), besteht darin, dass ein Kommentator immer das letzte Wort behalten will und dadurch die Diskussion in eine bestimmte Richtung drängt und auf ungute Weise dominiert. So dass das eigentliche Thema dabei unter die Räder kommt. Der Trick ist, dass jeder Kommentar mit einem neuen Vorwurf oder einer neuen Frage beendet wird, was mich dazu animiert, wieder zu antworten und etwas richtig zu stellen, was dem anderen wiederum  Gelegenheit gibt, noch einmal zu antworten und so weiter. In diesen Fällen ist der einzelne Kommentar für sich genommen nicht “Papierkorbwürdig”, sondern er wird es erst in der Zusammenschau. Ich handhabe das inzwischen so, dass ich nach der zweiten “Runde” weitere Kommentare des Betreffenden dann nicht mehr freischalte.

Eine weitere Unsitte, wie ich finde, ist es, das eigene Anliegen bei jedem neuen Thema erneut vorzubringen. Also zum Beispiel die Meinung, dass es heutzutage gar nicht die Frauen, sondern die Männer sind, die benachteiligt werden, oder dass feministische Analysen nur dann Relevanz und Bedeutung haben, wenn es gelingt, Männer von ihrer Richtigkeit zu überzeugen. In einem Blog wie diesem, der sich mit Notizen zur sexuellen Differenz in unterschiedlichen Themenfeldern beschäftigt, ist es relativ leicht, in fast jedem Post irgendeinen Anknüpfungspunkt zu finden, an dem sich dieses “Argument” erneut einbringen lässt.

Auch hier gibt es auf den ersten Blick meist keine “objektiven” Gründe, den Kommentar nicht freizuschalten. Auf die Dauer macht aber auch das die Diskussion langweilig und nervt. Deshalb schalte ich sowas nicht mehr frei.

Jedenfalls meistens nicht. Eine Zeitlang dachte ich, ich sollte vielleicht an irgendeiner Stelle eine Art Regelwerk posten, sodass nachvollziehbar ist, wann und warum ein Kommentar freigeschaltet wird und wann nicht. Inzwischen denke ich, das ist nicht praktikabel. Ich entscheide das lieber von Fall zu Fall, in der konkreten Situation. Kriterium ist, ob ich der Ansicht bin, dass ein Kommentar die aktuelle Diskussion bereichert oder nicht.

Und allen, die dann “Zensur” rufen, sage ich: Das Internet ist ja zum Glück groß. Ihr könnt also jederzeit ein eigenes Blog aufmachen. Hier aber entscheide ich.


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Der Feminismus, die Frauen und die Welt

In der Jungle World erschien heute ein Artikel von mir, in dem ich begründe, warum ich gegen ein Burkaverbot bin. Das ist in der aktuellen Ausgabe dort Thema und wird von verschiedenen Seiten diskutiert.

Beim Redigieren ist an meiner ursprünglichen Argumentation etwas verändert worden, das den Sinn der Argumentation an einer Stelle umdreht. Kein wirklich schlimmer Lapsus und außerdem einer, an dem ich selbst schuld bin, denn die Redaktion hatte mir die bearbeitete Version zum Gegenlesen geschickt und ich hatte es übersehen.

Dass ich hier trotzdem kurz was dazu poste liegt daran, dass dieser (Flüchtigkeits?)-Fehler auf ein Denkmuster verweist, das im Bezug auf den Feminismus weit verbreitet ist: Nämlich die Vorstellung, dass das Engagement für die Freiheit der Frauen etwas ist, das speziell die Frauen selbst angehe. Ich hingegen bin der Meinung, dass es etwas ist, das die Welt als Ganze angeht.

In der ursprünglichen Fassung hatte ich geschrieben, dass Burka und Niqab (also Ganzkörperverhüllungen, die auch das Gesicht verdecken) – anders als das Kopftuch – “die Welt der körperlichen Präsenz weiblicher Individuen” berauben. Das war meine Begründung dafür, warum ich finde, dass es sich dabei durchaus um eine Angelegenheit von öffentlichem Interesse handelt und nicht nur um eine Privatangelegenheit der Frauen, die solche Kleidung tragen. (Anschließend begründe ich dann, warum ich ein gesetzliches Verbot trotzdem falsch finde).

In der veröffentlichen Version heißt dieser Satz nun, dass Burka und Niqab “weibliche Individuen ihrer körperlichen Präsenz berauben”. Diejenigen, denen etwas “fehlt” (nämlich die körperliche Präsenz) sind nun also die Frauen selbst und nicht mehr die Welt.

Das ist aber ja noch die Frage. Vielleicht fehlt Frauen, die Burka tragen, ja gar nichts. Mir – als Teil der Welt – fehlt etwas: Nämlich eine Öffentlichkeit, in der viele verschiedene Sorten weiblicher Menschen sichtbar und gegenwärtig sind.

Ebenso wie ich der Meinung bin, dass die Beschränkung des Wahlrechts auf Männer nicht in erster Linie ein Problem der Frauen war, die nicht wählen durften, sondern ein Problem der Demokratie, die in sich unlogisch wurde und der die Stimmen der Frauen fehlten. Und wie ich der Meinung bin, dass der Ausschluss von Frauen aus religiösen Ämtern, wie in der katholischen Kirche, nicht ein Problem der Katholikinnen ist, sondern ein Problem der katholischen Kirche. Und wie ich der Meinung bin, dass die Dominanz von Männern im akademischen Betrieb nicht den Frauen schadet, sondern den Universitäten. Und wie ich der Meinung bin, dass Quotenregelungen, die den Frauenanteil in Unternehmen, Parteien und so weiter erhöhen helfen könnten, nicht vorwiegend im Interesse von Frauen wären, sondern im Interesse dieser Institutionen. Etc.pp.

Ich behaupte, dass überall, wo Frauen fehlen, der Welt etwas fehlt. Die Orte, die Institutionen, die Bereiche, an denen Frauen deutlich unterrepräsentiert sind oder gar ganz fehlen, sind schlechter als sie sein könnten.

Die Welt braucht weibliche Freiheit. Feminismus ist keine Lobbyarbeit für Fraueninteressen, sondern eine Bewegung, bei der es um das gute Leben aller Menschen geht.


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Der Datenschutz und ich

Mein Tagebuch. Nur für mich bestimmt. Auch wenn andere darin lesen.

Kürzlich saßen wir tratschend und klatschend beisammen und erzählten so: Die hat sich von dem getrennt, nachdem sie Dinge in seinem Tagebuch gelesen hatte.

Daraufhin die spannende Frage nach der Schuld.

„Selbst schuld. Er hätte sein Tagebuch halt nicht herumliegen lassen sollen.“

„Was sie gemacht hat, war unmoralisch. Sie hätte nicht in seinem Tagebuch lesen dürfen.“

Wer ist schuld? Diejenigen, die ihre Daten nicht genug schützen? Oder diejenigen, die die Daten anderer ohne Erlaubnis verwenden? (Die sehr interessante Variante, wonach er sein Tagebuch absichtlich hat herumliegen lassen, damit sie es findet, weil er zu feige war, die Beziehung selbst zu beenden, lassen wir hier mal außen vor).

Ich selbst bin in dieser Frage parteiisch, weil ich auch einmal von einer großen Liebe verlassen wurde, nachdem er in meinem Tagebuch gelesen hatte. Damals war ich zwanzig und sehr wütend.

Und zwar war ich nicht wütend, weil er mein Tagebuch gelesen hatte, sondern weil er die völlig falschen Schlüsse daraus gezogen hat. Das Händchenhalten mit jemand anders war nicht so gemeint gewesen, wie es bei ihm ankam, es hatte nicht dieselbe Bedeutung wie in seiner Interpretation. Ich fühlte mich ungerecht behandelt. Aber ein Gespräch war nicht möglich, weil seiner Meinung nach „die Fakten für sich sprachen.“

Fakten aber sprechen nicht für sich. Sie müssen immer interpretiert und in einen Kontext gestellt werden.

Das ist bei Daten im Internet genauso wie mit Daten in einem Tagebuch. Nur dass das ganze Problem mit dem Internet sehr viel komplexer geworden ist, weil es viel mehr Daten gibt, die herumzirkulieren und viel mehr Leute, die darauf Zugriff haben, und weil es viel komplizierter ist, die eigenen Daten zu beschützen.

Mit dem Verschlüsseln von Daten hatte ich allerdings auch vorher schon Probleme. Mein erstes Tagebuch bekam ich zu Weihnachten 1975, da war ich elf. Im Sommer 1977 verlor ich den Schlüssel. Im Dezember habe ich das Tagebuch dann aufgebrochen. Ich wollte weiter reinschreiben. Mir war damals schon klar, dass meine Mutter jetzt darin herumlesen könnte. Ich entschloss mich, es darauf ankommen zu lassen.

Bis heute habe ich eine Aversion gegen das Verschlüsseln, zumindest wenn ich selbst mich darum kümmern soll. Es ist mir zu umständlich. Ich bin dafür auch sowieso zu schusselig. Bis heute bin ich der Meinung, schuld sind nicht die, die Daten nicht verschlüsseln, sondern diejenigen, die Daten von anderen missbrauchen. Und dieser Missbrauch besteht nicht darin, Daten überhaupt in Erfahrung zu bringen, sondern darin, sie entgegen der Intention ihrer Urheberin zu verwenden. So wie dieser Mann, der seine falschen Schlüsse aus dem Fakt des Händchenhaltens zog.

Wahrscheinlich ist das einfach auch meine Erziehung. Von meiner Mutter gab es eine strikte moralische Vorgabe, die darin bestand, dass die größte Sünde ist, zu lügen. Oder anders: Man muss zu den Dingen stehen, die man tut, man muss sie durchkämpfen. Nicht verheimlichen.

Viele sagen mir, das sei naiv, möglicherweise ist es das. Der Punkt ist halt, dass ich nicht anders kann. Das hat mir schon vielerlei Nachteile verschafft. Ich habe mal eine Redakteurinnenstelle bei einer kirchlichen Zeitung nicht bekommen, weil bekannt wurde, dass ich und mein Ex (ein anderer) unsere Ehe mit einer großen Scheidungsparty beendeten (das war in den 1980er Jahren, da war man auch bei der evangelischen Kirche noch pingelig mit solchen Dingen).

Auch das ist ein Missbrauch von Daten gewesen. Klar kann man sagen, es war naiv von mir, das offen herumzuerzählen. Schuld sind aber dennoch die, die glauben, das Feiern einer Scheidungsparty mindere die Arbeitsqualität einer Journalistin.

Ich will daraus gar keine prinzipielle Sache machen. Die Leute sind verschieden, ich bin eben so. Es ist keine Frage von Entweder-Oder: Datenschutz versus verantwortlicher (und das bedeutet: nicht gegen die Intention der Urheber_innen gerichteter) Umgang mit Daten. Es ist gut, dass es Datenschutz gibt und Leute, die sich darum kümmern. Aber ich denke, wir müssen – gerade, aber nicht nur im Internet – an beiden Seiten aufmerksam sein und ein Bewusstsein schaffen.

Mich stört also nicht der Datenschutz als solcher, sondern dass so getan wird, also wäre an diesem Ende das ganze Problem zu lösen. Mich stört, dass immer nur über den Datenschutz geredet wird und über die andere Seite nicht. Mir erscheint das wie eine Kapitulation vor der bösen Welt. Vielleicht ist die Chance dafür, eine Kultur der Transparenz und des verantwortlichen Umgangs mit Daten, die nicht für mich bestimmt sind, einzuführen, gleich Null. Ich will sie trotzdem haben.

Das Thema ist mir auch deshalb so wichtig, weil der Kampf für Datensicherheit ja immer schwieriger und aussichtsloser erscheint. Er frisst so viel Energie. Und dann passieren doch immer wieder „Unfälle“. Und es verarmt unsere Kultur. Zum Beispiel auf Facebook: Aus Angst vor der missbräuchlichen Verwendung ihrer Daten schreiben viele Leute nur völlig belangloses und harmloses Zeug. Sie pflegen ihr Profil wie eine Pressestelle. Das wäre so ähnlich, wie wenn ich in mein Tagebuch nur noch reinschreibe, was alle Welt lesen darf. Es wäre dann kein Tagebuch mehr.

„Bei unserem Wochenend-Streit hat T. in meinem Tagebuch gelesen, ohne dass ich es ihm gegeben habe. Das macht mir nichts aus, ich hoffe bloß, dass ich damit jetzt nicht irgendeine Selbstzensur anfange, aber ich glaube, seitdem M. es gelesen hat, rechne ich ohnehin immer damit. Sei’s drum.“ Das schrieb ich im Mai 1988.

Und so halte ich es im Prinzip auch heute noch, Internet hin oder her. Mein Bemühen geht nicht dahin, meine Daten zu schützen, sondern eher dahin, mich von der Gefahr ihrer missbräuchlichen Verwendung nicht verängstigen zu lassen. Wobei man natürlich sagen muss, dass ich dafür eine recht komfortable Ausgangsposition habe: Ich bin alt genug, um schon manches erlebt zu haben, ich kenne mich beruflich mit den Mechanismen von PR aus, ich bin wirtschaftlich recht gut abgesichert. Aber umso mehr: Wer, wenn nicht Leute wie ich, sollen denn dieses Risiko eingehen? Sollen wir es den Jugendlichen überlassen, die Risiken und Nebenwirkungen auszutesten? I don’t think so.

Das Neue am Internet ist, dass die Zielgruppe einer Information nicht mehr am Medium zu erkennen ist. Das ist ein Fakt. Früher oder später steht alles im Internet, davon bin ich überzeugt. Es gibt ja zum Beispiel sehr gute Gründe dafür, auch ein ganz persönliches Tagebuch, das nur für eine selbst bestimmt ist, ins Internet zu stellen – das weiß ich, seit mir einmal ein fast vollgeschriebenes Tagebuch in Barcelona aus dem Auto geklaut wurde. Ein Verlust, den ich heute noch fast mehr betrauere als den jener großen Liebe.

Und deshalb werde ich für eine Kultur werben, in der man Tagebücher herumliegen lassen darf, ohne dass einer daraus ein Strick gedreht wird. Ich schreibe gerne so banale Dinge ins Internet wie dass ich mir in Oslo Gummistiefel gekauft habe oder was es heute bei mir zu essen gab. Macht euch darüber nur lustig, es gibt Menschen, die das interessiert. Vielleicht acht oder so. Die anderen 246 Facebook-Kontakte müssen es halt überlesen. Oder sie lachen über mich, das sei ihnen gegönnt. Oder sie schicken mir ab morgen Spammail aus ihrem Schuhladen. Auch das werde ich überleben. Aber dann weiß ich zumindest, dass das Leute sind, die nicht wissen, was sich gehört.

Postscriptum: Ich hätte bei unserem eingangs geschilderten Gespräch ja gerne gewusst, was sie in diesem Tagebuch gelesen hat, das sie dann veranlasste, ihn zu verlassen. Die Lippen desjenigen, der die Geschichte erzählte, waren aber versiegelt. Diese Information war vertraulich. Ja, auch mit sowas muss man leben. Zuweilen.


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Das Ärgernis der Globuli

Wirken sie oder wirken sie nicht? Das ist hier nicht die Frage.

Erstmal vorneweg: Ich habe keine große Meinung zur Homöopathie, ich kenne mich auch mit Medizin nicht aus, und was ich mit diesem Blogpost ganz sicher nicht will, das ist einen Beitrag zur Wirksamkeit oder Unwirksamkeit der kleinen weißen Kügelchen abliefern.

Als jetzt die Diskussionen über den Vorschlag von SPD-Gesundheitsmann Karl Lauterbach losging, den gesetzlichen Krankenkassen zu verbieten, homöopathische Mittel zu bezahlen, hatte ich bloß in aller Unschuld getwittert, dass ich ja auch nicht an Homöopathie glaube, aber seit ich die Kügelchen esse, praktisch nicht mehr erkältet gewesen sei. Was stimmt. Ich habe vor einigen Jahren bei einer Freundin so ein kleines Selbermach-Büchlein gefunden, das mal unverbindlich ausprobiert, und tatsächlich funktioniert bei mir und in diesem Fall Nux Vomica hervorragend.

Ich gebe zu, das beweist nichts, vielleicht ist es bloß der Placebo-Effekt, vielleicht ist es reiner Zufall (beide Vermutungen wurden mehrfach und vehement in meiner Timeline geäußert). Ist mir, ehrlich gesagt, ziemlich egal, solange es funktioniert.

Was mich ins Grübeln brachte, das waren die Begründungen, die für die heftigen Abwehr-Reaktionen angeführt wurden. Und zwar grüble ich weniger aus medizinischen oder praktisch-politischen Gründen (ich wusste bisher gar nicht, dass man sich die Kügelchen von der Krankenkasse bezahlen lassen kann, sie kosten ja eh nicht viel und ich habe sie bisher immer selber gekauft). Sondern vielmehr aus philosophischen Gründen.

Denn hinter der Kritik an der Homöopathie stehen zwei Vorannahmen, die ich so nicht teile.

Erstens: Ein Medikament wirkt nur, wenn sich wissenschaftlich nachweisen lässt, warum.

Zweitens: Die Wirksamkeit eines Medikamentes kann nur als bewiesen gelten, wenn es immer und überall wirkt.

Beides überzeugt mich nicht. Und zwar auf logischer Ebene – wie gesagt, inwiefern sich diese auf die Homöopathie anwenden lässt, weiß ich nicht und ist hier auch nicht mein Thema.

Mir erscheint es aber sehr logisch, die Möglichkeit zumindest zuzugestehen, dass irgendeine Maßnahme ein Problem lösen kann, auch wenn sich nicht wissenschaftlich nachweisen lässt, warum das so ist. Wissen wir alles? Nein. Vielleicht sind die Dinge zu komplex. Vielleicht sind wir zu dumm. Soll es ja geben.

Ebenso logisch erscheint mir, dass – gerade im Fall von Krankheiten, aber das Prinzip ist auch auf andere Themen anwendbar – eine Behandlung bei manchen Menschen anschlägt, bei anderen aber nicht, in manchen Fällen wirkt, in anderen aber nicht. Eigentlich ist das ja auch in der Schulmedizin längst bekannt. Zumindest weiß ich, dass inzwischen bewusst ist, dass Frauen auf bestimmte Medikamente anders reagieren als Männer, Kinder anders als Erwachsene und so weiter. Im Prinzip ließe sich das wohl bis auf die individuelle Ebene herunterbrechen, die Unterschiede zwischen den Leuten und erst recht zwischen den vielen Verfassungen, in denen sie sich gerade befinden, sind vielfältige.

Mir scheint diese Vorstellung, dass Wahrheit gleichbedeutend mit Allgemeingültigkeit ist, und dass Lösungen nur real sind, wenn sie immer und überall gelten, einer der grundlegenden Denkfehler unserer Kultur zu sein. Anstatt von der Wirklichkeit auszugehen, wie wir sie vorfinden, und im Umgang mit ihr Erfahrungen zu sammeln, versuchen wir, abstrakte Regeln und Gesetze auf konkrete Situationen anzuwenden – notfalls mit Gewalt. Und anstatt bei einem realen Problem eine pragmatische Lösung zu suchen, lassen wir das lieber sein, sobald uns theoretisch irgend eine andere Situation einfällt, in der das möglicherweise nicht funktionieren würde. (Dass ein solches Vorgehen zu schlechten Ergebnissen führt, hat – in einem ganz anderen Kontext – Elinor Ostrom untersucht. Ganz wissenschaftlich übrigens.)

Ich gebe zu, eine solche differenzierte Herangehensweise ist schwieriger in der Handhabung. Es ist dann alles nicht so hieb- und stichfest. Es gibt Spielräume und Unklarheiten. Aber wenn die Realität doch nun mal so ist? Komplex? Nicht so ohne weiteres auf einen Nenner zu bringen?

Das ist jetzt übrigens kein Plädoyer dafür, auf allgemeingültige Regeln generell zu verzichten (wie etwa: Was bezahlen die Krankenkassen und was nicht). Aus rein pragmatischen Gründen brauchen wir das. Nicht jeder Einzelfall kann jedesmal bei allem neu entschieden werden. Und möglicherweise spricht pragmatisch gesehen einiges dafür, die Kosten von Homöopathie nicht auf die Allgemeinheit zu übertragen – wie gesagt, das kann ich nicht beurteilen.

Worauf es mir ankommt ist, welche Begründungen dafür angegeben werden. Und Begründungen wie “Die Wirksamkeit ist wissenschaftlich nicht nachweisbar” oder “Es gibt Fälle, in denen es nachweislich nicht nützt” sind keine, die mich überzeugen. Überzeugen würde mich vielleicht: “Wir sind leider nicht in der Lage, die ganze Komplexität des Themas zu durchdringen. Aber aus diesen und jenen Gründen haben wir uns jetzt mal auf diese Regelung geeinigt. Sie ist sicher fragwürdig, aber das Beste, was uns momentan einfällt.”

Nachtrag:

Gerade werde ich drauf hingewiesen, dass die von mir genannten Annahmen so nicht gelten würden:
Bei Punkt 1 müsse nur die reine Wirksamkeit nachgewiesen werden, nicht das warum. Und Punkt 2 würde niemand verlangen. Juhuu, da ist die Wissenschaft zum Glück wohl schon weiter als die Alltagsdiskussionen. Dort werden beide Punkte nämlich so diskutiert, wie hier beschrieben. Denn das Argument “Die Wirkstoffe wurden so oft verdünnt, dass nix mehr drin ist” läuft genau auf Punkt 1 hinaus – auf das Warum. Und der Einwand “Ich kenne X Fälle, in denen Homöopathie nichts genutzt hat”, ist Punkt 2.


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Gender Pay Gap: Abstrakte Gleichheit und konkrete Freiheit

Derzeit diskutieren wir wieder mal über die Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männer, wohl nicht zufällig ein Dauerbrennterthema in einer Gesellschaft, in der Geld schon länger zum entscheidendem Maßstab für alles mögliche geworden ist.

Zwei neue Studien zeigen, dass das viel beklagte Gender Pay-Gap (Männer verdienen viel mehr Geld als Frauen) nicht nur auf krasse Diskriminierungen seitens der Unternehmen zurückzuführen ist, nicht nur darauf, dass Frauen und Männer unterschiedliche Berufe und Karrierewege wählen, nicht nur darauf, dass Frauen weniger Geld für sich fordern und weniger selbstbewusst (wahlweise: großkotzig) auftreten, nicht nur darauf, dass Frauen im Schnitt, wenn sie denn forsch und fordernd auftreten, unsympathischer wirken als genauso forsch und fordernd auftretende Männer, sondern auch…

… darauf, dass Frauen offenbar selbst der Ansicht sind, dass Frauen richtigerweise weniger verdienen als Männer. Über die Studien berichtet die SZ, und bei der Mädchenmannschaft hat sich schon eine angeregte Debatte zum Thema entwickelt.

Nun, die Feministin in mir ist nicht sonderlich überrascht, denn die Mehrheit der Frauen war noch nie besonders radikal und feministisch eingestellt, und die Vorkämpferinnen für weibliche Freiheit waren nie im Mainstream – und erst Recht nicht im weiblichen Mainstream. Dass unsere Gesellschaft insgesamt irgendwie der Meinung ist, Frauen bräuchten weniger Geld als Männer, ist ja evident: Wäre es anders, dann hätten Frauen nämlich nicht weniger Geld als Männer.

Und es hat ja wohl niemand ernsthaft geglaubt, nur die Männer wären dieser Meinung. Oder noch anders: Wären alle Frauen einheitlich der Meinung, dass sie und ihresgleichen zu wenig Geld haben, dann hätten sie wohl auch schon längst etwas Effektives dagegen unternommen.

Das aus meiner Sicht Interessante an der Studie stand im letzten Satz des SZ-Artikels:

Die überwiegende Mehrheit der Befragten war der Meinung, dass das Geschlecht eines Menschen die Höhe seines Einkommens nicht beeinflussen sollte. Den wenigsten Befragten war dabei wohl bewusst, dass ihre abstrakten Prinzipien den eigenen konkreten Urteilen über niedrige Frauengehälter widersprachen.

Genau hier liegt nämlich die Krux: Nicht in der Frage, ob es nun die Frauen, die Männer, die Unternehmer, die Gewerkschaften oder meinetwegen die kleinen grünen Marsmännchen sind, die glauben, Männer bräuchten mehr Geld als Frauen, sondern darin, dass hier abstrakte Meinung und konkretes Urteil und Verhalten im Einzelfall bei ihnen allen ganz offenbar auseinanderklaffen.

Die gute Nachricht dabei ist, dass sich da in den letzten Jahrzehnten was verändert hat: Früher, in vorfeministischen Zeiten, war die Mehrheit der Leute nämlich durchaus auch ganz abstrakt und theoretisch der Ansicht, dass es schon in Ordnung geht, Männern mehr Geld zu geben als Frauen. Das ist inzwischen anders.

Aber damit ist es eben nicht getan. Nicht ohne Grund hat die Frauenbewegung der 1970er Jahre (und früher auch schon) sich nicht damit begnügt , Forderungen und Traktate aufzuschreiben, sondern vor allem eine Praxis entwickelt, die unter anderem darin bestand, gemeinsam mit anderen Frauen neue Handlungsmöglichkeiten zu erforschen, auszuprobieren, einzuüben. Feminismus ist eine Haltung, die im Alltag lebendig werden muss, wenn sich etwas verändern soll, und das geht nicht von heute auf morgen, das geht nicht am Schreibtisch, und das geht vor allem nicht ohne dass sich die Frauen selbst verändern.

Die italienische Philosophin Luisa Muraro hat einmal gesagt, die Probleme unserer Zeit werden nicht die lösen, die die besten Gleichheitskonzepte erarbeiten, sondern diejenigen, die einen guten Weg finden, um mit der vorhandenen Ungleichheit umzugehen. Und genau so ist es. Abstrakt zu postulieren, dass Frauen mehr Geld bekommen sollen, hilft nichts. Gefragt sind Ideen, Übungen, Beispiele, Erfahrungsaustausch dazu, wie das gelingen kann.

Und bitte: Ohne Pauschalrezepte. “Die Frauen” gibt es nicht, und es gibt auch nicht “die Frauen”, die weniger verdienen. Außerdem ist nicht bei jedem Chef, in jedem Unternehmen die gleiche Strategie erfolgsversprechend. Andererseits lassen sich in manchen Situationen große Erfolge erzielen, die aber nicht auf anderswo übertragbar sind (so ähnlich wahrscheinlich, wie Elinor Ostrom das über die Klimaprojekte erforscht hat).

Deshalb ärgert mich an solchen Studien immer, wenn von “den Frauen” die Rede ist – und dann zum Beispiel ernsthaft darüber diskutiert wird, ob “die Frauen” nun selber schuld sind oder nicht. (Die Antwort auf entsprechende Fragen ist IMMER: sowohl als auch).

Mich hingegen interessiert, inwiefern sich Frauen im Bezug auf das Thema unterscheiden: Sind jüngere im gleichen Maße wie ältere der Ansicht, Frauen bekommen zurecht weniger Geld? Gibt es eine Korrelation zur Höhe des Einkommens? Gibt es einen  Unterschied im Hinblick auf Bildung? Zwischen Feministinnen und Nicht-Feministinnen (ich wage nicht zu hoffen, das könnte abgefragt worden sein). Zwischen Lesben und Heteras? Das zu wissen, wäre doch mal spannend.

Update: Die Autorinnen und Autoren der Studie haben den Bericht der SZ als verfälschend kritisiert. Hier ihre Richtigstellung.


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