Das Schielen unserer Epoche

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Vermutlich sind viele momentan deprimiert über die öffentlichen Diskussionen, die das Buch von Thilo Sarrazin ausgelöst hat. Ich habe versucht, so wenig wie möglich davon zur Kenntnis zu nehmen und will mich mit diesem Blogpost auch nicht daran beteiligen, sondern auf einen anderen Punkt hinaus.

Als Politikwissenschaftlerin interessiert beziehungsweise irritiert mich folgender Punkt: Dass es ein so eklatantes Auseinanderklaffen zwischen geisteswissenschaftlicher Forschung und Erkenntnissen und der tagesaktuellen Politik und politischen Debatte gibt.

Auf akademischer Seite haben wir jetzt ja einige Jahrzehnte Poststrukturalismus hinter uns, eine „Postmoderne“, die in inzwischen bibliothekenhaftem Umfang die alten modernen Gewissheiten über Subjekt und Gesellschaft aufgelöst und eigentlich ad acta gelegt hat: Die Möglichkeit etwa, Menschen in fixe Gruppen zu sortieren, die „Beweisbarkeit“ politischer Standpunkte anhand von Statistiken, das Ausgehen von „Identitäten“ auf Seiten politischer Akteur_innen und so weiter.

Dies hat aber offenbar den politischen Diskurs, so wie er sich in den dafür vorgesehenen Institutionen (Parteien, Parlamenten, Medien) abspielt, keineswegs verändert. Im Gegenteil, hier scheinen wir uns wieder immer mehr den Theorien und Ideen des 19. Jahrhunderts, also der klassischen Moderne, anzunähern: Es werden Kriege als Mittel der Politik legitimiert, man sucht die Ursachen sozialer Ungleichheit in einem schlechten Betragen „der Armen“ (wahlweise „der Ausländer“), die Komplexität menschlicher Differenzen werden wieder ganz banal stereotypisiert („der Islam“) und so weiter.

Inzwischen scheinen wir sogar an den Punkt zu kommen, wo tatsächlich auch die sozialpolitischen Maßnahmen des 19. Jahrhunderts (Arbeitszwang für Arme, Rassismus, malthusianische Bevölkerungspolitik, Biologismus) wieder diskussionsfähig werden.

Die italienische Journalistin Ida Dominijanni nennt dieses Phänomen das „Schielen” unserer Epoche: Auf der einen Seite sind moderne Gewissheiten, selbstherrliche Subjekte, der Glaube an Gott, Gesetz und Vaterland in den Geisteswissenschaften längst ad acta gelegt, und massenweise Bücher und Studien erklären, warum das so sein muss. Im Bereich von Politik und Mediendiskurs hingegen sind diese Kräfte ungebrochen am Werk und werden sogar gefeiert. Ganz offensichtlich interessiert es dort gar nicht, dass sie wissenschaftlich längst dekonstruiert worden sind.

Dominijanni findet, dass es zwischen beidem einen inneren Zusammenhang gibt: „Je gespaltener, differenzierter, aufgelöster und postmoderner das Subjekt auftritt, umso mehr erscheint es innerhalb eines demokratischen Horizonts, der zu einer Art unanfechtbarem Apriori erhoben wird, wenn nicht gar zu einer unbestreitbaren Religion, im alten Gewand der Individualität, der Rechte, der Repräsentation und der modernen Gleichheit.” (mehr dazu hier)

Die Rückkehr des überwunden geglaubten Weltbildes der Moderne hinge also nicht einfach mit der Dummheit der Leute, mit der Banalität des Medendiskurses und instrumentellen Machtstrategien zusammen. Oder, auf den aktuellen Diskurs bezogen: Es geht nicht darum, dass „Wir“ (die postmodern Aufgeklärten sozusagen) irgendwie machtloser und benachteiligt sind gegenüber „Denen“ (den bösen Sarrazins und denjenigen, die Leuten wie ihm ein Forum bieten, wenn auch im Gewand der angeblichen kritischen Auseinandersetzung). Sondern möglicherweise liegt das ganze Schlamassel auch mit an „uns“.

Ich habe darauf noch keine wirklichen Antworten, sondern nur einige vorläufige Ideen. Eine wäre, dass sich der postmoderne akademische Diskurs zwar inhaltlich, nicht aber methodisch von dem verabschiedet hat, was die Moderne als „Wissenschaftlichkeit“ definierte: Die Fixierung auf Zahlen und allgemeingültige Beweise. Man beschränkte sich darauf, noch eine Studie und noch eine Studie zu schreiben, statt die Aufmerksamkeit auf die Frage zu lenken, wie überhaupt politische Vermittlungsarbeit funktioniert.

Außerdem läuft postmoderne Geisteswissenschaft tatsächlich oft Gefahr, eine Art Relativismus zu propagieren: Wenn alles nur Diskurs ist, gibt es keinen realen Maßstab mehr für das politische Handeln in der Welt (wie früher Gott oder dann die Vernunft), sondern nur viele Verschiedene, die alle irgendwie Recht haben. Stimmt das?

Ich finde hier die Unterscheidung von Luisa Muraro zwischen Relativität und Relativismus sehr hilfreich. Sie schreibt (wie ich bereits in meinem Burka-Blogpost zitierte): „Es ist äußerst notwendig, zwischen Relativismus und Relativität zu unterscheiden: Relativismus bedeutet, die Suche nach dem universalen Wahren und Richtigen aufzugeben, weil man glaubt, alle möglichen Antworten seien abhängig von Kulturen (oder Standpunkten oder Interessen), also historischer Natur und damit veränderbar, und keine könne sich als den anderen überlegen betrachten. Die Relativität hingegen, als Gedankengebäude und vor allem als geistige Einstellung, kann als ein unvorhergesehener Sieg über den Relativismus betrachtet werden. Dieser Sieg wird errungen und bildet sich heraus, indem man Vermittlungen sucht, um von dem einen zum anderen Standpunkt zu kommen.“

Anders gesagt: Es gibt zwar das „Wahre“ nicht in dem Sinne, dass es objektiv Schiedsrichter sein könnte über die Differenzen der Menschen (so wie es sich die Moderne vorstellte), das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass alles einfach nur relativ ist und alle irgendwie Recht haben. Rücken wir die Beziehungen zwischen konkreten Menschen ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit, dann kann das „Wahre“ als Maßstab eine Rolle spiele, an dem sich ihr Diskurs orientiert. Im Alltag ist mir das sehr hilfreich: Diskutieren andere Leute mit mir, weil sie wirklich daran interessiert sind, „die Wahrheit“ zu finden (wenn wir auch darüber, was das ist, unterschiedliche Ansichten haben)? Oder verfolgen sie damit nur egoistische oder instrumentelle Zwecke? Das ist meines Erachtens die entscheidende Frage.

Ich finde ja übrigens, dass es einen Themenkomplex gibt, der sich dieser negativen Dynamik teilweise entzieht, und das ist der Feminismus. Auch hier sind natürlich dieselben Entwicklungslinien von „modernem“ zu „postmodernem“ Denken zu beobachten, aber das „Schielen“ scheint mir hier doch weniger krass zu sein, als bei anderen politischen Themen.

Ich denke, das hat auch damit zu tun, dass der Feminismus eben nie nur eine Theorie war, sondern immer auch eine Praxis – die Praxis der Frauenbewegung als politische Größe, aber auch die Praxis der einzelnen Frauen. Und politische Praxis ist immer Vermittlungsarbeit in einer konkreten Situation. Zwar gibt es auch hier ein Auseinanderdriften zwischen akademischem Diskurs und Alltagsleben zu beklagen, aber immerhin wird das offen kritisiert, die Akademikerinnen werden von politischen Feministinnen angefragt, frau lässt sie in ihrem Elfenbeinturm nicht einfach so in Ruhe. Also: Das Problem besteht zwar, aber es ist immerhin auf der Agenda.

Mir würde gefallen, wenn es auch im Hinblick auf andere Themen auf die Agenda käme und sich das Sarrazin-Desaster nicht auf einen bloßen Schlagabtausch beschränkte. Konkret: Ich halte es zwar für falsch, mit Sarrazin zu diskutieren (und problematisch, dass die Leitmedien ihm dieses Forum geben). Es ist aber notwendig, mit den Menschen zu diskutieren, die in seinen „Denkanstößen“ Plausibles finden. Und zwar auf eine Weise mit ihnen zu diskutieren, die nicht versucht, ihnen wissenschaftlich zu „beweisen“, dass sie unrecht haben und dumm sind, sondern so, wie Luisa Muraro es vorschlägt: „Übersetzungen zu suchen zwischen dem, was ich in erster Person lebe, weiß, fühle in etwas, das der/die andere verstehen kann, weil es dem, was er oder sie weiß, fühlt, lebt ähnlich ist oder darauf eine Antwort bietet, indem ich zugehört habe, als er/sie versucht hat, mir die Bedeutung seiner/ihrer Erfahrungen zu erklären.“


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Unterwegs in die falsche Richtung. Überlegungen zu Elisabeth Badinter

Die Frau und die Revolution - in Frankreich schon immer ein schwieriges Verhältnis. Hier das berühmte Gemälde von Eugène Delacroix von 1830 mit dem Titel "Die Freiheit führt das Volk".

Was soll man von den Thesen von Elisabeth Badinter halten? Ihr neues Buch „Der Konflikt. Die Frau und Mutter“ erscheint dieser Tage auf Deutsch, und nach einem ersten Rundgang durch die Feuilletons scheint es mir im Wesentlichen ähnliche Gedanken zu enthalten, wie sie sie schon 1980 in ihrem Buch „Mutterliebe“ entwickelt hat: Dass das, was wir heute für einen „natürlichen Mutterinstinkt“ halten, ein historisches Phänomen ist, ein Konstrukt, entstanden im 18. und vor allem 19. Jahrhundert. Und offenbar sieht Badinter die Gefahr, dass dieser Müttermythos, den die Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts halbwegs erfolgreich kritisiert hat, heute mit großer Wucht wiederkommt.

Verkennt sie damit die emanzipatorischen Selbstverständlichkeiten von jungen Frauen, wie Frau Stricktier in ihrem Blog meint? Oder sind wir in Deutschland noch viel rückständiger als Frankreich und haben die düsteren Müttermythos-Zeiten nie verlassen, wie Barbara Vinken in der taz schreibt?

Badinters Feminismus steht in der Tradition von Simone de Beauvoir, die 1949 in „Das andere Geschlecht“ die These aufstellte, dass sich Mutterschaft und selbstbestimmtes Leben gegenseitig ausschließen oder zumindest behindern: Weil Mütter durch die Schwangerschaft körperlich eingeschränkt sind, weil sie durch die Notwendigkeit, für Babies zu sorgen, bei anderen Aktivitäten behindert werden, seien sie gegenüber den Männern im Nachteil gewesen, was die konsequente Verfolgung eigener Projekte betrifft – und daraus sei letztlich das Patriarchat entstanden.

Nun muss man wissen, dass Beauvoir eigentlich keine Feministin war (als solche verstand sie sich erst in den 1970er Jahren), sondern Existenzialistin. Also Vertreterin einer bestimmten Philosophie, die die Autonomie des Menschen und seine Selbstverwirklichung dezidiert ins Zentrum stellte. (Wer es genauer wissen will, bitte hier entlang).

Schon Beauvoir gibt Frauen den Rat, sich möglichst von den „Belastungen“, die das Kinder Gebären und das Für Kinder Sorgen unweigerlich mit sich bringe, zu „befreien“. Allerdings war dies bei ihr ein philosophisches und revolutionäres Konzept: Ziel war es, ein freier Mensch zu werden, in dem Sinne, dass man sich nicht äußerlichen Gegebenheiten unterwirft, sondern die eigenen Ideen in die Welt bringt.

Badinter banalisiert letztlich Beauvoirs Idee, indem sie die existenzialistische Selbstverwirklichung auf das Erfolgreichsein innerhalb gesellschaftlicher Gegebenheiten zurechtstutzt: Frauen sollen nicht so viel Gedöns um das Kinderhaben machen, damit sie beim Karrieremachen nicht mehr als nötig ins Hintertreffen geraten. Mehr Angepasstheit geht kaum.

Allerdings muss man auch sagen: Die Gefahr, durch Kinderhaben und vor allem durch das Kinder Versorgen wirtschaftliche und soziale Nachteile zu haben, ist natürlich vollkommen real. Das zeigen all die Studien über ungleiche Karrierechancen und ungleiche Entlohnung und so weiter und so fort. Badinter hat also durchaus Recht, wenn sie junge Frauen davor warnt, sich von den Statusgewinnen und den Lobhudeleien verführen zu lassen, die eine bestimmte konservative Tradition mit der Mutterschaft verbindet. Und sie hat auch recht, dass es Frauen gibt, die sich beim ersten beruflichen Gegenwind in die Häuslichkeit flüchten (ob es viele sind, weiß ich nicht). Richtig ist auch, dass das Bemühen, eine möglichst „gute Mutter“ zu sein, manchmal über das Ziel hinausschießt und dass in diesem Zusammenhang oft unerträglich besserwisserische „Ratschläge“ an Mütter ergehen. Vor allem aber hat Badinter Recht, wenn sie darauf hinweist, dass es riskant ist, sich finanziell von einem Mann abhängig zu machen – Männer können Familien verlassen, Männer können auch arbeitslos werden.

Also keine Frage: Eine Frau, die sich entscheidet, wegen der Kinder beruflich kürzer zu treten, sollte sich das gut überlegen und nicht im Rausch des Ehe- und Familienkitsches einfach mal so das Beste hoffen. Aber: Das Ergebnis dieser Überlegungen steht nicht fest, wenn es uns mit der Freiheit der Frauen ernst ist. Und schon gar nicht kann der generelle Verzicht von Frauen auf „Familienphasen“ eine Lösung für das dahinter stehende gesellschaftliche Problem sein.

Eine Lösung, die mir schon besser gefällt, ist eine, die in Deutschland zunehmend angestrebt wird, und zwar die Einbeziehung der Männer in die Fürsorge- und Erziehungsarbeit. Sicher, zahlenmäßig sind wir da noch nicht sehr weit und leider hat die Debatte zuweilen eine frauenfeindliche Schlagseite (Männer brauchen mehr Rechte, ohne Männer funktioniert nichts), aber das Bemühen ist doch immerhin erkennbar. Würden die „Belastungen“ durch das Kinderhaben auf Männer und Frauen gleichmäßiger verteilt, wären wir schon einen guten Schritt weiter.

Ich glaube, in dieser Hinsicht ist Deutschland weiter als Frankreich. Eine meiner Lieblings-Steilen-Thesen ist ja, dass die so oft gerühmten besseren Kinderbetreuungsmöglichkeiten in Frankreich insgeheim auch damit zusammenhängen, dass die Männer dort nicht wirklich Lust haben, sich aktiv an der alltäglichen Versorgung der Kinder zu beteiligen. Etwa nach dem Motto: Geben wir den Frauen lieber bessere Kinderbetreuung, bevor sie am Ende von uns verlangen, dass wir das machen. (Ich bin noch nicht dazu gekommen, dem Gedanken wirklich nachzugehen, Erkenntnisse dazu also bitte in die Kommentare schreiben, das würde mich sehr interessieren. Gibt es zum Beispiel Studien über den Anteil von Vätern, die in Frankreich Elternzeit nehmen, oder etwas dergleichen?)

Immerhin war Frankreich das Land, in dem die Ideologie der strikt „getrennten Sphären“, in denen Männer und Frauen je zuständig sein sollen, erfunden wurde. Nirgendwo in Europa waren Ehefrauen so rechtlos wie dort (zum Beispiel durften sie ohne einen Erlaubnisschein ihrer Männer nicht reisen, noch im 19. Jahrhundert), nirgendwo war der Widerstand gegen die Gleichberechtigung der Frauen so groß wie dort, und nirgendwo (außer in der Schweiz) hat es so lange gedauert bis sie wenigstens das Wahlrecht bekamen (bis 1945). Weder in England noch in Deutschland, von Skandinavien ganz zu schweigen, war der Geschlechterdualismus jemals so stark im Alltagsleben ausgeprägt wie in Frankreich, obwohl auch diese Länder natürlich patriarchal waren. Und nirgendwo wurde das Männliche so sehr zum Maßstab für die gesamte Kultur gemacht wie in Frankreich.

Ich denke, das hat Auswirkungen bis heute. Es erklärt, warum französische Feministinnen so empfindlich reagieren, wenn sie das Wort „Geschlechterdifferenz“ nur hören (wobei es aber auch welche gibt, die das Thema umso gründlicher bearbeitet haben, Luce Irigaray zum Beispiel ). Und es erklärt auch, warum es in Frankreich vielleicht schwerer vorstellbar ist, dass sich im Zuge der Überwindung von Geschlechterdualismen nicht nur die Frauen den Männern anpassen, sondern auch andersrum.

Doch auch die komplette Gleichverteilung der Kinderfürsorge auf beide Geschlechter, wie sie in Deutschland und Skandinavien angestrebt wird, wäre für mich noch keine wirklich gute Lösung. Und zwar deshalb, weil die Ungleichheit ja trotzdem weiter bestünde: zwar nicht mehr zwischen Frauen und Männern, aber doch zwischen Eltern und Kinderlosen.

Ich gehe noch einen Schritt weiter und frage: Stimmt denn überhaupt Beauvoirs Ausgangsthese, dass die „Belastung“ durch Kinderversorgung diejenigen, die das machen, zwangsläufig und naturnotwendigerweise ins Hintertreffen bringt? Oder entsteht diese „Belastung“ nicht vielmehr erst durch eine Kultur, die im Kinderversorgen etwas Unnormales, Unmännliches sieht?

Die Matriarchatsforschung hat gezeigt, dass es vor der Entstehung des Patriarchats Gesellschaften gegeben hat, in denen die Generationenbeziehungen im Zentrum standen. Gesellschaften, in denen Mütter keine „spezielle“ Sorte von Menschen waren, sondern eine tragende Funktion hatten und eingebunden waren in die ganz „normalen“ Abläufe und Institutionen. Ein Kind zu haben und zu versorgen muss also nicht naturnotwendigerweise dazu führen, dass die Mutter (oder eben auch der Vater, wenn er diese Arbeit macht) ins Hintertreffen gerät. Es kommt darauf an, wie die Gesellschaft politisch und ökonomisch organisiert ist.

Sicher, von einem solchen Zustand sind wir weit entfernt. Und solange die Welt ist, wie sie ist, solange wir Kinder als Privatproblem ihrer Eltern betrachten, solange man Fürsorgearbeit in der „Freizeit“ erledigen muss und solange man das Lebensnotwendige nur bekommt, wenn man erwerbstätig (oder mit einem gut verdienenden Mann zusammen) ist – solange müssen Frauen, die Kinder haben wollen, realistisch mit dieser Situation umgehen und ihre Konsequenzen im Hinblick auf ihre Lebensplanung ziehen.

Aber das heißt nicht, dass sie sich mit dem Status Quo zufrieden geben müssen. Ihr Wunsch, Zeit mit Kindern zu verbringen, die familiären (und andere persönliche) Beziehungen ins Zentrum ihres Lebens zu stellen und nicht die Pflege ihrer „Employability“, ist ernst zu nehmen, gerade auch als gesellschaftsveränderndes Potenzial. Zumal die Berufstätigkeit von Frauen ja heute längst nicht mehr jene Freiheit verheißt, die Beauvoir damit noch verbunden hat: Statt sich selbst zu „transzendieren“ bedeutet Erwerbsarbeit für nicht wenige Menschen heute bloßes Funktionieren im Sinne der Marktanforderungen.

In der Tat sind es momentan ja gerade diejenigen jungen Frauen (und Männer), die Kinder haben und beruflich und politisch aktiv sein möchten, die darauf drängen, dass sich hier Sachen verändern. Sie setzen durch, dass die Arbeitszeit flexibler wird, klagen bei den Kolleginnen Verständnis ein, wenn mal was liegen bleibt, weil das Kind Fieber hat, kämpfen für Teilzeitstellen so weiter. Das sind zwar alles noch mikroskopisch kleine Veränderungen, aber immerhin. Und sie tun damit nicht nur sich selbst, sondern meiner Ansicht nach der Gesellschaft insgesamt einen Gefallen.

Das heißt, ich finde es gut, wenn Mütter (und eben auch inzwischen so manche Väter) darauf bestehen, dass sie keine Lust haben, sich zwischen Kinderhaben und Karrieremachen entscheiden zu müssen. Wenn sie darauf bestehen, dass Kinderhaben mehr ist als die Kleinen morgens zur Krippe zu bringen und abends wieder abzuholen. Und wenn sie fordern, dass sich ihre Arbeitgeber oder auch andere Nichteltern gefälligst darauf einzustellen haben. Das alles hat mit Müttermythos überhaupt nichts zu tun, sondern einfach nur damit, dass eine Auflösung der alten Geschlechterdualismen sich nicht damit begnügen kann, die ehemals „weibliche“ Seite zu verändern (die Familie und das Private). Die ehemals „männliche“ Seite (der Beruf, die Öffentlichkeit, die Politik) muss sich ebenfalls verändern.

Wenn man sich also ausgehend von der derzeit unbefriedigenden Situation auf den Weg macht, sollte man darauf achten, dass die Richtung stimmt. Und die Richtung, die Elisabeth Badinter vorschlägt, stimmt meiner Meinung nach nicht.

PS: Badinter ist damit im Übrigen auch keine typische Vertreterin der Frauenbewegung, nicht einmal der inzwischen auch schon „alten“ der 1970er Jahre, die schon damals viel grundsätzlicher über das ganze Thema diskutiert hat.

PPS: Einige Anregungen, was es bedeutet, sich vom autonomen Erwachsenen als Modell für normales Menschsein zu verabschieden und die Welt ausgehend von der Gebürtigkeit zu denken, entwickelt auch Ina Praetorius in diesem Video.

PPPS: Vielleicht auch interessant in dem Zusammenhang mein Artikel „Abschied von der guten Mutter“


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Frauen bloggen anders. Anders als wer?

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Bloggen Frauen anders? Das Thema, das derzeit in diversen Blogs diskutiert wird (Carta, Politik.de) usw. – beim Googlen fand ich übrigens, dass das schon seit 2006 oder so immer mal wieder als Thema vorkommt), interessiert mich gewissermaßen aus historischen Gründen. Ich habe nämlich in meiner inzwischen 25-jährigen Laufbahn als Journalistin ebenfalls diverse Artikel zum Thema „Dingsen Frauen anders?“ geschrieben, allerdings liegt das schon eine Weile zurück.

Inzwischen frage ich bei so etwas immer zurück: Anders als wer? Und wenn dann die Antwort kommt: Na, anders als Männer! – winke ich dankend ab. Mag sein, mag nicht sein, interessiert mich nicht.

Und zwar nicht nur aus dem ganz offensichtlichen Grund, dass eine solche Fragestellung schon rein formal die Männer und das, was sie tun, zum Maßstab für weibliches Handeln macht. Sondern weil diese Perspektive eine andere Fragestellung ausschließt und verschleiert, hinter der sich meiner Meinung nach die eigentlich spannenden Themen verbergen: Nämlich die Frage, ob und wo Frauen etwas anderes machen – als andere Frauen!

Dass die Beschäftigung mit der sexuellen Differenz eigentlich nicht die Unterschiede zwischen Frauen und Männern, sondern die Unterschiede zwischen Frauen untereinander in den Fokus rückt, ist dabei zugegeben kein ganz einfacher Gedanke. Ich habe ihn Mitte der 1990er-Jahre von italienischen Feministinnen gehört, konnte aber zunächst einmal nichts damit anfangen.

Damals war ich mitten in meiner Doktorarbeit und hatte mich festgefahren. Mein Thema im Fach „politische Ideengeschichte“ war: Frauen in der Ersten Internationale (der europäische Dachverband der Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung im 19. Jahrhundert). Ich hatte mir vier Frauen ausgesucht und wollte deren politische Ideen untersuchen, und zwar insgeheim mit dem Ziel, zu zeigen, dass Frauen „anders“ Politik machten als die Herren Marx, Engels, Bakunin und Co. Dazu hatte ich auch schon jede Menge Material aus diversen Archiven und Bibliotheken ausgegraben – allein, der Befund war nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nicht nur waren die Frauen an ganz entscheidenden Punkten keineswegs einer Meinung. Es gab keinen “anderen” weiblcihen Sozialismus. Aber viel schlimmer noch: Die Frauen waren auch irgendwie nicht so „gut“ wie die Männer. Ihre Texte waren weniger eloquent, sie kamen nicht so recht auf den Punkt, ihre Standpunkte ließen sich nicht so gut identifizieren. (Später habe ich das hier mal analysiert).

Natürlich hätte ich mich jetzt auf den Punkt der Diskriminierung zurückziehen können: Sie hatten weniger Zeit, waren mit den Kindern etc. beschäftigt, waren nicht so lange in die Schule gegangen, wurden von der Gesellschaft an allem möglichen gehindert und so fort. Aber das hat mich selbst nicht richtig überzeugt, selbst wenn es natürlich irgendwie auch stimmte. Aber das war so – unprickelnd.

Und dann kam – kurz bevor ich das Ganze schon in die Ecke schmeißen wollte – dieser Gedanke, dass das eigentlich Interessante aus feministischer Perspektive die Unterschiede zwischen Frauen sein sollten. Und damit kriegte ich dann tatsächlich die Kurve. Denn als ich mich erst einmal von der Idee verabschiedet hatte, eine gemeinsame weibliche Position herausdestillieren zu wollen und stattdessen anfing, die von mir gewählten Frauen in ihrer Subjektivität zu sehen, also nicht als Repräsentantinnen ihres Geschlechts, sondern als politisch handelnde Individuen – da konnte ich mit ihren Texten plötzlich etwas anfangen.

Am Ende wurde also die Diss dann doch noch fertig. Die Konflikte, die die verschiedenen feministischen Sozialistinnen untereinander austrugen, waren nicht nur spannend, sie rückten auch die ganze Geschichte der Ersten Internationale in ein neues Bild. Plötzlich kamen Themen zum Vorschein, die in den Debatten der Männer kaum eine Rolle gespielt hatten.

Noch ein anderes Beispiel: Vor einiger Zeit nahm ich an einer Konferenz zum Grundeinkommen teil, wir waren etwa 40 Männer und vielleicht fünf, sechs Frauen. Die Diskussion plätscherte dahin, es ging um Finanzierungsfragen und darum, von wem man sich abgrenzen muss und so weiter. Ich sagte auch mal was, aber meistens langweilte ich mich. Die anderen Frauen sagten auch nur wenig.

In der Pause war ich auf dem Klo, als eine Frau zu mir kam und sagte: Sie fände das, was ich gesagt hatte, völlig falsch, aber sie hätte mich nicht dort in der großen Runde kritisieren wollen, denn wir wären doch eh so wenige Frauen und müssten daher solidarisch sein. Erstmal fand ich das eine nette Geste, aber hinterher wurde mir klar, dass genau das das Problem war: Hätte sie mich in dieser Runde öffentlich kritisiert, hätte das der ganzen Konferenz vielleicht einen anderen Charakter gegeben. Wir hätten die Chance gehabt, über unsere Themen und Konflikte zu reden (und nicht über die, die die Männer wichtig fanden), und wahrscheinlich wäre es für uns weniger langweilig und für die Konferenz insgesamt fruchtbarer gewesen.

Was hat das jetzt alles mit der Frage zu tun, ob Frauen anders bloggen?

Das weiß ich nicht. Denn mir ist noch nicht wirklich klar, wo die Konflikte unter bloggenden Frauen liegen. Das liegt vermutlich auch daran, dass ich außer mir selbst bisher keine andere Frau persönlich kenne, die regelmäßig bloggt (die anderen Bloggerinnen kenne ich nur „aus dem Netz“, es ist noch keine wirkliche Beziehung und politische Auseinandersetzung daraus entstanden).

Mein Hauptkonflikt rund um das Thema „Bloggen Frauen anders“ liegt daher momentan noch an dem Punkt, wo ich die anderen Frauen um mich herum frage: „Warum bloggt ihr eigentlich alle nicht, obwohl ihr doch so kluge Gedanken habt?“ Diesen Konflikt trage ich gerne und herzhaft aus, aber aus nahe liegenden Gründen nicht im Netz :)

Möglicherweise ist das bei euch anderen Bloggerinnen, die ihr euch untereinander schon besser kennt, anders? Immerhin gab es ja inzwischen einige Barcamps und Vernetzungstreffen. Und das würde mich interessieren: Über welche Sachen und Themen wart ihr da unterschiedlicher Meinung? Wo sind eure Differenzen im Bezug auf Netzpolitik? Das wäre etwas, worüber ich wirklich gerne mehr erfahren würde. Ich vermute zum Beispiel, dass es die eine oder andere Differenz zwischen mir und Anne Roth im Bezug auf Datenschutz geben könnte. Oder zwischen mir und der Mädchenmannschaft im Bezug auf die Gleichstellung. Oder zwischen mir und Kathrin Ganz im Bezug auf Geschlechterkonstruktionen. Oder zwischen mir und Piratenweib über die Frage der Identitätsaufdeckung. Mit Jana Herwig und würde ich mich übrigens gerne mal streiten, weiß aber noch nicht genau, über was. Und mit Frau Stricktier habe ich neulich sogar schon mal kurz disputert :) Oder, oder, oder. Und, und, und.

Ein kleiner erster Ansatz waren schon die Diskussionen rund um das Thema Frauen und Piraten, an denen sich ja klar viele Frauen mit gegensätzlichen Meinungen beteiligt haben. Leider ist das unter’m Strich nicht sehr fruchtbar verlaufen, was meiner Meinung nach auch daran lag, dass diese Diskussion in einem von Männern dominierten Umfeld stattfand, die die Frauen, die Pro-Piraten argumentierten, ständig zu Kronzeuginnen für ihre eigenen Positionen machten. Ich jedenfalls hatte dadurch das Gefühl, ständig auf zwei parallelen Ebenen zu diskutieren.

Also, wir üben halt noch. Aber ich wette, wenn wir erstmal anfangen, unsere Konflikte im Netz sichtbar zu diskutieren, ergeben sich ganz von selbst spannende Entwicklungen. Ob dabei dann herauskommt, dass Männer möglicherweise „anders“ bloggen, wird sich ja zeigen. Aber quasi nur als Nebenprodukt.


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Über das Begehren

In meinen Texten kommt oft das Wort “Begehren” vor – hier eine kleine Sammlung – und zwar nicht als rein individualistisches oder gar nur sexuelles Phänomen, sondern als Motivation für politisches Handeln. Vergangenes Wochenende war ich bei einem kleinen Treffen mit politischen Freundinnen in Innsbruck (derselbe Kreis, der auch hinter diesem Text zum Grundeinkommen steht), und bei der Gelegenheit haben wir gegenseitig mit uns kleine philosophische Interview-Videos gedreht. Ich habe dabei Fragen zum Thema “Begehren” beantwortet, das Ergebnis findet Ihr hier:


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Frauenwahlrecht – Kinderwahlrecht? Ein schlechter Vergleich

Immer mal wieder wird über das Kinderwahlrecht diskutiert – aktuell etwa bei den Piraten. Die Frage, ob es sinnvoll ist, das Wahlrecht erst ab 18 Jahren zu verleihen, beschäftigt mich nicht besonders, weil ich das Wahlrecht nicht für das Zentrum des Politischen halte. Aber zu einem Argument, das in diesem Zusammenhang immer wieder vorgetragen wird, möchte ich mich äußern, nämlich: „Für viele mag die Forderung nach einem Kinderwahlrecht absurd klingen – Ich gebe zu bedenken, dass früher auch Frauen nicht wählen durften und die Vorstellung, dass das mal so war, uns heute absurd erscheint.“ (so im PiratenPad)

Zunächst einmal werden hier zwei Dinge verglichen, die man nicht vergleichen kann: Kinder werden schließlich vom Wahlrecht ausgeschlossen, weil sie nicht über dasselbe Wissen, dieselbe Lebenserfahrung, dieselbe Urteilsfähigkeit verfügen, wie Erwachsene. Auch wenn man dies falsch findet – der Ausschluss der Frauen vom Wahlrecht war genau gegenteilig gelagert: Sie wurden ausgeschlossen, obwohl sie über dasselbe Wissen, dieselbe Lebenserfahrung und dieselbe Urteilsfähigkeit verfügten, wie Männer – genau darin lag ja der Skandal.

Das Argument wird also kaum einen Gegner oder Gegnerin des Kinderwahlrechts überzeugen, im Gegenteil. Nun könnte man natürlich sagen: Ja, aber haben nicht damals die meisten Leute geglaubt, dass Frauen weniger Urteilsfähigkeit, Lebenserfahrung und Wissen hätten als Männer? Und ist das Argument also nicht dennoch in gewisser Weise stichhaltig?

Hinter diesem Gedankengang steht eine Vorstellung, die wir im Westen gerne im Hinblick auf unsere demokratische Tradition pflegen, und zwar die eines sukzessiven Fortschritts, der so ungefähr vom finsteren Mittelalter bis hin zu heutigen, aufgeklärten und gleichgestellten Zeiten geführt habe. Twittergemäß auf 140 Zeichen gebracht hat das @silkeNH: „Es ist nur konsequent. Zuerst sind wir die Unterscheidung nach Stand losgeworden, dann nach Geschlecht, jetzt ist Alter dran.“

Demnach wäre der Ausschluss der Frauen vom Wahlrecht letztlich einer Unaufgeklärtheit der damaligen Zeit zu verdanken, die wir heute überwunden haben. Und im Bezug auf Kinder hinken wir da eben noch hinterher.

Genau so war es aber nicht. Der Ausschluss der Frauen vom Wahlrecht war nicht einfach ein Versäumnis, das dem damaligen patriarchalen Zeitgeist geschuldet ist, sondern logische Folge einer bestimmten Politikvorstellung, die viel mehr umfasste, und deren negative Auswirkungen wir noch immer nicht überwunden haben.

Die Idee, dass alle Menschen gleich sind – und also zum Beispiel bei Wahlen jeder eine Stimme haben sollen – ist gerade mal 250 Jahre alt und wurde mit der französischen Revolution 1789 erstmals in die Realität umgesetzt. Vorher gab es die Idee der Gleichheit im Bereich des Politischen nicht. Und entsprechend gab es auch keine strikte Trennung zwischen den Geschlechtern im Bereich des Politischen. Frauen und Männer waren unterschiedlich einflussreich bei der Gestaltung der Welt, je nachdem ob sie Königinnen oder Knechte, reiche Händler oder arme Mägde, Äbtissinnen großer Klöster oder kleine Handwerker waren. Sicher hatten Männer im Durchschnitt mehr Einfluss als Frauen, aber das Frausein oder Mannsein war nur einer von vielen Faktoren, die dabei eine Rolle spielten.

Doch je gleicher die Männer sich wurden, umso „ungleicher“ wurden die Frauen. Die Frauen waren bei der Einführung des allgemeinen Wahlrechts nicht einfach nur „vergessen“ worden, sondern es war viel krasser: Die Frauen wurden aus der Politik exakt in dem Moment ausgeschlossen, als die Männer für sich die Gleichheit proklamierten. Weiblichen Geschlechts zu sein, war nun nicht mehr einer von mehreren Gründen, weshalb bestimmten Menschen politischer Einfluss verweigert wurde, sondern der einzige. Man könnte auch sagen, dass die Männer sich nach dem Wegfall der Standesgrenzen als demokratische Wesen explizit darüber definierten, dass sie keine Frauen waren.

Das blieb natürlich von Anfang an nicht unwidersprochen. Während das Kinderwahlrecht eine ziemlich junge Idee ist, die sich keineswegs logisch aus der Idee der allgemeinen Gleichheit der Menschen ergibt (schließlich werden damit nicht einzelne Menschen gegenüber anderen diskriminiert, denn ALLE Menschen sind zunächst Kinder und später Erwachsene, also in gleicher Weise betroffen), war der Ausschluss der Frauen von Anfang an Thema, weil er die logische Grundlage des „allgemeinen Wahlrechts“ in sich an ad absurdum führte.

Die französische Schriftstellerin Olympe de Gouges schrieb denn auch unmittelbar nach der Französischen Revolution ein Manifest für die Frauenrechte (und wurde dafür auf der Guillotine hingerichtet). Und sie war mit ihrer Position keineswegs eine frühfeministische Exotin. Viele Frauen und auch einige Männer machten das zum Thema. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war die Frage des Frauenwahlrechtes in linken, revolutionären Gruppen ständig auf der Tagesordnung.

Was aber war es, das die Mehrheit der Männer schließlich dazu brachte, die ureigensten Grundlagen ihrer Gleichheitsideen selbst zu konterkarieren, indem sie Frauen das Wahlrecht, ihre große demokratische Errungenschaft, verweigerten? Dahinter stand ein gesellschaftliches Problem, das sich unmittelbar aus der Gleichheitsidee ergab, für das aber damals (wie heute?) keine wirkliche Lösung gefunden wurde: Und zwar die Tatsache, dass Menschen zwar „als Idee“ als Gleiche angesehen werden können, es aber in der Realität normalerweise nicht sind.

So wie zum Beispiel Kinder ganz offensichtlich nicht gleich sind wie Erwachsene: Sie können nicht für sich selbst sorgen, wie müssen versorgt werden. Menschen treten im Status der größtmöglichen Abhängigkeit in diese Welt ein – sie werden geboren. Ohne Hilfe von anderen können sie keine zwei Tage überleben. Das heißt: Einfach nur die Gleichheit der Menschen zu proklamieren ist noch kein politisches Konzept. Gleichzeitig müssen Lösungen gefunden werden für all jene Situationen, in denen Menschen faktisch ungleich und damit bedürftig und abhängig sind.

Was sich hier letztlich stellt, das ist die soziale Frage: Das formale Wahlrecht hat noch nichts beizutragen zu sozialer Ungleichheit, die sich nicht nur durch die Gebürtigkeit der Menschen ergibt, sondern auch aus vielerlei anderer Ungleichheit. (Weshalb es auch kein Zufall ist, dass Simone de Beauvoir ihr Buch „Das andere Geschlecht“ wenige Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts in Frankreich schrieb: Sie zeigt darin, dass die Ungleichheit von Frauen und Männern dadurch keineswegs erledigt ist, weil sie viel tiefere kulturelle Ursachen hat).

Aber es geht um viel mehr als um die Benachteiligung von Frauen im Vergleich zu Männern. Es geht zum Beispiel auch um materielle Ungleichheit. „Das Gesetz in seiner erhabenen Gleichheit verbietet den Reichen wie den Armen, unter den Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen” ist ein Anatole France zugeschriebener Spott, der das Ganze auf den Punkt bringt. Das war auch der Grund, warum auch für viele Frauen, speziell die Sozialistinnen, das Wahlrecht keineswegs ganz oben auf der Agenda stand: Sie fanden andere Probleme viel wichtiger.

Die Lösung, die die Männer damals für das Problem der faktischen Ungleichheit und der Bedürftigkeit der Menschen fanden, war letztlich ziemlich einfach, aber auch ganz schön dreist: Sie erklärten die Frauen für diesen Bereich der „privaten“ Bedürftigkeit zuständig. Die Frauen sollten sich zuhause um Kinder, Kranke, Alte und auch für die von der Arbeit erschöpften Ehemänner kümmern. Oder um die Wohltätigkeit.

Zu diesem Zeitpunkt, also am Ende des 18. Jahrhunderts, war jedenfalls noch überhaupt nicht die Rede davon, dass Frauen aufgrund irgendwelcher weiblichen „Defizite“ für die Politik nicht geeignet seien. Auch deshalb hinkt der Vergleich zwischen Frauen- und Kinderwahlrecht: Man hat die Frauen nicht deshalb vom Wahlrecht ausgeschlossen, weil man sie für dümmer oder unvernünftiger hielt, sondern weil man befürchtete, ihre politische Gleichberechtigung würde dazu führen, dass sie sich nicht mehr um jene anderen Aufgaben kümmern, die man von nun ab als „Frauenaufgabe“ definierte. Das wurde damals von Gegnern des Frauenwahlrechts auch ganz unverblümt so gesagt: Wenn die Frauen Politik machen, wer wäscht dann unsere Wäsche, wer erzieht die Kinder und kümmert sich um die Alten und Kranken?

Die Idee vom weiblichen Wesen, das angeblich nicht genug Urteilsfähigkeit und Wissen hat, um politisch mitreden zu können, entstand erst viel später, nämlich als Reaktion auf die weiblichen Proteste gegen diesen Ausschluss. Das Lob auf die Mütterlichkeit, auf weibliche Tugenden und so weiter war nichts anderes als eine nachträgliche Rechtfertigung dieser Ungerechtigkeit, sozusagen ein Trostpflaster. Dagegen hat ja der Feminismus zu Recht und auch erfolgreich protestiert. Ungelöst geblieben ist dabei aber immer noch das Problem, dass auch die andere Seite der Medaille, die Konstruktion von Männlichkeit und „Gleichheit“ als Gegenmodell dazu, kritisiert und hinterfragt werden muss.

Das heißt, die Parallelisierung von „Kinderwahlrecht“ und „Frauenwahlrecht“ ist nicht nur fragwürdig, weil hier eine mögliche Analogie zwischen weiblicher und kindlicher „Unfähigkeit“ zur Politik nahegelegt wird (die nichts ist als frauenfeindliche, patriarchale Propaganda). Sie ist auch heikel, weil sie die ideelle „Gleichheitsschraube“ noch eine Umdrehung weiter geführt wird.

Das verstehe ich, wohlgemerkt, nicht als prinzipielles Argument gegen das Kinderwahlrecht. Meinetwegen kann man es einführen oder auch nicht. Und vielleicht gibt es tatsächlich gute Gründe, die Entscheidung darüber, wann ein Kind als „mündig“ und wahlberechtigt gelten sollte, nicht von einem fixen Datum, sondern von der Selbsteinschätzung des Kindes abhängig zu machen, wie es im Piratenantrag vorgeschlagen wird.

Das hat aber nichts zu tun mit einer Lehre, die aus dem verweigerten Frauenwahlrecht zu ziehen wäre. Daraus ist vielmehr zu lernen, dass eine Politik, die lediglich die formale Gleichheit der Menschen betont, in der Praxis nicht ausreicht. Die Herausforderung der Politik spielt sich heute nicht so sehr auf der Ebene von Rechten ab (die Menschen per definition „als Gleiche“ behandeln), sondern vielmehr dort, wo wir Verfahren brauchen, wie Menschen auch dann gut und gerecht und zum allerseitigen Wohl miteinander umgehen können, wenn sie gerade nicht gleich sind. (Vor diesem Hintergrund ist auch meine Kritik an einer rein rechtlichen Gleichstellung unverheirateter Väter im Bezug auf das Sorgerecht zu verstehen).

Wohin eine Kultur führt, die sich als Ansammlung von beziehungslos Gleichen definiert, hat Olympe de Gouges im Übrigen bereits 1788, also ein Jahr vor der Französischen Revolution, kritisiert. In einem Aufsatz beschreibt sie mit Sorge eine gewisse Haltung, die sich unter den Wissenschaftlern, Handwerkern und Politikern ihrer Zeit breit machte. Im Zuge der beginnenden Industrialisierung, so de Gouges Kritik, würden sie zunehmend eigennützige Ambitionen verfolgen, ohne deren Auswirkungen auf die Gesellschaft allgemein zu berücksichtigen. Vor lauter Profitstreben würden sie ihren eigenen Platz innerhalb der menschlichen Gemeinschaft nicht mehr verstehen. Kommt uns das irgendwie bekannt vor?

De Gouges endet mit den Worten: „Wenn ich in dieses Thema noch weiter verfolge, würde ich zu weit gehen und die Feindschaft der Neureichen auf mich ziehen, die, ohne über meine guten Ideen nachzudenken oder meine guten Absichten anzuerkennen mich ohne Mitleid verurteilen würden als eine Frau, die nur Paradoxes anzubieten hat und keine einfachen Lösungen für die Probleme.“

Das Dilemma, das sie hier beschreibt, ist für kritische Feministinnen bis heute gültig.


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Die Ekstase der Heiligen Teresa

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit der Liebe. Nicht so, wie wir wahrscheinlich alle, nämlich im Alltagsleben, sondern ideengeschichtlich. Also: Mich beschäftigt die Frage, was in unserer (westlich-europäischen) Kultur im Lauf der Jahrhunderte unter Liebe verstanden wurde, was alles unter diesen Begriff gefasst wurde – und was nicht.Dabei lese ich mich natürlich durch viele Bücher, und eine Sache, mit der ich zunehmend hadere, ist dass meistens versucht wird, die Liebe in verschiedene “Varianten” zu unterteilen, die angeblich vollkommen verschieden sind: Mutterliebe, “Gattenliebe”, sexuelles Begehren, Liebe zwischen Freunden, platonische Liebe, Gottesliebe.

Natürlich hat es eine gewisse Plausibilität, solche Unterscheidungen zu treffen, aber ganz bin ich nicht überzeugt. Vor allem bin ich nicht davon überzeugt, dass sexuelles Begehren und körperliche Erregung nur auf Liebe zwischen Mann und Frau beschränkt sein soll – wobei dieses Modell neuerdings auch auf homosexuelle Paare ausgeweitet wird, allerdings vorausgesetzt , dass die sich von heterosexueller Liebe praktisch gar nicht unterscheiden.

Mein liebstes Gegenbeispiel ist diese Skulptur von Gian Lorenzo Bernini. Sie zeigt die spanische Mystikerin und Klostergründerin Teresa de Jesus, auch bekannt als Teresa von Avila, die im 16. Jahrhundert lebte. Die Skulptur (die wiederum Mitte des 17. Jahrhunderts entstanden ist) steht in der Kirche Santa Maria della Vittoria in Rom, und jedesmal, wenn ich dort bin, muss ich sie mir anschauen. Ich kann mich nicht dran satt sehen.

Bernini zeigt hier Teresa während einer ihrer Visionen, die sie selbst so beschreibt:

Unmittelbar neben mir sah ich einen Engel von vollkommener körperlicher Gestalt. Der Engel war eher klein als groß, sehr schön, und sein Antlitz leuchtete in solchem Glanz, dass er zu jenen Engeln gehören musste, die ganz vom Feuer göttlicher Liebe durchleuchtet sind; es müssen jene sein, die man Seraphe nennt. In der Hand des Engels sah ich einen lagnen goldenen Pfeil mit Feuer an der Spitze. Es schien mir, als stieße er ihn mehrmals in mein Herz, ich fühlte, wie das Eisen mein Innerstes durchdrang, und als er ihn herauszog, war mir, als nähme er mein Herz mit, und ich blieb erfüllt von flammender Liebe zu Gott. Der Schmerz war so stark, dass ich klagend aufschrie. Doch zugleich empfand ich eine so unendliche Süße, dass ich dem Schmerz ewige Dauer wünschte. Es war nicht körperlicher, sondern seelischer Schmerz, trotzdem er bis zu einem gewissen Grade auch auf den Körper gewirkt hat; süßeste Liebkosung, die der Seele von Gott werden kann.

Schon in Teresas Schilderung selbst wird der körperliche Aspekt dieser Liebe ganz klar benannt. (Dass in unserer westlichen Ideengeschichte Liebe fast immer auch mit Schmerz gleichgesetzt wird, ist eine andere Geschichte, die mir auch nicht wirklich behagt, aber das wird vielleicht mal ein eigener Blogpost).

Interessant auch, was Eckart Petrich in seiner Reisebeschreibung über Italien (Band II, aus den 1960er Jahren) dazu schreibt:

Bernini kannte, wie die ganze katholische Welt, diesen Bericht, ehe er diese Vision darstellte. Nichts ist darum abwegiger, als in dieser Unio mystica etwas im irdischen Sinne Sinnliches zu sehn oder gar etwas Perverses. Um ihre Vision zu schildern, die eigentlich “unbeschreiblich” ist, bedient sich Theresa der Begriffssprache der Liebe. Und Bernini tut auf seine Wese das gleiche. Vor allem die Franzosen haben ihn gründlich misverstanden. Charles des Brosses, Zeitgenosse Voltaires, meint: “Wenn das die himmlichsche Liebe ist, kenne ich sie auch”. Stendhal ruft aus: “Welche Wollust!” Taine findet, man habe “niemals einen so zärtlichen und verführerischen Roman gemacht”. Bitter unrecht hat auch Burckhardt dem Meister getan, als er schrieb “Hier vergisst man alle Stilfragen über der empörenden Degradation des Übernatürlichen.” Das Barock war eine solche Hochspannung der religiösen Gefühle gewöhnt, dass es sowohl die erotischen Kommentare der Franzosen wie den protestantischen Protest des Schweizers als Platitüden abgetan hätte.

Ich denke, das sind alles falsche Alternativen, falsche Gegenüberstellungen. Sicher klingt es für unsere Ohren fremd, was Teresa hier schildert. Aber dass sexuelle Erregung (oder zumindest etwas sehr ähnliches) auch außerhalb von den klassischen Settings möglich ist, die wir heutzutage als legitimen Raum dafür anzunehmen gewohnt sind, ist eine Vorstellung, die mir gefällt.
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Vaterschaft ist mehr als Sex gehabt haben

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger bereitet gerade ein Gesetz vor, wonach es auch bei unverheirateten Eltern automatisch ein gemeinsames Sorgerecht geben soll. Frauen, die Mütter werden, ohne mit einem Mann zusammenzuleben, müssten demnach in Zukunft einen Gerichtsbeschluss erwirken, der ihnen das sozusagen „erlaubt“.

Der Verband Alleinerziehender Mütter und Väter lehnt den Vorstoß ab mit der Begründung, dass der „Stress für alleinerziehende Mütter und ihre Kinder damit in vielen Fällen vorprogrammiert“ sei. Schließlich genüge schon jetzt eine einfache Erklärung vor dem Jugendamt, damit unverheiratete Eltern das gemeinsame Sorgerecht bekommen, und auch unabhängig davon sei das Umgangsrecht unehelicher Väter sowieso garantiert. Der Väterblog hingegen kritisiert diesen Standpunkt, weil der Verband damit die Interessen der Mütter über die der Väter stelle (und legt den Beitrag dann unter der Rubrik „Dumpfbacken“ ab, was ich eine vollkommen unangemessene Polemik finde).

Vor allem letzteres hat mich nun dazu gebracht, auch einen Blogpost zu dem Thema zu schreiben. Denn die väterrechtliche Entwicklung der Familiengesetzgebung stört mich schon seit langem, und zwar nicht deshalb, weil ich die Mutterschaft biologistisch überhöhen wollte, sondern im Gegenteil: Weil diese Entwicklung aus meiner Sicht eine fatale Biologisierung unserer Vorstellung von Vaterschaft hervorgebracht hat.

Vaterschaft ist keine biologische Angelegenheit, sondern immer eine soziale. Das liegt in der Natur der Sache: Dass in dem Moment, wo ein Kind zur Welt kommt, immer hundertprozentig klar ist, wer die Mutter ist, aber nicht, wer der Vater ist, war einer der Kernkonflikte, der zur Entstehung des Patriarchats geführt hat. Denn die Beziehung von Vätern zu Kindern sind niemals evident, sie müssen per Gesetz garantiert werden. Das ergibt sich ganz einfach aus dem Umstand, dass bei der Geburt immer nur eine Person unusweichlich anwesend ist: die Mutter, aus deren Körper das Kind nämlich herauskommt. Die Anwesenheit jeder anderen Person – des Vaters, der Hebamme, der Freundinnen, der Ärztin – ist soziale Verabredung. Sie ist nicht notwendig für den Vorgang der Geburt als solchen.

Das heißt: Die Beziehung einer Mutter zu ihrem Kind muss nicht über „Rechte“ organisiert werden. Sie ist eine Tatsache, die sich aus dem Fakt der Geburt ergibt (dass diese Beziehung gut oder schlecht sein kann, hat damit nichts zu tun). Die Beziehung jeder anderen Person, auch des Vaters, muss zunächst sozial hergestellt werden.

Und damit ist sie Gegenstand der Politik. Um den Unterschied ganz klar zu machen: Auch die Art und Weise, wie wir Mutterschaft als Gesellschaft inhaltlich füllen, ist natürlich Gegenstand der Politik und der sozialen Verhandlungen. Aber eben nicht die Tatsache, dass es eine Beziehung zwischen Mutter und Kind gibt, als solche. Diese Tatsache ist unhintergehbar.

Im Patriarchat alten Stils, wenn man so will, haben Männer ihre Beziehung zu Kindern so hergestellt, dass sie Herrschaft über die Frauen ausübten. Frauen waren ihren Ehemännern in der Ehe untergeordnet, die Männer konnten den Frauen sagen, was sie zu tun und zu lassen hatten. Und so hatten sie automatisch auch Zugriff auf die Kinder.

Ganz im Gegensatz zu heute war Vaterschaft damals dezidiert nicht biologisch definiert: Jedes Kind, das innerhalb einer Ehe geboren wurde, galt als das Kind des Mannes, der mit der Mutter verheiratet war. Natürlich war Ehebruch für Frauen strengstens verboten. Aber das wurde familienintern geregelt. Dafür gab es zum Ausgleich etwas mütterromantische Lobhudelei: Man pries die Frauen dafür, dass sie angeblich als einzige wirklich toll mit Kindern umgehen können (was natürlich schon immer Quatsch war).

Was aus heutiger Perspektive interessant ist: Auch die Forschung nach der Vaterschaft war damals verboten: Uneheliche Mütter (und natürlich auch ihre Kinder) hatten keinerlei Ansprüche gegen den biologischen Erzeuger. Es war ihnen gesetzlich explizit verboten, ihn zur Verantwortung ziehen, ja, sie sie durften nicht einmal öffentlich sagen, wer der Mann ist, von dem sie schwanger waren, es sei denn, er hätte die Vaterschaft freiwillig anerkannt.

Dieses auf die Institution der Ehe gegründete patriarchale Vaterschaftsrecht ist heute obsolet, weil mit der Gleichberechtigung der Frauen nicht mehr vereinbar. Dank der Emanzipation können Männer Frauen auch in der Ehe nicht mehr vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Allerdings sind wir inzwischen ins gegenteilige Extrem gefallen. Etwas sarkastisch könnte man sagen, dass die Männer genau zu dem Zeitpunkt, an dem ihre gesetzlich garantierten Rechte über die Ehefrauen ins Wanken gerieten, angefangen haben, ihr „Recht“ auf das Kind direkt festzuschreiben.

Was aber ist Vaterschaft? Soll sie sich wirklich einfach daraus ergeben, dass ein Mann irgendwann mal mit der Mutter des Kindes geschlafen hat? Wollen wir, dass die Gene, die Biologie das einzig wahre und alles bestimmende Kriterium für Vaterschaft sind? Und sind „Rechte“ überhaupt ein sinnvoller Weg, um Beziehungen zwischen Eltern und Babies zu regeln?

Ich finde das falsch. Ich bin der Meinung, dass auch lesbische Frauen, Frauen, die in polyamoren Beziehungen leben, Frauen, die alleinerziehend sein wollen, die Möglichkeit haben sollten, Kinder zu bekommen, ohne sich dazu erst vorab vor Gericht die Erlaubnis einholen zu müssen (weil ansonsten der Mann, mit dem sie geschlafen haben, um schwanger zu werden, automatisch das Sorgerecht hat). Das neue Gesetzesvorhaben ist letztlich nichts anderes als die Zelebrierung des heterosexuellen Paares als Kern und Keimzelle der Gesellschaft. Und damit ist sie alles andere als „modern“, sondern sehr altbacken.

Außerdem hat die Biologisierung der Vaterschaft dazu geführt, dass soziale Vaterschaft kaum anerkannt wird. Indem alle „Rechte“ von Vätern an die genetische Verwandtschaft geknüpft sind, werden letzten Endes all diejenigen Väter vernachlässigt, die sich aktiv um Kinder kümmern und eine konkrete Beziehung zu ihnen führen, teilweise über viele Jahre. Aber diese Beziehung ist kaum rechtlich geschützt. Ich plädiere daher dafür, den Schutz von Vaterschaft weniger von der Biologie und mehr von der tatsächlich ausgeübten „Vatertätigkeit“ abhängig zu machen.

(By the way: Gehen die neuen Väterrechte eigentlich mit einer Pflicht einher? Also könnte zum Beispiel eine uneheliche Mutter dem Mann, der gegen ihren Willen das Sorgerecht über ihr Kind bekommen hat, dieses ins Haus bringen und sagen: Ich fahr jetzt drei Wochen weg, kümmer du dich? Wäre der Mann dann dazu verpflichtet, das Kind zu versorgen? Nicht, dass ich glaube, dass das häufig vorkommen würde. Aber rein theoretisch würde es mich mal interessieren.)

Gerade heute, wo Liebesbeziehungen doch mehr oder weniger volatil sind, kommt es immer öfter vor, dass ein Kind mehrere „Väter“ hat. Ich kann nicht einsehen, warum ein Mann, der über viele Jahre in der Rolle des Vaters mit einem Kind und dessen Mutter zusammengelebt hat, der sich aktiv und engagiert um die Erziehung gekümmert hat, praktisch keine rechtlichen „Ansprüche“ auf einen Schutz dieser Beziehung haben soll, während ein rein biologischer Vater, der nie aktiv in der Rolle des Vaters gelebt hat, sie haben soll.

Dieses neue Gesetz scheint übrigens auch gar nicht dem Wunsch der meisten Männer zu entsprechen. „Eine Mehrheit der nichtehelichen Väter (bis zu 80 Prozent) macht schon bei der Zahlung des Unterhalts Sperenzchen“ schreibt Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung (laut Väterblog). Sicher, es gibt eine Minderheit von nichtehelichen Vätern, die sich gerne um das Kind kümmern würden. In den meisten Fällen dürften aber dann die Mütter auch nichts gegen ein gemeinsames Sorgerecht einzuwenden haben. Soweit ich es mitbekomme, wünschen sich die allermeisten Frauen eine gemeinsame Elternschaft mit einem Mann, auch wenn sie unverheiratet sind.

Und in den wenigen Fällen, in denen das Gesetz zum Tragen käme: Könnte es nicht auch sein, dass Männer auf dem Umweg der Vaterschaft eine Beziehung zur Mutter erzwingen wollen, die sich vielleicht, aus welchen Gründen auch immer, von ihnen trennen will? Und: Wäre es wirklich so gut für das viel beschworene „Kindeswohl“, wenn schon bei seiner Geburt zwei untereinander verstrittene Menschen „Rechte“ über es haben? I don’t think so.

Ich würde eher sagen: Männer sollten einmal darüber nachdenken, was genau sie sich eigentlich unter Vaterschaft vorstellen und was ihnen daran wichtig ist. Ist es die verantwortliche Sorge um Kinder, um die nächste Generation, das Weitergeben von Idealen und Werten? Oder ist es bloß die Sicherung des eigenen Genpools? Oder ist es am Ende sogar nur das prinzipielle Bestehen darauf, „Rechte“ zu haben? Das fände ich dann schon etwas dürftig.


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