Verschleierung. Wir und die. Wer?

Passt nicht ins Klischee: Die rauchende Kopftuchträgerin. Gibt es aber.

Die Debatte um “den Islam” und speziell das Kopfuch krankt vor allem daran, dass hier ständig falsche Gegenüberstellungen gemacht werden. Ich habe in diesem Blog schon einige Male thematisiert, dass die Gegenüberstellung “Feminismus versus Islam” falsch ist, und das es nowendig ist, die eigenen Standpunkte nicht zu postulieren (schon gar nicht per Macht), sondern sie zu vermitteln.

Einen wichtigen Text dazu hat Ina Praetorius gestern in Auseinandersetzung mit dem neuen Buch von Alice Schwarzer (“Die große Verschleierung”) geschrieben. Sie weist darin unter anderem auf einen blinden Fleck hin, den es bei vielen Schwarzer-Kritikern und -Kritikerinnen tatsächlich gibt: Sie gehen auf ihr in der Tat wichtigstes Anliegen, nämlich die Benachteiligung von Frauen zu bekämpfen, überhaupt nicht ein. Man kann es aber nicht oft genug sagen: Die “Frauenfrage” ist kein Nebenwiderspruch. Niemals. Wer sie nicht aktiv thematisiert, hat Schwarzer nichts entgegen zu setzen und muss sich nicht wundern, wenn ihre Thesen soviel Zuspruch finden. Also bitte: lesen!

Und noch einen zweiten Link will ich an dieser Stelle teilen. In einem halbstündigen Radiointerview analysiert die Basler Malerin, Aktivistin und Feministin Miriam Cahn ziemlich grandios, was bei den gegenwärtigen Diskussionen zum Thema schief läuft und warum und in welcher Weise dabei gerade der weibliche Körper zum Schlachtfeld wird. Also bitte: hören!


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Die Vielfalt weiblicher Lebensentwürfe

Nachdem ich kürzlich schon etwas über Elisabeth Badinter geschrieben habe, habe ich nun ihr neues Buch „Der Konflikt. Die Frau und Mutter“ gelesen.

In erster Linie ist es eine Abrechnung mit der Pro-Still-Bewegung und mit einem tatsächlich in letzter Zeit zu beobachtenden Trend in psychologischen und biologischen Forschungen, die „natürliche“ (und damit unhinterfragbare) Seite von Mutterschaft zu betonen. Zu dieser Diskussion kann ich nichts beitragen, weil ich mich mit diesen Themen nicht auskenne, aber ich könnte mir vorstellen, dass vieles, was Badinter dazu schreibt, richtig ist. Hätte sie sich auf ihre Kritik an diesen Trends beschränkt, wäre das Buch ein verdienstvoller Beitrag zu einer kontroversen Debatte.

Leider ordnet Badinter aber ihre berechtigte Kritik an einem Wiederaufleben des Biologismus in ein größeres Muster von gesellschaftlichen, frauenpolitischen Trends ein – und hier muss ich an vielen Punkten widersprechen.

Am meisten ärgert mich, dass sie nicht anerkennt, dass das Interesse vieler Frauen an Ökologie, an alternativer Medizin (auch Geburtsmedizin) und an neuen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern überhaupt eine politische Position ist. Stattdessen spricht sie darüber pauschal das Verdikt des „Naturalismus“ aus. Aber skeptisch zu sein gegen Chemo-Nahrung, gegen Kaiserschnitte, gegen routinemäßige und an Effizienz orientierte Kinderbetreuung bedeutet doch nicht, ein unpolitisches „Zurück zur Natur“ zu postulieren. Die Kritik an einer männlich-kapitalistisch-rationalistischen Sicht auf die Welt ist kein Rückzug auf angebliche Biologismen, sondern es ist selbst eine kulturelle Intervention. Es geht hier nicht um einen Kampf zwischen „Kulturalismus“ und „Naturalismus“, wie Badinter behauptet, sondern um den politischen Konflikt zwischen „dieser Kultur“, die wir vorfinden, und einer „anderen Kultur“, die wir uns wünschen.

Badinter unterstellt, dass Frauen, die im Bezug auf die Frage: “Wie sollte ich als Mutter mit meinen Kindern umgehen?” eine weniger pragmatische Haltung haben als sie, von irgendwelchen bösen, biologischen Kräften “verführt” worden seien. Meine Erfahrung ist anders. Sicher, es gibt auch Frauen, die sich von einer Riesenflut an “Expertenwissen” verunsichern lassen und ewig lang ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie in der Schwangerschaft mal ein Schlückchen Sekt nippen. Es gibt aber genauso Frauen, die sich sehr bewusst und mit guten Gründen fürs Stillen, für Ökonahrung, für waschbare Windeln oder was weiß ich entscheiden – nicht weil sie zu einem Müttermythos verführt wurden, sondern weil sie das nach reiflicher Überlegung so wollen. Man muss ihre Meinung ja nicht teilen. Aber man muss zumindest die Möglichkeit einräumen, dass es sich hier um einen freien Ausdruck weiblicher Subjektivität handeln könnte.

Aber auch darüber hinaus schlägt Badinter in so manche Kerbe, die ich nicht teilen kann. Vor allem ihre pessimistische Interpretation der demografischen Entwicklung finde ich problematisch. In ihrer Angst vor sinkenden Geburtenraten, die sie vor allem bei gut gebildeten Frauen diagnostiziert, erinnert sie an so manch konservativen “Bevölkerungsexperten”, der das Aussterben und die Verdummung der Gesellschaft prophezeit: „Werden wir eines Tages erleben, dass die Mutterschaft zur Last oder zum Privileg der kulturell, gesellschaftlich und beruflich weniger Begünstigten wird?“ fragt sie geradeheraus.

Doch die These, dass gut ausgebildete Frauen weniger Kinder haben als schlecht ausgebildete, ist ohnehin schon gewagt – die vor einiger Zeit voreilig verbreiteten Schreckenszahlen der angeblich so kinderlosen Akademikerinnen hatten sich ja schon bald als falsch erwiesen. Und auch wenn Akademikerinnen etwas seltener Kinder haben als andere Frauen, so ist es doch mehr als zweifelhaft, ob der Grund dafür in überbordenden Mutterschaftsidealen zu suchen ist, die sie angeblich abschrecken. Immerhin ermutigt die gesellschaftliche Grundstimmung Frauen in Karriereberufen erst seit ganz kurzer Zeit zum Kinderhaben. Zum Beispiel galt bis vor wenigen Jahrzehnten für Frauen mit Beamtenstatus in Deutschland noch der Zölibat: Man war nämlich bis weit in die 1970er Jahre hinein allgemein der Auffassung, dass sich Familien- und Berufspflichten für Frauen nicht vereinbaren lassen und sich Frauen also entscheiden müssten, ob sie das eine oder das andere wollen. Angesichts dieser Vergangenheit finde ich es eher erstaunlich, dass Akademikerinnen heute schon beinahe genauso viele Kinder haben wie andere Frauen. Und die Tendenz ist steigend.

Die prekäre Situation unserer Sozialversicherungen und der Rente hat außerdem nichts mit Kindermangel zu tun, sondern mit dem Abbau sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze und mit einer desolaten Bildungspolitik, die Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen benachteiligt. Die Hauptaufgabe einer verantwortlichen Politik sehe ich, anders als Badinter, nicht darin, Frauen (und speziell die „Bessergestellten“) zum Kinderkriegen zu bringen, sondern darin, den vorhanden Kindern gute Startchancen zu bieten, damit sie sich später möglichst gut in die Gesellschaft einbringen können.

Überhaupt ist auffällig, dass Badinter den Bereich der Arbeitswelt und wie sie gestaltet ist, bei ihrer Analyse vollkommen außen vor lässt. Dabei ist diese Diskussion die eigentlich spannende, und sie wird auch derzeit offensiv geführt – und zwar angestoßen von der großen Gruppe junger Frauen, die den Wunsch haben, sowohl Mütter zu sein als auch in ihrem Beruf voranzukommen. Die Schwierigkeiten, die es dabei zu überwinden gilt, liegen nicht in erster Linie in übertriebenen Vorstellungen von mütterlichen Pflichten, sondern vielmehr in einer auf den „Vollzeitmann“ ausgerichteten Erwerbsarbeitswelt. Oder anders gesagt: Nicht die Mütter müssen sich ändern, um hier Abhilfe zu schaffen, sondern die Arbeitsbedingungen.

Eine interessante Spur reißt Badinter zwar kurz an, verfolgt sie aber leider nicht weiter. Sie zitiert aus amerikanischen soziologischen Studien, die darauf hinweisen, dass das Selbstbild junger Frauen heute sehr vielfältig und ausdifferenziert ist. Demnach gibt es vier große Gruppen: Frauen mit drei oder mehr Kindern (also solche, die in der Familienrolle ihre Hauptaufgabe sehen), Frauen mit zwei Kindern (denen die Familienrolle zwar sehr wichtig ist, die aber dennoch berufstätig sein wollen), Frauen mit einem Kind (die ihre Bestimmung hauptsächlich im Beruf sehen, aber dennoch Mütter sein wollen) und schließlich kinderlose Frauen (die sich ganz ihrer beruflichen Karriere oder sonstigem Engagement widmen).

Je nachdem zu welcher Gruppe eine Frau sich zählt, hat sie logischerweise sehr andere Erwartungen an die Politik: Die eine will materielle Absicherung ohne den Zwang zur Erwerbsarbeit (etwa über ein Grundeinkommen, über den Ehemann, über Bezahlung von Hausarbeit), die andere mehr Teilzeitstellen, die dritte mehr Krabbelstuben und die vierte mehr berufliche Gleichstellungsprogramme. Das finde ich einen spannenden Gedanken, zumal mir die Differenzierung der mittleren zwei Gruppen, also derjenigen, die Beruf und Familie vereinbaren möchten, aber doch mit unterschiedlichen Schwerpunkten, neu war, aber sehr plausibel erscheint.

Der interessante Punkt dabei ist, dass diesen großen Unterschieden in den Lebenswünschen von Frauen auf der anderen Seite eine relativ homogene Gruppe von Männern gegenübersteht, die, so zitiert Badinter eine Soziologin, im Altersabschnitt zwischen 25 und 50 Jahren „mit größerer Entschlossenheit und Beharrlichkeit nach Geld, Macht und Status“ streben (S. 36). Diejenigen Männer, die einen alternativen Lebensentwurf haben, etwa sich Vaterschaft in Vollzeit vorstellen können, sind noch immer eine sehr kleine Minderheit.

In dieser Beobachtung scheint mir der spannende Punkt zu liegen, an dem sich die politischen Konflikte in der nächsten Zeit entzünden werden. Als Feministin frage ich mich: Wie müssen diese Diskussionen geführt werden, damit die Heterogenität und Vielfalt weiblicher Lebensentwürfe für die Gesellschaft insgesamt fruchtbar gemacht werden kann und nicht nur einfach in Form von fehlender „Frauensolidarität“ den Frauen zum Nachteil gereichen? Weil die Männer an einem Strang ziehen, die Frauen aber nicht?

Die Lösung kann sicher nicht darin liegen, alle Frauen auf ein verbindliches Schema zurecht zu stutzen. So schlecht es ist, Müttern Vorwürfe zu machen, wenn sie nicht stillen, so schlecht ist es, ihnen Vorwürfe zu machen, wenn sie es tun. Feministische Politik kann aus meiner Sicht in dieser Situation nur bedeuten, dafür zu kämpfen, dass Frauen auf unterschiedliche Weise ihr Leben gestalten können, und das heißt in diesem Fall: Ohne Kinder, mit einem, zwei oder ganz vielen Kindern. Es ist gleichzeitig notwendig, diejenigen zu unterstützen, die Karriere machen wollen, als auch die, die das nicht wollen, weil ihnen anderes im Leben wichtiger ist (und das müssen im Übrigen nicht nur Kinder sein).

Oder anders gesagt: Die Politik der Frauen ist nicht so einfach auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Sie verabschiedet das Ideal des einen bestmöglichen Lebensentwurfes, sie verkörpert die Vielfalt und die Unterschiedlichkeit – und ist damit Weg weisend für unser Bild von Gesellschaft schlechthin. Die Zukunft liegt in einer Welt, die die Einzelnen nicht mehr an einer Norm misst, sondern die Differenzen anerkennt, weil sie sich gegenseitig befruchten können. Das ist die Politik der Frauen, die im Übrigen auch eine Einladung an die Männer ist.


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Was sollen denn die Nachbarn sagen?

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Bei den gängigen Debatten um Privatsphäre im Internet und ob man sie besser schützen muss oder ob man sich in den Kontrollverlust ergeben soll, den die Verfügbarkeit aller möglichen Informationen mit sich bringt, frage ich mich oft, ob diese Gegenüberstellung überhaupt so stimmt. Und warum es mir eigentlich so wenig ausmacht, wenn andere plötzlich alles Mögliche über mich wissen können.

Heute kam ich auf den Gedanken, dass das vielleicht etwas damit zu tun hat, dass ich auf einem Dorf aufgewachsen bin. Denn dadurch ist mir die Erfahrung von klein auf vertraut, dass andere Sachen über mich wissen und daraus Schlüsse ziehen, die unter Umständen negative Folgen für mich haben.

Einer der Standardsätze meiner Mutter war: Was sollen denn die Nachbarn sagen! Wenn es bei uns zuhause Krach gab, wurden erstmal die Fenster zugemacht, damit auch ja nichts davon nach außen dringt. Wenn ich mit Hippieklamotten (oder was ich als Pubertierende Ende der 1970er Jahre dafür hielt) aus dem Haus ging, wurde ich zurückgepfiffen. Das könnte doch einen negativen Eindruck hinterlassen.

Damals fand ich das übertrieben und warf meiner Mutter Heuchelei vor: Wenn wir uns streiten, ist doch unser Streit das Problem und nicht, was die Leute vielleicht reden. Und darf ich mich nicht anziehen, was ich will? Ist mir doch egal, was die Leute denken.

Heute verstehe ich besser, warum es meiner Mutter so wichtig war, nach außen hin keine Schwachstellen zu zeigen. In der engen Atmosphäre eines Dorfes bestand ja tatsächlich immer die Gefahr, dass „die Leute“ anfingen zu reden. Hintenrum natürlich. Wir redeten ja auch über die Leute. Über die Familie F., die „Assoziale“ waren. Über das Ehepaar X, das bestimmt kurz vor der Scheidung stand. Über Hinz und Kunz eben.

Dass Menschen um ihr öffentliches Ansehen besorgt sind, dass sie versuchen, eine möglichst gute Fassade abzugeben, dass sie sich bemühen, vor anderen in einem guten Licht zu erscheinen, kam nicht erst mit den Möglichkeiten der Selbstdarstellung im Internet auf. Die Gefahr, den eigenen guten Ruf zu verlieren, war schon immer nur allzu real und unglaublich groß.

Der Unterschied ist nur: Früher hatte man kaum Einfluss darauf, was „die Leute redeten“. Man bekam es nämlich nicht mit. Dorfklatsch über eine Person konnte die Runde machen, ohne dass die Betreffende überhaupt etwas davon erfuhr. Und er konnte gravierende Folgen haben. Kein Wunder also, dass alle sich anstrengten, möglich nichts Zweifelhaftes nach außen dringen zu lassen. Kein Wunder, dass alle unschönen Dinge hinter verschlossenen Türen, der hoch gelobten Privatsphäre, eingesperrt blieben.

Eine „Privatsphäre“ zu haben in der Bedeutung eines Schutzraumes, der missgünstigen Nachbarn oder einfach klatschsüchtigen Menschen verschlossen blieb, war damals existenziell wichtig. War nämlich das Gerücht erst einmal in der Welt, war es schwer bis unmöglich, es wieder einzufangen.

Und diese Privatsphäre war sehr eng umrissen und ständig in Gefahr. Als Jugendliche habe ich das so erlebt, dass ich faktisch gar keine Privatsphäre hatte. Im Dorf wurde alles, was ich tat, ganz genau unter die Lupe genommen. Wenn ich mit einem neuen Freund Händchen hielt, wusste das am nächsten Tag jeder. Und es blieb überhaupt nicht bei dieser bloßen Information. Spekulationen fingen an: Wer das wohl sei und was das bedeuten sollte. Mit jeder noch so kleinen sichtbaren Information, die ich von mir preis gab, riskierte ich einen Rattenschwanz an Gerüchten und Meinungen über mich. Keine Spur von irgendeiner Kontrollmöglichkeit.

Der einzige Ausweg, der da blieb, war: Schotten dicht machen. Mit neuen Freunden nur in der nächsten großen Stadt Händchen halten. Bücher zweifelhaften Inhalts lieber nicht in der Buchhandlung vor Ort kaufen, sondern anderswo. Heute habe ich das nicht mehr nötig. Nicht nur, weil ich inzwischen in der Stadt wohne. Sondern weil ich die Möglichkeit habe, mein öffentliches Profil selbst zu gestalten. Schlechte Nachrede ist heute viel schwieriger geworden als damals.

Meine Privatsphäre habe ich natürlich weiterhin. Allerdings nicht mehr als Bollwerk gegen die tendenziell böse Welt da draußen, sondern eher als einen Ort, wo ich mit vertrauten Menschen Sachen austausche, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Die niemanden etwas angehen. Diesen Raum braucht es. Aber er ist auch durch das Internet überhaupt nicht in Gefahr. Was mich und mein Privates ausmacht, so ist das so reichhaltig und komplex, dass man doch nicht ernsthaft glauben kann, ich würde mich mit zehn Tweets und drei Facebook-Updates am Tag vor der Öffentlichkeit „entblößen“. Es gibt so unvorstellbar viel mehr über mich zu wissen als das, was im Internet nachzulesen ist.

Ich erlebe es jedenfalls so, dass meine Privatsphäre durch die neue Transparenz, die mit dem Internet gegeben ist, eher besser geschützt ist als früher. Ich habe sie nämlich selbst zum großen Teil unter Kontrolle. Ich kann so viel von mir öffentlich preisgeben, dass Spekulationen über meine Person der Boden entzogen wird. Und außerdem kriege ich es heute mit großer Wahrscheinlichkeit mit, wenn jemand schlecht von mir redet – oder auch einfach nur falsch. Ich kann gegebenenfalls eingreifen und versuchen, das schiefe Bild zurecht zu rücken. In der Fülle von Informationen, die es über mich im Internet gibt, und die zum größten Teil von mir selber stammen, kann sich jeder eine eigene Meinung zu meiner Person machen. Niemand ist dabei auf Enthüllungen angewiesen, die andere hinter vorgehaltener Hand über mich machen.

Ich finde, das ist Kontrollgewinn, nicht Kontrollverlust.


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Diskriminierung. Aufzucht und Hege

Gerade habe ich wieder diskriminiert. Ich habe bestimmte Leute zu meiner Geburtstagsparty nächste Woche eingeladen – und andere nicht.

Wahrscheinlich würden die meisten Leute das nicht als Diskriminierung ansehen, schließlich ist es mein gutes Recht, zu einer Party einzuladen, wen ich will. Aber im eigentlichen Wortsinn bedeutet Diskriminieren – vom lateinischen discriminare – nichts anderes als „trennen, eine Unterscheidung treffen“. Und ist insofern ein notwendiges Verfahren, ja, vielleicht die Voraussetzung für jegliches Denken und Handeln schlechthin.

Nun ist der Idealfall des „Diskriminierens“ vielleicht so, wie ich es hier gemacht habe: Jeden einzelnen Fall anschauen und individuell entscheiden, wie er zu behandeln ist. Im normalen Alltag und schon gar in der Politik ist das aber kein praktikables Vorgehen. Deshalb werden Diskriminierungen meist anhand von äußeren Kriterien vorgenommen: Nur wer 18 ist, darf wählen, nur wer Abitur hat, darf studieren, nur wer einen deutschen Pass hat, bekommt staatsbürgerliche Rechte, nur wer soundsoviel verdient, darf in die private Krankenkasse.

Die meisten dieser Grenzziehungen finden wir im Allgemeinen ganz okay, auch wenn sie im Einzelfall ungerecht sein können. Oder ist es gerecht, wenn die am 28. Oktober geborene Petra wählen darf, die am 29. geborene Anna aber nicht – bloß, weil die Wahlen zufällig auf den 28. Oktober fallen?

In der Alltagssprache beziehen wir das Wort „Diskriminierung“ aber nur auf solche Fragen, in denen das Kriterium, nach dem die Unterscheidung vorgenommen wird, uns als falsch oder sachfremd gilt. Wenn etwa Frauen aufgrund ihres Geschlechtes oder Menschen wegen ihrer Hautfarbe oder Religion oder sexuellen Orientierung von den anderen „unterschieden“ werden – weil es dafür, aus unserer Sicht, keinen sinnvollen Grund gibt.

Allerdings hat der Vorwurf der „Diskriminierung“ inzwischen einen inflationären Gebrauch angenommen. Sobald man überhaupt nur irgendeine Unterscheidung vornimmt, die irgendjemandem nicht gefällt, kommt der Vorwurf der Diskriminierung. Aber ohne Diskriminierung, ohne Unterscheidungen, kommen wir nicht aus. Worum es eigentlich geht, ist die Frage, ob wir diese jeweilige Unterscheidung richtig oder falsch finden.

Eigentlich ist Politik zu großen Teilen genau das: Darüber zu verhandeln, welche Grenzen sinnvoll sind und welche nicht. Wer etwas gegen „falsche“ oder „schlechte“ Diskriminierungen unternehmen will, sollte das wissen und berücksichtigen.

Zumal die Abschaffung einer Diskriminierung erfahrungsgemäß den unangenehmen Nebeneffekt haben kann, dass andere Diskriminierungen eingeführt oder verstärkt werden. So hat historisch die Abschaffung der Diskriminierung aufgrund von Standeszugehörigkeit (im Gefolge der Französischen Revolution) in Westeuropa dazu geführt, dass die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts größer geworden ist.

Hinzu kommt, dass die Abschaffung von Diskriminierung zu neuen Ungerechtigkeiten führen kann, wenn reale Unterschiede nicht berücksichtigt werden. So hat die formale Gleichstellung der afroamerikanischen Bevölkerung noch nichts an schlechteren wirtschaftlichen und bildungsmäßigen Benachteiligungen verändert. Als Gegenmittel wurde die so genannte „affirmative action“ erfunden, also die gezielte Bevorzugung zum Beispiel von nicht-weißen Studentinnen und Studenten bei der Vergabe von Stipendien. Konservative Leute drehen da gerne den Spieß um und rufen „Diskriminierung“. Da gerät nur ins Stottern, wer sich die Abschaffung jeglicher Diskriminierung auf die Fahnen geschrieben hat. Geht man davon aus, dass es Diskriminierung immer gibt und die Frage, über die zu verhandeln wäre, lediglich die ist, welche Diskriminierungen, also Unterscheidungen, wir sinnvoll finden und welche nicht – dann kann man gelassen sagen: Ja, klar ist das Diskriminierung. Aber eine, die wir sinnvoll finden, aus Gründen.

Ein weiterer unangenehmer Nebeneffekt der Abschaffung von Diskriminierungen ist, dass dadurch ein Anpassungsdruck auf Seiten der ehemals Diskriminierten in Richtung auf die dominante Mainstream-Kultur entsteht: Seitdem Frauen in Westeuropa nicht mehr diskriminiert werden, müssen sie ständig beweisen, dass sie „ihren Mann stehen“ können. Und der Preis für die – bisweilen bloß angestrebte – Nicht-Mehr-Diskriminierung von „Ausländerinnen und Ausländern“ in Deutschland ist ihre „Integration“ in eine deutsche Leitkultur, die im Verständnis der meisten Leute nichts anderes sein darf, als ihre Assimilation.

Problematisch ist es auch, wenn Unterscheidungen in der Theorie aufgehoben werden (unter dem Banner der Abschaffung von Diskriminierung), während die Realität aber eine ganz andere ist. So ist derzeit der Versuch im Gange, die Unterscheidung zwischen Müttern und Vätern aufzuheben („Diskriminierung!“ rufen Väterrechtler ja neuerdings gerne) – obwohl es weiterhin erhebliche Unterschiede im Verhalten und in den Lebensumständen von Vätern und Müttern gibt, die sich im Kern auch nicht abschaffen lassen: Mutterschaft bedeutet unweigerlich, ein Baby neun Monate lang im Bauch herumzutragen und es schließlich zu gebären, während Vaterschaft sich darauf beschränken kann, einmal Sex gehabt zu haben.

Auch hier geht es aber nicht um die Frage, ob diskriminiert, also unterschieden wird, sondern ob die jeweilige Unterscheidung sinnvoll ist. „Das ist Diskriminierung“ ist daher für sich genommen überhaupt kein Argument. Die Frage, die wir uns – als Menschen, die gute und gerechte Lebensbedingungen für alle anstreben (und ich gehe mal davon aus, dass wir uns darauf als Ziel verständigen können) – stellen müssen, ist nicht: Wie man jegliche Diskriminierung abschafft. Sondern: Welche Diskriminierungen wir für richtig halten und welche für falsch.

Und die zweite Frage ist dann: Wie wir für eine Veränderung im Hinblick auf das Bessere eintreten können.

Dafür ist eine Sache wichtig: Diskriminierungen sind nichts, was sich am grünen Tisch einfach so „einführen“ oder „abschaffen“ ließe, sondern sie stehen in einem Austausch mit tief sitzenden und historisch gewachsenen gesellschaftlichen Übereinkünften. Hätte zum Beispiel Thilo Sarrazin seine Diskriminierungen nicht anhand der Grenze „Muslime“ und „Nicht Muslime“ vorgenommen, sondern – nur so zum Beispiel – anhand von „kleingewachsenen“ und „großgewachsenen“ Menschen, hätten ihm wahrscheinlich alle einen Vogel gezeigt.

Das Perfide an „falschen“ Diskriminierungen, die aber dennoch auf gesellschaftliche Resonanz stoßen, liegt darin, dass sie vielen Leuten „irgendwie“ plausibel erscheinen. So wie die Diskriminierung von Frauen über Jahrhunderte hinweg den Leuten (nicht nur den Männern, auch den Frauen) keineswegs so absurd vorkam, wie heute uns, sondern sinnvoll und quasi naturgegeben.

Will man falsche Diskriminierung bekämpfen, kommt es also darauf an, diese Plausibilität zu verringern. Das sachliche Argument ist dabei eines. Die Veränderung der Realität ist aber genauso wichtig: Nur als Wechselspiel zwischen einer sich verändernden Realität und der Art und Weise, wie die Realität in Worte gefasst wird, kann sich etwas bewegen, was dann wiederum die Veränderung der Realität beschleunigt, und so weiter, in einer Art Schneeballsystem.

Eine Schlüsselrolle dabei haben natürlich diejenigen, die zu der diskriminierten Gruppe gehören: Zentral wichtig für die Abschaffung der Frauendiskriminierung war, dass Frauen aufgehört haben, die Zuschreibungen zu akzeptieren, die ihnen aufgrund ihres Geschlechtes zugeschrieben wurden. Sie haben angefangen, sich anders zu verhalten. Und sie haben anders über das Frausein gesprochen. Und damit ist die Plausibilität dieser Zuschreibung nach und nach ausgehöhlt worden.

Ein Faktor, der dabei wesentlich war, der mir in der herkömmlichen Diskussion aber meistens zu kurz kommt, ist die Freude, die das bereitet. Wie lustvoll die Frauenbewegung in den 1970er Jahren war, wissen heute viele nicht mehr. Aber alle, die mir davon erzählt haben, bekommen glänzende Augen, wenn sie begeistert von dieser tollen Zeit erzählen.

Wieso tolle Zeit? Lebten sie, die Frauen damals, nicht noch unter unerträglich diskriminierenden Verhältnissen – verglichen mit uns Frauen heute? Ja. Und dennoch hatten sie Spaß an ihrem Engagement. Ich glaube, diese Begeisterung ist ein entscheidender Hebel für politische Bewegungen, die von denjenigen Menschen getragen werden, die zu einer diskriminierten Gruppe gehören: Ja, es ist ungerecht, dass sie gerade hier und jetzt geboren werden, in einer Zeit und in einer Gesellschaft, die sie aufgrund irgendwelcher äußeren Faktoren von anderen unterscheidet, die sie diskriminiert. Aber: Sie sind diejenigen, die gerade deshalb erkennen, dass etwas falsch läuft. Und die, bewegt von diesem Wissen, die Welt verändern können.


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Frei sein. Frau sein.

Ich bin gerade dabei, einen Workshop vorzubereiten, und dabei ist mir folgender Textabschnitt von Luisa Muraro wieder einmal in die Hände gefallen. Da in den Diskussionen in diesem Blog (und auch sonstwo) immer mal wieder die Frage gestellt wird, warum es heute denn überhaupt noch notwendig und sinnvoll ist, von Frausein zu sprechen, und weil die einen darauf mit “Ist es eben gar nicht” antworten und die anderen mit “Weil Frauen immer noch diskriminiert und benachteiligt sind” – beides finde ich falsch – dachte ich…

… ich stelle das hier einfach mal zur Diskussion.

Wir haben nicht gewählt, als Frauen geboren zu werden, und gerade diese Tatsache macht es unabdingbar, das Frausein zu akzeptieren. Simone Weil lehrt, dass das Akzeptieren der Notwendigkeit Freiheit schafft. … Frei-Werden  und ein weibliches Subjekt werden – das ist eins.

Das Werden des weiblichen Subjekts umfasst das Menschsein, die Geschlechtsidentität und die persönliche Einzigartigkeit – alle drei Dinge zusammen…. Ich hasse den Ausdruck „ich als Frau“, denn er spiegelt die sinnlose Unterscheidung zwischen Frausein und Menschsein wider. Menschsein ist Frausein, Menschsein ist Mannsein. Was Frauen und Männer gemeinsam haben, darf nicht einfach vorausgesetzt werden, denn vor dem Frausein/Mannsein gibt es kein Menschsein. Was wir mit dem anderen Geschlecht gemein haben, wird sich aus eventuellen Übereinkünften ergeben, aus der wechselseitigen Anerkennung der beiden Geschlechter bezüglich kultureller, emotionaler und politischer Fragen. Oder es ergibt sich aus den kulturellen Zwängen, die wir weiterhin bekämpfen werden, im Namen einer freien Interpretation der Geschlechterdifferenz. In der westlichen Welt tendieren viele dazu, zu leugnen, dass „Frau“ ein Bedeutungsträger von Freiheit ist. Die Frau trägt das ganze Menschsein in sich, der Mann trägt das ganze Menschsein in sich, die Menschheit besteht aus zwei Differenten, zwei Absoluten, die nicht ein Eins bilden und die mehr oder weniger nahe beieinander leben – dank kultureller und persönlicher Vermittlungsarbeit, und nicht ohne Konflikte. Ich wünsche mir, dass der freie Austausch zwischen Frauen und Männern in Zukunft wächst.

„Frau“ war die schwierigste Bezeichnung für mein In-der-Welt-Sein und bleibt es auch weiterhin, weit größer und anspruchsvoller als mein eigener Name „L.M.“ „Frau“ ist eine schwierige Bezeichnung, weil sie diskriminiert: Sie setzt Grenzen, teilt auf, trennt ab. Auch „L.M.“ ist eine wichtiger Name für mich und seit meiner Grundschulzeit ebenfalls diskriminierend, aber er hat nicht dieselbe Kraft. Das mag befremdlich wirken, denn „L.M.“ beinhaltet doch auch das Frausein und darüber hinaus noch weitere Dinge, weshalb die Diskriminierung eigentlich viel stärker sein müsste. Aber dieser Name umfasst das Frausein nicht wirklich und nicht notwendigerweise. So gab es tatsächlich jenen Gesprächspartner, der verlangte, dass ich von der Frau absah, es gab die Versuchung des Neutrums in mir, und es gab den Interpreten, der glaubte, hinter dem Eigennamen einer Frau das Denken eines Mannes wiederzuerkennen. So kam ich zu der Überzeugung, dass ein weiblicher Eigenname wenig bedeutet und dass „eine Frau“ für mich das Wesentliche von mir im Verhältnis zu den anderen bezeichnet.

Die ersten beiden Absätze stammen aus einem Vortrag zum Thema “Freiheit lehren”, den Luisa Muraro im Juni 2002 in Arnoldshain gehalten hat, der dritte Absatz aus einem Aufsatz in dem Buch von Diotima: Die Welt zur Welt bringen, S. 21f.


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Scheinlösung Monogamie

 

Skulptur von Gustav Vigeland in Oslo.

 

Wenn Liebe, Sex und Beziehungen eine logische Angelegenheit wären, dann wäre dieses Buch die Bedienungsanleitung dafür: Mit bestechender Stringenz nimmt Oliver Schott die verbreitete Vorstellung auseinander, dass Exklusivität im Bezug auf Liebesbeziehungen zwischen Zweien eine normale, natürliche, irgendwie sinnvolle Vereinbarung sei. Ergo: Monogamie ist Quatsch.

Ganz neu sind die vorgebrachten Argumente nicht. Hätte ich mit 25 ein Buch geschrieben, hätte wahrscheinlich etwas sehr Ähnliches darin gestanden. Mein erster Freund und ich philosophierten, dass die ideale Beziehung eigentlich die „17-er-Beziehung“ wäre – und nicht nur theoretisch. Sicher, wir waren nicht Mainstream damals, aber auch nicht so außergewöhnlich, wie es heute im Rückblick scheint – das war ja noch vor Aids und vor der „geistig-moralischen Wende“ unter Kanzler Kohl. Die monogame Eingleisigkeit der Diskussionen über „Beziehungen“ ist seither wieder enorm angestiegen, und insofern ist das Buch ein schöner Weckruf, der nostalgische Erinnerungen an frühere, freiere, ungezwungenere Zeiten weckt.

Nur kurz einige der Argumente: Das Konzept der Monogamie, schreibt Schott, sei schon deshalb problematisch, weil in ihm der Sex eine extrem dominante Bedeutung bekommt. Denn „Sex mit anderen“ ist ja die wesentliche Grenzziehung zum „Fremdgehen“, daher muss ständig die Frage gestellt werden, was genau Sex ist. Ist es schon das Umarmen, das Händchen halten oder erst die Penetration? Oder irgendwas dazwischen? Was genau?

Monogamie erfordert ohnehin ständig Definitionen: Was macht eine Beziehung aus? Wo ist die Grenze, die nicht überschritten werden darf? Warum darf ich mit anderen Leuten Kaffee trinken und tiefschürfende Gespräche führen, aber nicht mal ne Runde kuscheln? Wo genau verläuft die Grenze zwischen „Freundschaft“ und „Liebe“? Mit anderen Worten: Monogamie verhindert, dass Beziehungen in ihrer jeweiligen Einzigartigkeit gesehen werden, sie müssen in feste Raster gepresst werden.

Interessant fand ich auch Schotts Kritik an bestimmten Spielarten der „Polyamorie“ – einer neueren Bewegung, die für die Möglichkeit eintritt, Liebesbeziehungen zwischen mehreren zu führen. Schott kritisiert nun, dass auch „Poly-Beziehungen“ meist als exklusiv angelegt sind – nur dass hier eben nicht zwei, sondern mehrere Leute in einer Beziehung sind. Zudem neigten zumindest einige „Polys“ zu einer biologistischen Herleitung ihrer Lebensform, wenn sie meinen, dass manche Menschen eben „mono“ und andere „poly“ veranlagt seien. Demgegenüber beharrt Schott darauf, dass Beziehungsformen kulturelle Aushandlungen sind und nicht in irgendeiner Weise angeboren.

Das nur einige der Argumente, das kleine Büchlein ist auf jeden Fall empfehlenswertwert (und man hat es dank seines keinen Formats auch schnell durchgelesen).

Doch trotz der bestechenden Logik glaube ich, dass offene Beziehungen, jedenfalls bei uns und in absehbarer Zeit, ein Nischendasein fristen werden. Und zwar deshalb, weil die Menschen heute nicht mehr – wie in den früheren Zeiten, von denen Schott sich abgrenzt – vor allem unter sexuellen Tabus leiden. Es ist ja im Prinzip alles erlaubt, und ich denke nicht, dass sozialer Druck heute noch im gleichen Maß wie früher der Grund dafür ist, warum wir nicht längst beziehungsmäßig alle viel freier leben.

Ich denke, das Hauptproblem vieler Menschen heute ist ihre unbefriedigte Sehnsucht nach Verbindlichkeit in ihren Lebensbezügen. Sie wünschen sich mehr Verlässlichkeit im Bezug auf die Frage „Wohin gehöre ich? Auf wen kann ich mich bedingungslos verlassen?“ – und finden darauf keine befriedigenden Antworten.

Hier legt auch Schott den Finger auf die Wunde: Mit dem Abschied von der wirklich exklusiven, also lebenslangen Monogamie (damals, als Scheidungen verboten oder zumindest sehr selten waren) und ihrer Ablösung durch die serielle Monogamie (wir haben viele, wechselnde Lebenspartner_innen, aber eben hintereinander und nicht gleichzeitig) war das alte Konzept der „Familie“ praktisch schon abgeschafft. Seither gilt: Eine Ehe, eine monogame Beziehung, schützt mich nicht vor Einsamkeit, denn sie kann jederzeit vorbei sein, wenn die Neigungen meines Partners oder meiner Partnerin sich anderweitig orientieren.

Ich vermute, das fast schon verzweifelte und durchaus irrationale Festhalten am Konzept der Monogamie liegt auch daran, dass man sich davon genau diese Sicherheit erhofft, selbst wenn die auf sehr wackeligen Beinen steht. Wahrscheinlich hat Schott durchaus recht, wenn er argumentiert, dass offene Beziehungen letztlich nicht weniger, sondern sogar mehr Stabilität bieten, weil nicht jede neue Verliebtheit zwangsläufig dazu führt, dass die alte Beziehung beendet werden muss.

Aber: Das reicht nicht. Das Unbehagen an der Einsamkeit, die Furcht, jede „Familie“, jedes Beziehungsgefüge einfach so wieder verlieren zu können, wenn die anderen gerade keine Lust mehr haben, ist zu groß. Und eine Philosophie der offenen Beziehung gibt auf die Sehnsucht nach Verbindlichkeit keine Antwort – sie macht lediglich das, was uns fehlt, offensichtlicher. Wie aber zu verbindlichen Beziehungen finden, wenn wir die alten Verhältnisse der Unfreiheit, des Zwangs, den die exklusive Monogamie bedeutet hat, nicht mehr zurück haben wollen? Woraus gewinnen wir die Zuverlässigkeit und Kontinuität in unseren Beziehungen und retten gleichzeitig unsere Freiheit?

Das ist eben die offene Frage und die, wie ich finde, eigentliche Herausforderung heute. Kann man Freundschaften verbindlicher machen? Wie sieht es etwa beim finanziellen und materiellen Füreinander Sorgen aus? Die bisherigen Debatten über Lebensformen hatten da nicht viel zu bieten, wie man selbstkritisch eingestehen muss. Die Anerkennung der Homosexualität zum Beispiel, die früher mal zumindest auch als Alternativmodell zur heterosexuellen Zweierkiste diskutiert wurde, ist inzwischen ganz auf die rechtliche Gleichstellung eingedampft worden: Das alte Modell der Ehe soll nun eben auch für zwei Menschen des gleichen Geschlechts gelten. Und auch die Kommune- oder WG-Idee hat kaum noch Wegweisendes zu bieten. Dass es hier um mehr gehen könnte als darum, Räumlichkeiten zu teilen – etwa um gemeinsames Wirtschaften oder gemeinsame langfristige Lebensplanung – wird nur selten ernsthaft erprobt.

Hier liegt aus meiner Sicht das eigentliche Manko libertärer Gesellschaftskonzepte: Welche Formen von Selbstverpflichtungen und Versprechen wollen wir einander geben – und wem? Woraus entstehen Verbindlichkeiten, auf die man sich auch „in schlechten Zeiten“ verlassen kann? Wie schaffen wir Zugehörigkeiten, die nicht auf bloßen Neigungen beruhen und somit jederzeit einseitig wieder gekündigt werden können? Momentan sieht es so aus, als stellten wir die individuelle Freiheit über alles. Und doch wünschen sich die meisten Menschen verbindliche, tragende Beziehungen – und projizieren sie mangels Alternative auf die monogame Liebesbeziehung.

Meine Prognose ist, dass das auch so bleiben wird, solange wir nicht unser Konzept von „Freiheit ist Unabhängigkeit“ überdenken. Und solange wir nicht unsere Sehnsucht nach Zugehörigkeit ernst nehmen und darauf praktikable Antworten finden – Antworten, die sich im Leben bewähren müssen und die man nicht abstrakt logisch herleiten kann. Erst dann werden vielleicht mehr Menschen bereit sein, sich auch von der Scheinlösung Monogamie zu verabschieden.

Oliver Schott: Lob der offenen Beziehung. Über Liebe, Sex, Vernunft und Glück, Bertz + Fischer, Berlin 2010, 103 Seiten, 7,90 Euro.

Vielleicht auch interessant in dem Zusammenhang: Mein Artikel “Mehr Körperkontakt”


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Die Unschuldsvermutung

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Ich bin ja wirklich kein Fan von Alice Schwarzer, und weil das inzwischen allgemein bekannt sein dürfte, kann ich es vielleicht wagen, sie jetzt mal an einem Punkt zu verteidigen. Einfach weil mir ein Argument, das ich derzeit häufig gegen ihren Einsatz als Prozessbeobachterin im Fall Kachelmann höre, überhaupt nicht einleuchtet.

Dieses Argument lautet, sie würde feministisch voreingenommen an den Prozess herangehen und eine der wichtigsten Regeln der Demokratie missachten, nämlich die, dass Menschen, die eines Verbrechens beschuldigt werden, solange als unschuldig zu gelten haben, bis sie rechtskräftig verurteilt sind.

Mich interessiert dabei überhaupt nicht der Fall Kachelmann, bei dem ich die Fakten nicht kenne und zu dem ich daher auch keine Meinung habe. Mich interessiert lediglich der grundlegende Tenor des Arguments, das ich für falsch halte: Es ist nämlich, gerade in einer Demokratie (aber vor allem einfach auch so generell), durchaus sehr wohl möglich, jemanden für schuldig zu halten, obwohl kein Gericht ihn rechtskräftig verurteilt. Einfach deshalb, weil es schlicht und ergreifend auch möglich ist, dass Gerichte Leute nicht rechtskräftig verurteilen, obwohl sie schuldig sind (und, was noch schlimmer ist, auch andersrum).

Die Gründe dafür können vielfältig sein: Eine Handlung wird nach den derzeit herrschenden Gesetzen nicht als Verbrechen eingeordnet, obwohl ich der Meinung bin, dass sie durchaus eines ist. Oder: Jemand ist zwar schuldig, das Gericht kann aber nicht ausreichend Beweise beschaffen. Oder: Das gesellschaftliche Klima im Bezug auf das Thema, das hier verhandelt wird, ist voreingenommen.

Gerade im Bezug auf Vergewaltigungen ist es ja noch nicht allzu lange her, dass erzwungener Sex nicht als Verbrechen galt, sondern als normale Angelegenheit. Und es ist auch noch nicht allzu lange her, dass die Gerichte hier tatsächlich voreingenommen verhandelten und entschieden. Es ist der Frauenbewegung zu verdanken, dass sich diesbezüglich in den letzten Jahrzehnten vieles zum Besseren verändert hat. Aber das war nur möglich, weil viele Leute (Alice Schwarzer war eine davon) darauf bestanden haben, dass Vergewaltiger Verbrecher sind, obwohl Gesetz und Polizei das anders sahen.

Das heißt natürlich nicht, dass Schwarzer auch im vorliegenden Fall Recht hat. Alles, was ich sagen will ist, dass das rechtliche Konstrukt der Unschuldsvermutung in dem Zusammenhang kein gutes Argument ist.

Viel grundsätzlicher frage ich mich aber auch, warum solche „Beispielfälle“ überhaupt dieses öffentliche Echo haben (und nur deshalb kann Schwarzer ja so viel Aufmerksamkeit bekommen). Schließlich kann wahrscheinlich kaum jemand ein begründetes Urteil im Bezug auf die Schuld oder Unschuld von Kachelmann fällen. Wir sind doch alle darauf angewiesen, was die Medien schreiben. Aber, was noch viel wichtiger ist: Es ist eigentlich auch schnurzpiepegal, was wir alle im Bezug auf Kachelmann für Meinungen haben.

Solche mediengehypten „Fälle“ lenken uns letztlich von dem ab, was eigentlich unsere Aufgabe wäre: Nämlich in den „Fällen“, mit denen wir selbst tatsächlich etwas zu tun haben, ein Sensorium für Schuld und Unschuld zu entwickeln. Also begründete Urteile zu fällen über das, was die Menschen um uns herum (inklusive uns selber) tun und lassen.

Die allermeisten dieser „Fälle“  kommen nie vor Gericht, weil sie sich weit unterhalb der juristischen Ebene abspielen. Und in den allermeisten dieser „Fälle“ hilft uns auch keine Gesetzeslage weiter. Im Gegenteil: Meistens ist es gerade nicht möglich, Konfliktfälle, die sich uns im realen Leben stellen, anhand von abstrakten “Gesetzen” und in den überlieferten Kategorien von Schuld und Unschuld zu lösen. Die “Absehung von der Person” ist meistens keine gute Idee, denn es geht hier um Beziehungen, in denen es gerade auf die beteiligten Personen ankommt. Und statt uns eine Augenbinde umzubinden, wie Justizia, ist es vielmehr notwendig, genau hinzusehen, um eine gute Lösung zu finden.

Genau das ist Politik, und nur die kleine Spitze dieses Eisberges wechselt irgendwann auf die juristische Ebene – nämlich dann, wenn es uns nicht gelingt, eine gute Lösung zu finden. Wenn uns also nichts anderes übrig bleibt, als Justizia anzurufen, die keine “richtigen” Urteile fällt, sondern nur solche, die formal “gerecht” sind. Und nur eine noch viel kleinere Spitze davon schafft es, mediale Aufmerksamkeit zu bekommen.

Das sollte uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese anderen „Fälle“, von denen unser alltägliches Leben voll ist, die eigentlich wichtige Angelegenheit sind. Hier, in diesen „Verhandlungen“ wird der Grundstein für unsere Kultur gelegt, wird um Wesentliches gerungen, passieren gesellschaftliche Veränderungen und modifizieren sich überkommene Auffassungen über Recht und Unrecht. Und vielleicht münden die dann irgendwann, viel, viel später, auch in ein neues Gesetz oder in die Abschaffung von alten.

Auch hier, im Alltag, ist die „Unschuldsvermutung“ übrigens eine gute Idee. Aber sie hat nur dann einen Sinn, wenn wir sie nicht als formale Angelegenheit verstehen, sondern darin eher so etwas wie eine Haltung sehen, die sich bemüht, die anderen zu verstehen, sich in ihre Lage zu versetzen, die Angelegenheit auch aus ihrer Perspektive zu betrachten, bevor man sich ein Urteil darüber erlaubt. Und vor allem haben diese Verhandlungen im Alltag auch Konsequenzen für mich selbst und mein Handeln (weshalb Urteile auch etwas völlig anderes sind als bloße Meinungen).

Und wenn ich dann zu einem solchen eigenen Urteil komme, einem Urteil, das begründet ist, weil ich mich mit den Fakten so gut wie möglich vertraut gemacht habe, weil ich die Gegenseite gehört habe, das Für und Wider abgewogen – dann ist dieses Urteil, wenn es gut ist, normalerweise gerade nicht einfach von abstrakten Maximen abgeleitet worden. Es ist auch nicht so ohne weiteres verallgemeinerbar (wie es die Logik von „Recht und Gesetz“ vorsieht), sondern eine verantwortliche Einzelfallentscheidung, die der Komplexität des Lebens Rechnung trägt. Diesem unserem subjektiven und verantwortlichen Urteilen im Alltag sollte unser Engagement und unsere Aufmerksamkeit gelten, nicht irgendwelchen stereotyp abgewickelten und medial inszenierten Gerichtsfällen.

Ich kann es auch anders sagen: Jeder mittelmäßige Krimi und jeder häusliche Familienstreit haben mehr mit Politik zu tun, als diese Kachelmann-Debatten.


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