Deutschland im Quotenfieber

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Die CSU hat sie, Aufsichtsräte sollen sie kriegen: Deutschland, so scheint es, ist im Quotenfieber. Die Idee, einen bestimmten Prozentsatz Frauenanteil, etwa 40 Prozent, per Gesetz festzulegen, wird Mainstream. So langsam scheint es allgemein bewusst zu werden, dass formale Gleichheit nicht ausreicht, um männliche Dominanz zu beseitigen. Nicht, dass das eine neue Erkenntnis wäre: Simone de Beauvoir hat es schon 1949 in „Das andere Geschlecht“ beschrieben. Aber wie gut ist die Quote wirklich? Und: Wem nützt sie eigentlich?

Den Frauen eher nicht. Das Wirtschaftsmagazin brandeins beantwortet in der letzten Ausgabe jedenfalls die Frage „Wer braucht eigentlich eine Frauenquote?“ ganz klar mit: die Unternehmen. Denn die könnten es sich in Zukunft „nicht mehr leisten“, auf Frauen zu verzichten. Klar. Wirtschaftsunternehemen, die aus altpatriarchalem Reflex heraus mittelmäßige Männer guten Frauen vorziehen, machen weniger Profit. Vielleicht retten die Frauen sogar unser vor dem Kollaps stehendes Finanzsystem? Oder die Parteipolitik aus Selbstreferenz und Langeweile? Man scheint uns Frauen viel zuzutrauen, zur Zeit.

Nun liegt mir weder die Zukunft diverser Aufsichtsräte noch die der CSU besonders am Herzen. Ich denke deshalb auch nicht, dass dieser plötzliche Quoten-Enthusiasmus ein Grund zur Freude ist. Mir ist bewusst, wie heikel das Thema ist, zumal die Quote noch immer von vielen Seiten mit falschen Argumenten abgelehnt wird. Etwa von jungen Frauen (aktuell in der CSU), die meinen, so etwas hätten sie nicht mehr nötig, oder von den Piraten, die meinen, sie stünden längst jenseits dieser Geschlechtersachen, und natürlich auch noch von Patriarchaten klassischen Formats, die diese ganze Frauenzeugs eh albern finden.

Aber auch aus einer feministischen Perspektive heraus ist die Quote eben problematisch, wie ich finde, und schon immer gewesen. Denn sie enthält zwei symbolische Fehler, die die ganze Debatte auf ein falsches Gleis führen.

Erstens rückt sie die Frauen in eine defizitäre Rolle. Da wird dann gerne so getan, als würde man mit einer Quotenregelung den Frauen etwas Gutes tun, ihnen irgendwie „helfen“. Als hätten die Frauen irgendwelche Behinderungen, die ein gütiger Gesetzgeber auf diese Weise ausgleicht. Miriam Meckel zum Beispiel, die beim Flexibles-Geschlecht-Kongress in Berlin für die Quote warb (nicht, ohne zu betonen, dass sie früher vehement dagegen gewesen sei, was wohl bedeuten soll, dass es sich heute nicht mehr um eine feministische Spinnerei handelt sondern um was Ernsthaftes) diagnostizierte laut Tagungsbericht, dass Frauen “geringes Selbstbewusstsein” hätten, sich auf dem Weg zur Spitze “selbst im Weg stehen” und überhaupt “mehr Mut” bräuchten.

Ich sage: Bullshit. (Siehe meinen Post über Karriereforschung) Wer die Quote einführt, hilft in erster Linie sich selber, und nicht den Frauen – das immerhin wird mit der neuen Liebe der Etablierten zur Quote zweifelsfrei klar.

Ein zweiter problematischer Punkt ist, dass die Quote die angebliche Wichtigkeit und Bedeutung jener Institutionen und Strukturen, für die sie eingeführt wird, symbolisch zementiert. Denn es entsteht der Eindruck, dass es unbedingt notwendig sei, da hinein zu kommen, weil nur dort, in den Wirtschaftsunternehmen, Parteien, Universitäten die wahre, wirkliche, wichtige Welt sei. Als ob man nur dort etwas bewegen und verändern könnte. Dabei ist es längst evident, dass wahre Politik eher nicht in den Parteien gemacht wird und dass die Grundlage einer funktionierenden Wirtschaft nicht in Aufsichtsräten gelegt wird und neue Ideen überall eher hervorgebracht werden als in Universitäten.

Trotzdem: Als die Grünen vor über dreißig Jahren die 50 Prozent-Quote für alle Parteiämter einführten, war das zweifellos ein interessantes Experiment. Doch jetzt ist es Zeit zu fragen, ob es funktioniert hat. Und die Antwort ist wohl: eher nein. Überall, wo ich das Thema bisher mit grünen Frauen diskutiert habe, wurde mir versichert, dass die Quote nach wie vor bitter nötig sei. Denn ansonsten würde der Frauenanteil ruckzuck wieder sinken. Eine Erfolgsbilanz sieht anders aus.

Zur Erinnerung: Damals, vor dreißig Jahren, war die Quote eigentlich nicht als Dauereinrichtung gedacht. Die Idee dahinter war, dass es so etwas wie einen „Anschubzwang“ brauche, damit Frauen überhaupt Chancen hätten, in die Gremien hineinkämen. Wären sie dort erst einmal in relevanter Anzahl vertreten, dann würden sie die Verhältnisse nach und nach so verändern, dass sie den Wünschen und den Interessen von Frauen näher kommen – und es keine Quote mehr bräuchte. Dann würden sich die Männer an die Anwesenheit von Frauen gewöhnen und sie schätzen lernen, auch ohne formal dazu gezwungen zu sein. Dann würde eine neue Kultur einziehen, junge Frauen hätten Vorbilder und würden sich daher mit größerer Selbstverständlichkeit auch selbst um Ämter bewerben.

Aber genau das ist nicht passiert. Es war ein Irrtum, zu glauben, dass durch die Beteiligung von Frauen die ehemals von Männern für Männer geschaffenen Institutionen sich automatisch verändern würden. Denn die weibliche Differenz – also das, was Frauen an anderem einbringen wollen und können – ist nicht in den weiblichen Genen oder Hirnströmen angelegt, sondern entstammt einer anderen Kultur. Einer „weiblichen Kultur“, wenn man so will, und eben nicht einer „weiblichen Natur“.

Das heißt: Frauen können ebenso schlechte Chefs sein, genauso marktradikale Ansichten haben, genauso autoritär auftreten wie Männer. Als rein formales Kriterium bewirkt die Quote hier sogar eine Negativauslese: Sie fördert solche Frauen, die ähnliche Werte und Ambitionen haben wie Männer, und die sich mit den Zielen und der Kultur der betreffenden Institutionen im Wesentlichen identifizieren.

Frauen, die innerhalb dieser Institutionen etwas verändern möchten, haben es hingegen heute eher noch schwerer als früher. Denn bei jedem Veränderungsvorschlag und jeder grundlegenden Kritik wird ihnen vorgehalten, die anderen Frauen hätten doch auch kein Problem damit. Dem entspricht die Umbenennung und Umwandlung von „Frauenbeauftragten“ in „Gleichstellungsbeauftragte“: Wir sollen uns mit der Gleichstellung begnügen, mit Gender Mainstreaming, aber bitte schön innerhalb der Rahmenbedingungen. „Frauenzeugs“ ist nicht gefragt.

Was die Entwicklung der Institutionen und ihrer Kultur betrifft, so bleibt unterm Strich von der Quote oft nichts anderes übrig – als eben die Quote. Aber was wäre eigentlich gewonnen mit einer „gegenderten“ Welt, in der Parteien, Aufsichtsräte und anderes schön zur Hälfte mit Frauen besetzt sind – in der aber ansonsten alles so bleibt wie es ist? Gar nichts.

Ich denke, es ist heute notwendig, einen Schritt weiter zu gehen. So wie Simone de Beauvoir vor 70 Jahren feststellte, dass die „Frauenfrage“ mit der Gleichberechtigung nicht erledigt ist, so müssen wir heute feststellen, dass die „Frauenfrage“ auch mit der Gleichstellung nicht erledigt wäre – selbst dann nicht, wenn wirklich überall 50 Prozent Frauen säßen.

Statt für die Quote zu kämpfen, finde ich es sinnvoller, Orte und Strukturen zu schaffen, an denen das Unbehagen vieler Frauen an den Zielen, Arbeitsweisen und Selbstverständlichkeiten der ehemals männlichen und heute gleichgestellten Institutionen benannt und thematisiert werden kann. Ich wünsche mir, dass Fragen diskutiert werden wie: Warum brauchen die Grünen immer noch die Quote? Woran liegt es, wenn wir keine Kandidatinnen finden? Welche Vorstellungen von einem guten Leben stecken dahinter, wenn mehr Frauen als Männer keine Karriereambitionen haben? Was sagt das über eine Initiative aus, wenn Frauen sich nicht dafür interessieren? Wie müssten Parteien, Gremien, Unternehmenskulturen sein, damit Frauen sich gerne dort aufhalten? Sind wir als Organisation wirklich offen für Frauen, die etwas anderes einbringen, oder erwarten wir insgeheim ihre Anpassung an das, wie es hier schon immer war?

Die derzeitige Attraktivität der Quote auf Seiten der Machthaber und Etablierten zeigt, dass es richtig war, was die französische Anarchistin Louise Michel vor 130 Jahren voraussagte: „Eure Privilegien? Die Zeit ist nicht mehr weit, wo Ihr sie uns anbieten werdet, um durch diese Teilung zu versuchen, ihnen wieder Glanz zu verleihen. Behaltet diese Lumpen, wir wollen sie nicht.“ So offensiv wie nie werden uns jene „Lumpen“ heute angedient. Frauen werden umworben, hofiert, geschmeichelt, gelobt als die Besseren, Fleißigeren, Klügeren. Als die, die die Wirtschaft wieder nach vorne bringen und den Parteien ein positives Image geben. Quote inklusive. Ich bin skeptisch.

Bei einer Podiumsdiskussion hat Ursula Müller (die selbst Erfahrung darin hat, weil sie lange Zeit Staatssekretärin in Schleswig Holstein und Gleichstellungsbeauftragte in Hannover war) kürzlich die Idee vorgetragen, dass wir eigentlich keine Frauenquote brauchen, sondern eine Feministinnenquote. Ich finde das inspirierend. Wie wäre es, wenn wir dafür kämpfen, dass nicht irgendwelche Frauen quotiert werden, sondern Feministinnen? Frauen also, die nicht einfach nur gleiche Rechte und Möglichkeiten wollen wie die Männer, sondern solche, die die von Männern geschaffenen Institutionen kritisch und aus einer weiblichen Erfahrung heraus hinterfragen und verändern wollen?

Um es ganz klar zu machen: Ich will keine Frau dafür verurteilen, dass sie das derzeitige Quotenfieber toll findet und die Gelegenheit ergreift, weil sie endlich Teil haben will an all den Privilegien, die Menschen ihres Geschlechts in der Vergangenheit vorenthalten wurden. Geld, Macht, Einfluss, Prestige und Status sind ja schließlich angenehme Dinge, und ich kann gut verstehen, wenn auch Frauen die haben wollen.

Nur: Für ein feministisches Projekt halte ich das nicht.


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Postfeministische Maskerade

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Seit längerem schon wundere ich mich über Frauen (es sind übrigens bei weitem nicht nur jüngere), die sich eine so unglaubliche Mühe mit ihrem körperlichen Aussehen machen. Die in nach zwei Stunden Training in der Umkleide noch mal eine Stunde für Haare machen und Schminken dranhängen. Die morgens freiwillig eine Stunde früher aufstehen, weil sie ohne entsprechendes „Styling“ nicht auf die Straße wollen. Die immer auf die leckersten Nachtische verzichten oder wenn nicht, dann wenigstens am nächsten Tag auf das Frühstück weglassen. So viel Mühe, so viel Selbstdisziplin – für was?

Nicht, dass das so neu wäre. Im Gegenteil, es kommt mir total alt vor. Geradezu ein Deja-vu. Auch schon bei meiner Mutter hat mich das immer gewundert. Sicher, sie machte damals, in den 1970ern, andere Sachen, sie schminkte sich weniger, dafür toupierte sie ihre Haare in einzelnen Strähnen, aber der Zeitaufwand war ähnlich immens. Und auch das Ergebnis – Minirock und Stöckelschuhe (damals in der Variante Platteau).

Meine Vorliebe für Jeans-Shirts-Boots-Kleidung hat sicher auch was mit Protest gegen diese Art von „Weiblichkeit“ zu tun, die meine Mutter repräsentierte, und die mir viel zu umständlich war. Nicht, dass das besonders originell von mir gewesen wäre. In den Achtzigern galten fast allen meiner Freundinnen die Frauen mit ordentlich frisierten Haaren als Spießerinnen. Die These der damaligen Feministinnen, dass Stöckel und mühsam hergerichtete Sexyness ein Ausdruck von Frauenunterdrückung wären, erschien uns höchst plausibel. Zumal es auch genau das war, was meine Mutter predigte: „Wer schön sein will, muss leiden” – von wegen! Und ich behielt recht. Ihre Prophezeiung: „Wenn du so rumläufst, findest du nie einen Mann!“ ist ja nicht eingetroffen. Ich bin sogar der Meinung, dass ich bessere Männer gefunden habe, als einer Minirock-Antje je über den Weg gelaufen wären.

Aber jetzt machen sich die 16-jährigen Töchter meiner Freundinnen wieder genauso zurecht wie damals meine Mutter. Sie verbringen wieder Stunde um Stunde im Bad, statt vernünftige Dinge zu tun wie beispielsweise die Welt retten. Das war jetzt ein kleiner ironischer Schlenker, um deutlich zu machen, dass ich mir der ambivalenten Bedeutungen meiner eigenen Wahl bzw. der meiner Generation durchaus bewusst bin. Aber trotzdem frage ich mich: Warum nur?

Eine schöne Vokabel dazu fand ich in einem Buch, das ich gerade lese, „Top Girls“ von Angela McRobbie. Sie nennt das Phänomen „postfeministische Maskerade“. Ihre These ist, dass die Geschlechterstereotype, die der Feminismus so grundlegend durcheinander gebracht hat, sich heute wieder schlagkräftig Bahn brechen. McRobbies Analyse des Phänomens ist vorwiegend pessimistisch. Sie sieht darin eine besonders perfide Variante eines Backlash, der das Ziel hat, den Feminismus abzuwickeln und seine grundlegenden Errungenschaften wieder rückgängig zu machen. Das Perfide liege darin, dass feministische Ideen quasi augenzwinkernd aufgenommen und dann ad acta gelegt werden: Frauen von heute haben es ja (der Frauenbewegung sei Dank) nicht mehr nötig, sich sexy zu machen, weil sie ja längst eigenes Geld verdienen und alles dürfen und können. Umso deutlicher sagt ihre Weiblichkeits-Maskerade daher: Ich mache das freiwillig!

Die heutigen Inszenierungen von klischeehafter Weiblichkeit wären also, so McRobbie, nicht etwa eine Gegenposition zu dekonstruktivistischer Hinterfragung von Geschlechterrollen, sondern gerade ihre Affirmation. Nach dem Motto: Na klar ist das alles konstruiert und performed, also können wir doch umso dicker auftragen (im wahrsten Sinn des Wortes). Das würde zumindest erklären, warum „natürliche Weiblichkeit“ heute kein erstrebenswertes Ziel mehr ist, wie es noch zu Zeiten meiner Mutter teilweise war. Damals musste eine Frau sich zwar „zurechtmachen“, aber es durfte auch nicht allzu künstlich oder nuttig wirken. Heute sind der Selbst-Modellierung keinerlei Grenzen mehr gesetzt. Wir wissen ja, dass es Natürlichkeit eh nicht gibt.

Ist also die erneute Bereitschaft so vieler Frauen, sich unbequem zu kleiden und jede Menge Zeit aufzuwenden, nur um „sexy“ auszusehen (das schreibe ich in Anführungszeichen, weil ich das Wort eigentlich unpassend finde, denn schon viele Männer haben mir versichert, sie fänden das gar nicht sonderlich erotisch, aber mir fällt grade kein besseres ein) – ist dieser Aufwand also nur eine gemeine Mainstream-Strategie zur Unterbutterung feministischer Errungenschaften?

Auch wenn an McRobbies These sicherlich vieles wahr ist (und die Verteidigerinnen der heutigen Porno-Ästhetik sollten ruhig mal in diese Richtung nachdenken), so hat das Ganze aus meiner Sicht auch noch eine andere Seite. Was dabei nämlich übersehen wird ist, dass unsere Kultur noch eine andere Traditionslinie für Weiblichkeit kennt: nämlich die „ungeschminkte“ Frau, diejenige, die genau das Gegenteil von sexy sein will. Quasi die westeuropäische Variante der muslimischen Kopftuchträgerin.

Dies wurde mir bei der Lektüre des neuen Buches von Dorothee Markert noch einmal klar, die in „Lebenslänglich besser“ die kulturellen Einflüsse des Pietismus herausstellt, also einer bestimmten Art christlicher Frömmigkeit, die in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert sehr einflussreich war. Pietistische Frauen (und auch Männer) widmeten sich ganz dem gottesfürchtigen Leben, und dazu gehörte, dass sie einfache und bequeme Kleidung trugen, sich nicht schminkten und alles taten, um keine erotischen Reize auszusenden.

Die andere Seite der „Hure“, die ihren Körper dem männlichen Begehren auf dem Präsentierteller serviert, war in unserer Kultur schon immer die „Heilige“, die ihren Körper möglichst versteckte. (Und, aber das an dieser Stelle nur nebenbei: Diese Geschichte ist meiner Ansicht nach eine wesentliche Ursache des derzeitigen Hasses auf die muslimische „Verhüllung“ des Frauenkörpers: ganz nach dem Motto, dass die größten Kritiker der Elche früher selber welche waren).

Diese andere Definition von „keuscher“ Weiblichkeit ist ebenso frauenfeindlich wie die „pornografische“ Weiblichkeit, sozusagen die andere Seite der Medaille. Sie ist, wie Markert sehr überzeugend nachzeichnet, auch keineswegs auf christlich-fundamentalistische Zirkel beschränkt, sondern fast nahtlos in Teile der sozialistischen und studentischen 68-er-Bewegungen hinübergewandert: Stichwort Maojacke. Auch in diesen Szenen war eine gute Frau eine, die ihre persönlichen, privaten, gar sexuellen Ambitionen für die „gute Sache“ zurückstellte, die ganz im Kampf der Bewegung aufging und all den „Frauenkram“ wie Schminke und Mode hinter sich ließ. Und, keine Frage: Insofern die Frauenbewegung der 1970er Jahre aus der Studentenbewegung hervorgegangen ist, blieb auch sie von diesen Gedanken nicht unberührt.

Die Lösung des Problems liegt, wie so oft, nicht in einem Entweder-Oder. Frauenkörper unsichtbar zu machen, weil man in der öffentlichen Sichbarkeit von Weiblichkeit eine Gefahr für die Revolution (oder den Glauben) wittert, ist ebenso falsch wie die postfeministische Illusion, man könne die Pornografizierung des öffentlichen Blicks auf den Frauenkörper dadurch aufheben, dass man sie sich selbst zu eigen macht. Gesucht ist ein dritter, ein wirklich „postpatriarchaler“ Weg.

Eine Richtung dafür gab mir eine Bemerkung, die die „Altfeministin“ Ursula Müller kürzlich machte. Sie sagte in unserem Vorgespräch zu einer Podiumsdiskussion, dass die heute so oft vermutete Unterstellung, die Frauenbewegung damals hätte den weiblichen Körper „entsexualisieren“ wollen, nicht stimmt. Sie hätten lila Latzhosen damals nämlich gerade „sexy“ gefunden. Wenn Frauen ihre BHs verbrannten, die Stöckelschuhe in die Ecke warfen und statt unbequemen Minis buntgemusterte wallende Gewänder anzogen, dann gerade nicht, um ihre Weiblichkeit zu „verstecken“, wie heute rückblickend viele vermuten. Sondern im Gegenteil: Sie haben damit ihre Weiblichkeit hervorgekehrt. Öffentlich gemacht. Allerdings eben eine Weiblichkeit, so wie sie sie wollten. Und nicht wie andere sie bereits definiert hatten.

Vielleicht ist die Lösung ja genau so einfach. Nicht zu fragen, ob Kopftuch oder Push-Up eine angemessene oder unangemessene Kleidung für eine Frau ist. Sondern zu fragen: Was finde ich schön? Will ich wirklich ein Kopftuch tragen? Lohnen sich die schmerzenden Füße nach einem Tag auf Stöckeln wirklich, und für was? Wie will ich meinen weiblichen Körper heute in der Öffentlichkeit präsentieren? Mich inszenieren? Welches Bild einer Frau möchte ich abgeben – jenseits dieser blöden Gegenüberstellungen, die mir patriarchale Dualismen dauernd andienen wollen?

Eine Frage, die, wie ich finde, nicht nur jede einzelne Frau für sich beantworten muss (das auch). Sondern eine Frage, die politische Relevanz hat. So wie alles Private.


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Hallo, Karriereforscher_innen: Wir müssen reden!

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Über den Blog der Mädchenmannschaft bin ich auf eine Studie aufmerksam geworden, die – zum gefühlt achthundertsten Mal – untersucht, warum Frauen nicht in gleichem Maße wie Männer in „Führungspositionen“ vertreten sind. Darüber berichtet hat das Hamburger Abendblatt – und über den Bericht beziehungsweise über die Art und Weise, wie darüber berichtet wird, muss ich jetzt mal meckern. (Über solche und ähnliche Sachen rege ich mich öfter auf, das Hamburger Abendblatt ist kein Einzelfall, aber es kriegt’s jetzt nun mal ab).

Los geht es mit der Information, dass „immer mehr Studentinnen“ aus den Hochschulen auf den Arbeitsmarkt „strömen“ – oh jemine, das klingt schon mal bedrohlich. Und:

Man kann Frauen noch nicht einmal vorwerfen, dass sie sich in den Geistes- und Kulturwissenschaften verschanzen.

Schade eigentlich, das wäre doch eine so praktische Erklärung gewesen, die verschanzten Frauen, die man da einfach nicht rauskriegt aus ihren Frauenenklaven. Nein, aber jetzt studieren die auch Wirtschaft und Jura und all die wirklich wichtigen Fächer – Technik allerdings immer noch nicht, weil da drin haben sich ja die Männer verschanzt, haha.

Immerhin, sie sind also nicht selbst an ihrer Benachteiligung schuld, die Frauen (man soll wohl dankbar sein für diesen Freispruch), allerdings lässt uns die ungeklärte Schuldfrage auch ein wenig ratlos zurück, denn schließlich geht es darum, zu erfahren:

Wo bleiben Frauen, wenn es um die echten Jobs in Führungsetagen geht?

– Ups, offensichtlich treiben sie sich in den unechten herum! Aber die zählen nicht, es sind die echten Jobs, um die es geht, also her mit den Gründen:

Befragt, was sie als Managerinnen am Aufstieg hindert, nennen immer noch 24 Prozent Vorurteile gegenüber Frauen. Das lässt alle anderen Hindernisse weit hinter sich: 16 Prozent der Frauen nannten an zweiter Stelle Probleme mit Vorgesetzten und erst auf Platz drei Probleme bei der Vereinbarkeit von Familie und Karriere.

Ach, echt? Wer hätte das gedacht: Das Vereinbarkeitsproblem, von dem doch immer so ein Tamtam gemacht wird, ist offenbar gar nicht der Hauptgrund, weshalb Frauen nicht dieselben Karrieren machen wie Männer (wie viele es genau sind, die darüber klagen, erfahren wir leider nicht, denn die Studie selbst ist hinter einem bezahlpflichtigen Link versteckt).

Aber das andere ist ja auch interessant: Nur ein knappes Viertel klagt über Vorurteile beim Karriereaufstieg. Klar, das ist nicht wenig und erklärt manches. Aber es ist eben auch nicht gar so viel, und daher erklärt es das meiste nicht: Schlappe 50 Prozent der Gründe für die weibliche Führungspositionenabstinenz bleiben im Dunkeln. Die Frau, ein Mysterium. Oder doch nicht?

Nicht immer sind es äußere Faktoren, die Frauen vom Aufstieg abhalten. Bei vielen funkt auch das Selbstbild oder das Lebensmodell dazwischen: Hatten zu Beginn ihres Berufslebens immerhin 42 Prozent der Männer ganz selbstverständlich daran gedacht, auch mal eine Führungsposition zu übernehmen, waren es bei den Frauen nur 24 Prozent.

Aha, da kehrt die Schuldfrage also doch durch die Hintertür zurück. Das Selbstbild und das Lebensmodell der Frauen „funkt dazwischen“, das böse. Wie kommen diese Frauen auch dazu, sich einfach Lebensmodelle auszusuchen, bei denen nicht die Führungsposition ein selbstverständlicher Bestandteil ist? Will nicht jeder normale Mensch schon im Kindergarten Vorgesetzter werden? Und es kommt noch schlimmer:

Rückblickend auf fünf Studien resümiert Professorin Sonja Bischoff: Das von Frauen am häufigsten genannte Karrierehindernis sind seit 1986 die Vorurteile gegenüber Frauen als Führungskräfte. Gleichzeitig wollen kaum mehr Frauen als in der Vergangenheit weiter aufsteigen.

Also wirklich. Da richtet man ihnen Gleichstellungsstellen ein, macht Mentoringprogramme ohne Ende, erfindet Girls Days und was nicht noch alles und dann: wollen diese Frauen heutzutage partout nicht weiter und häufiger aufsteigen als vor 25 Jahren. Aber halt. Das kann’s nicht sein. Denn Frauen wollen ja nicht. Das können die gar nicht, wollen. Was immer Frauen zu wollen meinen hat in Wirklichkeit äußere Ursachen.

Vielleicht liegt es daran, dass es zu wenig Vorbilder gibt…

Ja, das wird’s sein. An Frau Merkel gucken wir nämlich absichtlich seit fünf Jahren stur vorbei. Auch sonst sieht man ja praktisch nirgendwo erfolgreiche Frauen. Da hat sich ü-b-e-r-h-a-u-p-t nichts geändert seit 1986. Naja, das ist vielleicht nicht sehr plausibel, aber halt immer noch besser, als der bitteren Wahrheit ins Auge zu blicken, die am Ende des Artikels beiläufig erwähnt wird:

… und wenn es sie gibt, sind sie noch nicht einmal rundum glücklich: 49 Prozent der Führungsfrauen sagen, dass sie mit ihrer Arbeitssituation nur teilweise oder gar nicht zufrieden sind.

Autsch. Das könnte natürlich eine klitzekleine Erklärung sein. Sollte das Problem am Ende daran liegen, dass Frauen inzwischen nicht zu wenige, sondern zu viele Beispiele für Frauen in Führungspositionen kennen? Nur halt: abschreckende?

Aber nein. Da wollen wir mal lieber gar nicht weiter drüber nachdenken. Am Ende müssten wir noch überlegen, wie man diese Führungs-Arbeitsplätze so ummodeln könnte, dass frau sie einnehmen und zufrieden sein kann.

Und das würde nun wirklich zu weit führen. Die Zufriedenheit von Frauen ist ja wohl kein Argument. Frauen sollen sich nützlich machen, das war schon immer so. Die Wirtschaft braucht sie eben. Und diese teure Uniausbildung, die können sie doch nicht einfach so im Mittelfeld verplempern. Also: Ab in die Führungsetagen. Ob es ihnen da gefällt oder nicht. Und bloß nicht rummeckern.

Denn, nicht vergessen: Sie strömen nur so auf den Arbeitsmarkt, die Frauen. Sie sind also potenziell gefährlich. Da wollen wir sie gar nicht erst auf dumme Gedanken kommen lassen. Nicht, dass sich das ausbreitet. Am Ende fällt den Männern auch noch auf, dass sie in ihren Führungsjobs eigentlich gar nicht so zufrieden sind, wie sie immer dachten. Dass ihnen der ganze Drang zum Führertum bloß ansozialisiert worden ist.

Und dann könnten sie sich verbünden, die unzufriedenen Frauen und die unzufriedenen Männer. Und wo kämen wir da hin?


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Der Islam ist bäh, aber die Muslime ganz okay?

In den absurdistanischen Abgründen der derzeitigen Debatten über „den Islam“ und „die Muslime“ wird es grade irgendwie Mode, zwischen beidem einen Unterschied zu machen. So nach dem Motto „der Islam“ ist bäh, aber die meisten Muslime sind ganz in Ordnung. Gegen die haben wir ja nichts (gefolgt dann meistens von einem „aber“ und einem „solange“ oder etwas dergleichen).

Natürlich ist der oberflächliche Sinn dieses argumentatorischen Eiertanzes, dass man irgend einen Weg sucht, um „den Islam“ aus Deutschland rauszuhalten, während man aber die Muslime und Musliminnen nicht loswerden kann, zumindest wenn man noch ein kleines Restzipfelchen Demokratie (um deren Verteidigung es ja angeblich gehen soll) retten möchte. Schließlich leben sie hier, sind überwiegend Deutsche und, soweit man mit ihnen zu tun hat im wirklichen Leben, auch ganz normale Menschen.

Der tiefere Sinn der Unterscheidung zwischen „dem Islam“ und „den Muslimen“ ist aber nicht nur offensichtlich arrogant und überheblich. Diese Unterscheidung ist auch – und das ist der Grund, warum ich sie so erschreckend finde – letzten Endes ein Kotau vor den Islamisten, den konservativen muslimischen Patriarchen, denen man auf diese Weise nämlich die Deutungshoheit über das zuspricht, was „der Islam“ angeblich ist.

Eine Religion ist aber nichts anderes als das, was ihre Mitglieder in Summe tun. Erstmal. Natürlich gibt es in allen Religionen Institutionen, also innerweltliche Systeme und Hierarchien, die für sich beanspruchen, den Glauben zu verwalten und zu strukturieren und zu definieren – was im Christentum mit Papst und Synoden und so weiter im Übrigen sehr viel stärker ausgeprägt ist als im Islam, der gar keine formale Mitgliedschaft kennt, und dessen Hierarchien für die einzelnen Gläubigen sehr viel unverbindlicher sind.

Aber: Dass sich Religionen institutionalisieren ist einerseits ganz normal, andererseits mehr oder weniger sinnvoll und vielleicht auch unumgänglich. Aber diese Strukturen machen niemals das Wesen der Religion aus. Tut mir leid, jetzt muss ich mal die Religiöse raushängen: Der Part, zu entscheiden, was „fromme Menschen“ tun sollen, fällt immer noch Gott zu.

Vielleicht ist unsere Gesellschaft ja einfach schon so areligiös, dass das in allgemeine Vergessenheit geraten ist. Bei denen, die sich von jeglicher Religion bewusst verabschiedet haben (und das sind ja inzwischen viele) ist das natürlich nachvollziehbar. Für sie ist „Gott“ eben kein relevanter Begriff, und das ist ihr gutes Recht und immerhin in sich logisch. Darüber kann man sich dann sogar interessant auseinandersetzen.

Das eigentlich Spannende ist aber, dass auch diejenigen, die jetzt das „christlich-jüdische Fundament“ unserer Kultur so vehement zu verteidigen vorgeben, durch ihre Argumentationen deutlich machen, dass für sie „Gott“ ebenso wenig eine Rolle spielt wie für die Atheisten.

Dass „der Islam“ eine Gemeinschaft von Leuten sein könnte, die „hingebungsvollen Gehorsam“ (so die wörtliche Übersetzung) gegenüber Gottes Willen üben wollen, übersteigt offenbar ihre Vorstellungskraft. Auch für sie scheint es diesen „Willen Gottes“ gar nicht zu geben, sondern sie sehen nur die Ansichten jener konservativen Imame, die für sich beanspruchen, diesen Willen besser als alle anderen zu kennen.

Ein bisschen entschuldigt sind diese „christlichen Atheisten“ (interessantes Konstrukt, nicht?), weil es im Christentum ja tatsächlich solche Instanzen gibt – den Papst zum Beispiel. Und vielleicht (das kann ich als Evangelische nicht wirklich beurteilen) gibt es im Katholizismus auch tatsächlich ein strukturelles Auseinanderdriften von „dem Christentum“ und „den Christen“, die sich ja auch katholischerseits im Alltagsleben eher nicht so um das Verhütungsverbot und andere Vatikanideen scheren. Aber der Rest ist Projektion.

Schon für die Evangelischen gilt das nicht, die haben das „Priestertum aller Gläubigen“. Und es gilt auch nicht für den Islam, dessen religiöse Institutionen vielfältig und oft national geprägt sind, und für die Einzelne erstmal nicht den ausschlaggebenden Maßstab bilden (es sei denn, sie erklärt sich speziell dieser inner-islamischen Gruppierung zugehörig). Aber die letzte Instanz ist, wie gesagt, Gott. Oder sollte es zumindest sein.

Religion ist jedenfalls immer nur im Gesamtpaket zu haben – die Menschen, die sich ihr zurechnen, und die Institutionen, die sich zu ihrer Verwaltung herausbilden. Beides voneinander zu trennen, ist schlichter Unfug. Religiöse Institutionen, festgeschriebene Gebote und Verbote, ausformulierte Kodizes sind immer innerweltliche, säkulare Angelegenheiten. Ob diese Institutionen dann wirklich Gottes Willen abbilden oder bloß die Machtinteressen oder meinetwegen auch Wahnvorstellungen ihrer Anführer, bleibt im Einzelfall zu beurteilen, auszuhandeln und auszustreiten.

Als zum Beispiel evangelische Frauen (und einige Männer) durchgesetzt haben – gegen erhebliche Widerstände seitens „des Christentums“ bekanntlich – dass Frauen Pfarrerinnen werden können, haben sie dabei ja keineswegs gegen „das Christentum“ argumentiert, im Gegenteil: Sie sind gegen eine ihrer Ansicht nach falsche Auslegung dessen angetreten, was angeblich Gottes Wille sei – in dem Fall die Meinung, Gott wolle nur Männer als Pfarrer haben (komische Idee, btw).

Zum Wesen von Religion gehört es, dass der “Wille Gottes” nicht verfügbar, also auch nicht allzu leicht zugänglich und schon gar nicht festzunageln ist. Es wird immer welche geben, die Gott auf ihre eigenen egoistischen Fähnlein schreiben, es ist auch immer möglich, sich diesbezüglich zu irren (sogar für Feministinnen, haha). Die Leute diskutieren und streiten sich darüber. Dabei haben immer mal welche die Oberhand, die versuchen ihre Ansichten mit Unterdrückung und Macht durchzusetzen (das nennt man dann Gotteslästerung), dann gibt es aber auch immer welche, die dagegen angehen, dann gibt es welche, die sich abspalten und so weiter.

Was Gott will, wird also in keiner Religion jemals definitiv klar sein. Eine Religion erkennt man nicht an ihren fixierten Glaubenssätzen, sondern daran, ob da welche sind, die sich diese Frage – was Gott will – überhaupt noch ernsthaft stellen. Wer “die Gläubigen” und “die Religion” als zwei getrennte Phänomene ansieht, zeigt damit, dass er diese Frage gar nicht mehr versteht. Mit anderen Worten: Dass er längst Atheist geworden ist (oder Atheistin). Denn er kann in Religion nicht mehr erkennen als das, was ihre jeweiligen Päpste, Mullahs, Schriftgelehrten sagen.

Das wäre dann also eine schön unheilige Allianz von angeblichen Gläubigen und angeblichen Ungläubigen. Sie beide erzählen – und das nur als Beispiel – muslimischen Frauen in einstimmigem Chor, dass der Islam ihre Unterordnung beschlossen hätte.

Aber da hat eben zum Glück Allah auch noch ein Wörtchen mitzureden.


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Judith Butler und die Geschlechterdifferenz

Als prä-butlersche Feministin konnte ich mit der Idee des „Queer-Feminismus“ nie viel anfangen. In meinem letzten Blogpost stellte ich die These auf, dass die Art und Weise der Rezeption von Judith Butlers Denken an den deutschsprachigen Universitäten mit dazu beigetragen hat, die Kommunikation zwischen „Altfeministinnen“ und „Jungfeministinnen“ zu erschweren. Da ist es ein lustiger Zufall, dass mir gerade letzte Woche ein relativ unbekannter Text von Judith Butler begegnete (ich kannte ihn jedenfalls bis dahin nicht), der vielleicht helfen kann, den „Graben“ differenzierter zu sehen, beziehungsweise jenseits davon gemeinsam anzuknüpfen.

In diesem Text von 1997 schreibt Butler:

Ich stelle also nicht die Frage nach dem Ende der Geschlechterdifferenz, um ein Plädoyer für deren Ende zu halten. Ich werde nicht einmal Gründe dafür aufzählen, warum es meiner Meinung nach dieser theoretische Rahmen oder, je nach Einstellung, diese „Realität“ nicht wert ist, weitergeführt zu werden. Für viele, denke ich, ist die strukturierende Realität der Geschlechterdifferenz nicht etwas, das man hinwegwünschen oder gegen das man argumentieren könnte; ja hier überhaupt irgendwelche Forderungen aufstellen zu wollen scheint vielen sinnlos. Die Geschlechterdifferenz ist so etwas wie ein notwendiger Hintergrund für die Möglichkeit des Denkens, der Sprache und der Existenz der Körper in der Welt. Und wer gegen sie anzugehen versucht, argumentiert in genau der Struktur, die sein Argument möglich macht. (…)

Hier macht Butler letztlich klar, dass es sinnlos ist, über die Frage zu streiten, ob man die Geschlechterdifferenz nun behalten will oder ob man sie abschaffen will, weil das eben sowieso nicht geht. Genau das ist der Grund, warum ich von der Geschlechterdifferenz rede und mich mit ihren diversen Erscheinungsformen in der Welt beschäftigte, auch in diesem Blog: Nicht, weil ich sie für eine so tolle Sache halte, sondern weil ich finde, sie ist so untrennbar mit allen anderen Themen der Welt verbunden, dass man sie thematisieren muss, wenn man etwas Vernünftiges zum politischen Diskurs beitragen will.

Interessant auch, wie Butler an dieser Stelle Luce Irigaray positiv aufgreift, die ja eine der maßgeblichen Vordenkerinnen des Differenzfeminismus ist:

Die Geschlechterdifferenz – müssen wir uns als einen Rahmen vorstellen, aufgrund dessen wir schon von vorneherein besiegt sind? Was auch immer gegen sie gesagt werden kann, ist ein Beweis dafür, dass sie das, was wir sagen, strukturiert. Ist die Geschlechterdifferenz also irgendwie ursprünglich da und taucht wie ein Gespenst immer wieder in den allerersten Unterscheidungen und in dem strukturellen Schicksal aller Bedeutungsstiftung auf? Luce Irigaray macht klar, dass die Geschlechterdifferenz keine Tatsache ist: kein Fundament welcher Art auch immer, auch nicht das widerspenstige „Reale“ des Lacanschen Jargons. Im Gegenteil: Sie ist eine Frage, eine Frage an und für unsere Zeit. Als Frage bleibt sie ungelöst und nicht beantwortet, das, was noch nicht und niemals als Aussage formuliert werden kann. Ihre Anwesenheit ist nicht die von Tatsachen und Strukturen, sondern sie ist da als etwas, das uns erstaunen und Fragen stellen lässt und nicht zur Gänze erklärt werden kann.

Und wenn sie denn die Frage an und für unsere Zeit ist, wie Irigaray in Die Ethik der Geschlechterdifferenz betont, dann ist sie nicht eine Frage unter anderen, sondern ein besonders dichter Moment der Unlösbarkeit in der Sprache, der den gegenwärtigen Horizont der Sprache als den unseren markiert. Ähnlich wie bei Drucilla Cornell folgt die Ethik, an die Irigaray denkt, nicht etwa aus der Geschlechterdifferenz, sondern sie ist eine Frage, die sich genau in den Begriffen der Geschlechterdifferenz stellt: Wie kann man diese Andersheit durchqueren? Wie kann man sie durchqueren, ohne sie durchzustreichen, ohne ihre Begriffe zu zähmen? Wie kann man dem auf der Spur bleiben, was an dieser Frage ständig ungelöst bleibt? (…)

Hier setzt sich Butler mit einem Missverständnis auseinander, das sich häufig zeigt, wenn man von der Geschlechterdifferenz spricht und das vermutlich auch ein zentraler Grund für das verbreitete Unbehagen ist, wenn auf Begriffe wie „weiblich“ und „männlich“ rekurriert wird. Viele meinen, von der Geschlechterdifferenz zu sprechen, bedeute zu sagen, dass „Frauen dies tun“ oder „Männer jenes“. Aber genau das ist nicht das Anliegen des Differenzfeminismus – im Gegenteil.

Über Jahrhunderte hinweg war ja die Geschlechterdifferenz inhaltlich und funktional diskutiert worden, meist in der Form, dass Männer Frauen sagten, wie sie zu sein hätten. Oder auch dass Frauen selbst auf eine vermeintlich „weibliche Natur“ rekurrierten, um die männliche Ordnung zu kritisieren. Simone de Beauvoir war die erste, die zeigte, dass das nicht funktioniert, weil die Geschlechterdifferenz mit allem so verwoben ist, dass man nicht zu einer vor aller Kultur liegenden Bedeutung von „männlich“ und „weiblich“ vordringen kann.

Der Differenzfeminismus sagt nun, dass es gleichzeitig auch nicht jenseits der „Geschlechtlichkeit“ so etwas wie ein „neutrales Menschsein“ gibt. Das soll nicht heißen, Frauen oder Männer auf bestimmte Rollen festzulegen oder auch nur zu behaupten, sie hätten – über einen gegebenen Kontext hinaus – gemeinsame „Merkmale“. Sondern es bedeutet die Erkenntnis: Will man zu weiblicher Subjektivität und Individualität kommen, zur Freiheit der Frauen also, ist die Geschlechterdifferenz ein notwendiger Durchgang. Wenn ich nicht von meinem Frausein ausgehe (im doppelten Sinn des Wortes), kann ich, eine Frau, auch nicht frei sein. Luisa Muraro, eine weitere Vordenkerin des Differenzfeminismus hat das einmal so formuliert: „Wir haben nicht gewählt, als Frauen geboren zu werden, und gerade diese Tatsache macht es unabdingbar, das Frausein zu akzeptieren.“

Judith Butler schreibt weiter:

So, wie ich sie verstehe, ist die Geschlechterdifferenz ein Ort, an dem wieder und wieder eine Frage in Bezug auf das Verhältnis des Biologischen zum Kulturellen gestellt wird, an dem sie gestellt werden muss und kann, aber wo sie strenggenommen nicht beantwortet werden kann. Wenn wir sie als eine Grenzvorstellung verstehen, so hat die Geschlechterdifferenz psychische, somatische und soziale Dimensionen, die sich niemals gänzlich ineinander überführen lassen, die aber deshalb nicht letztlich voneinander abgesetzt sind. Schwankt die Geschlechterdifferenz also hin und her, als eine schwankende Grenze, die eine erneute Artikulation dieser Begriffe ohne jede Vorstellung von Endgültigkeit verlangt? Ist sie daher kein Ding, keine Tatsache, keine Vorannahme, sondern vielmehr ein Verlangen nach erneuter Artikulation, das niemals zur Gänze verschwindet – aber das sich ebenso wenig jemals zur Gänze zeigen wird?

Ich würde sagen: Ja.

Die Passagen stammen aus Judith Butlers Text „Das Ende der Geschlechterdifferenz?“ in: Jörg Huber, Martin Heller (Hg): Konturen des Unentschiedenen. Interventionen, Basel, Frankfurt/M, 1997. In einer längeren Fassung wieder abgedruckt in dies.: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Frankfurt/M. 2009, S. 281-324. Ich entnahm die Zitate aus dem Buch „Paradigma Geschlechterdifferenz“ – das auch noch weitere interessante Textpassagen zum Thema versammelt.

Btw: Von Luce Irigaray gibt es ein neues Buch auf Deutsch.


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Altfeministinnen, Jungfeministinnen und der große Graben

Podium in Gießen am 24. September: Heike Faber, Barbara Streidl, Antje Schrupp, Ursula Müller und Stephanie Mayfield (v.l.n.r). Foto: Barbara Czernek

Noch immer geht mir eine Podiumsdiskussion im Kopf herum, die ich Ende September in Gießen moderiert habe. Feministinnen verschiedener Generationen sollten miteinander ins Gespräch kommen, die „jüngeren“ waren Stephanie Mayfield (24) und Barbara Streidl (37), beide unter anderem Bloggerinnen bei der Mädchenmannschaft, die „älteren“ waren Heike Faber (48), wissenschaftliche Mitarbeiterin am Pädagogischen Institut und Gleichstellungsbeauftragte an der Uni Gießen und Ursula Müller (66), eine der Mitgründerinnen der autonomen Frauenbewegung in Gießen. Das Publikum bestand überwiegend aus „Altfeministinnen“, was daran lag, dass der Anlass der Veranstaltung die Verabschiedung von Ursula Passarge als Frauenbeauftragte in Gießen war, die nach Jahrzehnten in diesem Amt in Ruhestand ging.

Wir hatten uns vorgenommen, an diesem Abend die inhaltlichen Differenzen zwischen älteren und jüngeren Feministinnen konstruktiv auf den Tisch zu bringen und zu besprechen – und vielleicht sogar gemeinsam zu überlegen, wie es „nach vorne“ weitergehen könnte. Wir dachten, die Chancen stünden auch ganz gut, weil wir das Podium absichtlich nicht als kontrovers konzipiert hatten, also keine Differenzen „inszenieren“ wollten, weil wir auch explizit nicht „Frauengenerationen“ eingeladen hatten, sondern solche Frauen, die sich als Feministinnen verstehen (und die ja in jeder Generation eine Minderheit darstellen), und weil wir auch nicht „alt“ und „jung“ hatten, sondern vier Frauen im Abstand von 10-15 Jahren jeweils.

Trotzdem zeigten sich an diesem Abend Verständigungsschwierigkeiten zwischen den „Feminismus-Generationen“, die fast unüberwindbar waren. Das hatte ich in dieser deutlichen Form nicht erwartet. Ich war überrascht, wie schwer es war, die jeweils anderen zu verstehen beziehungsweise ihnen vermitteln zu können, was das eigene Anliegen ist. In meiner Wahrnehmung – und irgendwie auch zu meiner Schande als Moderatorin – sind wir gar nicht wirklich an den Punkt gekommen, inhaltliche Differenzen zu diskutieren. Wir sind über weite Strecken schon daran gescheitert, überhaupt zu verstehen, worum es der anderen geht.

Ich habe darüber nachgedacht, woran das liegen könnte. Diese Gedanken schreibe ich hier mal relativ unsortiert in Thesenform auf (wobei dieses Podium aber nur der Anlass war, meine Thesen beziehen sich auf vielerlei Beobachtungen auch anderswo).

1. Zu wenig direkte Beziehungen

Es gibt wenig direkte Gespräche und Beziehungen zwischen „Altfeministinnen“ und „Jungfeministinnen“. Das führt dazu, dass das Wissen jeweils übereinander zu einem Großteil medial vermittelt ist. Ein Symptom dafür ist auf Seiten der „Jüngeren“, dass sie „Altfeminismus“ oft mit Alice Schwarzer und Emma identifizieren, die jedoch in den 1970ern keineswegs eine so dominante Rolle hatte, wie es heute scheint oder in den Medien dargestellt wurde. Ein Symptom auf Seiten der „Älteren“ ist, dass sie das Phänomen des „neuen Feminismus“ auch nur aus den Feuilleton-Seiten kennen und nicht aus eigener Anschauung. Sie haben dann leicht das Klischee, den jungen Feministinnen gehe es nur um Karrierechancen, aber nicht um Politik.

2. Unkenntnis der jeweiligen Denkansätze

Damit in Zusammenhang steht, dass die maßgebliche Literatur und Theorie der „anderen“ nicht bekannt ist. Junge Feministinnen haben oft nur wenig gelesen von dem, was die zweite Frauenbewegung an Theorien und Forschungsrichtungen hervorgebracht hat. Ich habe manchmal den Eindruck, ihr theoretisches Interesse fängt eigentlich erst mit Judith Butler an, und sie halten alles, was davor gedacht wurde, für veraltet und nur von historischem Interesse.

Die alten Feministinnen hingegen sind etwa zur gleichen Zeit aus der Theorie ausgestiegen, weil sie inhaltlich nicht einverstanden waren mit der Richtung, den die dekonstruktivistischen akademischen Gendertheorien in Deutschland genommen haben. In gewisser Weise entwickelten sich so feministische „Parallelwelten“, oft entlang der Linie innerhalb der Uni – außerhalb der Uni, aber eben auch entlang von Altersgrenzen. Die heute jungen Feministinnen kommen oft gar nicht auf die Idee, dass man eventuell die Abschaffung der Geschlechter gar nicht erstrebenswert finden könnte, während die älteren Feministinnen oft nicht einmal wissen, was mit Begriffen wie „Queer“ oder „Dekonstruktivismus“ überhaupt gemeint ist.

3. Es gibt zu wenig Bereitschaft,  die Orte der anderen aufzusuchen

Die Entwicklung der Medien und speziell die Erfindung des Internet haben diesen „Graben“ noch verstärkt. Denn sie führten dazu, dass die verschiedenen Generationen sehr unterschiedliche Vorstellungen von Politik und Öffentlichkeit haben. Besonders krass kam das in Gießen zum Vorschein, als eine Frau aus dem Publikum den „Jüngeren“ vorwarf, sie würden ihre Ideen ja gar nicht in die Öffentlichkeit bringen, sondern nur ins Internet schreiben.

Da können wir jetzt drüber lachen, aber das wäre zu billig. Let’s face it: Die große Mehrzahl älterer Frauen, und auch der älteren Feministinnen, ist nicht im Internet, und wenn, dann nur sporadisch oder passiv-lesend. Das kann man schlecht und falsch finden, aber nicht einfach ignorieren. Es schwächt die Politik der Frauen, wenn sie auf die Ressourcen und Lebenserfahrungen der älteren verzichten, bloß weil die das Internet nicht als relevanten öffentlichen Ort betrachten. Deshalb müssten die „Jungfeministinnen“ vielleicht ab und zu auch mal dahin gehen, wo die „Altfeministinnen“ sind (in die altmodischen Frauenzentren, zu den Vortragsreihen, in die Bildungsinstitute). Natürlich gilt andersrum auch, dass die „Altfeministinnen“ dringend „ins Internet“ müssen – denn das ist eben der Ort, an dem Öffentlichkeit heute spielt. Wer da nicht mitmacht, braucht sich nicht wundern, nicht gehört zu werden.

Ich denke, wenn Altfeministinnen und Jungfeministinnen gemeinsam politisch für eine bessere Welt eintreten wollen, ist es notwendig, dass sie den Graben zwischen sich überwinden. Dass sie sich füreinander interessieren und sich denkerisch öffnen für die „falschen“ Ansichten der anderen. Und das geht nur, wenn man aufhört, übereinander zu lesen, und anfängt, miteinander zu sprechen.

Vielleicht gar nicht mal am besten auf solchen Veranstaltungen und einschlägigen Podien, sondern eher im konkreten persönlichen Alltag: Suchen wir unsere Denkfreundinnen doch nicht nur in der eigenen Generation, sondern auch in anderen Generationen. Das Denken ändert am liebsten dann die Richtung und entwickelt sich weiter, wenn man inhaltlich herausgefordert wird von einer, die man mag – obwohl man inhaltlich mit ihr nicht einer Meinung ist.

Update: Stephanie Mayfield bietet vom 12.-14. November ein Seminar über “Die 3. Welle des Feminismus” an. Eingeladen sind insbesondere Frauen aus der 2. Frauenbewegung. Infos hier


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Die Macht von Stuttgart und die Suche nach der Politik

Es ist eine interessante Zeit, um in Schwaben ein Seminar über politische Philosophie zu halten. Als Politikwissenschaftlerin interessiert mich natürlich sehr, was derzeit in Stuttgart passiert. Dass es hier nicht um einen Bahnhof geht, sondern um viel mehr, nämlich um einen Streit über das, was Politik und Demokratie bedeutet, war von Anfang an klar, und viele haben seither dazu geschrieben – manche sind auch verärgert, dass gerade so ein Randthema so viel Aufmerksamkeit bekommt (gäbe es da nicht noch Hartz IV, Atomkraftwerke, Rassismus und ähnliches?).

Es gehört aber zum Wesen von politischen Bewegungen, dass sie sich ungeplant, unerwartet und an unvorhergesehenen Orten formieren. Das gefällt mir gut, nicht nur wegen meiner Neigung zum Anarchismus, sondern auch, weil es die Möglichkeit offen hält, dass auf dem Gebiet der Politik Sachen geschehen können, die nicht der Planung eines Politstrategen entspringen (sei er nun links oder rechts oder sogar eine „sie“), sondern einem tatsächlichen Bedürfnis von Menschen. Dass die Gefahr des Populismus dabei immer hinter der nächsten Ecke steht, stimmt. Aber es gehört zum Unvorhersehbaren der Politik, dass sie riskant ist. Weil man nicht weiß, welche Folgen das eigenen Handeln jeweils hat (eine alte Weisheit von Hannah Arendt).

Bei unserem Seminar gestern diskutierten wir folgende Politikdefinition von Luisa Muraro:

„Politik heißt, die Hindernisse benennen, angehen und wenn möglich beseitigen zu können, die einem menschlichen Zusammenleben entgegenstehen. Politik heißt, im Bewusstsein zu haben, dass viele gesellschaftliche Konflikte unvermeidlich sind, angefangen mit denen, die man mit sich selbst hat. Politik heißt, im Bewusstsein zu haben, dass viele Konflikte unlösbar sind. … Vor allem heißt Politik aber, aus all diesen Engpässen heraus ein menschliches Zusammenleben hervorzubringen, das diejenigen, die größere und freiere Abenteuer wagen wollen, bei diesem Wagnis unterstützt, sodass dadurch auch die Grenzen politischer Vermittlung erweitert werden.“

„Das schicken wir dem Mappus“, war eine der spontanen Reaktionen der Teilnehmerinnen, aber nach einigem Nachdenken war klar, dass man es auch einigen von denen schicken müsste, die sich jetzt an die Spitze der Anti-Bahnhof-Bewegung stellen.

Also fragten wir: Wo sind die Leute, die derzeit versuchen, aus dem Konflikt eine Lösung zu finden? Wo sind die Orte, an denen echte Politik in diesem Sinne stattfindet? Wir wussten es nicht. Vielleicht sind es die Küchentische, an denen jetzt bestimmt heiß debattiert wird. Vielleicht ist es der Bauzaun, an dem sich Leute über die Hintergründe des Projekts informieren, das sie bisher gar nicht interessiert hat.

Wir diskutierten noch einen zweiten Text, in dem Luisa Muraro sich über den „Ausschluss der Frauen“ aus der ersten Berlusconi-Regierung Ende der 1990er Jahre Gedanken macht. Mir scheint der Text spannend und richtig, auch für unsere Situation, obwohl wir natürlich längst nicht mehr von einem Ausschluss der Frauen aus der Regierung sprechen können. Zwar sind die maßgeblichen Protagonisten und Kontrahenten rund um „Stuttgart21“ Männer (Mappus, Rech, Özdemir), aber es gibt heute auch Angela Merkel. „Ausschluss der Frauen“ stimmt nicht mehr, aber vielleicht könnte man durchaus noch von einem Ausschluss von „Weiblichkeit“ aus der Regierung sprechen – eine Intuition, die offenbar auch der SPIEGEL hatte, der seinen Artikel über Mappus und Stuttgart mit dem Satz beendete, „die Zeiten für starke Männer“ seien nie schlechter gewesen.

Wie auch immer, Luisa Muraro schrieb damals, also vor gut zehn Jahren:

Wenn wir nun über den Ausschluss der Frauen aus der gegenwärtigen Regierung nachdenken, erhebt sich die Frage: Wovon bin ich als Frau oder sind meinesgleichen genau ausgeschlossen? Wovon halte ich als Mann oder halten meinesgleichen das andere Geschlecht fern? Nicht vom politischen Leben, so wird uns bewusst, sondern von den Szenarien seines Todeskampfes, in dem sich das politische Leben immer dann befindet, wenn es sich in Bürokratie, Technologie, in einer Farce, in Geschwätz oder in Gewalttätigkeit verwandelt. Nicht vom politischen Leben, aber von den Inszenierungen um ein ständiges, zwanghaftes Sichinfragestellen der Männer in Bezug auf die Macht. Für viele ist aber genau dieses an die Stelle des politischen Lebens getreten. … Die Orte, an denen die Männer um die Macht streiten, sind nicht die Orte des politischen Lebens. Denn auch die Politik zieht sich von dort zurück und geht zu einem Anderswo …

Dieser Todeskampf der herkömmlichen Politik entfaltet sich am Beispiel von Stuttgart vor unseren Augen, und er wird nicht aufgehalten davon, wenn sich heute auch Frauen daran beteiligen. Die Analyse stimmt nach wie vor: Die Orte, an denen die Männer (oder auch die Frauen, die es ihnen gleich machen) um die Macht streiten, sind nicht die Orte des politischen Lebens, denn die Politik zieht sich von dort zurück.

Das war selten so deutlich, wie rund um „Stuttgart 21“: Ob Bahnchef Grube den Neubau-Gegnerinnen und Gegnern das „Widerstandsrecht“ abspricht oder Ministerpräsident Mappus jedes Überdenken des Projekts kategorisch ausschließt, oder Bundeskanzlerin Merkel mit Hinweis auf demokratisch legitimierte Entscheidungsprojekte ein Basta ausspricht: Alles Argumente, die sich auf die reine Macht zurückziehen und die Notwendigkeit einer Vermittlung nicht nur implizit, sondern eben auch tatsächlich explizit ausschließen. Genau das ist es, und nicht das Projekt als solches, das die Leute so ärgert. Von den zehn Schwäbinnen aus dem Seminar haben alle die Proteste in Stuttgart unterstützt. Die meisten waren ursprünglich gar nicht gegen „Stuttgart 21“ gewesen, sondern standen dem Projekt gleichgültig oder sogar positiv gegenüber.

Aber sie wollen es nicht akzeptieren, dass die politisch Verantwortlichen schlicht und einfach die Notwendigkeit leugnen, politische Standpunkte zu vermitteln, bloß weil sie formal nicht dazu gezwungen sind. Es ist Unsinn über ein „Recht auf Widerstand“ zu reden, denn Widerstand gibt es oder gibt es nicht, und wenn es ihn gibt, dann automatisch auch die Notwendigkeit, sich damit inhaltlich auseinanderzusetzen. Und formale demokratische Abläufe sind wichtig, aber natürlich können ihre Ergebnisse auch wieder in Frage gestellt werden, insbesondere wenn Rahmenbedingungen sich ändern. Das war übrigens ein zweites Argument, das ich in dem Seminar von vielen hörte: Dass sich mit der Finanz- und Wirtschaftskrise, die, wie alle wissen – auch wenn die offiziell-politische Propaganda anders lautet – keineswegs „überwunden“ ist, die Voraussetzungen für solche teuren Projekte geändert haben. Gerade in Schwaben zählt dieses Argument.

Das Problem derjenigen Befürworter und Befürworterinnen von Stuttgart 21, die sich jetzt auf formale Macht zurückziehen ist, dass sie dieses Bedürfnis nach echter Politik im Sinne von Vermittlung eigener Standpunkte und dem Aushandeln von Lösungen unterschätzt haben. Und vielleicht eben nicht nur unterschätzt, sondern sogar absichtlich ignoriert, was der eigentliche Skandal ist. Deshalb löst der massive Polizeieinsatz hier solche Empörung aus (und nicht bei anderen Gelegenheiten): Er macht unmissverständlich klar, dass es nicht um Politik geht und auch nicht gehen soll, sondern um Macht.

Wo ist aber dieses Anderswo, wohin die Politik gegangen ist, von dem Luisa Muraro spricht? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist auch die Frage gar nicht so sehr, wo die Orte sind, an denen noch wirklich Politik stattfindet. Sondern wie wir jene Orte, an denen wir selbst uns jeweils befinden, zu solchen Orten machen können.

Auch lesenswert zum Thema ist Dorothee Markerts Blogpost über „Primäre Politik“


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