Das Mamma-Dilemma

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Ich sitze im Zug und lese die Frankfurter Rundschau, die hier irgendjemand hat liegen lassen. Darin ist mal wieder eine Geschichte über die doppelt- und dreifach gestressten Frauen und ihre schwierigen Versuche, alle Ansprüche und Beruf und Kinder und so weiter unter einen Hut zu bringen.

Eigentlich wollte ich den Artikel gar nicht lesen, weil zu dem Thema irgendwie schon alles gesagt und alles bekannt ist, und mir nicht einleuchtet, warum man noch eine dreiundzwölfste Studie dazu machen muss (wahrscheinlich, damit die Zeitungen einen Anlass haben, das alles noch einmal aufzuschreiben). Die jetzige Studie hat Ines Imdahl vom Rheingold-Institut erstellt, und sie ging der originellen Frage nach: „Warum kriegen die Deutschen keine Kinder mehr?“

Wie auch immer, an einem Satz in dem Artikel blieb ich hängen, und zwar diesem: „Bei der Arbeit treten die Mütter Imdahl zufolge oft nicht offensiv auf, geben etwa einen ‚Termin’ vor, wenn sie um vier zum Kindergartenfest müssen.“

Tags zuvor hatte mir eine Bekannte erzählt, dass sie als Kind mit einer Pfarrerstochter befreundet war und oft in das große Pfarrhaus zum Spielen ging. Doch immer nach dem Mittagessen musste für zwei Stunden strikte Ruhe sein: Der Pfarrer zog sich nämlich zum Mittagsschläfchen zurück. Verantwortlich für die Einhaltung der Ruhezeit war seine Frau, die die Kinder entsprechend im Zaum hielt.

Das fiel mir wieder ein, als ich mir diese berufstätigen Mütter aus der Studie vorstellte, die sich auf der Arbeit nicht zu sagen trauen, dass sie in den Kindergarten müssen und deshalb so tun, als hätten sie einen wichtigen Businesstermin. Machen sie nicht im Prinzip dasselbe wie früher die Ehefrauen? Sie „verstecken“ die Kinder, damit der „Vater“ (heute die „Businesspeople“) in Ruhe ihre überaus wichtigen Sachen machen können, ohne mit den nebensächlichen Niederungen des Alltagslebens konfrontiert zu werden.

Eigentlich ist die Verdrängung heute sogar noch größer: Der Patriarch alter Schule wusste ja zumindest noch, dass es Kinder gibt und dass sie Lärm und Arbeit machen. Deswegen war er ja so vehement gegen die Gleichberechtigung der Frauen, denn er befürchtete, dass ihm dann niemand mehr den Kinderlärm vom Leibe halten würde (von der Kinderscheiße ganz zu schweigen).

Die Angst war unbegründet, wie sich gezeigt hat. Heute sind die Frauen zwar emanzipiert, aber die Aufgabe, die Kinder zu verstecken, haben sie offensichtlich immer noch. Und nicht nur verstecken, sie dürfen noch nicht einmal davon erzählen. Wir leben quasi in Zeiten der heimlichen, konspirativen Kinderaufzucht. Mutter sein darfst du schon. Aber du darfst dir das nicht anmerken lassen.

Das Kuddelmuddel ist außerdem komplexer geworden. Die Geschlechterrollen sind nicht mehr klar verteilt, sondern nur noch statistisch: Im Einzelfall kann der Patriarch, der bei seiner Arbeit nicht durch Kinderkram gestört werden will, auch eine Frau sein. Und die Mutter, die mit Argusaugen darüber wacht, dass die Kinder bloß ja niemandem lästig fallen, schon gar nicht dem Betriebsablauf, die kann heute auch ein „neuer“ Vater sein. Väter, die sich um ihre Kinder kümmern anstatt sie sich vom Leib halten zu lassen, haben ja mit genau denselben Hürden zu kämpfen wie Mütter.

Und dann gibt es natürlich auch noch die platten Gegenmodelle, die versuchen, diesen Trend zu bekämpfen, indem sie ins andere Extrem fallen und Heim-und-Herd-Idyllen heraufbeschwören. Frauen, die ihr Muttersein so exzessiv nach außen kehren, dass sie damit bloß der Gegenseite noch mehr Futter geben.

Kurz und gut: Es gibt keine „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Und das liegt nicht an zu wenig Kinderkrippen oder Teilzeitstellen oder Umverteilung der Familienarbeit – auch wenn gar nichts dagegen spricht, dass wir all das haben.

Aber die Ursache des Problems ist nicht, dass es Kinder gibt, die Arbeit machen und Aufmerksamkeit brauchen. Sondern dass es für diesen Lebensbereich keinen Platz im „normalen“ Berufsalltag gibt. Der durchschnittliche Arbeitsplatz ist immer noch so konzipiert, als wären wir alle kleine Patriarchen, die zuhause eine Ehefrau haben, die dafür sorgt, dass die Kinder nicht stören und keine Arbeit machen. Und für diesen Job haben ja auch viele jemanden, nur dass es heute nicht mehr die Ehefrau ist, sondern immer öfter ein Au Pair aus der Ukraine.

Ich stelle mir grade vor, wie es wäre, wenn Andrea Nahles demnächst Fraktionssitzungen leitet und dabei ihr Baby auf dem Schoß sitzen hat. Oder wenn in meinem Büro am Ende des Flurs eine Krabbelecke wäre, damit Eltern immer die Möglichkeit haben, ihre Kinder mitzubringen. Zur Jobqualifikation eines Sachbearbeiters würde es ganz selbstverständlich gehören, dass er auch mal ein Stündchen mit den Kindern seiner Chefin spielt, wenn die in ein wichtiges Kundengespräch muss. Andersrum wäre das natürlich auch so. Und der Journalist würde sich zu Interviews auf dem Spielplatz verabreden, weil er dabei seine Kinder im Auge behalten kann.

Gestern twitterte @kilaulena: „I love my job. Solving interesting problems, from my bed, with my sick kid sleeping next to me.“

Feine Sache, in der Tat.


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Pietismus und Revolution

Berühmtes pietistisches Poster: Links der breite Weg des Vergnügens, des Luxus und der Verschwendung, der uns in die Hölle führt, rechts der schmale und steile Weg, an dessen Ende uns paradiesische Zustände erwarten.

Als aufrechte Linke fühlt man sich ja von fundamentalistischer Engstirnigkeit gerne ganz weit weg. Was haben wir, die aufgeklärten und säkularen Menschen, mit diesen Frömmler_innen zu tun?

Die Distanz ist womöglich weniger groß als gefühlt. In ihrem Buch „Lebenslänglich besser“ untersucht Dorothee Markert den Einfluss des Pietismus auf die politische Kultur in Deutschland. Dieser Einfluss sei sehr viel größer gewesen als wir heute wahrhaben wollen, so ihre These. Damit widerspricht sie einer gängigen Vorstellung, wonach unsere heutige (und vor allem die linke) Kultur sich vor allem aus der Aufklärung herleite.

Der Pietismus war eine sehr einflussreiche Strömung im deutschen Protestantismus, die im 17. Jahrhundert entstand und vor allem im 18. und 19. Jahrhundert kulturell vorherrschend war. Heute hat er eher marginale Bedeutung, lediglich die „evangelikalen“ (und in der Regel sehr konservativen) christlichen Gruppierungen leiten sich noch aus dieser Tradition her.

Aber ist damit der Pietismus nur ein historisches Phänomen? Markert zeigt, dass der Einfuss dieser Weltanschauung weit über die eigene „Szene“ hinausreichte. Speziell im Sozialismus sind viele Lebenseinstellungen und Ansichten aufgenommen worden, die ihren Ursprung im deutschen Pietismus haben: zum Beispiel, dass man nicht verschwenderisch oder faul sein darf, dass man sich unermüdlich dafür einsetzen muss, die Welt zu verbessern, dass persönliche Befindlichkeiten (kleinbürgerliche Schwäche) hinten anzustehen haben. Solche Parallelen zeichnet Markert so überzeugend nach, dass es wirklich merkwürdig ist, dass sie bisher kaum untersucht worden sind.

Markerts Ausgangspunkt sind neben historischen Quellen Interviews, die sie mit Frauen und Männern geführt hat, die in pietistischen Familien aufgewachsen sind, sich aber überwiegend später davon distanziert haben. Vieles von dem, was sie erzählen, erinnerte sie an ihre eigene Zeit in der Studentenbewegung – vom großen moralischen Druck, der dort ausgeübt wurde, über die Vorstellung von „Rechtgläubigkeit“ bis hin zum Zwang zu unscheinbarer, pragmatischer und „züchtiger“ Kleidung.

Eine weitere Parallele zwischen Pietismus und Revolution ist der schmale Grat, der aufrechtes Engagement für „die Sache“ vom Fundamentalismus scheidet. Dabei geht es Markert nicht darum, die pietistische Haltung pauschal zu kritisieren, sondern sie arbeitet sehr gut heraus, wie eng hier die positiven wie die negativen Aspekte beieinander liegen – genau wie in der radikalen Linken auch.

Diese „Doppelsichtigkeit“ (ein Ausdruck, den sie bei Beauvoir entlehnt) spiegelt sich auch in den Interviews, in denen klar wird, dass die Befragten bei aller Kritik an der Enge der pietistischen Weltanschauung auch positive Aspekte darin finden: Etwa dass der Pietismus auch eine soziale Bewegung war, die Egoismus nicht duldete und die Anliegen der Allgemeinheit über die eigenen Wünsche stellte. Das heißt, die Angelegenheit ist nicht einfach gut oder schlecht, sondern heikel. Unser „verdrängtes pietistisches Erbe“, wie es im Untertitel heißt, ans Tageslicht zu holen, ist jedenfalls sinnvoll, auch im Hinblick auf viele gegenwärtige Debatten.

Dorothee Markert: Lebenslänglich besser. Unser verdrängtes pietistisches Erbe. BOD 2010, 216 Seiten, 16,90 Euro.

Weitere Rezensionen des Buches von Juliane Brumberg und von Jutta Piveckova.

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Sex, wie er Gott gefällt…

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Kürzlich besuchte ich eine Veranstaltung in der Evangelischen Stadtakademie in Frankfurt, bei der eine Jüdin (Hanna Liss), eine Christin (Susanna Hrasova) und eine Muslimin (Naime Cakir) über das Thema „Lieben, wie es Gott gefällt“ diskutierten. In Wirklichkeit ging es vor allem um das Thema „Sex, wie er Gott gefällt“ beziehungsweise noch genauer um „Sex, wie er nach den Mainstream-Theologen Gott angeblich gefällt bzw. vor allem auch nicht gefällt.“

Nun stehen die monotheistischen Religionen allgemein nicht in dem Ruf, der Sexualität gegenüber besonders positiv eingestellt zu sein, und schon gar nicht der weiblichen Sexualität gegenüber. Und mit gutem Grund. Aber insgesamt wird diese Kritik doch immer recht allgemein-pauschal in den Raum gestellt.

Deshalb poste ich hier einige Dinge und Aspekte, die ich an diesem Abend gehört habe, die mir neu waren, und die vielleicht helfen, die Hintergründe dieser sexualfeindlichen Entwicklungen zu verstehen. Diese Punkte liste ich hier einfach mal auf, zum einen, um sie selber nicht zu vergessen, weil ich an der einen oder anderen Stelle noch Nachdenkensbedarf sehe, und zum anderen, weil sie ja vielleicht auch noch andere interessant finden könnten. Es ist eine sehr subjektive Auswahl, bei der sich zudem meine eigenen Gedanken mit dem von den Rednerinnen Gesagten vermischt haben, sodass ich sie nicht mehr auseinander dröseln kann. Deshalb ordne ich sie auch nicht im Einzelnen den Referentinnen zu.

* In der Bibel (Tora und Neues Testament) sowie im Koran wird Sexualität tendenziell weniger negativ dargestellt als später in den Auslegungen dieser Schriften. Der gemeinsame Nenner ist, grob gesagt: Sexualität an sich ist durchaus in Ordnung, aber nicht zu jeder Zeit, nicht mit jedem und nicht überall.

* In allen Religionen ist Homosexualität verboten. Ebenso Inzest und Sex mit Tieren. In Judentum und Islam ist Sex auch zu bestimmten Zeiten verboten, etwa während der Fastenzeit oder wenn die Frau menstruiert.

*„Guter“ Sex hat in der Ehe stattzufinden. Allerdings ist die Frage, was genau mit „Ehe“ gemeint ist. Sicher nicht die kleine Familienzelle, die wir heute damit assoziieren. Im Islam etwa ist die Ehe kaum formal geregelt, sie ist ein privater Rechtsvertrag: Man übernimmt füreinander Verantwortung, macht das öffentlich, und dann ist das eine Ehe. Entsprechend kann man sich auch wieder scheiden lassen.

* Eine sozialhistorische Begründung für diese Beschränkung von Sex auf die Ehe, also eine rechtlich verbindliche Beziehung, kann in dem Versuch gesehen werden, die Verantwortlichkeit des Mannes für die Folgen von Sex zu gewährleisten, also konkret: Im Fall, dass die Frau schwanger wird, ihre wirtschaftliche Versorgung (und die ihrer Kinder) sicherzustellen. In patriarchalen Gesellschaften wie denen von damals, in denen Frauen vieles verboten war, vielleicht keine ganz unwichtige Sache.

* Judentum und Islam lassen auch „Nebenfrauen“ zu, kennen also eine gewisse Bandbreite von Beziehungsformen, nicht nur das Mann-Frau-Paar. Berühmtes Beispiel ist die Liebesgeschichte von Josef und Rahel aus der Tora: Sieben Jahre arbeitete er für ihre Familie, bevor er sie heiraten durfte. Dann schob sie ihm mit einem Trick in der Hochzeitsnacht ihre Schwester Lea unter (interessante Frage, wie das praktisch funktionieren konnte…). Er musste dann noch mal sieben Jahre arbeiten, bevor er auch Rahel heiraten konnte. Menage a trois. Geht allerdings nicht mit einer Frau und mehreren Männern.

* Das Christentum ist die einzige der drei Religionen, in der Sexualität generell als problematisch angesehen wird (also auch dann, wenn sie innerhalb des erlaubten Rahmens stattfindet). Paulus war der erste, der die Ehelosigkeit lobte, aber noch nicht in einem prinzipiellen Sinn, sondern eher pragmatisch: Wer eine Familie hat, ist tendenziell weniger bereit, alles für die „Sache“ zu geben. So ähnlich, wie das auch in den K-Gruppen der 68er-Bewegung gesehen wurde: Familiäre Bindungen als kleinbürgerliche Ablenkung von der Revolution. Oder wie heute bei Managern ungebundene Singles beliebt sind, weil die mobiler einsetzbar sind und die nicht etwa abends zum Elternabend müssen. Paulus hielt es einfach für vorteilhaft, wenn die christlichen Missionare und Missionarinnen nicht von Liebesgeschichten abgelenkt wurden.

* Die speziell christliche Sexfeindlichkeit entstand erst ab dem 2. Jahrhundert, und dann vor allem bei Augustinus, der der Meinung war, Sex sei nie gut, auch in der Ehe nicht. Weil er es als Ideal ansah, dass der Geist über dem Körper steht und diesen kontrolliert, was bei gutem Sex bekanntlich normalerweise nicht der Fall ist. Hintergrund dieser Idee war die Verdrehung einer Metapher, die damals über Jesus zirkulierte: Dieser habe die Kirche so geliebt wie ein Mann eine Frau, hieß es. Das drehten die Kirchenväter dann um und machten daraus: Ein Mann soll seine Frau lieben wie Jesus die Kirche. Also gewissermaßen „sakramental“.

* Daraus wiederum entstand dann die Vorstellung, die Ehe sei ein Sakrament, etwas Heiliges – also nicht mehr, wie im Judentum und später im Islam ein rechtlicher, weltlicher Vertrag, der mit Gott erstmal nichts zu tun hat. Mit der „Verheiligung“ der Ehe bekamen die „Übertretungen“ beim Sexleben eine ganz andere Bedeutung. Sie waren nun keine Angelegenheit mehr, die Menschen untereinander zu regeln hatten (etwa wirtschaftliche Versorgung), sondern sie berührten das Verhältnis der Menschen zum Göttlichen. Als umso schlimmer wurden daher die die Übertretungen dieser Regeln gewertet.

* Martin Luther hat das allerdings wieder rückgängig gemacht, für ihn war die Ehe wieder „ein weltlich Ding“. Deshalb dürfen sich Evangelische auch scheiden lassen und erneut heiraten, Katholische nicht. Allerdings ist auch in protestantischen Milieus der Spaß, den man beim Sex haben kann, nicht wirklich wichtig und wird tendenziell skeptisch beäugt.

* Die „Weltlichkeit“ der Ehe in Judentum, Islam und evangelischem Christentum ist der Grund, warum hier die Möglichkeiten besser sind, auch andere Beziehungsformen zu legitimieren. So ist Homosexualität zwar im Islam verboten, um sie tatsächlich zu verfolgen, muss es aber mehrere Zeugen geben, die den Geschlechtsakt unabhängig voneinander gesehen haben. Was in der Praxis nicht so oft vorkommen dürfte. Wenn Homosexualität hingegen als Sünde gegen Gott angesehen wird, ist die Möglichkeit verstellt, sie wenigstens heimlich zu praktizieren: Gott sieht alles!

* Die Sakralität der Ehe nach katholisch-christlichem Verständnis bedeutete auch, dass Sex keinen Spaß machen soll (weil dann der geistige Kontrollverlust droht), sondern nur zu dem Zweck erlaubt ist, Kinder zu zeugen. Daher die katholische Abneigung gegen Verhütungsmittel. Deshalb ist auch eine Ehe, in der Frau oder Mann nicht zum Vollzug des Geschlechtsverkehrs in der Lage ist, nach katholischer Vorstellung ungültig. Nicht ungültig hingegen ist eine katholische Ehe bei Unfruchtbarkeit (da wird die Möglichkeit eingeräumt, dass Gott ein Wunder tut). Erst in den 1960er Jahren, beim 2. Vatikanischen Konzil, kam als ein zweiter Ehegrund neben dem Kindermachen das „Wohl der Ehepartner“ hinzu.

* Dass das Kinderzeugen in christlich-katholischer Sicht die einzige Legitimation für Sexualität war, führte dann zum kategorischen Verbot jeder Sexualpraxis, die nicht zur Zeugung führen kann, also Analverkehr oder Onanieren. Es hatte dann auch so merkwürdige Vorstellungen zur Folge wie die, dass eine Vergewaltigung weniger schlimm sei als Onanieren – weil ja bei einer Vergewaltigung ein Kind gezeugt werden kann, beim Onanieren nicht.

* Sowohl im Islam als auch im Judentum ist Sex nicht nur erlaubt, er ist – innerhalb der Ehe – sogar religiöse Pflicht. Es gibt auch keine Vorstellung von Zölibat, im Gegenteil: Mohammed soll gesagt haben, wer sexuell enthaltsam lebt, könne nicht zu seiner Gemeinde gehören.

* Im Islam dient Sexualität nicht vorrangig dem Zweck, Kinder zu zeugen, sondern als Vorgeschmack auf das Paradies. Die sexuelle Lust ist quasi ein „Trick“ Gottes, um Menschen zum Vögeln zu bringen. Dass dabei Kinder entstehen, ist aber ein erfreulicher Nebeneffekt. Die beim Sex empfundene Lust lässt uns erahnen, wie toll es im Paradies sein wird – mit der Folge, dass wir uns dann anstrengen, dort hin zu kommen und entsprechend gottesfürchtig leben. Auf muslimischen Internetseiten wird das Thema, welche Sexualpraktiken erlaubt oder besonders anzuraten sind, offen diskutiert. Im Islam ist auch Verhütung erlaubt, im 13. Jahrhundert wurde sogar die Abtreibung positiv diskutiert (heute im islamischen Mainstream wird sie verurteilt).

* Apropos Paradies. Zu dieser Sache mit den vielen Jungfrauen, die dort angeblich die Männer erwarten: Das Paradies ist nach islamischer Vorstellung ein Ort, wo es keine Differenz mehr gibt zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Von daher sagt diese konkrete Vorstellung vom Paradies vor allem etwas aus über die Wünsche der Männer, die sie formuliert haben.

* Im Judentum ist die Sache mit dem Zweck von Sex komplizierter. Interessant ist, dass der „Fruchtbarkeitsbefehl“ aus der Schöpfungsgeschichte („Seid fruchtbar und mehret euch“) grammatikalisch männlich formuliert ist. Manche schließen daraus, dass nur die Männer verpflichtet sind, Kinder zu zeugen. Verhütung ist daher auch nur für Männer verboten, für Frauen nicht.

* Ausdrücklich wichtig ist sowohl im Islam als auch im Judentum die sexuelle Befriedigung der Frau. Im Judentum gibt es etwa die Vorstellung, dass die Frau nur dann einen Sohn empfängt, wenn sie den Sex genossen hat. Das ist natürlich in sich auch schon wieder eine frauenfeindliche Denke, denn es ist ja nichts falsch an einem Mädchen. Andererseits gibt es Männern, die sich einen Sohn wünschen, durchaus gewisse „Anreize“, darauf zu achten, dass die Frau den Sex genießt.

* Im Talmud gibt es eine Stelle, wo es heißt, man soll nicht miteinander verkehren „wie die Perser“ (also die Kleider anlassen, einen Quicky sozusagen), sondern der Mann soll sich ausziehen (oder auch: es langsam angehen lassen). Tut er das nicht, hat die Frau das Recht, sich scheiden zu lassen.

* In der Tora kommen sehr viele Mann-Frau-Paare vor. Demgegenüber ist es auffällig, dass im Neuen Testament nur zwei Mann-Frau-Paare namentlich erwähnt werden: Maria und Josef und Priscilla und Aquila (ein Missionarspaar). Den Koran kann man damit nicht vergleichen, weil darin eher allgemeine philosophische Betrachtungen stehen und keine Geschichten erzählt werden.

* In jüdischer Vorstellung hatten Adam und Eva erst nach dem Essen der Frucht vom „Baum der Erkenntnis“ sexuelles Lustempfinden (Sex hatten sie vorher schon). Sexuelle Lust und Erkenntnis hängen also eng zusammen. Deshalb wird es in den Torageschichten auch als Synonym genutzt: „Er erkannte sie“ heißt soviel wie „er hatte Sex mit ihr“. Erst in christlicher Theologie wurde die Geschichte von der „Erkenntnis“ interpretiert als „Sündenfall“.

 

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Gewalt ist nicht geschlechtsneutral

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Soeben ist eine Studie (pdf) veröffentlicht worden, die jetzt unter dem Label „Männer sind genauso Opfer von häuslicher Gewalt wie Frauen“ diskutiert wird. Erstellt hat sie Peter Döge im Auftrag der Evangelischen Männerarbeit. Dafür wurden 1479 Männer und 970 Frauen danach befragt, ob sie schon einmal Opfer und/oder Täter_innen von Gewalt waren. (Ich kenne nicht die Studie, nur die Berichte über sie, wäre aber an den zugrunde liegenden Methoden und Zahlen und den Detailergebnissen interessiert, falls jemand Infos hat, bitte in den Kommentaren posten).

Sowohl bei der Fragestellung der Studie selbst als auch bei der Art und Weise, wie ihre Ergebnisse diskutiert werden, läuft momentan einiges schief. Und damit meine ich nicht nur die bekannten Maskulinistengruppen, die ohnehin der Meinung sind, Männer würden von Frauen unterdrückt, und die diese Studie jetzt natürlich propagandistisch für sich ausschlachten.

Die Absicht hinter dem Machen der Studie scheint gewesen zu sein, anhand von Zahlen nachzuweisen, dass das Stereotyp vom weiblichen Opfer und vom männlichen Täter nicht stimmt, und zwar mit dem ausdrücklichen Ziel, die Aufmerksamkeit auf die Situation von Gewalt erleidenden Männern zu richten.

Dieses Ziel für sich genommen ist wichtig und richtig. Ich kann aber nicht verstehen, warum die Diskussion über männliche Bedürftigkeit und wie ihr zu begegnen sei, offenbar nicht geführt werden kann, ohne gleichzeitig die Errungenschaften der Frauenbewegung und weibliche Autorität klein zu reden und als „böse“ darzustellen.

Um den angestrebten Zweck zu erreichen, wurde in dieser Studie ein sehr weiter Gewaltbegriff zugrunde gelegt. „Gewalt“ ist sowohl schwere körperliche Gewalt, die ganz überwiegend von Männern gegen Frauen ausgeübt wird, als auch auch psychische Gewalt wie Anschreien und leichte körperliche Gewalt wie Ohrfeigen. Es zeigte sich, dass im Bereich psychischer Gewalt mehr Frauen als Männer angeben, sie auszuüben, während Männer und Frauen bei der leichten körperlichen Gewalt ungefähr gleichauf liegen.

Nun frage ich, was solche Zahlen hergeben, außer dass sie es verunmöglichen, beim gesellschaftlichen Diskurs über Gewalt zwischen Frauen und Männern zu unterscheiden, weil die Kategorien so weit gefasst sind, dass die Unterschiede nicht mehr erkennbar sind. Hilft es den Opfern von Gewalt – egal ob Frauen oder Männer – wenn wir dazu übergehen, das Thema quasi „geschlechtsneutral“ zu betrachten? Ich denke nicht.

„Körperliche Gewalt“ und „psychische Gewalt“ sind zwei sehr verschiedene Phänomene, die abgesehen davon, dass sie beide schlimm für das Opfer sind, kaum etwas miteinander zu tun haben. Der Fehler, beides miteinander zu vermischen, ist auch schon in der Frauenbewegung gemacht worden – damit habe ich mich in diesem Jahr in einem Vortrag kritisch auseinandergesetzt, den ich bei einer Jubiläumsfeier eines Frauenhauses gehalten habe.

Eine Absicht der Studie war es, Männer als Opfer von Gewalt in den Fokus zu rücken. Das ist auch tatsächlich wichtig: 45 Prozent der befragten Männer und 41 Prozent der Frauen gaben an, schon einmal Opfer von Gewalt geworden zu sein. Das braucht man aber gar nicht als großartige Neuigkeit zu verkaufen, denn es ist altbekannt: Männer sind sehr viel häufiger als Frauen nicht nur im häuslichen Bereich gewalttätig, sondern auch im außerhäuslichen Bereich. Und da findet die Gewalt überwiegend unter Männern statt, das heißt, Männer sind sowohl Opfer als auch Täter.

Männer sind also auf zweierlei Arten gefährdet: Sie können Opfer von schwerer körperlicher Gewalt werden, die ihnen andere Männer im öffentlichen Raum antun, und sie können psychischer Gewalt oder leichter körperlicher Gewalt ausgesetzt sein, die ihnen Frauen im häuslichen Bereich antun. Es ist doch offensichtlich, dass beides zwei verschiedene Dinge sind, die entsprechend auch unterschiedliche Maßnahmen erfordern.

Um die Bedürfnisse männlicher Gewaltopfer zu verstehen, wäre es meiner Ansicht nach besser gewesen, eine differenzierte Studie darüber zu machen, wie und wo genau und von wem Gewalt gegen Männer ausgeübt wird. Ohne den Vergleich mit den Frauen, der nur diesen Tenor des Gegeneinander Ausspielens à la „Wer ist das ärmere Opfer?“ nach sich zieht.

Noch ein letzter Punkt, der mir bei der Studie fraglich erscheint: Kann man wirklich von den Selbstaussagen der Befragten ohne weiteres auf die realen Verhältnisse schließen? Ich meine, es gibt doch noch einmal einen Unterschied zwischen jemandem, der (oder die) Gewalt ausübt und der Frage, ob er oder sie dies auch weiß und eingesteht. Die Studie scheint implizit davon auszugehen, dass Männer und Frauen sich hier statistisch gleich verhalten: Dass sie also in gleichem Maße sowohl wissen, dass sie Gewalt anwenden, als auch bereit sind, das bei einer Befragung zuzugeben. (Falls jemand Hintergrundinfos dazu hat, wie Döge dieses Problem angeht, bitte ebenfalls in den Kommentaren posten. In den Medienberichten habe ich nichts dazu gefunden).

Viele Frauen klagen aber über bestimmte Gewaltformen innerhalb von Beziehung und Familie, während die betroffenen Männer in ihrem Verhalten nichts Gewaltförmiges sehen (hier ein Artikel dazu). Dazu gehört etwa Lächerlichmachen, ständiges Ins-Wort-Fallen, unvorhersagbare Aggressivität in eigentlich harmonischen Situationen, abwertende Bemerkungen in Anwesenheit Dritter und so weiter. Ein solches Verhalten wird von den Opfern durchaus als (psychische/verbale) Gewalt empfunden, von den Tätern aber nicht als solche anerkannt. Im Gegenteil, diese streiten rundheraus ab, irgendetwas Problematisches zu tun – und genau dieses Abstreiten („Das bildest du dir doch nur ein!“) ist es, was hier den Kern des Problems ausmacht.

Was Gewalt ist und was nicht, das kann man jedenfalls nicht einfach der Selbsteinschätzung von Umfrageteilnehmerinnen und -teilnehmern überlassen. Nur zur Erinnerung: Bevor die Frauenbewegung den Skandal der häuslichen Gewalt in den 1970er Jahren öffentlich machte, galt es in allgemein gesellschaftlichem Bewusstsein ja ebenfalls nicht als Gewalt, wenn Ehemänner ihre Frauen verprügelten oder sie vergewaltigten. Sondern als ganz normal. Und wer das öffentlich ansprach, machte aus einer Mücke einen Elefanten.

Heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen. Und diese Enttabuisierung hat überhaupt erst die Grundlagen dafür geschaffen, dass auch Männer als Opfer von Gewalt in den Blick kommen konnten.

Die derzeitige Wende hin zu der pauschalen Behauptung, Frauen und Männer seien gleichermaßen Opfer und Täter_innen, ist dieser Debatte nicht förderlich. Sondern es ist notwendig, die verschiedenen Formen von Gewalt zu unterscheiden und die mit ihnen jeweils eng verwobene Geschlechterdifferenz zu untersuchen und zum Thema zu machen.


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Die Wahrheit über Kate Austen

Für eine Politikwissenschaftlerin war die Serie Lost ja nochmal ein besonderes Vergnügen. Und zwar wegen der Namenswahl: Lauter mehr oder weniger subtile Anspielungen auf berühmte Personen der Ideengeschichte.

Warum eigentlich hieß Locke genauso wie sein realer Vorgänger, nämlich John, während der Vorname von Hume nicht David, sondern Desmond war? Köstlich amüsierte ich mich auch darüber, dass der notorische Frauenfeind Rousseau hier als Frau in Erscheinung tritt, die auch noch dessen notorische Idealisierung der „unberührten Natur“ und des „edlen Wilden“ aufs Schönste konterkariert. Und sehr lustig war es natürlich, als plötzlich Mikhail Bakunin auf der Insel auftauchte.

Eine Frage allerdings blieb offen: Wer ist Kate Austen?

Zuerst dachte ich an Jane Austen, aber Freckles und die britische Schriftstellerin kamen in meinem Kopf nicht ernsthaft zusammen. Auch Wikipedia, wo es ansonsten eine detaillierte Übersicht über die Namensgebung der Serie gibt, ließ mich im Bezug auf Kate Austen im Stich.

Bis ich dann gestern bei der Lektüre von Emma Goldmans Autobiografie auf diesen Namen stieß: Auf Seite 226 erzählt die berühmte amerikanische Anarchistin von ihrem Besuch bei einer Genossin namens Kate Austen, die mit ihrem Mann und ihren Kindern in einem winzigen Kaff in Massachusetts lebte. Ihre Artikel, schreibt Goldman, „zeigten, dass sie logisch denken konnte, gut Bescheid wusste und eine revolutionäre Ader hatte, ihre Briefe dagegen waren herzlich und empfindsam.“

Eine Woche verbrachte Goldman damals bei Kate Austen und ihrer Familie und lernte einiges über das Leben der amerikanischen Farmer und Farmerinnen. Kate organisierte damals Vortragsabende für Emma, die sehr gut besucht waren. Aus vielen Meilen im Umkreis kamen die Farmer zu Fuß, was für den großen Einfluss Austens in ihrer Gegend sprach, wie Goldman kommentierte. Nur an einem Punkt sei Kate Austen bei den Farmerinnen nicht gut angekommen, und zwar „in der Frage der Sexualität“. Goldman schreibt:

„Was würdest du tun, wenn dein Mann sich in eine andere Frau verliebt?“ hatte eine Farmerfrau einmal gefragt. „Würdest du ihn verlassen?“ „Wenn er mich immer noch liebt, nein“, hatte Kate ohne zu zögern geantwortet. „Und würdest du die Frau hassen?“ „Nicht, wenn sie ein guter Mensch wäre und Sam wirklich liebte.“ Die Nachbarin hatte gesagt, wenn sie Kate nicht so gut kennen würde, würde sie sie für unmoralisch oder verrückt halten. Sie war überzeugt, dass Kate ihren Mann wohl nicht liebte, sonst würde sie ihn nicht mit einer anderen teilen wollen. „Der Witz an der Sache ist“, fügte Kate hinzu, „dass der Mann dieser Nachbarin ein bekannter Schürzenjäger ist und sie es nicht einmal merkt.“

Noch irgendwelche Zweifel, dass wir es hier mit einer würdigen Vorlage für die weibliche Lost-Hauptfigur zu tun haben? Ich denke nicht. Zwar hat meine Internet-Recherche dann ergeben, dass Kate Austen, die Anarchistin, in den USA als „Austin“ bekannt ist. Aber das sehe ich jetzt mal nicht so eng.

Emma Goldman: Gelebtes Leben. Autobiografie, Nautilus, Hamburg 2010, 34,90 Euro, unglaubliche 926 Seiten.


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„Feminismus“ adé: Warum ich in nächster Zeit das F-Wort meiden werde

„Endlich wird mal wieder über Feminismus diskutiert“ – mit solchen und ähnlichen Kommentaren haben einige versucht, dem medialen Strohfeuer nach dem (Anti-)Feminismus-Interview von Bundesministerin Kristina Schröder im Spiegel irgendetwas Positives abzugewinnen.

Ich kann mich dem nicht anschließen. Die Art und Weise, wie das Thema schon seit Längerem diskutiert wird, hat mich davon überzeugt, dass das Wort „Feminismus“ derzeit unbrauchbar ist. Offenbar scheint sich der Bullshit-Faktor erheblich zu erhöhen, wenn es benutzt wird.

Die Idee, dass das Wort „Feminismus“ für die politische Debatte unbrauchbar geworden ist, ist für mich nicht neu. Ina Praetorius, mit der ich ja in vielem übereinstimme, benutzt es schon länger nicht und bezeichnet sich stattdessen als „postpatriarchale Denkerin“. Ich hingegen war bisher der Meinung, dass es sinnvoll ist, wenn ich mich selbst als Feminstin bezeichne und mein Denken in die Tradition des Feminismus stelle, gerade um entsprechenden Klischeebildungen entgegen zu wirken. Und natürlich auch, um diejenigen zu würdigen, die unter diesem „Label“ in der Vergangenheit Großartiges geschrieben, gedacht und geleistet haben.

Natürlich war das schon immer etwas ungenau, weil ganz kluge und originelle Denkerinnen sich vom Feminismus distanziert haben (Hannah Arendt zum Beispiel), und weil andererseits bestimmte Galionsfiguren des Feminismus Ansichten vertreten, die ich für völlig falsch halte.

Aber inzwischen ist es noch mehr, was mir an diesem Begriff Unbehagen bereitet. Und zwar die Beobachtung, dass fast immer, wenn das Wort „Feminismus“ benutzt wird, ein Scheingefecht folgt, das geradezu verhindert, die eigentlichen Themen wirklich in den Blick zu nehmen.

Also: Statt über geschlechtersensible Pädagogik zu diskutieren, statt über die Chancen und Gefahren von Quoten zu diskutieren, statt über die Frage zu diskutieren, welche Bedeutung Kleidung und Mode haben, statt über wirtschaftliche Ungleichheit von Frauen und Männern zu diskutieren und so weiter und so fort – wird darüber diskutiert, welche Position und Meinung zu diesen Themen nun eigentlich „feministisch“ ist und welche nicht.

In ihrem Buch „Unverbrauchte Worte“ hat die italienische Sprachwissenschaftlerin und Diotima-Philosophin Chiara Zamboni gezeigt, wie Worte durch die Art und Weise ihres öffentlichen Gebrauchs untauglich werden, um die Realität und die Sprache in einen fruchtbaren Austausch miteinander zu bringen. Sie erstarren zu Floskeln, zu Definitionshülsen, die leer und nichtssagend werden – Beispiele wären etwa auch „Demokratie“ oder „Gerechtigkeit“. Zamboni plädiert dafür, im politischen Diskurs stattdessen nach „unverbrauchten Worten“ zu suchen, die noch nicht so festgezurrt sind, die Raum lassen für Austausch und für eine kreative Begegnung von Sprache und Realität. Und die deshalb in der Lage sind, Vermittlungen zu schaffen für einen Gedanken, eine Erfahrung, ein Urteil – und also etwas in Bewegung zu bringen.

Vielleicht sind wir tatsächlich an einem Punkt, wo sich der Begriff „Feminismus“ in die Reihe der „verbrauchten Worten“ einfügt. An einem Punkt, wo „Feminismus“ zu einem Wort geworden ist, das nichts in Bewegung setzt, sondern im Gegenteil reflexartigen Schlagabtausch provoziert und uns daran hindert, über das zu sprechen und nachzudenken, was eigentlich wichtig ist.

Ich sage „vielleicht“, weil ich noch immer nicht ganz entschieden bin. Deshalb habe ich vor, einen kleinen Selbstversuch zu starten. In den nächsten sechs Monaten werde ich das Wort „Feminismus“ einmal probehalber aus meinem Sprachgebrauch verbannen. Und mich auch auf Diskussionen über „Feminismus“ nicht mehr einlassen – sondern meine Aufmerksamkeit auf die Themen dahinter richten. Mal sehen, wie das so ist. Und mal sehen, ob mir was fehlt.


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Was ich gerne sein möchte…

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wann ich Cassia Eller zum ersten Mal gesehen habe. Es war im Februar 1995, ein Konzert von ihr lief in dem Fernseher, der in der Bar am Campingplatz von Salvador de Bahia stand. Der brasilianische Freund, mit dem ich damals unterwegs war, kommentierte das in der Art wie: „Das gefällt dir bestimmt, die ist eine Lesbe“, was zwar erstmal abschätzig klingt, in Wirklichkeit schien er aber eher stolz zu sein, dass es „so was“ auch in seinem Land gibt.

In den Jahren danach hörte ich ihre Platten rauf und runter, und ein paar Jahre später, Anfang 2000, sah ich sie dann endlich bei einem Konzert auch live. Mir war nicht klar, dass das mehr oder weniger die letzte Gelegenheit war: Im Dezember 2001 starb Cassia Eller im Alter von nur 39 Jahren an einer Herzkrankheit. Sie hatte einen Sohn, und ihre langjährige Lebensgefährtin musste ein Jahr lang darum kämpfen, das Sorgerecht zu bekommen.

In Deutschland ist Cassia Eller kaum bekannt, aber ihre CDs kann man über Amazon kaufen. Ein paar (nicht sehr gute) Videos gibt es auch auf Youtube. Allerdings nicht mein Lieblingslied, das mir beim Hören immer Gänsehaut macht, und dessen Text ich, wenn man mich fragen würde, kurzerhand zu einer Hymne des Feminismus erklären würde. Ich hab es deshalb mal übersetzt:

Ich könnte ein Priester oder ein Zahnarzt sein,
ein Architekt, ein Abgeordneter oder ein Journalist,
Ich könnte Schauspieler sein und es mir gut gehen lassen,
ein Poet, der Verse schreibt wie kein anderer,
Ich könnte ein Orchesterchef sein,
ein Model, ein Held der Werbebranche,
Ich könnte Arbeitssklave sein,
ein Bänker oder ein angesagter Designer…

Und es gibt keine Möglichkeit, die ich nicht in Betracht ziehen würde,
aber was ich wirklich gerne sein möchte, das ist Cassia Eller.

Ich könnte ein Zauberer und Illusionist sein,
Ein Dompteur, ein Gigolo, ein Psychoanalytiker,
Ich könnte ein Golfchampion sein,
oder ein Champion im Freistil, im Schach oder was auch immer,
Ich könnte ein Bestsellerautor sein,
von dem man sehr schlecht redet (und dem das überhaupt nichts ausmacht),
Ich könnte ein hoher Funktionär sein,
ein Verkäufer oder ein blutrünstiger Bandit…

Und es gibt keine Möglichkeit, die ich nicht in Betracht ziehen würde,
aber was ich wirklich gerne sein möchte, das ist Cassia Eller.

Ich könnte ein Atomphysiker sein,
ein Astronaut, ein Meeresforscher,
Ich könnte ein König des Fußballs sein,
ein Vagabund, oder ein Eliteprofessor,
Ich könnte ein großer Filmemacher sein,
ein Detektiv, und Geheimnisse in meiner Aktentasche haben,
Ich könnte ein Mönch in Nepal sein,
ein Gärtner, ein Seemann und so weiter und so fort…

Und es gibt keine Möglichkeit, die ich nicht in Betracht ziehen würde,
aber was ich wirklich gerne sein möchte, das ist Cassia Eller.

Der brasilianische Text steht hier, das Lied könnt Ihr hier hören. Als Einstiegs-Album empfehle ich das hier, und das Lied „Eu queria ser Cassia Eller“ („Ich möchte Cassia Eller sein“) befindet sich auf diesem Album.


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