Menschen, die in Dinger starren

Immer mehr Leute gucken unterwegs in ihre Smartphones und nicht mehr auf die Leute, die ihnen gegenüber sitzen. And so what?

Diesen Artikel hier möchte ich euch zur Lektüre empfehlen. Johnny Haeusler beschäftigt sich darin mit der Frage, wie sich unsere Kultur verändert, wenn wir nicht mehr analoge Medien nutzen (also zum Beispiel Bücher, auf deren Rücken draufsteht, was drinsteht), sondern digitale Medien, denen man nicht ansieht, was sie enthalten. Italienischkurs, Musik, Pornovideo oder Businessmails, das alles sieht für Danebenstehende gleich aus, wenn es per Smartphone und Stöpsel im Ohr konsumiert wird.

Nun ist die Frage müßig, ob diese Veränderung gut oder schlecht ist, denn sie ist einfach eine Tatsache. Aber sie ist dennoch ein bisschen des Nachdenkens wert. Denn gerade was das Smartphonisisieren in der Öffentlichkeit betrifft, so geht damit eine Tendenz einher, die durchaus problematische Aspekte hat: und zwar die, immer weniger mit Fremdem, Anderem konfrontiert zu sein. Beispiel: Früher habe ich es mitbekommen, wenn die Frau im Zug mir gegenüber Eva Herman las oder den Sportteil der FAZ, und mich darüber zwangsläufig gewundert. Bewusst oder unbewusst speicherte ich das im Kopf ab: Aha, es gibt also Leute, die so was lesen. Nicht nur theoretisch, sondern direkt hier vor meiner Nase. Heute gibt es solche Irritationen kaum noch: Ich sehe nur, wie die Frau gegenüber in ihr Smartphone guckt – und kann mir gut einbilden, dass sie eigentlich so ähnlich ist wie ich selbst.

Und deshalb kann ich es durchaus verstehen, wenn manche Menschen den Trend zum „In diese Dinger Starren“ bedauern, weil dadurch das „Zwischenmenschliche“ verloren gehe. Denn es tatsächlich etwas verloren. Vielleicht nicht das Zwischenmenschliche, denn das war zwischen mir und der Eva Herman-Leserin nie besonders großartig. Aber eben etwas anderes: Früher, als wir diese Dinger noch nicht hatten, in die wir reingucken können, und also gezwungen waren, uns unterwegs oft zu langweilen, konnten wir gar nicht umhin, unsere Umgebung anzustarren und also wahrzunehmen. Und was wir da sahen, war vielleicht nicht immer erfreulich, aber auf jeden Fall lehrreich.

(Kleine Randbemerkung: Das Leute Anstarren war früher ja verboten, denn es gehörte sich nicht. Irgendwie scheint mir manchmal, es sind dieselben Leute, die mir früher sagten, man dürfe Fremde in der Öffentlichkeit nicht anstarren, die sich jetzt darüber beklagen, dass ich sie nicht mehr anstarre).

Man sollte sich also schon bewusst machen, dass diese neue Art des „In der Öffentlichkeit Seins“ die Wahrnehmung faktisch einschränkt und uns anfälliger für Selbsttäuschungen macht. Denn indem wir im Bus, auf der Straße, in der Kaufhauskantine nicht mehr mit den Leuten zusammen sind, die sich auch gerade dort befinden (den anderen also, den Fremden, denen, die wir uns nicht ausgesucht haben und die wir nicht kennen und von denen wir nicht wissen, ob wir sie mögen oder nicht), sondern mit unseren Freundinnen und Freunden, unserer eigenen Szene, mit all den vertrauten Feeds, die uns niemand aufdrückt, sondern die wir uns selber nach eigenen Vorlieben zusammengestellt haben, verringert sich die Notwendigkeit, sich dem unangenehmen Gefühl auszusetzen, mit Unbekanntem, Fremdem, Anderem konfrontiert zu sein. Und das führt in der Tat leicht zu Realitätsverlust und dann gegebenenfalls auch zu Herumtrollerei: Leute, die sich immer nur unter Ihresgleichen aufhalten, neigen dazu, die eigenen Moden und Ansichten für die einzige realen und möglichen zu halten.

Zum Glück hat das Internet selbst schon ein Gegenmittel erfunden, nämlich die so genannten „schwachen Kontakte“. Also diese ganzen Leute, die man nicht kennt, mit denen man sich aber irgendwie doch mal lose vertwittert hat, und die Sachen in die Timeline schreiben, die man sich selber niemals ausgesucht hätte. Sachen, denen man aber dann doch ein Quentchen Aufmerksamkeit widmet. Da liest man dann vor lauter Langeweile, während man an der Bushaltestelle herumsteht und in dieses Ding starrt, Sachen, von denen man ansonsten nie etwas mitbekommen hätte. Ich zum Beispiel habe mich im vergangen Jahr mit der Piratenpartei, mit Queertheorie und mit Veganismus beschäftigt, worauf ich im Leben nicht von selbst gekommen wäre. Ohne „schwache Kontakte“ wären mir diese Themen keine Aufmerksamkeit wert gewesen. Denn von „Fremden“ hätte ich mich niemals dazu animieren lassen. Und meine „echten Freundinnen“ interessieren sich dafür genauso wenig wie ich selbst.

Das Paradoxe und geradezu Gefährliche an der derzeit in den Mainstreamdiskursen verbreiteten Panikmache vor den sozialen Netzwerken ist daher, dass sie gerade die „Selbstheilungskräfte“ der mobilen Internetkultur schwächen. Ihr Tenor ist ja oft die Warnung vor allzu vielen „falschen Freunden“, davor, zu viel vor „Fremden“ von sich preis zu geben und so weiter. Diese Angst nimmt inzwischen zum Teil irrationale, paranoide Züge an, wie ich selbst ein paar Mal erlebt habe.

Natürlich gibt es berechtigte und notwendige Kritik an Facebook und Co. Aber der Sinn dieser Kritik kann doch nur sein, diese Angebote zu verbessern, im Hinblick auf Datenschutz vor allem, aber auch im Hinblick auf alles Mögliche sonst. Wenn die Kritik dazu dient, Menschen aus den sozialen Netzwerken fernzuhalten oder die Kontakte dort nur auf ihre wahren, echten, engen Freundinnen und Freunde zu beschränken, dann ist sie nicht nur altbacken, sondern gefährlich – gerade wenn man das „Zwischenmenschliche“ aus der alten Vorinternetkultur retten oder ein entsprechendes Äquivalent etablieren möchte.

Die Angst vor „schwachen Kontakten“ macht blind dafür, dass gerade sie ein Heilmittel sind, das wir meiner Ansicht nach dringend brauchen, um den problematischen Nebenwirkungen des „In die Dinger Starrens“ entgegenzusteuern. Und vielleicht sind sie ja sogar noch mehr als nur ein Heilmittel, nämlich eine neue Kulturtechnik und Beziehungsform, die uns langfristig nicht nur nicht verschlossener, sondern sogar offener für das Andere macht, als wir es früher waren. Aber das ist jetzt Optimismus.


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Frauensauna

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Seit ungefähr zwanzig Jahren gehe ich regelmäßig ins Fitnessstudio. Leider nicht regelmäßig genug, um schon dünn und schön geworden zu sein, aber regelmäßig genug, um eine langsame, schleichende Veränderung mitzubekommen, die mir inzwischen Sorgen macht.

Die mir, genauer gesagt, seit letztem Wochendende Sorgen macht.

Und zwar geht es um den Saunabereich. Das Fitnessstudio meiner Wahl hat davon zwei, einen großen gemischten und einen kleinen nur für Frauen. Ich fand das früher immer ein wenig ungerecht, den Männern gegenüber. Einmal, so erinnere ich mich, habe ich eine Mitarbeiterin des Centers scherzhaft darauf angesprochen. Sie fragte zurück, was ich denn glauben würde, wie viele Männer wohl in einen reinen Männerbereich gehen würden.

Wie auch immer: Vor zwanzig Jahren war ich in dem Women-only-Bereich ziemlich oft allein. Die meisten Frauen gingen damals in den gemischten Bereich. Mir jedoch war an männlicher Gesellschaft nichts gelegen, und ich ging ohnehin nicht zum Leute Treffen ins Studio, sondern eher, um meine Ruhe zu haben, und die hatte ich eher in der Frauensauna. Außerdem bevorzugten die meisten meiner lesbischen Freundinnen den Frauenbereich.

Im Lauf der Jahre wurde es dann immer voller in der Frauensauna. Anfangs hat mich das sogar gefreut – ich hatte nämlich eine Weile um die Existenz des Frauenbereichs gefürchtet, weil er so schlecht besucht war. Ständig hatte ich erwartet, dass er in den großen, gemeinsamen Saunabereich eingemeindet würde.

Inzwischen ist davon keine Rede mehr. Im Frauenbereich quetschen sich die Ladies, im Männerbereich machen sich die Männer breit – ja, denn zu einem „Männerbereich“ ist der ehemals gemischte Bereich inzwischen faktisch geworden. Keine Frau mehr dort zu sehen.

Es war eine schleichende Veränderung, aber letztes Wochenende stand ich vor dem Faktum. Die winzige Frauensauna war so voll, dass es schon keine Sitzplätze mehr gab, es war nicht zum Aushalten. Ich überlegte kurz, ob ich in die gemischte Sauna gehen soll. Aber irgendwie hatte ich den Eindruck, das geht nicht. Nicht so allein, nicht so kurzsichtig wie ich bin. (Mir ist schon klar, dass ich theoretisch die Möglichkeit durchaus gehabt hätte. Was ich sagen will ist, dass das Verhältnis von Saunagenuss auf der einen und Unbehagen auf der anderen Seite sich über die entscheidende Kippe verschoben hatte).

Jedenfalls stelle ich fest, dass mit der sexuellen Revolution etwas schief gelaufen ist. Wir kriegen wieder Geschlechterseparatismus, zumindest dort, wo es um Körperlichkeit und Nacktsein geht. Und man schiebe das jetzt bitte nicht auf die „Migrationshintergründe“. Natürlich spielt es eine Rolle, dass heute auch Frauen und Männer in Deutschland leben, die in einer sexuell unfreizügigen Kultur sozialisiert wurden. Aber das ist nicht der Punkt.

Die Frage ist vielmehr: Warum ist deren Unfreizügigkeit für westlich sozialisierte Frauen attraktiver als die sexuelle Freizügigkeit der Westlerinnen im Gegenzug für sie? Warum haben die westlich sozialisierten Frauen das Schamgefühl der Einwanderinnen übernommen – und nicht andersrum? Zahlenmäßig sind die Migrantinnen schließlich immer noch in der Minderheit. Außerdem hatten wir in Deutschland Anfang der 1990er Jahre die Integration der DDR – die ja eine extrem freikörperkulturige Gesellschaft war. (Frage in die Runde: Wie geht es eigentlich in gemischten Saunas im Bereich der ehemaligen DDR heute zu?)

Meine Theorie ist eine andere. Meine Theorie ist, dass die sexuelle Freizügigkeit und die gemischtgeschlechtliche Nacktseins-Normalität, die wir in den 1980er Jahren zelebriert hatten, zumindest in Teilen verlogen war. Dass sie uns nicht wirklich so gut gefallen hat, wie wir behauptet hätten.

Ich für meinen Teil kann das jedenfalls so sagen. Ich erinnere mich, dass ich mich als Jugendliche immer überwinden musste, um mich vor Männern auszuziehen. Das gehörte damals aber zum guten Ton. Alle mussten frei und hübsch zusammen in den See springen. Ich musste mich an Arsch und Brüsten betatschen lassen. Bin doch nicht prüde. (Ich hatte diese Begebenheiten verdrängt, aber in meinen Tagebüchern damals festgehalten und kürzlich wieder gefunden).

Mir war das unangenehm, aber das durfte ich nicht sagen, denn nicht die Verhältnisse waren falsch, sondern ich. Ich war einfach noch zu schamhaft. Bullshit, sage ich heute.

Meine Theorie ist folgende: Die sexuelle Befreiung hat geglaubt, sie könne die patriarchale Verkorkstheit unserer Kultur überspringen und wegwischen, indem wir einfach zu „neuen Menschen“ werden. Und in dieser Logik war ich nicht neu genug. Was ich aber – weil ich damals noch nicht zur Frauenbewegung gehörte – nicht aussprechen konnte. Ich dachte, der Fehler liegt bei mir.

Deshalb erfand ich für mich dann in den 1990er Jahren die Ausrede mit dem Ruhe haben Wollen und mit der Solidarität mit den lesbischen Freundinnen. Die Wahrheit ist: Ich war froh, nicht mehr in die gemischte Sauna zu müssen. Wegzukommen von den Blicken auf meinen Busen und auf meine Vulva, von denen ich eben nicht wissen konnte, ob sie normal oder übergriffig waren, lüstern oder einfach nur auf positive Weise interessiert.

Und vielleicht ist die Windeseile, mit der die westlich sozialisierten Frauen den Migrantinnen in die Frauensauna gefolgt sind, etwas ähnliches. Vielleicht waren wir einfach endlich froh, aus diesem sexuell freizügigen Pseudoparadies wegzukommen. (Mir ist klar, dass es bestimmt noch andere Gründe gegeben hat, alles was ich sagen will ist: Dieses hier ist ein Grund, über den bisher zu wenig geredet wird).

Natürlich ist diese Geschlechterseparation ein unhaltbarer Zustand, vor allem dann, wenn die Frauensaunas winzig und die Männersaunas riesig sind.

Wir brauchen also eine neue sexuelle Revolution. Nur muss die diesmal anders ablaufen, als die damals. Und vor allem muss sie so ablaufen, dass sich niemand nicht traut zu sagen, wenn sie (oder er) sich unwohl fühlt.


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Ein Hoch auf Schröders Schwangerschaft

Als ich heute früh die Meldung las, dass Familienministerin Kristina Schröder schwanger ist, habe ich mich gefreut. Ich stellte mir nämlich vor, was wohl in den Köpfen ihrer Parteikollegen und vielleicht auch mancher Parteikollegin vorgegangen ist. Es gab bestimmt nicht wenige, die gedacht haben: So ein Mist, muss das gerade jetzt sein. Kann die dann noch ihre Arbeit machen. So als junge Mutter. Ich wette, so mancher in Berlin findet ihre Familienplanung „suboptimal“ (wie es etwa der Spiegelfechter in seinem Rant zum Thema formulierte).

Wie ich drauf komme? Wieso ich das unterstelle, wo doch die offiziellen Verlautbarungen vor Jubel nur so barsten?

Ich komme drauf, weil ich über das Thema „Kinderkriegen während man mitten im Karrieremachen ist“ häufig mit Frauen diskutiere. Es gibt nämlich kaum eine frauenpolitische Veranstaltung, wo das nicht zur Sprache kommt. Und oft, sehr oft, erzählen da Frauen von Chefs oder Chefinnen, die ihnen klar zu verstehen geben, dass es jetzt aber sehr ungünstig wäre, schwanger zu werden. Sie erzählen von Steinen und Hürden, die ihnen in den Weg gelegt werden, wenn sie trotzdem weiter ihren Posten in der Hierarchie behalten möchten. Obwohl die offizielle Firmenpolitik natürlich die üblichen Bekenntnisse zu Familienfreundlichkeit abgibt.

Und deshalb denke ich mal, in der Parteipolitik wird das nicht sehr anders sein. Aber niemand traut sich heute noch, das offen auszusprechen. Ob zähneknirschend oder nicht: Alle müssen die Ministerin zu ihrer Schwangerschaft beglückwünschen. Ich finde, das ist ein Grund, eine Flasche Schampus zu köpfen.

Denn diese Schwangerschaft und vor allem die Reaktion darauf – die ja, Beispiel Andrea Nahles – kein Einzelfall ist, sondern einen Trend anzeigt, ist tatsächlich eine gute Neuigkeit. Und daher auch wert, ein bisschen in den Medien breitgetreten zu werden. Vor zehn Jahren noch wäre das nämlich nicht so gelaufen.

Erinnern wir uns mal einen kleinen Moment zurück, wie die Emanzipation der Frauen in Deutschland abgelaufen ist: zölibatär nämlich. Bis in die 1960er Jahre hinein verloren Beamtinnen ihren Job, wenn sie heirateten. Weil die hochoffizielle kulturelle Richtline nämlich der Auffassung folgte, dass sie als Ehefrau (und wahrscheinlich baldige Mutter) ihren hoheitlichen Pflichten nicht mehr nachkommen könnte. Erst in den 1970er und 1980er Jahren wurden auch verheiratete Frauen rechtlich gleichgestellt.

Mehrere Generationen von Frauen standen also klar vor der Wahl: entweder Karriere oder Kinder. Und deshalb ist es nicht Nichts und nichts Nebensächliches, wenn diese Auffassung sich inzwischen für alle sichtbar in ihr Gegenteil verwandelt hat. Natürlich wird Schröders Schwangerschaft jetzt propagandistisch ausgeschlachtet, und das ist ätzend. Aber: Allein die Tatsache, dass sie heute propagandistisch ausgeschlachtet werden kann, ist ein Grund, sich zu freuen. Es ist der Beweis, dass etwas anders geworden ist.

Sicher, da gibt es noch die ein oder andere offene Frage. An erster Stelle natürlich die, wie Schröder darauf kommt, zu behaupten, sie hätte jetzt dieselben Hindernisse zu überwinden, wie alle Frauen, die berufstätig sein und Kinder haben wollen. Hat sie natürlich nicht. Sie ist privilegiert, sie hat viel Geld, sie hat viel mehr Möglichkeiten.

Und sicher, es besteht die Gefahr, dass in dem nicht sehr unwahrscheinlichen (aber keineswegs sicheren) Fall, dass es ihr und Andrea Nahles gelingt, ihre Parteikarrieren ohne großen Bruch fortzusetzen, dieser Erfolg zulasten von anderen Frauen ausgeschlachtet werden könnte, nach dem Motto: Seht ihr, geht doch, worüber beschwert ihr euch denn noch.

Und sicher, ein Wickeltisch im Parteibüro macht noch keine familienpolitische Revolution. Und wahrscheinlich gibt es noch etwa zweihundert andere kritische Fragen, die in dem Zusammenhang gestellt werden müssen.

Keine Sorge, die werden schon gestellt. In diesem Blog ganz sicher, und bestimmt auch an vielen anderen Orten. Aber man muss ja nicht immer alles gleichzeitig machen. Heute jedenfalls freu ich mich erst mal.


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Provokation und Skandal

So dargestellt zu werden, muss man erst mal aushalten: In dieser Karikatur wird Victoria Woodhull wegen ihres Eintretens für freie Liebe als "Mrs. Satan" gezeichnet.

Aus Anlass all der Millionen Jahresrückblicke, bei dem meines Wissens nicht einer ohne den Sarrazin auskam, habe ich ein paar Tage lang über den Unterschied oder das Verhältnis von Skandal und Provokation nachgedacht. Ausgangspunkt war ein Tweet, den ich am 6. Januar nach einer spontanen Eingebung rausgeschickt hatte: “These: Skandal ist gut, Provokation ist schlecht. #geistesblitz”

Wie komme ich darauf? Beides, Skandal wie Provokation, sind quasi “Stilmittel” des politischen Handelns, und zwar solche, die außerhalb der formalisierten Institutionenpolitik von Parteien, Parlamenten, Ausschüssen und Wahlen stattfinden. Sie bringen die “öffentliche Meinung” mit ins Spiel, den ungeregelten Diskurs, die Schlagzeilen, die Aufregung, die Emotionen, das “Unsachliche”. Und es gibt eine Seite daran, die mir gut gefällt – eben das Ungeregelte, das Unvorhersehbare, und vor allem dass hier oft Akteure oder Akteurinnen eine Rolle spielen können, die keinen Posten haben, die nicht ihren Standort in der Hierarchie haben und also “von Amts wegen” eigentlich gar nicht dazu befugt sind, etwas zu bewegen. Doch wie die Sarrazin-Epsiode gezeigt hat, gibt es auch negative Aspekte dabei: Den Populismus, das Instrumentelle, die Bildzeitung.

Mich interessiert das Thema schon länger, weil Skandale ja gerade in der Politik der Frauen eine große Rolle spielen oder zumindest gespielt haben (seit der Emanzipation ist die ganze Angelegenheit ein bisschen braver geworden). Denken wir nur an die “Wir haben abgetrieben”-Aktion. Oder an noch früher: Die Frauen, die Hosen anzogen und rauchten, als sich das für Frauen noch nicht gehörte. Ich habe mich speziell mit Victoria Woodhull beschäftigt, einer amerikanischen Aktivistin des 19. Jahrhunderts, die den Skandal geradezu ins Zentrum ihres politischen Handelns gestellt hat, indem sie ohne Rücksicht auf Mainstream-Meinungen für freie Liebe eingetreten ist.

Meine These ist nun, dass die positiven und die negativen Aspekte dieser Art, “unordentlich” Politik zu machen, entlang der Unterscheidung zwischen Provokation und Skandal gefasst werden könnten, und ich würde sogar sagen, dass der Skandal eher der Politik der Frauen, die Provokation eher der Politik der Männer zuzuordnen ist (in einem nicht-biologistischen Sinne natürlich).

Das Gemeinsame ist, dass ein Verhalten in der öffentlichen Meinung heftige, meist kritische Reaktionen auslöst. Dass es Schlagzeilen macht, dass die handelnden Personen Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die sie für dieselben Ideen bei nicht-provokativem oder nicht-skandalösem Auftreten nicht gehabt hätten.

Aber es gibt eben auch wichtige Unterschiede. Der Wichtigste: Die Provokation zielt auf diese Aufregung ab, hat sie gewissermaßen eingeplant, oder mehr noch: Die öffentliche Aufregung ist der eigentliche Zweck des Handelns, das Handeln nur das Instrument, mit dem die Aufmerksamkeit erregt werden soll. Der Skandal hingegen entsteht dann, wenn es um das, was man tut, selbst geht, und die öffentliche Aufregung nur eine Folge davon ist, dass dieses Handeln von der Mehrheitsmeinung als skandalös empfunden wird.

Zum Beispiel: Wenn eine Frau Hosen anzieht, weil sie das bequem findet, und andere sich darüber aufregen, dann löst sie möglicherweise einen Skandal aus. Wenn einer Frau es eigentlich egal ist, ob sie Hosen oder Röcke anzieht, aber eine Hose anzieht, um eine Diskussion über Kleidernormen auszulösen, dann provoziert sie.

Oder anders gesagt: Der Skandal deckt etwas auf, macht etwas zum Thema (meist eben im Sinne eines Vorwurfs) das von der Mehrheit als falsch oder unmoralisch empfunden wird. Deshalb sind die meisten Skandale auch mit “Enthüllungen” verbunden. Die Provokation hingegen muss nicht aufgedeckt werden, sie sucht ja selber die Öffentlichkeit.

Deshalb war das Handeln von Victoria Woodhull zum Beispiel Skandalpolitik und keine Provokation. Ihren “provozierenden” Reden über die freie Liebe war nämlich eine Enthüllung vorausgegangen: Zeitungsreporter hatten in ihrem Privatleben herumgesucht und herausgefunden, dass sie mit zwei Männern unter einem Dach lebte. Skandal! schrieben sie in ihren Zeitungen, So eine ist das!

In solch einer Situation hat die Betroffene zwei Möglichkeiten. Sie kann – wie normalerweise üblich – auf diese Enthüllungen mit Vertuschung, Verleugnung, Abwiegelung reagieren (wie es zum Beispiel Bill Clinton tat). Oder sie geht, wie Victoria Woodhull, in die Offensive: Statt nun die Brave zu spielen, um ihre Reputation zu retten, trat sie erst recht öffentlich für freie Liebe ein.

Auch die “Wir haben abgetrieben”-Kampagne war in diesem Sinne Skandalpolitik: Es ging darum, zu einer verbreiteten Praxis – Frauen treiben ab – auch öffentlich zu stehen. Nicht länger zu hoffen, dass “es nicht herauskommt” oder “es” heimlich zu tun oder im Ausland. Sondern öffentlich zu sagen, Ja, ich habe abgetrieben, und den Skandal und gegebenfalls andere Konsequenzen auszuhalten. Den “skandalösen” Sachverhalt also zu politisieren im Hinblick auf eine Veränderung, die man anstrebt.

Während Skandalpolitik also reagiert auf eine Differenz zwischen der eigenen Praxis, den eigenen Überzeugungen und einer Mehrheitsmeinung, die diese Praxis und diese Überzeugungen für falsch hält, ist die Provokation agierend. Hier soll die Aufregung ja gerade hervorgerufen werden, um den eigenen Überzeugungen mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Der Wirbel um Sarrazin war dafür ein gutes Beispiel. Denn die Differenz zwischen seinen Thesen und der allgemeinen Mehrheitsmeinung ist ja (leider) gar nicht so besonders groß. Ohne seine provozierenden Zuspitzungen, ohne seine Anspielungen auf “Juden-Gene” und andere Reizthemen, hätte es womöglich gar keine Aufregung gegeben (was ich wiederum für einen Skandal halte, aber das wäre ein anderes Thema).

Natürlich ist diese Trennung im konkreten Fall nicht scharf und eindeutig, aber von ihrem grundlegenden Prinzip her ist sie sehr scharf und eindeutig. Und ich bleibe dabei: Skandalpolitik (also öffentliche Kritik auszuhalten, wenn man von einer Sache überzeugt ist, und den Konsequenzen nicht aus dem Weg zu gehen) ist gut, weil auf diese Weise tatsächliche Differenzen aufgezeigt, thematisiert, und die Beteiligten dazu gebracht werden, diese Kontroverse nicht zuzudecken, sondern auszutragen. Provokationspolitik (also demonstrative Aktionen, die den Zweck haben, Aufregung zu erzeugen) sind schlecht, weil sie meistens vom eigentlichen Thema ablenken und Konflikte unnötig banalisieren und zuspitzen, anstatt nach Vermittlungen zu suchen, die zu einer Lösung führen könnten.

Eine gute Möglichkeit, Skandal und Provokation zu unterscheiden, ist übrigens folgende Testfrage: Wie würden es die Beteiligten finden, wenn die öffentliche Aufregung ausbliebe? Wären sie dann zufrieden – oder wären sie enttäuscht? Wer Skandalpolitik betreibt, wäre  zufrieden. Hätte nach der “Wir haben abgetrieben”-Kampagne alle Welt gesagt: Na gut, habt ihr eben abgetrieben, macht doch, was ihr wollt – dann wären diese Frauen sicher mehrheitlich zufrieden gewesen. Denn das hätte ja bedeutet, dass die Diskrepanz zwischen ihrem Anliegen (dass die Entscheidung über eine Abtreibung von der jeweiligen Frau selbst getroffen werden soll) und der allgemeinen Meinung nicht mehr allzu groß ist. Oder hätte die amerikanische Öffentlichkeit sich nach den Enthüllungen über das Privatleben von Victoria Woodhull achselzuckend abgewendet und gesagt: Soll sie doch machen, was sie will, es kann doch jeder nach eigenem Gutdünken Sex haben – dann wäre das ja genau das gewesen, wofür sie eingetreten ist.

Bei der Provokation hingegen funktioniert das nicht. Hätte niemand über Sarrazins Buch geschrieben, hätten nicht Legionen von “Gutmeinenden” aufgeregte Kommentare geschrieben, wäre er nicht in gefühlt Zweimillionen Talkshows eingeladen worden, dann wäre seine Kalkulation nicht aufgegangen. Dann wäre es einfach nur ein dummes Buch mehr gewesen, aber es gibt so viele dumme Bücher, auf eines mehr oder weniger kommt es dabei auch nicht an. Und ich wette, der Autor wäre weniger zufrieden gewesen, als er es jetzt ist (und auch weniger reich).

Auf Provokationen nicht zu reagieren, ist eine schwierige Übung, weil man sich leicht dem Vorwurf aussetzt, “die Bösen” einfach machen zu lassen. Doch die Erfahrung zeigt, dass die jede Reaktion, auch die gut gemeinte, die Sache nur noch schlimmer macht und dem Provokateur in die Hände spielt. Worauf es ankommt ist, einerseits die wirklichen Skandale aufzudecken (in diesem Fall wäre das vielleicht gewesen, dass jemand wie Sarrazin überhaupt solche Posten haben konnte), und andererseits den Mut zu haben, die Skandale, die man selbst mit einem gar nicht provokativ, sondern nur ernst gemeinten Handeln möglicherweise auslöst, auch durchzustehen.

Wobei die eigentliche Kunst dann darin besteht, sich selbst und dem eigenen Begehren auch in dieser Situation treu zu bleiben. Da heißt, soviel Standfestigkeit zu zeigen, wie nötig ist. Aber eben nicht mehr. Also nicht über den Skandal hinaus in Provokation zu verfallen.


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Ich schreibe nicht für euch!

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Seit ich blogge ist eine der häufigsten Fragen, die mir gestellt werden, woher ich denn die Zeit dafür nehme. Das finde ich interessant, weil ich subjektiv nämlich gar nicht den Eindruck habe, dass ich fürs Bloggen allzu viel Zeit aufwende. Objektiv, also wenn ich mir das Ergebnis anschaue (mehrere Posts pro Woche), kann ich es aber natürlich nicht leugnen: Ja, ich wende viel Zeit dafür auf.

Als ordentliche Jungfrau, die ich bin, führe ich immer Buch über meine Aktivitäten und kann daher bilanzieren, dass ich seit Mai 2010 (vorher habe ich das Bloggen nicht ernst genug genommen, um ihm einen ordentlichen Platz in meinem Zeitmanagement zuzuweisen) bis Ende des Jahres gut 100 Stunden reine Zeit mit Bloggen verbracht habe. Also mit dem Schreiben und Posten als solchem, das Nachdenken und im Kopf hin- und herwälzen von Ideen und Thesen ist da noch nicht mit eingerechnet. Auch nicht das Lesen und Recherchieren und mit Leuten Diskutieren, ohne das man ja nicht auf Ideen kommt. (Leider habe ich noch keine Möglichkeit gefunden, auch meine Gedanken nach verschiedenen Projekten auseinanderzudividieren, die gehen einfach durcheinander.)

Aufs Jahr hochgerechnet wären das jedenfalls immerhin so um die vier volle Arbeitswochen, ein ganzer Monat. Und das betrifft sogar nur meinen privaten Blog, nicht die Beiträge, die ich für andere Foren, wie zum Beispiel Beziehungsweise Weiterdenken, schreibe, ebenfalls unbezahlt.

Woher nehme ich eigentlich diese Zeit? Habe ich denn nichts anderes zu tun? Und warum habe ich den subjektiven Eindruck, dass sie mir gar nicht fehlt, die Zeit?

Es kommt nicht nur daher, dass mir das Bloggen mehr Spaß macht als zum Beispiel Rechnungen schreiben oder gebuchte Artikel über Themen, die mich nur so am Rande interessieren – also daher, dass die Zeit dabei schneller verfliegt, während sie sich bei anderen Tätigkeiten in die Länge zieht.

Ich glaube, der Grund ist ein anderer. Und zwar der, dass mein Bloggen sich nicht in erster Linie an ein Publikum richtet (wobei ich mich über Publikum natürlich gleichwohl freue), sondern klammheimlich zu meinem persönlichen Gedanken-Festhalt-Medium geworden ist. Klammheimlich, weil das von mir nicht beabsichtigt war, anfangs dachte ich, wow, hier kann ich publizieren, missionieren, so was in der Art. Aber inzwischen wird mir immer klarer, dass ich all diese Sachen hier gar nicht in erster Linie für euch schreibe, sondern für mich: Damit ich nicht vergesse, was ich mal gedacht habe und was mir wichtig ist.

Vor dem Bloggen hatte ich für sowas ja auch allerhand Tools. Karteikästen, vollgeschriebene Notizzettel, Exzerpte, bei denen mir es aber nie gelungen ist, sie später, also wenn es dann drauf ankam, wiederzufinden. Auch nicht, als man sie nicht mehr auf Papier, sondern im Computer hatte. Ich habe noch allerhand Ordner, analoge wie digitale, die voll sind mit solchen Sammlungen: Protokolle von Tagungen, Vortragsmitschriften, Gesprächsnotizen, Literaturlisten und so weiter. Alles in der Versenkung. Lauter wahrscheinlich wichtige Gedanken und Informationen, die aber nie zu einem richtigen Text geworden sind. Und die mir, schwach, wie mein Gedächtnis nun mal ist, größtenteils verloren gegangen sind. Die Zeit und Muße, mir diese Notizen alle mal wieder durchzulesen, finde ich nämlich nie.

Seit ich blogge, ist dieser Berg von ungehobenen Schätzen nicht mehr viel weiter gewachsen. Jetzt steht das nämlich alles im Internet. Da schreibe ich es rein, wenn mir eine Idee kommt. Wenn ich bei einer Veranstaltung was höre, das mir wichtig erscheint. Wenn ich ein Buch gelesen habe, das mich anregt. Wenn ich Zeitung lese und mich über was freue. Oder ärgere.

Natürlich muss ich den jeweiligen Gedanken dafür etwas polieren. Muss die Quelle verlinken, muss sehen, dass es halbwegs verständlich ist. Und nicht allzu extravagant und überspitzt. Man will sich ja nun auch nicht blamieren.

Aber dann – kann ich den Gedanken beruhigt auch wieder vergessen. Ich könnte ihn ja jederzeit wieder googeln. Was hab ich damals über Diskriminierung geschrieben? Wie war nochmal der Unterschied zwischen Biologie und Biologismus? Was verstehe ich eigentlich unter diesem F-Ding? Warum nochmal hat mir das neue Buch von Elisabeth Badinter nicht gefallen?

Und das erspart mir ungeheuer viel Arbeit, denn wenn ich in irgendeinem späteren Zusammenhang einen früheren Gedanken von mir wieder aufrufen will, finde ich ihn nicht nur sofort, er ist auch schon mehr oder weniger schön ausformuliert und kann quasi mit copy and paste in das aktuelle Projekt importiert werde. Oder wenn mich jemand fragt, was ich von diesem oder jenem halte, muss ich keine langen E-Mails mehr schreiben. Ich schicke einfach den Link. Ziemlich zeitsparend, das.

Mich hat immer die Begründung fasziniert, mit der Hannah Arendt in dem berühmten Fernsehinterview auf die Frage von Günter Gaus antwortete, ob sie denn nicht an der Wirkung ihrer Schriften interessiert sei: Sie sagte, dass sie nicht wirken wolle, sondern verstehen. Und dass sie, wenn sie ein perfektes Gedächtnis hätte, wahrscheinlich keine einzige Zeile schreiben würde. Sie schreibe, um nicht zu vergessen, was sie einmal gedacht habe.

Ich finde auch, dass das der beste Grund dafür ist, sich der Mühe des Schreibens zu unterziehen. Einen Gedanken nicht nur im Kopf zu haben, sondern ihn zu verschriftlichen, zwingt nämlich dazu, ihn ordentlich zu denken. Ihn aus dem Bereich des Fühlens und Empfindens und Ahnens zu holen und ihn quasi „festzunageln“. Zumindest vorläufig.

Indem ich blogge, bringe ich mich ganz einfach dazu, das auch zu tun. Und das ist das Neue. Früher brachte ich diese Disziplin nämlich nur auf, wenn mich irgendjemand dafür bezahlte oder zumindest die Veröffentlichung übernahm. Und das war natürlich nur der Fall, wenn dieser Gedanke bereits von öffentlicher Relevanz war, wenn er auch andere interessierte und nicht nur mich selbst. Und zwar solche andere, die eine Position im Mediengeschäft hatten, also Redaktionen, Verlage und dergleichen. Um mich nicht zu blamieren, mussten das große, fertige, dauerhaft fixierbare Gedanken sein. Kein halbfertiges Zeugs, das sich am Ende vielleicht widerlegen ließe. Themen, die nicht sofort irgendwelche Abnehmer fanden, wurden von mir auch nicht tiefergehend verfolgt. Da hatte ich nämlich keine Zeit für.

Jetzt können es auch Gedankenfetzen, vorläufige Zwischenthesen, spontane Einfälle sein, die ordentlich ausformuliert werden. Sachen, die kein Medienthema sind, die vielleicht außer mir nur noch vier andere Leute auf der Welt interessant finden (zur Zeit!). Da ich ihnen im Blog immerhin eine minimale Struktur geben muss, kann ich sie nicht ganz im Ungefähren lassen. Und dann werde ich auch noch mit Kommentardiskussionen beschenkt! Andere Leute weisen mich auf Unausgegorenes hin, spiegeln mir das öffentliche Interesse an diesem Thema zurück, fügen Wissen und Informationen hinzu, die mir bisher nicht bekannt waren.

Das Lustige daran ist, dass sich das auch noch manchmal „verkauft“. Leute bezahlen Geld, um einen Text oder einen Vortrag von mir zu kriegen zu einem Thema, von dem sie im Blog gelesen haben. (Diesen Part habe ich in einem früheren Post schon mal beschrieben). Das Ergebnis ist, dass ich weniger Zeit aufwende für Themen, von denen andere Leute finden, dass sie wichtig sind, und mehr Zeit für Themen, von denen ich selber finde, dass sie wichtig sind. Und trotzdem weiter meine Miete bezahlen kann.

Natürlich gibt es auch Ideen, die so unausgegoren sind, dass sie noch nicht mal in einen Blog geschrieben werden können. Für die gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder sie treiben mich noch eine Weile um und sind dann irgendwann ausgegoren genug, um der öffentlichen Debatte ausgesetzt zu werden. Oder ich vergesse sie im Laufe der Zeit, aber ich nehme an, dann waren sie auch nicht wirklich wichtig.

Lange Rede, kurzer Sinn: Der Grund dafür, warum ich das Bloggen nicht als zeitliche Belastung empfinde, ist einfach der, dass es keine verlorene Zeit ist. Keine zusätzliche Zeit. Bloggen ist keine PR-Aktion, nichts, was ich in erster Linie für ein imaginiertes Publikum betreibe, mit einem “Auftraggeber” im Kopf sozusagen, sondern zu allererst für mich selbst. So wie das Lesen, das Diskutieren mit anderen, das Dinge Erleben.

Und wenn andere das interessant finden, wenn sie es mit ihrem eigenen Leben und ihren eigenen Ideen verknüpfen, dann ist das letztlich ein Nebeneffekt. Wenn auch natürlich ein sehr, sehr schöner.


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Update zum Thema Vaterschaftsrecht

Gerade lese ich, dass Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, wie die taz gestern berichtet, einen neuen Vorschlag dazu vorgelegt hat, wie künftig das Sorgerecht bei unehelichen Kindern geregelt sein soll.

Ihren ersten Vorschlag hatte ich im August hier kritisiert, weil er vorsah, dass es bei unehelichen Geburten künftig automatisch ein gemeinsames Sorgerecht geben soll, auch dann wenn der Vater gar kein Interesse hat. Demnach hätte jede Frau, die außerhalb einer heterosexuellen Paarbeziehung Mutter werden will, vor Gericht das alleinige Sorgerecht eigens beantragen müssen.

„Vaterschaft ist mehr als Sex gehabt haben“ schrieb ich damals, und wies darauf hin, dass Vatersein immer eine soziale Angelegenheit ist. Während eine Frau nämlich nur dann ein Kind zur Welt bringt, wenn sie sich aktiv dafür entscheidet (sie muss das Kind austragen und nicht abtreiben, zum Beispiel), können Männer Kinder zeugen, ohne – vom Sex abgesehen – an diesem Prozess ansonsten irgendwie beteiligt zu sein. Sie können nach dem Sex verschwinden. Oder die betreffende Frau kann die Schwangerschaft verheimlichen oder ein Kind auch gegen den Willen des „Erzeugers“ zur Welt bringen. (Die kontroverse Kommentardiskussion nachzulesen ist lohnend).

Nach dem neuen Vorschlag soll nun, zumindest in jenen Fällen, in denen der betreffende Mann überhaupt kein Interesse an einer Vaterschaft hat, das Sorgerecht weiterhin automatisch bei der Mutter bleiben. Wünscht er das Sorgerecht, so muss er darauf einen Antrag stellen, und dann hat die Frau acht Wochen Zeit, Widerspruch einzulegen, wenn sie nicht einverstanden ist. Worüber dann gerichtlich entschieden wird.

Spontan gefällt mir dieser Kompromiss ganz gut. Natürlich ist diese Rechtlage immer noch problematisch für Frauen, die keine Beziehung zu diesem Mann wünschen. Andererseits wird die Lage für Mann-Frau-Paare einfacher, die ohne verheiratet zu sein aber doch „kleinfamilienähnlich“ leben möchten oder sich jedenfalls die Erziehung des gemeinsamen Kindes „teilen“ möchten: Hier muss nun nur noch der Mann zu Protokoll geben, dass er das möchte, und das gemeinsame Sorgerecht ist gebongt.

Die jetzigen noch verbleibenden Einwände von Seiten der CDU (über die der Tagesspiegel berichtet, wobei ich nicht wirklich kapiere, worin der Unterschied der beiden Vorschläge genau liegt), dass ein Schweigen der Mutter auf den Antrag des Mannes nicht automatisch als Zustimmung gewertet werden könne, überzeugen mich nicht wirklich: Auch Mutterschaft ist ja nicht allein damit getan, dass eine Frau ein Kind zur Welt gebracht hat. Zwar kann sie sich, anders als der leibliche Vater es könnte, ihrer Verantwortung erst einmal nicht entziehen – denn im Unterschied zu ihm muss die Mutter bei der Geburt anwesend sein. Sie ist also unmittelbar mit dem Kind und seinen Bedürfnissen konfrontiert. Über diesen Anfangszustand hinaus ist aber auch die Mutterschaft eine soziale Angelegenheit. Und da ist es Müttern prinzipiell zuzumuten, dass sie sich im Zweifelsfall zu einem Widerspruch gegen das väterliche Sorgerecht aufraffen.

Sicher, problematisch könnte das eventuell bei Frauen aus den so genannten „bildungsfernen“ Schichten sein, oder bei emotional abhängigen oder unselbstständigen Frauen – aber diese Probleme müssten auf ihren jeweiligen Feldern gelöst werden, also zum Beispiel in der Bildungspolitik. Sie haben nichts mit dem Sorgerecht zu tun.

Ich finde allerdings schon, dass das Sorgerecht auch mit Sorgepflichten einhergehen müsste. Es ist mir etwas suspekt, dass diese Seite der Medaille bei diesen rechtlichen Diskussionen immer keine Rolle spielt. Denn das ist meiner Ansicht nach wie vor das Schiefe und Problematische an diesem Themenkomplex: Dass man Rechte einklagen kann, Pflichten im Hinblick auf das konkrete Sorgen für Kinder aber nicht (wenn man versuchen würde, einen desinteressierten Vater gerichtlich zum Windeln oder Füttern zu zwingen, wäre das ein Horrorszenario – für das Kind!) Von daher bleibt dieser ganze Versuch, Fürsorgebeziehungen zu verrechtlichen, irgendwie schief.

Männer und Frauen: Streiten ist schwer

Vorgestern in der taz schrieb Männer-Kolumnist Matthias Lohre (dessen Artikel ich eigentlich immer ganz gerne lese) eine vermutlich wahre Begebenheit auf, die mich erschreckt hat. Es ging um einen Freund, der mit seiner Freundin zusammen in eine gemeinsame Wohnung ziehen will. Die Freundin hat vor, die Wände im Wohnzimmer mit Schwammtechnik pfirsichfarben zu streichen, was er schrecklich findet, und er wusste nicht, wie er es ihr sagen soll. Weil, so Lohre, “Wir jüngeren Männer sind auf Kompromisse mit Frauen gedrillt”.

Spontan hat mich der Artikel geärgert. Was für Klischees. Schwammtechnik! (Ist auch bei Frauen eigentlich schon seit zehn Jahren mindestens out). Und dann der leidende Ton des Opfers. Sie werden also “auf Kompromisse gedrillt”, die armen Männer – machen sie sich vielleicht mal ein paar Gedanken darüber, worauf wir Frauen alles gedrillt werden? Und außerdem: Kommt das nicht alles daher, dass ihresgleichen die Frauen über Jahrtausende brutal unterdrückt haben?

Nachdem jedoch mein beleidigter Feministinnenfuror etwas abgeklungen war, habe ich verstanden, dass hinter Lohres Beobachtung ein reales Problem steht: Es ist nicht gut um die Streitkultur zwischen Frauen und Männern bestellt.

Ich kann mir durchaus die Situation vorstellen, denn ich kenne das auch: Frauen, die abschätzig über Männer reden, nach dem Motto: Die haben doch eh keine Ahnung. Speziell bei Themen, die zu traditionell weiblichen Aufgaben gezählt werden (Wohnungseinrichtung!).  Übrigens sind es die eher konventionell lebenden Frauen, diejenigen, die nichts mit der Frauenbewegung am Hut haben, die so auf Männer schauen. Sie haben wahrscheinlich zuviel Boulevardkram à la “Männer können nicht zuhören” gelesen und leben das jetzt im Gestus der Emanzipation aus. (Emanzipation und Feminismus sind nämlich nicht dasselbe)

Es könnte aber auch sein, dass die Freundin von Lohres Freund zu denen gehört, die alles auf die Beziehungsebene ziehen. Vielleicht traut er sich nicht, zu sagen, dass es nur über seine Leiche pfirsichfarbene Schwammtechnik-Tapeten im Wohnzimmer geben wird (was ich zum Beispiel definitiv tun würde), weil er befürchtet, dass es nicht bei der Auseinandersetzung zu diesem Thema bliebe, sondern sämtliche Konflikte der vergangenen hundert Jahre wieder mit auf den Tisch kämen. Sowas kommt ja in Beziehungen nicht selten vor, und tatsächlich geht das öfter von Frauen als von Männern aus. Ich habe manchmal den Eindruck, diese – tatsächlich problematische – Haltung deutet auch darauf hin, dass Frauen sich mehr offen ausgetragene Konflikte mit Männern wünschen. So versuchen sie quasi verzweifelt, gleich alles auf’s Tapet zu bringen, wenn sich denn überhaupt mal eine Gelegenheit ergibt. Was natürlich der Sache nicht dienlich ist.

Mich hat das Thema vielleicht auch deshalb beschäftigt, weil es gerade in den letzten Tagen einen Konflikt gegeben hat zwischen einer meiner politischen Denkfreundinnen und einem Vertreter der Grundeinkommensbewegung. Sie war ihn recht harsch dafür angegangen, einen Kongress mitzuorganisieren, wo wieder einmal fast nur Männer eingeladen waren und die von Frauen erarbeiteten Aspekte des Themas wie so oft unter den Tisch fielen. Und sie hatte sich bei diesem Streit besonders geärgert, als er sie mit den Worten zu beruhigen versuchte: “Ich will mich nicht mit Ihnen streiten.” Sie wollte sich nämlich streiten.

Die Unlust vieler Männer, mit Frauen zu streiten, ist nicht nur ein Phänomen in privaten Beziehungen oder ein psychologisches Problem, sondern es ist ein politisches Problem. Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern sind heute nicht mehr so sehr dadurch belastet, dass die Männer antifeministisch eingestellt wären, sondern dass viele von ihnen desinteressiert sind an dem, was Frauen vorzubringen haben.

Jedenfalls höre ich diese Klage oft, und zwar nicht nur von den konventionellen Frauen. Eine andere politisch engagierte Freundin zum Beispiel hat mir mal einen Aufsatz zum Gegenlesen gegeben mit der Bitte um Feedback. Ich fragte sie, was denn ihr Mann, der sich mit dem Thema, um das es ging, ebenfalls gut auskennt, dazu meinen würde. Ihre Antwort war, dass er für sie bei sowas keine große Hilfe sei, weil er pauschal immer alles gut finde, was sie schreibt. Diese Art des “alles gut Findens” ist auch eine Form des Desinteresses, und ich sehe hier durchaus eine Parallele zu der Schwammtechnikgeschichte.

Deshalb kam ich letztendlich zu dem Schluss, dass die Kolumne von Matthias Lohre zwar irgendwie ärgerlich, aber doch auch wertvoll ist: Sie hilft mir nämlich zu verstehen, woher das Unbehagen von Männern an Konflikten mit Frauen möglicherweise kommt.

Ich möchte dieses Unbehagen verstehen und ernst nehmen. Denn ansonsten besteht die Gefahr, dass es endet, wie im Beispiel, das Lohre erzählt: Auf dem Rückweg vom Baumarkt landet er mit seinem Freund in einem Taxi, und der Taxifahrer ist ein Macker-Patriarch alter Schule. Auf die Frage “Was würden Sie tun, wenn Sie keine Lust auf Schwammtechnik im Wohnzimmer haben?” entgegnet er: “Dann würde ich sagen: Schätzken, verbesser doch erst mal deine Schwammtechnik in der Küche.” Also mit der alten, sexistischen Art und Weise, in der Frauen und ihre Anliegen früher von Männern nicht ernst genommen wurden.

Natürlich ist der “neue” und eigentlich gutwillige Mann, der nicht weiß, wie er mit seiner Freundin den Schwammtechnik-Konflikt austragen soll, von diesem Machogetue fasziniert. Es ist deshalb sehr wichtig, dass wir uns etwas Besseres einfallen lassen.

Denn vermutlich hängt alles viel weniger davon ab, ob Männer und Frauen sich gegenseitig verstehen, als vielmehr davon, dass sie endlich ernsthaft lernen, sich zu streiten.


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Biologie und Biologismus

Foto: Fotolia.com/Alta.C

Schon lange habe ich vor, einen Artikel über den Unterschied zwischen Biologie und Biologismus zu schreiben. Mir fällt nämlich auf, dass der Vorwurf des „Biologismus“ heute immer öfter auch gegen Frauen und ihre Ideen eingesetzt wird, was wiederum dazu führt, dass das Reden über Biologie, über Körperlichkeit und damit über die Grenzen, die unserem souveränen Weltgestalten möglicherweise gesetzt sind, tabuisiert wird.

Eigentlich handelt es sich dabei ja um eine traditionelle Kritik von Frauen an der Idee, ihre weibliche Biologie oder „Natur“ würde sie auf bestimmte Rollen oder Verhaltensweisen festnageln. Der „Biologismus“ hatte sich im 19. Jahrhundert ausgebreitet, weil die Männer in einer gewissen Erklärungsnot waren: Sie hatten (mit der Französischen Revolution) die Idee in die Welt gesetzt, dass alle Menschen gleich seien, aber für Frauen sollte das nicht gelten: Frauen hatten kein Wahlrecht, durften nicht auf Universitäten und so weiter.

Von Anfang an haben Frauenrechtlerinnen auf diese Inkonsequenz hingewiesen. Und weil es keine logische oder auch nur plausible Begründung gab, behaupteten maßgebliche Theoretiker der bürgerlichen Gesellschaft und der Aufklärung kurzerhand, Frauen seien von ihrer „Natur“ her eben für solche Dinge nicht geeignet.

Das löste im Lauf des Jahrhunderts einen Riesenberg an Forschungen aus, die auch in der Tat ganz überwiegend zu dem Ergebnis kamen, dass Frauen nicht etwa aufgrund von bestimmten, von Männern getroffenen politischen Entscheidungen nicht wählen, nicht öffentlich auftreten, bestimmte Jobs nicht bekommen und so weiter konnten, sondern aufgrund der wissenschaftlichen Tatsache, dass ihre „Biologie“ das eben nun mal nicht zulasse (daher rührt übrigens meine chronische Skepsis gegen wissenschaftlichen Rationalismus).

Es ist daher naheliegend, dass der Kampf gegen den Biologismus in der Frauenrechtsbewegung eine zentrale Rolle spielte. Was mich allerdings wundert ist, dass der Kampf „Biologie oder Sozialisation“ auch heute noch mit großer Verve geführt wird, obwohl er doch seine politische Relevanz längst verloren hat. Denn der ursprüngliche Knackpunkt, nämlich die Frage, ob Frauen gleiche Rechte haben sollen, ist ja längst entschieden. Zumindest in der westlichen Welt würde das doch niemand mehr ernsthaft verneinen.

Und ich finde, es ist auch schlicht und ergreifend egal, ob – um ein banales Beispiel zu nennen – Männer deshalb mehr Interesse an bestimmten Macht- und Führungspositionen haben, weil irgendwelche Gene sie dafür disponieren, oder weil sie als Jungens ein entsprechendes Konkurrenzverhalten antrainiert bekommen haben. Zumindest ist diese Frage in politischer Hinsicht egal. Denn wir müssen darüber diskutieren, ob wir das, was Frauen oder Männer tun, gut oder schlecht finden. Und zu wissen, ob dieses Verhalten nun angeboren, anerzogen oder (eine Möglichkeit, die oft vergessen wird) selbst ausgedacht ist, hilft ja eigentlich nicht bei der Entscheidung darüber, wie man es bewertet, ob man zu dem Schluss kommt, es zu fördern oder möglichst zu unterbinden.

Der Biologie-versus-Sozialisations-Streit als solcher führt im Allgemeinen von den politischen Konflikten weg, weil weil er Fragen auf eine wissenschaftliche Ebene hebt, die in Wirklichkeit auf die politische Ebene gehören.

Aber: Auch wenn ich finde, dass Biologismus in der Politik nichts zu suchen hat, dass also niemand die eigenen politischen Argumente mit Hinweisen auf angeblich biologische Naturnotwendigkeiten verbrämen sollte, so bin ich doch der Ansicht, dass die Biologie ein Faktor ist, der in den politischen Debatten eine Rolle spielen muss, und zwar eine größere als zur Zeit. Menschen sind körperliche Wesen und keine vergeistigten Abstraktheiten. Sie sind Wesen aus Fleisch und Blut, die aus dem Körper einer Frau heraus in die Welt kommen, die bedürftig sind, Hunger und Durst haben, scheißen müssen, krank werden und so weiter. So gesehen ist Biologie sogar das eigentliche Thema der Politik.

Dass die Verdrängung von Körperlichkeit und der menschlichen Bedingtheit ein Wesensmerkmal patriarchaler Politik und Philosophie war, haben schon viele Denkerinnen festgestellt. Die Tradition des Körper-Geist-Dualismus, die mit den alten Griechen anfing und im Christentum fortgeführt wurde, hat zu jenem Denken geführt, dem schließlich auch die Frauen zum Opfer gefallen sind: Sie wurden mit dem dunklen, unkontrollierbaren Aspekt des Menschseins gleichgesetzt, sie hatten die Natur zu repräsentieren, während der Mann die Kultur für sich beanspruchte – das war das Grundmuster, auf dem dann später der Biologismus funktionieren konnte.

Doch können wir heute wirklich damit zufrieden sein, den Biologismus entlarvt zu haben und die Zumutungen, die das für Frauen bedeutet hatte, im Zuge der Gleichberechtigung abgelegt zu haben? Damit, dass wir, die Frauen, quasi auf die Seite des guten, klaren, hellen Geistes überwechseln durften? Ist die Biologie heute unwichtig, eine Nebensache, die keine Rolle mehr spielt, weil wir ja als unabhängige, freie Menschen die Welt einfach so machen, wie wir sie haben wollen, ohne dabei irgendwelche Grenzen des Möglichen beachten zu müssen?

Ich habe meine Zweifel, gerade was das freie politische Handeln von Frauen betrifft. Und zwar deshalb, weil heute der Vorwurf des „Biologismus“ gegen Frauen gewendet werden kann, und zwar immer dann wenn sie darauf hinweisen, dass politische Gleichheit nicht automatisch auch tatsächliche Gleichheit bedeutet (was im Übrigen ebenso eine Binsenweisheit ist, wie es im 19. Jahrhundert eine Binsenweisheit war, dass eine Demokratie, die Frauen nicht einbezieht, keine Demokratie sein kann).

Zeigen möchte ich das am Beispiel eines meiner Blogposts vom vergangenen August, in dem ich mich unter dem Titel „Vaterschaft ist mehr als Sex gehabt haben“ kritisch mit der heutigen Tendenz auseinandergesetzt habe, Vaterschaft zunehmend biologisch zu definieren. Ich schrieb:

Die Beziehungen von Vätern zu Kindern sind niemals evident, sie müssen per Gesetz garantiert werden. Das ergibt sich ganz einfach aus dem Umstand, dass bei der Geburt immer nur eine Person unausweichlich anwesend ist: die Mutter, aus deren Körper das Kind nämlich herauskommt. Die Anwesenheit jeder anderen Person – des Vaters, der Hebamme, der Freundinnen, der Ärztin – ist soziale Verabredung. Sie ist nicht notwendig für den Vorgang der Geburt als solchen.

Dass es den hier beschriebenen biologischen Unterschied zwischen Mutterschaft und Vaterschaft gibt, ist offensichtlich und wurde auch in den Kommentaren nicht bestritten. Aber es wurde von manchen die Ansicht vertreten, dieser Unterschied dürfe im Bezug auf politische Verhandlungen keine Bedeutung haben, zum Beispiel von milhouse, der/die schrieb:

Biologistischer als über die Tatsache der Geburt durch die Frau ein Geschlechterungleichverhältnis zum Kind zu konstruieren geht es ja wohl kaum.

Aber ist das so? Sind wir, wenn wir keine Biologistinnen sein wollen, verpflichtet, die Unterschiede zwischen Vaterschaft und Mutterschaft im Hinblick auf Schwangerschaft und Geburt (zum Beispiel) zu ignorieren? Müssen wir bei unseren Debatten so tun, als wären ein Vater und eine Mutter dasselbe, obwohl sie es in der Realität – shame on you, Biologie! – ganz einfach nicht sind?

Ich finde, biologische Unterschiede zu benennen und dafür aufmerksam zu sein, ist keine Konstruktion, sondern Realismus. Denn die Realität ist immer körperlich, sie bringt ständig Unterschiede hervor zwischen Menschen. Nicht nur zwischen Müttern und Vätern, sondern auch zwischen Alten und Jungen, zwischen Gesunden und Kranken und so weiter und so fort. Sicher, jede politische Schlussfolgerung, die aus der Kenntnisnahme dieser Unterschiede besteht, muss argumentativ begründet und vermittelt werden, niemals versteht sie sich von selbst oder ergibt sich aus der Biologie automatisch. Aber wie auch immer diese Schlussfolgerung aussehen mag, sie steht auf tönernen Füßen, wenn sie die Realität zuvor nicht realistisch zur Kenntnis nimmt.

Biologismus, also die Verbrämung eigener politischer Ansichten und Ideen durch angeblich wissenschaftliche Tatsachen, ist abzulehnen. Aber die Biologie, also die Körperlichkeit und Bedingtheit des menschlichen Lebens mit all ihren Unwägbarkeiten, Ungleichheiten und Konfliktpotenzialen, mit den Grenzen, die sie uns setzt – sie ist die Voraussetzung, von der wir bei all dem ausgehen müssen, wenn das, was wir verhandeln, halbwegs sinnvoll sein soll.


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Farewell für meine „schwachen Freundinnen“

Es passiert immer mal wieder, aber jetzt zum Jahreswechsel ist es gleich zweimal passiert: Facebook-Freundinnen haben sich aus dem Netzwerk verabschiedet. Und ich bin darüber ein bisschen traurig.

Ja, sie haben ihre Post- und E-Mail-Adressen hinterlassen, und ich könnte ihnen schreiben, aber derart war unsere Beziehung eigentlich nicht. Wir kannten uns nicht wirklich gut, sondern nur „aus dem Internet“. Ich freute mich über ihre gelegentlichen Kommentare zu meinen Postings. Ein Jahr oder sogar etwas länger hatte ich ein kleines bisschen Anteil an ihrem Leben und Denken, nichts arg Intensives, aber ausreichend, um einen Eindruck von ihnen als Personen, als Menschen zu haben. Ja, sie waren mir ein bisschen ans Herz gewachsen.

Und jetzt sind sie weg.

Und ich merke, wie die sozialen Netzwerke mich eingesponnen haben in ein Beziehungsgewebe, das es vorher so nicht gegeben hat. Denn wären die beiden „wirkliche“ Freundinnen gewesen, also Menschen, mit denen ich sowieso und unabhängig vom Internet eine Beziehung habe, dann wäre ich über ihren Abschied aus Facebook nicht sonderlich traurig. Dann würde ich sie ja nicht aus den Augen verlieren, dann blieben uns ja die anderen Kontexte, in denen wir uns ohnehin begegnen. Ich schätze mal, neun von zehn Menschen, die in meinem Leben eine Rolle spielen, sind ohnehin nicht bei Facebook oder sonstwo im Internet, da kommt es auf eine mehr oder weniger auch nicht an.

(Obwohl auch diese Beziehungen sich je nach Mediennutzung verändern. Jeder neuer Kommunikationsweg, so meine Beobachtung, verändert auch die Beziehungsstrukturen, das habe ich zumindest auch bei der Einführung der E-Mail beobachtet. Dadurch intensivierte sich der Kontakt mit einigen, weil sie schon früh E-Mail benutzten, und er lockerte sich zu anderen, die lange Zeit nicht mailten. Davon hat sich eine ganze Reihe dieser Beziehungen bisher nicht wirklich „erholt“, auch wenn inzwischen natürlich alle E-Mail haben).

Aber es gibt eben auch Beziehungen, die den Abschied aus dem sozialen Netzwerk nicht überleben. Bei manchen stört mich das nicht, weil ich ihre Postings und Kommentare eh nicht so besonders toll fand und sich trotz der Vernetzung keine echte Beziehung hergestellt hat. Aber bei anderen schmerzt es, weil sie mir über die Monate nicht fremd geblieben, sondern irgendwie ans Herz gewachsen sind. Weil sie durch die mediale Distanz hindurch für mich bedeutsame Personen wurden, Individuen, einzigartig.

Deshalb frage ich mich natürlich, warum sie sich verabschiedet haben. Werde ich ihnen denn nicht fehlen? Fanden sie meine Postings langweilig, meine Kommentare bedeutungslos? Bin ich ihnen nicht zur Person geworden, so wie sie für mich?

Ich werde sie das nicht persönlich fragen, denn, wie gesagt, derart war unsere Beziehung nicht. Es war ein „schwacher Kontakt“, wie es die Medienleute nennen, vielleicht auf dem Weg dazu, irgendwann mal ein „starker Kontakt“ zu werden, aber dort eben bisher nicht angekommen.

Kulturell fehlt es uns vielleicht einfach noch an Erfahrung im Umgang mit solchen „schwachen“ Beziehungen. Ich habe bei manchen Einwänden, die gegen soziale Netzwerke und „das Internet“ generell vorgebracht werden, den Eindruck, dass die dortigen Kontakte am Maßstab dessen gemessen werden, was außerhalb des Internets der Maßstab für Beziehungen ist.

Ein Beispiel: Im Urlaub hatte ich keine Lust, Postkarten zu schreiben. Statusupdates bei Facebook fand ich viel praktischer, ich konnte sie quasi täglich abgeben, was insbesondere einige meiner „starken Kontakte“ freute, weil sie so immer auf dem Laufenden waren und sich keine Sorgen um mein Wohlergehen am anderen Ende der Welt machen mussten. Die „schwachen Kontakte“ hingegen waren möglicherweise von meinen dauernden Strandberichten gelangweilt, aber das war mir egal, sie konnten mich ja ausblenden.

Insofern war meine über Facebook verbreitete Ankündigung, keine Postkarten mehr zu schreiben, eigentlich vor allem an diejenigen gerichtet, die normalerweise Postkarten von mir bekommen haben. Es sollte eine Erklärung dafür sein, dass sie in diesem Jahr keine kriegen würden. Und so war ich durchaus etwas irritiert, als einige der anderen schrieben, sie würden Postkarten bevorzugen – denn sie hatten doch bisher von mir noch nie eine Postkarte bekommen.

Die Option, 300 Postkarten zu schreiben, existiert ja nicht wirklich. Und ebenso wenig existiert ernsthaft die Option, mit den „schwachen Kontakten“, die Facebook wieder verlassen, auf andere Weise Kontakt zu halten. Wahrscheinlich werden wir uns also einfach aus den Augen verlieren.

Nicht, dass das prinzipiell etwas Neues wäre. „Schwache Kontakte“ gab es auch schon vor dem Internet:  sympathische Arbeitskollegen, die man aber nicht mehr trifft, nachdem man den Job gewechselt hat. Nette Nachbarinnen, zu denen sich nach dem Umzug der Kontakt verliert. „Aus den Augen, aus dem Sinn“ – schon immer waren „schwache Kontakte“ diesem Gesetz unterworfen.

Aber früher waren diese Beziehungsverluste unvermeidbar, weil wir die technischen Möglichkeiten nicht hatten, die es uns erlaubt hätten, diese Gesetzmäßigkeit zu durchbrechen. Und das ist es womöglich, was mich heute traurig macht. Dass es heute eigentlich nicht mehr nötig wäre.

Ja, ich bin ein bisschen traurig, wie eine Verliebte, die einen Korb gekriegt hat.


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