Filmtipp: The Green Wave

Foto: Camino Filmverleih

„Das Wichtige an der Revolution ist, dass die Leute wieder untereinander reden“, sagt die Journalistin Mitra Khalabari. Sie ist eine der Aktivistinnen und Aktivisten, die Ali Samadi Ahadi für seinen Film „The Green Wave“ interviewt hat.

Der Dokumentarfilm-Comic über die politische Aufbruchstimmung vor den Kommunalwahlen im Sommer 2009 im Iran läuft heute in deutschen Kinos an. Damals wurde die Farbe Grün zum Symbol eines möglichen Wandels, und auch hier färbten viele Leute ihre Twitter-Avatare grün ein.

Ausführlich zitiert Ahadi aus Blogeinträgen, die damals geschrieben wurden und die Stimmung authentischer wiedergeben, als jede trockene „objektive“ Berichterstattung es könnte. Die Interviews (unter anderem mit der Anwältin Shirin Ebadi, aber auch mit dem regimekritischen schiitischen Geistlichen Mohsen Kadivar) werden ergänzt durch Zeichnungen, die das Erzählte illustrieren und anschaulich machen.

Ich habe den Film sehr gerne gesehen, weil darin gut die Breite dieser politischen Bewegung deutlich wird. Während etwa vor allem Khalabari immer wieder auf die Bedeutung von Zusammenhalt und Beziehungen unter denen, die Veränderungen anstreben hinweist („Sobald wir das Zeichen beim anderen entdecken, schreiten wir mutiger voran“), ist zum Beispiel der Blogger Mehdi Mohseni eher auf traditionelle Weise revolutionär („If you have to burn down the country, you have to burn it down“).

Also, reingehen, und wenn Ihr vorher noch mehr wissen wollt: Eine gute und ausführliche Rezension zum Film gibt’s hier bei SPON.


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Gleichheit ist kein Ziel

„Schwestern, zur Sonne, zur Gleichheit“ – über diesen Slogan, den der Deutsche Frauenrat ausgewählt hat, um das 100. Jubiläum des Internationalen Frauentags zu feiern, ärgere ich mich ziemlich.

Gleichheit? In Bezug auf wen denn? Und in Bezug auf welche Norm?

Wenn überhaupt, kann Gleichheit nur in einem konkreten Kontext eine sinnvolle Forderung sein. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit in einem Betrieb zum Beispiel. Oder: gleiche Bewertungskategorien und Chancen in einem Zugangsverfahren. Gleichheit an sich ist aber kein sinnvolles Ziel.

Historisch hatte die Forderung nach Gleichheit (der Frauen mit den Männern) vielleicht eine gewisse Berechtigung, weil früher – lange ist’s her – die Diskriminierung von Frauen mit deren angeblicher “natürlicher” Ungleichheit gerechtfertigt wurde. Und schon damals gab es viele Einwände kluger Frauen gegen diese rein strategische und reaktive Argumentation.

Denn die Sache mit der Gleichheit hat ja einen Haken: Sie bedeutet nämlich, dass man nichts anderes und auch nicht mehr wollen darf, als die Leitkultur vorgibt. Ich will das aber. Gleichheit? Nein Danke.

Was wir als Prinzip und politischen Maßstab brauchen, das ist nicht Gleichheit, sondern Freiheit und Gerechtigkeit. Gerade die Gerechtigkeit ist aber selbst ein gutes Beispiel für den Schaden, den das abstrakte Reden über Gleichheit anrichten kann. Gerechtigkeit bedeutet ja, einer bestimmten Situation und den Menschen darin gerecht zu werden. In den Köpfen vieler Menschen hat sich aber längst die Gleichheit an die Stelle der Gerechtigkeit gemogelt. Es wird geglaubt, wenn etwas nicht gleich behandelt wird, sei das automatisch ungerecht. So können dann Reiche meinen, sie würden “ungerecht” behandelt, wenn sie mehr Steuern zahlen sollen als Arme. Aber Ungleiche gleich zu behandeln, das ist ungerecht. Die abstrakte Rede von der Gleichheit stabilisiert nur allzu oft ungerechte Verhältnisse (und ist auch nicht zufällig das Lieblingsargument von Maskulinisten und Frauenhassern).

Eigentlich, eigentlich müssten wir, postmodern und diversitybewusst wie wir doch inzwischen angeblich sind, das alles längst wissen. Trotzdem geht leider keine frauenpolitische Veranstaltung vorbei, in der nicht das Mantra der Gleichstellung gesungen wird und wie sehr wir die brauchen. Inzwischen bin ich etwas frustriert, weil selbst wenn ich dazu kritische Bemerkungen mache, dringt es irgendwie nicht durch. Es wird mir versichert, das sei doch nicht so gemeint. Man schätze natürlich die Vielfalt, und keineswegs seien die Männer die Norm. Ist das so?

„Sie rauchen wie Männer, saufen wie Männer und sie können auch fluchen wie Männer. Auf den ersten Blick scheint das Leben der Frauen von Dagenham im Jahr 1968 schon ziemlich selbstbestimmt“ – dieser Satz steht allen Ernstes im aktuellen Missy Magazin (es geht um den Film „We want Sex“ über den Kampf englischer Ford-Arbeiterinnen für gleiche Löhne). Ach, aber Männer sind nicht die Norm?

Natürlich sind die Männer die Norm, machen wir uns doch nichts vor. Und das ist unser Problem, nicht die Ungleichheit. Das Gleichheitsmantra hat den leicht durchschaubaren Zweck, dass diese Norm auch ja nicht in Frage gestellt wird – in der Geschlechterfrage nicht und auch sonst nirgends.

Kleine Randbemerkung: Ich behaupte, dass die meisten so genannten “Gleichstellungsbeauftragten” sich im wirklichen Leben überhaupt nicht mit Gleichstellung beschäftigen, sondern mit Differenzvermittlung. Diese wichtige Arbeit unter dem Begriff “Gleichstellung” zu subsumieren, führt uns aufs falsche Gleis und erstickt jede systemverändernde Relevanz im Keim.

Deshalb bin ich der Meinung, wir sollten nicht länger Gleichheit und Gleichstellung fordern, sondern diese im Gegenteil zurückweisen. Ich für mich sage jedenfalls ganz klar: Nein, ich will nicht gleichgestellt werden. Ich will frei sein und in gerechten Verhältnissen leben.

Eine ideale Welt, wenn ich mir eine wünschen könnte, sähe so aus: Alle Menschen tun das, was sie tun wollen, für wichtig halten und als notwendig erkennen. Sie tauschen sich mit anderen aus, sie streiten auch über das, was gut und sinnvoll ist, aber sie akzeptieren keine Norm. Die Unterschiede, die es zwischen ihnen gibt, nehmen sie als Ressource und als Bereicherung wahr, als gegenseitige Inspiration und Herausforderung. Dabei sorgen sie für möglichst gerechte Verhältnisse, die den Einzelnen keine unnötigen Steine in den Weg legen und schon gar nicht ganze Gruppen diskriminieren. Und sie versuchen auch selbst, den Menschen, mit denen sie es jeweils zu tun haben, gerecht zu werden.

Wie gleich oder ungleich diese Menschen dann am Ende sind, werden wir ja sehen. Aber es ist eigentlich auch vollkommen egal.

PS: Dank an die Mailingliste „Gutes Leben“, bei deren Treffen im Februar wir einen Vormittag lang über dieses Thema ziemlich kontrovers diskutiert haben.


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Schlipsmänner. Ein Modeblogpost.

© danielschoenen - Fotolia.com

Manche Geschichten brauchen definitiv zu lang, um in meine Timeline zu gelangen, da besteht noch Verbesserungsbedarf. Die Meldung vom Schlipsstreit im Bundestag erreichte mich nämlich erst heute via Süddeutsche, obwohl der Spiegel und der Freitag schon am 20. Januar darüber berichtet hatten, und die Linke in einem Blog die Angelegenheit sogar schon am 17. Dezember bekannt gemacht hatte.

Es geht darum, dass aus der CDU irgendwann letztes Jahr die Anweisung erging, Schriftführer müssten in Ausübung ihres Amtes im Bundestag Schlipse tragen, damit die “Würde des Hauses” gewahrt bleibe. Und dass sich die Abgeordneten Andrej Hunko (Linke) und Sven-Christian Kindler (Grüne) – Applaus für sie an dieser Stelle! – weigerten, selbiges zu tun, und damit die Angelegenheit “hochgekocht wurde”, wie sich der Spiegel süffisant ausdrückt.

Dieser Fall sieht erstmal nach Pillepalle aus, aber er ist aus mehreren Gründen bemerkenswert: Nicht nur, weil deutlich wird, dass die Medien ein Thema offenbar erst dann aufgreifen, wenn es nicht nur die Linken, sondern zumindest auch die Grünen unterstützen. Nicht nur, weil es zeigt, wie verkommen das demokratische Verständnis bei den sich selbst “bürgerlich” nennenden Parteien bereits ist (oder wieder ist), die offenbar die Besetzung parlamentarischer Gremien mit der Besetzung von Aufsichtsräten verwechseln. Nicht nur, weil die SPD auch noch Verständnis für diesen Rückwärtsmarsch in den Mief der fünfziger Jahre hat. Und nicht nur, weil die ganze Armseligkeit dieser institutionellen Art, “Politik” zu machen, hier deutlich wird.

Ich finde diesen Fall auch interessant, weil die Mechanismen der “Integration” von Frauen in traditionell exklusiv für Männer vorgesehene politische Institutionen hier schön anschaulich werden, sowohl was ihre Möglichkeiten für Veränderungen betrifft, als auch deren Grenzen.

Denn auch wenn die Grünen dieses symbolische Politikfeld “Kleidungsnormen in politischen Gremien” mit ihrem legendären “Turnschuhminister Fischer” besetzt haben – für die Jüngeren: Joschka Fischer hatte 1985 bei seiner Vereidigung als erster grüner Minister Turnschuhe getragen und damit ein allgemeines Rauschen im Blätterwald verursacht – so ist der eigentliche Konfliktpunkt ja die Frage, was Frauen anziehen, wenn sie in männliche Gefilde Einzug halten.

Der Schlips (als integrativer Bestandteil des Ensembles “Anzug”) steht für ein politisches männliches Selbstverständnis, nämlich die “Gleichheit”. Anzüge in dunklen Farben, die alle Herren gleich aussehen ließen, waren ein in der Tat “bürgerlicher” Dresscode, der sich von den bunten, glitzernden, heute würde man sagen tendenziell “tuntigen” und dekadenten Dresscodes des Adels abgrenzte.

Interessant dabei ist, dass Frauen gerade deshalb keine Anzüge tragen durften, bzw. es ein Riesenskandal war, wenn sie es taten. Frauen hatten mit ihren breiten Tüllschichten und den bunten Farben, den glitzernden Pailletten und samtenenen Bändchen im Bürgertum gerade weiterhin “adelig” auszusehen, um so ihren von den männlichen Aufklärern dekretierten Ausschluss aus dem Bereich der Politik augenfällig zu machen. (Als ich für meine Diss über das 19. Jahrhundert recherchierte, brauchte ich eine ganze Weile, um zu verstehen, was eine “Putzmacherin” eigentlich genau machte, und vor allem warum es für diesen typischen Frauenberuf einen so ungeheuer großen Bedarf gab: Aber es wurden offenbar wahre Unmengen von Perlen, Bändern und sonstigem Krimskrams benötigt, um diesen weiblichen Anti-Anzug-Dresscode zu befriedigen).

Der Freitag weist in seinem Beitrag zur aktuellen Schlipsaffäre dankenswerter Weise darauf hin, dass es einen Skandal auslöste, als die SPD-Abgeordnete Lenelotte von Bothmer 1970 zum ersten Mal in einem Hosenanzug den Bundestag betrat. Das waren noch die Nachwirkungen dieses symbolischen Szenarios, die Aufregung kam daher, dass Bothmer qua Hosenanzug ihre Teilhabe am bürgerlichen Männer-Dresscode behauptete. Heute ist der Hosenanzug  bekanntlich das oberkonventionellste Businesswomen-Kleidungsstück, das man sich nur denken kann. Die Verbürgerlichung der Frauen ist abgeschlossen.

Aber das ist bloß Emanzipation und nicht weibliche Freiheit.

Mich interessiert, ob es in diesem Ganzen auch positive Aspekte gibt. Und die sehe ich durchaus, und zwar darin, dass es die “bürgerlichen Parteien” nicht wirklich fertig bringen, einen definitiven Dresscode für Frauen festzulegen. Dass etwa die Schriftführerin Agnes Alpers (Linke) als Ersatz für die abgewiesenen “unbürgerlichen”, weil schlipslosen Männer mit einem knallroten Schlips auf der erwürdigen Bank Platz nahm, dagegen konnte keiner was sagen. Nicht nur aus Höflichkeit oder Unsicherheit, sondern weil Alpers als Frau gewissermaßen in einer anderen Liga spielt. Oder besser: Nicht in einer anderen Liga, sondern sie spielt ein ganz anderes Spiel.

Im Schlipsstreit geht es nämlich um einen Diskurs über Männlichkeitsbilder: Turnschuhträger gegen Krawattenheinis. Die Krawatte ist ein Distinktionsmerkmal, um “diese Männer” von “jenen Männern” zu unterscheiden – dieser Streit wird alltäglich an zahlreichen Arbeitsplätzen ausgetragen, jedenfalls wenn ich den Männern in meinem Bekanntenkreis glauben kann – hier geht es um soziale Hierarchien innerhalb eines männlichen symbolischen Systems und einen Konflikt darüber, wer ein “richtiger Mann” ist und wer nicht.

Die Frauen stehen bei diesem Streit etwas daneben. Sie sind nicht mehr, wie früher, ganz draußen, aber sie sind auch nicht ganz drin, ihre Differenz ist eher wie phasenverschoben. Was die Männer betrifft, so gibt es klare Anweisungen – Schlips -, was die Frauen betrifft, bleibt das “Angemessene” nebulös. Und das ist auch gut so, denn der Streit zwischen bürgerlichen und unbürgerlichen Männern ist nicht unserer. Auch wenn ich persönlich ganz klar auf Seiten der Anti-Schlips-Fraktion stehe und diese nach Kräften unterstützen würde. Aber ich bin von diesem Streit nicht betroffen.

Frausein bedeutet schlipsfrei sein, könnte man auch sagen, eine Frau ist schlipsfrei auch dann, wenn sie einen trägt, wenn Ihr versteht, was ich meine. Und diese Freiheit politisch fruchtbar zu machen, darum geht es. Das neue Buch von Luisa Muraro, so habe ich kürzlich gehört, soll den Titel tragen: “Vom Glück, als Frau geboren zu sein”. Genau. Nicht in diese alten Streitigkeiten unter Männern verwickelt zu sein macht uns frei, über das Patriarchat hinaus zu denken, an einer postpatriarchalen Welt zu arbeiten.

Inwiefern das innerhalb dieser desolaten Strukturen der offiziellen Politik überhaupt noch möglich ist, weiß ich nicht. Aber wenn ich Schriftführerin wäre, dann würde ich mir wohl einen Spaß daraus machen, die Grenzen des für eine Frau Möglichen auszutesten: Wie kurz darf der Rock sein, um “unangemessen” zu werden – wahlweise auch wie wallend, wie lila, wie schrill gepunktet? Und mit welchen Peinlichkeiten würde da argumentiert werden? Würden sie am Ende ins Stottern geraten und rot werden?

Vor allem würde ich wahrscheinlich total spiralige, karierte, gestreifte Kleidung anziehen. Damit die Kameras damit ein echtes Problem haben.


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Heldenerzählung

Die traurige Geschichte von Wikileaks bewegt viele und mich ärgert das Ganze auch, denn Wikileaks ist eine tolle Geschichte und es wäre einfach schade, wenn es an Streitigkeiten wie den derzeitigen Auseinandersetzungen zwischen Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg scheitert. Andererseits denke ich, wird es nicht scheitern, jetzt, wo die Idee und das Prinzip erstmal in der Welt sind. Meinetwegen kann es auch zwei, drei oder viele Wikileaks geben.

Und um all das geht es in dem Post hier nicht, sondern darum, wie die Geschichte derzeit medial erzählt wird: Im klassischen Muster einer Heldenerzählung nämlich. Zum Beispiel in diesem gestern viel vertwitterten Text auf Zeit Online. Wikileaks, so steht da, war

Ein Zwei-Mann-Betrieb, bestehend nur aus Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg. Der Hacker und der Organisator. Der geniale Freigeist und der Sinnsucher. Der machtversessene Paranoiker und der pedantische Ingenieur.

Damit stehen die Typen also fest. Der machtversessene Paranoiker ist uns in der Geschichte schon vielfach begegnet (Napoleon, Hitler, Stalin), ebenso der pedantische Ingenieur (Eichmann zum Beispiel).

Was sie verband, war ein Traum: “In der Welt, von der wir träumten, hätte es weder Chefs noch Hierarchien gegeben, und niemand hätte seine Macht darauf begründen können, dass er anderen Menschen Wissen vorenthielt, das die Grundlage für gleichberechtigtes Handeln gewesen wäre.”

Dass die Welt sich verändert, indem vom Mainstream unbeeindruckte Visionäre mit festem Willen ihre eigenen Ideen implementieren, die sich gegen die aktuellen “Chefs” und die “Hierarchien” richten, ist klassischer Bestandtteil jeder revolutionären Erzählung.

Doch leben konnten sie diesen Traum nicht. Was Assange und Domscheit-Berg auseinandertrieb, war der Streit darum, wer oben und wer unten steht. War der Zwiespalt, welches Wissen sie miteinander teilen und was jeder für sich behalten wollte. War der Konflikt darüber, wer bestimmen sollte, wohin Wikileaks steuert.

Okay, dass das das alte Spiel im Streit unter Männern über die Macht ist, dürfte offensichtlich sein.

Dann kommt Assange und das Abenteuer beginnt.

Das Abenteuer beginnt natürlich mit einem großartigen Erfolg, der sich daran bemisst, wie viele Anhänger die Helden finden. Auch das haben wir schon im Geschichtsunterricht an unzähligen anderen Beispielen erzählt bekommen.

Doch auf dem Höhepunkt des Erfolgs bricht alles zusammen. Streit, Misstrauen, Vorwürfe.

Ist das nicht das Schicksal jeder Revolution? Und: Wäre das nicht ein Grund, die Erzählung darüber, wie es geschehen kann, dass Dinge sich verändern, mal etwas anders zu konzeptionieren?

Und welche Wechselwirkung besteht zwischen der Art, wie wir über “Revolutionen” und “Visionen” reden und der Art und Weise, wie sie sich wirklich vollziehen?

Darüber werde ich in nächster Zeit mal nachdenken, so etwa in die Richtung, wie ich meinen Post “Über Revolutionen” neulich beendet habe.


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Landleben, Liebe und Veganismus

Auf den ersten Blick könnte man meinen, das neue Buch von Hilal Sezgin sei ziemlich monothematisch. Landleben, oh je. Landleben, wow.

Ehrlich gesagt, habe ich es nur wegen der Autorin gelesen. Mit dem Land habe ich es nämlich nicht so; nachdem ich dort meine Kindheit und Jugend verbracht habe, ist mein Bedarf eigentlich mehr als gedeckt. Aber seit Hilal Sezgin vor vier Jahren aus Frankfurt weg und aufs Land gezogen ist und angefangen hat, sich mit Schafen anzufreunden, war ich sehr neugierig, zu erfahren, warum. Sämtliche meiner offenen Fragen wurden in diesem Buch beantwortet. Allein das ist schon interessant, und lesen tut es sich wie ein Roman.

Wirklich überrascht war ich aber davon, dass das Buch so überhaupt nicht monothematisch ist. Es geht um vieles, um Philosophie, um pragmatische Lebensplanung, um die Suche nach Sinn und Glück, um Erinnerung, um das Verhältnis zwischen Mensch und Tier, um Beziehungen und Freundschaften.

Aus der Fülle der Denkanstöße, die man beim Lesen mitnimmt, möchte ich hier zwei vorstellen:

Erstens Sezgins Reflektionen darüber, wie sich die Art, Menschen zu begegnen, verändert, wenn man nur wenige Menschen zur Auswahl hat: “Man hat mehr Zeit, sich jedem Einzelnen zu widmen, es geht ungleich schneller, die positiven wie schwierigeren Eigenschaften der anderen zu erkennen (oder die eigenen preiszugeben), weil man sich weniger leicht verstecken kann.” (Seite 77). In der Stadt hingegen hat man es mit so vielen anderen Menschen zu tun, dass man sie zwangsläufig schnell in Schubladen sortiert, um überhaupt zurecht zu kommen: Ein Blick muss genügen, um das Gegenüber einzusortieren, es ist gar nicht möglich, sich auf alle einzulassen und ihnen im Einzelnen gerecht zu werden. Das ist wirklich ein interessanter Gedanke, und er ist umso wichtiger für das Leben im Internet, wo man es ja mit noch viel mehr Leuten zu tun hat und die Möglichkeiten, Unerwünschtes herauszufiltern, noch viel größer sind.

Meiner Ansicht nach wirkt sich das nämlich auch auf unser Verständnis von Liebe aus,vielleicht auch auf unsere Fähigkeit zu lieben (darüber habe ich mich hier schonmal Gedanken gemacht). Denn Liebe ist ja eigentlich die Fähigkeit, oder sogar die aus uns heraus drängende Notwendigkeit, uns mit Menschen in Beziehung zu setzen, mit denen uns gerade nicht gemeinsame Interessen verbinden. Es gibt eine schöne Geschichte in dem Buch “Jauche und Levkojen” von Christine Brückner, die das anschaulich macht. Darin beschreibt sie das Leben in Pommern vor dem Zweiten Weltkrieg auf einem abgelegenen Gut. Dort lebt zurückgezogen ein alleinstehender Mann, der Gutsinspektor. Und jede Hauslehrerin, die auf dieses Gut kommt, verliebt sich in ihn, einfach weil es der einzige Mann weit und breit ist. So ein geringes Angebot an möglichen Liebespartnern erscheint uns heute absurd, wo wir im Internet das Profil von tausenden Kandidaten durchstöbern können und dann den herauspicken, der am besten unseren Anforderungen entspricht. Sicher sind beide Alternativen extrem, aber die Unendlichkeit der Auswahl ist der Sache eben nicht unbedingt förderlich.

Ein zweites Thema, über das ich seit der Lektüre dieses Buches erneut nachdenke, ist die Sache mit dem Veganismus. Daran knabbere ich nämlich schon, seit ich vor ziemlich genau zwei Jahren diesen Artikel von Hilal Sezgin in der taz gelesen habe, dessen Argumente mich 100pro überzeugen. Aber trotzdem lebe ich immer noch nicht vegan. Woran liegt das, frage ich mich? Bin ich ein schlechter Mensch, und sie ist ein guter, weil sie aus den richtigen Argumenten Konsequenzen zieht und ich nicht?

So wäre wahrscheinlich die allgemeine moralische Schlussfolgerung. Moral heißt letztlich, dass man konsequent sein muss und das tun, was man als richtig erkannt hat. Philosophisch gesprochen die Anwendung des kategorischen Imperativs. Im alltäglichen Leben funktioniert genau das aber bekanntlich allzu oft nicht, oder nur schlecht, weshalb man eigentlich nur zwei Möglichkeiten hat: Ein schlechtes Gewissen zu kriegen oder ignorant zu werden. Ignorant der eigenen besseren Einsicht gegenüber. Also zum Beispiel sich Scheinargumente erfinden, warum das Vegansein doch falsch oder unnütz oder überflüssig ist. Oder das Ganze einfach verdrängen.

Beim Lesen des Buches ist mir klar geworden, was der Unterschied zwischen Hilal Sezgin und mir im Bezug auf den Veganismus ist: Sie ist aufs Land gezogen und ich nicht. Das heißt, sie hat sich leibhaftig dem Thema ausgesetzt, hat Hühnerfarmen besucht und ist tagtäglich mit Tieren zusammen. Und sie beschreibt in dem Buch sehr gut, wie sie an einem bestimmten Punkt gar nicht mehr anders konnte, als die Konsequenzen zu ziehen. Ich nicht. Ich habe das Thema quasi nur theoretisch in meinem Kopf. Daher kommt es nicht an mich ran.

Meine vorläufige These ist diese: Dass wir an ethische Fragen (und der Veganismus ist dafür nur ein Beispiel, im Prinzip gilt das für alle ethischen Fragen) mit einer moralischen Perspektive herangehen, führt unterm Strich leicht dazu, dass wir uns gerade nicht ethisch verhalten. Denn wir verknüpfen die Einsicht und die Tat unmittelbar miteinander: Wer etwas eingesehen hat, muss es dann auch umsetzen, sonst ist er ein schlechter Mensch. Und daher muss, wer kein schlechter Mensch sein will, die Einsicht leugnen, sich also irgendwie rechtfertigen oder rausreden.

Wenn aber der eigentliche entscheidende Punkt die Aufmerksamkeit ist, die wir einer Sache oder einem Thema widmen, dann wird klar, dass zwischen Einsicht und Konsequenz überhaupt kein direkter Zusammenhang besteht (ein Punkt, der übrigens auch für die Philosophie von Simone Weil zentral ist). Der Vorteil dieser Sichtweise ist, dass langfristig die Wahrscheinlichkeit für ethisches Verhalten ansteigt. Denn man kann immerhin einstweilen die Argumente stehen und quasi in sich wirken lassen. An diesem konkreten Beispiel: Ich muss nicht die theoretischen Argumente, die für ein veganes Leben sprechen, widerlegen oder leugnen, denn ich verstehe, warum sie nicht unmittelbar zu einer Verhaltensänderung meinerseits führen. Und natürlich ist auf diese Weise die Wahrscheinlichkeit sehr viel größer, dass es bei mir auch irgendwann so ist, dass ich nicht mehr anders kann.

Einstweilen gehe ich bewusst mit meiner Aufmerksamkeit um – und überlege genau, welchen Dingen ich sie widme und welchen nicht.

Hilal Sezgin: Landleben. Von einer, die raus zog. Dumont 2010, 19,99 Euro.


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Warum tue ich mir das an?

Kleines Update zu meinem Blogpost von letzter Woche: Heute ist in der taz  ein Interview mit Bascha Mika drin, in dem sie ihre These von den “feigen Frauen”, die selbst daran schuld sind, dass die Welt noch nicht emanzipierter geworden ist, ausführlicher erläutert. Es ist auf jeden Fall eine empfehlenswerte Lektüre, denn in dem Gespräch kommt auch deutlicher als in dem anderen Bericht raus, was ihr Anliegen ist (auch wenn ich es immer noch für zu plakativ ausgedrückt halte).

Mikas Methode, anhand von Beispielen und Geschichten sich einem gesellschaftlichen Phänomen anzunähern, finde ich gut, man braucht nicht für alles ein empirisches Gutachten. Und das Problem ist ja auch nicht eine Frage von Statistiken und Mehrheiten: Jede Frau, die “kuscht” und zurücksteckt, ist eine zu viel. Großartig finde ich übrigens auch, wie konsequent sich Mika in diesem Interview vom Vergleich mit den Männern abgrenzt. Ja, genau, man muss Frauen nicht an den Männern messen, sondern an ihren eigenen Ansprüchen.

Nur auf zwei Punkte möchte ich kurz hinweisen, wo mir Mikas Argumentation falsch erscheint oder zumindest zu kurz greift.

Der erste Punkt ist ihre Aufforderung an Frauen, härter mit Männern zu verhandeln (etwa über die Verteilung familiärer Aufgaben). Damit hat sie natürlich recht. Etwas kompliziert wird die Sache allerdings an dem Punkt, wo dabei Menschen involviert sind, die von (meiner) Fürsorge abhängig sind. Es ist meiner Ansicht nach nicht nur die “Harmoniesucht” der Frauen, die sie daran hindert, klare Grenzen aufzuzeigen, sondern es liegt dem Ganzen ein metapolitisches Problem zugrunde. Die “männliche Kultur” des harten Verhandelns setzt letztlich voraus, dass es als letzter Ausweg eine Option ist, die Beziehung aufzukündigen. Es gibt aber Konfliktsituationen und Beziehungskonstellationen, in denen das nicht möglich ist.

Beispiel: Wenn ich mich mit meinem Partner nicht über die Frage einigen kann, wer putzt, kann ich ausziehen. Wenn wir uns nicht einigen können, wer dem Baby die Windeln wechselt – dann kann ich natürlich auch ausziehen. Aber es steht dabei eben mehr auf dem Spiel, als bei einem gewöhnlichen Konflikt, nämlich die Beziehung zwischen mir, dem Mann und dem Baby. Hier ist das “Hartbleiben” im Sinne des Gesamten nicht unbedingt die beste Lösung.

Es hatte eben schon seinen Grund, dass diese “Privatbeziehungsebene” im Patriarchat von der “öffentlichen Ebene” strikt getrennt war, und die Frauen für das eine und die Männer für das andere zuständig waren. Und die Frauen sich aufopferten und nachgaben, während die Männer hart blieben. Heute, wo diese Trennung aufgehoben ist und alles durcheinander kommt, müssen wir Lösungen finden, die über diese alten Lösungen hinaus gehen. Und dazu gehört – richtig – dass Frauen nicht dauernd nur “um des lieben Friedens willen” klein beigeben. Aber dazu gehört eben auch, und zwar untrennbar, dass wir uns insgesamt darüber klar werden (also auch die Männer), dass es für ein gutes Zusammenleben unverzichtbar ist, dass Leute hin und wieder auch mal  “klein beigeben”.

Der zweite Punkt, auf den ich kritisch hinweisen möchte, ist Mikas sarkastischer Seitenhieb auf den “Schönen Frauenspruch: Warum willst du dir das antun?” Ja, es ist richtig, viele Frauen fragen sich (und einander) das vor einem Aufbruch in die ehemals männlichen Sphären sehr genau, und manchmal meinetwegen auch zu genau, und bestimmt auch manchmal nur, um ihre Feigheit oder Bequemlichkeit zu rechtfertigen.

Allerdings: Für sich genommen ist an dieser Frage gar nichts falsch, wie ich finde – vorausgesetzt, sie ist nicht rhetorisch gemeint. Warum tum wir uns das an?

Die Frage selbst transportiert ja schon eine Kritik an bestimmten historisch männlichen Hierarchievorstellungen. Denn offensichtlich gilt ja die nahe liegende Antwort – mehr Geld, mehr Status, dickeres Dienstauto – für Frauen selten. Das ist eben kein ausreichender Motivator für viele Frauen, um sich für den rauen Ton, den Selbstbeweihräucherungsspielchen, der Ellenbogenmentalität und was es sonst noch so in diesen Sphären gibt, zu entschädigen. Nein: Frauen brauchen bessere Gründe, um sich das anzutun.

Mir jedenfalls würden auch zwei, drei einfallen: Die Möglichkeit, Dinge zu verändern, eigene Visionen realisieren, die Welt den eigenen Vorstellungen näher bringen. Und meine These ist: Wenn wir möchten, dass mehr Frauen Konflikte eingehen, nach Positionen streben, einflussreich sein wollen, nicht mehr klein beigeben – und darin, mir das zu wünschen, bin ich mit Bascha Mika ganz und gar einig – dann ist es kontraproduktiv, sie dafür zu kritisieren, dass sie vorher fragen: Warum soll ich mir das antun? Lohnt sich das?

Stattdessen gilt es, auf diese Frage gute und plausible Antworten zu finden, damit sie nicht mehr nur eine rhetorische Frage bleibt, sondern eine wirkliche: Warum tun wir uns das an? In anderen Worten: Was will ich in dieser Welt verändern? Welche Ziele sind mir so  wichtig, dass ich mich dafür anstrenge und auch Konflikte austrage, die  ans Eingemachte gehen?

Ich behaupte: Wie “feige” oder mutig eine Frau ist, hängt ganz eng damit zusammen, ob sie sich diese Frage stellt und eine Antwort findet.

Update: HIer ist noch eine interessante aktuelle Studie zum Thema unterschiedliche Berufs- und Karriereambitionen (statistisch): Männer legen mehr Wert auf Macht und Geld, Frauen auf Spaß und Werte.


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Tomaten auf den Augen. Über Revolutionen.

© Barbro Bergfeldt - Fotolia.com

Heute lese ich in der taz über das neue Buch von Bascha Mika, der ehemaligen taz-Chefin, in dem sie die These vertritt (offenbar in genau solch harschen Worten), dass Frauen feige und bequem seien und daher selbst schuld an ihrer Benachteiligung. Bei der Buchpräsentation, von der hier berichtet wird, hat sie offenbar gesagt: „Aber was hat sich denn geändert, seit wir die Strukturen beklagen? Nichts.“

Das finde ich nun interessant. Bascha Mika ist 1954 geboren, müsste sich also noch zehn Jahre besser als ich an die Zeiten vor der Frauenbewegung erinnern. Wie kann sie sagen, es habe sich nichts geändert seit den 1960er Jahren? Wer das sagt, muss wirklich Tomaten auf den Augen haben.

Klar, es mag einer nicht alles gefallen, was die jungen Frauen heute machen, ihre Stöckelschuhe zum Beispiel, oder auch ihre manchmal nostalgischen Vorstellungen vom Familienglück. Aber so oder so wird man kaum sagen können, dass für sie und die Frauen allgemein alles noch genauso ist wie damals in den Fünfzigern.

Vor allem sind Frauen heute um Längen selbstbewusster und freier. Keine Frau glaubt heute noch, sie sei prinzipiell schwächer und weniger wert als ein Mann. Und im Vergleich zu vor dreißig, vierzig Jahren hat sich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen (und übrigens auch das zwischen Kindern und Erwachsenen) sehr verändert. Sehr zum besseren. Und auch vieles andere hat sich verändert, wir müssen nur hinschauen.

Die italienische Philosophin Luisa Muraro hat 1996 die These in die Diskussion gebracht, dass das Patriarchat zu Ende sei. Und zwar deshalb, weil die Frauen nicht mehr daran glauben, weil sie ihm keinen „Kredit“ mehr einräumen. Sie forderte uns auf, nicht immer nur auf das Schlechte zu schauen, auf das, was noch beklagenswert ist (und klar, das ist viel!), sondern dass wir einfach mal dem Gedanken, es könne vielleicht vorbei sein, einen Raum in unserem Kopf einräumen. Dass wir eine Leerstelle schaffen in unserer Ideenwelt, die es möglich macht, dieses Ungeheuerliche – das Ende des Patriarchats – wirklich in Erwägung zu ziehen.

Eines ihrer Argumente scheint mir besonders wichtig: Sie fordert uns auf, auf das „ersparte Leid“ zu schauen. Auf das Leid, das Frauen heute nicht mehr ertragen müssen, weil es die Frauenbewegung gegeben hat und weil sich dadurch die Situation der Frauen wesentlich verbessert hat. Nicht überall auf gleiche Weise, aber doch auch nicht nirgendwo. Das ersparte Leid jeder Frau, die nicht mehr geschlagen wird, weil sie in ein Frauenhaus gehen kann, die nicht bei einer dilettantischen Abtreibung stirbt, die nicht Verkäuferin wurde, obwohl ihre große Leidenschaft etwas anders war – jedes einzelne dieses ersparten Leids ist “Freudensprünge” wert (so hat Muraro ihren Artikel damals überschrieben).

Aber natürlich hat Bascha Mika auch an einem Punkt recht, wenn sie sagt, an den Strukturen habe sich nichts geändert. Ich würde zwar nicht sagen, es habe sich da gar nichts geändert, denn vor zwanzig, dreißig Jahren wäre es zum Beispiel vollkommen undenkbar gewesen, dass eine Frau Bundeskanzlerin, eine Ministerin schwanger und eine Frauenquote politisches und mediales Top-Thema ist. Aber tatsächlich halte auch ich diese Veränderungen auf struktureller Ebene für eher mickrig.

Aber für mickrig nicht im Vergleich zu dem, was das Minimalziel einer ordentlichen feministischen Revolution sein müsste, die Bascha Mika offenbar vorschwebt, sondern mickrig im Vergleich zur Größe der Veränderungen, die sich auf kulturellem und gesellschaftlichem Gebiet bereits vollzogen haben und vor allem in den Köpfen der Frauen selbst.

Sicher, strukturell ist vieles beim Alten geblieben, da stimme ich Bascha Mika zu. Aber dies ist kein Zeichen für ein Versagen der Frauen, sondern eines für das Versagen dieser Strukturen, die nämlich offensichtlich nicht in der Lage sind oder zumindest sich schwer tun damit, die von den Frauen ausgegangene Veränderung wahrzunehmen und sich darauf einzustellen.

Ich habe mich schon oft gefragt, warum es so schwer fällt, die Errungenschaften der Frauenbewegung überhaupt nur wahrzunehmen. Eine Erklärung dafür gibt die Diotima-Philosophin Diana Sartori in einem Text über „Das Mehr der Politik und das Weniger der Macht“, den ich gerade ins Deutsche übersetze. Sie beschreibt, dass in der westlichen Ideengeschichte ein Bild von „Revolution“ gezeichnet wurde, das auf einem immer wiederkehrenden Zirkel beruht: Ein alter Patriarch, der im Lauf seiner Herrschaft immer mehr verknöcherte, wird von revoltierenden Söhnen vom Thron gestoßen, die dann wiederum sich selbst auf den Thron setzen, ihre Macht konstituieren, im Laufe der Zeit ihrerseits verknöchern, dann wiederum vom Thron gestoßen werden und so weiter und so weiter. Die Frauen nehmen in diesem Zyklos die Rolle der „Königsmacherinnen“ ein, sie sollen die Söhne bei der Revolte unterstützen und dann wieder in ihre versorgende Hintergrundsrolle zurücktreten.

Diese „ödipale“ Vorstellung von Revolution in der westlichen Ideengeschichte, wie Sartori das nennt, kann sich gesellschaftliche Veränderung also nur in Form eines eruptiven Ausbruchs des Politischen vorstellen. Mit anderen Worten: Wenn kein König vom Thron gestoßen und kein neuer installiert wurde, dann ist nichts passiert. Dann hat es keine Revolution gegeben. (Über diesen Mechanismus denke ich derzeit auch im Zusammenhang mit den Ereignissen in Ägypten nach).

Und weil die Frauenbewegung eben keinen König gestürzt hat und selbst nicht vorrangig nach konstitutioneller Macht strebte, erscheint es uns so, als wäre eben nichts geschehen. Als habe es keine Erfolge, keine Veränderungen gegeben. Aber das ist ein Irrtum.

Politik geschieht eben nicht nur in den so genannten „revolutionären Momenten“, in denen sich etwas Aufgestautes entlädt. Politik geschieht jederzeit im Alltag. Politik ist, wenn Eheleute diskutieren, wer die Hausarbeit macht, wenn in der Schule kulturelle Konflikte ausgetragen werden, wenn an den Arbeitsplätzen neue Modelle zur Vereinbarkeit von Büro- und Familiendiskutiert ausprobiert und installiert werden, wenn Erzieherinnen für Qualität in den Kitas kämpfen, wenn in den Redaktionen darüber nachgedacht wird, wie in der Berichterstattung Rollenklischees abgebaut werden könnten und so weiter. Und vor allem ist Politik, wenn zwei Frauen sich über ihre Wünsche und Vorstellungen, wie die Welt sein soll, austauschen und gemeinsam überlegen, wie sie das in der Welt umsetzen können.

All diese Anstrengungen und Verhandlungen sind es, die eine Gesellschaft wirklich und nachhaltig verändern. Sie brauchen dafür keinen großen Knall, keine revolutionäre Eruption. Vielmehr verhält es sich genau anders herum: Kommt es, aus welchen Gründen auch immer, an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit zu einer revolutionären Situation, dann werden all diese kleinen politischen Veränderungen und Mühen plötzlich eminent wichtig. Denn nur sie können sicherstellen, dass eine Revolution auch wirklich eine Revolution ist – und  nicht einfach eine weitere Runde im alten, langweiligen, ödipalen Ritual zwischen verknöcherten Vätern und revoltierenden Söhnen.


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