Die Frauenbewegung im Geschichtsbuch

Grade habe ich das neue Reclam-Büchlein “Die Geschichte der Frauenbewegung” von Michaela Karl gelesen, und ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll. Einerseits ist es ja schön, dass sich jemand die Mühe gemacht hat, all das mal schön säuberlich aufzuschreiben: Die ganzen Versammlungen, die Namen der Berühmtheiten, die Jahreszahlen. Andererseits, ich weiß nicht, bleibt ein schaler Geschmack. Ist das die Frauenbewegung?

Mit Geschichtsbüchern hatte ich schon immer so meine Probleme, egal ob es um die alten Griechen ging oder um die Sumerer, die, soweit ich erinnere, noch früher waren. Ich konnte mir diese Sachen einfach nicht merken. Durch Prüfungen habe ich mich durchgemogelt. Zum Beispiel erinnere mich noch dran, wie ich bei meiner Grundstudiums-Klausur in Kirchengeschichte auf dem Weg zur Uni mir die wesentlichen Zahlen von meiner besser bewanderten Kommilitonin aufsagen ließ, ich behielt sie genau so lang, bis die Klausur geschrieben war. Besagte Kommilitonin fiel aus allen Wolken, als ich nicht mal das Jahr der Französischen Revolution wusste.

Heute kann ich mir gar nicht vorstellen, wie man das Jahr der Französischen Revolution nicht wissen kann, aber das liegt daran, dass mir die Französische Revolution etwas bedeutet. Sie war das Datum, zu dem die Gleichheit der Männer sich als politische Idee in Europa durchsetzte und der Ausschluss der Frauen aus der Politik besiegelt wurde. Das steht natürlich in keinem dieser Geschichtsbücher.

Die Punischen Kriege sagen mir was, seit ich mit großem Vergnügen “Hannibal” von Gisbert Haefs gelesen habe und seither ein Fan von Kathargo bin und das Römische Imperium in die zehn größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte einordne. Im Geschichtsunterricht war mir hingegen nie klar geworden, was für einen Sinn es haben soll, sich mit punischen Kriegen zu beschäftigen.

Die Geschichtsbücher waren für mich vielleicht auch deshalb so langweilig, weil praktisch keine Frauen drin vorkamen. Ungefähr Mitte der 1980er Jahre begann unter Frauen die Diskussion darüber, dass das ja eigentlich unsäglich ist, und los ging die Welle der historischen Frauenforschung. Seither sind Unmengen von Sachen erforscht worden, die die Männer vorher “vergessen” hatten, und das ist natürlich gut so. Trotzdem blieb das Ganze für mich etwas unbefriedigend, irgendwie wirkte die Geschichte der Frauen so “drangeklatscht” an die Männergeschichte. Dazu habe ich schonmal einen Vortrag geschrieben, den es auch als Podcast gibt.

Und jetzt gibt es also auch die Geschichte der Frauenbewegung von der Aufklärung bis heute auf handlichen 250 Seiten zum Nachschlagen. Sicher irgendwie eine feine Sache, aber andererseits genauso dröge wie die Geschichte der punischen Kriege.

Es liegt wahrscheinlich in der Natur der Sache. In Geschichtsbüchern werden komplexe Ereignisse auf kurze Spotlights zusammengeschnurrt. Differenzierte soziale Bewegungen mit Unmengen von Akteurinnen werden kristallisiert zu den vier, fünf “wichtigen” Persönlichkeiten, vielschichtige Debatten in zwei, drei “Hauptkonfliktlinien” kondensiert, und das Ergebnis ist dann einfach falsch.

Manchmal richtig falsch, weil die Autorinnen solcher Bücher die Ereignisse ja nicht wirklich selbst erforschen, sondern aus der sich schon als maßgeblich etabliert habenden Literatur das Wichtigste abschreiben, auch wenn es falsch ist. In diesem Fall wird zum Beispiel für die amerikanische Frauenbewegung mal wieder Victoria Woodhull verschwiegen (auch über die gibt’s von mir einen Podcast) und ihre Wahlrechtskampagne Susan Anthony ans Revers geheftet. So steht es halt überall, also muss es wahr sein. Ist es aber einfach nicht.

Aber falsch sind diese Geschichtsbücher nicht nur, weil sie Fehler, die sich einmal etabliert haben, immer und immer wieder wiederkäuen, sondern weil sie auch dann, wenn die Fakten stimmen, ein falsches Bild abgeben. Geschichte ereignet sich nicht in historischen Daten und historischen Persönlichkeiten.

Die Frauenbewegung hat das mit ihrer Kritik an der männerzentrierten Geschichtsschreibung eigentlich entlarvt gehabt. In dem Moment, als klar wurde, dass sie falsch sein muss, weil eine Hälfte der Menschheit überhaupt nicht drin vorkam, wäre das eigentlich eine Chance gewesen, das Konzept “Geschichtsbuch” einmal grundsätzlich zu hinterfragen. Und zu überlegen, wie man das mit der Erinnerung und der Bezugnahme auf die Vorgängerinnen und Vorgänger vielleicht sinnvoller bewerkstelligen könnte.

Stattdessen wurden die Frauen “gleichgestellt”. Einige von ihnen wurden in die Geschichtsbücher aufgenommen (immer noch ziemlich wenige übrigens), und auch ihre soziale Bewegung bekommt jetzt ein Geschichtsbuch. Mit dem Ergebnis, dass die Falschheit des Konzeptes “Geschichtsbuch”, so wie wir es kennen – also entlang von Jahreszahlen bedeutender Ereignisse und Würdigungen bedeutender Personen – noch ein bisschen mehr verschleiert wurde. Dumm gelaufen, eigentlich.

Michaela Karl: Die Geschichte der Frauenbewegung. Reclam Sachbuch, Ditzingen 2011, 6 Euro. 


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Lohnunterschiede: Herkunft wichtiger als Geschlecht

Foto: Pegra - Fotolia.com

Meine „Zehn Thesen zum Equal Pay Day“ im März hatte ich mit folgender These begonnen:

1. Das eigentlich schlimme „Pay-Gap“, über das wir reden müssten, ist nicht das zwischen Frauen und Männern, sondern das zwischen Armen und Reichen. Deshalb ist es falsch, sich hier rein auf den Gender-Aspekt zu beziehen.

Bei einer Veranstaltung des Frankfurter Frauenreferats zum Equal Pay Day haben wir darüber diskutiert. Während für die Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern in Deutschland immer die Zahl von 23 Prozent kursiert, werden kaum Zahlen für andere „Pay Gaps“ genannt. Bettina Eichhorn, die Referentin für Bildung und Arbeit im Frankfurter Frauenreferat, hatte aber die gute Idee, bei der Bundesagentur für Arbeit entsprechende Zahlen anzufordern im Vergleich von Menschen mit deutscher und anderer Staatsangehörigkeit.

In diesen Vergleichstabellen wird der „Median“ angegeben. Das ist der mittlere Wert, der die „obere“ Hälfte der Beschäftigten von der „unteren“ Hälfte trennt. Diese Zahlen müssten daher so verstanden werden: Diejenigen Frauen, die zahlenmäßig genau in der Mitte aller Frauen liegen (bei denen es also genauso viele Frauen gibt, die weniger verdienen, wie Frauen, die mehr verdienen als sie) bekommen 22 Prozent weniger Bruttolohn als die entsprechenden Männer.

Über die „Durchschnittslöhne“ sagt diese Zahl nichts aus. Allerdings gibt sie durchaus ein Verhältnis an, vor allem im Vergleich von Bevölkerungsgruppen zueinander. Die folgenden Zahlen beziehen auf Vollerwerbs-Arbeitsplätze und auch nur auf Frankfurt. Aber sie sind doch wohl ein interessanter Vergleichswert. Hier sind also nun die Zahlen:

1. Deutsche Männer:    4234 Euro
2. Alle Männer:            3980 Euro
3. Alle Deutschen:        3758 Euro
4. Mittelwert aller:       3587 Euro
5. Deutsche Frauen:     3200 Euro
6. Alle Frauen:              3103 Euro
7. Ausl. Männer:           2642 Euro
8. Alle Ausl.:                 2542 Euro
9. Ausl. Frauen:            2407 Euro

Die „Pay Gaps“ berechnen sich nun folgendermaßen: Wenn man die Differenz der Mediane von „allen Männern“ (3980) und „allen Frauen“ (3103) bildet, kommt man auf 877 Euro. Dies sind 22 Prozent vom „Männerlohn“, das heißt, die Median-Frau verdient 22 Prozent weniger als der Median-Mann.

Man könnte es natürlich auch andersrum rechnen und den „Frauenlohn“ zum Maßstab nehmen. Dann käme man zu der Aussage, dass die Median-Männer 28 Prozent mehr verdienen als die Median-Frauen. Aber ich halte mich im Folgenden mal an die Konvention, nehme also als Maßstab den jeweils höheren Verdienst. Auch so ist der Befund aufschlussreich.

Denn es kommt heraus, dass der Lohnunterschied zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen sehr viel höher ist als der zwischen Männern und Frauen: Die „Median-Menschen“ anderer Staatsangehörigkeit verdienen 32 Prozent weniger als die deutschen Median-Menschen, nämlich nur 2542 Euro im Vergleich zu 3758 Euro.

Noch größer ist der Unterschied zwischen deutschen und nicht-deutschen Männern, nämlich knapp 38 Prozent. Interessant: Auch der Unterschied zwischen deutschen und nicht-deutschen Frauen ist noch größer als der allseits diskutierte Gender-Pay-Gap, nämlich knapp 25 Prozent. Das heißt, für die Ungleichheit beim Einkommen spielt die Herkunft eine weitaus größere Rolle als das Geschlecht, allerdings ist die Ungleichheit unter Männern noch einmal sehr viel größer als die Ungleichheit unter Frauen.

Ebenfalls interessant ist es, wenn man das Gender-Pay-Gap mit der Herkunft kombiniert. Der Lohnunterschied zwischen deutschen Median-Männern und -Frauen beträgt gut 24 Prozent, der zwischen nicht-deutschen Median-Männern und -Frauen nicht einmal 9 Prozent! Das heißt, innerhalb der nicht-deutschen Bevölkerung ist die Geschlechtergleichheit im Bezug auf das Einkommen sehr viel besser als innerhalb der deutschen Bevölkerung.

Ganz krass wird es natürlich, wenn man deutsche Männer mit nicht-deutschen Frauen vergleicht: Hier beträgt die Differenz der Mediane über 43 Prozent. Vergleicht man hingegen deutsche Frauen mit ausländischen Männern, kommt man „nur“ auf gut 17 Prozent.

Fazit: Im Bezug auf ungleich verteilte Einkommen spielt die Herkunft eine deutlich größere Rolle als das Geschlecht. Sowohl das Geschlecht als auch die ausländische Herkunft haben jedoch einen klar „egalisierenden“ Effekt: So sind die Unterschiede zwischen Frauen verschiedener Herkunft sehr viel kleiner als zwischen Männern verschiedener Herkunft, und die Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei der nicht-deutschen Bevölkerung sehr viel geringer als bei der deutschen Bevölkerung.

Ich meine, das ist ein guter Diskussionsstoff für weitere Equal-Pay-Tage!


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Beerdigung eines Buches

Foto: Misha - Fotolia.com

Seit einigen Jahren habe ich vor, ein Buch über die Liebe zu schreiben. Genauer: Über den Zusammenhang zwischen Freiheit und Liebe. Seit ich diese Idee hatte, redete ich viel darüber, und inzwischen werde ich von allen möglichen Leuten immer öfter gefragt, was denn eigentlich mein Buch macht. Ich hätte doch schon so viel Interessantes über das Thema erzählt. Wann ich das denn endlich mal aufschreiben würde.

Manchmal weht dabei ganz seicht auch eine Kritik mit, die in etwa lautet: Ich vernachlässige sicherlich mein Buchprojekt, weil ich mich zu viel im Internet herumtreibe. Ich zerfasele mich zwischen hunderten kleinen Blogposts und Twitter-Debatten, anstatt mich mal am Stück hinzusetzen und ein ordentliches Buch zu produzieren.

Ja, und natürlich ist das irgendwie auch so. Und irgendwann klopfte bei jeder interessierten Nachfrage ein kleines Teufelchen namens schlechtes Gewissen an. Wie weit ich denn nun sei?

Jetzt habe ich kapituliert und gebe zu, was viele schon vermuteten: Ich schreibe vermutlich kein Buch mehr. Ich bin nämlich kein Fan von Disziplin. Ich denke mir, es wird schon irgendeinen Grund haben, dass ich in dieser Hinsicht so lustlos bin. Es war noch nie mein Ding, pflichtgemäß Sachen abzuarbeiten, wovon ich glaube, dass ich sie tun „muss“. Mit Sachen, bei denen „Strom drauf“ ist, bin ich meist effektiver (das Begehren!)

Seit ich mir diesen Gedanken erlaubt habe, hat er viele Kinder gekriegt. Zum Beispiel ist mir klar geworden, dass ich zwar nichts über das Liebesthema geschrieben habe, dass ich aber dennoch dazu geforscht habe. Neulich habe ich mal alle meine gesammelten Ideen und Notizen ausgedruckt, und herausgekommen sind stattliche 200 Seiten. Man kann also nicht sagen, dass ich in der Sache vollkommen untätig war.

Nein, das Thema interessiert mich weiterhin sehr, und offenbar hat mich das Internet nicht davon abgehalten, konzentriert an dem zu forschen, was ich mir vorgenommen hatte. Meine Lustlosigkeit bezieht sich nicht darauf, über den Zusammenhang von Freiheit und Liebe gründlich nachzudenken und Sachen darüber zu lesen und zu sammeln, sondern sie bezieht sich darauf, das Ergebnis all diesen Tuns zu einem Buch zu verarbeiten.

Vielleicht sind Bücher ja einfach nicht mehr ein zeitgemäßes Medium (zumindest Sachbücher, für Romane sehe ich weiterhin Bedarf). Man schreibt und schreibt vor sich hin und präsentiert am Ende ein fertiges Werk. Das wird dann gedruckt und ist fixiert für alle Ewigkeit.

Diese Art, eigene Ideen und Forschungsergebnisse anderen zur Verfügung zu stellen, also zu publizieren, ist doch eigentlich bloß eine Mangelverwaltung. Notgedrungen machte man das früher so, weil es ja gar keine anderen Publikationsmöglichkeiten gab. Man sammelte Kapitel für Kapitel an, um an einer bestimmten Stelle willkürlich zu sagen: Jetzt ist Schluss, jetzt ist das Buch fertig. (Wie viele Bücher sind übrigens nicht geschrieben worden, weil die Leute diesen Schnitt nicht machen wollten, in der ja völlig zutreffenden Annahme, dass sie niemals an dem Punkt ankommen, das Thema erschöpfend behandelt zu haben!).

Das Herumtreiben im Internet hat mich jedenfalls nicht nur vom Buchschreiben abgehalten, es hat auch dazu geführt, dass ich inzwischen einfach ganz andere Formen des Denkens und Publizierens gewohnt bin. Ich bin anspruchsvoller geworden. Es kommt mir komisch vor, wenn ich auf einen Text, den ich schreibe, nicht sofort eine Rückmeldung bekomme. Ich fühle mich bei dem Gedanken unwohl, dass ich da etwas hinschreiben und drucken lassen soll, ohne dass andere vorher die Möglichkeit hatten, Ergänzungen vornehmen, Einwände vorzubringen, mich auf Fehler hinzuweisen. Ich glaube, das (und nicht Faulheit oder Internetsucht) ist der eigentliche Grund, warum ich mich nicht ans Buchschreiben gemacht habe.

Deshalb habe ich mein Liebe-Projekt jetzt in einen eigenen Blog geschoben. All die vielen Ideen und Sachen, die ich darüber gesammelt habe, bekommen dort nach und nach ein Zuhause. Momentan stelle ich mir vor, dass das organisch wächst, dass die verschiedenen Aspekte sich im Lauf der Zeit verbinden und neue Erkenntnisse zutage befördern. Wer weiß, vielleicht kann man das am Ende ja sogar auch noch ordentlich ausdrucken.

Ob das dieselbe Ernsthaftigkeit und „Forschungstiefe“ erreicht, wie ein „richtiges Buch“? Oder ob es mich faul macht und schlampig macht, meine die Gedanken kurzlebig und oberflächlich? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber ich will es mal ausprobieren.

http://liebe.antjeschrupp.de


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Re:publica meets Feminism

Foto: Thomas Berg - Fotolia.com

Da ich dieses Jahr schon wieder nicht auf der Republica war – eigentlich aus denselben Gründen wie letztes Jahr – aber mich doch darüber gefreut habe, dass im Vergleich zu früher recht viele Frauen dort waren, habe ich das ein oder andere im Livestream angeschaut und war auch gespannt auf die Berichte hinterher. Hier, was mir aufgefallen ist.

1. Dreißig Prozent Frauen sind gefühlte Gleichberechtigung

Diese alte Faustregel scheint sich auch hier zu bewahrheiten. Wurde letztes Jahr noch über den niedrigen Frauenanteil auf den Panels diskutiert, so scheint in diesem Jahr nach allgemeiner Einschätzung zahlenmäßig alles Paletti gewesen zu sein. Manch einer schrieb gar, dass „gefühlt jede zweite Session“ was mit diesem Frauenzeugs zu tun hatte.

Dieses Auseinanderdriften von faktischer und gefühlter Frauenpräsenz ist typisch für eine Gesellschaft, die zwar Gleichberechtigung befürwortet, aber doch symbolisch männlich bleibt. Denn dreißig Prozent heißt: Der Frauenteil ist nicht mehr gar so arg niedrig, dass ganz offensichtlich irgendwas im Argen liegt. Und dann kann man es damit ja bewenden lassen.

Ich finde allerdings, man sollte sich hier nicht nur von Gefühlen leiten lassen, sondern objektiv bleiben und sich an die Zahlen halten. Dreißig Prozent sind zwar nicht nichts, sie mögen sogar eine gefühlte Übermacht sein, mathematisch sind sie aber nicht mal ein Drittel.

2. Frauen sind okay, aber bitte nicht über Feminismus reden

Auch über die reinen Zahlen hinaus, ob real oder gefühlt, wurde Unbehagen geäußert. Zwar nicht gegen die Anwesenheit von Frauen an sich, aber gegen das, was sie redeten. Zu viel Feminismus. Mich hat das zunächst erstaunt, denn mir war positiv aufgefallen, dass die meisten der von Frauen initiierten Panels sich gerade nicht explizit mit Feminismus beschäftigten, sondern allgemeine Themen aufgriffen – den Umgang mit Trollen, die Repräsentanz marginalisierter Gesellschaftsgruppen, das Flittern…

Aber es ist natürlich klar, wieso dieser Eindruck entstand, von Feminismus geradezu umzingelt zu sein: Auf diesen Podien saßen Frauen und auch einige Männer, die in diese „allgemeinen“ Themen eine feministische Sicht einbrachten. Die also die Geschlechterdifferenz als Analysekategorie ins Spiel brachten – und das machte dann in der Wahrnehmung vieler die gesamte Veranstaltung zu einem „Feminismusdings“. (Hier eine schöne Analyse von Dörte Giebel)

Ich nenne das die „Simone de Beauvoir-Falle“. Denn Beauvoir war die erste, die dieses Schicksal ereilte. Von einer anerkannten Philosophin und maßgeblichen Vertreterin des Existenzialismus mutierte sie in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer „Frauen-Frau“, als sie Das andere Geschlecht herausbrachte. Indem sie sich der Analyse der Geschlechterverhältnisse zuwandte, hatte sie ihren Status als allgemeingültige Denkerin verspielt. Und das, obwohl sie sich selbst nicht einmal als Feministin verstand (zu dem Zeitpunkt, der Frauenbewegung schloss sie sich erst später an).

Dieser Mechanismus bringt Frauen in ein ernstes Dilemma und ist meiner Ansicht nach einer der Hauptgründe dafür, warum sich viele nicht mit der Frauenbewegung und dem Feminismus identifizieren möchten. Denn wenn sie in ihren Fachgebieten einflussreich sein möchten, ist es faktisch kontraproduktiv, das Frausein zum Thema zu machen. Helga Hansen bringt das Dilemma in einem Rückblick zur Republica auf den Punkt, wenn sie fragt: „Muss ich in Zukunft verschweigen, dass ich Feministin bin, damit mich auch ZDFneo ernst nimmt, oder vielleicht gleich als Mann auftreten, damit meine Themen endlich als hart angesehen werden?“

Ja, genau das ist der Vorschlag, den die „gleichberechtigte“ Welt den Frauen macht. Wobei, wohlbemerkt, dieses „als Mann auftreten“ nicht etwa bedeutet, dass dabei Geschlechtergrenzen und Stereotype überwunden werden. Denn wie sollte man etwas überwinden, das man gar nicht thematisieren darf, sondern als nebensächlich betrachten muss?

Frausein als solches ist kein Problem. Das Frausein zu thematisieren ist das Problem. Dass Simone de Beauvoir eine Frau war, wusste jeder, auch schon lange bevor sie „Das andere Geschlecht“ schrieb. Dass sie eine Frau war, gefährdete ihre Position als „echter Philosoph“ nicht. Aber dass sie ein Buch über das Frausein schrieb, in Kombination mit der Tatsache, dass sie selbst eine Frau (also quasi eine „Betroffene“) war – das war es, was sie als allgemeine Philosophin disqualifizierte.

Der Knackpunkt ist also damals wie heute nicht die Frage: Wie kommen Frauen irgendwo rein? Sondern: Wie können Frauen die Geschlechterdifferenz thematisieren, ohne dass sie deswegen den Status von etwas „Besonderem“ bekommen und in der Konsequenz dann nicht mehr auf das gehört wird, was sie zu sagen haben? (Bei einer Tagung zum Thema „Sichtbar und einflussreich, ohne sich anzupassen haben wir das vor einiger Zeit schon einmal diskutiert. Hier ein Protokoll).

Etwas hat sich immerhin seit den Zeiten von Beauvoir geändert: Es gibt heute auch Männer, und nicht mal wenige, die die Geschlechterdifferenz kritisch thematisieren und denen dabei die Freiheit der Frauen am Herzen liegt. Damals hingegen war es zwar Jean-Paul Sartre, der die Idee hatte, man müsse mal die Geschlechterdifferenz aus einer existenzialistischen Perspektive heraus analysieren. Aber diese Idee kam ihm nur, um das Projekt Beauvoir vorzuschlagen. Wieso hat er das Buch eigentlich nicht selbst geschrieben? Und: Wäre sein Status als “Philosoph” dadurch ebenfalls gefährdet gewesen?

Ich würde mich gerne mal mit feministischen Männern darüber austauschen, ob sie auch die Erfahrung machen, „partikularisiert“ zu werden, sobald sie in nicht-feministischen Kontexten Geschlechterverhältnisse zum Thema machen. Oder ob die Tatsache, dass sie ein Mann sind, sie vor dieser Falle schützt. Vielleicht ergibt sich ja mal die Gelegenheit.

3. Differenzen unter Frauen

Die symbolische Unordnung einer Welt, in der das Männliche weiter die Norm bleibt und das „Sprechen für die Allgemeinheit“ an die Bedingung geknüpft ist, dass expliziter Feminismus tabu bleibt, hat eine bedenkliche Nebenwirkung: Es erschwert eine fruchtbare Diskussion von Frauen untereinander. Denn das ganze Setting bringt Frauen, die das Geschlechterverhältnis dennoch thematisieren, in eine gewisse Verteidigungshaltung. Angesichts all der unqualifizierten Angriffe ist die Versuchung groß, zusammenzurücken, sich gegenseitig zu loben, zu unterstützen, zu feiern.

Das ist natürlich auch wichtig. Aber jede Theorie, jede politische Bewegung, jede Initiative, die Neues in die Welt bringen will, braucht auch ein echtes, kritisches Feedback. Denn wie soll ich mich weiterentwickeln, wie soll ich Fehler entdecken, wie soll ich auf neue Ideen kommen, wenn niemand mich kritisiert? Wenn niemand mir sagt, was ich besser machen kann, wenn mich niemand darauf hinweist, wenn mir etwas nicht gelungen ist? Das ist die schwierigste Aufgabe, die aus meiner Sicht nun ansteht: Eine konfliktreiche, aber gerade deshalb fruchtbare Diskussion unter Frauen und feministischen Männern hinzukriegen.

Am Anfang dieser Diskussion steht eine Entscheidung, die jede persönlich treffen muss: Wem höre ich zu, mit wem rede ich, mit wem setze ich mich auseinander? Und mit wem nicht? Das ist die berühmte „Politik der Beziehungen“, die die Frauenbewegung erfunden hat. Und zwar mit der Erkenntnis, dass es nichts bringt, dieses „Mit wem rede ich? Mit wem setze ich mich in eine Beziehung?“ davon abhängig zu machen, mit wem ich inhaltlich übereinstimme und mit wem nicht (wie es in der „Parteipolitik“ üblich ist).

Die Frage ist, ob man die Auseinandersetzung mit dieser bestimmten Person für interessant und spannend hält. Ob ich ihr oder ihm Autorität zuspreche – zum Beispiel die Autorität, mein Handeln kritisch zu beurteilen. Die Philosophin Andrea Günter hat das einmal so beschrieben: Autorität hat für mich eine, mit deren Ansichten ich nicht übereinstimme, bei der ich aber doch nicht umhin kann, mich mit ihr auseinanderzusetzen.

Bloße Solidarität unter Frauen bringt nicht weiter, auch nicht angesichts einer weitgehend ignoranten Umgebung. Es sind unsere Differenzen, die uns weiterbringen, an denen entlang wir neue Erkenntnisse gewinnen, mehr Sicherheit im Handeln und den Mut zu Visionen, die über das Immergleiche hinausgehen.

Auch im Zusammenhang mit Republica-Rückblicken sind ja erste Differenzen unter Frauen schon aufgekommen. Ich finde, genau das ist ein ganz hervorragender Ausgangspunkt für weitere feministische Netzpolitik.


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Ina Praetorius glaubt an Gott und so weiter

„Wie soll ich leben, wenn meine Liebe stirbt?“ fragte Sibylle Berg neulich in ihrer Spiegel-Kolumne, in Gedanken auch bei den vielen, die in Japan jetzt Menschen verloren haben, die sie liebten. Statt drumrumzureden, kommt sie klar auf den Punkt: „Da gibt es keine Lösung, da gibt es keinen Trost, da hilft kein: Die Zeit wird es heilen. Die Zeit macht es nur schlimmer. Macht jeden Tag klar, was wir vermissen. Macht klar, dass eben nicht jeder ersetzbar ist. … Ich habe keine Ahnung, wie man mit der Trauer weiterleben kann, und warum man es sollte. Und noch ein Jahr herumbringen, mit dem Füllen des Kühlschranks, dem Warten auf den Feierabend, dem Sonntag, der leer ist, dem Winter, der beschissen ist, und noch ein Jahr, und alt werden daran, wie das gehen soll, ich weiß es nicht.“

Früher haben Leute an solchen Punkten das Wort „Gott“ ins Spiel gebracht. Heute geht das nicht mehr so ohne Weiteres, denn das Wort „Gott“ ist ziemlich versaut. Und zwar nicht unbedingt von den Atheisten, die behaupten, Gott gebe es nicht, weil man seine Existenz nicht nach wissenschaftlichen Standards beweisen oder widerlegen kann. Es ist auch und vielleicht sogar noch mehr versaut von all jenen, die „Gott“ in solchen Situationen tatsächlich als angebliche Lösung, als Trost verkauft haben.

Gott ist aber nicht die „Lösung“, kein allmächtiger Held, der von oben herab hilft. Wenn das Wort „Gott“ einen Sinn haben soll, so kann der nur darin liegen, eben genau diese Leerstelle anzuzeigen, das Eingeständnis einer hilflosen Bedürftigkeit der Menschen. Gott ist die Bezeichnung für die Existenz einer Frage, auf die es keine Antwort gibt – nicht, weil die Wissenschaft noch keine gefunden hat, sondern weil es keine geben kann. Aber, und das ist der Witz: Eine geben muss, weil man sonst eben nicht weiß, „wie das gehen soll“.

Dass die Tatsache des menschlichen Angewiesenseins auf etwas Anderes Ursprung der Theologie ist (und nicht die Vermutung, es könne irgendwo eine allmächtige, jenseitige Entität existieren) hat Luisa Muraro in ihrem Buch „Der Gott der Frauen“ bereits als Erkenntnis einer weiblichen Theologie herausgearbeitet. Ein ganz anderes, aber doch inhaltlich in dieselbe Richtung weisendes Buch hat nun Ina Praetorius geschrieben. Während Muraro als Atheistin sich quasi „von außen“ die theologischen Schriften christlicher Denkerinnen – vor allem der Mystikerinnen – anschaut, schreibt Ina Praetorius „von innen“, als christlich erzogene, religiöse Frau und als Theologin.

In „Ich glaube an Gott und so weiter“ legt sie das christliche Glaubensbekenntnis ausgehend von ihrer eigenen, individuellen Geschichte und Erfahrung aus; angefangen bei ihrer Tante, die ihr das Wort Gott „schenkte“, über ihre liberal-protestantischen Eltern, ihre Zeit als Theologiestudentin, ihre Entfremdung von der akademischen Welt, ihre Erfahrungen in der Frauenbewegung, ihr politisches Engagement. Sie nennt das „Matrixtheologie“ – also eine Weise, von Gott zu reden, die von dem für jeden Menschen einzigartigen Gewebe aus familiären, gesellschaftlichen und historischen Beziehungen ausgeht, in denen er oder sie sich befindet.

Niemals haben zwei Menschen exakt dieselbe Matrix, weshalb auch „Gott“ für jeden Menschen anders klingt, ist, aussieht. Gleichzeitig bietet der Bezug auf die Matrix, also die das Individuum umgebende gesellschaftliche Realität und Kultur, auch die Möglichkeit, mit anderen Menschen in Beziehung zu treten. Traditionen werden geteilt, weitergegeben, enthalten Worte, Geschichten, Riten, auf die man sich im Austausch mit anderen beziehen kann. Und schließlich ist die Tatsache, dass sie nur innerhalb dieses größeren Bezugsgewebes und in Abhängigkeit von ihm leben können, allen Menschen gemeinsam.

Es geht dabei nicht darum, Theologie und die Rede von „Gott“ einfach zu subjektivieren oder gar zu psychologisieren, sondern darum, die Grenzen zwischen „subjektivem“ Glauben und „objektiver“ Theologie aufzuheben. Der Gott, an den Kinder glauben, wenn sie sich auf Weihnachtsgeschenke freuen, ist derselbe wie der, über den Theologieprofessoren ihre Bücher schreiben. Gott ist kein wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand, sondern ein Wort, das Menschen verwenden, um einer bestimmten Art von Erfahrungen und der Erinnerung an Möglichkeiten, mit solchen Situationen umzugehen, einen Namen zu geben. Insofern wird das Wort „Gott“ von Kindern übrigens viel öfter sinnvoll benutzt als von Theologieprofessoren, was auch Jesus schon wusste, wenn er mahnte, wir müssten wieder „werden wie die Kinder“, um ins Reich Gottes zu kommen.

Wunderbar gelingt es Praetorius, immer wieder die Verbindung und Wechselwirkung zu zeigen zwischen christlichen Traditionen (etwa Bibeltexten) und ihrer persönlichen „Matrixgeschichte“. Etwa die alttestamentliche Geschichte von Moses am brennenden Dornbusch (wo Gott von sich sagt, sein Name sei „Ich-bin-da“): „GOTT gibt sich also schon ziemlich am Anfang der Bibel als ICH-BIN-DA zu erkennen. Eine präzisere Antwort bekam Mose nicht, bevor er sich anschickte, das Volk Israel aus der Unterdrückung in Ägypten zu führen. Eine präzisere Antwort bekam auch ich als Kind nicht, aber sie reichte mir im Allgemeinen, um ruhig einzuschlafen. Ich schlief ein in der Gewissheit: JEMAND ist da und passt auf: meine Mutter, meine Tante, die Schwester im Bett nebenan und NOCH JEMAND, den ich nicht sehen kann, dem mich aber meine Älteren anvertrauen würden, falls sie selbst einmal nicht imstande wären, mich zu behüten.“ (38)

An Gott glauben bedeutet nicht etwa, anzunehmen oder zu vermuten, dass in einem solchen Fall ein höheres Wesen wie ein schützender Retter hokuspokusartig aus dem Nichts auftauchen und die Sache regeln würde. An Gott glauben bedeutet vielmehr, darauf zu vertrauen (wie man das griechische Wort für „Glauben“, pistis, besser übersetzt), dass irgendetwas weitergehen wird, dass es nicht von mir allein abhängt, dass Sinn möglich ist, auch wenn ich „nicht weiß, wie das gehen soll“. Wer in diesem Sinne „Vertrauen“ hat, wird die Welt anders sehen und sich anders in ihr bewegen, wird zum Beispiel weniger kontrollwütig sein, wird die eigene Verantwortung innerhalb des menschlichen und weltlichen Bezugsgewebes anders angehen. Die Fähigkeit, zu vertrauen, ist nicht nur eine frühkindlich erworbene Fähigkeit. Sie ist – unter dem Label „Gott“ oder „Religion“ auch ein gesellschaftliches Wissen und eine Kulturtechnik. Und natürlich hat das ganz reale Auswirkungen auf die Welt und wie sie aussieht.

Nun kann man natürlich einwenden, dass gläubige Menschen sich ganz oft überhaupt nicht so verhalten, sondern mit Fanatismus und Eiferei Unglück und Leid über andere bringen. Geschenkt. „Matrixtheologie“ bedeutet auch, Souveränität und Eigenständigkeit gegenüber institutioneller Religion und dogmatischer Theologie zu haben, um diese klar und eindeutig zu kritisieren und sich, wo nötig, zu distanzieren. Wenn Zugehörigkeit zur eigenen Religion über die persönliche Geschichte und „Matrix“ gesichert ist, ist nämlich dogmatischer Bekenntnisglaube nicht mehr nötig. Das abgrenzende Betonen einer „Corporate identity“ wird überflüssig, und das ermöglicht mehr Kritik und Veränderungsimpulse von innen heraus.

Entsprechend hat Ina Praetorius auch überhaupt keine Abgrenzungsbedürfnisse gegenüber anderen Religionen und Weltanschauungen, auch nicht gegenüber der atheistischen. Denn das Wissen um ein MEHR, den SINN DES LEBENDIGEN kann (je nach kultureller und individueller Matrix eben) vollkommen unterschiedlich ausfallen. Der Glaube – oder auch Unglaube – der anderen bereichert den eigenen und steht nicht dazu in Konkurrenz.

Religion ist nicht eine Geisteserkenntnis, die durch rein intellektuelle Anstrengung erworben werden kann, sondern sie muss lebenspraktisch eingeübt sein, wovon die rationale Reflektion ein Bestandteil ist. Das geht natürlich nicht nur auf „christlich“. Auf christliche Weise an Gott zu vertrauen, bedeutet nichts anderes als die Tatsache, dass die eigene religiöse „Matrix“ eben zufällig eine christliche war, mit ihren dazugehörigen Geschichten, Ritualen, Überlieferungen und Texten.

Daher ist es auch konsequent, wenn Ina Praetorius ihre Gedanken entlang des christlichen Glaubensbekenntnisses entfaltet. Nicht, um es zu verteidigen oder zu legitimieren, sondern einfach aus Dankbarkeit für die Arbeit und die Gedanken ihrer Vorfahrinnen und Vorfahren.

Ina Praetorius: Ich glaube an Gott und so weiter… Eine Auslegung des Glaubensbekenntnisses. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011, 19,95 Euro.

Eine weitere Rezension von Dorothee Markert zu diesem Buch steht hier.


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Der Feminismus ist schuld? Aber ja doch, gern geschehen!

Kein Grund für Rechtfertigungen: Die Welt muss sich wohl ein bisschen verändern.

Dass der Feminismus an allem Möglichen Schuld ist, an der Verlotterung der Sitten, der Verwahrlosung der Kinder, der sozialen Kälte, dem Verschwinden der Weiblichkeit, dem Ende der Liebe, schlechten Arbeitsbedingungen, der Ermordung unschuldiger Kinder und wahrscheinlich auch am schlechten Wetter, das wissen wir schon lange.

Wann immer mal wieder so ein Vorwurf vorgetragen wird – aktuell zum Beispiel vom britischen Wissenschaftsminister David Willetts, der dem Feminismus zuschreibt, Schuld an der Chancenlosigkeit männlicher Arbeiter zu sein – wird von feministischer Seite Protest laut. Nein, nicht der Feminismus sei schuld, sondern der Kapitalismus, die Männer, die Kirche, die Machthaber und die Schlechtigkeit der Welt generell. (Ähnlich argumentierten auch manche in den Kommentaren zu meinem Blogpost: Gleich und Gleich ergibt Arm und Reich)

Ich habe in letzter Zeit den starken Impuls, diese defensive Haltung aufzugeben und stattdessen offensiv zu entgegnen: Ja, so ist es! Der Feminismus ist an all dem Schuld, und was ist das für ein Glück! Denn die verklärte gute alte Zeit hatte eine große Schattenseite, nämlich die Verleugnung weiblicher Freiheit. Damit ist jetzt aber Schluss. Frauen haben aufgehört, in erster Linie nützlich für die Allgemeinheit zu sein, und angefangen, ihre eigenen Visionen, Ideen und Ziele zu verfolgen. Alle Probleme, die sich daraus eventuell ergeben, müssen heute also auf einer neuen Grundlage gelöst werden. Besser, wir fangen möglichst schnell damit an.

Hinter der defensiven Haltung, die bestreitet, dass der Feminismus irgendwelche problematischen oder zumindest klärungsbedürftigen Nebeneffekte hat, steckt, so glaube ich, eine falsche Vorstellung. Und zwar die, dass sich die Frauen einfach so als Gleiche in die Welt der Männer integrieren ließen und ansonsten alles beim Alten bleiben könnte. Ziemlich oft wird so über die Emanzipation der Frauen gesprochen: Als wären wir damals bei der Erfindung von Gleichheit und Demokratie quasi „vergessen“ worden, und jetzt, wo das aufgefallen ist, werden wir eben gleichgestellt und damit hat es sich. So als wäre die Freiheit der Frauen bloß eine kleine Fußnote der Geschichte, die das Große und Ganze nicht weiter betrifft.

Tatsächlich glauben ja viele Männer und auch viele jüngere Frauen, das Ganze gehe sie eigentlich nichts an. Den Feministinnen wird ein bisschen applaudiert, klar, es war ja richtig, dafür zu sorgen, dass die offensichtlich undemokratische Diskriminierung von Frauen abgeschafft wird. Aber jetzt ist dann auch mal gut. Schnee von gestern, das alles.

Dabei wird schlicht übersehen, dass die Frauenbewegung eine sehr erfolgreiche soziale und politische Bewegung war, vielleicht die erfolgreichste überhaupt, die die westliche Welt je erlebt hat. Wo sonst ist denn gesellschaftlich so viel umgewälzt worden wie beim Verhältnis der Geschlechter? Noch vor wenigen Jahrzehnten war es ein Skandal, dass eine Frau im Bundestag Hosen trug. Noch vor einer Generation war die Erwerbstätigkeit von Frauen alles andere als selbstverständlich. Noch vor zwei Generationen war die Mädchenbildung in einem katastrophalen Zustand und glaubten die meisten Frauen selbst, sie wären auf Grund ihres Geschlechtes von Natur aus weniger wert als Männer.

Ein Hauptgrund dafür, warum die Frauenbewegung nicht als relevante politische Bewegung wahrgenommen wird, liegt wahrscheinlich darin, dass sie sich nicht der üblichen Formen politischer Instrumentarien bedient hat. Keine Parteien, keine Statuten, keine Ämter und nur ganz wenig Institutionalisierung. Die politische Praxis der Frauen war und ist eine andere: Persönliche Bewusstseinsarbeit, eine Politik der Beziehungen zu anderen Frauen, daraus resultierende andere Verhaltensweisen. Politik im Alltag, in erster Person, im Konkreten.

Das alles war zwar ziemlich effektiv, gilt aber im allgemeinen Bewusstsein gar nicht als Politik. Wer keinen Präsidenten gestürzt hat, wird nicht ernst genommen, nicht einmal wahrgenommen. Es ist kein Zufall, dass der Männer-Mainstream das Thema erst bemerkt hat, als Angela Merkel Kanzlerin wurde. Und dass es erst eine Quotendebatte brauchte, um die Frauenfrage talkshowkompatibel zu machen. Ups, so geht jetzt plötzlich ein Raunen durch die erregte Öffentlichkeit, die Frauen sind ja nicht einfach nur da, sie wollen ja sogar Sachen verändern!

Das Missverständnis, die Frauenbewegung betreffe nur die Frauen selbst und nicht die Welt insgesamt, wurde historisch gesehen allerdings zuweilen auch von Feministinnen bedient. Keine Sorge, argumentierten sie zum Beispiel vor hundert Jahren, ihr könnt uns ruhig das Wahlrecht geben, wir werden weiter kochen, waschen, putzen und Kinder erziehen.

Einerseits war es vielleicht strategisches Argumentieren. Die Frauenrechtsbewegung wäre schließlich kaum erfolgreich gewesen, wenn sie von Anfang an gesagt hätte: Ja, wenn ihr uns das Wahlrecht gebt und wenn wir erstmal gleichberechtigt sind, dann werden wir dafür sorgen, dass ihr Männer einen Teil der Hausarbeit übernehmen müsst, dass ihr euch um eure Kinder kümmern müsst, dass ihr eure Geschäfte nicht mehr nach Dienstschluss im Puff verhandeln dürft, dass ihr euch andere Kommunikationsstile angewöhnen müsst und noch tausend andere Sachen mehr. Vielleicht war es klug, zu beschwichtigen und zu sagen: Nein, macht euch mal keine Sorgen, auch wenn wir gleiche Rechte haben, sind wir brav und es wird sich für euch dadurch erstmal kaum etwas verändern.

Vielleicht war es damals aber auch tatsächlich unvorstellbar, wie weitreichende Veränderungen in allen Lebensbereichen es nach sich ziehen würde, wenn Frauen den alten „Geschlechtervertrag“ (so ein Ausdruck von Carol Pateman) aufkündigen würden. Immerhin hatte die Gesellschaft samt männlicher Philosophie, Religion und Wissenschaft, jahrhundertelang ganz selbstverständlich geglaubt, dass Frau sein und frei sein sich gegenseitig ausschließt. Von einzelnen exorbitanten Ausnahmefrauen vielleicht mal abgesehen, die dafür dann zu Männern ehrenhalber ernannt wurden.

Wie krass verankert dieser Irrglaube war, begegnete mir kürzlich in einem historischen Rückblick auf die Einführung der Frauenordination in der evangelischen Kirche. Als die hessen-nassauische Kirchensynode im April 1959 über eine entsprechende Gesetzesänderung diskutierte, sagte ein Synodaler, der die Zulassung von Frauen zum Pfarramt unterstützte: „Was ist denn zu fürchten? Wieviel gibt es denn? Vielleicht fünf oder acht oder neun, die werden doch nicht das ganze Kirchengebiet überschwemmen.“

So schief kann man liegen! Heute beträgt der Anteil der Frauen in der evangelischen Pfarrerschaft über dreißig Prozent, Tendenz weiter steigend. Manche Herren befürchten längst eine „Feminisierung der Kirche“ – wie schrecklich! Welch ein Ansehensverlust! Da lohnt es sich ja gar nicht mehr, Herr Pfarrer zu werden, wenn das letztlich nichts Besseres mehr ist als eine über Gott redende Krankenschwester! (In der Tat habe ich auch den Begriff „Krankenschwesterisierung“ schon gehört).

Über diese Debatte empören sich logischerweise viele Theologinnen und wenden zum Beispiel ein, dass die katholische Kirche ja ansehensmäßig auch nicht besser da steht, obwohl sie doch dieses feministischen Zeitgeistgedöns nicht mitmacht. Oder sie betonen, dass Frauen genauso amtsmäßig hoheitsvoll Pfarrer sein können, wie man es sonst nur Männern zutraut.

Ich sage: Bullshit. Selbstverständlich bringt die Beteiligung von Frauen am Pfarramt eine „Feminisierung“ der Kirche mit. Und dasselbe gilt – hoffentlich! – auch für alle anderen ehemals den Männern vorbehaltenen Vereine und Institutionen, zu denen sie inzwischen „zugelassen“ sind. Natürlich kann nicht alles beim Alten bleiben, wenn Frauen frei sind, wenn sie mitmischen, wenn sie etwas zu sagen haben. Und natürlich geraten dabei auch ein paar Dinge durcheinander, tun sich neue Probleme auf. Es wird höchste Zeit, dass wir die gemeinsam angehen – freie Frauen und freie Männer mit ihren jeweiligen Wünschen, Absichten, Ideen und Visionen. Aber bitteschön ohne jede Debatte darüber, wie sich Frauen am besten für die Allgemeinheit nützlich machen sollen.

Ja, ich bekenne es: Der Feminismus ist schuld daran, dass alle Männer und auch Männer in Machtfunktionen sich dieser Debatte jetzt langsam mal stellen müssen. Gern geschehen.


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