Gegen. Standpunkte. Zum Kongress „Jenseits des Wachstums“

Verschlungene Wege ging nur das Mikrofonkabel: Podium "Wachstum, Lebensqualität und soziale Sicherheit, Suffizienz"

Am vergangenen Wochenende war ich in Berlin beim Attac-Kongress „Jenseits des Wachstums“. Über ein so großes Ding mit rund 2000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern kann man kaum allgemeine Aussagen treffen, denn man bekommt ja selbst immer nur einen kleinen Ausschnitt mit. Ich war am Freitag beim Eröffnungsabend, am Samstag als Mitdiskutantin auf zwei Podien und wollte dann eigentlich noch zu einem feministischen Worldcafe, was ich aber wegen der Enge des Raumes bleiben ließ.

Obwohl ich mit Großveranstaltungen eigentlich eher fremdele, war es recht entspannt. Man traf bekannte Gesichter, aber man kam auch mit wildfremden Leuten schnell ins Gespräch. Es waren auch erfreulich viele Frauen da – das Verhältnis unter den Referentinnen beziehungsweise Moderatoren betrug laut Programmheft 119 Männer zu 81 Frauen, also etwa 60 zu 40 Prozent (meine Schätzung: beim Publikum ähnlich), und war damit längst nicht so ungleichgewichtig wie bei politischen Kongressen sonst üblich. Auch altersmäßig war das Publikum sehr gemischt, wenn auch im Großen und Ganzen, von den ausländischen Gästen abgesehen, ziemlich „biodeutsch“.

Auch die beiden Veranstaltungen, an denen ich beteiligt war, verliefen angenehm: aufmerksames Publikum, trotz kontroverser Ansichten kein polemischer Schlagabtausch, gute Moderationen (nicht optimale Technik, aber okay).

Trotzdem blieb am Ende bei mir ein unbefriedigtes Gefühl. Das liegt sicher auch am Setting: Drei oder sogar vier Leute auf dem Podium plus 100 bis 200 im Hörsaal, ein sehr komplexes Thema und 90 Minuten Zeit – da kann eigentlich kaum ein echtes Gespräch aufkommen oder ein Gedanke wirklich zu Ende geführt werden.

Immer wieder hatte ich auch den Eindruck, dass viele der vorgetragenen Kontroversen eigentlich Scheinkontroversen sind, Diskussionen entlang der Unterscheidung von Positionen, die gar nicht das wirkliche Problem erfassen. Zwei Dauerbrenner (zumindest kamen sie in den beiden Veranstaltungen, an denen ich teilnahm, und auch beim Eröffnungspodium am Freitag Abend vor) waren der Gegensatz von gewerkschaftlichen, auf Wachstum und Umverteilung des Erwerbsarbeitssektors basierenden Forderungen einerseits und weiter gehenden Perspektiven von ganz anderen Arbeits- und Einkommensmodellen andererseits, sowie der Streit zwischen Anhängern des „Green New Deal“, also dem Versuch, durch einen ökologischen Umbau „ressourcenverträgliches“ Wirtschaftswachstum zu schaffen, und jenen, die das für Augenwischerei halten und generell für Konsumverzicht und Wachstumsbegrenzung plädieren.

Klar, mit solchen Positionen hat man griffige und scheinbar aktuelle politische Themen – solange man unter Politik das Formulieren von Standpunkten versteht. Versteht man darunter aber (wie ich) den Prozess des Aushandelns von Regeln für ein gutes Zusammenleben aller, so ist es doch kein Widerspruch, höhere Löhne etwa im Pflegebereich zu fordern (zum Beispiel wenn man gerade an entsprechenden Tarifverhandlungen beteiligt ist) und gleichzeitig darüber nachzudenken, ob Erwerbsarbeit in profitorientierten Institutionen wirklich die geeignete Organisationsstruktur für Pflege ist. Und es ist auch kein Gegensatz, als Politikerin für mehr regenerative Energiegewinnung einzutreten, aber gleichzeitig zu wissen, dass auch noch so viele Windkrafträder das Problem des zu hohen Energieverbrauchs nicht lösen werden.

Viele der diskutierten Gegensätze erschienen mir also gar nicht als unvereinbar, sondern eher als müde Wiederauflage des alten Konflikts zwischen Revolution und Reformismus. Und damit als Verschleierung von eigentlich interessanteren Themen. Jedenfalls halte ich das Formulieren von „Standpunkten“ (und deren machtvolle, „kämpferische“ Durchsetzung über etablierte politische Strukturen wie Parteien, NGOs, Streiks, Demonstrationen) für kein wirklich taugliches Mittel, um nachhaltige gesellschaftliche Veränderungen zum Positiven anzustoßen.

Statt zu diskutieren, was besser ist – Revolution oder Reformismus, das Formulieren radikaler Positionen oder das Aushandeln von Kompromissen mit „den Herrschenden“ oder „der Mehrheit“ – bin ich davon überzeugt, dass es gar nicht anders möglich ist, als beides miteinander zu kombinieren. Nicht als Kompromiss, sondern weil Radikalität nicht vom abstrakten Standpunkt abhängt, den man formuliert, sondern von der Fähigkeit, die eigenen Einsichten in einer bestimmten Situation und bestimmten Menschen gegenüber auch zu vermitteln.

Also: Wie entwickelt man konsequente und radikale Ideen, ohne sich aber im konkreten Handeln außerhalb der Welt und der Beziehungen zu den „normalen“ Menschen zu begeben? Woher nimmt man den Mut, der Welt die logischen Konsequenzen der eigenen Erkenntnisse vor Augen zu führen, ohne aber andere mit moralischen Keulen kleinzumachen?

Das zu versuchen ist jedenfalls die politische Praxis, die ich mir in der Frauenbewegung angewöhnt habe. „Wir haben nur Paradoxien anzubieten“, hat bereits Olympe de Gouges diese Haltung auf den Punkt gebracht. Wie sehr mir die Akzeptanz der Gleichzeitigkeit von angeblich Unvereinbarem bereits in Fleisch und Blut übergegangen ist, merke ich dann eben bei solchen Kongressen – wenn ich erstaunt feststelle, dass es die alte „Standpunktpolitik“ durchaus auch noch gibt.

Die allerschwerste, aber auch allernotwendigste politische Haltung dabei ist Folgende: Wie kann ich bei all dem auch noch das Bewusstsein für die Möglichkeit wach halten, dass meine eigenen (derzeitigen) Ideen vielleicht falsch sein könnten? Also offen sein für das, was die anderen an Anderem zu sagen haben?

Mein Gefühl des Unbefriedigtseins nach dem Attac-Kongress kommt vielleicht auch daher, dass mir das dort nicht gelungen ist. Ich habe – wie alle anderen – meine Redezeit damit verbracht, meine eigenen Standpunkte möglichst gut (und besser als die anderen ihre) zu vertreten. Ich habe mich angestrengt, möglichst überzeugend, möglichst pointiert, möglichst eindrücklich zu sein. Das war ja auch, was von mir erwartet wurde, und natürlich wollte ich die Gelegenheit auch nutzen, um dezidiert feministische Aspekte einzubringen, für die es beim Kongress nämlich (abgesehen dem völlig überfüllten Weltcafé) keine eigenen Veranstaltungen gab.

Aber es befriedigt mich nicht, das Köfferchen mit meinen „Standpunkten“ irgendwo einfach auszupacken, meine Ideen möglichst wirkungsvoll „anzupreisen“ (auch wenn es mich als Herausforderung reizt und mir Spaß macht, und auch diesmal wieder Spaß gemacht hat). Was mich hingegen wirklich zufrieden und glücklich macht, sind Gespräche und Debatten mit offenem Ausgang und überraschenden Wendungen. Das erfordert natürlich ein völlig anderes „Setting“ als ein Kongresspodium. Es erfordert zum Beispiel langsameres Reden, aktives Zuhören, Pausen zum Nachdenken, das Ausgehen von eigenen Erfahrungen, das Erzählen von Geschichten, weniger Gewissheit, mehr Fragen und Zweifel. Weniger Spektaktuläres, weniger Schlagzeilenträchtiges.

Simone Weil hat einmal gesagt, die intensivsten politischen Debatten, diejenigen, bei denen wirklich etwas Neues geboren wird, finden zwischen „zwei oder drei“ Menschen statt, nicht in Massenveranstaltungen. Sie empfahl das als politische revolutionäre Praxis: das bewusste Gespräch in kleinen Gruppen. Wahrscheinlich hat es auch das beim Kongress gegeben. Die kleinen Gruppen, die informellen Gespräche in den Pausen, auf dem Gang. Vermutlich haben sich Bekanntschaften ergeben, Verabredungen, Inspirationen. Keimzellen für politische Ideen, Gebärmütter für das noch Ungedachte, noch Ungeborene. Nicht einen neuen Standpunkt, sondern etwas anderes, was es bisher noch nie gegeben hat. Ideen, Ressourcen, Wege, die das Gegebene transzendieren. Und alles anders machen. Diese dichten Momente, die es durch Kreativität, Offenheit und gegenseitiges Vertrauen ermöglichen, dass ein neuer Gedanke erstmals in der Welt ausgesprochen wird. Sie sind das eigentliche Zentrum der Revolution, und es ist ihr Schicksal, dass keine Zeitung darüber schreibt, kein Herrscher vor ihnen Angst hat, weil sie eben ganz klein und schutzlos sind, so wie jedes Baby.

Dafür sind diese Situationen und Ressourcen, aus denen Neues entsteht, alles andere als knapp und begrenzt. Es sind nicht nur regenerative Ressourcen, sie sind sogar in schier unendlicher Fülle vorhanden, ebenso wie die Sprache unendliche Möglichkeiten und Wendungen enthält, mit denen wir die Welt in Worte fassen und dadurch formen können.

Ob der Drang zu materiellem Wachstum – um noch mal auf das Kongressthema zu kommen – vielleicht auch daher kommt, dass diese Fülle, diese Unendlichkeit von unentdeckten Möglichkeiten, die die Welt für uns bereit hält, nicht wertgeschätzt, nicht gepflegt, ja häufig nicht einmal wahrgenommen wird? Die Unendlichkeit dessen, was wir mit Sprache ausdrücken können, die Unendlichkeit der Möglichkeiten, die die Beziehungen mit Anderen mir bieten, die riesige Fülle der menschlichen Pluralität?

Ebenfalls zum Thema: “Politik verkörpern statt Stellung beziehen”


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Rape is always about power and domination; it is sexualized violence.

Im Zusammenhang mit der Strauss-Kahn Affäre und der Berichterstattung dazu habe ich mich doch sehr gehörig darüber gewundert, dass unsere Qualitätsmedien von taz bis Spiegel auch heute noch allen Ernstes der Meinung sind, dass Vergewaltigung und Sex irgendwie dasselbe sind. Oder doch zumindest so eng verwandt, dass man in Überschriften das eine durchaus mal für das andere verwenden kann.

Ich will mich in den nächsten Tagen drüben im Liebe- Blog einmal genauer mit dem Zusammenhang von Sexualität und Gewalt beschäftigten. Aber es wird noch etwas dauern, bis ich dazu komme. Einstweilen dokumentiere ich hier eine soeben veröffentlichte Stellungnahme von Feministinnen aus verschiedenen Ländern, die noch einmal das Selbstverständliche klarstellen: Dass es bei Vergewaltigung NICHT um sexuelle Lust geht, sondern um die Lust an Macht und an Dominanz.

Feminists Demand Let Justice Be Done

Rape and sexual harassment of women are pervasive at all strata of society and in all corners of the globe. Women will never be fully free and able to enjoy equality with men until this ends. As feminists, we see the arrest of former International Monetary Fund director Dominique Strauss-Kahn on sexual assault charges as an opportunity to increase public awareness and as a wake-up call to renew action against sexual violence, not only in the US where his arrest occurred and in France, where media and many public figures are portraying him as the victim, but around the world.

We join French feminists in saying that just as Strauss-Kahn is innocent until proven guilty, his accuser must also be respected and believed to be credible unless proven false. We commend her employer, Sofitel, and the action of the NYC Police for taking her complaint seriously. We call for feminists around the world to join with her union (New York Hotel and Motel Trades Council Local 6) in collecting funds for legal and daily expenses, as her work is now curbed and life circumstances vastly altered. Funds and support are urgently needed to counter a common dynamic in these cases—the pressure to settle out of court for a fee. Contributions can be sent to Judson Memorial Church (attention Women’s Fund) 55 Washington Square South, New York, NY 10012-1018. The rich and powerful must not be allowed to buy the silence of victims; this crime must have its day in court.

We also share French feminist indignation at the deliberate and opportunistic confusion of seduction and sexual violence, from Strauss-Kahn’s declaration that he “loves women,” to the journalists and politicians who rally behind this “Great Seducer.” It is outrageous that the allegation of attempted rape during the course of a housekeeper’s work day raises issues about this woman’s life story and sexual history. And portraying powerful Strauss-Kahn as “too civilized” to commit a violent crime plays upon colonial and racist stereotypes vis-à-vis an African immigrant woman.

We adamantly oppose all harassment, sexual violence and rape, and we know that when there is a large discrepancy between the power, the wealth and racial hierarchy of the parties involved, justice is even harder to come by. All rapists and harassers believe they are entitled, and often when they are part of the power elite they assume that influence will outweigh the legal protection and freedom from coercion all women should enjoy. Feminists around the world demand that justice be done.
Women of all countries, unite!

This statement was initiated by the following feminists:
Bettina Aptheker, CA, U.S. – Lori Askeland, OH, U.S. – Eleanor J. Bader, NY, U.S. – Rosalyn Baxandall, NY, U.S. – Halina Bendkowski, Berlin, Germany – Saliha Boussédra, Toulouse, France – Eileen Boris, CA, U.S. – Ariel Dougherty, NM, U.S. – Roxanne Dunbar-Ortiz, CA, U.S. – Judith Ezekiel, Toulouse, France – Francisca de Haan, Amsterdam, the Netherlands – Myrna Hill, CA, U.S. – Merle Hoffman, NY, U.S. – Barrie Karp, NY, U.S. – Bea Kreloff, NY, U.S. – Tobe Levin von Gleichen, Frankfurt, Germany – Ilana Lowy, Paris France – Fran Luck, NY, U.S. – Claire G. Moses, VA, U.S. – Marge Piercy, MA, U.S. – Fanette Pollack, NY, U.S. – Marilyn Porter, Newfoundland, Canada – Deborah Rosenfelt, MD, US – Kathryn Scarbrough, NJ, U.S. – Donna Schaper, NY, U.S. – Lise Vogel, NY, U.S. – Suzanna Walters, IN, U.S. – Naomi Weisstein, NY, U.S. – Barbara Winslow, NY, U.S. – Laura X, CA, U.S. -

Also signed by:
Carol Hanisch, NY, U.S. –
Jane Barry, PA, U.S. – Nancy Krieger, MA, U.S. – Vicki Nichols, VA, U.S. – Mary Carlson, CA, U.S. – Shailja Patel, Nairobi, Kenya – Elaine Shinbrot, NJ, U.S. – Barbara Rylko-Bauer, MI, U.S. – Amanda Frisken, NY, U.S. – Dabney Evans, GA, U.S. – Trude Bennett, NC, U.S. – Amy Kessleman , NY, U.S. – Therese McGinn, NY, U.S. – Carolina Neiva Viancello, Brussels, Belgium – Comfort Momoh, London, UK – Naana Otoo-Otortoy, London, UK – Abebah Tekleab, Stockholm, Sweden – Khady Koita, Tervuren, Belgium – Ambara Hashi Nur, Aarhus, Denmark – Etenesh Hadis, Vienna, Austria – Batulo Essek, Helsinki, Finland – Julie Kakiese, Brussels, Belgium – Fana Habteab, Uppsala, Sweden – Maretta Short, NJ, USA – Martha Vicinus, MA, USA – Rosalind Petchesky, NY, U.S. – Lauri Andress, TX, U.S – Susan Reverby, MA, U.S. – Leslie Dubbin, CA, U.S. – Ellen Ross, NY, U.S. – Temma Kaplan, NY, U.S. – Troy Shinbrot, NJ, U.S. – Roberta Salper, MA, U.S. – Stephanie Gilmore, DE, U.S. – Susan Brownmiller, NY, U.S. – Laura Anker, NY, U.S. – Kathleen Slaon, CT, U.S. – Chris Coombe, MI, US – Abby Lippman, Quebec, Canada – Linda Stein, NY, U.S. – Rosemary Szegda, NJ, U.S. – Estelle Regolsky, MA, U.S. – Brigitte Bramie, Paris France – Guylène Deasy, NC, U.S. – Monique Dental, Paris, France – Alice Ngyone Endamne, CA, U.S. – Jules Falquet, Paris, France – Suzy Rojtman, Paris, France – Maya Surduts, Paris, France – Anne-Marie Viossat, Paris, France – Rebecca Whisnant, OH, US – Bronwyn Winter, Sydney Australia – Estelle B. Freedman, CA, U.S. – Anne-Emanuelle Birn, Ontario, Canada – Juliet Ash, London, England – Barbara Garson, NY, U.S. – Laura Flanders, NY, U.S. – Marilyn Zivian, CA, U.S. – Nísia Trindade Lima, Rio de Janeiro, Brasil – Heather Booth, Washington, DC, U.S. – Eve Ensler, Paris, France – Leila J. Rupp, CA, U.S. – Kathryn Kish Sklar, NY, U.S. – Joan Ditzion, MA, U.S. – Sonia Fuentes, FL, U.S. – Chandra L. Ford, CA, U.S. – Aida Hurtado, CA, U.S. – Alison Williams, NJ, U.S. – Elizabeth Pleck, IL, U.S. – Shelley Fisher Fishkin CA, U.S. – Leslie J. Reagan, IL, U.S. – Leisa D. Meyer, VA, U.S. – Katha Pollitt, NY, U.S. – Yanar Mohammed, Baghdad, Iraq – Sonia Jaffe Robbins, NY, U.S. – Alia Shinbrough, NJ, U.S. – JoAnn Jaffe, Saskatchewan, CA. – Dee Appleby, SC, U.S. – William Scarbrough III, SC, U.S.

hier noch eine gute Analyse von Nils Minkmar in der FAZ zum Thema


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Die “radikal-feministische Matriarchatsbewegung” im Shitstorm

Beim Matriarchats-Kongress in St. Gallen. Foto: Ina Praetorius

Oh je, die „radikal-feministische Matriarchatsbewegung“ hat sich am vergangenen Wochenende zu einem Kongress in St. Gallen getroffen – und die Schweizer Medien liefen zu Panik auf. „Vorträge und spirituelle Rituale“ hielten „die siebzigjährige“ Heide Göttner-Abendroth und „ihre radikal-feministische Bewegung“ ab, und das Ganze wurde von der Stadt St. Gallen auch noch mit der unglaublichen Summe von 5000 Franken unterstützt.

Aufgedeckt hat diesen Skandal die NZZ, und ihr Kronzeuge waren der evangelische „Sekten-Experte“ Georg Otto Schmid, für den die „Feministinnengruppe“ eine fundamentalistisch-religiöse Bewegung ist, und Martina Schäfer vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund, die behauptete, Göttner-Abendroth würde „die Priesterinnen propagieren und Menschenopfer glorifizieren“. Selten so einen Quatsch gelesen!

Über den Umgang der Medien mit dem „Matriarchatsflügel“ der Frauenbewegung wollte ich eigentlich vor zwei Jahren schon mal was schreiben. Damals gab es nämlich einen ähnlichen Kongress in Karlsruhe, eine große Sache, 450 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, aber in den Medien kam das nicht vor. Wahrscheinlich deshalb nicht, weil sich damals kein Sektenbeauftrager gefunden hat, den man als Zeugen anrufen konnte. Und so viel Mühe, sich selber in das Thema einzuarbeiten, macht sich natürlich kein vernünftiger Journalist.

Ich will aber gar nicht über die Medien lamentieren, von denen ich mir im Bezug auf das Verständnis für feministische Diskurse ohnehin nicht viel erwarte. Sondern ich möchte darauf hinweisen, dass sich hier eine Spaltung innerhalb der politischen Bewegung der Frauen zeigt, die bis heute schädliche Nebenwirkungen hat. Die Spaltung reicht bereits in die 1970er Jahre zurück, als sich „politische“ und „spirituelle“ Frauen voneinander entfernten (oder erst gar nicht zusammen kamen).

Die Konflikte waren durchaus ernst zu nehmen, und ich selbst würde mich inhaltlich eher auf der „politischen“ Seite verorten. Aber im Lauf der Jahrzehnte ging die Spaltung darüber hinaus. Die inhaltlichen Differenzen wurden sozusagen überlagert und erweitert von Differenzen der politischen Praxis, die man, vielleicht etwas verkürzt, aber doch einordnen könnte in eine „realpolitische“ und eine – tatsächlich – „radikal-fundamentalistische“ Strategie.

Die „politischen“ Feministinnen haben sich inzwischen weitgehend in die bestehenden gesellschaftlichen und staatlichen Strukturen integriert. Aus autonomen Frauenzentren wurden staatlich finanzierte Beratungs- und Hilfseinrichtungen, aus der Kritik an männlich-politischen Strukturen wurden bei den Verwaltungen angestellte Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte, und radikale Ideen finden sich höchstens noch an den Universitäten, wo ihre Radikalität in wissenschaftlichem Jargon untergeht und über kleine akademische Kreise hinaus kaum Alltagswirkung hat. Der öffentliche Diskurs über Frauen und Männer ist heillos in blau und rosa verkitscht oder beschränkt sich auf Karriere- und Sexyness-Tipps und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Und das ist der Grund, warum ich den Gestus, die Alltags-Radikalität und das Selbstbewusstsein bewundere, mit der die „Matriarchats-Feministinnen“ im konkreten Handeln und Leben deutlich machen, dass sie das Patriarchat nicht verbessern oder gendergerecht reformieren wollen, sondern seine grundsätzlichen Strukturen hinterfragen. Und zwar nicht in nur in der Theorie, sondern im konkreten Versuch, Alternativen zu denken und zu leben. Auch wenn ich viele ihrer Schlussfolgerungen nicht teile, so halte ich ihre Entschlossenheit, sich nicht anzupassen und nicht vereinnahmen zu lassen, für beispielhaft.

Ganz abgesehen davon, dass viele ihrer Forschungen und Erkenntnisse zur Geschichte der Entstehung des Patriarchats wichtig und klug sind. Ohne die Arbeiten von Frauen wie Heide Göttner-Abendroth oder Gerda Weiler und vielen anderen wären wir heute nicht da, wo wir sind – auch die Emanzipations- und Gender-Feministinnen nicht.

Ina Praetorius, die beim Kongress in St. Gallen ein kritisches Referat gehalten hat, kommentierte den anschließenden medialen Shitstorm mit den Worten: „Das Hauptproblem an dieser Kampagne gegen den Matriarchatskongress ist nicht, dass die Veranstalterinnen keine Kritik verdient hätten, sondern dass sich auf absehbare Zeit wieder keinE GeschichtslehrerIn trauen wird, das Wort „Matriarchat“ und angrenzende Begriffe auch nur vorsichtig-hypothetisch in den (Klassen-)Raum zu stellen.“

Genau so ist es. Die Matriarchatsforschung ist aber ein wichtiger und wesentlicher Teil der feministischen Ideengeschichte. Sie sollte zu unserem kulturellen Repertoire gehören und entsprechend gewürdigt werden.

Hier noch ein Blogpost von Inge Jahn, die bei dem Kongress war


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Genderdiskurse sind nicht objektiv. Und das ist gut so.

Bei Diskussionen über Frauen und Männer, den Feminismus und die Welt stört es mich sehr, wenn darüber gesprochen wird wie über das Wachstum der Butterblume oder die Konstruktionspläne eines Automotors – also sachlich, distanziert, „objektiv“. So als seien Frauen, Männer und die Geschlechterdifferenz ein „Thema“, das von irgendwelchen ExpertInnen „wissenschaftlich“ untersucht, analysiert und kategorisiert werden kann.

Besonders schlimm ist das natürlich im biologistischen Umfeld, wo Hirn- oder GenforscherInnen irgendwelche Versuchsreihen veranstalten und am Ende kommt heraus, dass Frauen so und Männer so sind und dass Gene, Hormone, Gehirnströme oder was auch immer dafür verantwortlich wären, aber jedenfalls nicht die Frauen und Männer selber.

Aber auch die meisten sozialwissenschaftlichen Annäherungen sind nicht wesentlich besser. Zwar sehen sie immerhin, dass Frausein und Mannsein gesellschaftliche Konstruktionen sind, allerdings verzetteln sich dann leicht in dem Bemühen, die Art und Weise dieser Konstruktionen zu beschreiben. Am Ende führt das zu dem Ergebnis, dass sich eigentlich überhaupt keine sinnvollen Aussagen zur Geschlechterdifferenz treffen lassen und man die Worte „Frau“ und „Mann“ eigentlich nur noch in Anführungszeichen benutzen kann.

Beide Diskurse geben vor, einander zu kritisieren und scheinen auf entgegen gesetzten Enden des diskursiven Spektrums zu stehen. Aber an diesem Punkt sind sie eben Jacke wie Hose: Sie behandeln das Frausein und Mannsein sowie die darin liegenden Konflikte und Themen als „Untersuchungsgegenstand“ und beanspruchen, ihn von einer distanziert-neutralen Warte aus zu erfassen.

Aber das geht nicht. Denn wir alle – inklusive der Forscherinnen und Forscher selbst – sind ein Teil des Themas. Ich bin eine Frau. Ich kann über Frausein nicht objektiv sprechen, denn dieses „Objekt“ ist Teil meines Subjektseins. Das, worüber dabei verhandelt wird, ist nichts, was mich unbeteiligt und neutral dabei stehen ließe, sondern es betrifft mich unmittelbar persönlich.

Das hört sich auf den ersten Blick an, als würde die Sache dadurch noch komplizierter. Aber in Wirklichkeit wird sie dadurch sehr viel einfacher. Denn ich weiß nicht nur theoretisch etwas über die Geschlechterdifferenz, sondern ich verkörpere sie. Sie „durchquert“ mich, sie begleitet mich im Alltag, sie überrascht mich, sie ärgert mich, sie langweilt mich – aber sie ist niemals objektiv und unabhängig von mir vorhanden. Ich selbst bin das Korrektiv jeder Forschung (und auch jedes Klischees), und zwar aufgrund der simplen Tatsache, dass ich eine Frau bin, woran nichts auf der Welt etwas ändern kann.

Ich muss mein Frausein nicht definieren oder gar durch irgendeine Performance von Weiblichkeit unter Beweis stellen. Es ist einfach so. Und mehr noch: Diese Tatsache stattet mich mit Erkenntnismöglichkeiten aus, die keine Wissenschaft jemals haben könnte. Ich bin die Forscherin und der Untersuchungsgegenstand in ein und derselben Person. Perfekt.

Viele Menschen scheinen dieses unabänderliche persönliche Verwobensein in das Frau-Mann-Thema als Problem zu sehen. So nach dem Motto: Was für ein Skandal, dass wir als kleine wehrlose Babies zur Welt kommen und sofort in dieses Zwangskorsett der „Heteronormativität“ gequetscht, also für weiblich (oder männlich oder uneindeutig) erklärt werden, mit dem ganzen Rattenschwanz der da dranhängt.

Sicher, vieles von dem Rattenschwanz ist tatsächlich Mist, den es beiseite zu räumen gilt, und da sind wir ja auch längst dabei. Aber was das Prinzip betrifft, so bewerte ich es genau andersrum: Dass ich „betroffen“ bin, dass ich also eine Frau bin, egal was ich tue oder was andere tun, ermöglicht es mir, in diesem Diskurs souverän zu bleiben. Denn egal, was irgendjemand über das Frausein erzählt, es muss sich im konkreten Leben, anhand meiner Person also, bewähren, oder es ist bedeutungslos. Wenn mir zum Beispiel einer erzählt, Frauen wären nicht aggressiv, kann ich ihn meine grade Rechte spüren lassen (muss aber nicht). Wenn mir eine erzählt, der Platz der Frau sei an der Seite eines Mannes, kann ich  sie auslachen oder bemitleiden oder zum Feminismus bekehren.

Diese Souveränität, die daraus resultiert, dass mein Frausein eine Tatsache ist, die mir nicht verloren gehen kann, ermöglicht mir letzten Endes dann sogar eine gute Portion Gelassenheit im Bezug auf alle möglichen Forschungsergebnisse. Biologistische Studien können ja in der Tat recht aufschlussreiche Erkenntnisse bringen, und sozialwissenschaftliche Theoreme entwickeln oft Gedankengänge, auf die ich selber noch nicht gekommen bin, bei denen mir aber das ein oder andere Licht aufgeht. Ich muss weder über das eine noch über das andere echauffieren. Für wissenschaftliche Erkenntnisse welcher Art auch immer bin ich dankbar und aufgeschlossen – vorausgesetzt allerdings, sie erheben nicht den Anspruch, besser über mein Frausein Bescheid zu wissen als ich selber.

Denn diesbezüglich habe ich das letzte Wort. Und sonst niemand.

Okay, dann kommt natürlich eine andere und behauptet etwas anderes, und dann diskutieren wir und streiten uns, überzeugen einander oder auch nicht, lernen voneinander oder auch nicht. Mit anderen Worten: Wir machen Politik. Subjektiv, souverän und in aller (weiblicher) Pluralität. Aber genau darum geht es ja.


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