Der Konditor und die Fachverkäuferin

Man kann ja über den Sinn und Unsinn von Blogcharts vieles sagen, aber auch bei den Unsinnigsten gibt es manchmal Fundstücke. Über @annnalist erfuhr ich gestern von einer skurrilen Veranstaltung namens “Frauen Blog-WM 2011″, an der sich lauter Blogs beteiligen, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Aber sonntags morgens im Bett bei Regen hat man ja Zeit für sowas, und so blätterte ich mich mal durch, und wurde auch schon im zweiten Blog fündig mit ganz prächtigem Material für hier.

In ihrem Blog “Narrare” stellt die Journalistin Silke Liebig-Braunholz ein Video vor, mit dem der Deutsche Konditorenbund für seine Ausbildungsberufe Konditor (sic!) und Fachverkäuferin (sic!) wirbt. Produziert wurde das laut Liebig-Braunholz von Studenten (und Studentinnen? Ich fürchte, ja!) der “Köln International School of Design” in einem dreiwöchigen Projekt. Herausgekommen ist eine unglaubliche Ansammlung von Geschlechterklischees inklusive halbnackter Frauen, die aus Kisten steigen.

Es ist zum Haare raufen, und man möchte diesen angehenden Möchtegern-Designer_innen zurufen: Schaltet Ihr auch manchmal euer Gehirn ein, bevor ihr war produziert? Nur ein bisschen? Und was sind das für Dozenten oder Dozentinnen, die das durchgehen lassen?

Meine Meinung: Note 6, setzen. (Und hoffentlich erwägt niemand hier eine Lehre als Fachverkäuferin im Konditorenhandwerk. Mädels: Da verdient man nix. Und außerdem ist man in diesem Beruf offensichtlich von lauter Dösduddeln umgeben!)


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Die Männer-Frauen-Endlosschleife

In seiner aktuellen Folge beschäftigt sich der “Elektrische Reporter” unter anderem mit dem Thema “Männer und Frauen”. Schön, denkt die Feministin, schauste dir doch mal an.


Elektrischer Reporter – 005: Männer und Frauen, Reibung und Worte ohne Sinn.

Leider ist der Beitrag geradezu ein Lehrstück geworden für das, was falsch läuft im medialen Diskurs zu dem Thema. Hier die drei Punkte (und sie sind beliebig anwendbar auf gefühlte 99 Prozent aller Medienbeiträge):

1. Obwohl es angeblich um “Männer und Frauen” gehen soll, geht es doch nur um Frauen. Das ist ein alter Hut. Frauen repräsentieren die Geschlechterdifferenz, Männer den “Normalfall”. Wenn die Differenz thematisiert wird, reicht es also, über Frauen zu reden. Die Frage ist nicht: Was machen Frauen und Männer unterschiedlich? Sondern: Was machen Frauen anders als Männer? Grrrr.

2. Daran, dass sie weniger von den jeweiligen Fleischtöpfen abbekommen, im Falle Internet also Aufmerksamkeit und Klicks und Blogcharts, sind die Frauen selbst schuld. Sie müssen dringend von den Männern lernen. Auf die Idee, dass mit diesen Fleischtöpfen etwas nicht stimmen könnte, kommt man nicht. Man kommt nicht mal auf die Idee, die Frage zu stellen.

3. Mit den Männern kann demnach auch alles bleiben, wie es ist. Warum sollten sie auch was abgeben? Kann man ja wirklich nicht erwarten. Am Ende des Beitrags fiel das interessante Wort “Männerspielplatz”. Ein leiser Hauch von Hinweis auf die eigentlich interessante Frage: Tut das der Welt, dem Internet, der Allgemeinheit gut, was die Männer da so machen? Soll das so bleiben? Wie (fast) immer wurde dieses Thema inhaltlich nicht verfolgt, denn…. (und hier bitte in Endlosschleife zurück zu Punkt 1).


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Das einzige Mittel gegen Fakes: Körperkontakt!

Man kann im Internet eine falsche Identität vortäuschen, das ist lange bekannt. Und man kann sie sogar sehr gut vortäuschen, wie Tom Mac Master uns gerade bewiesen hat: Mit seinem Blog, in dem er so tat, als sei er eine junge lesbische Aktivistin in Syrien, hat er weltweite Aufmerksamkeit bekommen hat. Viele haben ihm geglaubt.

Die moralische Entrüstung ist nun groß, und natürlich ist auch der Schaden groß. “You took away my voice, Mr MacMaster, and the voices of many people who I know” schreibt etwa Daniel Nassar, Herausgeber des  Gay Middle East blog. „Weiße Privilegienpimmel, die sich als Lesbians of Color ausgeben. Diese Form von Gewalt ist perfide, ekelerregend und macht sprachlos“, twitterte @lantzschi.

Aber mit Moral kommt man im Bereich des Politischen nicht weit. Das Ganze ist nur zum Teil eine ethische Frage, sondern es ist eigentlich eine erkenntnistheoretische: Inwiefern hängt die eigene Identität mit dem Inhalt dessen, was man sagt, zusammen? Tom Mac Master etwa versteht das Problem nicht. Er verteidigt sich mit dem Argument, dass er zwar nicht sei, wer er vorgegeben hat, zu sein, aber was er geschrieben hat, war doch richtig? Und man muss zugeben: Das war es ja offenbar auch, wenn viele es so gut fanden und sogar große internationale Medien ihn/sie um Interviews baten.

Was also macht die Aussage einer lesbischen Syrierin zu einer solchen? Die mediale Antwort ist klar: Die Medien schätzen es, wenn eine lesbische Syrierin möglichst gut, mitreißend und eloquent das sagt, wovon sie glauben, dass eine lesbische Syrierin es so sagt. Und genau das hat Tom Mac Master geliefert. Etwas anderes konnte er ja auch gar nicht liefern, weil er nämlich keine lesbische Syrierin ist, sondern ein amerikanischer Student. Er musste also sich vorstellen, was eine lesbische Syrierin wohl so sagen würde, und das hat er – offenbar sehr überzeugend – aufgeschrieben.

Genau so funktioniert mediale Aufbereitung von politischer Dissidenz generell: Zu Wort kommt und Aufmerksamkeit bekommt, wer als Teil einer identitären Gruppe möglichst das aufschreibt, was man im Allgemeinen von einer Person aus dieser Gruppe erwartet. Bricht eine Person diese Erwartungen, wird es kompliziert, stimmt nicht mehr mit den üblichen Zuweisungen und Vorurteilen überein, erfordert Differenzierungen – und schon ist kein Platz mehr dafür in den Medien.

In meinem Text „Jenseits von Mainstream und Nische“, den ich für das demnächst erscheinende Buch „Soziale Bewegungen und Social Media“ geschrieben habe, geht es genau um dieses Thema. Darin vertrete ich die These, dass das Internet helfen kann, dieser Verengung in den Mainstreammedien entgegen zu treten.

Nach der Mac-Master-Affäre muss ich präzisieren: Das stimmt nur dann, wenn wir die Vernetzung über das Internet bewusst und aktiv mit körperlichen Begegnungen kombinieren. Politischer Aktivismus nur über das Netz reicht nicht. Denn es gibt nur genau eine Möglichkeit, um zu überprüfen, ob diejenigen, mit denen wir uns via Internet vernetzen, auch die sind, die sie vorgeben, zu sein: Wir müssen sie treffen. Körperkontakt haben, sozusagen.

Tatsächlich merke ich an mir selbst, dass das Bedürfnis, Menschen auch persönlich zu treffen, mit denen ich mich im Internet anfreunde, sehr groß ist. Inzwischen habe ich auch schon viele getroffen. Von ihnen weiß ich, dass sie „echt“ sind und kein Fake. Und ich habe auch gemerkt, dass ich sie dann jedes Mal nach anderen ausfrage: Kennt Ihr die und den? Habt Ihr die schon gesehen?

Das ist kein Voyeurismus. Sondern Zeuginnenschaft. Wenn @ihdl mir erzählt, dass sie @lantzschi schon getroffen hat, dann bezeugt sie mir gegenüber deren Echtheit. Die Frage ist dann quasi nicht mehr, ob @lantzschi überzeugend vorgibt, die zu sein, die sie behauptet, sondern die Frage ist, ob ich @ihdl glaube, von der ich ja schon mal weiß, wer sie ist, jedenfalls so grob.

Die Frauenbewegung (und, wie ich meine, jede ernst zu nehmende soziale Bewegung) ist eine Bewegung persönlicher Beziehungen. Eben deshalb, weil es darum geht, von der eigenen Position ausgehend Neues zu denken. Also um zu erfahren, was die lesbische Syrierin möglicherweise anderes denkt, als ich selbst – die ich nämlich eine heterosexuelle Deutsche bin – mir vorstellen könnte, was eine wie sie sagen würde.

Diese Möglichkeiten sind im Internet viel besser geworden als früher. Aber eben nur dann, wenn ich mir sicher sein kann, dass die anderen kein Fake sind. Das lässt sich über moralische Forderungen nicht gewährleisten. Wir kommen, Internet hin oder her, nicht ohne Treffen aus. Nicht ohne Zeuginnenschaft für die Echtheit der anderen. Nicht ohne gemeinsames “Denken in Gegenwart“, wie Chiara Zamboni es formuliert hat. Ohne das laufen wir Gefahr, den Klischees unserer eigenen Vorurteile zum Opfer zu fallen.

Kurz und gut, wir müssen, hin und wieder, gleichzeitig im selben Raum sein. Kein Medium – auch nicht das Internet – kann das jemals ersetzen.


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Muslimische Frauenvereine in Deutschland

In der öffentlichen Debatte über “den Islam” kommen normalerweise zwei Gruppen zu Wort: Religiös konservative Männer, vorwiegend die Vorsitzenden der organisierten muslimischen Dachverbände, und säkulare, religionskritische Frauen, vorwiegend Vertreterinnen der These, dass der der Islam mit der weiblichen Freiheit prinzipiell unvereinbar sei.

Gut also, dass sich mal jemand einer anderen Gruppe zuwendet: nämlich den politisch liberalen und gleichzeitig religösen Frauenverbänden. In seiner empirisch-soziologischen Studie interviewt Markus Gamper Mitglieder aus vier muslimischen Frauenverbänden: Dem “Zentrum für Islamische Frauenforschung” in Köln, dem Netzwerk für muslimische Frauen HUDA, dem Bildungs- und Freizeitzentrum für muslimische Frauen IMAN in Darmstadt, und einem weiteren Verein, der nicht namentlich genannt sein wollte.

Die Ergebnisse sind nicht wirklich überraschend: Die Frauen kritisieren sowohl den patriarchalen und national-konservativen Mainstream in vielen Moscheegemeinden als auch den anti-islamischen Tenor in der deutschen Berichterstattung, haben emanzipatorische Grundhaltungen, schildern teilweise erschreckende Diskriminierungserfahrungen, klagen über einen zunehmenden Assimilierungsdruck. Interessant zu lesen ist das dennoch, vor allem wegen der langen transkribierten Originalzitate aus den Interviews.

Unterm Strich würde ich aber sagen, dass diese soziologische Herangehensweise dem Thema nicht wirklich angemessen ist. Dass die Interview letztlich in Form eines Fragebogenrasters in ein vorgegebenes Interpretationsschema gepresst wurden, macht die Lektüre langweilig und die Ergebnisse teilweise banal. Interessanter wäre es, wenn sich jemand mal ideengeschichtlich mit diesen Positionen auseinander gesetzt hätte: Welche neuen Argumentationsmuster in der Debatte würden sich zeigen, wenn man die Einschätzungen dieser Gruppe von Frauen ernst nehmen würde? Welche Konfliktlinien ergeben sich innerhalb der liberal-muslimischen Frauenbewegung?

Die Antworten auf solche Fragen muss sich die Leserin implizit aus den Antworten selbst erschließen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Thema steht daher leider immer noch aus.

Markus Gamper: Islamischer Feminismus in Deutschland? Religiosität, Identität und Gender in muslimischen Frauenvereinen. Transcript, Bielefeld 2011, 29,80 Euro.


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Mann am Steuer

© diego cervo - Fotolia.com

Heute im Fitnessstudio – da muss man ja manchmal hingehen, um was von der Welt mitzubekommen – lief der neue Werbespot von Skoda. Ich hatte keinen Ton, und die tollen Autos mit den glücklichen Familien drin wären wahrscheinlich einfach so an mir vorbei gerauscht, wenn nicht der Claim am Ende als Text gekommen wäre: „Jede Familie ist anders“.

Das war nämlich recht skurril, denn faktisch waren alle dargestellten Familien lächerlich gleich. Ein Mann, eine Frau, zwei Kinder, jung, weiß, mittelständisch wohlhabend, wirklich krampfhaft absurdes Klischee. In allen Autos kackte dann das kleinste Kind in die Hose, die Männer hielten sich angeekelt die Nase zu, und die Frauen hatten natürlich vergessen, die Windeln mitzunehmen.

Ich will mich gar darüber aufregen, dass hier wieder mal das große Mann-Frau-Paar inszeniert wird (das hab ich gestern schon gemacht), und auch nicht darüber, wie selbstverständlich die Frauen für die Beseitigung der Scheiße zuständig sind.

Worüber ich die folgende halbe Stunde Crosstrainer nachdachte, war vielmehr die Tatsache, dass in allen Autos der Mann am Steuer saß und die Frau daneben. Die Langlebigkeit dieser Aufteilung auch nach mehreren Jahrzehnten Gleichstellungs- und Emanzipationsbemühen ist mir schon lange ein Rätsel (ich fahre nämlich gerne Auto, sehr zur Freude gewisser Beifahrer übrigens). Gibt es irgendwo eine Studie, die erforscht hat, in wie vielen gemischtgeschlechtlich besetzten Automobilen die Männer hinter dem Lenkrad sitzen und die Frauen daneben? Ich tippe auf so 90 Prozent.

Mein Rant hier richtet sich nicht gegen Skoda oder andere Autofirmen, die in ihrer Werbung ja nur klischeehaft zuspitzen, was tatsächlich Realität ist. Ich richte mich an die Frauen, die ihren Männern standardisierterweise das Lenkrad überlassen. Hey, Frauen: Hört damit auf! Das kann so nicht weitergehen! Ihr richtet damit die Welt zugrunde!

Das meine ich nur halb spaßig. Denn das ist tatsächlich ein grundlegendes Dilemma unserer post-gleichgestellten Gesellschaften: Dass die große Mehrheit von Frauen in eine ungebrochene Selbstinszenierung des männlichen Imaginären einwilligt. Das Autolenkrad ist dafür nur ein Beispiel. (Ein anderes ist, dass die meisten Frauen nach der Heirat den Namen des Mannes annehmen, oder doch spätestens für die gemeinsamen Kinder).

Was genau ist mein Problem? Mein Problem ist, dass die Sitzverteilung im Auto und die Namensverteilung in der Familie nicht einfach privates Arrangement sind, sondern Ausdruck einer symbolischen Ordnung:

In dieser Ordnung konstituiert sich Männlichkeit wesentlich über den Zugang zu Macht und Kontrolle. Historisch ist das eindeutig – einflussreiche Positionen sind von ihrem Ursprung her als männliche Positionen konstituiert, Frauen waren davon explizit ausgeschlossen und werden bis heute nur notgedrungen „zugelassen“, vorausgesetzt, sie akzeptieren die Spielregeln. Diese symbolische „Männlichkeit“ von öffentlichen, einflussreichen Positionen erschwert nicht nur den Zugang von Frauen dazu, sondern – und das ist der wichtigere Punkt – sie verunmöglicht es auch, dass öffentlicher Einfluss sachgemäß und zum Wohle aller ausgeübt wird.

Am Beispiel „Mann am Steuer“ lässt sich das gut nachvollziehen: Männer machen viel mehr schwere Unfälle. Denn sie fahren nicht einfach Auto, um von hier nach dort zu kommen, wie es vernünftige Menschen tun würden, sondern sie fahren auch Auto, um zu zeigen, wer den längeren, größeren, schnelleren hat. Natürlich nicht alle Männer. Aber eben doch viele – immer noch. Immer dann, wenn Männer politischen (oder wirtschaftlichen) Einfluss mit einer Bestätigung ihrer Männlichkeit verknüpfen, wird es gefährlich. Denn es werden falsche Entscheidungen getroffen und falsche Weichen gestellt.

Mich interessiert aber nicht, was die Männer machen, sondern was die Frauen machen: Sie lassen das zu. Natürlich haben sie dafür gute Argumente. Wenn er doch unbedingt fahren will, soll er doch. Wieso soll ich mich auf langwierige Diskussionen einlassen, es ist doch ganz bequem auf dem Beifahrersitz. Es genügt mir, zu wissen: Wenn ich fahren wollte, dann könnte ich.

Alles richtig. Es hat sich ja auch schon einiges verbessert. Wenn der Mann betrunken ist, lässt er heute die Frau nach Hause fahren. Oder wenn die Strecke so weit ist, dass man es beim besten Willen nicht alleine schaffen kann. Oder wenn die Frau unbedingt fahren will und das deutlich sagt – normalerweise tut er ihr dann den Gefallen. Wir sind ja schließlich nicht in Saudi-Arabien, wo Frauen das Autofahren verboten ist. Das meine ich gar nicht sarkastisch, es ist wirklich eine Verbesserung, wenn man sich vor Augen führt, dass es vor ein paar Jahrzehnten eben noch anders war.

Außerdem sind die Zeiten vorbei, als die Frauenbewegung aus der Frage, wer am Steuer sitzt, eine Prinzipienfrage gemacht hat. Auf dem Fahrersitz zu bestehen, nur um des Prinzips willen, wirkt verknöchert und emanzenhaft, wer will das schon?

Kaum eine, und zu Recht. Es kann ja in der Tat nicht darum gehen, in den Wettkampf mit den Männern um den längsten, stärksten und schnellsten einzusteigen. Ich verstehe sehr gut, wenn Frauen darauf keine Lust haben – weder im Auto, noch auf der Karriereleiter. Ich habe darauf auch keine Lust.

Aber es ist eben auch keine Alternative, sich mit der theoretischen Möglichkeit, ans Steuer kommen zu können, wenn man denn nur wollte, zufrieden zu geben. Denn auf diese Weise wird die Verknüpfung von einflussreicher Position und Männlichkeit immer weiter wiederholt und befestigt. Und das schadet nicht den Frauen, es schadet der Welt!

Die italienische Philosophin Annarosa Buttarelli schreibt in einem Text, den ich gerade übersetze, dass wir heute eine zweite Revolution der Frauen brauchen. Sie fordert die Frauen zu einer „Übernahme von Verantwortung gegenüber unserer Differenz und gegenüber der Welt, die wir lieben“ auf.

Mit dieser Differenz ist nicht eine angeblich natürliche Überlegenheit oder Andersheit der Frauen gemeint, sondern eben jene Position, in der wir uns historisch befinden, die Männer aber nicht: Wir sind diejenigen, deren Geschlecht frei ist von imaginären Überladungen, die die Machtinstitutionen unserer Gesellschaft enthalten. Und deshalb haben wir ungleich bessere Möglichkeiten, diese Institutionen und Ordnungen zu verändern, was angesichts des Zustandes der Welt dringend nötig ist.

Am banalen Beispiel Auto: Weiblichkeit ist nicht symbolisch mit Autofahren verknüpft, wir bekräftigen damit nicht unsere Identität, daher können wir uns darauf beschränken, einfach nur gut Auto zu fahren. Oder auch nicht, weil der Zug eh ökologischer und bequemer ist. Wir laufen nicht Gefahr, uns kastriert vorzukommen, wenn man uns das Auto wegnimmt, oder wenn das Auto, in dem wir grade sitzen, eine lahme Krücke ist.

Natürlich gibt es auch Männer, die sich inzwischen von dieser imaginären Aufladung befreit haben, das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass diese imaginäre Aufladung trotz dieser dissidenten Männer immer noch besteht und die symbolische Ordnung prägt. Sodass Männer, die sich nicht bewusst davon befreien und andere Verknüpfungen eingehen, einfach zu leicht in die Versuchung geraten, sich wie Macker zu verhalten. Zu glauben, sie seien nur ganze Kerle, wenn sie am Steuer sitzen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Klar, wir – die Frauen und die bewusst reflektierenden Männer – wissen, dass das Quatsch ist, lächerlich, eine symbolische Unordnung. Aber diese Unordnung ist eben dennoch real. Und sie wird immer und immer wieder festgezurrt, zum Beispiel jedes Mal, wenn eine Frau es zulässt, dass der Mann sich wie selbstverständlich ans Steuer setzt, weil er, ohne darüber auch nur nachzudenken, der Überzeugung ist, das sei der natürliche angestammte Platz für Wesen seines Geschlechtes.

Deshalb, liebe Frauen: Schaut da nicht länger einfach nur zu. Willigt nicht laufend in diese Selbstinszenierung von symbolischer Männlichkeit ein.

Und wenn es nur ist, damit uns in Zukunft solche Werbespots erspart bleiben.

Update: Am Samstag vor Pfingsten haben wir auf der Autobahn (zwischen Camberg und Montabaur auf der A3) mal gezählt: Unter den Autos, wo vorne ein Mann und eine Frau saßen, war 48 Mal der Mann, 5 Mal die Frau am Steuer.


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