Einige Gedanken zum Prinzip der Rechtsstaatlichkeit

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Wer dachte, der Vorwurf der Gotteslästerung sei heutzutage antiquiert und nur noch im Repertoire einiger religiös-fundamentalistischer Hardliner vorhanden, wurde in den letzten Tagen eines Besseren belehrt. Ein Volk aufrechter Verteidiger der rechten Lehre machte sich im Internet über einen Blogpost von Nadine Lantzsch her, die es gewagt hatte, das anzuzweifeln, was heutzutage offenbar die Stelle Gottes eingenommen hat: Das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit.

Sie charakterisierte es (bzw. eigentlich kritisierte sie nur dessen derzeitige Anwendung so) als „Rotz, der von weißen europäischen Männern in mächtigen Positionen erfunden wurde, um ihren Besitzstand zu wahren und universale Menschenrechte für ihren eigenen Vorteil zu instrumentalisieren.“ Das mag polemisch formuliert sein, ist aber für sich genommen nichts Aufsehen erregendes und auch nichts, was nicht in anderer Form schon häufig von anderen ähnlich formuliert worden ist, und zwar durchaus auch von Männern – man denke, nur zum Beispiel, an den Anarchismus oder auch an zeitgenössische postkoloniale Theoretiker.

Die jetzige Aufregung wurde ausgelöst durch einen Blogpost von Udo Vetter, und das Tabu, das hier gebrochen wurde, besteht ganz offensichtlich darin, dass Nadine Lantzsch ihre Kritik mit dem Thema der Prozesse gegen Strauss-Kahn, Kachelmann und Assange verknüpft hat und also die Perspektive der Geschlechterdifferenz ins Spiel brachte. Wenn irgendjemand bisher noch Zweifel daran hatte, dass eine sehr enge (wenn auch vielleicht nicht zwangsläufige) Verbindung besteht zwischen der Verteidigung des Rechtsstaats und offener Frauenfeindlichkeit in krassester Form, muss man nur mal die fast 800 Kommentare unter dem Vetter-Blogpost durchlesen.

Ich bin schon immer der Meinung, dass das Prinzip Rechtsstaatlichkeit nur schlecht bis gar nicht geeignet ist, um das Thema der sexuellen Gewalt befriedigend zu lösen, einfach deshalb, weil es sich hier in der Regel um gestörte Beziehungen handelt, während das Prinzip des Rechtsstaats gerade die Abwesenheit bzw. Irrelevanz von persönlichen Beziehungen voraussetzt – eine Auffassung, bei der mir, nur um das klarzustellen, auch viele Frauen widersprechen, die sich für eine Integration auch dieser zwischenmenschlichen Probleme in rechtsstaatlichen Bahnen einsetzen.

Aber die Unvereinbarkeit zwischen Frauen und dem Prinzip des Rechtsstaats geht noch tiefer. Ganz objektiv ist das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit eines, das vor allem dazu erfunden wurde, um Konflikte unter Männern zu regeln: Von allen Inhaftierten in Deutschland sind lediglich 5 Prozent Frauen, bei den rechtskräftig Verurteilten sind es 16 Prozent. (Quelle) Was die schweren oder „gemeingefährlichen“ Verbrechen angeht, so betrifft das Rechtssystem also praktisch ausschließlich Männer. Man könnte es auch zugespitzt so sagen: Würde es nur Frauen geben, bräuchten wir keine Justiz.

Ähnlich sieht es im Übrigen auf Seiten der Opfer aus. Mit Ausnahme von Sexualdelikten, bei denen die Opfer fast alle weiblich sind (über 92 Prozent) sind auch die große Mehrzahl der Opfer von Straftaten Männer oder Jungen, nämlich knapp drei Viertel zum Beispiel bei Gewaltdelikten. (Quelle)

Da wir uns wahrscheinlich alle darüber einig sind, dass der Grund für diese Ungleichverteilung nicht darin liegt, dass Frauen die besseren Menschen und generell brave Lämmchen sind, bleibt nur eine Schlussfolgerung: Die Themenbereiche, um die es geht, wenn Frauen in zwischenmenschliche Konflikte über Richtig und Falsch, Gut und Böse involviert sind, werden nur zum Teil und quasi zufällig vom „Prinzip Rechtsstaatlichkeit“ abgedeckt. Es ist also durchaus nachvollziehbar und meines Erachtens auch notwendig, dass Frauen eine distanzierte Haltung zu diesem Komplex einnehmen.

Die Frage ist nur, wie. Bedeutet es, dass wir auch hier in Richtung auf eine „Gleichstellung“ arbeiten müssen, dass wir Gesetze und Verfahrensregeln so verändern sollten, dass irgendwann eine annähernde Gleichverteilung zwischen männlichen und weiblichen Inhaftierten besteht? Wären erst dann die Konflikte und Probleme unserer Gesellschaft angemessen erfasst? Oder könnten wir nicht besser überlegen, inwiefern die Lebenspraxis von Frauen andere Regulierungs-, Bestrafungs- und Aussöhnungsmechanismen enthält, die vielleicht auch Anhaltspunkte dafür geben, die negativen Seiten der „Männerjustiz“ (die ja, wie gesagt, auch von Männern allenthalben bemerkt und problematisiert werden) zu bearbeiten?

Das geht natürlich nicht, wenn das Bekenntnis zum Rechtsstaat quasi zur Vorbedingung für jede politische Diskussion gemacht wird. Wobei ich die Bedenken, die von männlicher Seite gegen einen solchen Tabubruch vorgebracht werden, durchaus nachvollziehen kann.

„Damit verabschiedeten wir uns gesamtgesellschaftlich ins frühe Mittelalter oder noch dunklere Zeiten“ befürchtet etwa Udo Vetter. Und der Rechtsanwalt Carsten R. Hoenig schreibt in seiner Anti-Lantzsch-Polemik: „Das deutsche Straf- und Strafprozeßrecht hat ganz massive Mängel und gehört aus Sicht eines Strafverteidigers an vielen Stellen korrigiert. Aber ich kenne keine real existierende Alternative, die dem angestrebten oder auch nur  meinem Ideal einer Einzelfallgerechtigkeit näher kommt.“

Damit formulieren beide ziemlich klar, warum es ihnen so schwer fällt, etwas auf den Rechtsstaat kommen zu lassen: Sie können sich keine Alternativen vorstellen. Die einzige Alternative, die ihnen einfällt, ist das Mittelalter oder noch dunklere Zeiten – mit denen vermutlich absolutistische Diktatoren oder Adolf Hitler gemeint sind.

Und das ist ja richtig: Wenn man sich die Geschichte der von Männern (für Männer) gemachten politischen Systeme anschaut, dann ist der derzeitige moderne Rechtsstaat wohl tatsächlich besser als alles andere, was es schon gegeben hat. Aber die folgende Binsenweisheit muss eben auch gesagt werden: Nur weil sich jemand nichts anderes vorstellen kann, heißt das nicht, dass es nichts anderes gibt oder auch nur geben könnte.

Was könnte dieses andere sein? Das weiß ich auch nicht, denn die Herausforderung besteht ja heute gerade darin, auf der Grundlage der bisherigen Geschichte neue gesellschaftliche Formen zu erfinden, die nicht mehr auf den etablierten Fundamenten unserer politischen Strukturen beruhen können, die wesentlich auf dem Ausschluss der Frauen gründen. Sondern die neu geschaffen werden anhand der heutigen, weltgeschichtlich noch nie da gewesenen Situation: Der Tatsache, dass Frauen als freie Subjekte darin maßgeblich involviert sind. Was dabei herauskommt, steht schlicht noch nicht fest, fest steht nur, dass es so, wie bisher, nicht weiter gehen kann.

Ich kann aber, für diejenigen, die es interessiert, einige Hinweise geben auf das, was ich zusammen mit politischen Freundinnen zu diesem Thema bereits diskutiert habe und einige Spuren legen, in welche Richtung es dabei vielleicht gehen könnte.

Ein Hauptproblem des derzeitigen Rechtsstaatsprinzips habe ich schon angesprochen: Das Absehen von jeder persönlichen Beziehung und die Fiktion, man könne Menschen „als Gleiche“ behandeln. Dies ist nie mehr gewesen als ein hehres Ideal, das in der Realität nie erreicht wurde – immer und überall bevorteilt die Justiz, wenn auch nicht in der Theorie, so doch in der Praxis – die Reichen, Gebildeten und Privilegierten. Man kann vielleicht die krassesten Auswüchse dieses Defektes eindämmen (und es spricht natürlich nichts dagegen, das zu tun, solange das Rechtsprinzip in Kraft ist), aber wirklich befriedigend wird das Ergebnis nicht werden. Die Überlegungen müssten also dahin gehen, wie die Themen von gut und böse, richtig und falsch bei Konflikten bearbeitet werden nicht unter Absehung der Person, sondern unter Einbeziehung ihrer Individualität, der Beziehungsstrukturen und konkreten Umstände.

Ein zweites Problem ist die irreale Idee, durch das rechtsstaatliche Verfahren wären die Konflikte und Ungerechtigkeiten der Vergangenheit aus der Welt geschafft, und ein Verbrecher, der seine Strafe abgesessen hat (oder der, etwa aus Mangel an Beweisen oder weil er einen guten Anwalt bezahlen konnte, gar nicht erst verurteilt worden ist), wäre anschließend wieder so unschuldig und rein wie ein neu geborenes Kind. (Hier spielt auch die problematische Konstruktion der Unschuldsvermutung herein, über die ich schon einmal gebloggt habe). Im wirklichen Leben funktioniert das „von vorne anfangen“ nicht. Wer einen Menschen ermordet hat, wird sein Leben lang ein Mörder bleiben, denn jeder Mensch ist zu jedem Zeitpunkt immer die Summe der eigenen Geschichte. Diese einfache Tatsache müssen wir heute verdrängen und verleugnen, weil wir überhaupt keine kulturellen Praktiken entwickelt haben, mit Schuld umzugehen. In der Logik der Justiz kennen nur die Extreme: Knast oder Freispruch. Aber das Leben ist so nicht. (Dorothee Markert hat dazu mal etwas gebloggt).

Ein drittes Problem – und damit möchte ich es hier erstmal bewenden lassen – ist die Tendenz, dass das Rechtsstaatlichkeitsprinzip die Versuchung beinhaltet, die eigenen Handlungen nicht  mehr vor dem Hintergrund der Frage abzuwägen, ob sie richtig oder falsch sind, sondern vor dem Hintergrund, ob sie legal oder illegal sind, oder – noch krasser – wie hoch die zu erwartende Strafe ist im Hinblick auf die zu erhoffenden persönlichen Vorteile. Nach dem Motto: Schwarzfahren „kostet“ vierzig Euro, wenn ich soundsooft nicht erwischt werde, kommt es mich eventuell billiger, als ordentlich eine Fahrkarte zu kaufen. Das Rechtsstaatlichkeitsprinzip hat zur Folge, dass Böses zu tun eine Frage des dafür zu bezahlenden Preises wird – meiner Ansicht nach ist das keine gute Grundlage für eine menschen- und umweltfreundliche Kultur.


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Zwischen Kulturen. Ein Gespräch mit Safeta Obhodjas.

In meinem Podcast gibt es jetzt ein Gespräch, das ich letzte Woche mit Safeta Obhodjas geführt habe. Sie ist eine Freundin von mir, und eines unserer Dauer-Streitthemen ist die Integrationsdebatte, wo sie – anders als ich – eine “multikulti-kritische” Position hat. Ich dachte mir, es ist interessant, das mal mitzuschneiden. Es geht um ihre Erfahrungen mit multikulturellem Zusammenleben im früheren Jugoslawien, die Schwierigkeit, Kritik an der (eigenen) muslimischen Community zu üben und ihre Eindrücke vom Stand der Integrationsdebatte in Deutschland.Das Gespräch dauert eine knappe Stunde. Direkt zum Podcast hier.

Hier noch die Links zu den Texten, die wir dabei ansprechen:

Safetas Erzählung “Dzammilas Vorbild”
Ihr Essay über die Frauenbewegung in Jugoslawien
Weitere Texte von ihr auf bzw-weiterdenken.de
Ihre Homepage


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Warum werden so wenige Männer Lehrer?

Heute kam mir eine Meldung auf den Schreibtisch, wonach unter denen, die kürzlich in Hessen ihr zweites Staatsexamen Lehramt abgelegt haben, nur 30 Prozent Männer waren. Beim Lehramt an Grundschulen waren es sogar nur acht Prozent. Auf den ersten Blick sind die Zahlen nicht sehr überraschend, aber irgendwie doch. Denn immerhin haben wir seit einigen Jahrzehnten nun schon eine Diskussion darüber, dass mehr Männer in die Kindererziehung involviert sein sollten, aber es scheint ja in der Praxis nicht wirklich zu funktionieren.

Fast scheint es mir schon so zu sein, dass das Gegenteil zu beobachten ist: Immerhin war Gymnasiallehrer bis vor einiger Zeit noch ein Männerberuf – man denke nur an den legendären Lehrer Lämpel von Wilhelm Busch. Aber auch in den Gymnasien und Realschulen werden es offenbar immer mehr Frauen, die unterrichten. Und in den niedrigeren Jahrgangsstufen bewegt sich nicht viel.

Update: Soeben habe ich vom Statistikamt die genauen Zahlen bekommen und konnte nun die Entwicklung über die letzten dreißig Jahre nachverfolgen. Demnach ist der Männeranteil am Lehramt-Staatsexamen seit 1980 deutlich geschrumpft: Von 45 Prozent auf 30 Prozent. Den größten Rückgang gab es bei den Gymnasien, wo 1980 die Männer mit 57 Prozent noch in der Überzahl waren . Heute kommen sie nur noch auf 37 Prozent. Bei Grundschulen über den gesamten Zeitraum bei rund 10 Prozent stabil gewesen. Interessant in dem Zusammenhang ist, dass dieser Männer-Rückgang im Lehramt nicht geradlinig verlaufen ist. Zwar ist die Entwicklung kontinuierlich, den Haupt-Abfall hat es aber bereits in dem Jahrzehnt zwischen 1980 und 1990 gegeben! Das heißt, es gibt Anlass zu der Hoffnung, dass es sich wenigstens ungefähr auf dem jetzigen Level einpendelt.

Die gängigen Erklärungsversuche finde ich nicht wirklich überzeugend – auch wenn sie natürlich einen gewissen Anteil haben. Zum Beispiel die Sache mit dem Geld: Sicher kann man in anderen Berufen mehr verdienen, aber so grottenschlecht ist die Bezahlung im Lehramt nun auch wieder nicht (übrigens nicht einmal bei den Erzieherinnen). Außerdem gibt es durchaus auch Bereiche, in denen schlecht bezahlt wird, und die doch viele Männer attraktiv finden, derzeit zum Beispiel der ganze Kreativ- und Medienbereich. Oder Köche – die verdienen deutlich schlechter als Grundschullehrer. Auch dass die gesellschaftliche Wertschätzung nicht hoch ist, glaube ich nicht – immerhin wird überall und jederzeit betont, wie wichtig Bildung ist. Und dass der Job anstrengend ist – das stimmt sicherlich. Andererseits gibt es durchaus auch viele andere anstrengende Berufe, die Männer durchaus ergreifen.

Mir fällt schon seit einiger Zeit etwas auf, worin sich vielleicht ein interessantes Gender-Gap unserer Zeit bemerkbar macht: Bei fast jeder Veranstaltung, wo überwiegend oder ausschließlich Frauen versammelt sind, sind Bildungspolitik und die Sorge um die Zukunftsperspektiven ein Thema. Es wird so oft angesprochen, dass es mir fast schon etwas zu viel wird. Und immer bedauern die Frauen, dass es zu wenige Männer in diesen Bereichen gibt, weil sie glauben, dass das den Kindern schaden könnte und dass Kinder (vor allem Jungen) mehr männliche Bezugspersonen brauchen.

Ich mache mir eigentlich diesbezüglich nicht so viele Sorgen, weil ich finde, dass Lehrerinnen im Allgemeinen ihren Job ganz gut machen und dass es auch kein Verlust ist, dass der alte “patriarchale” Lehrertyp Marke Zucht und Ordnung aus den Schulen weitgehend verschwunden ist (ich habe noch einige von der Sorte kennen gelernt). Und ich denke auch nicht, dass Jungen heute an den Schulen per se benachteiligt werden, wie ja eine weit verbreitete These ist – dazu habe ich schon einmal was gebloggt.

Allerdings ist die Frage nach den Ursachen für den geringen Männeranteil in pädagogischen Berufen durchaus interessant. Ich glaube, dass auf Seiten der Männer einfach der Wunsch danach, mit Kindern zu arbeiten und der nachfolgenden Generation etwas mitzugeben, geringer ausgeprägt ist als bei Frauen. Und ich glaube, dass NICHT einfach nur geschlechtsspezifische Rollenklischees in der eigenen Erziehung (also der der jungen Erwachsenen, die heute einen Beruf wählen) die Ursache dafür ist.

Ich glaube, es spielt auch eine gewisse Unsicherheit auf männlicher Seite eine Rolle, auf welche Weise diese Weitergabe von Wissen, Erfahrung, Orientierung von den Älteren an die Jüngeren vonstatten gehen soll. Denn dafür gibt es auf Seiten der Männer keine guten Vorbilder mehr – nachdem eben das patriarchale “belehrende” und autoritäre männliche Generationsgefüge von der Geschichte überholt ist. Die Frauen haben dieses Problem nicht, weil sie in ihrem Verhältnis zu den Jüngeren mit dieser Geschichte nicht belastet sind, oder jedenfalls nicht in gleicher Weise.

Jedenfalls bemerke ich ein sehr großes Begehren auf Seiten der Frauen, sich mit Bildungsfragen, Schule, Pädagogik zu beschäftigen, und ich glaube, nicht nur weil sie das für eine “Frauensache” halten – wie gesagt, im Bezug auf Realschule und Gymnasien ist es historisch gar keine Frauensache. Sondern weil sie dieses Thema und diese Arbeit für unglaublich wichtig halten und in der Arbeit mit Kindern etwas sehr Sinnvolles sehen und daher entsprechende Berufe ergreifen.

Die offene Frage ist halt: Warum finden Männer diese Arbeit nicht so wichtig und interessant? Warum wollen nicht mehr Männer Lehrer werden?

 

Update: Jürgen Amendt hat versucht, im Neuen Deutschland eine Antwort auf diese Frage zu finden.


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“Zerstört die Werke der Weiblichkeit!” (nicht)

Maria Magdalena belehrt die Apostel. Englische Buchmalerei aus dem 12. Jahrhundert, heute in der Dombibliothek in Hildesheim.

Für Maria Magdalena interessiere ich mich schon länger. Jetzt hat Silke Petersen ein wahrhaft fantastisches Buch über sie geschrieben, das keine Fragen offen lässt (außer denen, die sich heute nicht mehr beantworten lassen, was natürlich viele sind).

Sehr detailliert, aber trotzdem gut lesbar und auch für theologisch Unbewanderte verständlich, stellt sie die verschiedenen Texte vor, in denen Maria Magdalena vorkommt – angefangen bei den Evangelien und anderen antiken Texten, über mittelalterliche und neuzeitliche Magdalenen-Legenden bis hin zu heutigen Filmen und Büchern, etwa „Der letzten Versuchung“ oder Dan Browns Sakrileg-Spekuliererei. Ganz wundervoll erklärt sie, was man aus alten Texten ableiten kann und was nicht – liefert also wie nebenbei eine Einführung in die historische Methodenlehre, was auch für diejenigen interessant sein dürfte, die sich nicht speziell für das Christentum interessieren.

Als Politikwissenschaftlerin, die sich für die weibliche Differenz interessiert, fand ich vor allem eine Debatte interessant, die im 2. und 3. Jahrhundert geführt wurde. Denn sie hat teilweise verblüffende Parallelen zu heute. In diesem Zeitraum wurde eine ganze Reihe von Schriften und „Evangelien“ verfasst, in denen Maria Magdalena eine deutlich größere Rolle spielt als in den vier Evangelien, die ins Neue Testament aufgenommen worden sind. Sie führt zum Beispiel lange Dialoge mit Jesus, sie ist es, die seine Lehren am besten versteht (besser als Petrus zum Beispiel, zu dem es eine gewisse Konkurrenz gibt), sie ist die Jüngerin, die Jesus mehr liebte als die anderen Jünger, und diejenige, die nach Jesu Tod seine desillusionierte Anhänger_innenschaft zusammenhält und zum Weitermachen ermuntert.

Auch wenn in diesen Texten vielleicht noch die ein oder andere historische Erinnerung durchscheinen könnte, so lässt sich aus ihnen nicht herauslesen, was zur Zeit Jesu „wirklich geschah“. Vielmehr spiegeln sie eine Debatte wieder, die zu ihrer Entstehungszeit, also hundert bis zweihundert Jahre nach den historischen Ereignissen, geführt wurde. Es ging damals offenbar wesentlich um die Frage, welche Rolle Frauen in den Gemeinden spielen und ob sie Ämter inne haben und lehren dürfen. Was ja ebenfalls ein höchst interessantes Thema ist.

Die Verfasser und Verfasserinnen dieser antiken Texte vertraten die Meinung, dass Frauen Ämter in der Kirche innehaben können und sollen – ganz offensichtlich in Auseinandersetzung mit anderen Strömungen, die da anderer Ansicht waren. Dabei beriefen sie sich naheliegenderwiese auf Maria Magdalena, die ja (auch nach den Bibel-Evangelien) von Jesus den Auftrag zur Verkündigung bekommen hatte.

Interessant ist aber nun, mit welchen Argumenten sie diese „frauenfreundliche“ Ansicht vertraten. Als Hauptwidersacher wird meistens Petrus dargestellt (der ja dann auch nicht zufällig der oberste „Fels“ der römisch-katholischen Kirche wurde). Im Thomasevangelium heißt es zum Beispiel:

Simon Petrus sagte zu ihnen: Maria soll von uns weggehen, denn die Frauen sind des Lebens nicht würdig. Jesus sagte: Siehe, ich werde sie führen, auf dass ich sie männlich mache, damit auch sie ein lebendiger, euch gleichender, männlicher Geist wird. Denn: Jede Frau, wenn sie sich männlich macht, wird in das Reich der Himmel eingehen. (S. 156)

Ein Schelm, wem dabei die Logik der modernen Gleichstellungspolitik einfällt. Interessanterweise ist diese „Vermännlichung“, die von Frauen gefordert wird, schon damals synonym mit einer Argumentationsfigur, indem die „Minderwertigkeit“ der Frauen durch eine Vermischung bzw. Aufhebung der Geschlechtsrollen quasi ausgeglichen wird. Origines von Alexandrien etwa (gest. 254) schreibt:

Denn es gibt bei Gott keine Unterscheidung des Geschlechts, sondern durch die Unterschiedlichkeit des Geistes wird jemand entweder als ein Mann oder als eine Frau bezeichnet. Wie viele Frauen gibt es nicht, die bei Gott zu den starken Männern gezählt werden, und wie viele Männer müssen nicht den schwachen und trägen Frauen zugeordnet werden? (S. 163)

Ich (eine Frau) weiß bei solchen Texten nicht, ob ich lachen oder heulen soll: Ein Konzept der Aufwertung von Frauen, das gleichzeitig auf der systematischen Abwertung von Weiblichkeit beruht. In einer anderen Schrift aus dieser Zeit, die „Dialog des Erlösers“ heißt, macht Jesus genau diese Unterscheidung explizit: „Was aus der Wahrheit ist, stirbt nicht; was aus der Frau ist, stirbt.“ (S. 110) und es wird ausgeführt: „Zerstört die Werke der Weiblichkeit“. Dass der angeblich geschlechtslose Mensch in Wahrheit ein männlicher Mensch ist, wird schließlich besonders deutlich in einer Formulierung von Clemens von Alexandrien:

Denn an und für sich sind die Seelen selbst in gleicher Weise Seelen und keines von beidem, weder männlich noch weiblich, da sie weder heiraten noch sich heiraten lassen. Möglicherweise wird so auch die Frau verwandelt zum Mann, indem sie in gleicher Weise das Weibliche ablegt und männlich und vollkommen wird. (S. 175)

Das „weder männlich noch weiblich“ im ersten Teil des Zitats – also die Aufhebung der Geschlechterdifferenz – interpretiert Clemens im zweiten Teil als „Verwandlung“ der Frau, die das Weibliche ablegt und männlich wird. Diese Formulierung „weder männlich noch weiblich“ scheint im Übrigen fast eine Art frühchristlicher Formel gewesen zu sein, jedenfalls kommt sie auch in der Bibel, nämlich im Galaterbrief des Paulus vor (Gal 3,28):

Da sind nicht mehr Juden noch Griechen, nicht mehr Sklaven noch Freie, nicht mehr männlich noch weiblich; denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.

Die Stelle ist unter Theologinnen natürlich heiß diskutiert, den meisten Frauen gefällt sie gut, weil es so aussieht, als würden hier Nationalismus, Rassismus und Sexismus gleichzeitig kritisiert. Bei mir gehen bei der genannten Stelle immer alle Alarmglocken an, weil ich finde, dass diese drei Kategorien nicht vergleichbar sind. Man kann nämlich Grenzen zwischen Völkern auflösen (dann sind da nicht mehr Franzosen und Deutsche, sondern nur noch Europäer), und man kann nicht nur, sondern muss sogar ganz unbedingt die Sklaverei abschaffen (und zwar nicht nur innerhalb der christlichen Gemeinde, sondern generell), aber: Man sollte nicht die Frauen abschaffen. Meine ich jedenfalls.

Als ich neulich wieder einmal in einer Veranstaltung über diese Stelle lamentierte, wies mich eine Theologin, die das mitbekam, darauf hin, dass man das auch anders übersetzen könne (und sogar muss, meinte sie). Denn im Originaltext stehe an dieser Stelle:

Da sind nicht mehr Juden noch Griechen, nicht mehr Sklaven noch Freie, nicht mehr männlich und weiblich…

Beim dritten Differenzpaar, dem der Geschlechter, stehe also nicht ein „weder… noch“, sondern ein „und“. Sie interpretierte das so, dass nicht die Geschlechter an sich abgeschafft würden (analog zu den Grenzen zwischen Nationen und sozialen Ständen), sondern lediglich die heteronormative Kombination „männlich und weiblich“. Also nicht die Männer und die Frauen, sondern ihre symbolische Zueinanderordnung als Paar, das genau aus diesen zweien und nichts anderem besteht. Meine Angst vor einer Abschaffung der Weiblichkeit bzw. einer Zwangsvermännlichung der Frauen sei also unbegründet; abgeschafft würde lediglich das symbolisch zwangsweise aufeinander bezogene Mann-Frau-Paar.

Eine interessante These finde ich, der ich uneingeschränkt applaudiere. Ob sie für diesen alten Bibeltext zutrifft, weiß ich nicht (mein Griechisch ist auch zu eingerostet, um die Übersetzung zu prüfen), und wenn, dann haben zumindest Clemens und auch die Verfasser und Verfasserinnen der Maria-Magdalena-Texte aus dem 2. und 3. Jahrhundert das falsch verstanden.

Aber das ist vielleicht auch egal. Wichtig ist ja nicht, was zu diesem Thema in der Bibel steht, sondern was wir heute dazu denken.

Silke Petersen: Maria aus Magdala. Die Jüngerin, die Jesus liebte. EVA Leipzig, 2011, 18,80 Euro.


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Hallo Feminismus, du Nervensäge!

Vor sechs Monaten begann ich ein Experiment: Angenervt von der Art und Weise, wie über das Thema „Feminismus“ diskutiert wird, beschloss ich, das Wort ein halbes Jahr lang nicht zu verwenden.

Es hat nicht geklappt. Immer wieder ist es mir zwischen die anderen Wörter gerutscht. Keine Ahnung, wieso, sinnvoll finde ich es nämlich immer noch nicht. Ich hatte mir auch vorgenommen, nach diesem Zeitraum Bilanz zu ziehen. Seit dieses halbe Jahr um ist, sitzt also dieser kleine Quängelgeist wieder auf meiner Schulter: Feminismus, hallo, du Nervensäge!

Ein Grund, warum ich nicht auf das Wort verzichten konnte, war (glaube ich) mein Wunsch, deutlich zu machen, wie wichtig das Handeln von Frauen für die Politik war und ist – in früheren Zeiten war und heute ist. Und dass man ohne eine Analyse und eine Praxis der Geschlechterdifferenz nichts, rein gar nichts Sinnvolles zu dieser Welt sagen kann. Und weil ich meine Zugehörigkeit zu all jenen deutlich machen will, denen die weibliche Freiheit am Herzen liegt, auch wenn sie ganz andere Positionen vertreten wie ich, etwa die Quote oder die Geschlechtergleichheit.

In all diesen Situationen habe ich „Feminismus“ gesagt, aber es ist dafür einfach ein doofes Wort. Weil es die falsche Vorstellung nahe legt, es handele sich dabei um eine inhaltlich bestimmbare Weltanschauung und Theorie. Um eine „Partei“, so wie sie sich im Bereich des Politischen überall breit gemacht haben, um Leute irgendwo hin sortieren zu können, um die Komplexität einer Begegnung mit einer echten Person zu reduzieren. Politik funktioniert aber nicht über Schubladen, im Gegenteil, wo Menschen und ihre Ideen und Verhandlungen in konkreten Situationen unter der Perspektive solcher Schubladen betrachtet werden, endet Politik.

Keine Ahnung, was man da tun kann. Es ist mir nicht gelungen, dieses Anliegen wirklich befriedigend anders auszudrücken, als mit dem F-Wort. Now what?

Bis mir etwas einfällt, lasse ich das Wort jetzt einfach mal links liegen. Soll es doch machen, was es will.

Zwölf Punkte für das gute Leben

Heute bekam ich eine Einladung der Belgischen Frauenliga, die im Oktober einen Studientag zum Thema Elternschaft plant. Leider werde ich daran nicht teilnehmen können, aber diese Vereinigung scheint mir sehr interessant zu sein – und ich muss zugeben, dass ich sie bisher nicht kannte. Trotz Europa und allem ist die Frauenbewegung doch leider viel weniger international, als das wünschenswert wäre.

Die Liga besteht bereits seit 1931 und versteht sich als feministische Bewegung mit traditioneller Verankerung in der ArbeiterInnenbewegung – und genau dieser breite Fokus ist es, den ich sehr gut finde, und der mir in der deutschen Diskussion über die “Gleichstellung der Geschlechter” manchmal etwas zu kurz kommt.

Im Mai 2010 haben rund 300 Frauen bei einem Kongress der Liga “Zwölf Bedingungen für eine gleichberechtigte, solidarische und gerechte Gesellschaft” erarbeitet. Vorausgegangen war dem ein zweijähriger Diskussionsprozess. Mir gefallen diese Punkte sehr gut – auch wenn ich natürlich bei dem ein oder anderen Detail etwas anders formulieren würde – und vielleicht könnten sie ja auch eine Inspiration für entsprechende Diskussionen in Deutschland sein. Sie verbinden jedenfalls genau die Aspekte, die auch mir im Zusammenhang mit feministischen Impulsen wichtig sind: Die Verbindung von weiblicher Freiheit, Verantwortung für Hilfsbedürftige und den Fokus auf ein gutes Leben für alle.

Da ich mir vorstellen kann, dass diese Initiative aus Belgien nicht nur mir bisher unbekannt war, sondern in Deutschland generell nicht groß registriert wurde, stelle ich die Punkte auch hier einmal vor und zur Diskussion:

In einer gleichberechtigten, solidarischen und gerechten Gesellschaft

1. befinden sich würdige Erwerbstätigkeit und Privatleben im Gleichgewicht.

2. ist die lebenslange finanzielle Unabhängigkeit aller Frauen garantiert.

3. wird Konsum allen zugänglich gemacht und erfolgt auf der Basis von Nachhaltigkeit und fairem Handel.

4. ist die Pflege hilfsbedürftiger Menschen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

5. werden Pflege- und Betreuungsberufe gesellschaftlich anerkannt und wertgeschätzt.

6. verfügen Frauen über ausreichend Zeit, über die sie frei entscheiden können.

7. existieren keine sexistischen, stereotypen Frauenbilder, die Frauen unter Druck setzen.

8. ist Mutterschaft weder verpflichtend noch Anlass zur Diskriminierung.

9. werden Gewalt und Unrecht gegen Frauen als Ausdruck des patriarchalischen Gesellschaftssystems erkannt und als solche bekämpft.

10. werden in Politik und Verwaltungswesen die Interessen und Bedürfnisse von Frauen berücksichtigt.

11. wird die Initiative der Frauen selbst zum Motor für gesellschaftliche Veränderung.

12. schaffen Frauen Solidarität untereinander.

In dem Papier werden diese Punkte anschließend im Einzelnen ausgeführt und in weiteren Unterpunkten konkretisiert. Es steht als pdf-Dokument auf der Homepage der Liga. Dort gibt es sämtliche Texte auch auf Französisch.