Datenschutz, Postprivacy und die älteren Frauen

Foto: Herby (Herbert) Me - Fotolia.com

Heute morgen hörte ich zufällig im Radio ein Interview mit Thilo Weichert (ich weiß leider nicht mehr, auf welchem Sender), dem Datenschutz-Beauftragten von Schleswig-Holstein, der ja derzeit wieder mit seiner Kritik an Facebook in allen Medien ist. Dazu geschnitten war ein Beitrag über die Postprivacy-Theorien, wonach Privatsphäre sowieso ein veraltetes Konzept ist.

Mich hat diese Sendung (wie viele Medienberichte zu dem Thema) sehr geärgert, weil ich es höchst problematisch finde, wenn die Diskussionen über die Veränderungen durch soziale Internet-Netzwerke immer als Konflikt zwischen diesen beiden Standpunkten dargestellt werden. Vor allem musste ich daran denken, wie wohl die zahlreichen älteren Frauen (die ja viel Radio hören), diesen Beitrag wohl aufgenommen haben. Denn man muss sich mal vor Augen führen, dass von den Frauen über 65 Jahren zwei Drittel das Internet noch überhaupt nicht nutzen. Geschweige denn Facebook oder andere soziale Netzwerke.

Diese Abstinenz der großen Mehrheit älterer Frauen halte ich für höchst riskant. Eine Frau, die heute 65 ist, kann noch gut zwei oder drei Jahrzehnte leben. Ohne Kompetenzen im Internet zu erwerben koppelt sie sich von einem Kommunikationsmedium ab, das heute schon extrem wichtig ist und in Zukunft immer wichtiger werden wird. Dadurch verschließt sie sich Ressourcen, die für ihr Leben extrem nützlich und teilweise unverzichtbar sind.

Immer mehr Informationen bekommt man überhaupt nur über das Internet. Soziale Kontakte – vor allem zu jüngeren Menschen – sind ohne Internetnutzung (und vermutlich gerade auch ohne die Nutzung sozialen Netzwerke) immer schwieriger aufrecht zu erhalten. Das Internet ist längst keine Spielerei für einige Nerds mehr, sondern eine Notwendigkeit im Alltag, und vor allem auch im Alltag älterer Menschen.

Ob es ums Einkaufen geht, ums Recherchieren von Produktinformationen, um Auskünfte zu Gesundheitsthemen oder darum, Hilfe zu bekommen, wenn man irgendetwas nicht versteht – es gibt schlicht und einfach keine bessere Quelle als das Internet. Und das gilt besonders für ältere Menschen, die körperlich vielleicht nicht mehr so mobil sind oder die nur noch wenige Real-Life-Kontakte in ihrem Alltag haben.

Über diese Risiken der Internetabstinenz vor allem älterer Frauen wird in der öffentlichen Debatte viel zu wenig gesprochen. Und solche Sendungen, in denen von der einen Seite ein pauschales Gefahren-Szenario von wegen Datenklau an die Wand gemalt wird, während auf der anderen Seite die radikale Postprivacy-Revolution ausgerufen wird, führen dazu, dass diese Gruppe von Menschen weiterhin „draußen“ gehalten wird.

Oft sind ja Unwissenheit, diffuse Ängste und Unsicherheit der Technik gegenüber der Grund dafür, dass ältere Frauen sich vom Internet fern halten. Was sollen sie wohl von einem Hinweis halten, wie ihn Thilo Weichert allen Ernstes vorgebracht hat, dass man, bevor man Google nutzt, erst einmal die eigene IP-Adresse verschleiern soll? Hallo? Wie viele Frauen über 60 wissen, was eine IP-Adresse ist, geschweige denn, wie man sie verschleiert? Alles, was bei solchen Ratschlägen hängen bleibt, ist wieder mal die Botschaft: Das Internet ist gefährlich und kompliziert, besser ich fange gar nicht erst damit an.

Die Zielgruppe, die bei diesen Debatten angesprochen wird, ist klar definiert: Junge oder mittelalterliche Menschen, die vielleicht allzu unbedacht sensible Informationen über sich preisgeben. Überhaupt nicht im Blick ist die zahlenmäßig viel größere Gruppe von Menschen, die aus Angst vor „Datenmissbrauch“ das Internet meiden und damit Gefahr laufen, den Anschluss zu verpassen (die überwiegend, aber keineswegs nur aus älteren Frauen besteht).

Deshalb würde ich mir wünschen, dass Datenschützer wie Weichert ihre Kritik mit einem deutlichen Hinweis darauf verbinden, dass das Sich-Heraushalten aus dieser Entwicklung keine gangbare Alternative ist. Oder dass, wenn Weichert sich für dieses Problem nicht zuständig fühlt, wenigstens die Redakteure und Journalistinnen, wenn sie schon dieses Thema lang und breit bearbeiten, auch auf diesen Aspekt hinweisen.

Und die Postprivacy-Fans könnten dieses Argument des sozialen Ausschlusses ja vielleicht in ihr Repertoire mit aufnehmen. Was auch bedeutet, dass sie die diffusen und teilweise sicher irrationalen Ängste älterer Menschen vor diesen Neuerungen ernst nehmen und zu entkräften versuchen, anstatt noch Öl ins Feuer zu schütten.


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Simone Weils Plädoyer für die Abschaffung der politischen Parteien

Dass jemand ernsthaft die Abschaffung der politischen Parteien fordert, erscheint uns heute völlig absurd, denn wir haben uns angewöhnt, die Existenz von Parteien als Vorbedingung für jedes demokratische Gemeinwesen anzusehen.

Genau das hat aber Simone Weil in einer kleinen Schrift getan, die erst kürzlich aus Anlass ihres 100. Geburtstages auf Deutsch erschienen ist – verfasst hat sie sie kurz vor ihrem Tod im Jahr 1943.

Wie kommt sie nun auf diese Idee?

Zunächst einmal ruft sie in Erinnerung (auch das machen sich normalerweise die Wenigsten klar), dass die Demokratie kein Selbstzweck ist, sondern lediglich ein Mittel zum Zweck, der nämlich darin besteht, Gerechtigkeit und das Gute in einer menschlichen Gesellschaft hervorzubringen. Dabei beruft sie sich auf Rousseau und dessen Begriff des Gemeinwillens, der keineswegs besagt, dass der Gemeinwillen per se besser wäre als ein Einzelwille (etwa eines absolutistischen Herrschers):

Ein Wille, der ungerecht, aber der gesamten Nation gemein ist, wäre in Rousseaus Augen – und er lag richtig – dem ungerechten Willen eines Menschen keineswegs überlegen. Rousseau dachte nur, dass ein Wille, der einem ganzen Volk gemein ist, meistens der Gerechtigkeit entspricht.

Gleiches gelte für die Französische Revolution:

Der wahre Geist von 1789 besteht nicht in dem Gedanken, dass eine Sache gerecht ist, weil das Volk sie will, sondern darin, dass der Wille des Volkes unter gewissen Bedingungen eher der Gerechtigkeit entsprechen dürfte als jeder andere Wille.

Schon Rousseau nennt zwei Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit dieser Mechanismus tatsächlich funktioniert: Erstens darf das Volk keinen „kollektiven Leidenschaften“ aufsitzen, denn die führen dazu, dass das Ergebnis der Willensbildung verzerrt wird und nicht mehr das Gute widerspiegelt. Und zweitens müssen die Menschen die Möglichkeit haben, ihren Willen und die Ansichten, die sie haben, auch wirklich frei auszudrücken.

Beide Bedingungen sind nur sehr schwer zu verwirklichen. Und die Existenz von politischen Parteien steht ihnen nach Ansicht von Weil konträr entgegen.

Denn sobald Parteien existieren, gesellt sich zu dem eigentlichen Zweck von Politik – das Streben nach Gerechtigkeit und dem Guten – noch ein zweiter Zweck hinzu oder setzt sich sogar ganz an dessen Stelle: das Wachstum der Partei. Entsprechend betreiben Parteien Propaganda (heute sagt man „Öffentlichkeitsarbeit“), um Mitglieder und Wählerstimmen zu gewinnen, wobei das Entfachen „kollektiver Leidenschaften“ ein probates Mittel ist. Außerdem üben sie Druck auf das Denken ihrer Anhängerinnen und Anhänger aus, sodass diese nicht mehr frei sind, ganz auf ihre innere Stimme zu hören (die ihnen nach Ansicht von Weil den Weg zu dem, was wahr und gerecht ist, weisen könnte).

Nehmen wir an, ein Mitglied einer Partei – Abgeordneter, Abgeordnetenkandidat oder einfach Aktivist – geht öffentlich folgende Verpflichtung ein: „Wann immer ich mich mit einem politischen oder sozialen Problem befasse, verpflichte ich mich, die Tatsache, dass ich Mitglied jener Gruppe bin, völlig zu vergessen und mich ausschließlich um das Gemeinwohl und die Gerechtigkeit zu sorgen.“

Es ist evident, dass so jemand es wohl kaum weit bringen würde. Die strategischen Erwägungen des Wohls der Partei stehen also dem wirklichen Suchen nach der Wahrheit entgegen. Wenn aber der Eintritt in eine Partei der einzige Weg ist, wie man „wirksam am öffentlichen Leben teilnehmen“ kann (weil zum Beispiel alle einflussreichen Positionen nur über Parteienkandidaturen erreicht werden können), ist der Widerspruch perfekt: Menschen, die die Wahrheit und die Gerechtigkeit über das Parteieninteresse stellen, haben kaum Chancen, Bundeskanzlerin zu werden – nicht, weil sie nicht gewählt werden würden, sondern weil sie gar nicht kandidieren könnten.

Die Parteien sind ein fabelhafter Mechanismus, der bewirkt, dass über ein ganzes Land hinweg nicht ein einziger Geist seine Aufmerksamkeit der Anstrengung widmet, in den öffentlichen Angelegenheiten das Gute, die Gerechtigkeit, die Wahrheit zu erkennen. … Vertraute man die Organisation des öffentlichen Lebens dem Teufel an, er könnte nichts Tückischeres ersinnen.

Die Wurzel des Übels sieht Simone Weil in der katholischen Kirche und ihrer Verfolgung von Häresie. Damit war der Grund gelegt, dass das Bekenntnis zur Autorität der Kirche für wichtiger gehalten wird als die wirkliche innere Überzeugung.

Insofern hält sie es für tragisch, dass gerade diejenigen, die gegen diese kirchliche Autorität angegangen sind – die Aufklärer – mit den Parteien letztlich wieder ein ähnliches System hervorgebracht haben: Jede Partei ist eine kleine Kirche, die nicht der Suche nach der Wahrheit verpflichtet ist, sondern der Verteidigung der Orthodoxie.

Was aber ist die Alternative, die Simone Weil vorschwebt? Es ist einfach die freie Konkurrenz zwischen Kandidaten (und Kandidatinnen, füge ich hinzu), die ihre Ideen vertreten:

Die Kandidaten würden dann den Wählern nicht etwa sagen: „Ich trage dieses Etikett“ – was dem Publikum über ihre konkrete Haltung zu konkreten Problemen praktisch überhaupt nichts sagt -, sondern: „Ich denke dies, dies und dies zu diesem, diesem und diesem großen Problem.“

Die Gewählten würden sich dann je nach Sachfragen miteinander verbünden oder voneinander abgrenzen. In der Gesellschaft würden sich natürlich verschiedene Milieus bilden, die eher „links“ oder „rechts“ oder „liberal“ oder „sozial“ oder „feministisch“ wären, aber es wäre verboten (und würde strafrechtlich verfolgt), dass sich solche Milieus in festen Organisationen kristallisieren. Diese Gruppierungen von „Geistesverwandtschaft“ blieben fließend, es gäbe „keine klare Trennung zwischen drinnen und draußen“.

Mir ist in dem Zusammenhang aufgefallen, dass genau dies die Organisationsweise des Feminismus ist, der nämlich keine klaren Strukturen, von Parteien ganz zu schweigen, hervorgebracht hat. Obwohl die Herausforderung natürlich für jede Einzelne bestehen bleibt, bei den eigenen Überlegungen immer darauf zu achten, ob wirklich die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit sie leitet, und ob sie der Versuchung widerstehen kann, „feministische Positionen“ festzuklopfen oder „den Feminismus“ generell zu verteidigen.

Simone Weil weist auch darauf hin, dass der schädliche Einfluss des Parteiendenkens längst auch auf andere gesellschaftliche Bereiche übergegriffen hat. Nicht nur das politische System im engeren Sinne, sondern die kulturelle Debatte insgesamt ist in der Logik von Parteien organisiert.

Selbst in der Schule weiß man das Denken der Kinder nicht besser anzuregen, als sie dazu aufzufordern, Partei zu ergreifen, pro oder contra. Man legt ihnen ein Zitat eines großen Autors vor und fragt: „Seid ihr einverstanden oder nicht? Entwickelt eure Argumente.“ … Und es wäre so einfach, ihnen zu sagen: „Denkt über diesen Text nach und formuliert die Überlegungen, die euch dazu einfallen.

Simone Weil: Anmerkung zur generellen Abschaffung der politischen Parteien, diaphanes, Zürich-Berlin 2009.


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Von Schlampen, Ludern und der Politik

Victoria Woodhull. Schlampe und Präsidentschaftskandidatin.

Derzeit wird ja – morgen ist Slutwalk – heftig über den Begriff der “Schlampe” diskutiert, und die verschiedenen Wortbedeutungen sind aufschlussreich. Ich habe meinen Kommentar zu den Slutwalks schon hier veröffentlicht, außerdem empfehle ich zur Lektüre die Glosse von Luise Pusch dazu.

An dieser Stelle möchte ich noch darauf hinweisen, dass neben den Bedeutungen “sexuell aufreizend” und “unordentlich, ungepflegt” auch noch die Bedeutung von “eine Frau, die beansprucht, in die Politik zu gehen” eine Rolle spielt.

Ein besonders schönes Beispiel ist dieses Zitat, das von Harriet Beecher-Stowe, der Autorin von “Onkel Toms Hütte”, gegen das Vorhaben der amerikanischen Feministin Victoria Woodhull vorgebracht wurde, die im Jahr 1872 mit einer Aufsehen erregenden Kampagne ihre Kandidatur für die Präsidentschaft der USA angekündigt hat. Beecher-Stowe kritisierte Woodhulls Initiative mit den Worten:

Wer immer auch Präsident der Vereinigten Staaten werden will, muss sich darauf einstellen, dass sein Charakter in Stücke gerissen wird, dass er verletzt, geschlagen und mit Schmutz überzogen wird von jedem unflätigen Blättchen im ganzen Land. Keine Frau, die nicht wie ein alter Putzlumpen durch jede Gosse und jedes dreckige Wasserloch gezogen werden will, würde jemals einer Kandidatur zustimmen. Es ist eine Qual, die einen Mann umbringen kann. Was für ein unverschämtes Luder von einer Frau muss das sein, die so etwas aushält, ohne dass es sie umbringt?

Ich weiß leider gerade nicht, wie das Wort im englischen Original heißt, aber ich denke “Schlampe” und “Luder” ist hier relativ wesensverwandt.

Das Hauptproblem, das die bürgerliche Frauenbewegung mit Victoria Woodhull hatte: Sie war nicht “respektabel” – was sozusagen das Gegenteil von “schlampig” ist. Sie kam aus der Unterschicht, sie war nicht “ehrbar”, sie trat ein für freie Liebe und sexuelle Selbstbestimmung. Und sie schrieb ihre Briefe nicht auf Briefpapier, sondern auf ihrendwelche Zettel. Insofern schließt sich hier der Kreis zwischen den verschiedenen Bedeutungen von “Schlampe”.

Denn so unterschiedlich, wie die verschiedenen Konnotationen des Wortes auch sein mögen, so haben sie doch eines gemeinsam: Sie bezeichnen “unordentliche” Frauen, also solche, die sich der althergebrachten Ordnung dessen, was weiblich sei, widersetzen. Schlampen beziehen Freiheit auch auf ihre Sexualität, sie sind “unordentlich” in dem Sinne, dass sie überlieferte Rollenvorgaben verweigern, und – und das ist der Punkt – sie beanspruchen, trotzdem Politik zu machen!


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Was unterwegs verloren gegangen ist

Zur Zeit lese ich das Buch “Wir wollten die Welt verändern”, in dem Aktivistinnen der Dortmunder Frauenbewegung der 1970er Jahre ihre Erinnerungen an diese Zeit zusammengetragen haben. Es ist sehr interessant zu lesen, vor allem wenn man die damaligen Quellentexte und Anliegen vergleicht mit dem, was sich seither verändert hat – und was nicht.

So zitiert Gisela Trappe in ihrem Beitrag einen Text der Frauen-Aktion Dortmund aus dem Jahr 1976, der die Aktionen zur Abschaffung des § 218 in einen größeren Zusammenhang stellt. Darin wird zum einen deutlich, dass es den Frauen damals nicht darum ging, die generelle “Straffreiheit” für Abtreibungen zu erreichen, sondern sie bestanden darauf, dass die ethische Problematik ungewollter Schwangerschaften nichts ist, was der Rechtsstaat regulieren sollte, sondern dass die Entscheidungen auf einer anderen Ebene und vor allem von den betroffenen Frauen selbst abzuwägen sind.

Außerdem wird klar, dass diese Aktionen eng verknüpft waren mit weiter reichenden Vorstellungen für eine Neuorganisation von Erwerbs- und Hausarbeit. In den Worten von damals liest sich das so:

Wir wollen Teilzeitarbeit und Babyjahr für Männer und Frauen. Aber was nützen uns Babyjahr und Halbtagsarbeit für den Mann, solange die Frau erheblich weniger Lohn bekommt und der Mann deshalb schon aus finanziellen Gründen ganztags arbeiten muss. Wir brauchen daher Gleichstellung der Frau in Ausbildung und Beruf und gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Wir wollen Kinder. Sie sollen unter den bestmöglichen Umständen aufwachsen können. Dazu gehören gute Kinderkrippen, Kindergärten, Ganztagsschulen und gerade auch kinderfreundliche Wohnungen für wenig Geld. (S. 45)

Interessant an dieser Aufzählung ist, was davon inzwischen – 35 Jahre später – verwirklicht ist, und was ganz in Vergessenheit geraten ist. Ganz oben auf die politische Agenda gerückt sind inzwischen die Forderungen nach “gleichem Lohn für gleiche Arbeit” und die nach Kinderkrippen, Kindergärten und Ganztagsschulen. Sicher, beides ist noch nicht verwirklicht, aber dass es wünschenswert und notwendig ist, wird von kaum noch jemandem in Frage gestellt.

Ganz in Vergessenheit geraten sind hingegen die Sache mit der Halbtagsarbeit und die mit den kinderfreundlichen Wohnungen für wenig Geld. Es ist ja doch sehr bemerkenswert, dass die Dortmunder Frauen damals keineswegs einfach gleichen Lohn für Frauen und Zugang zur Erwerbsarbeit gefordert haben, sondern dass sie das in den Kontext einer Neuorganisation von Familien- und Erwerbsarbeit stellten, die beide Seiten unter Frauen und Männern gleichmäßiger verteilen wollten: Jede erwachsene Person, so ihre Vorstellung, sollte halbtags erwerbsarbeiten und halbtags sonstwas tun, zum Beispiel sich um Kinder kümmern. Eine aus damaliger Sicht durchaus vernünftige und logische Forderung, denn schließlich ging ja alle Welt zu Zeiten der Hausfrauenehe selbstverständlich davon aus, dass ein Einkommen für zwei Erwachsene plus Kinder reicht. Ökonomisch wäre das also ein Nullsummenspiel gewesen.

Und an dieser Stelle erst kommt die Forderung nach “gleichem Lohn für gleiche Arbeit” ins Spiel, denn bei ungleichen Löhnen geht die Rechnung nicht auf, weil das Halbtagseinkommen der Frau den Ausfall des halben Männereinkommens nicht ausgleichen kann. Herausgekommen bei all dem ist jedoch, dass man heute für normal hält, dass beide Eltern Vollzeit erwerbstätig sind – was ich ja kürzlich erst anhand eines entsprechenden BGH-Urteils kritisiert habe. Die feministische Forderung nach ökonomischer Anerkennung und Aufwertung von Familienarbeit ist in ihr Gegenteil verkehrt worden, nämlich dazu, dass man Familienarbeit für nicht existent erklärt, zum Privatvergnügen, das die Gesellschaft nichts angeht.

Damit eng zusammen hängt natürlich die soziale Spaltung der Gesellschaft in Reich und Arm, die in den letzten 35 Jahren ja keineswegs ab-, sondern zugenommen hat. In den unteren Lohngruppen reicht ein Einkommen (oder zwei halbe) auch mit gleichem Lohn für Frauen nicht mehr aus, weil die Männer in diesen Berufsgruppen heute weniger verdienen als damals. Die Angleichung hat hier, wenn überhaupt, nach unten stattgefunden. Und in den höheren Einkommensgruppen stellt sich die Frage nicht, weil sie es sich leisten können, Familienarbeit “outzusourcen”, an schlecht bezahlte Migrantinnen in der Regel. Eine Dynamik, die noch dadurch erschwert wird, dass Reich und Reich untereinander heiratet, ebenso wie Arm und Arm.

Und Forderungen nach “kinderfreundlichen Wohnungen für wenig Geld” hab ich schon gar nicht mehr gehört. Schließlich leben wir doch in einer freien Marktwirtschaft, nicht wahr?

Hanne Hieber (Hg): Wir wollten die Welt verändern. Dortmunder Feministinnen erinnern sich. Ingrid Lessing Verlag, Dortmund 2011.


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Von Brüsten und Bärten

Hatschepsut, Königin mit Bart.

Im alten Ägypten gab es bekanntlich nicht nur Pharaonen, sondern auch Pharaoninnen (allerdings nicht viele, drei oder so), und als Zeichen ihrer Königswürde trugen sie einen Bart. Dass Geschlechtsmerkmale losgelöst vom biologischen Geschlecht getragen werden, ist also ein schon sehr altes Phänomen. Dass Frauen sich vermännlichen müssen, um  Macht repräsentieren zu können, leider auch. Und ein bis heute ungelöstes Problem.

Seit ich die Statuen von Königinnen mit Bart kürzlich bewundert habe, überlegte ich, wie es wohl wäre, wenn weibliche Geschlechtsmerkmale symbolische Zeichen für Einfluss wären. Man stelle sich vor: Ein Staatspräsident, der sich Brüste umschnallen muss, um würdevoll an der Spitze einer Gesellschaft zu stehen. Leider kennen wir Männer, die sich Brüste vorbinden, bisher nur aus Komödien: Männer mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen sind albern.

Morgen ist – so erfuhr ich grade auf dem Heimweg – #boobsday bei Twitter. Soweit ich verstanden habe, werden da Frauen ihre Brüste in den Avatar rücken. Die Tweets unter dem Hashtag zu lesen, ist aufschlussreich. Wer mitmacht, ist offensichtlich albern, wer nicht mitmacht, ist Spielverderberin.

Hat eigentlich schon mal jemand ernsthaft über die politische und symbolische Bedeutung von in der Öffentlichkeit gezeigten Brüsten nachgedacht? Ich habe so eine Ahnung, dass das ein interessantes Thema sein könnte.


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Väter-Recht abschaffen, Kindererziehung steuerfinanzieren!

Über Nele Tablers schönen Kommentar erfuhr ich grade von einem ärgerlichen Urteil des Bundesgerichtshofes, wonach Alleinerziehende (zu um die 90 Prozent Frauen) verpflichtet sind, Vollzeit erwerbstätig zu sein, wenn das Kind oder die Kinder mindestens drei Jahre alt sind. Geklagt hatte ein Vater, der keinen Betreuungsunterhalt zahlen will.

Das Urteil ist nicht wirklich überraschend, denn die deutsche Gesetzgebung ist schon seit einigen Jahren klar mütterfeindlich eingestellt – Väter werden zunehmend von Pflichten entbunden und bekommen gleichzeitig mehr Rechte, das ist der Trend, der auch noch unter dem Deckmäntelchen der “Gleichstellung” firmiert. Der Tenor lautet: Mütter sollen sich ihren Lebensunterhalt bitteschön selber verdienen und nicht immer die armen Väter schröpfen. Das bisschen Kinderaufziehen erledigt man doch mit links und nebenbei.

Wie weltfremd die Vorstellung ist, ein Kind, das acht Stunden in einer Krippe oder in der Schule ist, würde keine Arbeit mehr verursachen, hat ja Nele Tabler schon schön beschrieben. Diese Entwicklung ist gleichzeitig auch ein Lehrstück dafür, warum es gefährlich ist, feministische Ideen in Rechtsformen zu gießen: Zu leicht wird dann nämlich der Spieß umgedreht, und aus dem Recht von Frauen, auch mit Kindern erwerbstätig zu sein, wird ratzfatz eine Pflicht. Ist ja schließlich nur gerecht. Und ihr habt es ja selbst so gewollt.

Ich denke, es wird Zeit für eine neue Strategie. In gewisser Weise kann ich nämlich die Männer sogar verstehen, die keine Lust darauf haben, jahrelang Unterhalt für Kinder zu bezahlen, für die sie sich schon lange nicht mehr interessieren. Oft haben sie inzwischen eine neue Frau und vielleicht auch schon neue Kinder, da ist es lästig, ständig mit dieser Vergangenheit konfrontiert zu sein. Diese Männer fühlen sich wirklich ungerecht behandelt, deshalb werden sie immer weiter klagen, und sie werden weiterhin Recht bekommen.

Mein Vorschlag: Nehmen wir diesen Wunsch doch ernst – und trennen wir die Kinderversorgung vom biologischen Erzeuger. Wichtig ist nicht, wer biologischer Vater (oder Mutter) ist, sondern wer sich konkret um das betreffende Kind kümmert. Das kann natürlich auch ein Mann sein, es können beide Eltern sein, es kann eine Wohngemeinschaft oder sonstwer sein. Aber egal wer es ist: Ein Kind verursacht Kosten, und zwar sowohl Unterhaltskosten für es selbst, also Geld für Essen, Kleidung, Schulsachen etc., als auch Betreuungskosten, die dadurch entstehen, dass Erwachsene, die Kinder versorgen, nicht in gleichem Maße wie Kinderlose “ihr eigenes Geld verdienen” können.

Und ich bin der Meinung, dass alles dafür spricht, diese Kosten generell steuerfinanziert von der Allgemeinheit tragen zu lassen – und nicht denen aufzubürden, die irgend wann mal Kinder gezeugt haben. Also: Unterhaltspflicht komplett abschaffen, dafür eine “Kindersteuer” von allen Erwerbstätigen verlangen, aus der dann Unterhalt und Betreuungsunterhalt an diejenigen bezahlt wird, die Kinder tatsächlich betreuen.

Dann müssten wir auch nicht mehr den tatsächlichen Aufwand, den Kinderbetreuung bedeutet, kleinreden, wie in diesem Urteil geschehen. Die Lasten würden ja auf viel mehr Schultern verteilt. Und wer nicht für Kinder sorgt, ist komplett raus aus dem Geschehen. Väter, die sich von ihrem Kind trennen, müssten auch nichts mehr dafür bezahlen. Dass sie dann bei der Kindererziehung auch nichts mehr mitzureden hätten, versteht sich von selbst.

Wenn wir schon dabei sind, könnten wir  auch gleich noch einen Schritt weiter gehen und den Unternehmen, die Mitarbeiterinnen in den Erziehungsurlaub verlieren, ebenfalls allgemein steuerfinanzierte Entschädigungen zahlen. Denn auch hier ist eigentlich nicht einzusehen, warum ausgerechnet diejenigen Unternehmen den Schaden haben, deren Mitarbeiterinnen zufällig Kinder bekommen – und alle anderen nicht. Kein Wunder, dass Frauen im gebärfähigen Alter in Einstellungsgesprächen schlechtere Karten haben.

Also: Kinder gehen uns alle an, ihre Versorgung zu finanzieren ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und darf nicht allein den biologischen Eltern aufgebürdet werden. Eine steuerfinanzierte Lösung wäre gerechter – und dass sie den Väterrechtlern eine gehörige Portion Wind aus den Segeln nehmen würde, wäre ein durchaus positiver Nebeneffekt.


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Lebenspartnerschaft für alle!

Foto: Sabimm/Fotolia.com

Die überalligen Artikel heute zum zehnjährigen Bestehen der „eingetragenen Lebenspartnerschaft“ für Schwule und Lesben haben mich an ein unentschiedenes Thema in meinem Kopf erinnert: Der Tatsache nämlich, dass ich schon immer sowohl für als auch gegen die „Homo-Ehe“ bin.

Dagegen bin ich, weil ich eigentlich die Theorien über die „freie Liebe“, die im 19. Jahrhundert weit zirkulierten (vertreten zum Beispiel von der fabelhaften Victoria Woodhull) und mit denen ich mich im Studium ziemlich beschäftigt habe, sehr passend finde. Sie verglichen im Allgemeinen die Ehe mit einer Form von Prostitution: Frau verkauft (nicht nur sexuelle) Dienstleistungen gegen wirtschaftliche Sicherheit.

Nun mag man einwenden, dass das zwar im 19. Jahrhundert so gewesen sein mag, aber in heutigen emanzipierten Zeiten doch nicht mehr, und das stimmt auch im Großen und Ganzen. Trotzdem finde ich, dass der Kernsatz der „Freie Liebe“-Bewegung, dass nämlich Liebesbeziehungen nicht per Gesetz geregelt sein sollten, noch immer seine Berechtigung hat. Konkret: Sollte man nicht besser die Ehe als Rechtskonstrukt für klar definierte Frau-Mann-Beziehungen abschaffen, als sie auf (ebenfalls klar definierte) Frau-Frau oder Mann-Mann-Beziehungen ausweiten?

Andererseits bin ich auch für die „Homo-Ehe“, weil damit erstens handfeste Benachteiligungen von lesbischen und schwulen Paaren verringert wurden und weil sich tatsächlich gezeigt hat, dass das Mainstream-Denken über Homosexualität auf diesem Weg ein wenig in Bewegung geraten ist. Das Thema hat gewissermaßen an Monstrosität verloren, indem deutlich wurde, dass „die“ letztlich genauso sind, wie „wir“. Allerdings funktioniert genau das nur, weil eine gehörige Portion „Verspießerung“ zu der ganzen Angelegenheit dazu gehört hat.

Ich konnte aber auch deshalb schon nicht wirklich etwas gegen die Ehe sagen, weil ich selbst bereits mit 19 zum ersten Mal geheiratet hatte. Es war also nicht ganz fair, wenn ich meinen lesbischen Freundinnen zumutete, die Revolution in Sachen Zweierkiste auszutragen. Ich war – als heterosexuell Lebende – ja in der gewissermaßen komfortablen Situation, die Ehe qua Vollzug aushebeln zu können: Heiraten, aber dann nicht das tun, was Verheiratete normalerweise tun: Zusammenziehen, Kinder kriegen und so weiter.

Meine Meinung war schon immer, dass die Ehe ein Rechts- und kein Liebeskonstrukt ist – übrigens ist das ein Allgemeinplatz in der europäischen Ideengeschichte: Dass Liebe und Ehe nicht miteinander vereinbar sind, wurde häufiger behauptet als das Gegenteil. Und in der Tat: Man kann verheiratet sein, aber sich nicht lieben, und man kann sich lieben, ohne verheiratet zu sein. Anders als die klassischen Ehekritiker_innen sehe ich diesen Zusammenhang aber auch nicht als eindeutig an: Denn definitiv kann man sich auch lieben und verheiratet sein, und man kann sich nicht lieben und nicht verheiratet sein.

Wie geht es nun also weiter? In welche Richtung laufen wir?

Ich denke, es genügt nicht, das Konstrukt Ehe von der Festlegung auf das Mann-Frau-Paar zu befreien und auf jede Art von Paar auszuweiten. Sondern ich würde vorschlagen, tatsächlich Liebesbeziehungen und das rechtliche Konstrukt der „Lebenspartnerschaft“ voneinander zu trennen.

Konkret schlage ich vor, die problematische Tendenz der Lebenspartnerschaft zur Verspießerung, zum Errichten neuer Normativitäten und letztlich zur Befestigung der heterosexuell konnotierten Beziehungsnorm (mehr dazu hier) nicht etwa dadurch zu lösen, dass wir Lebenspartnerschaften abschaffen. Sondern dadurch, dass wir sie im Gegenteil noch weiter ausdehnen: Auf alle menschlichen Beziehungskonstellationen nämlich, die sich einen verbindlichen Rechtsstatus für gemeinsames Leben, Versorgen und Wirtschaften geben möchten.

Zum Beispiel kenne ich zwei Schwestern, die mit ihren jeweiligen Kindern zusammen leben. Sie haben ein Haus gekauft, teilen ihr Einkommen und die Familienarbeit – sind aber kein romantisches „Liebespaar“. Warum sollen sie nicht in den Genuss von Ehegattensplitting, Hinterbliebenenrente, Ehegattenzuschlägen und so weiter kommen?

Denkbar wären auch Lebenspartnerschaften zwischen mehr als zwei Menschen, die – ob mit sexueller Komponente oder nicht – ihr Leben gemeinsam planen und füreinander Verantwortung übernehmen möchten: Warum sollen sich nicht auch drei oder vier Leute miteinander „verpartnern“ können?

Oder auch Beziehungen zwischen verschiedenen Generationen, die nicht durch Blutsverwandtschaft, sondern durch gegenseitige Sympathie begründet sind. Oder Beziehungen zwischen Deutschen und Menschen ohne Aufenthaltsrecht hierzulande: Dass jemand durch eine Heirat (also die persönliche Übernahme von Verantwortung) jemandem aus einem anderen Teil der Welt die Möglichkeit verschafft, in Deutschland zu leben, ist ja ohnehin schon länger einer der sinnvolleren Aspekte der Ehe, so wie wir sie derzeit kennen – und dass dabei romantische Liebe inszeniert und vorgegaukelt werden muss, ist oft eher lästig.

Die Idee, dass der Staat verbindliche Lebenspartnerschaften durch entsprechende Regelungen unterstützt, finde ich also prinzipiell gut. Wir alle hätten dann die Wahl, ob wir uns in dieser Hinsicht lieber individuell aufstellen (mit eigenem Einkommen, mit individueller sozialer Absicherung, mit entsprechender Steuerlast und entsprechenden Ansprüchen auf Versorgung im Bedarfsfall), oder ob wir uns auf Dauer mit anderen zusammentun möchten (und zum Beispiel rechtlich abgesichert Einkommen und Fürsorge miteinander teilen, also weniger Steuern zahlen, dafür aber auch im Bedarfsfall erst einmal füreinander einstehen, bevor wir staatliche Leistungen in Anspruch nehmen).

Romantische Liebe kann ein Motiv für eine solche Verpartnerung sein, es sind aber noch viele andere Motive denkbar. Ich sehe nicht ein, warum diese anderen Motive weniger wert sein sollen. Was zählt, ist die Verbindlichkeit, die Ausrichtung auf eine gewisse Dauerhaftigkeit, die Übernahme von Verantwortung füreinander und der Wunsch, das Leben gemeinsam zu planen. Und anders herum ist romantische Liebe auf ein solches Konstrukt nicht unbedingt angewiesen; je nachdem, welche Liebesformen jemand bevorzugt, kann es dabei sogar hinderlich sein.

Von daher: Lebenspartnerschaft für Zweierkisten unabhängig vom Geschlecht der Beteiligten ist gut. Lebenspartnerschaft für alle, die das wollen, wäre noch  besser.


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