Freiheit in Bezogenheit. Eine Auseinandersetzung mit Joachim Gauck und Co.

Joachim Gauck nennt sich – im Vorwort zu seinem gerade veröffentlichten Essay – einen „Liebhaber der Freiheit“. Als Betreiberin eines Blogs, der sich „Aus Liebe zur Freiheit“ nennt, musste ich den natürlich lesen.

Noch mehr Ähnlichkeiten in seiner und meiner Wortwahl zeigten sich dann während der Lektüre. So schreibt Gauck ganz explizit von „Freiheit in Bezogenheit“ – eine Formulierung, die einige politische Denkfreundinnen und ich in einem 2009 erschienenen Buch gewählt haben, dessen Titel lautet: „Sich in Beziehung setzen. Für eine Weltsicht der Freiheit in Bezogenheit“.

Ob Gauck seine Wortwahl von uns hat oder ob es sich hier um eine bloße Koinzidenz handelt, weiß ich nicht (allerdings ist unser Buch in evangelischen Kreisen, zumindest unter Frauen, recht breit rezipiert worden). Aber das ist auch nicht so wichtig, für gute Ideen gibt es ja kein Copyright, und je weiter sie sich verbreiten, umso besser.

Leider aber versteht Gauck den Begriff völlig anders als wir. Sein Aufgreifen des (letztlich schon auf Hannah Arendts Diktum vom „Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten” zurückgehenden) Gedankens, dass Freiheit nicht nur Unabhängigkeit bedeutet, sondern erst in Beziehungen zum Ausdruck kommt, verhungert sozusagen auf halber Strecke. Es bleibt auf der Ebene einer Binsenweisheit.

Gauck beschreibt zwei Arten von Freiheit: Die „jugendliche“, revolutionäre Freiheit, die vor allem auf Autonomie und Unabhängigkeit setzt, also „Freiheit von etwas“ ist. Und dann die „erwachsene“, Verantwortung übernehmende Freiheit, die die Welt gestaltet, also „Freiheit zu etwas“ ist. Damit umreißt er im Wesentlichen den Konsens, den die westeuropäische männliche Philosophie seit langem tradiert. Freiheit wird dabei aus der Perspektive des erwachsenen, mündigen, gesunden Mannes gedacht (der heute, in emanzipierten Zeiten, freilich auch eine Frau sein darf).

Freiheit ist dabei ein Objekt des männlichen Begehrens, dem sich verschiedene Männer auf durchaus unterschiedliche Weise nähern: Der Engländer liebt die Freiheit „wie sein rechtmäßiges Weib“, der Franzose „wie seine erwählte Braut“ und der Deutsche „wie seine Großmutter“ – wie es der wortgewaltige Heinrich Heine einmal formuliert hat, der von Gauck wieder herangezogen wird.

Und – Bezogenheitsdenken hin oder her – auch Gauck macht wieder die alten Gegenüberstellungen auf zwischen „freiheitsliebenden“ Bürgern einerseits und „Besitzstandswahrern“, denen ihre materielle Sicherheit wichtiger ist als die Freiheit, andererseits.

Unter „Bezogenheit“ versteht Gauck nämlich nichts anderes, als die Integration von Verantwortung in das autonome Freiheitsstreben. Damit zelebriert er erneut den klassischen patriarchalen Kampf zwischen Vätern und Söhnen: Während letztere sich gegen jeden Zwang und jede Fremdbestimmung wehren, will Gauck die Freiheit (eben unter dem Stichwort „Bezogenheit“) nicht mehr individuell-egoistisch, sondern pragmatisch-realitätsbezogen sehen unter der Formel: „Wenn ich für andere sorge, bin ich erst so richtig frei“.

Dass er sich damit explizit von den Linken distanziert, wurde in den letzten Tagen von verschiedenen Seiten heftig kritisiert, aber natürlich kriegt diese Art der Argumention von linker Seite auch immer wieder neues Futter. Zum Beispiel wenn Denker wie der von vielen unter ihnen quasi als Popstar verehrte Philosoph Slavoj Zizek Sachen schreiben wie: Wer wirklich revolutionär sein will, muss Frau und Kind letztlich erschießen, um nicht mehr erpressbar zu sein.

Für mich und viele politisch denkende Frauen, die ich kenne, ist dieser altbackene Streit zwischen revoluzzenden Söhnen und verantwortungsschweren Vätern schon lange langweilig geworden. Worum es uns geht, das ist die Einsicht in die eigene Bedürftigkeit, die eigene Abhängigkeit. Denn nur wer diesen Standort einnimmt, wird die Fülle der wahren Freiheit entdecken, die das „Bezugsgewebe der menschlichen Angelegenheiten“ bereithält. Und kann sich dann von dem krampfhaften Streben nach Autonomie und Eigenverantwortung verabschieden, das prinzipiell unerreichbar ist, weil es sich lediglich um eine patriarchale Illusion, ein Wolkenkuckucksheim handelt.

Wir haben in unserem Buch vorgeschlagen, Freiheit überhaupt nicht mehr von der Autonomie her zu denken (sei sie nun mit Verantwortung für andere verknüpft oder nicht), sondern im Gegenteil von der eigenen Bedürftigkeit her. Bedürftigkeit und Abhängigkeit sind nämlich nicht menschliche Besonderheiten, die von der „normalen“ Autonomie abweichen und daher mit Freiheit tendenziell in Konflikt stehen. Sondern sie sind im Gegenteil die Voraussetzungen für Freiheit: Frei sein können wir, weil wir von anderen bereits Fürsorge und Zuwendung bekommen haben.

Mehr Männern als Frauen fällt dieser Paradigmenwechsel schwer. Die meisten Befürworter des Grundeinkommens argumentieren zum Beispiel damit, dass Sozialleistungen vom „Stigma der Fürsorge“ befreit werden sollen. Genau das Gegenteil ist notwendig!

Und auch Gauck zeigt nun: Selbst wenn Männer die Formel „Freiheit in Bezogenheit“ aufgreifen, bedeutet das noch lange nicht, dass sie sich von dem alten Autonomiegedanken verabschiedet haben. Irgendwo scheint es eine Barriere zu geben, die es ihnen (und manchen „emanzipierten“ Frauen vermutlich ebenso) schwer macht, die eigene Bedürftigkeit anzuerkennen und sie in ihr Freiheitskonzept integrieren.

Offensichtlich ist es durchaus möglich, „Bezogenheit“ zu sagen und trotzdem weiterhin die Perspektive des großen Zampanos beizubehalten, der für andere etwas tut. Worauf es aber ankäme wäre, zu verstehen (und in die politische Reflektion über Freiheit einzubeziehen), dass andere immer schon etwas für mich getan haben, bevor ich selber frei sein kann. Und dass ich diese Abhängigkeit mein Leben lang nicht loswerde.

Joachim Gauck: Freiheit. Ein Plädoyer. Kösel 2012.

Nein, nein, das ist nicht Religion!

Asghar Ali Enineer bei seiner Keynote zum Symposium "Heimat - christlich - Abendland" in Dürnstein. Foto: WWW.PHOTO-GRAPHIC-ART.AT, mit frdl. Genehmigung.

Nun will ich aber auch noch etwas Inhaltliches zu diesem Symposium schreiben, an dem ich derzeit teilnehme. Das Thema lautet „Heimat – christlich – Abendland“, und es geht um eine Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Trends auf konservativer Seite, „Werte“ (zumal christliche) zu instrumentalisieren, um Fremdes abzuwehren oder nationalistische Politik zu betreiben. Ich habe in den vergangenen Tagen schon so viel Interessantes gehört, dass ich gar nicht recht weiß, wo anfangen, ich brauche sicher noch ein paar Blogposts, um das zu verarbeiten.

Also fange ich einfach mit der Keynote an. Die hielt Asghar Ali Engineer, ein im interreligiösen Dialog engagierter Muslim aus Indien, der eingeladen war, weil man in Indien ja deutlich mehr Erfahrung mit Multikulturalität und Multireligiosität hat als ein unseren trotz mancher Verschiebungen doch immer noch kulturell sehr homogenen Gesellschaften in Deutschland bzw. Österreich.

Engineer hat eine klare Position, die ich sehr sympathisch finde, wobei aber noch ein paar Fragen offen bleiben. Seiner Ansicht nach ist Religion etwas radikal Individuelles und muss von Politik klar getrennt sein. Sobald sich Religion als Institution oder auch nur als Gruppe organisiert, ist sie mehr an ihrer Macht und ihren Interessen orientiert als an religiösen Werten. Und damit ist sie für Engineer eigentlich keine Religion mehr.

Er versteht es sehr gut, das immer wieder an Beispielen anschaulich zu machen: Solange es Hunger und Leid und Ungerechtigkeit auf der Welt gibt, sollen religiöse Menschen sich erst einmal darum kümmern, das abzuschaffen, anstatt über Gott oder unterschiedliche religiöse Konzepte zu diskutieren.

Vier Grundhaltungen braucht ein religiöser Mensch, um bei Engineer als solcher durchzugehen: Respekt für die Wahrheit, Demut (Humbleness), aktives Mitgefühl (Compassion) und „Subversivität“, weil sich ein religiöser Mensch gegen Ungerechtigkeit engagiert und damit unweigerlich die bestehenden weltlichen Institutionen unterhöhlen muss. Beispiele für solche wahrhaft religiösen Menschen sind für ihn Buddha, Jesus, Mohammed, Ghandi. Sie alle hätten tätig religiös gelebt und keine religiöse Institution begründet. Die das hinterher in ihrem Namen gemacht hätten, seien nicht wirklich religiös.

Hierin zeigt sich schon, dass der Hinweis, Religion müsse „unpolitisch“ sein, sich für ihn nur auf das politische Agieren von religiösen Gruppen bezieht. Religiöse Individuen hingegen werden eminent politisch handeln, um die Welt besser zu machen.

Ganz ähnlich wie Engineer argumentierte auch die indonesische Muslimin Siti Musdah Mulia, die in ihrem Vortrag unterschied zwischen einer „intrinsischen“ und einer „extrinsischen“ Religiosität, also einer, die aus eigener innerer Motivation hervorgeht und einer, die aus äußerem Druck resultiert.

Mir ist diese Position, wie gesagt, sehr sympathisch, schließlich denke ich, dass die Institutionen, so wie wir sie kennen, ohnehin ihrem Ende zugehen. Allerdings erinnerte ich mich dabei auch immer ein bisschen an dieses Kommunismus-Plakat, das bei allen negativen Aspekten immer zu der Aussage „Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus!“ führt.

Ist es nicht etwas zu einfach, einfach allen problematischen Erscheinungsformen von Religion das Religionsein abzusprechen? In dieser Frage zeigt sich natürlich auch, dass unsere gesellschaftlichen Kontexte sehr verschieden sind. Engineer und Mulia sprechen vor dem Kontext von Gesellschaften, in denen Atheismus praktisch nicht existiert. Das Problem sind hier feindselige und gewalttätige Auseinandersetzungen, die mit religiösen Argumenten bemäntelt werden. „Nein, nein, das ist nicht Religion!“ ist da ein guter Einwand.

In Deutschland oder Österreich hingegen gibt es praktisch keinen äußeren Druck mehr, der Menschen dazu zwingt, religiös zu sein. Hier sieht sich Religion atheistischen Gegenfragen ausgesetzt, die logischerweise nicht die innere spirituelle Aufrichtigkeit einzelner Menschen problematisieren, sondern die äußerlichen Erscheinungsformen von Religion in Form von Schulunterricht, Kirchensteuern oder Anti-Abtreibungs-Kampagnen zum Beispiel.

„Nein, nein, das ist keine Religion!“ wäre da ein Scheinargument, das nicht plausibel ist. Man muss hierzulande als religiöser Mensch auch Verantwortung für die Fehler religiöser Institutionen übernehmen.

Morgen früh bin ich noch einmal bei einem Abschlusspodium mit Asghar Ali Engineer und mit Siti Musdah Muliah, vielleicht können wir das Thema der Institutionalisierung von Religion da noch einmal ansprechen.

(Falls jemand zufällig in der Nähe ist: Morgen, Sonntag, 26. Februar, 10.30 Uhr, Stift Dürnstein, Dürnstein in der Wachau, Niederösterreich)

Luxusprobleme

Mein nasser Bademantel wartet, bis der Blogpost fertig ist. Im Hintergrund die Donau.

Heute morgen war ich schwimmen. In einem auf 29 Grad beheizten Außenpool auf  dem Hoteldach, mit Blick über die Donauhügel. Das Hotel, in dem ich als Referentin von den Veranstaltern eines Symposiums untergebracht wurde, hat so einen. Ich war ganz allein. Es war atemberaubend schön.

Natürlich dachte ich sofort: Wie pervers ist das denn! Wir haben Energiekrisen und hier wird ein 1,40 Meter tiefer Pool so aufgeheizt, dass Madame Antje vor dem Frühstück ein paar Runden in frischer Luft kraulen kann.

Luxusprobleme.

Normalerweise gibt es bei uns zwei Alternativen, wie Leute damit umgehen: Moral und Ingnoranz.

Die Moral sagt: Das ist böse, das darfst du nicht machen, oder wenn, dann nur mit schlechtem Gewissen. Du verbrauchst Ressourcen, die eigentlich anderen gehören. Du musst, um ein guter Mensch zu sein, gegen solche Ungerechtigkeiten kämpfen. Am Besten gehören beheizte Außenpools im Winter gleich ganz verboten.

Die Ignoranz hingegen – die meiner Ansicht nach eine Reaktion auf Moral ist – ignoriert das Problem. Sie denkt sich Rechtfertigungen aus, die die Illusion erzeugen, es gäbe gar kein ethisches Dilemma. Zum Beispiel: Das hab ich mir verdient. Ich hab ja dafür bezahlt. Dieser beheizte Pool kurbelt den Tourismus an und sichert Arbeitsplätze. Wenn die Leute sich nur mehr anstrengen würden, könnten sie auch in einem beheizten Außenpool schwimmen.

In der Realität treten Moral und Ignoranz sogar meistens gleichzeitig auf. Man redet bei dem einen Problem moralisch und handelt bei dem anderen Problem ignorant, oder – noch schlimmer – redet öffentlich moralisch und handelt insgeheim ignorant.

Hier eine Alternative, die ich mir heute im Pool zu der falschen Wahl zwischen Moral und Ignoranz ausgedacht habe.

Und zwar habe ich mir überlegt, dass man solche Luxusmomente mit Dankbarkeit genießen sollte und in dem Bewusstsein, dass man jetzt ein unfassbares Glück hat. Also wissend, dass man hier etwas genießt, völlig unverdient, worauf man kein Recht und keinen Anspruch hat.

Jedenfalls hatte ich den starken Drang, beim Hin- und Herschwimmen ständig zu rufen „Wow, ist das schön!“ Meiner Ansicht nach ist das eine mögliche Übersetzung von „Danke“, das als Wort wie als Konzept heute ja etwas antiquiert klingt.

Luxus ist etwas Schönes, weil es einfach Dinge auf der Welt gibt, die so unglaublich schön sind, dass sie das „Normale“ übersteigen. Und es stimmt nicht, dass das nur in der Natur oder in spiritueller Innerlichkeit erfahren werden kann. Nein, die von Menschen erfundenen Luxusgüter wie etwa beheizte Außenpools spielen da eine Rolle. Luxus ist hergestellt, ein Produkt.

Luxus bedeutet aber auch, dass diese Dinge selten sind, die Ausnahme von der Regel. Jeden Tag in einem beheizten Außenpool zu schwimmen, das wäre wirklich pervers. Man kann keine Umverteilung von Luxus auf alle fordern, wie man Umverteilung von Brot und Grundeinkommen auf alle fordern kann.

Und noch etwas: Damit Luxus „ethisch okay“ ist, muss wirklich der Genuss im Vordergrund stehen und nicht die soziale Distinktion, also das Sich über andere Stellen. Bei dem meisten, was heute als „Luxus“ gehandelt und verkauft wird, ist es genau andersrum. Wenn man also schon etwas verbieten will, dann Werbung, die nicht mit der Schönheit der Dinge wirbt, sondern mit dem sozialen Status, der damit verbunden ist. Die ist nämlich pervers.

Aber wenn diese drei Punkte bedacht sind: Man ist dankbar für das Großartige, das man momentan genießt, man macht sich klar, dass das ein Glück ist und dass man das nicht selbst verdient hat, und man genießt wirklich die Sache als solche und nicht das „Mehr wert Sein“ als die anderen – dann ist Luxus wirklich okay.

Und in diesem Sinn will ich Luxus für alle. Genau so, wie wir ja auch alle Königinnen sind.

(Ähnliches Thema: Die Regeln der anderen)

Merkels Schmach oder Merkels Triumph? Quark!

© Helder Almeida - Fotolia.com

Na klar, ich weiß auch nicht, was im Kopf von Angela Merkel vor sich geht, aber was ich weiß ist, dass ich die übliche Gewinner-und-Verlierer-Logik der politischen Analysen absolut nervig finde.

Michael Seemann twitterte vorhin:

Und nun zu den analysen: gauck ist merkels meisterwerk: http://t.co/aNtwLSBu vs. merkels größte schmach: http://t.co/uh0SpUJi wer hat recht?

Wirklich tolle Kategorien: Triumph oder Schmach. Das zeigt schon das ganze traurige Ausmaß der Desolatheit unserer offiziellen politischen Unkultur. Offensichtlich ist es in dieser verquarzten Logik gar nicht mehr möglich, Dinge, die geschehen, in ihrer ganz normalen Normalität zu sehen. Natürlich hat keiner der beiden Kommentatoren Recht, denn sie spielen auf einer idiotischen Skala. Nämlich auf der Skala pseudo-strategischer Ausgebufftheit, die in weiten Bereichen dessen, was heutzutage “öffentlich” genannt wird, inzwischen so vorherrschend ist, dass man sich nicht wundern muss, dass immer mehr Menschen (deutlich mehr Frauen als Männer) sich davon fernhalten.

Warum Angela Merkel ihren Job eigentlich noch nicht hingeschmissen hat, frage ich mich übrigens jedes Mal, wenn ich etwas über sie lese.

Ich bin ein gutgläubiger Mensch. Wenn mir jemand erzählt, draußen vor dem Fenster ist ein UFO gelandet, dann glaube ich das solange, bis ich Grund habe, es anzuzweifeln. Ich bin mit diesem Vorgehen (das übrigens unverzichtbar ist für den Austausch mit Anderen, Fremden, Unbekannten) bisher sehr gut gefahren, und ich möchte es auch in den Bereich der Politik zurück holen.

Meine Geschichte geht daher so:

Angela Merkel wollte Gauck nicht haben, und es gibt keinen Grund, das nicht zu glauben und ihr irgendwelche macchiavellistischen Strippenziehereien zu unterstellen. Dass Merkel Gauck nicht wollte, damals nicht und jetzt eigentlich auch noch nicht, gibt mir übrigens ziemlich zu denken. Denn ich halte Merkel für einen klugen Kopf, und sie kennt Gauck sicherlich besser als ich. Sie wird ihre Gründe haben, fürchte ich.

Es muss jedenfalls nicht groß machtpolitisch herumspekuliert werden, warum Merkel damals statt Gauck Wulff vorgeschlagen hat. Gründe liegen schließlich offen zutage. Zum Beispiel wäre da die Kleinigkeit, dass Wulff inhaltlich der bessere Präsident war. Leider stellte er sich als korruptionsanfälliger Hallodri heraus. Hätte Merkel das wissen müssen? Hätte sie wissen müssen, dass Guttenberg ein Plagiator ist?

Wenn ich ihr eine Strategie raten müsste, dann vielleicht die, prinzipiell keine Männer um die Vierzig mehr für irgendwas zu nehmen, aber ich fürchte, das wäre nicht praktikabel.

Wie auch immer: Jetzt wollte Merkel Gauck immer noch nicht haben. Aber es formierte sich schnell eine Front gegen sie: SPD und Grüne rieben sich die Hände, ha, IHR toller Kandidat wäre natürlich besser gewesen. Und die FDP fällt Merkel sowieso zuverlässig in den Rücken, hat ja auch schon längst nichts anderes, womit sie sich profilieren kann.

Vielleicht irre ich mich, und Grüne, SPD und FDP finden tatsächlich, dass Gauck ein inhaltlich guter Präsident ist und ihr Traumkandidat, ich kann ja in ihre Köpfe nicht hineinschauen. Aber, wie gesagt, dass Merkel ihn nicht wollte, macht mich skeptisch. Ich fürchte, an diesem Punkt hat der oben verlinkte Tagesspiegel-Kommentar recht, und es ist bei den Gauck-Vorschlagenden zumindest auch eine Portion Populismus und “Hauptsache dem Gegner schaden”-Denke im Spiel.

Muss man lange spekulieren, warum Merkel Gauck nun doch genommen hat? Überhaupt nicht! Es ist doch ganz offensichtlich, dass das jetzt das einzig Realistische war, das sie machen konnte. Hätte sie sich in die machtpolitischen Kampfarenen hineinbegeben, die ihr von allen Seiten hingehalten wurden, hätte sie kaum noch Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben, das Regieren nämlich, gehabt. Aber das ist es, was ihr wirklich Spaß macht (und, nebenbei, es ist auch wichtiger als die Frage, wer Bundespräsident ist).

Man kann mit den eigenen Forderungen an jedem Ort immer nur bis an die Grenzen des Möglichen gehen (oder ein kleines bisschen darüber hinaus), und bei einer Bundeskanzlerin sind diese Grenzen sehr viel enger gesteckt als, nur so zum Beispiel, bei einer frei bloggenden Politikwissenschaftlerin.

Diese engen Grenzen hat Merkel, deren Pragmatismus ich übrigens wirklich großartig finde (bei aller inhaltlichen Differenz, die ich zu ihr habe), ganz einfach realistisch eingeschätzt und entsprechend gehandelt. Schnell und unprätentiös und ohne großes Tamtam und Gorilla-auf-die-Brust-Klopfen. So wie das halt ihre wohltuende Art ist.

Ich persönlich hätte mir zwar gewünscht, dass Merkel für Petra Roth kämpft, aber das kann ich natürlich leicht dahin sagen. Ich muss es schließlich nicht im alltäglichen Politzirkus in Berlin in die Realität umsetzen.

Meine Vermutung ist – als Politikwissenschaftlerin gehört es ja auch zu meinem Job, ab und zu ein bisschen Kaffeesatz zu lesen – dass Merkel der Ansicht ist, eine weibliche Doppelspitze sei in Deutschland noch nicht durchsetzbar. Und da sie selbst an ihrem Job offensichtlich großen Spaß hat (zum Glück), hätte sie sich selbst natürlich mit einer Bundespräsidentin einen Bärendienst erwiesen. Zumal mit einer, die sie gegen den Kandidaten der deutschen Herzen hätte durchkämpfen müssen.

Aber ist es Merkels Schuld, dass solche Überlegungen in Deutschland im Jahr 2012 noch angestellt werden müssen? Schwerlich. Es ist (unter anderem auch) ihr Verdienst, dass sie wenigstens schon mal angestellt werden können.

Um zur Eingangsfrage zurück zu kommen: Ist Gaucks Wahl nun für die Kanzlerin eine Schmach oder ein Triumpf?

Dazu kann ich nur sagen: Geht doch Aussterben, liebe politische Kommentatoren. Um Angela Merkel und ihre Politik (und, wie ich überzeugt bin, die Politik von Frauen generell) verstehen zu können, müsst ihr erst mal eure Denkschablonen erneuern.

Ein paar Gedanken zum Internet-Schmarotzertum

Neulich traf ich zufällig eine alte Bekannte, wir hatten uns ziemlich lange nicht gesehen, tauschten uns ein bisschen aus, wie das so ist. Zum Abschied fragte ich sie, ob sie bei Facebook sei – ich dachte mir, es müsste ja nun nicht wieder mehrere Jahre dauern, bis wir was von einander hören.

Sie sagte Ja, sie sei bei Facebook, da komme man ja nun heutzutage nicht drum herum. Allerdings würde sie dort keine Informationen von sich preisgeben, man wüsste ja, dass damit schreckliche Sachen gemacht werden. Die meisten Leute wären doch viel zu leichtfertig und würden jeden Unfug da hinschreiben. Außerdem wären das alles Angeber und Wichtigtuer und Selbstdarsteller. Ich übersetzte mir das: Diese Leute (Leute wie ich also) sind ein bisschen doof. Sie, meine Bekannte, hingegen würde gar nichts an ihrer Pinnwand posten. Es würde ihr genügen, die Sachen von anderen zu lesen. Aber ja, befreunden könnten wir uns.

Puh dachte ich, schon wieder so eine Internet-Schmarotzerin. Die gehen mir nämlich je länger desto mehr auf die Nerven. Wollen immer alles rausholen, aber nichts reinschreiben. Vielleicht bilde ich es mir ein, aber ich habe den Eindruck, sie werden in letzter Zeit mehr. Irgendwie wollen sie nicht länger „draußen“ bleiben, aber „rein“ wollen sie auch nicht.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich habe überhaupt nichts dagegen, dass Leute das Internet nur passiv nutzen. Es kann viele Gründe dafür geben: keine Zeit, keine Lust, keine Ahnung. Manche Leute sind zu schüchtern, um sich öffentlich zu positionieren, anderen macht das keinen Spaß oder sie haben andere Sachen zu tun, viele sind verunsichert von den „Huhu das schlimme-Internet“-Debatten, und wieder andere glauben, was sie zu sagen haben wäre doch total uninteressant. Kann ich alles verstehen und will ich gar nicht reinreden.

Nein, was mich in Rage bringt ist, wenn dieses „Ich schreib nichts ins Internet“ im Duktus der Überheblichkeit daher kommt, so nach dem Motto: Ich schreibe nichts ins Internet und deshalb bin ich toller und cooler als diese ganzen Deppen, die sich da vor aller Öffentlichkeit entblößen.

Denn: Wenn niemand was ins Internet schreiben würde, gäbe es da auch nichts rauszuholen, so einfach ist das. Mir passiert es inzwischen häufig, dass ich Bekannte irgendwo treffe, die allerbestens über mich informiert sind; sie wissen, wo ich im Urlaub war, welche Bücher ich gelesen habe, etcetera, und sie finden das auch ganz toll – und irgendwie scheint es sie gar nicht zu stören, dass ich im Gegenzug von ihnen gar nichts weiß. Hallo, du Schmarotzerin sage ich dann. (Übrigens: Wer nicht bei Facebook sein will, wofür es ja tatsächlich gute Gründe gibt, kann irgendwo anders was ins Internet reinschreiben, ich finde euch schon!)

Noch einmal: Ich habe eigentlich gar nichts gegen Leute, die nur nehmen und nichts geben. Ganz im Gegenteil. Ich bin ja selbst an vielen Stellen eine Schmarotzerin, zum Beispiel bin ich eine Kleine-Handwerker-Arbeiten-Schmarotzerin. Ich habe noch nie in meinem Leben einen Staubsaugerbeutel ausgetauscht. Ich kann kaputte Glühbirnen länger ignorieren als irgendjemand sonst. Aber mir ist es bewusst, dass das eine schmarotzerische Haltung ist. Ich weiß, dass es notwendig ist, diese Dinge zu erledigen, nur dass ich das eben nicht will und nicht kann (was bekanntlich miteinander zusammenhängt). Und deshalb ich bin dankbar und froh, dass ich bisher immer mit Leuten zusammen gewohnt habe, die das für mich mit erledigt haben.

Auch auf gesellschaftlicher Ebene bin ich für Schmarotzertum, zum Beispiel bin ich für ein bedingungsloses Grundeinkommen, was ja nichts anderes bedeutet als: Alle bekommen Geld, ohne dafür etwas geben zu müssen. Denn so ist einfach das Leben: Menschen sind immer und jederzeit davon abhängig, dass andere für sie Dinge miterledigen. Deshalb sollen auch alle bekommen, was sie brauchen, ohne etwas dafür zu tun. Und damit meine ich ausdrücklich auch die Internet-Schmarotzerinnen. Es sei ihnen gegönnt, dass sie sich da raus holen, was immer sie brauchen, ohne jede Gegenleistung. (Vielleicht ist das Internet ohnehin das Medium, das uns dabei hilft, die Schmarotzerei als gesellschaftlich akzeptierte Lebensform zu verbreiten. Denn es gibt kein besseres Medium, um zu lernen, dass es ganz normal ist, Dinge zu bekommen, ohne etwas zurückgeben zu müssen. Und das ist fantastisch!)

Aber wir brauchen dann auch ein kulturelles Umdenken, das diese Tatsache zur Sprache bringt und reflektiert. Mit anderen Worten: Wir müssen unser Schmarotzertum zugeben und nicht so tun, als sei es unser gutes Recht, dass wir uns selbst bedienen ohne was zurückzugeben, wo immer das möglich ist. Als sei es ein Zeichen besonderer Medienkompetenz, sich alles mögliche aus dem Internet rauszuholen, ohne selbst was reinzuschreiben. Oder als sei es unser gutes Recht, niemals einen Staubsaugerbeutel auszutauschen, weil das gefälligst andere machen sollen.

Nein, es ist nicht unser gutes Recht, aber wir dürfen es trotzdem tun! (Ich weiß, ein schwieriger Gedanke, aber versucht es mal).

Wir alle sind ein Teil des Systems, von dem wir schmarotzen, und deshalb ist es unsere Pflicht, dieses System mit zu erhalten, ohne dass uns jemand konkret zu irgendetwas zwingen oder verpflichten könnte. Der erste (und wichtigste, vielleicht sogar der einzige) Schritt für diesen kulturellen Wandel ist: Zugeben, dass man schmarotzt. Und dankbar dafür zu sein, dass man das kann. Und eben nicht sich hinstellen, als sei man deshalb besonders cool und toll und gewitzt.

Denn eigentlich gibt es eine „Bürger_innenpflicht zum Bloggen“. So, wie es auch eine Verpflichtung gibt, ab und zu den Staubsaugerbeutel auszutauschen.