Anti-Feminismus und Unfeminismus

In Leipzig habe ich auf Einladung des Frauenzentrums MonaLiesa neulich einen Vortrag zum Thema Antifeminismus gehalten. Es war das erste Mal, dass ich öffentlich zu dem Thema gesprochen habe, und daher sind meine Thesen dazu vielleicht auch noch ein bisschen unausgegoren. Denn bei den meisten Themen ist es so, dass sich meine Meinung dazu im Laufe der Diskussionen noch weiter entwickelt.

Meine vorläufige These, die ich jetzt gerne auch hier im Blog zur Diskussion stellen möchte, ist Folgende:

Es ist sinnvoll, zwischen Anti-Feminismus und Un-Feminismus zu unterscheiden. Die beiden Haltungen unterscheiden sich dabei nicht so sehr durch die Inhalte, die vertreten werden, als vielmehr durch einen bestimmten Habitus:

Antifeministisch nenne ich Bewegungen, Argumente und Initiativen, die zum Ziel haben, weibliche Subjektivität zu bekämpfen, und die daher versuchen, den öffentlichen Einfluss von frei handelnden Frauen zu unterbinden. Antifeministen und Antifeministinnen (die gibt es leider auch) sprechen Frauen, die von sich selbst und ihren Erfahrungen ausgehend zu Ansichten kommen, die außerhalb des gesellschaftlichen Mainstreams liegen, die Position eines ernst zunehmenden Gegenübers ab. Anstatt sich inhaltlich mit ihnen auseinander zu setzen, qualifizieren Antifeministen solche Frauen zum Beispiel als unwissenschaftlich, irrational oder lächerlich ab.

Unfeministisch hingegen sind Menschen und Positionen, die sich entweder mit Feminismus noch kaum beschäftigt haben – sei es, dass sie noch nie damit konfrontiert waren, dass sie sich für das Thema nicht interessieren oder dass sie die Geschlechterdifferenz für irrelevant halten – oder aber die sich zwar damit beschäftigt haben, jedoch zu einer inhaltlich anderen Ansicht gelangt sind, als die Feministin, mit der sie es gerade zu tun haben.

Die Unterscheidung zwischen Antifeminismus und Unfeminismus ist wichtig, weil sich daran festmacht, ob es sich lohnt, mit dem betreffenden Gegenüber in eine Beziehung zu treten oder nicht – also zum Beispiel sich auf eine Diskussion einzulassen oder einen Kommentar freizuschalten. Es ist sinnlos, mit einem Antifeministen diskutieren zu wollen, weil er mich als Gesprächspartnerin ja gar nicht ernst nimmt. Mit unfeministischen Menschen hingegen ist eine Diskussion möglich, da sie zwar andere Ansichten vertreten, aber wahrnehmen und akzeptieren, dass ich ein eigenständiges Gegenüber bin, mit dessen Freiheit und Subjektivität sie rechnen müssen.

Das heißt natürlich nicht, dass eine Feministin mit unfeministischen Menschen diskutieren muss. Es kann ja viele Gründe geben, sich nicht auf eine Diskussion einzulassen, obwohl es prinzipiell möglich wäre – keine Lust, keine Zeit, was auch immer. Antifeministen erkennt man übrigens auch daran, dass sie eine solche „Beziehungsverweigerung“ nicht als selbstverständliche Option akzeptieren. Sie gehen davon aus, dass sie ein Recht darauf haben, dass eine Frau, die andere Meinungen hat als sie, ihnen das solange erklärt, bis es ihnen persönlich nachvollziehbar ist – eben weil sie nicht akzeptieren, dass da eine Differenz sein könnte, die man eben einfach stehen lassen muss, und dass das in einem pluralen politischen Diskurs etwas ganz Normales ist.

Kompliziert wird das Ganze auch dadurch, dass Antifeministen relativ gemäßigte Positionen zum Verhältnis der Geschlechter vertreten können, während Unfeministen sehr sexistische Ansichten haben können. Nicht alle, die zum Beispiel der Meinung sind, dass Kinder am besten von der biologischen Mutter versorgt werden, sind deshalb schon antifeministisch. Vielleicht haben sie einfach nur zu viele Bücher von Evolutionsbiologen gelesen. Hingegen gibt es durchaus Antifeministen, die für die Gleichberechtigung eintreten – sofern Frauen sich dabei an die von ihnen vorgegebenen Spielregeln halten.

In der Realität kommen die beiden Formen „Antifeminismus“ und „Unfeminismus“ natürlich häufig vermischt vor. Aber dennoch meine ich, dass die Unterscheidung klar und prinzipiell ist. Es gibt ja viele Phänomene, die eng beieinander liegen, wie zum Beispiel Tauschen und Schenken, oder wo der Grat, wo das eine ins andere umschlägt, sehr schmal ist, wie der zwischen Macht und Politik.

Als praktisch bei der Unterscheidung zwischen Antifeminismus und Unfeminismus hat sich für mich die „Rechtfertigungsprobe“ ergeben: Habe ich den Impuls, mich für meine Ansicht zu rechtfertigen? Werde ich wütend? Bin ich genervt? Fühle ich mich schlecht? Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es hier um Antifeminismus geht. Oder fühle ich mich herausgefordert? Habe ich Lust, mich auf ein „argumentatives Kräftemessen“ einzulassen? Dann habe ich es wahrscheinlich einfach nur mit einem Menschen zu tun, der anderer Meinung ist als ich.

Zumindest ist das die These, von der ausgehend ich das Thema experimentell weiter verfolgen werde.

Gendercamp: Nicht richtig satt geworden

Das Gendercamp am vergangenen Wochenende in Hüll war gleichzeitig auch mein erstes Barcamp überhaupt, an dem ich so richtig teilgenommen habe. Und ich bin ein wenig hin- und hergerissen, was ich von diesem Veranstaltungsformat halten soll.

Für alle, die es nicht kennen: Bei einem Barcamp gibt es kein vorgegebenes Programm, sondern die Teilnehmer_innen legen selbst fest, welche Themen bearbeitet werden. In Hüll war es so, dass immer vormittags im Plenum alle, die eine „Session“ anbieten wollten, ihr Thema kurz vorstellten, und dann einen Raum und eine Zeit wählten, wo das stattfand.

Die Gendercamp-Session mit dem größtem Informationswert für mich: Pen and Paper-Rollenspiele ausprobieren.

Es gab an den zwei vollen Tagen jeweils sechs Zeitfenster für Sessions (am Sonntag auch nochmal zwei, aber da war ich nicht mehr da), und meistens fanden so drei bis fünf davon parallel statt. Sie dauerten immer 45 Minuten, dann war eine Viertelstunde Zeit, um den Raum zu wechseln oder eben auch länger fürs Mittagessen und Kaffeetrinken. Alle entschieden sich relativ spontan, wohin sie gingen. Bei der kleinsten Session, an der ich teilnahm, waren wir zu dritt, bei der größten waren es gut zwanzig Personen. Abends gab es dann nochmal ein Plenum für Organisatorisches. Insgesamt haben so gut fünfzig Leute am Gendercamp teilgenommen. (Hier ist eine Übersicht über alle Sessions).

Im Prinzip finde ich es natürlich gut, dass Barcamps die bei Tagungen sonst übliche Aufteilung zwischen „Expert_innen“ und „Publikum“ aufheben. Allerdings hat mich das Räumchen-Wechsel-Dich auch etwas unzufrieden gemacht. Nicht unbedingt, weil man zwangsläufig die meist auch spannenden Parallel-Sessions verpasst hat, sondern eher, weil auf diese Weise die Themen immer nur grob angerissen wurden.

Ich hatte den Eindruck, dass da eine riesige Fülle von Informationen, Erfahrungen, Ideen vorhanden war, mit denen ich aber immer nur „angefüttert“ wurde, ohne mich jemals richtig satt essen zu dürfen. Das lag, glaube ich, nicht mal nur daran, dass 45 Minuten ja eigentlich für jedes Thema zu kurz sind (wobei es auch „Doppel-Sessions“ von 90 Minuten gab), sondern eher daran, dass es bei den beteiligten Menschen untereinander keine Kontinuität gab. Man hat sich ja alle Stunde wieder in anderen Konstellationen zusammengewürfelt. So konnte eigentlich keine Vertrautheit entstehen, und die Beziehungen blieben für mich im Stadium des „Sich Beschnupperns“.

Natürlich lag das auch daran, dass ich kaum jemanden schon vorher kannte, außer aus dem Internet. Es war schon toll, so viele interessante Menschen auch einmal persönlich zu treffen, aber die Gespräche verliefen eigentlich immer „in Fetzen“, und nie konnte ich sicher sein, die andere noch mal wiederzusehen.

Hinzu kommt, dass in so einem Setting viel Kraft für das Aushandeln von Regeln nötig ist. Gerade bei einem Gendercamp, wo ja der Anspruch besteht, eine bessere Diskussions- und Umgangskultur zu praktizieren als gesellschaftlich sonst üblich (à la „Der Lauteste kriegt den meisten Raum“). Da hatte ein „Awareness-Team“ großartige Vorarbeit geleistet, aber kulturelle Praktiken sind eben nicht nur eine Sache des theoretischen Wissens, sondern vor allem eine der Übung. Und es braucht eine gewisse Zeit und auch gegenseitiges Vertrauen, um sie zu verankern. Ich fand, dass es für die Umstände ziemlich gut gelungen ist, aber es war auch anstrengend, worüber Adrian schon gebloggt hat.  Vielleicht entwickelt sich das ja im Lauf der Jahre, wenn sich durch Menschen, die wiederholt am Gendercamp teilnehmen, eine gewisse Selbstverständlichkeit einstellt.

Alles in allem hat sich die wohlige „Sattheit“, die ich oft nach feministischen Wochenendtagungen habe, dieses Mal nicht so eingestellt. Eher fühle ich mich wie nach einem Urlaub, wo ich zwar viele Anregungen bekommen habe, aber nicht so wirklich selbst eingestiegen und aufgewühlt worden bin.

Wobei natürlich auch nichts gegen Urlaubmachen spricht, schon gar nicht in netter Umgebung und in interessanter Gesellschaft. Wenn ich es mir einrichten kann (und das Gendercamp wieder stattfindet), fahre ich nächstes Jahr wieder hin.

Frauen, Männer, Parteipolitik. Ein Zwischenstand.

Ich sitze im Zug zurück vom Gendercamp, es gibt W-Lan, ich klappe das Internet auf, und was mir gleich wieder entgegenschwappt sind fehlende Frauen. Aktuell liegt ihr Anteil offenbar auf irgendeiner Piratenliste bei Null. Und sofort gehen die Reflexe los, die eine Seite ruft: „Aber es haben nun mal keine Frauen kandidiert“, die andere Seite skandiert „Quote, Quote“. So weit, so langweilig.

Ich klappe das Internet wieder zu und lese einen Vortrag von Christina Thürmer-Rohr über den Stand des Feminismus, den sie im März gehalten hat. Darin greift sie eine interessante Frage auf, die Barbara Sichtermann vor zwanzig Jahren gestellt hat:

Jetzt, wo wir alles sagen dürfen, seien die Männer überrascht und erleichtert. Denn was sie zu hören bekämen, unterscheide sich eigentlich gar nicht vom allseits Gewohnten. Eigentlich könne man sich wundern, warum den Frauen überhaupt ein Jahrtausende altes Redeverbot auferlegt worden war. Denn wenn sie nun das Gleiche wie den Common Sense zu Gehör bringen, wäre die alte Schweigeverordnung ja gar nicht nötig gewesen. Wenn Frauen an den alten Maßstäben gar nicht rütteln, wenn sie gar keine andere Welt anvisieren, hätte man sie doch gefahrlos schon längst reden lassen können.

Das war die interessante Frage, damals, 1992. Heute glaube ich, dass wir schon eine Antwort wagen könnten: Denn offenbar haben die Frauen ja wieder damit aufgehört, das Gleiche und Gewohnte zu sagen. Eher bevorzugen sie es, gar nichts zu sagen (Folge: Kandidatinnenmangel).

Aber nicht alle Frauen wenden sich von der Parteipolitik ab. Es gibt einige Frauen, die haben den Ehrgeiz, etwas anderes zu sagen und zu tun, oder es zumindest auf eine andere Weise zu sagen und zu tun, und zwar auch an der Spitze der etablierten Strukturen, Frauen wie Angela Merkel, Petra Roth, Hannelore Kraft (und das sind nur Beispiele für etwas, das ich für einen neuen Trend halte).

Dass diese „Spitzenfrauen“ nicht einfach nur eine weibliche Variante des männlichen Polit-Models darstellen (solche gibt es allerdings auch,  und leider sogar viele), ist im Fall von Angela Merkel noch tabuisiert worden – auch von ihr selbst, die ja immer betont hat, ihr Frausein spiele keine Rolle, was damals wohl noch notwendig war, um überhaupt an die Spitze gelangen zu können. Bei Petra Roth war es schon offensichtlicher, schließlich war die Diskrepanz im Wähler_innenzuspruch zwischen ihr (ganz Frankfurt lag ihr zu Füßen) und ihrem Parteikollegen Boris Rhein (krachende Niederlage gegen einen unbekannten, farblosen Gegner) anders nicht zu erklären.

Jetzt bei Hannelore Kraft ist endlich auch in den Analysen darüber diskutiert worden, dass hier nicht einfach nur weibliche Köpfe gewählt wurden, die das Gleiche sagen und tun wie ihre männlichen Vorgänger, sondern dass es tatsächlich darum geht, dass sie etwas anders machen, unabhängig von Parteiprogrammen.

Ich glaube, das könnte eine große Signalwirkung auf Frauen haben, die derzeit keinen Sinn in der überkommenen Männerpolitik sehen. Ich halte es für möglich, dass so mehr Frauen davon überzeugt werden, es könnte sich lohnen, in die „offizielle Politik“ zu geben. Weil sie sehen, dass es tatsächlich möglich ist, dort etwas anderes zu machen. Dass nicht alle Frauen in Machtpositionen automatisch das Gleiche sagen und machen wie bisher die Männer. Und noch grandioser wäre es natürlich, wenn sich auch noch mehr Männer davon anstecken ließen (ein paar Infizierte gibt es schon).

Der Wunsch, etwas anderes zu machen als die bisherigen Polit-Patriarchen, ist ja auch unter Männern vorhanden. Ihre Kritik tragen sie aber nicht innerhalb der etablierten Parteien aus, sondern viele von ihnen sammeln sich derzeit in der Piratenpartei. Ich glaube, das liegt daran, dass bei ihnen der Wunsch nach einem symbolischen Bruch mit dem Alten sehr groß ist (ein klassisches Motiv im patriarchalen Kampf von Vater und Sohn um die Vorherrschaft).

Unter Frauen ist dieses symbolische Bedürfnis kaum verbreitet, im Gegenteil: Sie verändern die etablierten Parteien, indem sie sogar bewusst auf der symbolischen Ebene den Eindruck erwecken, es würde doch alles beim Alten bleiben.

Es gibt natürlich inzwischen auch in der Piratenpartei Feministinnen, aber sie werden es nicht schaffen, die Partei auch nur annähernd für Frauen so attraktiv zu machen wie sie für Männer ist. Trotzdem ist ihr Engagement sehr wichtig. Sie sorgen dafür (hoffentlich), dass die Piratenpartei nicht von einer männerlastigen und unfeministischen zu einer antifeministischen Partei wird – eine Gefahr, die dort größer ist als bei anderen Parteien, eben weil sie ein Sammelbecken für männliche politische Unzufriedenheit ist. Feministisches Engagement innerhalb der Piraten könnte auch sicher stellen, dass all diejenigen Frauen, die sich für piratige Themen und eine entsprechende politische Kultur interessieren, dort auch tatsächlich mitarbeiten können, ohne dauernd auf Hindernisse und Lästigkeiten zu stoßen.

Aber, wie gesagt, auf einen akzeptablen Frauenanteil werden es die Piraten nicht bringen. Vielleicht muss man sich einfach damit abfinden – und darüber nachdenken, unter welchen Voraussetzungen strategische Bündnisse mit einer Männerpartei möglich sein könnten.

Wir mussten reden

Gestern traf ich mich in Berlin zu einem ausgedehnten Vormittagsplausch mit Michael Seemann und Max Winde für deren Podcast „Wir müssen reden“. Wir philosophierten über Organisationen und Institutionen, über feministische und digitale Weltveränderung, über Frankfurt und Berlin und über einen Igel, der jetzt hier wohnt. Großartig. Die drei Stunden gingen rum wie nix.

Den Podcast gibt es hier zum Anhören und (demnächst?) auch bei itunes, glaube ich.

Ohne jede Moral: Was Frauen Sex bedeutet

Frauen und Sex ist ein mühsames Thema, vor allem weil es normalerweise nie diskutiert wird, ohne die Antwort mit den Männern zu vergleichen: Wollen Frauen seltener Sex oder genauso oft? Wollen sie “kuscheligeren” Sex oder ist das nur anerzogen?

Wunderbar anders geht Barbara Sichtermann an das Thema heran. Sie lässt sieben Frauen ihre Geschichte erzählen und verpackt das Ganze in Romanform: Ihre fiktive Ich-Erzählerin soll Frauen für eine sozialwissenschaftliche Studie zum Thema Sex befragen und gibt dabei nichts vor, sondern lässt die Interviewpartnerinnen einfach frei erzählen, was ihnen dazu einfällt.

Ich vermute, dass dem Ganzen wirkliche Gespräche zugrunde liegen, die Barbara Sichtermann selbst geführt hat, die sie aber aus (nachvollziehbaren) Gründen vor der Veröffentlichung verfremden wollte. Eine kurze Runde bei Google konnte mir diese Frage nicht beantworten, und auch das Buch selbst lässt die Leserin in Bezug auf seine Entstehungsgeschichte im Dunkeln, was auch sein einziges Manko ist. Denn die Geschichten sind so spannend, interessant, aufschlussreich, dass ich einfach gerne gewusst hätte, welche Mischung von Authentizität und Fiktion dahinter steht.

(Update: Ein_e Blogleser_in hat bei Barbara Sichtermann nachgefragt und eine ausführliche Antwort bekommen, die unten in den Kommentaren steht)

Aber gut: Die Geschichten sind individuelle Geschichten, die Ansichten und Erfahrungen der Frauen unterscheiden sich stark, widersprechen sich teilweise krass, Gemeinsamkeiten finden sich eigentlich kaum, wenn man die äußeren Fakten ihres Umgangs mit Sexualität betrachtet oder ihre Einstellungen dazu.

Aber gerade deshalb tritt das, was sie gemeinsam haben, umso frappierender zu Tage: Und das ist die vollständige Abwesenheit jeglicher Moral. Das ist ein sehr interessanter Befund, denn schließlich hat man das den Frauen doch lange zugeschrieben – dass sie moralisch wären, gerade im Bezug auf Sexualität. Doch das sexuelle Begehren scheint sich, auch wenn es sich bei jeder Frau völlig anders äußert, genau nicht in konventionelle Beziehungsformen leiten zu lassen, selbst bei den Frauen nicht, die dieses Bild nach außen aufrechterhalten. Das Begehren folgt einer anderen Logik, es überwältigt, schmeißt Konventionen um, ist unverfügbar, bringt Dinge durcheinander.

Gleiches gilt im Übrigen von der biologischen Folge der Sexualität: dem Mutterwerden. Auch hierzu nehmen die Frauen eine erstaunlich selbstbestimmte Haltung an. Insofern ist das Buch auch eines über das weibliche Begehren in einem weiteren Sinn, das sich – gerade in der Sexualität, aber ich meine, das Prinzip ließe sich auch darüber hinaus ausweiten – einen Weg in die Welt bahnt, die nicht immer erfreulich ist, sondern von komplizierten Beziehungen, von Gewalt, von Zwängen, von ungleichen Chancen geprägt.

Barbara Sichtermann: Was Frauen Sex bedeutet. 183 S., Brandes & Apsel, Frankfurt 2012, 17,90 Euro.

Herr Vetter und Herr Freud

Die Sache mit Ariane Friedrich, die auf ihrer (inzwischen gelöschten) Facebook-Seite einen Mann, der sie mit übergriffig-sexualisierten Mails belästigt hatte, öffentlich gemacht hatte, ist ja eigentlich inzwischen durch, aber dann doch nicht.

Udo Vetter hat nämlich auf der Republica einen Vortrag darüber gehalten, was man im Internet darf und was nicht. Sein erstes Beispiel ist Ariane Friedrich, und durchaus mit Gründen, denn sie hat handfeste Fehler gemacht: Sie hätte keinen sachlich falschen Vorwurf erheben dürfen (der Mann hätte ihr ein Foto von seinem Penis geschickt, was sich, wie sich später herausstellte, nicht stimmte, es war was anderes auf dem Foto – das sie sich verständlicherweise nicht angeschaut hatte) und vor allem hätte sie Namen und Wohnort nicht auf diese Weise nennen dürfen, weil es dort noch einen zweiten gleichnamigen Mann gab. Einer von beiden war aber unschuldig.

Mit diesen beiden Punkten hätte das Beispiel Ariane Friedrich eigentlich gereicht, um die Fallstricke solcher Veröffentlichungen zu erläutern, aber Udo Vetter ritt auf einem ganz anderen Punkt herum, nämlich dem, dass Ariane Friedrich die Privatsphäre des betreffenden Mannes verletzt hätte. An dieser Stelle musste ich laut loslachen.

Das alles hätte aber noch nicht für einen eigenen Blogpost gereicht. Doch als ich dann zu diesem schönen Satz kam, dachte ich, das darf nicht verloren gehen. Vetter beendet seine Belehrungen nämlich mit den Worten:

Ich räume natürlich ein, dass menschlich gesehen das, was Frau Friedrich gemacht hat, ein nachvollziehbarer Zug ist. Also da kann man jetzt nicht… Also, dass die Verärgerung über solche Belästigungen (an dieser Stelle deutete Herr Vetter mit den Händen Anführungszeichen an) problematisch und nicht erfreulich ist.

Wirklich problematisch und unerfreulich, dass Frauen sich heutzutage über “solche Belästigungen” nicht nur ärgern, sondern das auch noch öffentlich herumposaunen. Schöner ließ Freud nie grüßen. (Wer’s sich selbst anschauen möchte: Ungefähr bei 12.30)

Dekoration und Reichweite. Oder: Was ist Relevanz?

Alienaugen im Deko-Dschungel.

Ich bin auf einer Mottoparty zum Thema „Raumstation“. In einer Privatwohnung, drei Zimmer, Flur, Bad, alle phantasievoll dekoriert. Ein Raum ganz dunkel zum Chillen, mit leuchtenden Planeten am Himmel, einer metallisch-silbern verkleidet, einer mit grünem Dschungel. Eine Woche Urlaub haben sich die Gastgeber genommen, um das so hinzukriegen, monatelang Ebay durchstöbert.

Ich kann mich nicht beherrschen und schicke Bilder auf Instagram. Es ist einfach zu schade, dass nur wir paar Partygäste dieses grandiose Kunstwerk sehen dürfen. Und dann kommt mir dieser bescheuerte Gedanke: Wenn es einen Wettbewerb für die am besten dekorierte Partywohnung gäbe, dann würden die hier gewinnen.

Und sofort weiß ich auch: Wenn es einen solchen Wettbewerb gäbe, dann wäre das ganze Schöne futsch. Dann kämen nämlich die Mikrofone, die Reporterinnen, die Dekorationsexperten. Die objektiven Maßstäbe. Dann würden auf einmal die unwahrscheinlichsten Leute anfangen, dekorierte Parties zu veranstalten, nicht für sich und ihre Gäste, sondern für den Preis, den Ruhm, das Rampenlicht. Es wäre Mist.

Das Schöne und Erstaunliche an unseren Gastgebern ist aber gerade, dass sie es einfach so machen. Weil es ihnen Freude bereitet, weil es uns Freude bereitet. Weil die Welt ein bisschen schöner und besser wird dadurch. Sie haben es nicht auf Reichweite abgesehen, sondern auf das gute Leben. Es geht ihnen nicht um Effizienz, sondern um Sinn.

Mir kommt eine Passage aus dem wmr-Podcast in den Sinn, wo Johnny Haeusler über die Reichweite von Blogs und Podcasts spricht. 3000 Leute, die den Podcast hören, das sei doch keine Reichweite. 100000 Leute, das wäre Reichweite. Ich höre raus: Drunter ist es doch nichts.

Ich bin nicht überzeugt. Denn Reichweite an Zahlen zu bemessen, das ist irgendwie 20. Jahrhundert. Wenn man sich bei dem, was man tut, an der Quantität orientiert, also an den Zahlen, hat man unweigerlich für das, was man tut, einen gefährlichen Maßstab eingeführt: den der messbaren Resonanz von anderen.

Ich bezweifle stark, dass jemand, der die Relevanz des eigenen Handelns daran misst, wie viele Leute „draufklicken“, sich der Versuchung erwehren kann, das eigene Tun entsprechend zu modellieren. Das traurige Extrem sind dann diese aus Keywords zusammengerotzten Texte, die für Werbekram Klickzahlen generieren sollen. Sie haben ganz offensichtlich überhaupt keine Relevanz, sie sind nämlich komplett sinnfrei. Aber sie haben Reichweite. Reichweite zu haben, ist ihr einziger Zweck.

Relevanz ist ja eine relative Angelegenheit. Sie ist keine objektive Eigenschaft einer Information, sondern ergibt sich erst aus der Wechselbeziehung zwischen einer Information und den Interessen und Wünschen anderer: Was für mich relevant ist, muss für jemand anderen nicht auch relevant sein.

Wahre Relevanz bemisst sich also nicht an Zahlen, sondern an der Passgenauigkeit dieses Scharniers: Ein Blogpost, der zwei Leute zum Umdenken anregt, ist objektiv „relevanter“ als einer, der zwanzigtausend in ihrer Meinung bestätigt.

Reichweite in Quantität zu messen ist 20. Jahrhundert. Aufgrund der physikalischen Knappheit von Verteilungsressourcen gab es ja vor dem Internet keine andere Möglichkeit für eine Idee, zu diesem Scharnier vorzudringen, als die der massenhaften Verbreitung. Je höher die Auflage, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass jemand es findet. Bekanntlich wurde diese Chance aber permanent durch den redaktionellen Zwang zum Konformismus unterlaufen.

Heute ist das anders. Was für mich wichtig ist, wird mich finden. Auch wenn ich möglicherweise die einzige Person auf dieser Welt bin, für die das wichtig ist.

Das ist im Übrigen ja auch schon eine einfache mathematische Gleichung. Wenn alle Menschen publizieren können, dann können die quantitativen Reichweiten nicht mehr so sein wie in Zeiten, wo Publizieren ein Privileg von wenigen war. Wenn alle Blogs die Reichweite der Bildzeitung hätten, würde niemand mehr ihnen Aufmerksamkeit widmen können, denn wir müssten alle nur ständig klicken. Zum Lesen hätten wir gar keine  Zeit mehr.

Ich schreibe meinen Blog deshalb nicht für euch. Aber auch nicht nur für mich. Sondern ich schreibe meinen Blog, weil ich der Meinung bin, dass das, was ich hier schreibe, geschrieben werden muss, weil ich glaube, dass die Welt das braucht. Ob das auch noch andere so sehen, ist für mich kein Kriterium. Natürlich freue ich mich, wenn das so ist. Aber ich habe es halt nun mal nicht in der Hand. That’s life.

Das Wichtige am Bloggen ist nicht die quantitative Verbreitung, sondern diese Qualität: Ich muss meine Ideen und Gedanken bloggen, denn nur so können diejenigen, für die das eventuell relevant ist, sie auch finden (das geht nämlich nicht, wenn ich es in meinem Kopf oder auf meiner Festplatte lasse). Deshalb bemühe ich mich auch, diesen Prozess des „Scharnierfindens“ zu befördern: Ich verlinke, ich vernetze, ich mische mich in Debatten ein, ich formuliere (hoffentlich) halbwegs verständlich etcetera. Aber erhöhen will ich damit  nicht die Klickzahlen, sondern die „Scharnierfindungswahrscheinlichkeit“.

Darin liegt nämlich die wirkliche wahre Qualität jeder Sache, die getan wird – sei es die Dekoration einer Wohnung zu Partyzwecken oder das Schreiben eines Blogposts oder was sonst auch immer: Dass jemand etwas tut, weil er oder sie findet, dass das getan, gesagt, gemacht werden muss. Jeder schöpferische Prozess ist sozusagen eine Wechselwirkung zwischen dem Subjekt und der Welt, die gegenseitig aufeinander antworten. Es ist das Ergebnis einer Notwendigkeit, eines inneren Drangs, eines Wunsches, es möge so sein (oder es möge anders werden) – und genau nicht das Ergebnis einer Konkurrenz um Preise, Anerkennung des Mainstreams, Reichweiten und so weiter.

Benchmarking und Klickzahlenmessung ist bullshit. Weil Benchmarking und Klickzahlenmessung implementierter Konformismus sind, die Neues per default ausschließen.

Update 1: Lest als Ergänzung bitte unbedingt auch diesen Blogpost von das Nuf über “Relevanz und Firlefanz”

Update 2: Und bitte auch den von Journelle über Kleinstädtische Relevanz

Der Matriarchats-Diskurs in der Frauenbewegung

Gab es in früheren Zeiten ein Matriarchat, also Gesellschaften, in denen Frauen nicht als zweitrangige, über den Mann definierte Wesen galten, sondern im Zentrum standen? Oder handelt es sich dabei um einen Wunschtraum heutiger Feministinnen, um eine Rückprojektion? Sind Matriarchats-Theorien – die ursprünglich ja von männlichen Denkern wie Bachofen geprägt wurden – eine Hilfe oder eine Hürde auf dem Weg zu weiblicher Freiheit?

Seit 150 Jahren wird über diese Frage intensiv diskutiert, und teilweise mit harten Bandagen. Die Wissenschaftlichkeit von Matriarchatsforscherinnen wie Heide Göttner-Abendroth wird immer wieder angezweifelt. Doch auch auf der Gegenseite wird häufig unlauter argumentiert.

Es ist offenbar schwer, sich dem Thema von einem neutralen Standpunkt zu nähern. Denn die Frage, ob Gesellschaften grundsätzlich anders organisiert sein können, als wir das nach 5000 Jahren Patriarchat gewohnt sind, ist nicht nur von akademischem Interesse. Sie betrifft den Kern der menschlichen Politik, und daher ist jede Theorie dazu – ob pro oder contra – unweigerlich mit einer eigenen politischen Standortbestimmung verknüpft.

Helga Laugsch hat in ihrer Doktorarbeit, die jetzt in einer überarbeiteten und erweiterten Auflage vorliegt, den Diskurs über die Matriarchatstheorien in der zweiten Frauenbewegung dokumentiert. Dabei geht sie davon aus, dass aufgrund der Quellenlage es unmöglich ist, zweifelsfrei zu beweisen, ob es Matriarchate gegeben hat oder nicht. Aber dass es dennoch höchst aufschlussreich ist, die Art und Weise zu betrachten, wie darüber debattiert wurde (und wird).

Ein detailliertes, quellenreiches und lesenswertes Buch, das einen in der öffentlichen Debatte meist unterbelichteten Diskurs der zweiten Frauenbewegung dokumentiert.

Helga Laugsch: Der Matriarchatsdiskurs (in) der Zweiten Deutschen Frauenbewegung. Herbert Utz Verlag, München 2011, 485 Seiten, 50 Euro.

Besondere Umstände: Benni Bärmann und ich haben einen Podcast

Die Idee ist schon etwas älter, heute morgen haben wir sie in die Tat umgesetzt: Benni Bärmann und ich haben jetzt einen Podcast.

Der heißt “Besondere Umstände”, denn es sind besondere Umstände, in denen wir leben. Und wir wollen auch besondere Umstände herstellen. Was uns interessiert ist in erster Linie Politik – und zwar in einem deutlich weiter gefassten Sinn als die im Internet so beliebte “Netzpolitik”.

Themen von “Episode 0″ waren: Warum dieser Podcast? Wie soll er heißen? Dann redeten wir über Elinor Ostrom und Commons – unter ausführlicher Berücksichtigung des schlechten Beispiels Wikipedia – und davon ausgehend dann über die Ignoranz linker Männer gegen den Feminismus und über den Kapitalismus im Großen und Ganzen und ob an ihm eventuell auch was Gutes gefunden werden kann oder nicht.

Dann redeten wir über Pen-and-Paper-Rollenspiele und das Verhältnis von Klischees und Utopie und am Ende noch über Petra Roth und die Hoffnungen, die manche auf Frauen in der Politik setzen bzw. darüber, welche Kriterien es eigentlich gibt, um die Qualität von Politiker_innen zu beurteilen.

Der Podcast dauert exakt eine Stunde, dann klingelt nämlich der Wecker (Vorsicht: Nicht erschrecken!)

Themenwünsche für Episode 1 können gerne in die Kommentare geschrieben werden – und zwar bitte in die Kommentare DORT (weshalb ich die Kommentare hier mal lieber abschalte).