Alles, was ich machen muss, ist nichts kaputt

Keine Ambitionen: Kwai Chang Caine.

Seit der unvergleichliche Kwai Chang Caine (whatever happened to such Männerbildern?) in einer Kung Fu-Folge neulich die Frage „What are your ambitions?“ mit einem schlichten „I have no ambitions“ beantwortete, geht mir das im Kopf herum. Der Weg des Tao. Keine Ambitionen haben. Yeah. Wie schön.

Und welch ein Kontrast zu den heutigen Imperativen Leistung, Effizienz, Motivation, Commitment.

Aber Caine hat recht: Ambitionen sind zu nichts gut. Sie lenken davon ab, was notwendig ist, weil sie immer das Weltverbessern (das natürlich notwendig ist) mit persönlicher Ehre und Ruhm vermengen. Es ist kein Zufall, dass die Weltretter meistens die Katastrophen erst selbst herbeiführen, die sie dann hinterher wieder fixen müssen.

„I have no ambitions“ – das ist auch ein Männer-Frauen-Ding. Den Frauen war es früher ja erlaubt, keine Ambitionen zu haben, es war sogar die ihnen zugeschriebene Rolle. Heute hingegen stehen, Imperativ der Gleichstellung, vor allem sie in der Pflicht, Ambitionen zu haben. Wo kämen wir denn sonst hin mit der Emanzipation.

Die Männer hingegen dürfen manchmal auch faul sein. Das ist dann sozialkritisch. Sie bejubeln gerne in rhythmischen Abständen das olle Buch „Recht auf Faulheit“. Aber Faulheit ist nur die andere Seite der Medaille. Es ist NICHT das Gegenteil von Ambitioniertsein. Bei beidem steht nämlich das Ego im Zentrum des Handelns (oder Nicht-Handelns), nicht die Welt und ihre Notwendigkeiten.

Ich bin leider oft auch faul und ambitioniert, eben ein Kind meiner Zeit. Aber ich glaube, Kwai Chang Caine, Simone Weil und die anderen Mystiker_innen, die das seit Jahrhunderten predigen, haben Recht: Es ist ein Fehler.

Momentan mache ich jedenfalls gute Erfahrungen damit, mir jedesmal, wenn ich wieder etwas unglaublich Wichtiges zu tun vorhabe, sage: „I have no ambitions.“ Das ist wie eine Befreiung im Geist. Und eine echte Erleichterung. Denn mir wird klar:

Alles, was ich machen muss, ist nichts kaputt.

Wenn Markenexperten unsanft geweckt werden

Ist es ein Trend? Ich glaube schon.

Gerade mal einen Tag hat es gedauert, bis die Lufthansa ihre dümmliche Super-Women-Partnercard-Aktion wieder einstellen musste, nachdem Anatol Stefanowitsch vorgestern darüber gebloggt hat, Anke Domscheit-Berg dann über Twitter die Medien aufforderte, darüber zu berichten, und sich die Nachricht dann in gewohnter Geschwindigkeit über Blogs, Tweets und Zeitungsartikel durchs Internet verbreitete.

Vor ein paar Monaten gab es schonmal einen ähnlichen Fall, wo die Eon-Tochter e-wie-einfach einen gewaltverharmlosenden Videoclip für lustige Werbung hielt. Auch hier dauerte es nicht mal einen Tag, bis “das Internet” die Verantwortlichen dazu brachte, den Clip wieder abzuschalten.

Der Grund ist natürlich nicht, dass die üblichen Witzbolde jetzt verstanden hätten, was an ihrer Art von “Humor” problematisch ist. Der Grund ist auch nicht, dass die Mehrheit der Menschen inzwischen sensibel auf Sexismus reagiert.

Ich vermute, wenn man eine repräsentative Umfrage machen würde, wäre die Mehrheit der Leute wohl der Meinung, diese Art von Werbung sei doch irgendwie ganz witzig oder zumindest harmlos. Das zeigt sich ja auch in den Mehrzahl der Kommentare zu diesen Vorfällen ebenso wie an den bemühten Rechtfertigungsversuchen der zuständigen Werbeagenturen und Marketingabteilungen (die, wie üblich, sich nicht für ihre Kampagnen entschuldigen, sondern nur bedauern, dass wir sie falsch verstanden haben).

Aber egal. Der Punkt ist: Das nützt ihnen nichts mehr!

Offenbar genügt es, wenn eine gewisse Anzahl problembewusster Menschen – und das müssen im Anfang gar nicht viele sein, zwei, drei, vier – im Internet ihren Unmut kundtut und ihren Unwillen, sowas zu tolerieren. Sie haben durch ihre Vernetzung, durch ihre Blog-,  Twitter-, Google- und Facebook-Reichweiten genug Einfluss, um den Verantwortlichen das Leben unangenehm zu machen.

Heissa!

Und da hilft es diesen Verantwortlichen auch nicht, dass es – zum Beispiel – unter den Lufthansa-Business-Geschäftskunden wahrscheinlich tatsächlich immer noch eine Menge Männer gibt, die in Beziehungen zu Frauen leben, die so unsäglich spießig und klischeehaft sind, wie der Werbebrief, der sie ansprechen sollte. Es hilft ihnen nichts, dass die Kampagne womöglich – weil die Welt eben schlecht ist – tatsächlich funktioniert hätte.

Denn Teilöffentlichkeiten gibt es nicht mehr. Eine einzige undichte Stelle genügt – im Fall der Lufthansa der eine Mann, der sich von diesem Werbebrief nicht gebauchpinselt fühlt, sondern sich ärgert und diesem Ärger unkompliziert Luft machen kann. Öffentlich. Und der dann dafür Resonanz bekommt – von Leuten, die überhaupt nicht zur eigentlich vorgesehenen Zielgruppe gehören.

Ich glaube, hier werden alte Machtverhältnisse gerade ein wenig durcheinandergeschüttelt. Noch bis vor wenigen Jahren konnten sich die Werbeleute darauf verlassen, dass sie ruhig #sexistische Kackscheiße (so das inzwischen etablierte Label für sowas) produzieren können, ohne dass das zu größerem Aufheben führt. Die ganzen Briefe, die Frauenbeauftragte oder einzelne Frauen seit Jahr und Tag in entsprechenden Angelegenheiten verschickten, landeten eben auf irgendwelchen Ablagen.

Werber machen sexistische Mistwerbung ja nicht in erster Linie, weil sie ihnen so gut gefällt. Sondern weil sie funktioniert. Das ist blöd, aber leider der Fall. Es gibt Leute, die sowas erforschen, zum Beispiel dass Bilder von nackten, erotisierten, “hübschen” Frauen Männer (statistisch gesehen) zum Geld Ausgeben animieren.

Aber heute muss man eben damit rechnen, dass nicht nur diese Männer, sondern auch die übrige geschätzte Öffentlichkeit von solcher Werbung etwas mitbekommt. Und nicht nur das – sondern die machen auch noch ordentlich Wirbel, diskutieren darüber, überzeugen andere, argumentieren. Damit ist ein Faktor dazu gekommen, der den Mehrwert, den sexistische Werbung auf der Einnahmenseite möglicherweise bringt, durch negatives Image auf der anderen Seite wieder zunichte macht.

Was dann zu dem einzigen Umstand führt, der den Verantwortlichen auf diesem Gebiet einsichtig ist und sie dazu bringen könnte, ihre Strategien zu ändern: Sexistische Werbung rechnet sich nicht mehr!

Noch nicht alle haben das freilich kapiert, zum Beispiel der “Markenexperte” Thomas Otte, der in einem Interview sagt: “Die Werbekampagne der Lufthansa ist vorsichtig originell und besitzt keinerlei Polarisierungspotenzial. Diese Entrüstung ist ein interessantes Beispiel für künstlich entfachte Empörungskultur.”

So kann man die Augen vor der Realität verschließen. Denn eben diese Realität hat ja nun ganz unbestreitbar gezeigt, dass die Kampagne sehr wohl “Polarisierungspotential” hatte. Nur dass sich dieses Potenzial heutzutage aber nicht mehr an das Urteil der so genannten Experten hält – sondern ganz allein von der Blog-, Tweet- und Retweetlust einer ausreichenden Anzahl von Personen abhängig ist.

Der Fachmann Otte irrt außerdem, wenn er glaubt:

Durch diese lächerliche Aufregung suchen gewisse Leute gezielt die Öffentlichkeit, um aus einem linden Lüftchen einen Orkan zu erzeugen. Diese übertriebene, politische Korrektheit vonseiten frustrierter Empörungskünstler erstickt jedwede Kreativität, Originalität sowie Individualität in unserer Gesellschaft. Das führt dazu, dass nur mehr der Mainstream akzeptiert wird.

Nichts könnte falscher sein!

Denn der Mainstream ist – und das macht diese Dynamik ja so interessant – keineswegs auf Seiten der zwei bis drei Handvoll antisexistischen Blogger_innen und Twitter_innen, sondern eher auf Seiten von Lufthansa, der Agentur und Herrn Otte. Der Mainstream findet den Brief harmlos. Denn der Mainstream hat sich mit dem Thema Sexismus, Geschlechterklischees, Rollenmuster und so weiter noch nicht großartig auseinander gesetzt. Und deshalb macht sich der Mainstream über klischeehafte Männlein-Weiblein-Werbung auch keine weiteren Gedanken. Das haben wir ja schließlich immer so gemacht!

Das Interessante an dem Fall ist, dass der Mainstream hier gerade nicht mehr den Ton angibt sondern diejenigen, die sich mit solchen Themen auskennen, weil sie – wie zum Beispiel Anatol Stefanowitsch und Anke Domscheit-Berg – sich schon lange damit beschäftigt haben und daher auf entsprechende Reichweiten kommen. Weil sie sich unter einschlägig Interessierten ein entsprechendes Ansehen erworben haben, was dazu führt, dass ihre Anstöße Aufmerksamkeit finden, weil dadurch andere, die ebenfalls Expertise auf diesem Gebiet haben, angeregt werden, ebenfalls darüber zu schreiben und das weiter zu verbreiten.

In anderen Worten: Es ist gerade nicht der uninformierte Internet-Mob, der sich hier Gehör verschafft, sondern eine informierte Gegenöffentlichkeit, der bislang aber vom “Mainstream” kein Gehör geschenkt wurde.

Das ist es, was den Fall für mich so interessant macht. Dass wir es offenbar zunehmend hinkriegen, die Werber und “Markenexperten” unsanft aus ihrer sexistischen Alltagsroutine aufzuschrecken.

Wer weiß, am Ende werden sie jetzt tatsächlich noch kreativ?

Alltäglicher Wahnsinn: Das Leben einer berufstätigen Mutter

Eines der größten Mysterien unserer Zeit ist für mich die Tatsache, dass immer noch so viele Kinder geboren werden.

Seit ich mich vor ein paar Jahren intensiver mit dem demografischen Wandel beschäftigt habe, ist mir klar geworden, dass die Kinderzahlen pro Frau keineswegs ständig sinken, wie als Annahme immer so im Zeitgeist herumwabert. Im Prinzip ist die „Fertilitätsrate“ schon seit hundert Jahren mehr oder weniger gleich geblieben – der große deutsche Geburtenknick fand zwischen 1910 und 1920 statt, als die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau von fünf auf unter zwei sank. Alle späteren Schwankungen waren im Vergleich dazu Pillepalle.

Viele werden also nach wie vor Mütter, obwohl sich die Lebensbedingungen von Frauen und damit auch die Umstände, unter denen sie Kinder zur Welt bringen, fundamental verändert haben. Frauen können heute wählen und sich überhaupt politisch engagieren (die Gründung politischer Vereinigungen war ihnen bis 1909 per Gesetz verboten), sie können eigenes Geld verdienen (bis in die 1970er brauchten sie dafür die Erlaubnis ihres Ehemannes), sie müssen nicht mehr heiraten, um einen „ehrbaren“ Platz in der Gesellschaft zu haben. Es stehen ihnen Verhütungsmittel zur Verfügung, und Abtreibungen sind nicht mehr hochriskante Angelegenheiten in illegalen Hinterzimmern. Frauen sind gut ausgebildet, und kaum noch jemand wirft ihnen ernsthaft vor, wenn sie kinderlos bleiben, hätten sie ihre Weiblichkeit verfehlt.

Während sich also die Bedingungen für ein Frauenleben ohne Ehemann und Kinder im letzten Jahrhundert ganz enorm verbessert haben, ist das Frauenleben mit Kindern nach wie vor schwierig und kompliziert. Die gesellschaftlichen Strukturen sehen das nämlich nicht vor; der „Modellmensch“, um den herum sich unsere Arbeitswelt, die Sozialversicherungen und so weiter drehen, ist der von Fürsorgepflichten befreite, nur für sich selbst zuständige Erwachsene. Trotz mancher Veränderungen im Detail liegt die Verantwortung für das Versorgen von Kindern nach wie vor bei der Mutter und gegebenenfalls (also wenn er „mitmacht“) beim Vater. Kinder sind „Privatvergnügen“.

Für mich persönlich war das der Grund, warum ich keine Kinder bekommen habe. Ich hatte keine Lust, meine männlichen Lebenspartner danach auszusuchen, ob ich mit ihnen eine „Familie“ gründen konnte; die Männer, in die ich mich verliebte, hatten immer andere Qualitäten, aber nicht diese. Und in der Regel hatten sie auch keine diesbezüglichen Ambitionen.

Das allein hätte mich zwar nicht davon abgehalten, Mutter zu werden, wenn ich es unbedingt gewollt hätte – aber angesichts der damit verbundenen Schwierigkeiten, Unannehmlichkeiten, finanziellen Unwägbarkeiten wollte ich nicht. „Ich schaff mir keine kleinen Kinder an“, sang ich mit Nina Hagen, und fühlte mich genau deshalb „unbeschreiblich weiblich“. Wenn du, Gesellschaft, Kinder haben willst, dann schaffe vernünftige Rahmenbedingungen dafür, und wenn du das nicht auf die Reihe kriegst, dann ist das nicht meine Schuld – so war immer meine Einstellung. Es war mir also wichtig, zu betonen, dass ich mich keineswegs aktiv gegen Kinder entschieden habe. Ich sah nur angesichts der Umstände keine Veranlassung dazu, welche zu bekommen.

Natürlich war die Lage in den 1990er Jahren – also dem Zeitraum, als das Thema für mich altersmäßig relevant war – noch um einiges schlechter als heute. Kitaplätze waren noch seltener, es gab kein Elterngeld, der Anspruch, dass auch die Väter sich eventuell an der mit Kindern verbundenen Arbeit nicht nur „beteiligen“, sondern sich auch vollumfänglich dafür verantwortlich fühlen, war noch sehr exotisch, und die Versuche, wenigstens halbwegs sowas wie eine „Vereinbarkeit“ von Kindern und Berufsleben zu bewerkstelligen, noch ganz rudimentär.

Mit großem Interesse habe ich deshalb Barbara Streidls neues Buch gelesen: Wie ist es denn heute, zehn, zwanzig Jahre später? Hat sich was verbessert? Würde ich mich heute vielleicht anders entscheiden?

Eher nein. „Kann ich gleich zurückrufen?“ ist der Titel, unter dem Streidl den „alltäglichen Wahnsinn einer berufstätigen Mutter“ beschreibt. Sie schildert darin eine typische Woche aus dem Leben einer Frau mit dreijährigem Sohn und 30-Stunden-Arbeitswoche. Und es ist tatsächlich der reine Wahnsinn. Und das, obwohl die Umstände ihrer Protagonistin vergleichsweise gut sind: Sie hat einen verantwortungsvollen Ehemann, der sich des Problems bewusst ist und mitmacht, wo er kann, sie hat keine Geldsorgen und auch sonst keine größeren anderweitigen Probleme. Und trotzdem ist das Leben eine reine Hetze.

Mit genauem Blick schildert Barbara Streidl die vielen kleinen Fallstricke der Unvereinbarkeit von „Beruf und Familie“. Allein deshalb lohnt die Lektüre. Dabei setzt sie die geschilderten Erlebnisse zugleich in Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten und zeichnet so ein ziemlich genaues Bild von dem Dilemma.

Was mich am meisten deprimiert hat, ist das ständig präsente Schuldgefühl der Protagonistin: Schuldgefühle gegenüber den Kollegen, die wegen ihr flexibler sein müssen, gegenüber der Putzfrau, von deren eigenem Leben sie nichts weiß, gegenüber der alten Mutter, die sie für Not-Kinderbetreuungs-Einsätze einspannt, gegenüber dem Ehemann, mit dem sie zu wenig gemeinsame Zeit als Paar verbringt, gegenüber dem Kind, das sie ständig hetzen muss und so weiter. Und dann auch noch Schuldgefühle wegen mangelnder Zivilcourage: Weil die Protagonistin als reflektierte Feministin die Situation durchschaut, aber nicht überall, wo es notwendig wäre, den Elan hat, etwas zu sagen und einzugreifen.

Es ist ziemlich offensichtlich, dass es die berufstätigen Mütter sind, die in ihrer Person mit einem eigentlich unmöglichen Spagat zusammenhalten, was zusammengehört, aber von den realen gesellschaftlichen Umständen ständig auseinandergerissen wird.

Die große Stärke des Buches ist, dass Streidl dieses Dilemma sowohl auf der kleinteiligen Ebene möglicher Veränderungen angeht – indem sie zum Beispiel viele kleine Missstände beschreibt, die sich mit etwas gutem Willen durchaus verändern ließen – aber gleichzeitig deutlich werden lässt, dass hier ein tieferer Konflikt liegt, der nicht mit ein paar konkreten politischen Maßnahmen hier und da behoben werden kann.

Und was nun tun? Das Beste aus der Situation machen. Mir persönlich ist nach der Lektüre dieses Buches noch immer und erst recht unverständlich, warum so viele Frauen überhaupt Kinder bekommen. Aber vielleicht steckt genau in dieser weiblichen Irrationalität der Impuls, den wir brauchen, um gesellschaftliche Veränderungen zum Besseren anzustoßen. Denn das geht wohl tatsächlich nur „gegen jede Logik“ und „gegen jede Wahrscheinlichkeit“.

Dreierlei scheint mir dafür in der heutigen Situation wichtig:

Erstens: Wege zu finden, wie Mütter ihre Schuldgefühle loswerden können, oder besser, aus diesen Schuldgefühlen einen politischen Konflikt zu machen. Die Logik unserer gesellschaftlichen Strukturen bringt konkretes Leid hervor, aber da eine gesellschaftliche Struktur sich nicht schuldig fühlen kann, nehmen diejenigen die Schuld auf sich, die die Resultate vor konkreten anderen Menschen verantworten müssen. Also zum Beispiel die Mutter, die ihr Kind jeden Tag hetzt, damit sie es rechtzeitig in der Kita hat, oder die Tochter, die ihre Mutter nur sieht, wenn sie sich zum Babysitten die Türklinke in die Hand geben. Die Schuld, um die es hier geht, ist berechtigt, aber uns muss klar sein, dass sie von den betroffenen Frauen sozusagen nur stellvertretend für die Allgemeinheit verkörpert wird. Also zum Beispiel auch stellvertretend für mich, die ich es vermieden habe, in solche Situationen zu geraden, indem ich kinderlos geblieben bin.

Zweitens: Keine Rechtfertigungen. Es gibt kein „richtiges“ Frauenleben und auch kein „richtiges“ Mutterleben. Und daher ist es notwendig, dass berufstätige Mütter bewusst Entscheidungen treffen, ohne sich dafür zu rechtfertigen. Das betrifft die Art der Kindererziehung ebenso wie die Art des beruflichen Engagements oder die Art, Hausarbeit zu organisieren. „Weil ich es will“ ist eine Begründung für persönliche Entscheidungen, die frau ruhig zum Standard machen könnte – denn ob eine Entscheidung verantwortungsvoll getroffen wird (was natürlich wichtig ist), kann man nicht daran ablesen, ob sie anderen gefällt oder nicht.

Und drittens: Beziehungen stärken, sich auf Beziehungen stützen. Keine ist alleine Mutter. Dass dieses Eingebundensein von Müttern in ein größeres Beziehungsnetz heute meist auf ihre Beziehung zum Kindsvater enggeführt wird, halte ich für problematisch und irreführend – das wäre im Übrigen auch mein einziger Einwand gegen das Buch von Barbara Streidl (obwohl sie hier vielleicht auch einfach nur die Realität abbildet, aber es ist eben wie ich finde eine problematische Realität). Das Gute an der stärkeren Aufmerksamkeit für die Väter ist natürlich, dass die Position der Mutter überhaupt schon einmal sozialisiert wird und nicht nur in der Symbiose Mutter-Kind verankert bleibt. Denn es ist so, wie Streidl am Ende ihres Buches schreibt,

 … dass wir zusammenhalten müssen. Um diese schwierigen, merkwürdigen, anstrengenden Zeiten nicht nur zu überstehen, sondern vielleicht auch zu genießen. Wir stoßen mit unseren Weingläsern an.

Barbara Streidl: Kann ich gleich zurückrufen? Der alltägliche Wahnsinn einer berufstätigen Mutter. Blanvalet, München 2012, 8,99 Euro

Rummoserer und Fixer mag ich beide nicht

Gestern spülte mir das Internet wieder mal einen dieser kulturpessimistischen Zeitungsartikel auf den Bildschirm, in denen jemand über den Verfall der Sitten lamentiert, über das Internet, das uns alle ausspioniert, darüber, dass wir alle sowieso Idioten sind, weil wir die Welt nicht genauso düster sehen, wie er, über die Tugendwächter überall, die Gutmenschen, die alles, was ihnen nicht passt, zum Skandal machen, darüber, dass man das N-Wort nicht mehr sagen darf und nirgendwo mehr rauchen, darüber, dass es im Zeitalter von Social Media praktisch unmöglich geworden ist, die jugendliche Geliebte vor der Öffentlichkeit zu verstecken, was es leider etwas mühselig macht, anderen Moral zu predigen.

Ja, man hat es schwer heutzutage. Ich twitterte dann:

Leute, die einfach nur die Welt anprangern, wie sie ist, ohne den klitzekleinsten Vorschlag, was man nun tun soll. Wozu machen die das?

Und:

Wahrscheinlich zum Geld verdienen. Oder um sich wichtig zu tun. Ich glaube nicht, dass sie sich wirklich Sorgen machen.

Lustigerweise werden mir meine eigenen Gedanken oft erst beim Twittern klar. Der Impuls, etwas zu twittern, zeigt mir, dass da für mich ein Thema drinsteckt, eine Spur, die es sich vielleicht zu verfolgen lohnt. Und das wird mir meist erst hinterher klar: Wenn ich meine Tweets nochmal lese, erfahre ich oft etwas über meine eigenen Ansichten.

In dem Fall merkte ich, dass mir gar nicht so sehr der kulturpessimistische Inhalt dieses Artikels auf die Nerven gegangen war – wie bei jeder Polemik enthielt auch dieser durchaus das ein oder andere Körnchen Wahrheit. Mich störte vielmehr die Tatsache, dass in diesem ganzen sehr sehr sehr langen Text nicht auch nur der Hauch eines Ansatzes eines Vorschlags gemacht wurde, was wir denn nun angesichts dieser an die Wand gemalten Katastrophe eventuell tun könnten.

Noch klarer wurde mir mein Unbehagen, als dann @oliverherold zurück twitterte:

Ich sehe auch oft Probleme, die ich nicht lösen kann, deswegen bin ich nicht minder besorgt.

Und damit hat er natürlich sehr Recht. Mir wurde durch den Einwand klar, dass es gar nicht Lösungen sind, die ich mir wünsche. Die Probleme, mit denen wir es auf der politischen Ebene zu tun haben, zeichnen sich ja insgesamt dadurch aus, dass es für sie keine Lösungen gibt, nehmen wir die Eurokrise, oder auch die Umweltkatastrophe oder die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie oder oder oder.

Ich glaube, es gibt einen bestimmten Männertypus, der die eigene Männlichkeit darüber identifiziert, immer alles „fixen“ zu können – ein Problem, über das ich schon mal am Beispiel von MarkTomJack gebloggt habe. Und dieser Typ Mann empfindet es wohl als echte Kränkung, wenn da ein Problem ist, das man nicht „lösen“ kann. Zu diesem Typus gehören sowohl die alten Staatspapas, die uns früher nach Marke Adenauer regiert haben, als auch die klassischen Revoluzzer, die immer einen zehn-Punkte-Plan für den nächsten Umsturz in der Schublade haben, und die der festen Überzeugung sind, dass die Welt bisher nur deshalb noch nicht gerettet ist, weil das reaktionäre System sie nicht ans Ruder lässt.

Dieser Typus ist heute zum Glück in die Defensive geraten, wer behauptet, die Lösung zu wissen, wirkt ja eher lächerlich (leider nicht auf alle). Und vielleicht sind perspektivlos dahermosernde Kulturpessimisten ja eine Folge dieser Entwicklung. So nach dem Motto: Wenn wir schon keine Pauschallösungen mehr verkaufen dürfen, dann gibt es von uns eben nur noch Rumgemosere und keine konstruktiven Vorschläge mehr.

Einen Missstand, ein Problem zu sehen und es zu formulieren, vor unguten Entwicklungen zu warnen, gehört natürlich zum Kerngeschäft der Politik. Aber das genügt halt nicht. Probleme gibt es überall, und der übliche Schlagabtausch von „Das (zum Beispiel das Internet) ist gut!“ versus „Das ist schlecht!“ bringt überhaupt nicht weiter.

Zu einer wirklichen politischen Debatte gehört es auch, Ideen, Praktiken, Vorschläge zu formulieren, was man angesichts der so dargelegten Situation nun vielleicht tun könnte oder sollte: Wo sind die Ansatzpunkte, von denen aus man etwas positiv beeinflussen kann? Wo gibt es bereits Menschen, die etwas Entsprechendes versuchen und denen man sich anschließen oder die man unterstützen kann? Wer profitiert von diesem Missstand und wie könnte man ihm oder ihr Grenzen setzen? Am allerbesten ist es, wenn solche Vorschläge nicht nur theoretisch deduziert werden, sondern auf eigener Erfahrung beruhen, wenn man also bereits selbst mit einer bestimmten Praxis experimentiert hat und die entsprechenden Ergebnisse mit anderen teilt.

Solche Vorschläge vorzubringen und zur Diskussion zu stellen ist meiner Ansicht nach die Kernaufgabe der „Intellektuellen“ und jedes politischen Menschen generell. Wer die Wirklichkeit einfach nur anprangert ohne eine solche weitere Reflektionsstufe, bewegt sich auf dem Niveau eines trotzigen Kindes, das sagt: „Ich will aber nicht, dass es regnet.“ Das ist für die politische Debatte ebenso schädlich wie die andere Seite, die behauptet, die alleinseligmachende Lösung für das Regenproblem zu haben. Denn beides öffnet nicht den politischen Raum, sondern schließt ihn zu.

Meine Güte, es regnet halt nun mal. Politik bedeutet, darüber zu streiten, ob es angesichts dieser Tatsache besser ist, zuhause zu bleiben, nass zu werden, den Regenschirm einzupacken, öffentliche Plätze zu überdachen und so weiter. Nichts davon ist die eine definitive Lösung. Aber alles davon ist eine Möglichkeit, mit der Tatsache, dass es regnet, zurecht zu kommen und etwas draus zu machen.

Frauen sind mehr als weiblich sozialisierte Personen

Seit einiger Zeit bemerke ich mit wachsendem Unbehagen, wie sich die Angewohnheit verbreitet (nicht überall auf der Welt zum Glück, aber in meiner Ecke vom Internet), Frauen nicht mehr als solche, sondern als „weiblich sozialisierte Personen“ zu bezeichnen. Ich empfinde das als ein Ärgernis, zuweilen sogar als Beleidigung.

Warum?

Weil es mir meine Subjektivität abspricht. Weil diese Formulierung unterstellt, dass das, was ich tue und sage, nur deshalb „weiblich“ sei, weil ich so sozialisiert wurde. Das stimmt aber nicht. Natürlich will ich nicht abstreiten, dass ich weiblich sozialisiert bin. Und natürlich durchdringt diese Sozialisation alles, sie lässt sich nicht von anderen Aspekten meiner Person abtrennen.

Aber meine Person wird extrem verkürzt wahrgenommen, wenn man mein Frausein allein auf das „weiblich sozialisiert sein“ beschränkt.  Ich, Antje Schrupp, bin eine Frau, und das nicht nur, weil ich weiblich sozialisiert wurde. Sondern auch aus vielen anderen Gründen.

Ein anderer Grund, warum ich eine Frau bin, ist – face it – die Biologie. Ich bin auf die Welt gekommen, ausgestattet mit einer Gebärmutter, was lange Zeit erst einmal keine große Bedeutung hatte, aber im Teenageralter eine sehr große Bedeutung annahm, weil ich mit der Tatsache umgehen musste, dass ich bei einer bestimmten Art von Sex mit Männern schwanger werden kann. Die Art und Weise wie das Thema „Kinderkriegen“ gesellschaftlich verhandelt wird, ist natürlich aufs Engste mit Sozialisierungen vermengt, aber im Kern hat es nichts mit Sozialisation zu tun, sondern mit der Art und Weise, wie Menschen sich fortpflanzen.

Ein weiterer Grund, warum ich eine Frau bin, ist, dass ich meine Erfahrungen im Leben, die nichts anderes sein können als die Erfahrungen einer Frau (und zum Beispiel nicht die eines Mannes) subjektiv bearbeite. Dass ich also darüber reflektiere, mit anderen darüber spreche, davon ausgehend zu diesen oder jenen Entscheidungen komme – zu Entscheidungen, die meine eigenen Entscheidungen sind, die Entscheidungen von Antje Schrupp, also einzigartig. Sie sind nicht einfach eine zwangsläufige Folge meiner Sozialisation.

Zu dieser meiner weiblichen Subjektivität gehört zum Beispiel die Reflektion und das politische Engagement in der Frauenbewegung, das ich aktiv gesucht habe, niemand hat mich dazu erzogen. Dazu gehört auch die Entscheidung, mich einer bestimmten Richtung des Feminismus anzuschließen und anderen Richtungen nicht. Die Art und Weise, wie ich, von der Tatsache meines Frauseins ausgehend, gehandelt habe, baut natürlich auf meiner Sozialisation auf. Aber sie ist gleichzeitig Ausdruck meiner Subjektivität und Individualität. Die aber dennoch unabdingbar die Subjektivität und Individualität einer Frau ist, sie ist von meinem Frausein nicht zu trennen.

Frausein bedeutet, mit einer bestimmten Position in dieser Welt ausgestattet zu sein. Die Geschlechterdifferenz, die alle möglichen Aspekte unserer Welt auf vielfältige Art und Weise prägt (ob uns das nun gefällt oder nicht), durchquert mein Personsein permanent. Es ist unentwirrbar, es ist nicht möglich, mein „Frausein“ von meinem „Menschsein“ zu trennen, wie es die Rede von der „weiblich sozialisierten Person“ suggeriert.

Kein Mensch kommt nämlich als Tabula Rasa auf die Welt. Jeder Mensch kann nur von einer bestimmten Position aus handeln. Jeder Mensch ist „irgend etwas“, kein Mensch ist einfach nur „Mensch“. Wir alle sind mit bestimmten Körpern ausgestatt, die wir uns nicht ausgesucht haben, und wir alle waren nach unserer Geburt viele Jahre lang vollkommen auf andere Menschen angewiesen und ihnen also auf gewisse Weise auch ausgeliefert. Eine Kränkung ist das nur für Subjekte, die sich als „autonom“ phantasieren. In Wirklichkeit ist es so ziemlich das einzig „Normale“, was sich über das Menschsein sagen lässt.

Dass man nicht vollständig über sich selbst bestimmen kann, niemals, ist eine unhintergehbare Bedingung des Menschseins. Menschsein bedeutet aber gleichzeitig, frei zu sein, also nicht vollständig determiniert, sondern Individualität und Subjektivität ausbilden zu können. Jedoch nicht eine „allgemeine“, „universale“ Subjektivität. Wir können nur eine partikulare Subjektivität ausbilden, sozusagen die einer „bestimmten Sorte“ Mensch.

Das heißt, JEDE menschliche Individualität und Subjektivität ist partikular – auch die männliche, was sich allerdings große Teile des männlichen Denkens nicht klar gemacht haben, weil sie die eigene Partikularität als „normal“ definiert haben und die der Frauen als „Abweichung“. Das ist der Grund für eine Vielzahl von Defiziten in diesem männlichen Denken, zum Beispiel die unsinnige Idee der „Repräsentation“. Niemand kann aber an der Stelle von anderen sprechen. Das bedeutet jedoch nicht, dass das, was wir in erster Person sagen und tun, einfach nur „persönlich“ oder „privat“ wäre. Gerade und ausschließlich die partikulare Subjektivität enthält Erkenntniswert für die Allgemeinheit. Die sich als „universal“ ausgebende Subjektivität hingegen ist eine Schimäre, die uns alle in die Irre führt.

Nur Frauen können sagen, was Frauen erleben. Weil Menschen, die keine Frauen sind, niemals erlebt haben können, was Frauen erleben. Die Art und Weise, wie eine bestimmte Frau das beschreibt, was sie erlebt, ist aber subjektiv, das heißt, sie unterscheidet sich von der Art und Weise, wie andere Frauen dasselbe beschreiben.

Frauenleben sind untereinander vielfältig, teilweise auch konträr. Und weibliche Subjektivität ebenfalls. Das heißt: Weder machen alle Frauen dieselben Erfahrungen (allein schon, weil es solche und solche Frauen gibt, zum Beispiel privilegiertere und weniger privilegierte). Aber auch: Selbst wenn Frauen dieselbe Erfahrung machen, kann die eine das so und die andere anders bearbeiten. Weil Frauen nämlich freie Subjekte sind. Deshalb kann es niemals eine einheitliche „Frauenmeinung“ geben. Aber das bedeutet eben gerade nicht, dass das Frausein dieser so verschiedenen Individuen belanglos wäre – ganz im Gegenteil.

Das zu verstehen ist unabdingbar, um Pluralität als wesentlichen Teil von Politik zu begreifen. Denn die Erfahrungen der Geschlechterdifferenz, also die Erkenntnis, dass Frauen nicht für Männer sprechen können und Männer nicht für Frauen, lässt sich quasi als Blueprint auf fast alle anderen Arten von gesellschaftlichen Differenzen übertragen – wenn auch in entsprechenden Modifizierungen.

Biodeutsche können nicht für Migrantinnen sprechen, Weiße nicht für People of Color, Reiche nicht für Menschen mit Armutserfahrungen und so weiter (andersrum natürlich auch nicht, aber andersrum kommt es auch selten vor).

Und bei all diesen „marginalisierten Gruppen“ – auch das ist ein blöder Begriff, denn die Erfahrungen, die Personen aus diesen Gruppen machen, enthalten eine viel größere Fülle an Erkenntnissen und Impulsen für das gesellschaftliche Zusammenleben als die Defizit-Klassifizierung als „Marginalisierte“ unterstellt – ist es dasselbe: Die gesellschaftliche Position (wovon die Sozialisierung ein Teil ist) stellt nur den Ausgangspunkt dar. Sie stellt diesen Personen ein Mehr an Wissen, an Möglichkeiten, an Erfahrungspotenzialen zur Verfügung, die sie dann subjektiv und individuell verarbeiten, und das mehr oder weniger originell, mehr oder weniger klug. Aber der Punkt ist: Ausschließlich aus diesem Mehr heraus, das aus den Differenzen entsteht, folgen relevante Handlungen und Interventionen mit gesamtgesellschaftlicher Bedeutung. Das ist der Kern des Pluralismus und das ist der Kern der Politik.

Mit Sozialisation hat das nur unter vielem anderen etwas zu tun. Und deshalb ist es mir wichtig, zu betonen, dass ich eine Frau bin, und den Begriff „weiblich sozialisierte Person“ für mich ablehne.

Macht und Politik sind nicht dasselbe

So, das Buch ist da, yippie: “Macht und Politik sind nicht dasselbe”, die neueste Sammlung der Philosophinnengemeinschaft Diotima aus Verona, die ich zusammen mit Dorothee Markert übersetzt habe. Das Projekt hat mich den ganzen letzten Herbst und Winter auf Trab gehalten, jetzt kann es endlich raus in die Welt.

Finanziert hat das Ganze die Erika Wisselinck-Stiftung – tausend Dank dafür. Erschienen ist es im Ulrike Helmer-Verlag, kosten tut es 19,95 Euro, und hier ist der Trailer. Have fun and share!

Nähere Informationen dazu stehen hier. Die Buchpräsentation ist kommenden Mittwoch in München, weitere Termine, die bisher feststehen, sind Laatzen, Frankfurt am Main und Wetzlar. Näheres in meinem Terminkalender.