Wahrheit vs. Objektivität: Julia Hasletts Film über Simone Weil

Bevor ich die DVD ins Regal aufräume, will ich noch ein paar Anmerkungen zu einem Dokumentarfilm von Julia Haslett über Simone Weil verbloggen. Und zwar deshalb, weil er mir ein gutes Beispiel dafür zu sein scheint, wie man anders als in der herkömmlichen Lexikons-Wissenssammelns-Kultur mit historischem Erbe umgehen kann.

Dass es eine objektive Darstellung der Vergangenheit nicht gibt, sondern jede Geschichtsforschung das Dokument einer Auseinandersetzung zwischen zwei Subjekten ist – derjenigen, die forscht und derjenigen, über die geforscht wird – ist theoretisch zwar bekannt. Praktisch merkt man davon aber nichts. Bis heute erheben Lexika – besonders frappierend bei Wikipedia – den Anspruch, möglichst “objektiv” zu sein, die Autoren verschwinden quasi hinter den Zeilen.

Was natürlich nicht bedeutet, dass sie als Subjekte nicht da wären. Es bedeutet nur, dass sie als Subjekte nicht sichtbar sind.

Die feministische Geschichtsschreibung hat schon lange darauf hingewiesen, dass dieses vermeintlich nicht vorhandene Subjektive nur daher verschleiert werden kann, weil es ein Default-Subjekt ist, der weiße, bürgerliche Mann nämlich, der die eigene Sichtweise auf die Welt zur einzig möglichen und Normalen erklärt. Objektivität kann es ja schon allein deshalb nicht geben, weil zu keiner beliebigen Sache der Welt sämtliche Fakten erzählt werden können, jede Darstellung ist mindestens eine Auswahl dessen, was für relevant gehalten wird, und ein Verschweigen und Ausfiltern dessen, was für irrelevant gehalten wird.

Als Alternative haben feministische Wissenschaftlerinnen den Weg der “Kontextualisierung” vorgeschlagen, sowie das Offenlegen des eigenen Erkenntnisinteresses. Auf diese Weise kann begründet und transparent gemacht werden, warum welche Aspekte in einem jeweiligen Kontext interessieren und andere nicht.

Julia Haslett geht jetzt methodisch noch einen Schritt weiter und legt ihren ganzen Dokumentarfilm als eine Auseinandersetzung zwischen sich selbst und Simone Weil an. Sie legt ihr eigenes Erkenntnisinteresse also nicht nur offen, sondern stellt es ins Zentrum ihrer Arbeit. Sie zieht Parallelen zwischen Simone Weils Engagement im spanischen Bürgerkrieg und ihrem eigenen politischen Aktivismus, über die Depressionen ihres Bruders und fragt, was Weils radikale Ethik ihr in so einer Situation nützen kann.

Dabei geht sie handwerklich professionell und sehr aufwändig vor. Sie hat Menschen aufgetrieben und befragt, die Simone Weil noch persönlich kannten, sie interviewt Weils Nichte Sylvie Weil, sie reist viel – mit anderen Worten, der Film ist außerordentlich informativ, auch für Zuschauerinnen wie mich, die sich eben für Simone Weil interessieren (und nicht für Julia Haslett).

Außerdem gibt sie sich nicht zufrieden mit dem, was man nicht wissen kann. Da sie in Simone Weils Werken nicht Antworten auf alle ihre Fragen finden konnte, engagiert sie eine Schauspielerin und lässt sie in die Rolle Weils schlüpfen. Auf diese Weise kann sie tatsächlich mit “Simone Weil” sprechen, ich fand das ein interessantes Experiment.

Ich frage mich, wie Geschichtsunterricht aussehen würde, wenn historische Personen und Ereignisse nicht mehr als eine Ansammlung von dürren Fakten betrachtet würden, sondern als ein Fundus, der uns heute zur Verfügung steht, um das eigene Begehren zu verfolgen? Wenn wir nicht länger die eigene subjektive Involviertheit als ein ärgerliches Hindernis betrachten würden, das uns bei der Annäherung an die Geschichte im Wege steht, sondern als wesentliche Basis dafür, eine Tür zur Vergangenheit zu öffnen?

Ich glaube, das wäre großartig. Und ich glaube, es würde mehr “Wahrheit” ans Licht bringen.

PS: Zum Thema “Brauchen wir große Frauen? Zum Sinn und Unsinn historischer Frauenforschung” gibt es auch ein bereits älteres Vortragsmanuskript von mir.

14 Gedanken zu „Wahrheit vs. Objektivität: Julia Hasletts Film über Simone Weil

  1. Pingback: Sammelmappe » Blog Archive » Linktipps von Antje

  2. ” Vielmehr sind es Worte, die dem Rhythmus des Lebens folgen, ohne dass wir uns mit ihnen identifizieren.”
    Hiermit kann ich gut übereinstimmen, es ist der Rhythmus meines Lebens und meiner Melodie, die da wo ich bin wirkt oder auch nicht, wenn nicht durch mich eine Kraft strömt die das verkörpert. Doch so treffe ich auf andere,Männer wie Frauen, die das mittragen oder nicht mittragen, jenseits von identifizierenden Worten, sie kommen und gehen, die Resonanz in Rhythmik und Melodie passiert, weil Worte nicht mehr die Wichtigkeit einer Ideologie verkörpern. Also eines Gedanken, den ich als Vorschlag formuliere, fließt er ein, ohne zu polarisieren, wird die Resonanz nicht gestört. Wie oft durfte ich in einem Frauenkreis erleben, dass dort nicht das Wichtigste war, die defekte Waschmaschine, nach dem es angesprochen wurde, auch gleich zu reparieren, wurde mir bewusst, es geht in der Kommunikation miteinander um viel mehr, es geht um die Zeit miteinander zu genießen und nicht darum Ziele in möglichst kurzer Zeit zu erreichen. Dem Rhythmus folgen, ist das nicht die Musik in uns, die uns jenseits der Vorstellung von Mann und Frau verbindet?

  3. Hallo Axel,

    natürlich geht es in der Kommunikation die Zeit zu genießen, die man gemeinsam verbringt. Dies trifft für die Familie zu. Anders ist es natürlich auf der Arbeit oder aber mit fremden Personen.

  4. Hallo Clemens,
    Nun bin ich in Pension und ich erlebe andere nicht so sehr als fremde Personen, dadurch ist es für mich einfacher die Zeit die ich mit ihnen verbringe zu genießen.
    In Firmen, die ein gutes Betriebsklima haben, bemüht man sich um solche Ebenen, denn das erhöht nicht nur die Kreativität sondern auch die Arbeitsfreude miteinander etwas zu gestalten.
    Denn gewinnen hat doch auch den Aspekt, dass die Beteiligten durch die Begegnung etwas gewinnen, und das gelingt in einem Klima wo trotz unterschiedlicher Positionen eine Grundannahme existiert und das ist diese Resonanz, die ich meine, Diesen Film sehe ich da, wo einer lacht und dadurch sich die Resonanz auf eine ganze Gruppe ausdehnt, was soll da noch gesagt werden? http://www.youtube.com/watch?v=GUmCd_T5aM0

  5. @Antje

    Du schreibst:

    Dass es eine objektive Darstellung der Vergangenheit nicht gibt, sondern jede Geschichtsforschung das Dokument einer Auseinandersetzung zwischen zwei Subjekten ist – derjenigen, die forscht und derjenigen, über die geforscht wird – ist theoretisch zwar bekannt. Praktisch merkt man davon aber nichts. Bis heute erheben Lexika – besonders frappierend bei Wikipedia – den Anspruch, möglichst “objektiv” zu sein, die Autoren verschwinden quasi hinter den Zeilen.

    Was natürlich nicht bedeutet, dass sie als Subjekte nicht da wären. Es bedeutet nur, dass sie als Subjekte nicht sichtbar sind.

    Kommentar:

    Sicherlich gibt es das objektivierende Subjekt auf der einen Seite und das Subjekt, das objektiviert wird und selbstverständlich kann gefragt werden, ob eine Deskription eines historischen Phänomens objektiv ist oder die Realität abbildet. Aber: das kann doch nicht heissen, dass nun ein vollkommener Subjektivismus oder Perspektivismus gepredigt wird, sondern das Regulativ einer Wissenschaft sollte doch sein, so gut wie möglich die Wahrheit/Objektivität ergründen zu können. Kleines praktisches Beispiel:

    Hat es über 6 Mio ermordete Juden im Kontext der Nazi-Herrschaft gegeben? Ja oder nein? Oder ist das alles eine Frage der Perspektive oder der subjektiven Befindlichkeit? Ich meine nein!

    Du schreibst:

    Die feministische Geschichtsschreibung hat schon lange darauf hingewiesen, dass dieses vermeintlich nicht vorhandene Subjektive nur daher verschleiert werden kann, weil es ein Default-Subjekt ist, der weiße, bürgerliche Mann nämlich, der die eigene Sichtweise auf die Welt zur einzig möglichen und Normalen erklärt. Objektivität kann es ja schon allein deshalb nicht geben, weil zu keiner beliebigen Sache der Welt sämtliche Fakten erzählt werden können, jede Darstellung ist mindestens eine Auswahl dessen, was für relevant gehalten wird, und ein Verschweigen und Ausfiltern dessen, was für irrelevant gehalten wird.

    Kommentar:

    Das ist m.E. sicherlich richtig, dass bei der Erforschung von geschichtlichen Phänomenen quasi nie restlos alle Fakten erhoben werden können, was vielfach schon dem Gegenstand geschuldet ist, weil der eben in der Vergangenheit liegt; aber wie oben: Das Regulativ einer Geschichtswissenschaft sollte m.E. sein, dass versucht wird, alle relevanten Fakten aufzuspüren, damit eine objektive Deskription möglich wird; alles Andere führt in Subjektivismus und Perspektivismus. Und vor allem: Ist die Aussage von Dir, dass „nie sämtliche Fakten erzählt werden können“ eine objektive und somit wahre Aussage oder einfach nur ein subjektive Perspektive von Antje?

    Nun zum objektivierenden Subjekt, das offenbar der weisse, bürgerliche Mann ist. Auch hier wäre dann zu fragen, ob dies in dieser Verallgemeinerung richtig ist oder ob hier nicht eine differenzierte Betrachtung nötig wäre. Aber: Ist diese Aussage, dass das objektivierende Subjekt der weisse, bürgerliche Mann ist eine objektive Aussage, also in ihrer historischen und aktualhistorischen Referenz eine wahre Aussage? Oder ist es auch nur eine subjektive und perspektivistische Aussage und somit ein Narrativ ohne irgendwelche Relevanz an Wahrheit und Objektivität? Sollte es eine objektive und somit wahre Aussage sein, dann gibt es also auch für FeministInnen objektive und wahre Aussagen und ihre Präferenz für Subjektivismus und Perspektivismus wäre dann ein Selbstwiderspruch. :-)

    Du schreibst:

    Als Alternative haben feministische Wissenschaftlerinnen den Weg der “Kontextualisierung” vorgeschlagen, sowie das Offenlegen des eigenen Erkenntnisinteresses. Auf diese Weise kann begründet und transparent gemacht werden, warum welche Aspekte in einem jeweiligen Kontext interessieren und andere nicht.

    Kommentar:

    Nur stellt sich die Frage, was uns die „Kontextualisierung“ und das Offenlegen des eigenen Erkenntnisintersses viel weiterhilft? Es würde sich schon mal genau fragen, was „Kontextualisierung“ genau heisst? Heisst das: Das objektivierende Subjekt soll selbst objektiviert werden? Also eine Objektivierung 2. Grades? Aber wäre dann diese Objektivierung 2. Grades eine objektive und wahre Aussage oder auch einfach nur eine subjektive Perspektive? Und die Darlegung des eigenen Erkenntnisinteresses: Wer sagt uns, dass hier die „wahren Motive“ dargelegt werden? Es könnte ja sein, dass quasi „ideologisch“ argumentiert wird bei der Offenleung des eigenen Erkenntnisinteresses. Es könnte aber auch sein, dass viele nicht analysierte Dinge (das Verdrängte) ins das Erkenntnisinteresse einfliessen, die jedoch überhaupt nicht bewusst sind etc., usw., usf.

    Also auch hier die Frage: Sind Kontextualisierung und Offenlegen des eigenen Erkenntnisinteresses so etwas wie wahre und somit objektive Aussagen oder einfach eine subjektive Perspektive. Sollte alles eine subjektive Perspektive sein, weshalb sollte überhaupt noch eine Wissenschaft betrieben werden, die am Regulativ der Wahrheit interessiert ist? Wenn Wissenschaft nicht mehr am Regulativ der Wahrheit und in gewissen Bereichen auch der Objektivität orientiert sein sollte, dann wäre es doch besser, Wissenschaft aufzugeben und dann vor allem Epik, Lyrik und Dramatik zu fördern und zu betreiben. :-)

  6. @chomsky – Vielen Dank für deine ausführliche Auseinandersetzung. Hier ein paar Antworten:

    „Hat es über 6 Mio ermordete Juden im Kontext der Nazi-Herrschaft gegeben? Ja oder nein? Oder ist das alles eine Frage der Perspektive oder der subjektiven Befindlichkeit? Ich meine nein!” Ja, das betrifft den Unterscheid zwischen Fakten einerseits und der Bedeutung, die man ihnen gibt, andererseits. Dazu wollte ich auch irgendwann mal was bloggen. Was die Fakten betrifft, so hast du sicher recht. Aber Fakten für sich genommen sind total uninteressant, ihre Relevanz bekommen sie erst durch die Bedeutung, die ihnen verliehen wird, und dafür trifft das, was ich schrieb (dass es immer um einen subjektiven Zugang geht), eben zu.

    „Regulativ einer Geschichtswissenschaft sollte m.E. sein, dass versucht wird, alle relevanten Fakten aufzuspüren, damit eine objektive Deskription möglich wird“ – Wer legt denn fest, welche Fakten relevant sind? Zum Beispiel fehlt bei vielen Darstellungen von Ereignissen der Fakt, ob die beteiligten Personen Frauen oder Männer oder beides und wenn in welchem prozentualen Verhältnis waren. Ich finde das sehr relevant, die Historiker meistens halten es für irrelevant. Wer ist jetzt der Schiedsrichter?

    Nun zum objektivierenden Subjekt, das offenbar der weisse, bürgerliche Mann ist. Auch hier wäre dann zu fragen, ob dies in dieser Verallgemeinerung richtig ist oder ob hier nicht eine differenzierte Betrachtung nötig wäre – Nun, im Sinne von „Fakt“ ist es wohl bis vor nicht allzu langer Zeit eindeutig so gewesen, auch hier streiten wir uns möglicherweise darüber, ob dieser Fakt relevant ist oder nicht 

    Nur stellt sich die Frage, was uns die „Kontextualisierung“ und das Offenlegen des eigenen Erkenntnisintersses viel weiterhilft? Es würde sich schon mal genau fragen, was „Kontextualisierung“ genau heisst? Heisst das: Das objektivierende Subjekt soll selbst objektiviert werden? Also eine Objektivierung 2. Grades? Aber wäre dann diese Objektivierung 2. Grades eine objektive und wahre Aussage oder auch einfach nur eine subjektive Perspektive? Und die Darlegung des eigenen Erkenntnisinteresses: Wer sagt uns, dass hier die „wahren Motive“ dargelegt werden? Es könnte ja sein, dass quasi „ideologisch“ argumentiert wird bei der Offenleung des eigenen Erkenntnisinteresses. Es könnte aber auch sein, dass viele nicht analysierte Dinge (das Verdrängte) ins das Erkenntnisinteresse einfliessen, die jedoch überhaupt nicht bewusst sind etc., usw., usf. – Niemand hat behauptet, es wäre einfach :)

    Grundsätzlich würde ich schon deine Gegenüberstellung entweder objektiv oder subjektiv nicht teilen, sondern ich sehe es im Sinne des Sowohl-als-auch. In dem unter dem Blogpost verlinkten Vortrag habe ich das noch etwas ausführlicher beschrieben. Meine These ist, wenn man wirklich radikal subjektiv vorgeht, das heißt, das erforscht, was eine selber persönlich dringlich interessiert, dann wird man ja eigentlich schon logischerweise ein Interesse daran haben, möglichst nah bei der Wahrheit zu landen. Sonst hätte man sich selbst ja ins Knie geschossen.

  7. “Wenn Wissenschaft nicht mehr am Regulativ der Wahrheit und in gewissen Bereichen auch der Objektivität orientiert sein sollte, dann wäre es doch besser, Wissenschaft aufzugeben und dann vor allem Epik, Lyrik und Dramatik zu fördern und zu betreiben.”
    @Chomsky
    So würde ich das nicht sehen, sondern die Wissenschaft hat doch nur die Aufgabe zu erkennen über die Wissenschaft hinauszuwachsen. So wie die Quantenphysik ein ganzheitliche Physik dokumentieren kann, wenn man der Auffassung von Hans Peter Dürr folgt: http://www.youtube.com/watch?v=JHfX-_uwaGw er erklärt eindeutig, dass Wissenschaft eine Vereinbarung ist, die im Rahmen der Rationalität messbar erscheint. Doch damit lässt sich keine Wahrheit “messen”. So wenig wie sich Resonanz durch Kontrolle erzeugen lässt, und das wird eben im Doppelspaltexperiment deutlich, wo das Interferenzmuster verschwindet, wenn Kontrolle auftaucht, hier liegt für mich eine wesentliche Erkenntnis. Vereinbarungen sind nur eine Übereinstimmung der Übereinstimmenden auf der Grundlage, die diese getroffen haben, ist das Wissenschaft. Ja, aber es ist keine Wahrheit, weil, denjenigen, die andere Erkenntnisse haben die ihre Erkenntnisse abgesprochen wird. So gehen dann Wissenschaftler mit der Homöopathie um, weil sie nicht in ihr Netzraster fallen, obwohl die Wirkungen selbst bei nicht rational denkenden Systemen nachgewiesen werden kann, wie bei Tieren und Pflanzen.

  8. “Meine These ist, wenn man wirklich radikal subjektiv vorgeht, das heißt, das erforscht, was eine selber persönlich dringlich interessiert, dann wird man ja eigentlich schon logischerweise ein Interesse daran haben, möglichst nah bei der Wahrheit zu landen.”

    Ja – das ist die Wahrheit der Schizophrenen, die irgendwie einfach kein anderer zu erkennen vermag. Jeder schmort und leidet da in seiner eigenen subjektiven Welt …

  9. @Antje

    Du schreibst:

    Aber Fakten für sich genommen sind total uninteressant, ihre Relevanz bekommen sie erst durch die Bedeutung, die ihnen verliehen wird, und dafür trifft das, was ich schrieb (dass es immer um einen subjektiven Zugang geht), eben zu.

    Kommentar:

    Selbstverständlich sind Fakten für diejenige Person uninteressant, die sich nicht für ein Phänomen interessiert. Wenn Du Dich nicht für den 2. Weltkrieg interessierst, ist es sicherlich für Dich uninteressant, dass es Filme, Fotos, Augenzeugenberichte etc. darüber gibt, dass ein grosser Teil von Stalingrad in Schutt und Asche lag.
    Und selbstverständlich müssen Fakten auch gedeutet/interpretiert werden (Bedeutung/Interpretation). Nur: Wenn es z.B. um die Frage geht, ob in Stalingrad im 2. Weltkrieg tatsächlich eine Schlacht stattgefunden hat, dann dürfte ja mehr oder weniger ein Konsens vorliegen, was im Groben relevante Fakten sein könnten. Also z.B. Filme, Bilder, Rundfunktmeldungen, Zeitungsberichte, Gegenstände, Kriegsmaterial, dokumentierte Augenzeugenberichte, Briefe etc. im geografischen und historischen Kontext von Stalingrad im Jahre 1942/1943.
    Und selbstverständlich kann z.B. eine Fotografie von Stalingrad auch unterschiedlich gedeutet/interpretiert werden: Nur kann auch die unterschiedliche Interpretation ev. durch weitere Fakten verifiziert oder falsifiziert werden. Wichtig ist hier nur, dass in der Geschichtswissenschaft klar zwischen Fakten und der Deutung der Fakten unterschieden wird, sodass auch eine intersubjektive Nachvollziehbarkeit gewährleistet ist.

    Du schreibst:

    Wer legt denn fest, welche Fakten relevant sind? Zum Beispiel fehlt bei vielen Darstellungen von Ereignissen der Fakt, ob die beteiligten Personen Frauen oder Männer oder beides und wenn in welchem prozentualen Verhältnis waren. Ich finde das sehr relevant, die Historiker meistens halten es für irrelevant. Wer ist jetzt der Schiedsrichter?

    Kommentar:

    Siehe oben: Wenn es um die Frage geht, ob im 2. Weltkrieg eine Schlacht in Stalingrad stattgefunden hat, dürften wohl Bilder über die Mondlandung aus dem Jahre 1969 nicht sonderlich relevant sein. Soll heissen: Eine grobe Einteilung, was relevant sein könnte und was nicht, darüber könnte m.E. mehr oder weniger Konsens herrschen. Wenn es um Detailfragen geht, könnten die Meinungen tatsächlich auseinandergehen: Aber das ist ja auch kein Problem: Auch die Geschichtswissenschaft lebt von der Kontroverse, dass gewisse Leute ev. noch andere Fakten einbeziehen und gewisse Fakten/Quellen anders deuten.

    Zu den Frauen und Männern: Meinst Du unter „beteiligten Frauen oder Männer“ die WissenschaflerInnen?? Weshalb könnte dies bei der Frage, ob es im 2. Weltkrieg eine Schlacht in Stalingrad gegeben hat, interessant sein? Ich sage nicht, dass beim Endeckungszusammenhang diese Frage nicht relevant sein könnte, ich würde es jedoch für äusserst fragwürdig finden, wenn diese Frage beim Begründungszusammenhang auch eine Rolle spielen würde.

    http://www.teachsam.de/deutsch/d_rhetorik/argu/arg_mod_3_5.htm

    In der Wissenschaft sollte es keine Schiedsrichter geben: Ab und zu wird unterschieden zwischen Lehrmeinung, herrschender Lehrmeinung und Minderheitenmeinung etc.

    Du schreibst:

    Grundsätzlich würde ich schon deine Gegenüberstellung entweder objektiv oder subjektiv nicht teilen, sondern ich sehe es im Sinne des Sowohl-als-auch. In dem unter dem Blogpost verlinkten Vortrag habe ich das noch etwas ausführlicher beschrieben. Meine These ist, wenn man wirklich radikal subjektiv vorgeht, das heißt, das erforscht, was eine selber persönlich dringlich interessiert, dann wird man ja eigentlich schon logischerweise ein Interesse daran haben, möglichst nah bei der Wahrheit zu landen. Sonst hätte man sich selbst ja ins Knie geschossen.

    Kommentar:

    Das sowoh-als-auch würde ich unterteilen:
    Beim Entdeckungszusammenhang und Verwertungszusammenhang hat das Subjektive seinen berechtigten Platz. Beim Begründungszusammenhang würde ich weitgehend auf den Gütekriterien wie

    – Objektivität
    – Validität
    – Reliabilität

    festhalten.

    Ich würde beim Begründungszusammenhang jedoch folgende Einschränkung machen: Je nach wissenschaftlicher Disziplin kann auch der Begründungszusammenhang nur durch interpretative Verfahren (qualitative Verfahren, objektive Hermeneutik, Diskursanalyse etc.) erschlossen werden, insbesondere bei der Geschichtswissenschaft haben wir es vielfach mit Quellen zu tun, wo einfach nur hermeneutische Verfahren einen Erkenntnisgewinn bringen. Aber: Auch hermeneutische Verfahren haben ihre Methodologie, wo versucht wird, Kriterien aufzustellen, damit die oben erwähnten Gütekriterien zum Tragen kommen. Und dort wo dies nicht der Fall ist, muss eben ganz klar zwischen Fakten und Interpretation unterschieden werden und eine lückenlose intersubjektive Nachvollziehbarkeit gewährleistet sein. D.h., auch: bei qualitativen Verfahren müssen Entscheidungen getroffen werden, die je nach Präferenz unterschiedlich ausfallen können, aber diese Entscheidungen müssen transparent gemacht und begründet werden.

    Übrigens: Ich denke, ich bin mit meiner Positionierung nicht so weit weg von der feministischen Wissenschaftstheoretikerin Sandra Harding. M.E. wird Sandra Harding vielfach falsch rezipiert: Harding hält, wie ich auch, das Subjektive im Endeckungs- und Verwertungszusammenhang für berechtigt und quasi für nicht ausschaltbar; beim Begründungszusammenhang hält sich jedoch objektivierende Verfahren auch für zentral und wichtig.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Sandra_Harding

    M.E. vertritt somit Harding keine Standpunktheorie. Das macht m.E. auch Bourdieu nicht, auch wenn er wie Harding bei Wikipedia unter diese Rubrik subsumiert wird. Bourdieu sagt nur, dass die scholastische Sichtweise der WissenschaftlerInnen zu Fehler führen kann (mit der Betonung auf kann), wenn vom „Modell“ der Realität (als Abstraktion) bruchlos auf die Realität des Modells (Praxis) übergegangen wird.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Standpunkt-Theorie

  10. @Chomsky
    Viele fromme Wünsche, jedoch wer finanziert welche Hypothesen?
    Und wie unabhängig kann der Wissenschaftler heute noch arbeiten?
    Es geht doch heute immer mehr um Nützlichkeit, also wem nützt welche
    Aussage und warum? Und wie werden diese Überlegungen in die Öffentlichkeit
    getragen? So reden wir heute doch schon von einer “Holocaustindustrie” Was wollen denn diese Wissenschaftler bezwecken? Und wir reden von Verschwörungstheorien z.B. vom 9/11 im Jahre 2001, was soll denn da verschleiert werden?

  11. Man trifft im WEB auch immer die Gleichen und irgendwie reden sie alle immer je nach was grad aktuell über das Gleiche – wie bin ich eigtl. hier her gekommen? naja ist ja auch egal, irgend eine Begriffssuche wahrscheinlich und dann von Link zu Link – und natürlich ein Jeder macht bei der Gelegenheit ein bisschen Werbung für seins.

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