Meine Lieblingsfrage: Die Gretchenfrage

Jetzt hier mal was ganz anderes, aber doch der Vollständigkeit halber: Es gibt ein neues Buch von mir, das heißt “Frankfurter Antworten auf die Gretchenfrage” und versammelt Interviews mit Menschen aus den allerverschiedensten Religions- und Glaubensgemeinschaften in Frankfurt.

Für alle, die grade nicht wissen, was die Gretchenfrage ist: “Wie hältst du’s mit der Religion?” und gestellt wird sie in Goethes Faust von Gretchen, die das geklärt haben will, bevor sie sich auf eine Beziehung mit dem Wissenschaftler Faust einlässt.

Heute sind ja alle in der Regel der Ansicht, Religion sei Privatsache (das Private ist politisch, haha). Religion und Politik gelten beim Smalltalk als “Geht-gar-nicht-Themen”, aber ich finde Gespräche über Religion und Politik viel spannender als welche über, sagen wir, Fußball oder das Wetter. Vielleicht bin ich deshalb so inkompatibel in Punkto Smalltalk.

Jedenfalls: Diese Interviewreihe machte ich im Verlauf der letzten zwei Jahre für die Zeitung, bei der ich Redakteurin bin, und das verschaffte mir die Gelegenheit, 15 sehr interessante Leute, vom hinduistischen Afghanen bis zur Mormonin über alle möglichen christlichen oder muslimischen Richtungen bis zu den Bahai oder den Sikhs oder orthodoxem bis egalitärem Judentum darüber auszufragen, was sie denn glauben und was es mit ihrer Religion so auf sich hat, auszufragen. Yeah.

Die Buchpräsentation ist heute um 17 Uhr in Frankfurt, im Dominikanerkloster am Börneplatz (Kurt-Schumacher-Straße 23), es gibt Häppchen und wer großes Interesse bekundet, kann wahrscheinlich auch ein Buch ergattern. Ansonsten kann man das natürlich kaufen, im Buchhandel oder einfach per Mail mit Adresse an mich, kosten tut es 12,80 Euro.

Von der Wichtigkeit politischer Beziehungen und der Schwierigkeit, Neues zu vermitteln

Derzeit kreist ein merkwürdiges Schulterklopfen durchs Internet, bei dem man sich gegenseitig dazu gratuliert, irgendwie Mitte und nicht so radikal zu sein. Nicht so radikal feministisch, nicht so radikal antirassistisch, nicht so extrem, nicht so gaga, nicht so unverständlich, sondern so, dass es an den Mainstream anschlussfähig bleibt.

Ich frage mich, wann es angefangen hat, fehlende Radikalität für etwas Positives zu halten? Jedenfalls bin ich der Meinung, dass jede politische Theorie, die sich nicht um größtmögliche Radikalität bemüht, also darum, wirklich an die Wurzeln eines Problems vorzudringen, anstatt nur an der Oberfläche ein paar Dinge hin und her zu rücken, nichts wert ist. Möglicherweise vielleicht sogar kontraproduktiv, weil sie dazu beiträgt, die krassesten Begleiteffekte des Bestehenden abzumildern, sodass die herrschende Ordnung umso gefestigter aus diesen Korrekturen hervorgeht.

Aber kann man die Sachen nicht wenigstens verständlicher formulieren? Ja, vielleicht, aber das ist ja schwer. Und wenn eine Idee wichtig ist, ziehe ich es vor, sie in einer kompliziert formulierten Fassung zu haben als sie gar nicht zu haben. Mag sein, dass manche Texte, die zirkulieren, zu „akademisch“ sind (was aber natürlich auch daran liegt, dass sie aus dem universitären Umfeld kommen, und die Desolatheit der Universitäten wäre noch mal ein ganz anders Thema). Aber ich glaube nicht, dass das der Grund für die Abwehr ist, die ihnen entgegen gebracht wird.

Elisabeth Schüssler-Fiorenza, eine Grande Dame der feministischen Theologie, hat mir mal bei einem Interview erzählt, dass ihre Professorenkollegen ihre Bücher oft zu kompliziert und unverständlich fänden, während gleichzeitig Lehrerinnen, Verkäuferinnen oder Gemeindesekretärinnen begeistert rückmeldeten, es habe nach der Lektüre in ihrem Kopf „Klick“ gemacht. Und das, obwohl sie beim Lesen – anders als die Professoren – ein Fremdwörterlexikon benötigten.

Die Wahrscheinlichkeit, sich auf eine neue Idee, einen neuen Gedanken wirklich einzulassen (was noch nicht bedeutet, ihm zuzustimmen, sondern erst einmal, ihn wirklich verstehen zu wollen), hängt nicht von den intellektuellen Fähigkeiten ab oder von der Leichtverständlichkeit des Textes, sondern davon, ob man vermutet, darin etwas zu finden, das für die eigene Existenz von Belang ist – oder eben nicht. Wenn nicht, fällt es Intellektuellen sogar noch leichter als anderen, zu begründen, warum der Text Mist ist.

Wer an patriarchalen oder rassistischen Mustern leidet (und das müssen nicht nur die Benachteiligten sein, denn auch Männer können am Patriarchat leiden und Weiße am Rassismus), wird Theorien, die darauf eine Antwort bieten, auch dann verstehen wollen, wenn die Sprache kompliziert ist, wenn die Behauptungen erstmal steil scheinen und „gegen den gesunden Menschenverstand“. Wem ein Problem existenziell wichtig ist, wird sich mit jedem neuen Lösungsvorschlag ernsthaft auseinandersetzen. Wer aber hier keine Fragen, Anliegen und Probleme hat, wird nicht verstehen, warum er (oder sie) sich die Mühe machen soll, und verlangen, die „Betroffenen“ mögen es bitte in leicht verdaulichen Häppchen servieren.

(Einschub: Es ist übrigens ganz leicht, eine kritische Auseinandersetzung mit einem Text oder einer Idee von einer rein polemischen zu unterscheiden, aber das würde jetzt hier zu weit führen. Jedenfalls geht es mir natürlich nicht um eine kritiklose Annahme von Ideen, sondern um die ernsthafte und offene Auseinandersetzung mit ihnen.)

Das alles bedeutet aber im Umkehrschluss, dass ich Verständnis für „radikale“ Gedanken tatsächlich nur bei denen erwarten kann, die ein Anliegen haben, ein Begehren, auf das diese Gedanken und Ideen eine Antwort sind. Oder anders: Ob meine Ideen aufgegriffen werden, habe ich nicht in der Hand.

Mein Schlüsselerlebnis hatte ich dazu vor vielen Jahren, als ich bei einer großen feministischen Tagung in einem Vortrag Bilanz über die Frauenbewegung ziehen sollte aus der Perspektive einer „jungen Frau“ (wie gesagt, das ist ein paar Jahre her :)). Jedenfalls habe ich damals (meiner Ansicht nach) die Verdienste der Zweiten Frauenbewegung lang und breit gewürdigt, um dann in der zweiten Hälfte des Vortrags deutliche Kritik an manchen eingeschlagenen Wendungen zu üben. In der anschließenden Diskussion fielen die Frauen regelrecht über mich her (wahrscheinlich war es gar nicht so krass, aber ich war damals noch leicht zu verunsichern): Sie waren empört und fühlten sich von mir total zu Unrecht angegriffen.

Ich war fassungslos und den Tränen nah. Hinterher standen wir in einer kleinen Gruppe zusammen, und ich sagte immer nur „Aber ich habe doch ihre Verdienste ausdrücklich gewürdigt, wie können sie mir nur so böse Dinge vorwerfen!“ Luisa Muraro, die auch dabei stand, erwiderte schlicht: „Es ist dir halt einfach nicht gelungen, das, was du sagen wolltest, zu vermitteln.“

Dieser Satz war eine wahrhafte Befreiung für mich, weil er so lapidar auf den Punkt brachte, was geschehen war, und jede moralische Dimension aus der Angelegenheit entfernte: Ich hatte versucht, eine Idee zu erläutern, aber es war mir nicht gelungen. So what! Niemandes Schuld oder aller Schuld, aber keine Katastrophe, einfach normales Alltagsgeschäft, wenn man politische Ideen in der Öffentlichkeit zur Diskussion stellt.

Seither nehme ich es als Geschenk und freudiges Ereignis, wenn die Vermittlung einer neuen Idee tatsächlich gelingt. Denn ich weiß, dass das ein kostbares Ereignis und keineswegs selbstverständlich ist. Obwohl ich natürlich dazu beitragen kann, indem ich mich um Verständlichkeit bemühe und darum, an das jeweilige Begehren der anderen anzuknüpfen.

Erst im Laufe der Zeit bekomme ich Übung darin, eine neue Idee auch „allgemeinverständlicher“ zu formulieren. Zum Beispiel wusste ich nach dem erwähnten Vortrag um die Befindlichkeiten älterer Feministinnen und um ihre sensiblen Punkte und konnte in späteren Vorträgen darauf eingehen, ohne aber deshalb meine Analyse zu ent-radikalisieren. Je häufiger ich am Versuch der Vermittlung von Ideen scheitere, umso geübter werde ich darin, ohne natürlich jemals an den Punkt zu gelangen, wo es garantiert ist.

Wenn eine Idee noch neu ist, ist ihre Vermittlung noch nicht in der Praxis erprobt. Vermutlich hat die neue Idee auch noch Schwachpunkte, ist an manchen Punkten vielleicht geradeheraus falsch. In diesem Stadium braucht es gegenseitiges Wohlwollen, wirkliche Aufmerksamkeit, ein gemeinsames Begehren und Vertrauen, um solche Debatten zu führen (weshalb vielgelesene Seiten im Internet vielleicht nicht der beste Ort sind, sie zur Diskussion zu stellen).

Und zwar braucht es Wohlwollen und Vertrauen auf beiden Seiten: Sowohl denen gegenüber, die in ihren Gedanken und Handlungen (noch) im Bisherigen verhaftet sind und denen vielleicht auch ganz einfach die Fantasie fehlt, über das Gegebene hinaus zu denken, als auch Wohlwollen und Vertrauen denen gegenüber, die momentan (noch) nicht in der Lage sind, ihre Analysen, Ideen und vielleicht auch erst einmal vorläufige Ahnungen hieb- und stichfest zu erläutern, geschweige denn in allgemeinverständlicher Sprache.

„Ein Mensch, der etwas Neues zu sagen hat – denn die Gemeinplätze bedürfen keiner Aufmerksamkeit – kann zuerst nur bei denen Gehör finden, die ihn lieben“ hat Simone Weil geschrieben. Ich glaube, das stimmt. Ob es gelingt, eine radikale Theorie zu vermitteln, liegt nicht daran, wie gut ich sie argumentativ begründet habe. Sondern daran, ob sie auf „fruchtbaren Boden“ fällt, auf eine interessierte Zuhörerinnenschaft, die mir sozusagen einen Vertrauensvorschuss gibt, und die mit mir ein ähnliches Begehren teilt, die Ordnung der Welt möge anders sein, als sie derzeit ist.

Daher meine steile These: Ich trage mehr zur Verbreitung radikaler Ideen bei, wenn ich mir bewusst ein solches Beziehungsnetz aufbaue, und wenn ich mich um gute Beziehungen zu einem großen Kreis potenziell interessierter Menschen bemühe (denn nur, wenn sie mich „lieben“, werden sie bereit sein, mir die nötige Aufmerksamkeit zu widmen), als wenn ich die Details meiner Theorie noch um eine weitere erkenntnistheoretische Schleife verfeinere.

Ich bin wirklich davon überzeugt, dass Politik keine Sache von Programmen, sondern von Beziehungen ist. Die Stärke der Frauenbewegung liegt nicht darin, dass alle Feministinnen einer Meinung sind, sondern darin, dass sich Feministinnen mit unterschiedlicher Meinung füreinander interessieren. Nicht dass wir alle am selben Strang ziehen, macht uns stark, sondern dass wir andere Frauen inhaltlich ernst nehmen – auch wenn wir das, was sie sagen, falsch finden und nicht teilen, auch wenn wir bei ihren Projekten nicht mitmachen wollen und sie nicht bei unseren, auch wenn sie X wichtig findet und ich Y.

Wohlgemerkt: Das ist keine moralische Aufforderung, alle Frauen ernst und wichtig zu nehmen, einfach weil sie Frauen sind. Es geht nicht um weibliche Solidarität, sondern um die Anerkennung weiblicher Autorität. Es kann gute Gründe geben, Beziehungen zu lösen, sich zu trennen. Die feministische Praxis der „Politik der Beziehungen“ bedeutet, Beziehungen an die erste Stelle zu setzen, also ernster zu nehmen als Inhalte und Standpunkte. Diese Praxis beinhaltet aber gerade nicht nur das Eingehen und bewusste Pflegen von Beziehungen, sondern ganz genauso das wohl überlegte Trennen und Aufkündigen von Beziehungen.

Die Entscheidung, zu wem ich Beziehungen pflege und zu wem nicht, ist eine der wichtigsten Entscheidungen meiner politischen Praxis. Denn ohne Beziehungen, in denen Autorität und Wissen zirkuliert, bleibt mir nur die Macht, um Dinge durchzusetzen, und Macht habe ich erstens keine sonderlich große, und zweitens bin ich überzeugt, dass sie sich auch nicht instrumentell für eine gute Sache einsetzen lässt. Deshalb überlege ich es mir tausendmal, bevor ich etwas tue, was meine politischen Beziehungen gefährdet, vor allem die zu anderen Frauen. Nicht, weil ich Angst vor Konflikten hätte, sondern weil diese Beziehungen der wichtigste Hebel sind, den ich habe, um die Welt zu verändern.

Wenn ich mich entscheide, eine Beziehung aufzukündigen (oder, was dasselbe ist, durch mein Verhalten irreparabel zu beschädigen), verzichte ich gleichzeitig darauf, diese Person noch von etwas überzeugen zu können oder von ihr noch etwas lernen zu können. Das ist ein schwerwiegender Schritt, der schwerwiegendste, den man tun kann.

Jede zerrüttete Beziehung zwischen Feministinnen ist schlimmer, als tausend falsche oder unverständliche Texte, die irgendwo veröffentlicht werden, jemals sein können.

Hedwig Lachmann: Weit lieber doch besiegt sein, als verführt von eitlem Glanz…

Die letzten Tage habe ich eine Biografie über Hedwig Lachmann (1865-1918) gelesen, eine Dichterin und Übersetzerin – übersetzt hat sie zum Beispiel Edgar Allan Poe, Oscar Wilde und Honoré de Balzac. Bekannt geworden ist sie aber vor allem (naja, so mittelmäßig bekannt wenigstens), weil sie die Lebensgefährtin von Gustav Landauer war, mit dem sie auch zwei Töchter hatte.

Ich interessiere mich bei Biografien ja weniger für die Lebensgeschichten, als vielmehr für die politischen Ideen, und in dieser Hinsicht lässt mich das Buch noch etwas ratlos. Was weniger an dem Buch liegt, als vielmehr daran, dass Hedwig Lachmann eben vor allem Gedichte geschrieben hat, und Gedichte gehen irgendwie nicht so an mich.

Dabei wäre sicher viel Interessantes zu heben, zumal Lachmann ihre Freiheitsliebe explizit nicht an das Streben nach Gleichheit mit den Männern knüpfte, sondern solche Ansinnen klar zurück wies. Zum Beispiel schreibt sie an einen Freund, der eines ihrer Werke kritisch kommentiert hatte:

Das mit der “Frauenlogik” will ich mir aber doch nicht gefallen lassen. Denn die ist’s nicht, wenn etwas nicht so gelingt, wie ich’s gern möchte. Dann ist es eben meine Stümperhaftigkeit, die ich mit tausend Männern gemein habe. Vielleicht streife ich sie mit der Zeit etwas ab, meine Frauenlogik will ich gar nicht abstreifen, ich will gar nicht anders schreiben, wie eine Frau. (S. 29)

Doch leider wird dieser Aspekt in dem Buch nicht genauer behandelt, zumal die inhaltlichen Debatten, die geschildert werden, Hedwig Lachmann vor allem im Vergleich mit den Männern ihrer Umgebung zeigen, nicht in der Auseinandersetzung mit anderen Frauen. Was aber vermutlich auch der Quellenlage geschuldet ist.

Ebenso interessant fand ich den Aspekt, dass sie viel von ihrer Lebenshaltung ihrer Herkunft aus dem osteuropäischen Judentum verdankt – ihr Vater arbeitete als Kantor in jüdischen Gemeinden, die Familie stammte ursprünglich aus Ostdeutschland (einer Gegend, die heute zu Polen gehört) und war 1873 – als Hedwig acht war – nach Bayern gekommen. Ich vermute, dass die Abneigung gegen Assimilierung an die jeweils dominante Kultur (sei es die jüdische an die christlich-deutsche oder die weibliche an die männliche) ein roter Faden in Lachmanns Denken ist. Müsste aber genauer untersucht werden.

Stattdessen möchte ich hier, weil es so schön ist, ihr Antikriegsgedicht abtippen, dem auch der Buchtitel entnommen ist und das sie zum Ersten Weltkrieg geschrieben hat:

Mit den Besiegten

Preist Ihr den Heldenlauf der Sieger, schmückt
Sie mit dem Ruhmeskranz, Euch dran zu weiden -
Ich will indessen, in den Staub gebückt,
Erniedrigung mit den Besiegten leiden.

Geringstes Volk! verpönt, geschmäht, verheert
Und bis zur Knechtschaft in die Knie gezwungen -
Du bist vor jedem stolzeren mir wert,
Als wär’ mit dir ich einem Stamm entsprungen!

Heiß brennt mich Scham, wenn das Triumphgebraus
Dem Feinde Fall und Untergang verkündet,
Wenn über der Zerstörung tost Applaus
Und wilder noch die Machtgier sich entzündet.

Weit lieber doch besiegt sein, als verführt
Von eitlem Glanz – und wenn auch am Verschmachten,
Und ob man gleich den Fuß im Nacken spürt -
Den Sieger und das Siegesglück verachten.

Birgit Seemann: “Mit den Besiegten”. Hedwig Lachmann (1865-1918). Deutsch-jüdische Schriftstellerin und Antimilitaristin. Überarbeitete und aktualisierte Neuauflage. Verlag Edition AV, Lich 2012, 164 Seiten, 16 Euro.

Frauenfeindlichkeit, in Versionen

Gestern war ein Tag, an dem ich mehrmals über das Thema „Frauenfeindlichkeit“ nachdachte, allerdings in ganz unterschiedlichen Varianten, weshalb ich das mal aufschreibe.

Episode 1: Frühstücksgespräche

Die erste Begegnung war am Frühstückstisch des Tagungshauses, in dem ich zu einem Wochenendseminar war. Ich hörte ein Gespräch mit zwischen zwei Frauen, bei dem die Ältere die Jüngere fragte, wie sie das eigentlich mit den Kindern organisiert habe, so ein ganzes Wochenende lang. Woraufhin die Jüngere etwas pikiert erwiderte: „Hätten Sie das einen Mann auch gefragt?“

Ich war etwas peinlich berührt von der Situation, wie immer, wenn ich die Auswirkungen der feministischen Revolution irgendwo in Aktion sehe, aber dann doch ein klein bisschen schief. Die Rückfrage der Jüngeren war ja ganz offenbar ein Ergebnis davon, dass wir die Aufspaltung in „Privat“ (Frauen) und „Beruflich/Öffentlich“ (Männer) und die damit verbundene Arbeitsteilung aufgekündigt haben. Sie bedeutete: „Solange Sie nicht die Männer ganz genauso für die Versorgung von Kindern zur Verantwortung ziehen, lassen Sie mich gefälligst mit solchen Fragen in Ruhe!“

Soweit so schön, aber ich fand die Situation eben doch etwas schief, und zwar deshalb, weil der patriarchale Kontext, der sozusagen die „Folie“ für diese Debatte ist, nicht sichtbar war. Da waren nur zwei Frauen, von denen die eine sich über das Alltagsleben der anderen erkundigte. Es ist doch schön, dass die Menschen, denen wir im öffentlichen Bereich begegnen, inzwischen mitbedenken, dass es auch noch einen privaten Bereich gibt, der uns Arbeit macht, und wenn wir darüber sprechen – anstatt wie früher die Männer einfach selbstverständlich davon auszugehen, dass jeder schon eine Hausfrau zuhause hat, die das für ihn erledigt.

Die Frage der Älteren, was mit den Kindern sei, ist nicht per se frauenfeindlich, sie ist es nur, wenn man einen patriarchalen Kontext voraussetzt. In einer postpatriarchalen Welt wäre das eine ganz normale Frage.

Episode 2: Ein Witz

Später am Tag zeigte mir ein Freund einen sexistischen Comic, über den ich aber trotzdem gelacht habe. In diesem Comic werden Frauen klischeehaft und dumm gezeigt – sie können einen Führerschein nicht von einem Spiegel unterscheiden – aber eben mit einer Pointe, die (finde ich) tatsächlich witzig ist.

Wie kann es sein, dass ich, die Feministin™, einen unbestreitbar frauenfeindlichen Witz dennoch lustig finde? Beim Nachdenken darüber kam ich (schon auf die Spur gebracht durch meine Überlegungen nach Episode 1) zu folgendem Ergebnis:

Ich finde den Witz deshalb lustig, weil ich ihn in einem postpatriarchalen Kontext wahrnehme. Oder anders: Ich sehe darin einen Witz über Frauen und nicht einen Witz, den Männer über Frauen machen.

Das ist so ähnlich wie beim Unterschied zwischen jüdischen Witzen und Witzen über Juden: Der jüdische Humor ist ja bekanntlich sehr ausgeprägt, und es gibt viele jüdische Witze, die sich auf Klischees über jüdisches Leben beziehen und dieses selbstironisch aufgreifen:

„Rabbi“, klagt Mandelkern, „im letzten Jahr allein habe ich Unglücksvogel zehntausend Rubel verloren. Und zweitausend davon waren zu allem hin meine eigenen!“ (Aus: Salcia Landmann: Der Jüdische Witz. Patmos, 2006).

Das Verhältnis der Juden zum Geld kann also sowohl Teil jüdischer Selbstironie als auch Teil antisemitischer Propaganda sein. Und ebenso kann das Verhältnis von Frauen zu Spiegeln und Schminke ein Thema weiblicher Selbstironie sein oder eben Anlass für sexistische Herabwürdigungen.

Es hängt also davon ab, wer einen solchen Witz wann und wie wem erzählt.

Episode 3: Platter Sexismus beim ZDF

Und dann kam abends noch über Twitter und Blogs der Hinweis auf eine (Achtung: Hier wird ein sexueller Übergriff gezeigt) Sendung in ZDF neo (ungefähr ab Minute 4-5), wo zwei junge Männer vor der Kamera eine Mutprobe daraus machen, einer Messehostess ohne deren Zustimmung an die Brüste und an den Hintern zu fassen und anschließend über die Reaktion der belästigten Frau zu lästern. Sie halten das für witzig.

Darüber gebloggt haben zuerst Der springende Punkt, dann Katrin Ganz, dann Helga Hansen, und vermutlich noch einige andere (und vielleicht gibt es auch noch weitere Aktionen).

Der offene Sexismus in dieser ZDF-Sendung hat, finde ich, eine ganz andere Qualität als die ersten beiden „Frauenfeindlichkeiten“, und warum?

Weil es hier gerade nicht mehr auf den Kontext ankommt. Eine solche Sendung ist in jeglichem denkbaren Kontext frauenfeindlich, denn es geht um keinerlei Inhalte mehr (Wer versorgt Kinder, wenn die Mutter arbeitet? Oder: Wieviel Zeit verwenden Frauen auf Körperpflege und Schönheitswahn?) sondern der einzige Inhalt und Zweck dieses „Witzes“ ist es, das Verhältnis von Männern zu Frauen als eines der Macht und der Dominanz darzustellen. Es geht um nichts anderes als darum, zu zeigen, dass Männer mit Frauen Dinge tun können, ohne sich um deren Zustimmung und Meinung zu scheren, und dass sich an ihrer Entschlossenheit, das zu tun, entscheidet, ob sie „richtige Männer“ sind oder nicht.

(PS 1: Warum regen sich eigentlich nicht mehr Männer öffentlich darüber auf?)

(PS 2: Interessant und besonders aufschlussreich fand ich in diesem Zusammenhang, wie der Mann, der die vom anderen Mann aufgegebene „Mutprobe“ ausführt, damit kokettiert, dass er selbst das unglaublich peinlich findet. Manche mögen darin eine Relativierung der Gewaltförmigkeit der Situation sehen, und spontan würde man vermutlich meinen, der „Schlimmere“ von beiden sei derjenige, der sich diese bekloppte Aufgabe ausdenkt. Ich glaube aber, der Schlimmere ist der, der „nicht die Eier hat“, eine solche Aufforderung abzulehnen, und der dann noch damit kokettiert, dass er ein gewisses Unbehagen am Tätersein fühlt: Wenn es Angst macht, ist es noch ein bisschen geiler, haha.)

Anders als die Sachverhalte in Episode 1 und 2 könnte so etwas wie Episode 3 in einer postpatriarchalen Welt nicht vorkommen. Es wäre sinnlos, undenkbar. Und deshalb kann ich darüber nicht lachen, auch nicht aus einer „postpatriarchalen Distanz“ heraus, sondern bin einfach nur angewidert.

PPPs: 

Zu Episode 3 gibt es jetzt auch eine Beschwerde an den Fernsehrat, die ich mit unterschrieben habe. Ich bin mal gespannt, ob es darauf noch Reaktionen gibt…

Diskurse am Rande: Über Relevanz und Weltveränderung

Gestern war ich bei der Frankfurter Buchmesse und hörte einen Talk mit Jakob Augstein über die Frage, ob und wie Blogs den Journalismus verändern.

Kurz zusammengefasst seine These: Gar nicht sehr, denn die klassischen Medien bestimmen weiterhin den Diskurs, und das kann angesichts ihrer Professionalität, ihrer finanziellen Ressourcen und ihrer Reichweite auch gar nicht anders sein. Unterm Strich seien Blogs und Internetdiskussionen eigentlich nur Resonanzverstärker für die Themen, die von den großen Zeitungen gesetzt werden, letzten Endes nützen sie diesen höchstens zur Verbesserung ihrer Qualität und dienen damit dem weiteren Ausbau ihres Machtvorsprungs.

Verbloggen möchte ich aber nicht so sehr dieses Thema, sondern vielmehr das starke Gefühl von Fremdheit, das ich bei dieser Veranstaltung empfand. Der spontane Impuls entsprang dabei sicherlich dem Umstand, dass Augstein von Habitus und Körpersprache her ziemlich exakt jenen Typus von Männlichkeit verkörpert, den ich vor einigen Jahren schon am Beispiel von Frank Schirrmacher analysiert habe. Dieser Gestus einer inszenierten „Virilität“ ist etwas, das mir immer seltsamer erscheint, je länger ich weiß, dass er mit mir – einer Frau – aber auch gar nichts zu tun hat.

Dieses starke Erleben von „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“ formuliere ich dabei ausdrücklich nicht stellvertretend für andere Frauen, und ich will betonen, dass ich es in der Begegnung mit vielen Männern auch überhaupt nicht habe. Aber ich bin sicher, dass die Tatsache, dass ich eine Frau bin, und Augstein ein Mann, dabei nicht unerheblich ist.

Es bekam gestern jedoch über den Habitus hinaus noch eine inhaltliche Erweiterung. Während ich zuhörte, ging mir permanent durch den Kopf: „Ich verstehe, was er sagt, und ich glaube sogar, dass er recht hat, aber es hat für mich persönlich keinerlei Bedeutung.“

Relevanz zum Beispiel bemaß Augstein ausschließlich nach Kriterien der Macht, bis dahin, dass er „dezentralen“ Debatten, wie sie zum Beispiel in Blogs geführt werden, die Qualität, ein öffentlicher Diskurs zu sein, gänzlich absprach. Öffentliche Diskurse, so formulierte er es, könnten nur „zentral“ stattfinden, dies sei seit der antiken „Agora“ so: Worüber nicht wirklich alle sprechen, das verbleibe sozusagen im Privaten, selbst wenn es, wie im Internet, öffentlich zugänglich ist. Woraus dann natürlich zutreffenderweise folgt, dass wirklich öffentliche Debatten allein und ausschließlich von solchen Medien geführt werden, die aufgrund ihrer Machtposition Themen so pushen können, dass letztendlich alle darüber reden.

Eine Rolle spielt bei meiner Distanz zu dieser Art Denken sicherlich die Auseinandersetzung mit dem Buch „Macht und Politik sind nicht dasselbe“, denn derzeit höre ich den Begriff „Macht“ immer auf diesem Hintergrund. Das heißt nicht, dass Augsteins Analyse nicht zutreffend wäre, das ist sie in der Tat, wenn man – wie er – in der griechischen Polis den Ursprung dessen sieht, was „Politik“ ist. Aber ich, eine Frau, kann diesen Ursprung nicht akzeptieren, denn er ist ja gleichbedeutend mit dem Ausschluss von meinesgleichen aus eben dieser Politik.

Ich weiß hingegen – unter anderem Dank dem Feminismus – dass Relevanz für die Allgemeinheit und Relevanz für mich selbst nicht einfach zwei verschiedene Dinge sind, die sich analog zur Unterscheidung von „Privat“ und „Öffentlich“ verhalten (der Tod meiner Großmutter ist für mich „privat“ relevant, aber nicht für die Allgemeinheit). Vielmehr weiß ich – weil ich es in vielerlei Hinsicht erlebt habe – dass die Bedeutung, die ich persönlich den Dingen beimesse, einen realen Einfluss in der Welt hat, auch wenn dieser nicht spektakulär in Erscheinung tritt.

„Wenn ich mein Verhältnis zur Welt verändere, verändert sich die Welt“, hat Chiara Zamboni das einmal formuliert. Die Veränderung, die zum Beispiel durch eine neue Idee, eine neue Erkenntnis, eine neue Bedeutung, die im Gespräch zwischen wenigen gefunden wird, entsteht, ist ganz radikal und ganz unscheinbar zugleich. Das Neue kommt nicht mit Pauken und Trompeten in die Welt, es wird meist von den Vielen, vom Mainstream, eine ganze Weile lang übersehen. Aber dennoch ist es da und nicht mehr aus der Welt zu schaffen: Dadurch, dass jetzt denkbar ist, was vorher noch undenkbar war, ist alles grundlegend anders geworden.

Vielleicht versuche ich es an einem Beispiel zu verdeutlichen: In dem Moment, wo ich einen Begriff von weiblicher Freiheit gefunden hatte (ermöglicht durch das Denken und das Engagement anderer Frauen, von denen ich lernte), war die Welt nicht mehr dieselbe. Die Welt war zwar noch immer geprägt von patriarchalen Strukturen, aber sie hatten mich nicht mehr in gleicher Weise im Griff: Ich hatte einen anderen Maßstab gefunden, an dem ich mich orientieren konnte, und das hatte ganz unmittelbare und reale Konsequenzen auf mein Leben, auf das, was ich tat, auf die Beziehungen, die ich einging, und auf diejenigen, die ich löste. Damit war es nicht mehr nur von privater Bedeutung, sondern auch von Bedeutung für die Welt.

Revolutionen vollziehen sich nicht so, wie die Männer es sich in ihren bisherigen politischen Theorien ausgemalt haben: Dass mit einem großen, heroischen Bruch die alten Könige vom Thron gestoßen werden und andere die Macht übernehmen – dass zum Beispiel, um beim Thema des gestrigen Talks zu bleiben, die Blogger den traditionellen Zeitungen auf spektakuläre Weise die Diskursmacht entreißen. Diana Sartori hat diesen Irrtum (dem übrigens auch Frauen aufsitzen können) in einem Video sehr schön beschrieben.

Man kann natürlich in den Randdiskursen (die übrigens nicht ausschließlich, vielleicht nicht einmal vorwiegend im Internet stattfinden, aber doch dadurch eine andere Dynamik und potenzielle Reichweite bekommen) lediglich einen Resonanzboden für den auf Macht basierenden Diskurs sehen. Man kann es aber auch andersherum wenden: Auch wenn das Neue, das an den Rändern und im „Pseudoprivaten“ entsteht, zunächst unspektakulär wirkt, so entfaltet es doch Wirkung und prägt die Realität. Und irgendwann können sich dann auch die Mainstreamdiskurse diesem Neuen nicht länger verschließen – in Wirklichkeit sind sie der Resonanzboden, der dann in großen Lettern hinausruft, was in Wirklichkeit schon längst bekannt ist.

Souveränin sein: Hildegard von Bingen

Übermorgen, am 7. Oktober, wird Hildegard von Bingen vom Papst offiziell zur Kirchenlehrerin ernannt. Kein Grund, ein großes Bohei zu machen, denn in Wirklichkeit war sie natürlich schon immer eine Kirchenlehrerin, schön, dass der Papst das jetzt auch merkt. Aber ich nehme es mal als Anlass, um einen Abschnitt aus dem Artikel “Souveräninnen” von Annarosa Buttarelli hier in den Blog zu stellen, in dem sie sich mit dem Konzept der Souveränität bei Hildegard von Bingen beschäftigt. Sozusagen, um ein bisschen Inhalt zu dem Bohei dazu zu tun :) 

Hildegard von Bingen empfängt eine göttliche Inspiration und gibt sie an ihren Schreiber weiter. Miniatur aus dem Rupertsberger Codex des Liber Scivias. Quelle: Wikipedia.

“Souveränin zu sein bedeutet, die Verantwortung der eigenen Position zu akzeptieren, denken und handeln zu können, indem man über dem historischen Gesetz der Männer und seiner Konstruktionen steht.

Hildegard von Bingen praktizierte diese Verantwortung als Überlegenheit der kosmologischen Weisheit.

Hildegard von Bingen (1098-1179) hatte politische Beziehungen zu Fürsten, die sie beriet und denen sie nicht selten Anweisungen gab.

Es wäre nutzbringend, die politische Geschichte der großen Äbtissin vom Standpunkt des Buches Frei zu existieren. Weibliche Konstruktion von Zivilisation im europäischen Mittelalter erneut zu lesen, ein wertvoller Band, den die Historikerinnengruppe des Mailänder Frauenbuchladens verfasst hat.

Darin findet sich eine sehr bedeutsame Episode über die Konzeption der Souveränität bei Hildegard von Bingen.

Hildegard widersetzt sich dem Befehl eines Bischofs, den Körper eines jungen Edelmannes, der im Konvent der Äbtissin begraben liegt, zu exhumieren, damit man ihn post-mortem bestrafen kann.

Es kommt nicht darauf an, die ganze Geschichte zu kennen, wichtig ist, zu wissen, dass Widerspruch gegen den Willen der Bischöfe zur damaligen Zeit etwas sehr Schwerwiegendes war. Ihren Widerspruch gegen den Befehl begründete die Äbtissin nicht mit dem banalen Appell an das Recht zur Jurisdiktion in ihrem eigenen Konvent und auch nicht mit einem Appell an die Schicklichkeit oder an den allgemeinen Respekt gegenüber Orten des Kultes.

Hildegard ruft vielmehr »die höhere kosmologische Weisheit« an, wonach es schwere Unordnung im Kosmos verursachen würde, wenn dieser Edelmann exhumiert, ausgesetzt, sein Körper geschändet wird. In einem Kosmos, dessen wachsame Hüterin sie sich nennt.

Sicher haben wir einigen Grund, hier eine Analogie zu Antigone zu sehen, die nach dem Text des Sophokles wegen ihres souveränen und hoheitlichen Gestus im Bezug auf den unbegrabenen Leichnam ihres Bruders bestraft wird.

Ein anderer Aspekt, den wir aus dem Beispiel der Geschichte von Hildegard ziehen können, ist, dass die aus weiblicher Wurzel stammende Souveränität keine Hierarchien braucht, um ausgeübt zu werden. Das ist der Kern dessen, worum es bei der Abneigung gegenüber der Entscheidung, wenn sie als Teil einer Befehlskette verstanden wird, geht.

Der unerlässliche Dreh- und Angelpunkt für die weibliche sexuelle Differenz ist, dass sie nicht der Hierarchie bedarf, um etwas zu tun, während es für denjenigen, der Befehle liebt, notwendig ist, zu demonstrieren, dass das Entscheiden sein Vorrecht ist. Er braucht die hierarchische Kette, über die er die Entscheidung weiter reichen kann, bis sie die Ebene der Ausführung erreicht.

Befehlen, Entscheiden erfordert diese Form der Beziehung, es sieht vor, dass Beziehungen sich so organisieren, dass man sich zur Verfügung stellt, um Befehle entgegen zu nehmen, bis zu dem Punkt, wo der Befehl ausgeführt wird. Wenn das Entscheiden als Anzeichen von Befehlsgewalt verstanden wird, braucht es Ausführende, die der Fähigkeit zum Entscheiden beraubt sind.

Ganz anders das semantische Gebiet, das ich rund um den Gestus des Herrschens angeordnet habe (Gebieterin, Hausherrin, königliche Position, ich weise auf das Königtum spiritueller Natur hin), immer vorausgesetzt, dass es in der historischen weiblichen Erfahrung verwurzelt ist.

Tatsächlich erfordert das Herrschen eine große Genauigkeit, aber vor allem verlangt es prophetische Fähigkeiten, die Fähigkeit, jene Teile der Realität zu lesen, die wir vor Augen haben, und die andere nicht sehen, es erfordert kosmologische Weisheit, das Bewusstsein von einer gerechten Ordnung der Verhältnisse, an der man teilhat oder eben nicht.

Das Bewusstsein von einer gerechten Ordnung der Verhältnisse zu haben bedeutet, sich in ihren Dienst zu stellen, in gewissem Sinne fähig zu sein, Autorität dort anzuerkennen, wo sie sich zeigt, und, wenn sie sich zeigt, die Existenz und die Kreativität eines Kosmos mit der nötigen Kompetenz zu behüten.”

Auszug aus: Annarosa Buttarelli: Souveräninnen. In: Diotima: Macht und Politik sind nicht dasselbe, Sulzbach 2012.

Ausweg: Kapitulation

Vergesst Gleichstellung! – Keynote von Teresa Buecker bei den Data Days 2012.

Gestern und vorgestern nahm ich in Berlin an der Konferenz „Data Days“ teil, hörte interessante Vorträge darüber, was man mit Daten so alles machen kann, stellte mal wieder fest, dass es mir einfach nicht gelingt, mich vor Algorithmen zu fürchten, und konnte mich davon überzeugen, dass Veranstaltungen mit einem Männeranteil von über neunzig Prozent nicht nur ein Gerücht sind, sondern wirklich existieren. (Am zweiten Tag  gab es eine schöne Keynote unter dem Motto „Vergesst Gleichstellung!“ von Teresa Buecker, die bald auch im Internet zu sehen sein soll).

Ich selbst nahm zusammen mit Teresa, Christoph Heil und Björn Böhning an einem Panel teil, bei dem es um „digitale Arbeit“ ging (also um die Frage, wie Computer und Internet sich auf Arbeitsabläufe auswirken, inklusive Entgrenzung von Raum und Zeit, Freizeit und Arbeit, Automatisierung und so weiter), und das leider zu kurz dafür war, wie interessant das Thema ist.

Erst am Ende fiel mir zum Beispiel auf, dass sich eine etwas unglückliche Formel eingeschlichen hatte, nämlich die, dass „digitale Arbeit positive wie negative Seiten hat.“ Ich sehe das nämlich anders. Ich glaube, dass digitales Arbeiten ausschließlich positive Seiten hat.

Die „negativen Seiten“, die wir beobachten – Burnout, Stress, (Selbst)Ausbeutung, you name it – sind doch nicht negative Seiten davon, dass Arbeitsprozesse digitalisiert wurden, sondern negative Seiten davon, dass Arbeitsverhältnisse kapitalistisch organisisiert sind. Welche negativen Aspekte sollte es denn haben, dass man mobil ins Internet kann? Mir fallen keine ein.

Die Diskussion drehte sich dann vorwiegend um die Frage, was Gewerkschaften oder Politiker gegen diese „negativen Seiten“ der Digitalisierung tun können. Etwas zu kurz kam für mich die Frage, was wir selbst einstweilen tun können (denn das Problem stellt sich ja hier und jetzt, und auf Lösungen von anderswo warten ist irgendwie keine Option).

Ausgehend von meinen eigenen Erfahrungen, die natürlich immer nur begrenzt auf andere Kontexte übertragen werden können (vielleicht aber doch hier oder da), möchte ich einen Trick vorstellen, der mir ganz gut hilft, die „negativen Seiten“ der Digitalisierung zu minimieren.

Er heißt: Kapitulation. Die Digitalisierung macht ja nur wieder offensichtlich, was immer schon stimmte, aber im klassischen „Erwerbsarbeitsverhältnis“ künstlich qua „Arbeitsvertrag“ eingehegt wird: dass es immer viel mehr zu tun gibt, als man schaffen kann. Fragen Sie einen Bauern oder eine Hausfrau oder eine „selbstständige“ Unternehmerin. Und heutzutage auch so manchen Festangestellten. Zu kapitulieren (also den Anspruch, mit der Arbeit jemals fertig zu werden, von vornherein nicht zu haben), ist die einzig realistische Haltung.

Wir Menschen sind keine körperlosen Datensätze, sondern begrenzte Wesen aus Fleisch und Blut. Wir werden müde, kriegen Hunger, haben Migräne, müssen Scheißen. Klar kann ich das Handy auch noch mit aufs Klo nehmen und dort weiter E-Mails lesen (ich persönlich mache das übrigens). Aber ich sollte mir doch nicht einbilden, dass ich dadurch mehr geschafft kriegen würde. Ob ich das Handy mit aufs Klo nehme oder den ganzen Tag in der Ecke liegen lasse, macht letztlich keinen Unterschied in Bezug auf all das, was ich verpasse oder nicht tue. Begrenzt gegen Unendlich ist eine einfache logische Gleichung.

Das schließt vielleicht ein bisschen an den Vortrag von Kathrin Passig an. Sie zeigte, dass die heutige Klage über die „Informationsflut“, der wir ausgesetzt sind, nicht neu ist: Schon vor Jahrhunderten fanden Leute die paarhunderttausend Bücher, die es damals gab, viel zu viele. Alle Tools, die dann im Lauf der Zeit entwickelt worden sind, um der Informationsmasse beizukommen (Register, Index, Suchmaschinen, heute personalisierte Empfehlungen) erwiesen sich immer nur als zeitweise Lösungen. Wahrscheinlich werden immer weiter Tools erfunden werden, um eine Schneise in die Masse der Informationen zu schlagen, aber an ein Ende wird es nie kommen.

Auch hier ist der einzige Ausweg Kapitulation. Einfach nicht den Anspruch haben, alles Relevante und Interessante zu erfahren.

Vielleicht hilft es, sich zur Übung immer morgens Sätze wie „Kenn ich nicht“ oder „Hab ich nicht gemacht“ vor dem Spiegel laut aufzusagen. So lange, bis sich auch das kleinste Reststückchen Scham über diesen völlig natürlichen Zustand zerbröselt hat.

PS: Mir ist klar, dass hier noch ein paar Fragen offen bleiben, zum Beispiel wie wir die wirklich wirklich wichtigen Sachen trotzdem fertig kriegen. Vielleicht, indem wir einen Teil – sagen wir zwanzig Prozent – unserer Arbeitszeit dafür reservieren? Sicherlich sollten wir sehr viel genauer als bisher überlegen, was denn eigentlich „wirklich wichtig“ ist.

PPS: Gerade erinnert mich das auch noch an die „Vier-in-einem-Perspektive“ von Frigga Haug. Sie schlägt ja als Leitmodell für das Tätigsein vor, die 16 Stunden täglicher „Wachzeit“ folgendermaßen aufzuteilen: 4 Stunden Erwerbsarbeit, 4 Stunden Haus- und Fürsorgearbeit, 4 Stunden Freizeit, 4 Stunden kulturelles und politisches Engagement. Ich finde das Modell zu starr und wäre für viel mehr Flexibilität und das Setzen auf individuelle Vorlieben. Aber vielleicht ist das eine mögliche Formel: 2 Stunden „wirklich notwendige“ Dinge erledigen, 14 Stunden irgendetwas anderes machen oder auch nichts?

PPPS: Der Data-Days-Kongress hat mich übrigens auch wieder mal in meiner Überzeugung bestärkt, dass es keinen direkten Zusammenhang mehr gibt zwischen der Überlegung „Womit kann ich Geld verdienen?“ und der Frage: „Was könnte ich erfinden, damit das Leben und die Welt schöner werden?“. Stattdessen wird unglaublich viel menschliche  Arbeitskraft auf Pillepalle wie „Wie krieg ich Leute dazu, auf Werbung zu klicken“ verschwendet. These: Arbeit und Einkommen zu trennen (Grundeinkommen) wäre nicht nur aus sozialpolitischer, sondern auch aus „innovationspolitischer“ Perspektive extrem sinnvoll.