Bond und die anderen

Gibt es eigentlich schon eine Untersuchung zum Thema “Die soziale Selbstverortung des weißen, heterosexuellen Mannes am Beispiel der James Bond Filme?” Wenn nicht, fände ich das ein ergiebiges Thema.

Während in alten Bonds ja praktisch alle maßgeblichen Akteure weiße heterosexuelle Männer waren und zum Beispiel Frauen die ausschließliche Aufgabe zufiel, diesen Männern ihre Großartigkeit zu spiegeln (oder, skandalöserweise, nur so zu tun als ob und in Wirklichkeit andere, am Ende sogar eigene Interessen zu verfolgen – Triple X ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt) stellt sich das Ganze heute sehr viel komplexer dar.

Es gibt alte Frauen, schwarze Frauen, junge Männer, schwule Männer und so weiter. Zu ihnen allen muss sich der Norm-Mann Bond irgendwie verhalten, und wie er das tut, ist aufschlussreich.

Man muss sich dabei klar machen, dass diese “Diversifizierung” nicht etwa für sich, aus der eigenen Perspektive dieser “anderen”, erzählt wird, sondern konsequent aus der von “MarkTomJack”-James: Die Frage ist: Was bedeutet diese neue Vielheit für IHN? (Und nicht etwa: was bedeutet sie für die Welt, für Frauen, für People of Colour und so weiter. Dafür bräuchte es andere Filme.)

In “Operation Skyfall” (Vorsicht, das Folgende enthält Spoiler) beginnt der Schlamassel schonmal damit, dass die Frauen (die alte weiße Frau UND die junge Woman of Color) nicht mehr darauf vertrauen, dass Bond den Bösen besiegen wird. Stattdessen entscheiden sie sich, selbst zu handeln – und scheitern.

Bond nimmt ihnen das aber nicht übel, denn er versteht , dass sie nicht anders können – die Frauen (auch wenn sie noch “Mom” genannt werden, vielleicht als kleiner, sehnsuchtsvoller Wunsch nach einer anderen Beziehungslogik) müssen heutzutage eben auch ihren Job machen. Ihr Scheitern ist nicht eine Folge ihrer Inkompetenz, sondern im Gegenteil, Folge ihrer Professionalität.

Es ist auch nicht nötig, sich diese Frauen zu Feindinnen zu machen, nein, der Mann von heute ist ihnen gegenüber loyal. Ihr Schicksal ist sowieso auch ohne sein Zutun besiegelt: Am Ende ist die eine tot, die andere entscheidet sich freiwillig fürs Dasein als Sekretärin.

Während das Verhältnis Bonds (also des idealen “Normalmannes”) zu den Frauen also vielleicht als “respektvoll-distanziert darauf vertrauend, dass sich das Thema irgendwann von selbst erledigt” charakterisiert werden könnte, ist seine Haltung anderen Männern gegenüber von offener Arroganz geprägt:

Der schwule Mann etwa ist ein tuntiger Böser, der Bond Avancen macht und dabei auf dessen bekannte Rolle als zelebrierte Frauenheld anspielt: “Es gibt für alles ein erstes Mal”. Bond antwortet aber ganz cool: “Woher weißt du, dass es das erste Mal wäre?”

Was oberflächlich betrachtet ein Lacher ist, vielleicht sogar so tun könnte, als wäre männliche Homosexualität damit in den Adelsstand der Normalität erhoben – sogar Bond HAT eventuell schonmal – ist in Wahrheit eine ziemlich unverschämte Einverleibung: Homo kann der moderne heterosexuelle Mann jetzt auch, er macht halt nur kein Aufhebens darum. Thema vom Tisch (und es gibt sicher Schwule, die genau das gut finden, ist es doch die vollendete Assimilation an einen privilegierten Status. Ich wäre jedoch, wäre ich ein schwuler Mann, very much not amused über diese Repräsentation.)

Genauso arrogant ist Bonds Haltung zu dem jungen Mann (Q): der ist noch grün hinter den Ohren, hat keine Erfahrung, überschätzt sich selbst. Klassisches Patriarchat an dieser Front, von der jungen computeraffinen Generation befürchtet der Normmann nichts – oder will sich das zumindest einreden.

Interessant hingegen, dass der andere Bestandteil des klassischen Patriarchats – die Frau als Sexobjekt – überhaupt keine Rolle mehr spielt. Dreimal wird zwar eine Bondvögelei angedeutet, aber das ist vollkommen nebensächlich, dramaturgisch sind die Szenen einfach absurd, komplett überflüssig und unglaubwürdig. Sie dienen bloß als historische Anspielungen auf alte Bond-Girls, sie bilden keinen Teil der Realität mehr (wohlgemerkt: Der Realität, wie der Normmann sie sich vorstellt bzw. seines Selbstbildes).

Irgendwie klar, dass Bond die Frau auch nicht mehr rettet. Für Mädels , die noch auf das Prinzen-Modell bauen, brechen harte Zeiten an. Die Prinzen machen schlicht den Job nicht mehr.

Aufschlussreich ist schließlich der Schluß. Bond trifft auf seinen neuen Chef. Bond mochte ihn erst nicht, erkannte ihn dann jedoch – im Kampf, Seite an Seite – als Ebenbürtigen.

Wenn die Frauen abtreten oder die Karriere “in the field” zurückweisen, stehen die Normalmänner wieder bereit, um zu übernehmen. Mit bestem Gewissen.

Zumindest glauben sie, und versichern dich gegenseitig, dass es so kommen wird. Schaun wir mal.

Besondere Umstände – Episode 4

Gestern früh haben Benni und ich wieder gepodcastet und dabei geredet über:

- Die Vorteile des Internetausdruckens und die Gelassenheit, Dinge verloren gehen zu lassen

- Das generische Femininum und die InWoche (5:00)

- Den Bundesparteitag der Piratinnen. Über Parteien generell und ihre Dynamiken, den Zwang zur Vereinheitlichung von Positionen, Legalismus und Trolle und ob daran etwas “typisch männlich” ist. (10:00)

- Facebook! Benni ist rausAntje findet das doof, was wiederum Benni doof findet usw. (35:00)

Interessant fand ich neben dem Facebook-Thema (bei dem wir nicht zu Ende kamen – so schlimm fand ich den Cliffhanger noch nie – denn wir beschränken uns ja immer auf exakt eine Stunde, weil so viel Zeit haben wir ja alle nicht :) unser Gespräch über Politik und Parteien.

Ausführlich haben wir nämlich versucht, dem Phänomen auf die Spur zu kommen, dass manche Leute (mehr Männer als Frauen, finde ich) es offenbar genießen, sich und ihre eigenen Wünsche und Ansichten via formaler Verfahrensweise (Geschäftsordnungsantrag!) anderen Menschen aufzuzwingen.

Aber hört einfach selbst: Hier der Link zum Podcast

Euer Facebook-Gejammere nervt!

Seit geraumer Zeit ärgere ich mich über das Facebook-Gejammere dieser “Netzgemeinde”. Der gefühlt fünfttrillionste Artikel mit der Überschrift “Facebook nervt” von Maik Söhler aus der heutigen taz ist jetzt mal der Anlass, darüber zu bloggen.

Der Hauptgrund, der von den Facebook-Verächterinnen vorgebracht wird, ist natürlich die Bevormundung dieser Plattform. Alle drei Tage werden wieder irgendwelche Einstellungen verändert, man hat keinerlei Kontrolle (haha) über das, was einer so in die Timeline gespült wird. Undurchsichtige Algorithmen schreiben mir vor, was ich lesen soll, lauter langweiliges Zeug kommt da oder – oh Göttin! – Werbung, die ich nicht bestellt habe. Die Daten gehören sowieso Herrn Zuckerberg, alles was ich bei Facebook poste, wird überwacht, ausgenutzt und im Zweifelsfall gegen mich verwendet. Und dann diese ganzen Poesiealbumssprüche.

Ja, das stimmt alles.

Und ja, es gibt viele schönere Orte im Internet, zum Beispiel Blogs oder Twitter oder noch irgendwelche anderen Seiten, die noch viel nerdiger und selbstbestimmter und unüberwachter sind. Und das ist gut so, und es spricht nichts dagegen, sie zu nutzen.

Aber.

Es ist halt einfach so, dass die allermeisten Menschen, wenn sie überhaupt irgendwo in diesem “sozialen Netz” sind, bei Facebook sind und nicht anderswo. Laut aktueller Online-Studie von ARD und ZDF nutzen 43 Prozent der Internetnutzerinnen “soziale Netzwerke” (faktisch: Facebook), während nur 8 Prozent bloggen und nur 4 Prozent bei Twitter sind. Und warum ist das so?

Ich behaupte, dass der Grund gerade der “bevormundende” Ansatz von Facebook ist. Menschen, die nicht schon seit den Anfangsjahren auf Twitter sind, finden sich da nämlich kaum zurecht. Ich kann mich erinnern, dass es mir selbst anfangs ziemlich komisch vorkam, und dabei war Twitter im Jahr 2009 noch lange nicht so komisch wie es jetzt ist. Es ist in der Zwischenzeit praktisch eine eigene Sprache entstanden, eine eigene Kultur, mit eigenen Codes usw., die man beherrschen muss, wenn man irgendwie Spaß haben will. Es ist, als ob man auf eine Party geht, die schon seit Tagen läuft, wo man niemanden kennt (die anderen kennen sich aber schon seit Kindertagen) und das Ganze auch noch auf einem fremden Planeten, ohne Sprachkenntnisse und ohne Wissen, wie man sich hier benimmt. Und wem von diesen Millionen Twitterinnen soll ich folgen? Und wie mache ich auf mich aufmerksam, mit null oder zwei Followerinnen am Anfang?

Von zehn Menschen, die ich überrede, auf Facebook oder Twitter zu kommen, bleiben bei Facebook acht bis neun da, bei Twitter höchstens eine.

Bloggen ist leider auch keine Alternative. Für ein neues Blog Aufmerksamkeit zu bekommen, ist heute viel schwerer als vor drei, vier Jahren noch. Und Mitdiskutieren in den Kommentaren? Meine Güte, reihenweise Bloggerinnen machen neuerdings ihre Kommentare ja wieder zu, weil sie den ätzenden Tonfall, der dort normalerweise herrscht, selbst nicht ertragen. Wieso sollte sich eine Neu-Netz-2.0-Bürgerin das antun?

Es ist schwer, in diesem sozialen Internet-Dingens Fuß zu fassen, wenn man nicht selbst schon lange drin ist.

Bei Facebook ist das anders. Da findet jede Neuanfängerin gleich Freundinnen, die werden ihr praktisch auf die Nase gebunden. Da ist die Hürde, auch selbst mal was in dieses gefährliche Internet hineinzuschreiben, gering, zum Beispiel kann sie erstmal vorsichtig mit einem “gefällt mir” beginnen.

Um sich relevante Timelines zusammen zu stellen, braucht man Know-How, Wissen und Zeit. Bei Facebook nicht, da ist – den bevormundenden Algorithmen sei Dank – gleich schon mal was. Und was versierte Timeline-Konfiguriererinnen als Bevormundung empfinden, ist für Leute, die nicht wissen, was eine Timeline ist, geschweige denn, wie sie funktioniert, ein hilfreiches Tool.

Mir gefällt Facebook auch nicht, aus all den guten Gründen, die momentan so ausufernd ins Internet geschrieben werden.

Mir gefällt Facebook aber sehr, sehr gut, weil ich dort all die Menschen treffe, mit denen ich mich gerne austauschen möchte. Facebook ist der einzige Ort im Internet, wo ich sie treffe. Ich treffe sie nicht auf Twitter, ich treffe sie nicht in meinem Blog (manche lesen, aber fast nie kommentieren sie).

Und da kann ich selbst auch etwas dazu tun, dass sich die notwendige Medienkompetenz etwas verbreitet. Ich kann Bekannte darauf hinweisen, dass es nicht so cool ist, wenn sie Fotos von Dritten posten, ich kann Hinweise zum Urheberrecht und zur Datensicherheit anbringen. Ich kann erklären, was “lol” bedeutet oder wie man Herzchen macht.

Und vielleicht kommt dann irgendwann der Punkt, wo sich die Facebook-Nutzerinnen dann auch jenseits davon umschauen. Der Punkt, wo sie auch mal in einem Blog zu kommentieren, oder sich Twitter anzuschauen, oder was es dann irgendwann mal geben wird. Und deshalb bin ich bei Facebook und werde es auch noch solange bleiben, wie es nötig ist.

Meinen Netzschwerpunkt muss ich dort freilich nicht  haben, aus all den genannten guten Gründen nicht. Aber weil ich daran interessiert bin, dass die Möglichkeiten, die das Internet bietet, nicht nur Spielwiese für ein paar Spezialinteressierte bleibt, sondern ein Tool wird, das für Frau Meier und Frau Müller so selbstverständlich ist wie heute das Telefon – deshalb bin ich  Facebook dankbar dafür, dass es eine Plattform bietet, die den Zugang zum interaktiven Internet leicht macht. Eine Plattform, die die Schwellen niedrig hängt, die lockt und verlockt, und die offenbar schafft, was andere Plattformen eben nicht schaffen.

Facebook ist momentan sozusagen der Durchlauferhitzer, der eine Brücke baut zwischen denen, die “drinnen” sind und denen, die noch “draußen” sind. Und das ist gut so.

Definitionsmacht

Darüber wollte ich schon länger etwas bloggen, aber irgendwie brauche ich für sowas immer einen konkreten Anlass, und der kam heute morgen über meinen Feedreader. Heise berichtet darüber, dass einem verurteilten Straftäter nicht der Zugang zum Internet gesperrt werden darf:

Anlass für das Urteil war der Fall eines 55-jährigen Voyeurs. Er war verurteilt worden, weil er mit einer in einer Shampoo-Flasche mit einem Loch versteckten Handykamera ein vierzehnjähriges Mädchen beim Duschen fotografiert hatte. Dummerweise ging der Blitz in der Shampoo-Kamera los, wodurch das Mädchen aufmerksam wurde, das den Mann daraufhin anzeigte.

Das interessante Wort ist natürlich das „Dummerweise“, denn es macht sehr schön die „Positionierung“ des Autors dieses Artikels deutlich: Er identifiziert sich in der ganzen Geschichte mit dem fotografierenden Voyeur, und nicht etwa mit dem Mädchen oder dessen Eltern und Freundinnen.

Diese selbstverständliche Einnahme der Perspektive eines erwachsenen, weißen, gesunden Mannes beim Erzählen gesellschaftlicher Geschichten ist ein Überbleibsel unserer patriarchalen Kultur, die diese Sorte Mensch zur Norm erklärt hat, an der alle anderen gemessen werden müssen. Normalerweise ist diese Positionierung unsichtbar, denn heutzutage – wo das Patriarchat zu Ende ist – wird diese Norm des „alten weißen Mannes“ nicht mehr offensiv vertreten.

Wenn zum Beispiel in dem erwähnten Heise-Artikel der zuständige Redakteur oder die Redakteurin ihre Arbeit sorgfältig gemacht hätte, wäre das Wort „Dummerweise“ aus dem Artikel herausgestrichen worden. Nach den üblichen journalistischen Regeln darf man ja keine wertenden Erläuterungen verwenden. Dann hätte sich dieser Text vollkommen „neutral“ gelesen. Aber es wäre natürlich immer noch derselbe Autor mit seiner immer noch genauso positionierten Perspektive gewesen. Nur dass das nicht mehr „beweisbar“ gewesen wäre.

Im Zuge der Emanzipationsbewegungen des 20. Jahrhunderts (des Proletariats, der Frauen, der Kolonialisierten und „Nicht-Weißen“) hat sich die Vorstellung verbreitet, wir lebten heute in einer „gleichberechtigten“ Gesellschaft, also einer, in der Unterschiede des Geschlechts, der Hautfarbe, des sozialen Status unwichtig sind, da wir alle „gleich“ seien.

Die Behauptung dieser Gleichheit und ihre Überführung in formale Gleichstellung vor dem Gesetz ändert aber nichts daran, dass die Norm, an der diese Gleichstellung sich bemisst, nach wie vor die des erwachsenen weißen Mannes ist. „Gleichgestellt“ wurden immer die „Anderen“. Es wurde ihnen erlaubt, genauso zu werden wie die Norm. Dass in der Realität eine Welt, die von lauter „erwachsenen weißen Männern“ bevölkert wird, nicht funktioniert (weil die „Anderen“ gerade weil sie als anders definiert wurden, als qua Natur zuständig fürs Kinderversorgen zum Beispiel, für das Funktionieren der alten Strukturen unverzichtbar sind), wurde dabei übersehen.

Diese kulturellen Muster der Unterscheidung zwischen „Uns“ (weißen erwachsenen Männern) und den „Anderen“ (Frauen, Armen, „Nicht-Weißen“) sind keine Frage von Gesetzen, sondern durchziehen sämtliche Bereiche der Politik, der Wissenschaft, der Kulturproduktion und des Alltagslebens bis an die Wurzeln. Das hat Simone de Beauvoir in Bezug auf die Geschlechterdifferenz en Detail in „Das andere Geschlecht“ herausklamüstert.

Was kann man nun aber praktisch tun, um aus dieser „Emanzipationsfalle“ herauszukommen?

Der wichtigste Punkt ist natürlich, diese Muster zu erkennen und sich bewusst zu machen. Das fällt logischerweise Menschen, die nicht zu den „Normalen“ gehören, leichter (auch wenn das kein Automatismus ist), weil sie ja laufend mit der Diskrepanz zwischen sich selbst und der „Norm“ konfrontiert sind. Es ist die alte banale Erfahrung, dass ich als Frau in einer Welt, in der ständig das generische Maskulinum verwendet wird (also die männliche Form manchmal wirklich Männer meint, manchmal aber alle Menschen), von klein auf darin trainiert wurde, mich zu fragen, ob ich „mitgemeint“ bin oder nicht – ein Training, das Männern fehlt, weil sie ja automatisch „mitgemeint“ sind, es sei denn, da steht ausdrücklich eine weibliche Form (aus der sie dann bezeichnenderweise sofort schließen, das Ganze ginge sie nichts an).

Aber dieser Mechanismus betrifft eben nicht nur die Sprache, wo es noch relativ einfach ist. Die kulturellen Muster gehen viel tiefer, und es ist oft wirklich nicht leicht zu durchschauen, welche Position in einer bestimmten Situation die dominante ist, die sich selbst zur Norm setzt.

Der Ruf nach „Objektivität“ ist jedenfalls gerade nicht geeignet, um das oben skizzierte Problem zu lösen, weil er die „Normativität“ ja gerade bekräftigt. Äußerliche „Objektivität“ (sich an gesetzliche Verfahrensweisen halten, keine wertenden Ausdrücke benutzen) kann sogar dazu dienen – und tut das auch oft – die eindeutige Positionierung derjenigen, die der Norm entsprechen, erst recht zu verschleiern. Sie behaupten dann zum Beispiel, sie würden doch einfach nur „objektiv“ und „rational“ vorgehen. Und es ist unmöglich, ihnen das Gegenteil zu „beweisen“. (Es ist aber möglich, sie zu überzeugen, allerdings nur, wenn sie an dem Thema wirklich ernsthaft interessiert sind).

Es ist dieser Mechanismus, auf den politische Praktiken antworten, die derzeit unter Stichworten wie „Definitionsmacht“ oder „Geh erstmal deine Privilegien checken“ vorgeschlagen werden. Sie sind der Versuch einer Antwort auf die Tatsache, dass es logisch nicht möglich ist, eine vorgegebene Norm zu brechen, indem man sich den Regeln dieser Norm unterwirft. “The master’s tools will never dismantle the master’s house”, wie es Audre Lorde auf den Punkt gebracht hat.

Bei der Aufforderung, die eigenen „Privilegien zu checken“ handelt es sich also nicht um ein moralisches Verdikt nach dem Motto: „Du, erwachsener weißer Mann, bist ein mit Schuld beladener Mensch und darfst dich daher zum Thema XYZ nicht äußern“. Sondern es ist eine politische Erkenntnis und Praxis, die so viel bedeutet wie: „Ob du, erwachsener weißer Mann, etwas verstehst oder einsiehst, ist nicht der Maßstab, an dem wir unseren Diskurs sinnvollerweise ausrichten können.“

Das ist eine große symbolische Veränderung, denn unsere gesamte Kultur gündet auf der Vorstellung, gesellschaftliche Änderungen könnten sich nur so vollziehen, dass erwachsene weiße Männer von irgendetwas überzeugt werden – und zwar von alten patriarchalen Zeiten, in denen die erwachsenen weißen Männer ihre Definitionsmacht noch ganz ausdrücklich hervorkehrten („Ich bin hier der Herr im Haus“) bis zu heutigen gleichgestellten Zeiten, in denen sie sie über Bande spielen und behaupten, für universale Rationalität zu stehen („Beweis mir das erstmal, erklär mir das erstmal“).

Wenn hingegen „die Anderen“ für sich Definitionsmacht beanspruchen, dann bedeutet das: Wir brauchen euch von gar nichts zu überzeugen. Was zum Beispiel eine Vergewaltigung ist, was eine sexuelle Belästigung ist, dafür gibt es keine „wissenschaftlichen Beweise“, sondern es ist eine Frage der Entscheidung und der Werte, die man setzt. Die Praxis der Frauenbewegung war einfach, dass sie der patriarchalen Definition (Vergewaltigung ist, wenn ein „böser, anderer Mann“ seinen Penis in den Körper einer von „unsere Frauen“ steckt und dabei körperliche Gewalt anwendet) eine andere Definition entgegengesetzt hat (Vergewaltigung ist, wenn die Grenzen der sexuellen Selbstbestimmung und Freiheit eines Menschen überschritten werden).

„Definitionsmacht“ bedeutet, dass die „Anderen“ selbst definieren, welche Bedeutung sie bestimmten Handlungen und Phänomenen geben. Es bedeutet, dass sie sich weigern, sich an einem Diskurs zu orientieren, der sich selbst bereits zur Norm gesetzt hat.

Es bedeutet nicht, dass alle „Anderen“ (alle Frauen, alle People of Color, alle Menschen mit Behinderung und so weiter) einer Meinung wären. Um beim Thema Vergewaltigung zu bleiben: Es gibt unter Frauen natürlich eine große Bandbreite an unterschiedlichen und sogar gegensätzlichen Ansichten darüber, wie  Vergewaltigung zu bewerten und mit ihr umzugehen ist. „Definitionsmacht“ bedeutet nicht, der „Normmeinung“ eine kohärente „Anderenmeinung“ entgegen zu stellen. Sondern es bedeutet, dass bei diesen kontroversen Diskussionen etwa der Frauen über Vergewaltigung lediglich ihre eigenen Wünsche, ihr eigenes Begehren, ihre eigenen Ansichten der Maßstab sind und nicht das, was die Männer sich zu dem Thema bereits gedacht haben. Ähnlich lässt es sich auf die anderen Diskurse übertragen.

Das bedeutet nicht, dass Männer nicht über Feminismus mitdiskutieren dürfen und Weiße nicht über Rassismus. Wer sollte ihnen auch verbieten, ihre Meinungen und Argumente zum Thema zu äußern? Und jede Frau wäre doch bescheuert, wenn sie interessante, originelle und hilfreiche Anregungen, die ein Mann eventuell zum Thema Vergewaltigung einbringt, ignorieren oder gar verbieten wollte.

Es bedeutet auch nicht, dass die Diskurse, die auf diese Weise geführt worden sind, dann nicht auch anschließend in die Mainstreamdiskurse hinein vermittelt werden sollten. Diese Option (auf die Vermittlungsarbeit zu verzichten) gibt es faktisch auch gar nicht, weil die „Anderen“ schon allein aufgrund der bestehenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse unweigerlich irgendwann (und meist ziemlich schnell) in Situationen geraten, in denen ihnen gar nichts anderes übrig bleibt.

Nein, es geht ausschließlich darum, dass Männer und Weiße nicht mehr automatisch erwarten können, dass ihre Beiträge auch auf Interesse und Aufmerksamkeit stoßen. Dass sie keinen Anspruch mehr darauf erheben können, dass „die Anderen“ ihre selbst erarbeiteten Maßstäbe im Alltagsleben erst dann anwenden dürfen, dass sie ihr persönliches Handeln erst dann daran orientieren können, wenn es ihnen gelungen ist, die „Normalen“ davon zu überzeugen.

Es ist, nebenbei, höchst aufschlussreich, dass so viele Männer und so viele Weiße das eine vom anderen nicht unterscheiden können.

Leila Ahmed: Die „stille Revolution“ der Islamistinnen

Leila Ahmed. Foto: Yalebooks

Als Kind hat Leila Ahmed in den 1940er Jahren in Ägypten die Anfänge des Islamismus miterlebt. Sie erlebte, wie die Muslimbrüderschaft nach und nach die Deutungshoheit über das, was „der wahre Islam“ sei, für sich beanspruchte, und wie der Hijab, diese spezielle Kopf- und Körperbedeckung, zum Signal und Markenzeichen der der Bruderschaft verbundenen Frauen wurde.

Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 beobachtete Ahmed, die inzwischen in den USA lebt und Professorin an der Harvard Divinity School ist, auch unter amerikanischen Musliminnen eine Zunahme der „Hijabistas“. Ein Phänomen, das sie als liberale Muslimin zunächst besorgniserregend fand.

Über viele Jahre hinweg hat sie daraufhin die Bedeutungen und Debatten rund um das Thema Kopftuch und Geschlechterrollen untersucht, und zwar nicht im Islam generell, sondern speziell im Islamismus, also eben jener religiösen „Erweckungsbewegung“, die ihren Anfang in der ägyptischen Muslimbrüderschaft nahm und später vor allem vom saudischen Wahabismus beeinflusst war. (Der lange Zeit von den USA gezielt gefördert wurde. Mit dessen Unterstützung der Islamismus auch im Ausland, zum Beispiel eben in den USA, Bedeutung gewann. Und der nicht gleichzusetzen ist mit Terrorismus).

Besonders hat sich Ahmed für die Frage interessiert, wie der Islamismus sich heute in den USA entfaltet. Ihre – wie sie schreibt auch für sie selbst überraschende – Erkenntnis und These des Buches ist, dass sich derzeit innerhalb des US-amerikanischen Islamismus eine „stille Revolution“ vollzieht, die vor allem von Frauen, aber auch von Männern einer jüngeren Generation angestoßen wird.

Diese jüngeren Kräfte würden fundamentalistische, patriarchale und nationalistische Meinungsführer innerhalb der islamistischen Moscheen und Dachverbände zunehmend in Frage stellen und offen kritisieren. Dabei würden sie amerikanisch-westliche und muslimische Grundwerte für miteinander vereinbar erklären – insbesondere unter dem Stichwort sozialer Gerechtigkeit.

Ihre Hauptanliegen seien die Vermittlung eines friedlichen und menschenfreundlichen Islam in der Mehrheitsgesellschaft, die größere Beteiligung von Frauen an religiösen Hierarchien, die Schaffung von gleichwertigen Räumen für Frauen in den Moscheen, das Eintreten für Minderheiten sowie die Abkehr von einer oft nationalistischen Bindung an die Herkunftsländer ihrer Eltern und der dortigen Politik hin zu einem größeren Bekenntnis zum eigenen „Amerikanischsein“.

Dabei reiche das Spektrum von eher konservativen Reformerinnen, die oft innerhalb der islamistischen Organisationen arbeiten und dort teilweise auch Positionen innehaben bis hin zu radikalen liberalen Theologinnen und Aktivistinnen, die patriarchale und fundamentalistische Praktiken eher von außen angreifen – aber häufig selbst biografisch Verbindungen zum Islamismus haben.

Obwohl diese beiden Flügel oft gegensätzlich argumentieren und sich auch gegenseitig kritisieren, so Ahmeds These, würden sie sich letztlich gegenseitig stärken und befruchten. Zum Beispiel ist ihr aufgefallen, dass die konservativeren Frauen innerhalb der Moscheen sich zwar nicht aktiv für die Rechte zum Beispiel von Homosexuellen einsetzen, aber sich auch nicht dagegen aussprechen, wenn die radikaleren Stimmen das tun.

Möglich geworden sei dieser Aufbruch im Zuge der islamfeindlichen Stimmung im Anschluss an den 11. September, glaubt Ahmed. Die öffentliche Aufmerksamkeit für den Islam und die offene Islamfeindlichkeit großer Teile der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft habe zwei Folgen gehabt, die nur auf den ersten Blick widersprüchlich scheinen: Einmal eben jene starke Zunahme von Musliminnen, die bewusst angefangen haben, Hijab oder Kopftuch zu tragen, um ihren Protest gegen Islamfeindlichkeit zu untermauern und die von außen als „Botschafterinnen“ eines friedlichen Islam wahrgenommen werden wollen. Gleichzeitig seien die bisherigen Führungsmänner innerhalb der Moscheen und Dachverbände unter Druck geraten und könnten sich krass patriarchale Töne nicht mehr leisten. Ahmed hat etwa beobachtet, dass bei den Jahreskongressen des islamistischen US-Dachverbandes sukzessive der insgeheime „Verschleierungszwang“ gelockert wurde, ebenso wie die Rigidität der Geschlechtertrennung in der Sitzordnung. Außerdem seien dort auch zunehmend kritische Redner und Rednerinnen eingeladen worden, denen man vorher niemals das Wort erteilt hätte.

Das Buch ist auch wegen der vielen Detailinformationen lesenswert. Genau beschreibt Ahmed die Geschichte der Muslimbruderschaft, von ihrem Beginn zu einer Zeit, als in Ägypten bei der Mehrheitsgesellschaft die Nachahmung europäischer Lebensstile en Vogue war, über die staatliche Verfolgung der Islamisten bis zu ihrem fulminanten Aufstieg und Ausbreitung in jüngerer Zeit, der vor allem mit dem Versprechen sozialer Gerechtigkeit verknüpft war. Dabei erfährt die Leserin vieles über die wechselnden Bedeutungen, die dem Hijab im Lauf der Zeit von verschiedenen Seiten und Interessensgruppen zugesprochen wurden, und auch über das Denken einzelner maßgeblicher Protagonisten – und auch Protagonistinnen, wie etwa die einflussreiche „Urmutter“ der Muslimbrüder, Zainab al-Ghazali.

Ebenso detailreich beschreibt Ahmed im zweiten Teil des Buches die Entwicklungen nach dem 11. September in den USA, wobei sie die Ideen zahlreicher maßgeblicher muslimischer Protagonistinnen im Einzelnen beschreibt. Wobei es ihr gelingt, zu zeigen, dass die „stille Revolution“, die sie betreiben, tatsächlich auch auf Wurzeln zurückgreifen kann, die innerhalb der islamistischen Weltsicht selbst bereits angelegt waren.

Eine wirklich interessante Studie, die so manche Frage aufwirft, vor allem die, ob es den Protagonist_innen dieser „stillen Revolution“ gelingt, auch auf die islamistischen Doktrinen und Praktiken in jenen Ländern zurückzuwirken, in denen Islamisten politische Macht oder gesellschaftliche Hegemonie haben, und die, so Ahmed, nach wie vor „endemisch patriarchal“ sind.

Außerdem würde ich gerne ein deutsches Äquivalent zu dieser Studie haben.

Leila Ahmed: A Quiet Revolution. The Veil’s Resurgence from the Middle East to America. Yale University Press, 2011, 352 Seiten.

Denken geht anders, wenn man im selben Raum ist

Ich möchte euch auf eine tolle Serie hinweisen, die drüben im Internetforum “Beziehungsweise Weiterdenken” kürzlich gestartet ist, und zwar übersetzt Dorothee Markert das Buch “Denken in Präsenz” von Chiara Zamboni ins Deutsche und stellt es kapitelweise ins Internet.

Ich habe das Buch bereits auf Italienisch gelesen (und vor drei Jahren schomal kurz daraus was verbloggt).

Mir scheint das Ganze auch deshalb wichtig, weil ich unter internetaffinen Menschen manchmal ein gewisses Desinteresse an Materialität und Körperlichkeit beobachte. Es scheint so etwas wie eine Sehnsucht danach zu geben, die körperlichen Begrenztheiten unserer Existenz mit Hilfe von Daten zu überwinden – so hörte ich zum Beispiel auf der “Open Mind” im September einige begeisterte Leute, die nach dem Vortrag von @tante über Cyborgs davon schwärmen, wie toll es doch wäre, wenn wir nicht mehr als körperliche Wesen, sondern als reine Datenpakete miteinander Beziehungen haben könnten.

Der Ärger über den Körper, der uns begrenzt, der einfach ohne dass wir uns das ausgesucht hätten mit einem Geschlecht und einer Hautfarbe geliefert wird, der altert, der Hunger und Durst hat, der krank wird, der scheißen muss, der müde wird und so weiter ist natürlich schon sehr alt, und unter Philosophen war es schon lange vor dem Internet eine verbreitete Illusion, man könne “den Geist” irgendwie von diesem lästigen irdischen materiehaften Anhängsel befreien.

Was sich mit dem Internet geändert hat ist in der Tat, dass ich meinen Hintern für sehr viel weniger Dinge als früher aus dem Haus bewegen muss – und zum Glück! Ich kann vieles vom Computer aus machen, was früher nicht möglich war, ich kann einkaufen, Bücher beschaffen, Leute treffen. Das hat übrigens nichts mit Körperlosigkeit zu tun, denn es ja sind immer noch meine Finger, die auf die Tastatur tippen, es ist immer noch mein Gehirn, das denkt, es ist immer noch mein Herz, das schneller klopft, wenn eine Email von jemand Bestimmtem piepst.

Viele Kulturpessimist_innen beklagen das, ich sehe darin eine Chance, denn in dem Moment, wo ich meinen Körper nicht mehr zu unnötigen Dingen schleppen muss, kann ich besser sehen, wofür er gut ist und wofür nicht.

Ich zum Beispiel brauche die gemeinsame körperliche Präsenz, um Menschen kennen zu lernen. Nicht nur weil Körperkontakt das einzig funktionierende Mittel gegen Fakes ist, sondern auch weil Beziehungen eine andere Qualität bekommen, wenn ich den betreffenden Menschen gesehen, gehört und angefasst habe. Womit ich nicht sagen will, dass Beziehungen mit Menschen, die ich ausschließlich übers Internet kenne, nicht auch qualitätsvoll und toll sein können. Aber alle Beziehungen, die irgendwann mal in eine körperliche Begegnung gemündet sind, haben bisher für mich eine andere Qualität angenommen, und fast alle sind besser, vertrauter geworden.

Chiara Zamboni untersucht nun in ihrem Buch, wie das Miteinander-Denken funktioniert und wie auch dieses Denken eine andere Qualität annimmt, wenn Menschen gemeinsam in einem Raum sind. Meine Erfahrung ist genau diese – die Netzwerktools des Internet haben, zumindest bei mir bisher, nicht dazu geführt, dass “virtuelle” Debatten anstelle von körperlichen Begegnungen getreten wären, ganz im Gegenteil. Sie haben dazu geführt, dass ich jetzt viel mehr Leute kenne, mit denen ich unbedingt mal “in Präsenz denken” will.

Netzfeminismus, was soll das denn sein?

Heute bin ich zum Thema Netzfeminismus vom dradio Breitband interviewt worden (wird morgen zwischen 14 und 15 Uhr gesendet), und dabei fiel mir auf, dass bei diesem Thema zwei völlig unterschiedliche Bedeutungen nebeneinander bestehen oder miteinander vermengt werden, und zwar:

1. Feminismus, der das Internet als Medium nutzt, und
2. Netzpolitik aus feministischer Perspektive

Es gibt sicherlich eine Schnittmenge zwischen beidem, aber die ist klein. Ich zum Beispiel gehöre klar zu Variante 1 – mein Thema ist politische Ideengeschichte von Frauen, und das Internet ist lediglich eines der Medien, die ich dabei nutze (neben vielen anderen) – und dann mache ich mir natürlich ab und zu auch darüber mal Gedanken.

Ich würde sagen, die meisten unter “Netzfeminismus” firmierenden Namen und Blogs gehören eher zu dieser ersten Kategorie, wenn auch manche, zum Beispiel die Mädchenmannschaft, vorwiegend das Internet als Plattform haben. Aber die meisten Bloggerinnen, die ich kenne, beschäftigen sich mit allen möglichen Themen, und nicht speziell mit dem Thema Netzpolitik.

Etwas ganz anderes ist Netzpolitik aus feministischer Perspektive. Darunter könnte man am ehesten einige Piratinnen fassen, oder Blogs wie Femgeeks. Aber insgesamt besteht innerhalb der “netzpolitischen Szene”, wenn man das mal so nennen will, doch noch ein gewisser Mangel an feministischen Perspektiven.

Ich glaube, es ist hilfreich, diese beiden Bedeutungen von “Netzfeminismus” zu unterscheiden.

Gerade auch, wenn es um unterschiedliche feministische Richtungen geht. “Der Feminismus” hat keine einheitliche Meinung, schon immer gab es nicht nur verschiedene Strömungen, sondern auch geradeheraus gegensätzliche und unvereinbare, wie zum Beispiel zwischen “Matriarchatsfrauen” und “Gleichstellungsfrauen”. Es ist absurd, vom “Netzfeminismus” (Variante 1) eine einheitliche Meinung oder gemeinsame Überzeugungen zu verlangen, denn Politik besteht ja gerade darin, dass Konflikte über das, wie die Welt sein soll, ausgetragen und verhandelt werden.

Etwas anders ist es mit “Netzfeminismus” (Variante 2), also insofern es um feministische Perspektiven auf dieses spezielle Thema Internet geht. Da könnte man durchaus zu einigen inhaltlichen Aussagen kommen, wie zum Beispiel, dass Sexismus in Kommentardiskussionen bekämpft gehört oder es nicht sein kann, dass netzpolitische Themen nur immer unter lauter Männern diskutiert werden.

Auch für eine Bewertung der laufenden Klage über die Abwesenheit von Frauen aus der “Netzdiskussion” ist eine Unterscheidung dieser Varianten sinnvoll. Denn für eine Feministin im Netz (Variante 1) ist diese Abwesenheit keine große Sache, es gibt ja sehr viele Dinge, für die sich deutlich mehr Männer als Frauen interessieren, zum Beispiel Formel 1-Rennen. Die Überrepräsentanz von Männern im Bereich “Netzpolitik” relativiert sich doch erheblich, wenn man bedenkt, dass das Internet ja ihr genuines Thema ist. Und es liegt ja irgendwie in der Natur der Sache, dass alle Menschen, die sich für Netzpolitik interessieren, auch im Netz präsent und aktiv sind.

Das kann man jedoch (leider, wie ich finde) bei weitem nicht für – nur so zum Beispiel – alle Menschen sagen, die sich für weibliche politische Ideengeschichte interessieren. Es wird zwar  momentan oft davon gesprochen, dass die digitale Spaltung ihrem Ende entgegen geht, aber ich glaube das nicht. Auch wenn nach neuesten Erhebungen inzwischen 80 Prozent der Deutschen “drin” sind, so nutzen doch die allermeisten, die ich kenne, das Netz ziemlich passiv – sie mailen, recherchieren, und Ende. Würden alle Feministinnen so häufig und ausgiebig ins Internet schreiben, wie das die Menschen tun, die sich für Netzpolitik interessieren, sähe das Kräfteverhältnis ganz anders aus.

Das heißt: Wenn man – was, glaube ich, keine allzu steile These ist – davon ausgeht, dass Netzpolitik ein Thema ist, für das sich mehr Männer als Frauen interessieren, muss man sich keine Haare über die Männerdominanz im Netz ausraufen (es sei denn, man ist feministische Netzaktivistin, also Variante 2, denn dann betrifft es ja das eigene Herzensthema).

Aber zum jetzigen Zeitpunkt ist das Thema Netzpolitik im Internet, was die Bandbreite möglicher politischer und gesellschaftlicher Themen betrifft, vollkommen überrepräsentiert, was bedeutet, der Raum, den das Ganze hier im Netz einnimmt, sagt gar nichts darüber aus, wie die allgemeingesellschaftliche Relevanz dieses Diskurses ist. Nur ein Beispiel: Ich habe gerade das neue Buch von Kathrin Passig und Sascha Lobo gelesen, und weil ich es toll finde, erzähle ich das überall herum. In neun von zehn Fällen fragen die Leute: Wer ist Kathrin Passig? Wer ist Sascha Lobo?

Neun von zehn Menschen, die ich kenne, wissen nicht, was ein Feedreader ist, lesen nur zufällig mal Blogs, geschweige denn, dass sie welche schreiben würden, haben noch nie was von netzpolitik.org gehört und auch nichts von der Republica. Das Höchste der Gefühle ist ein Facebook-Account.

Wie die Relevanzverhältnisse im gesellschaftlichen Diskurs wirklich sind, das werden wir im Internet erst dann abgebildet sehen, wenn die aktive und virtuose Nutzung der Möglichkeiten, die das Internet bietet, allen Menschen selbstverständlich in Fleisch und Blut übergegangen ist – und zwar unabhängig davon, für welche Inhalte und Themen sie sich speziell interessieren.

Ich glaube aber, das wird noch so zwanzig Jahre dauern.

Update: Das oben erwähnte Interview gibt es jetzt auch hübsch kompakt zum Anhören.