#Aufschrei hat gezeigt, wie Internet geht

Aufschrei

Die Dynamik des Geschehens rund um #Aufschrei beobachtete ich mit wachsender Faszination. Denn die Frage, wie Erkenntnisse aus “Nischendiskursen” in den “Mainstream” kommen, interessiert mich als Politikwissenschaftlerin sehr. Werden da nur Säue durchs Dorf getrieben und hinterher bleibt eh nichts davon übrig? In diesem Fall glaube ich, war es nicht so. Der #Aufschrei war eine neue Qualität, kein Hype, sondern etwas anderes, vielleicht der Vorbote einer neuen Art gesellschaftlicher Debatten.

Es war zum Beispiel das erste Mal, dass “das Internet” und “die analoge Welt” wirklich Hand in Hand liefen. Wo man nicht sagen konnte, dass das Thema speziell von einer “Netzgemeinde” diskutiert wurde, während die meisten Menschen “draußen” sich gar nicht sooo sonderlich dafür interessieren, wo aber das Netz auch nicht nur ein bloßer Resonanzboden für “außerhalb” diskutierte Themen war, sondern selbst eine aktive Rolle spielte: Ohne Internet wäre das Ganze anders verlaufen.

Ich glaube, man kann aus den Erfahrungen mit  dem #Aufschrei einiges darüber lernen, wie politische Diskurse funktionieren, wenn alle Beteiligten Zugang zur Öffentlichkeit haben. Wie die unterschiedlichsten Blogs das Thema aufgegriffen haben, sich aufeinander bezogen haben oder auch nicht, fand ich atemberaubend, sowohl in der Masse als auch in der Qualität (unter’m Strich). Eklatant war doch auch, wie unglaublich schlecht das Fernsehen im Vergleich zu anderen Plattformen ausgesehen hat – nicht nur dem Internet, sondern auch im Vergleich zu Print und Radio. Vielleicht war das ja ein Vorgeschmack darauf, wie pluralistische politische Aushandlungen unter den Bedingungen des Internet ablaufen werden.

Es werden sicher noch einige Analysen zu dem, was in den vergangenen Tagen passiert ist, folgen. Lena Schimmel hat schon einen Vorschlag für die technische Auswertung gemacht. Ich mache hier mal den Anfang, indem ich einige vorläufige Punkte zusammentrage, die mir aufgefallen sind.

Expert_innen und “ganz normale Leute”

Für eine interessante und gesellschaftlich relevante politische Debatte ist es offenbar notwendig, dass sich an ihr sowohl “Expert_innen” beteiligen, als auch die “ganz normalen Leute”, die das Thema normalerweise nur am Rande oder gar nicht auf dem Radar haben. Dieser Mix war vor dem Internet fast gar nicht möglich – die Knappheit der Informationsverbreitungsressourcen hatte zwangsläufig zu einer Engführung auf die (meistens ja sogar nur vermeintlichen) “Experten” geführt.

Die sonst oft zu beklagende (oder an die Wand gemalte) Kluft zwischen Feministinnen und Nicht-Feministinnen war zwar auch beim #Aufschrei da, aber auf produktive Weise. Es war für den Erfolg ganz entscheidend, dass beide sich mit ihren jeweils unterschiedlichen Perspektiven beteiligten. Ein entscheidender Faktor war aus meiner Sicht, dass sich gerade nicht nur die üblichen Verdächtigen zu Wort meldeten, sondern sich auch einflussreiche, aber nicht dezidiert feministische Bloggerinnen der Aktion anschlossen wie zum Beispiel Happy Schnitzel oder auch Do-It-Yourself- und Modeblogs.

Ebenso wichtig für die Qualität der Debatte war es aber, dass sich auch Menschen daran beteiligten, die aufgrund ihrer langjährigen Beschäftigung mit dem Thema das Ganze in einen größeren Kontext einordneten, wie zum Beispiel Alice Schwarzer, die daran erinnerte, dass das Thema keineswegs neu ist, oder die Mädchenmannschaft, die darauf hinwies, dass eine solche Aktion auch Gefahren birgt (zum Beispiel die, dass das massenweise Sichtbarmachen von sexuellen Übergriffen traumatische Erinnerungen auslösen kann) oder Medienelite, die unter anderem die heterosexuelle Engführung der Debatte thematisierte.

Plattformübergreifende Vernetzung

Erstmals gelang auch eine wirklich plattformübergreifende Vernetzung, die vermutlich keine noch so abgeschottete Filterbubble unberührt gelassen hat. Es gab ja über Tage hinweg ein regelrechtes “Pingpong” zwischen Twitter, Blogs, etablierten Medien hin und zurück. Im Minutentakt. Ich fand es interessant, wie schnell die Aktion von Twitter aus in die Mainstream-Medien wanderte (wenige Stunden).

Dieses “Occupy Media” geschah aber nicht in einer konzertierten und strategisch geplanten Aktion, sondern gewissermaßen organisch: Jede und jeder hat dort, wo sie jeweils einflussreich ist, die Debatte befördert: Redakteurinnen und Journalistinnen ebenso wie Bloggerinnen oder andere Netzwerkerinnen. Und sie haben diese Vernetzung auch aktiv reflektiert. Sich auf die jeweiligen anderen Plattformen bezogen und kein Konkurrenzding daraus gemacht.

Ich vermute, das hing damit zusammen, dass das Thema selbst für sich stand. Es ging eben gerade nicht um das Medium, es ging ganz allein um die Sache. Und gerade das war paradoxerweise die Voraussetzung dafür, dass das Internet als Medium sein Potenzial wirklich entfalten konnte.

Freund_innen und Feind_innen

Auch wenn es viele (mich auch) natürlich geärgert hat, so war doch gerade die Ausarbeitung von gegensätzlichen Standpunkten, die sich sozusagen über Blogs und Plattformen hinweg zugespielt wurden, der Dynamik sehr förderlich. Es gab auch viele “unfeministische” oder “antifeministische” (zur Unterscheidung siehe hier) Beiträge, und auf den ersten Blick findet das eine Feministin natürlich doof, unter’m Strich glaube ich aber, das war hilfreich.

Denn solche “gegnerischen” Texte (jedenfalls dann, wenn sie nicht trollen, sondern ein ernsthaftes Anliegen dahinter steht), hatten objektiv einen großen Anteil an der Verbreitung der Aktion. Sie boten Anknüpfungspunkte für viele Menschen, die einer feministischen Sichtweise skeptisch gegenüber stehen, aber auf diese Weise sozusagen dennoch in die Debatte mit reingezogen wurden.

Außerdem boten solche Positionen dann wiederum anderen die Möglichkeit, ihrerseits die Schwachpunkte dieser Argumentationslinie herauszuarbeiten, wie zum Beispiel die Kaltmamsell, die sich daran erinnerte dass sie früher auch mal dachte, dass der Feminismus zu sehr auf der Opfer-Schiene rumreiten würde, oder Helga Hansen, die noch einmal ausführte, warum das “Sich wehren” erstens ganz schön gefährlich sein kann und zweitens sehr oft einfach nichts bringt, oder Frau Elise, die sich falsch verstanden fühlte. Auf diese Weise konnten, glaube ich, viele etwas dazulernen.

These: Eine breite Aufmerksamkeit bekommt ein Thema unter den Bedingungen des Internet nur dann, wenn nicht nur unterschiedliche, sondern wirklich gegensätzliche Positionen dazu in Umlauf kommen. Es wird Zeit, sich von der Vorstellung zu verabschieden, dass eine politische Aktion dann besonders gute Aussichten auf Erfolg hätte, wenn möglichst viele sich hinter einer gemeinsamen Forderung versammeln.

Das Gegenteil ist richtig: Eine politische Aktion ist dann erfolgreich, wenn sie möglichst viele Menschen dazu bringt, ihr Aufmerksamkeit, Ressourcen und Zeit zu schenken. Und das funktioniert nur, wenn auf vielen verschiedenen Ebenen und aus vielen unterschiedlichen Perspektiven debattiert wird. Denn dann finden alle den geeigneten Ort, um sich selbst “anzudocken”.

Nochmal: Filterbubbles

Das berührt natürlich auch die Frage der Filterbubbles, die mich schon seit einer Weile beschäftigt. Nun war es halt diesmal so, dass nicht nur wir die Antifeministen aus unseren Blogs ausgesperrt haben, es wurden in anderen Blogs auch öfter mal feministische Stimmen aus der Debatte ausgesperrt, also ihre Kommentare nicht freigeschaltet.

Skandal? Again, I don’t think so. Ich habe mir überlegt, dass vielleicht genau das das funktionierende Prinzip ist. Gerade wenn wir zu der eingangs gestellten Frage zurückkehren, wie Nischendiskussionen in den Mainstream kommen:

Ist es womöglich kontraproduktiv, wenn in einer Runde, wo Menschen sich austauschen, die sich vielleicht jetzt gerade zum ersten Mal ernsthaft mit dem Thema “Alltagssexismus” auseinander setzen, glühende Feministinnen mitreden, die ihnen die Ergebnisse und Komplexitäten von vierzig Jahren politischer Auseinandersetzung um die Ohren hauen? Ist nicht gerade das “Aussperren” solcher (im wahrsten Sinn des Wortes) “Besserwisserinnen” notwendig, damit innerhalb dieser speziellen Filterbubble “Neues gedacht” werden kann – “neu” nicht im absoluten, sondern im relativen Sinne von “neu für die, die hier diskutieren”?

Es ist bei jedem halbwegs komplexen Thema schlichtweg unsinnig, das so zu diskutieren, dass man ein möglichst breites Spektrum an Positionen aufeinander loslässt. Dies ist das Konzept der meisten Fernseh-Talkshows, und ich glaube, es ist der Grund für deren schlechtes qualitatives Abschneiden. In so einem Setting ist ja nichts anderes als Schlagabtausch möglich, der dann zwar einen “Show-Effekt” hat, aber keine wirkliche Auseinandersetzung ermöglicht.

Natürlich stellen sich hier noch ein paar Fragen, vor allem die, wie man es verhindern kann, dass dieser “Bubble-Mechanismus”, sollte er denn so funktionieren, umschlägt in einen Zirkel der Selbstbestätigung, bei der eben gerade nichts “Neues” herauskommt, sondern man sich nur gegenseitig versichert, dass man ja immer schon recht hatte.

Aber mir fiel in diesem Kontext wieder jene Studie ein (deren Link ich nicht mehr finde), wo gezeigt wurde, dass wenn man zwei Gruppen mit gegensätzlichen Meinungen miteinander streiten lässt, am Ende beide Seiten nicht etwa durch die Argumente der anderen zum Umdenken gebracht worden sind, sondern im Gegenteil sich ihre vorherige Meinung nur noch mehr verfestigt hat. Dieses Ergebnis, das scheinbar zeigt, dass politische Debatten unsinnig sind, hat mich als großen Fan politischer Debatten nachdenklich gemacht.

Pro- und Contra-Debatten bringen  nicht viel. Vielleicht sind aber Filterbubbles, also zum Beispiel Blogdebatten, in denen  die Moderation allzu gegensätzliche Positionen aussperrt, eine Lösung? Zumal das “Aussperren” ja nur bedeutet, dass man einen Link weiter klicken muss, um diese anderen Positionen zu finden?

Ursprung und Wirkung

Etwas lustig fand ich die krampfhafte Suche der etablierten Medien nach dem Ursprung, der Quelle der Kampagne. Sie fanden sie dann bei der Initiative von Kleinerdrei oder dem Tweet von Anne Wizorek, in dem sie das Hashtag vorschlägt.

Aber – ohne die Verdienste der Initiatorinnen schmälern zu wollen – unter den Bedingungen des Internet geht diese Suche nach der Quelle ins Leere. Ein solches Mem hat viele hunderte, tausende Quellen, insofern nämlich jeder und jede, die sich daran beteiligten, ihre eigenen Gründe dafür hat, mitzumachen. Im Internet lässt sich Aufmerksamkeit nicht planen und nicht kaufen.

Vielleicht sollten wir hier also weniger von “Urhebern” sprechen, als vielmehr von Geburtshelferinnen. Diejenigen, die einen Auslöser-Post oder einen Anfangstweet schreiben, der dann von vielen, vielen, vielen “Urheber_innen” aufgegriffen wird, sind die Hebammen für eine Idee, eine Diskursfigur, für ein Thema, das schon lange im Unsichtbaren gereift ist, aber dann eben auch einen Anstoß oder eine Hilfe dabei braucht, um “rauskommen” zu können, um “das Licht der Welt zu erblicken”.

Mir jedenfalls war irgendwie so, als ob das “Bloggen als Bürger_innenpflicht” hier mal so richtig in die Praxis umgesetzt wurde: Viele originelle Urheber_innen, die nur durch das Zusammenspiel aller Stimmen in ihrer Pluralität (und eben gerade nicht in ihrer Einigkeit) den Effekt haben konnte, den es hatte.

Das Kontinuum der Beteiligungsformen

Ob jemand unter einem Post zu #Aufschrei “Gefällt mir” klickt oder eine Fernseh-Redaktion ihre Sendungsplanung umschmeißt, ist natürlich von der Reichweite her gesehen nicht dasselbe. Aber die Unterscheidung zwischen denen, die nur “im Privaten” sprechen, und denen, die eine “öffentliche Beauftragung” zum Sprechen haben, ist – wie wir jetzt wissen – nur eine quantitative, aber keine qualitative.

Beides, der Facebook-Like ebenso wie die Entscheidung einer großen Redaktion trägt dazu bei, einem Thema öffentliche Bedeutung zu geben. Es waren letztlich die Debatten, Blogposts, Tweets und Facebook-Kommentare der Vielen – und nicht die Politikredaktionen oder andere Machtzirkel der “öffentlichen Meinung”, die letztlich darüber entschieden, dass der Stern-Artikel von Laura Himmelreich zum Aufhänger für eine breite gesellschaftliche Kontroverse geworden ist.

Deutlich wurde: Wir alle befinden uns in einem Kontinuum der Beteiligungsformen. Jede und jeder trägt unmittelbar Verantwortung für das eigene öffentliche Sprechen oder Nicht-Sprechen: Die Journalistin in der Redaktionskonferenz ebenso wie der Twitterer, der eine Nachricht retweetet, die Bloggerin, die kürzer oder länger dazu schreibt.

Wahr war das schon vorher, aber jetzt konnten es alle, die beteiligt waren, spüren: Es gibt niemanden, der ganz ohne Einfluss ist. Und niemanden, der stellvertretend für andere einfach entscheiden kann. Eine Meinungsäußerung ist eben nicht einfach bloß eine “Meinung”, sondern politisches Handeln, das Folgen hat und für das die Handelnde entsprechend auch Verantwortung trägt.

Integration der Trolle

Bemerkenswert fand ich auch, wie geschmeidig sich die Trolle in das Ganze einfügten. Mit ihren Störversuchen haben sie nicht nur laufend Beweise dafür geliefert, wie notwendig und richtig das inhaltliche Anliegen von #Aufschrei war, sondern auch Vorlage für Blogposts wie den von Natalie Sprinhart geboten, die die gängigsten dummen Einwände mal systematisch widerlegte. Das natürlich nur zusätzlich zu dem reinigen Effekt auf die eigene Timeline, den sowas immer hat.

Wie geht es jetzt weiter?

Eine solche Debatte ebbt natürlich irgendwann in ihrer Intensität auch wieder ab. Es wäre albern, zu glauben, dass jetzt das Problem der sexuellen Übergriffigkeit gelöst wäre.

Aber es bleibt was. Was bleibt, ist das, was die vielen Gedanken, die sich Leute im Zuge dieser Debatten gemacht haben, an Veränderungen bewirkt haben. Viele, viele Menschen haben sich erstmals überhaupt mit dem Problem sexueller Belästigung beschäftigt (schwer zu glauben für eine Feministin, aber so viele Äußerungen in dieser Hinsicht, die ich in den letzten Tagen gelesen habe, können nicht lügen). Viele viele andere Menschen haben sich erstmals mit anderen über das Thema ausgetauscht. Was das bewirkt hat, lässt sich nicht messen. Aber ich behaupte: Nichts war es nicht.

Was bleibt, ist auch die Erinnerung. Wir haben jetzt eine Referenz. “Wie damals bei Brüderle” werden Journalistinnen – und andere – ab sofort unweigerlich denken, wenn sie in ähnlichen Situationen sind. Und hoffentlich auch die beteiligten Männer – sowohl diejenigen, die übergriffig werden, vielleicht ja auch nur aus alter Gewohnheit, als auch die, die das mit ansehen. Sie alle wissen jetzt, dass es kein Tabu ist, sowas öffentlich zu machen. Und zwar nicht nur für feministische Aktivistinnen (die machen sowas ja schon seit Jahrzehnten öffentlich, leider meist, ohne gehört zu werden), sondern auch für Menschen in Mainstream-Positionen.

Jede Frau, die in Zukunft sexuelle Belästigung erlebt, weiß, dass ihr mehrere Optionen zur Verfügung stehen. Keiner wird es mehr so gehen wie Bettina Gaus vor 15 Jahren, dass sie gar nicht auf die Idee kommt, ein Öffentlichmachen in Erwägung zu ziehen. Auch in Zukunft werden vielleicht sehr viele, vielleicht sogar die meisten, nichts unternehmen, aus den verschiedensten Gründen. Aber bevor eine Frau sich entscheidet, nichts zu tun, wird sie zumindest darüber nachgedacht haben. Denn sie weiß, andere haben es auch schon gemacht, es ist prinzipiell also möglich – wenn sie dann auch vielleicht zu dem Schluss kommt, dass in ihrem besonderen Fall es nicht möglich ist.

Was bis vor kurzem für viele undenkbar war, ist jetzt gedacht. Und das lässt sich nicht zurückdrehen.

Wenn der Schwarm sich wieder setzt

Ich stelle mir das, was passiert ist, so vor: Wir sind aufgewacht, sind herumgetänzelt, haben nachgedacht und diskutiert, und wenn wir uns irgendwann alle wieder niederlassen – die einen früher, die anderen später – dann doch nicht mehr auf genau demselben Platz.

Ich zum Beispiel habe ein paar neue Argumente geübt. Mein Masseur, mit dem ich vorhin darüber sprach, findet die ganze Geschichte nach wie vor absurd und weiß nicht, worüber wir uns aufregen – aber er weiß jetzt zumindest, dass wir uns darüber aufregen.

Mag sein, dass sich manche nur ihrer Positionen vergewissert haben, aber ich bin fest davon überzeugt, dass die meisten sich “bewegt” haben. Und ich bin auch davon überzeugt, dass wir bei dem allen insgesamt ein Stückchen näher an das gerückt sind, was “richtig” und “gut” ist.

31 Gedanken zu „#Aufschrei hat gezeigt, wie Internet geht

  1. Schöner Text, gibt noch mal einen guten Überblick mit nachdenkenswerten Gedanken.

    Ich bleibe hängen bei den Filterbubbles. Schade, dass du den Link nicht mehr gefunden hast, hätte mic interessiert. Gilt denn die Aussagen “nur” für Internetkommunikation oder auch für “face-to-face”? Du schreibst auch selber, dass damit politische Debatten “scheinbar” unsinnig sind, so ganz überzeugt bist du offensichtlich von der These auch nicht…Komme gerade aus einem Workshop, der das Ziel hatte, Menschen mit unterschiedlichen Positionen miteinander ins Gespräch zu bringen. Ich hatte nicht den Eindruck am Ende, dass sich die Ansichten geändert hätten, aber die aufmerksame Gesprächsatmosphäre war gut und alle gingen erst mal zufrieden nach Hause. Verändert vielleicht (?) auch was.

    Den Gedanken aus dem Absatz zuvor, dass eine (politische) Aktion erfolgreich ist, wenn viele Leute bereit sind ihr Aufmerksamkeit, Zeit usw. weiter zu schenken, finde ich gut – aber am Ende aller Tage stehen Menschen, Gruppen immer wieder auch vor Entscheidungsfragen. Ich frage mich immer mehr (als Entscheidungsmitträger in verschiedenen Gremien von Kirche): wann ist eigetnlich eine Entscheidung erfolgreich?

    Okay, das waren jetzt Anmerkungen eher am Rande des Themas. Liegt an den sechs Stunden, die hinter mir liegen.

  2. “Ich fand es interessant, wie schnell die Aktion von Twitter aus in die Mainstream-Medien wanderte (wenige Stunden).”

    Sicherlich einer der zentralen Punkte, weil das neu ist und einen maßgeblichen Einfluss auf den Verlauf und das Ausmaß der Debatte hatte. Es ist immerhin noch nicht allzu lange her, dass in TV-Sendungen überhaupt einmal erste Tweets vorgelesen wurden (äußerst unbeholfen).

    Ich frage mich, woran das liegt? Wird Twitter zunehmend als Diskurs-Plattform anerkannt?

    Dass die Medien die “Online-Debatte” (#Aufschrei) mit einem vorhergegangenen “Offline-Ereignis” (Brüderle) verknüpfen konnten, hatte in diesem Fall sicher einen großen Anteil.

    Ich musste in den letzten Tage etlichen Leuten erklären, was überhaupt die Raute vor dem “Aufschrei” bedeutet. Auch Menschen im Alter von ~20. Das sollte man bei aller Euphorie über eine neue Debattenkultur nicht vergessen: Zunächst einmal diskutiert eine kleine Gruppe, die sicher nicht das Meinungsbild der Gesamtbevölkerung repräsentiert. Das ändert natürlich überhaupt nichts daran, dass über Twitter wichtige Debatten angestoßen werden können.

  3. Pingback: Monatsabrechnung: Monatslinks Januar 2013 | Journelle

  4. Dann schreib ich hier jetzt auch direkt einen Kommentar hin, damit ich “Aufmerksamkeit, Ressourcen und Zeit” investiere. Politische Aushandlungen verbessern ist ein grossartiges Ziel, und das sind sehr interessante Gedanken dazu. Antje, Du bist immer so wunderbar optimistisch, merci fuer den Artikel :) Like!

  5. Ist es womöglich kontraproduktiv, wenn in einer Runde, wo Menschen sich austauschen, die sich vielleicht jetzt gerade zum ersten Mal ernsthaft mit dem Thema “Alltagssexismus” auseinander setzen, glühende Feministinnen mitreden, die ihnen die Ergebnisse und Komplexitäten von vierzig Jahren politischer Auseinandersetzung um die Ohren hauen? Ist nicht gerade das “Aussperren” solcher (im wahrsten Sinn des Wortes) “Besserwisserinnen” notwendig, damit innerhalb dieser speziellen Filterbubble “Neues gedacht” werden kann – “neu” nicht im absoluten, sondern im relativen Sinne von “neu für die, die hier diskutieren”?

    Vielleicht bin ich eine von denen.

    Ich habe mich mal an einem Harry-Potter-Forum beteiligt, und zwar auch an den politischen Diskussionen, habe da aber nach kurzer Zeit (Größenordnung Wochen) gemerkt, dass ich da falsch war: die Jugendlichen brauchten einen Ort, wo sie ohne Erwachsene diskutieren konnten.

    Ja, und danke für den Link zu dem Blogpost von Helga. Mir ging es in meinem Leben genau umgekehrt: Ich habe es nie bereut, mich gewehrt zu haben. Es war nicht immer leicht, und einmal habe ich auch “verloren”, aber es trotzdem nicht bereut.

  6. Ist nicht gerade das “Aussperren” solcher (im wahrsten Sinn des Wortes) “Besserwisserinnen” notwendig, damit innerhalb dieser speziellen Filterbubble “Neues gedacht” werden kann – “neu” nicht im absoluten, sondern im relativen Sinne von “neu für die, die hier diskutieren”?

    Ich finde diese Sichtweise sehr überheblich und gefährlich für sie. Denn es wird dazu führen das sie gute neue Ideen nicht wahrnehmen und am Ende sind sie nur noch eine Verfechterin von Idealen einer vergangen Zeit (siehe Bruhns)

    Aber – ohne die Verdienste der Initiatorinnen schmälern zu wollen – unter den Bedingungen des Internet geht diese Suche nach der Quelle ins Leere. Ein solches Mem hat viele hunderte, tausende Quellen, insofern nämlich jeder und jede, die sich daran beteiligten, ihre eigenen Gründe dafür hat, mitzumachen. Im Internet lässt sich Aufmerksamkeit nicht planen und nicht kaufen.

    Sie schmälern den Verdienst der Initiatorinnen!
    Warum können sie nicht anerkennen das diese Frauen aufgrund der Wahl der Kommunikationsmethode den Aufschrei ermöglicht haben?
    Aufmerksamkeit im Internet läßt sich sehr wohl bis zu einem gewissen Punkt planen/aktivieren/kanalisieren. Und es gibt auch einige Fehler die man machen kann um trotz großen Aufmerksamkeitspotentials keine Aufmerksamkeit zu bekommen! Eben das Anwenden dieses Wissens hat dazu beigetragen das der Aufschrei so erfolgreich war.

  7. Pingback: | DENKDING

  8. Pingback: Photo of the week: Viola-in-the-snow | till we *)

  9. Beim Versuche einer Analyse des jüngsten “#Aufschrei’s” komme ich zu einem ganz anderen Ergebnis. Denn während in den Mainstream-Medien gut eine Woche lang eine angebliche Debatte über grassierenden Sexismus die Schlagzeilen und Talkrunden beherrschte, war es in meinem Bekanntenkreis diesbezüglich auffällig still. (Und nein, mein Bekanntenkreis besteht nicht etwa aus prolligen Fußballfans, Burschenschaftern oder ähnlichen Männerbünden, sondern aus ganz normalen Menschen mittleren Alters, vielleicht mit einem gegenüber dem Durchschnitt etwas erhöhten Bildungsniveau.) Irgendwie waren alle irritiert, Frauen (fast alle berufstätig, viele in verantwortungsvollen oder sogar leitenden Positionen) noch mehr als Männer. Was war das denn nun? Waren denn alle blind? Keine/r hatte sie mitbekommen, die augenscheinlich allgegenwärtige sexuelle Belästigung, nicht am Arbeitsplatz, nicht in der Kneipe, nicht auf der Straße. Weder konnten die Frauen von eigenen Erfahrungen berichten, noch Männer wie Frauen von einschlägigen Beobachtungen. Aber nun wurde doch täglich davon berichtet, dass es praktisch zum Alltag einer jeden Frau gehöre, von Männern sexuell belästigt oder gar gedemütigt zu werden. Gehören nun also ausgerechnet meine Bekannten zu der glücklichen Minderheit, die vom alltäglichen Sexismus in unserer Gesellschaft verschont geblieben sind? Oder schlimmer, waren ausgerechnet sie auf diesem Auge blind, hatten oder wollten gerade sie einfach nichts gesehen haben?
    Ich glaube nicht.
    Natürlich werde ich nicht ernsthaft bestreiten, dass es in unserer Gesellschaft keinen Sexismus gibt und das nicht viele, vielleicht sogar sehr viele Frauen Opfer sexueller Belästigung werden – täglich. Und natürlich sollte das nicht einfach hingenommen werden. Ein Blick in mein persönliches Umfeld und auf meine eigenen Erfahrungen lässt mich aber doch sehr daran zweifeln, dass es sich um ein derart grassierendes Massenphänomen handelt, als das es vergangene Woche dargestellt wurde.
    Hier ist ein durchaus brisantes Thema in kürzester Zeit aus einem Social-Media-Kanal in den Mainstream gesprungen, weil der eigentlich initiale Artikel im Stern sehr geschickt – und wie ich meine mit wohldurchdachtem Kalkül – platziert worden ist. Hinter dem Phänomen steckt vor allem ein perfektes Timing, und nicht etwa eine breite und nachhaltige gesellschaftliche Debatte, sonst wäre das Thema nach gerade mal einer Woche nicht schon wieder weitestgehend aus den Medien verschwunden.
    Durch den Sprung aus den Mainstream-Medien hinein ins Social Web und wieder zurück ist der Eindruck entstanden, Sexismus sein ein Massenphänomen erster Güte. Die Stimmen der Betroffenen (Jede wichtig, jede eine zuviel!) wurden in unserer von den Medien verzerrten Wahrnehmung potenziert. Wenn Tausende (waren es überhaupt soviele?) sich zu Wort melden, müssen ja praktisch alle betroffen sein!
    An diesem Beispiel lernen wir nichts über neue Formen gesellschaftlicher Debatten. Wir erkennen daran nur einmal mehr, wie Abhängig unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit von der medialen Darstellung ist, wie leicht wir uns selbst durch stereotype Schlagzeilen manipulieren lassen, wenn sie denn nur von genügend Titelblättern und Fernsehsendungen wiederholt werden.

  10. @Dirk – Nur, dass alle die Punkte und Einwände, die du da aufzählst, im Rahmen der von mir skizzierten Debatte auch ausführlichst diskutiert worden sind mit allen Fürs und Widers :)

  11. PS Dirk – Der Neuigkeitswert des Ganzen bestand übrigens nicht darin, dass es sexuelle Übergriffigkeit (in nicht genau zu bestimmendem Ausmaß) gibt, das ist kalter Kaffee. Die Neuigkeit war, dass sehr viele Frauen in einflussreichen Positionen (Stern-Reporterinnen zum Beispiel) nicht mehr bereit sind, das “durchgehen” zu lassen. Das ist aber leider in den Mainstreammedien zum allergrößten Teil nicht diskutiert worden, weil sie diesen Knackpunkt nicht verstanden haben (außer ein bisschen Anne Will).

  12. Dass das Fernsehen in der Debatte bislang schlecht aussieht und dabei irgendwie auch überbewertet wird, liegt auf der Hand.
    Du erklärst das mit dem Ansatz der Talkshows (um die es hier hauptsächlich geht), ein breites Spektrum an Positionen darstellen zu wollen. Ich glaube nicht, dass es nur daran liegt, wie weit die Extrempositionen auseinander sind. Talksendungen sind in der Regel per se nicht lösungsorientiert. Sie folgen keinem Konzept, das es erzwingt, in irgendeiner Sachfrage weiterzukommen. Die Variante, die eigene vorgefertigte Meinung nicht zu ändern, ist da zu einfach.
    Meistens sind die Fragestellungen zu weit gefasst, so dass die Möglichkeit besteht auszuweichen. Solange die Einleitung „aber es geht hier doch gar nicht um…“ zulässig ist, ist das auch sehr bequem. Dann ist das Thema im aktuellen Fall immer noch so komplex und vielschichtig, dass selbst bei einer Sechs-Menschen-90-Minuten-Sendung auf jede_n Teilnehmer_in nur jeweils 15 Minuten Redezeit entfallen.
    Es wäre möglich, innerhalb des Mediums einen Diskurs so zu organisieren, dass etwas herauskommt, allerdings bedarf es dazu anderer Formate. Als Beispiel, wie sowas gehen kann, fällt mir eine ZDFlogin-Sendung von vor zwei Wochen ein, wo Anatol Stefanowitsch und ein „Sprachschützer“ die Fragestellung vorgelegt bekamen, ob die deutsche Sprache gesetzlich zu schützen sei. Da gibt es also nur eine Fragestellung und zwei Hauptprotagonist_innen. Im genannten Beispiel ist innerhalb der 60 Minuten die Mehrheit gekippt, weil das Format erlaubte, eine sachliche Argumentation aufzubauen und die Fragestellung klar genug war, dass nicht um den heißen Brei herumgeredet wird.
    Das wär also auch mal eine Ergebnis der bisherigen #Aufschrei-Debatte: Fragen und Aufgaben müssen klar und eindeutig formuliert sein und es ist darauf zu bestehen, dass von der Ausgangsfrage nicht abgewichen wird.

  13. Leider ging es in dieser Diskussion wieder zu sehr um den Machtkampf zwischen Mann und Frau und eben nicht darum, gegenseitigen Repekt zu fordern. Die Diskussion ist auch viel zu schnell eskaliert. Erst ging es um (Alltags-)Sexismus, aber in kürzester Zeit wurden daraus sexuelle Übergriffe (und damit Straftaten).

    Natürlich hängen beide zusammen, aber über Straftaten muss man nicht mehr diskutieren. Eine Straftat gehört verhindert und bestraft.

    Sexismus ist dagegen viel schwieriger und vielschichtiger. Findet eine Frau einen Mann attraktiv, lässt sie sich Blicke auf den Busen vermutlich eher gefallen, als beim Gegenteil. Ab wann wird Flirten zum Sexismus? Sobald jemand “Nein” sagt?

    Hier hätte man gegenseitigen Respekt fordern müssen und auch über die schwierige Abgrenzung diskutieren können. Vielleicht hätten beide Seiten mehr Verständnis über die schwammige Trennlinie zwischen gut und böse verstehen können.

    So aber wurde es ein Kampf zwischen Mann und Frau. Männer waren grundsätzlich Täter und hat sich mal jemand in die Diskussion eingemischt und darauf hingewiesen, dass auch Männer Opfer sind, wurde er sofort nieder gemacht. Als Mann hätte er dazu nichts zu sagen und wenn überhaupt, wären sexistische Sprüche oder gar Handgreiflichkeiten von weiblichen Kegelclubs ja gar nicht so schlimm und häufig. Ausserdem sollte man sich nicht so anstellen, man sei ja ein Mann und müsste das abkönnen. Es sollte einem sogar noch Spaß machen.

    Vielen Dank. Besser hätte man mir nicht zu der Erfahrung “ab wann wird es Sexismus” verhelfen können.

  14. “Die Neuigkeit war, dass sehr viele Frauen in einflussreichen Positionen (Stern-Reporterinnen zum Beispiel) nicht mehr bereit sind, das “durchgehen” zu lassen.”

    das ist doch keine neuigkeit. seit jahren oder jahrzehnten lassen frauen sowas nicht mehr durchgehen.

  15. DANKE! mal wieder :-) ich habe auch die Hoffnung, dass Viele sich, wenn die Debatte abflaut, sich nicht mehr an den Platz setzen, an dem sie vorher saßen. Dass da eben doch was hängengeblieben ist.

  16. Ich finde es schade, dass es ein solches “Aussperren” immer noch gibt. Es mag für einige ganz gut sein, wenn man eine eigene Meinung entwickeln kann, ohne gleich zuviel vorgeknallt zu bekommen, aber so entstand häufig auch kein Eingehen auf die Argumente des anderen, sondern nur ein Auflisten von Gegenpositionen, ohne das man diese wirklich diskutiert hat.

    Ich stelle in Teilen des Feminismus eh eine Tendenz fest, die eigene Meinung der Kritik zu entziehen – ich finde die Diskussion immer noch sinnvoll, selbst wenn man den anderen nicht überzeugt hinterfragt man doch zu einem gewissen Teil die eigenen Argumente.

    Meine Ansicht ist, dass ein solches Thema auch niemals von einem Geschlecht und nur aus dessen Perspektive gelöst werden kann. Man muss immer versuchen auch die Perspektive des anderen einzunehmen.

  17. Pingback: Viel Lärm um die Gegengerade trotz Nullnummer #FCSP – Energie Cottbus « KleinerTods FC St. Pauli Blog

  18. Pingback: Was vom Aufschrei übrigblieb | Anarchistelfliege

  19. Reblogged this on SCHLEUDERGANG und kommentierte:
    Was für mich bleibt: Man kann über twitter Themen diskutieren, die komplexer sind als 9Gag-Bilder. Aber ohne Zeitungsartikel fehlt ihnen die inhaltliche Tiefe und ohne Blogbeiträge die emotionale Bedeutung. Wie schön, dass es im freien Netz für alle Teilbereiche einer Diskussion genug Raum gibt.
    Es lebe das Netz!

  20. Pingback: Was vom #aufschrei übrig bleibt | 1972

  21. *“Wie damals bei Brüderle” werden Journalistinnen – und andere – ab sofort unweigerlich denken.*

    Auch Politiker werden sich das in Zukunft denken (müssen) und es Journalistinnen nicht einfacher machen, Interviews zu bekommen.

    Die Zeiten, in denen frau im Dirndl um Mitternacht in der Hotelbar auf Zitatejagd gehen kann, ohne dabei brüsk zurückgewiesen zu werden, sind wohl vorbei.

  22. Pingback: Aufgelesen … Nr. 31 – 2013 | Post von Horn

  23. Reblogged this on stadtundnatur und kommentierte:
    Die Gender-Debatte ist kein Nischen-Thema, doch sind alle daran beteiligt, wenn GeschlechterDemokratie nicht tägliche Übung ist. Ist doch egal und zu umständlich, wenn z.B. nur von Bürgern statt von Bürgerinnen und Bürgern oder Kurzform BürgerInnen gesprochen wird, höre ich von den Personen, die täglich viel öffentlich reden. Ohne Worte.
    Gisela Becker stadtundnatur.wordpress.com

  24. Pingback: #Aufschrei – analog und politisch | Aus Liebe zur Freiheit

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