Der (zweifelhafte) Nutzen von Statistik

Der erste Workshop, den ich bei der IAFFE-Konferenz besuchte, hatte das Thema „Gendered Fields: Women’s Labor in Agriculture“ und bestand vor allem daraus, dass Feldstudien vorgestellt wurden: Els Lecoutere sprach über den Zusammenhang zwischen veränderten Geschlechterrollen und einer Intensivierung der Kaffeeproduktion in einem kleinen Dorf in Uganda, Jing Liu hatte die Versuche der chinesischen Kommunisten untersucht, unter der Landbevölkerung mehr Gleichberechtigung einzuführen (am Beispiel einer Landkommune in den 1970er Jahren). Billy Nyagaya stellte eine Studie vor über die geschlechtsspezifischen Unterschiede zwischen Mangoproduzentinnen und Mangoproduzenten in einem Dorf in Kenia, und Jennifer Twyman hatte untersucht, welchen Anteil das Einkommen auf die Entscheidung von Frauen und Männern in einer bestimmten Region Kolumbiens hat, in Haushalten oder auf dem Feld zu arbeiten.

Die Kurzvorträge waren alle sehr statistisch basiert, und da ich mich mit Statistik nicht sonderlich auskenne, hab ich nicht so wirklich alles im Detail verstanden. Interessant war aber anschließend die Diskussion darüber, wie solche Interviews vor Ort organisiert werden. Sollen Männer Männer und Frauen Frauen interviewen? Oder führt das zu „gender conforming“ Antworten? Sollen die Leute aus derselben Community kommen sie die Interviewer_innen (eher nicht, weil man dem Nachbarn ja über persönliche Dinge nichts erzählen will, andererseits müssen sie aber die Sprache können)…. Und so weiter. Feldforschung ist wirklich sehr komplex…

Ich habe mich allerdings gefragt, wozu solche Studien eigentlich gut sind. Denn in keinem Fall waren die Ergebnisse großartig überraschend. Solche Zahlen sind doch immer nur ein kleiner Baustein in einem sehr komplexen Gefüge. Dass zum Beispiel kolumbianische Männer mehr Geld angeboten kriegen müssen, um von der Feldarbeit zur Hausarbeit zu wechseln als Frauen ist doch keine Überraschung (überraschend höchstens für Leute, die an den Homo Oeconomicus glauben, denn kolumbianische Männer entscheiden über ihre Erwerbsorientierung offenbar höchst irrational: Selbst wenn sie dort ein Vielfaches verdienen würden, würden sie nicht von der Feldarbeit zur Hausarbeit wechseln).

Interessant fand ich auch die Mango-Studie aus Kenia. Denn einerseits gab es das erwartbare Ergebnis, dass Frauen, die Mangos produzieren, nicht so gute Preise erzielen wie die Männer und häufiger von Zwischenhändlern abgezockt werden. Und natürlich ist es gut, wenn so eine Studie dazu dient, Programme anzustoßen, die Frauen besser über Marktpreise und Absatzmöglichkeiten informieren und so weiter. Andererseits fand ich die Unterschiede nun auch wieder nicht so dramatisch groß, vor allem angesichts der Tatsache, dass laut Billy Nyagaya die Mangoproduktion in dieser Region eine historisch männliche Tätigkeit ist.

Whatever: Ich bleibe bei meiner Meinung, dass Studien und statistische Untersuchungen überbewertet werden. Und dass es durchaus ein Problem ist, dass solche „empirische“ Forschung mit viel mehr Geld gepampert wird als analytische, spekulative, ideenproduzierende Arbeiten.

 

Vom Kolonialismus zur Care-Migration – Keynote von Joan Tronto

Hier Teil 2 meiner Notizen zum IAFFE-Kongress in Berlin: Über die Keynote von Joan Tronto über die globalen Aspekte von Care. Tronto ist Professorin an der University of Minnesota und eine Pionierin der feministischen Forschung zum Thema Care. Dabei besonders interessant für mich, weil sie dabei ökonomische und politische  Fäden zusammenbringt (ihr jüngstes Buch heißt zum Beispiel „Caring Democracy“ und ich habe es unverzeihlicherweise noch nicht gelesen).

In ihrer Keynote stellte sie die Frage, die hier im Blog auch schon vorkam, nämlich: Wer macht die unbeliebten Arbeiten? Dabei zog sie eine Linie von der Kolonialisierung zur heutigen Care-Arbeits-Migration. Erstmal in Zahlen: 300 Millionen „zählbare“ globale Care Workers gibt es weltweit, dabei sind aber noch nicht mitgezählt Flüchtlinge, die teilweise ebenfalls Care Arbeit leisten (aber eben nicht speziell zu diesem Zweck migriert sind), sowie inländische Care-Migrant_innen, wenn also zum Beispiel Care Workers aus ländlichen Bereichen Chinas in chinesische Städte gehen.

IMG_5382Zur Theorie: Tronto verfolgte die Wurzeln der heutigen Care Thematik zu den Anfängen der Moderne zurück, erstmal zu „Utopia“ von Thomas Morus. In seinem Entwurf für eine egalitäre, utopische Gesellschaft beantwortete er die Frage, wer denn dort die unbeliebten Arbeiten macht, mit: Sklaven. Aber die Sklaven kämen eben ja freiwillig nach Utopia, weil in ihren Herkunftsländern so schlechte Lebensbedingungen wären, dass es ihnen selbst als Sklaven in Utopia noch besser gehe als zuhause. Ring some bells!

Zweite Wurzel: Der westliche Diskurs über Arbeitsteilung. Die Kolonialisierung wurde häufig damit gerechtfertigt, dass der Westen den „Wilden“ die Zivilisation bringe. Gleichzeitig waren westliche Ökonomen der Ansicht, eine fortgeschrittene Arbeitsteilung sei ein Zeichen für Zivilisation (Adam Smith’s famous pin factory, vor allem aber vertrat Durkheim diese Auffassung). Und natürlich ist es eine tolle Arbeitsteilung, wenn die die einen Bücher schreiben und die anderen den Dreck wegputzen. „Zivilisatorischer Fortschritt“ und die Auslagerung von Care-Arbeit an „tieferstehende“ Menschen haben also eine logische gemeinsame Wurzel in einer verqueren westlichen Vorstellung von Ökonomie. Somit ist die Versklavung anderer Menschen auch eigentlich keine Verirrung der europäischen Moderne, sondern hängt mit ihr logisch zusammen.

Die heute übliche Rede von den „Globalen Care Ketten“ kritisierte Tronto ein bisschen, weil dabei oft die Vorstellung mitschwinge, dass der „richtige“ Platz einer Mutter bei ihren Kindern sei – das ist natürlich auch das Argument, mit dem sich am Mainstreamdiskurs am besten anschließen lässt. Aber der entscheidende Punkt ist natürlich nicht die Frage, wo der „richtige“ Ort einer Frau ist, sondern wo der Ort ist, an dem sie selbst sein möchte. Ein Kriterium, so Tronto, sei es, zu untersuchen, ob Menschen freiwillig und in Kenntnis aller Umstände migrieren, oder ob sie dazu gezwungen sind. Und zwar nicht nur gezwungen durch Armut und politische Umstände, sondern es müsste auch untersucht werden, wer in den betreffenden Familien eigentlich die Entscheidung trifft, ob eine Frau ins Ausland geht (zum Beispiel eine Tochter).

Und, wie eine Teilnehmerin aus Uganda anfügte, ob die Vermittlungsagenturen mit offenen Karten spielen. Viele junge Leute würden aus Afrika mit falschen Versprechungen abgeworben, aber wenn ihnen dann klar wird, dass sie in Europa nicht das vorfinden, was sie erhofft hatten, könnten sie oft nicht mehr zurück, weil sie all ihren Besitz verkauft und Beziehungen abgebrochen hätten.

Aber auch für die „Importeure“ von Care-Arbeit in Europa und USA sieht Tronto Gefahr: „Was wird aus Kindern, die in dem Bewusstsein aufwachsen, dass sie ein Recht darauf haben, von anderen versorgt zu haben?“ Sie gewöhnen sich daran, dass es eine „minderwertige“ Sorte von Menschen gibt, die nur teilweise politische und soziale Rechte haben, was die demokratische Grundbasis zerstört.

Neben der Antwort „Sklaven“ hat die westliche Philosophie freilich noch zwei andere Antworten auf die Frage gegeben, wer denn die unbeliebten Arbeiten tun soll, nämlich „Technologie“ (John Stuart Mill) oder „Vergesellschaften und Industrialisieren“ (Engels, aber auch z.B. Angela Davis). Beide Antworten erfreuen sich bis heute unter Linken recht großer Beliebtheit. Joan Tronto fragt was anderes: Ist Effizienz wirklich der richtige Maßstab, um Care Arbeit zu organisieren?

Sie fordert stattdessen eine demokratische Care-Politik, was bedeutet: Zuständigkeiten für Care-Arbeit zuweisen und die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass die Menschen diesen Verantwortlichkeiten auch nachkommen können. Sie meine damit nicht eine vollständige Gleichverteilung (sondern? Ich vermute: Eine sinnvolle, da könnte ich mit leben). Kurzfristige politische Ziele könnten sein: Arbeitsrechte für Care-Arbeiterinnen installieren, keine Formen von „teilweiser“ Citizenship dulden, neue Arten entwickeln, um ökonomischen Gewinn und Wohlstand zu definieren.

Ich fand den Vortrag sehr gut, würde allerdings anmerken, dass das System der „Abwälzung“ der Care Arbeit auf „Andere“ deutlich älter ist als der Kolonialismus. Sklaverei gab es ja auch schon in der Antike, und auch im Mittelalter haben nicht alle Leute ihre Dreck selber weggeputzt. Just saying…

Staatsfeminismus und Care Revolution

Betreuungsgeld und Ehegattensplitting sind schlecht, Quotenregelungen und betriebliche „Vereinbarkeitsmaßnahmen“ sind gut?

kritikdesstaatsfeminismusEine klare Gegenposition zu solchen gängigen Ansichten vieler Feministinnen (und auch anderer) nehmen Lilly Lent und Andrea Truman in ihrem Essay „Kritik des Staatsfeminismus“ vor.

Das kleine Büchlein liest sich wohltuend konkret. Seine Grundthese lautet: Solche als Feminismus ausgegebenen Maßnahmen dienen letztlich dazu, die Ausbeutung der Arbeitskraft – und neuerdings eben auch die von Frauen – im Interesse „des Kapitalismus“ besser zu organisieren. Feministisch sei da dran gar nichts.

In vielem stimme ich zu, ich habe ja selbst schon zu Elterngeld, Ehegattensplitting, Kita-Politik und so weiter gebloggt und bin dabei zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Ich empfehle jedenfalls allen, die sich mit solchen Themen beschäftigen, das Büchlein zu lesen und sich mit den dort angeführten Argumenten auseinander zu setzen.

Das heißt natürlich nicht, dass man mit allem einverstanden sein muss. Ich finde zum Beispiel den engen marxistischen Interpretations- und Analyserahmen schwierig. Vieles von dem, was heute unter „Care-Arbeit“ läuft, lässt sich meiner Ansicht nach nicht wirklich in der Logik von „Reproduktion“ verstehen. Sicher, die Lebensverhältnisse sind wesentlich vom Kapitalismus geprägt. Aber es gibt meiner Meinung nach in all dem noch mehr als Kapitalismus, andere Ressourcen, andere Paradigmen, die ebenfalls „heute schon“ wirksam sind.

Ein anderer Punkt ist die Frage nach der politischen Strategie, die Frage also: Was sollen wir denn nun sinnvollerweise tun? Diese Frage stellen Lent und Trumann nicht, sie bleiben bei der Kritik stehen (was der Qualität keinen Abbruch tut, sondern nur bedeutet, dass hier noch weiter gedacht werden muss).

Am Ende ihres Büchleins kritisieren sie explizit die Care Revolution mit dem Argument, hier würde auch wieder nur mehr Staat gefordert (mehr Kinderbetreuung, mehr Geld für Sorge Arbeiten und so weiter). Das stimmt einerseits, andererseits aber nicht, denn im Netzwerk Care Revolution sind eben ganz unterschiedliche Akteurinnen und Akteure. Sicher sind dort auch Gewerkschafterinnen oder Selbsthilfe-Initiativen, die einen eher „systemimmanenten“ Ansatz haben, es sind aber genauso gut systemkritische Gruppen und Personen dabei.

9783837630404_720x720 (1)Es geht bei der Care Revolution eben genau nicht darum, noch eine weitere, jetzt aber „richtige“ Analyse der ökonomischen Verhältnisse im Spätkapitalismus vorzulegen, sondern um „revolutionäre Realpolitik“, wie Gabriele Winker in ihrem Buch „Care Revolution“ unter Bezug auf eine Formulierung von Rosa Luxemburg ausführt. Die Praxis ist dabei, die Bedürfnisse, Interessen und Ansätze der unterschiedlichsten Aktivistinnen und Aktivisten zusammenzubringen und dann gemeinsam zu überlegen, was getan werden kann.

Von daher solltet Ihr Gabriele Winkers Buch gleich auch lesen. Sie gibt im ersten Teil eine volkswirtschaftliche Analyse der gegenwärtigen „Krise sozialer Reproduktion“, und entwirft im zweiten Teil Visionen für einen Transformationsprozess , nicht als der Weisheit letzter Schluss, sondern als Inspiration und Diskussionsgrundlage.

Und vielleicht gelingt es uns ja, als Netzwerk Care Revolution mit Lilly Lent und Andrea Truman in einen inhaltlichen Austausch zu kommen, das würde ich definitiv interessant finden.

Lily Lent/Andrea Truman: Kritik des Staatsfeminismus oder: Kinder, Küche, Kapitalismus. Bertz + Fischer, 2015 (7,90 Euro).
Gabriele Winker: Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft. Transcript, 2015 (11,99 Euro)

Erster Mai: „Tag der unsichtbaren Arbeit“

Der erste Mai als Kampftag der Arbeiterbewegung hat traditionell nur die Erwerbsarbeit im Blick, also die bezahlte Arbeit, jene Arbeit also, die den Status des echten Proletariers ausmacht. Oder, in marxistischer Terminologie, es geht am ersten Mai um die „Produktionsarbeit“, und nicht um die daraus nur abgeleitete so genannte „Reproduktionsarbeit“. Mit dieser Unterscheidung hat auch die Tradition der Arbeiterbewegung dazu beigetragen, die – größtenteils von Frauen geleistete – unbezahlte Care-Arbeit (Pflegen, Putzen, Essenkochen, Kinder versorgen und so weiter) auch in Arbeitskämpfen unsichtbar zu machen.

Dass Care-Arbeit unsichtbar ist, zieht sich dabei noch durchgängiger als Motiv durch die symbolische Ordnung, als dass sie nicht bezahlt wird. Denken wir nur an die mysteriösen „helfenden Hände“, die dafür sorgen, dass bei Festen immer genug Kuchen da ist und nie zu viel verschmutztes Zeug herumsteht, oder an die Heinzelmännchen, die ebenfalls über Nacht für Ordnung sorgen und nie gesehen werden.

Auch wenn Care-Arbeiten bezahlt werden, was heute ja zunehmend der Fall ist, sollen sie unsichtbar bleiben, nicht stören, nicht auffallen, nicht im Weg stehen. Gehörte es zu den Pflichten einer bürgerlichen Hausfrau, die Kinder ruhig zu halten, damit der Vater in seinem Arbeitszimmer nicht gestört wurde, so müssen heute Reinigungskolonnen Büros mitten in der Nacht putzen, damit die wertvollen Büroarbeiter_innen nicht bei ihrer wichtigen Arbeit belästigt und abgelenkt werden.

Arbeit, die systematisch unsichtbar gemacht wird, gerät logischerweise auch aus dem Blick politischer Verhandlungen, gilt als unwichtig, vernachlässigbar. Deshalb macht das Netzwerk Care-Revolution den ersten Mai zum „Tag der unsichtbaren Arbeit“. Geplante Aktionen in diesem Jahr sind:
*Frankfurt am Main, 9.30 Uhr, Günthersburgpark
*Berlin, 10 Uhr, Hackescher Markt
*Freiburg, 11 Uhr, Stühlinger Kirchplatz
*Hamburg, 11 Uhr, Rödingsmarkt

Außerdem ist das Netzwerk bei der 1. Mai-Demo in Berlin dabei.

 

Care-Arbeit ist ein Begriff für die Übergangszeit

Gerade bloggte ich drüben bei Fischundfleisch darüber, was meiner Ansicht nach ein wichtiger Grund dafür ist, warum viel weniger Mädchen als Jungen sich für (gut bezahlte) Industrieberufe interessieren: Alles, was mit (vor allem industrieller) Produktion zu tun hat, ist nicht wirklich sichtbar als etwas, das zum guten Leben aller beiträgt, sondern es steht in dem Ruf, nur dem Profit und dem Kapitalismus zu dienen. Deshalb wählen Menschen, die bei der Berufswahl vor allem auf den Sinn ihrer Arbeit Wert legen und weniger auf Geld oder Status tendenziell die so genannten “helfenden” Berufe, also Krankenschwester, Erzieherin, Altenpflegerin und so weiter – mehr Frauen als Männer, aber natürlich nicht nur.

Dass das Problem dabei nicht dieser Wunsch nach sinnvoller Arbeit ist, sondern die systematische Niedrigerbezahlung dieser Berufe, haben Feministinnen schon immer betont, obwohl gerade wieder anlässlich des Equal-Pay-Days lauter Texte geschrieben werden, deren Tenor lautet: Der Gender Pay Gap ist doch keine Ungerechtigkeit, weil Frauen ja freiwillig in die niedriger bezahlten Berufe gehen. omg.

Care-Revolution bei der Blockupy-Demo am 18. März in Frankfurt.

Care-Revolution bei der Blockupy-Demo am 18. März in Frankfurt.

Es ist ja sowieso interessant, zu sehen, wie sich die Lohnhöhe für einzelne Berufe und Tätigkeiten bemisst, und es ist jedenfalls offensichtlich, dass sie allerhöchstens sehr lose etwas mit Leistung oder mit Verantwortung zu tun hat. Auch nicht unbedingt mit Ausbildung. Aber dafür ziemlich viel mit sozialem Status. Sicherlich sind es viele und komplexe Faktoren, die dazu führen, dass die eine Arbeit so und die andere so bezahlt wird, aber dieser Punkt scheint mir jedenfalls EIN Faktor zu sein: Der Sinn einer Arbeit steht in unserer derzeitigen symbolischen Ordnung quasi in einem umgekehrten Verhältnis zu ihrer Entschädigung – je sinnvoller eine Arbeit (offensichtlich) ist, umso weniger muss man dafür bezahlen, weil die Leute machen es ja wegen dem Sinn.

Dasselbe Argument habe ich bei einem früheren Equal Pay Day schonmal in Punkto “Arbeit, die Spaß macht” kritisiert. Es gibt keinen vernünftigen Grund, eine Arbeit schlechter zu bezahlen (oder sich mit weniger Honorar zufrieden zu geben), bloß weil sie Spaß macht. Ebenso falsch ist das natürlich in Bezug auf “Arbeit, die sinnvoll ist”. Gerade eine sinnvolle Arbeit ist doch mehr wert als eine sinnlose und sollte entsprechend auch besser bezahlt werden.

Nun aber zurück zu der Frage: Woran bemisst es sich denn überhaupt, ob eine Arbeit sinnvoll ist?

An dieser Stelle möchte ich einen kritischen Blick darauf werfen, wie wir derzeit über “Care-Arbeit” diskutieren. Mit “Care-Arbeit” werden in der Regel die klassischen Fürsorgearbeiten bezeichnet, also Pflegen, Erziehen, Betreuen, Versorgen und so weiter, die teilweise privat in Haushalten, teilweise schlecht bezahlt in Institutionen, teilweise prekär in informellen Arbeitsverhältnissen geleistet werden.

Es war wichtig, diese Tätigkeiten zunächst erst einmal als “Arbeit” ins Bewusstsein zu holen – vor dem Feminismus galten sie irgendwie als etwas, für deren Erledigung die weibliche Natur mysteriöserweise von selbst sorgt. Erst durch ihre Sichtbarmachung seitens der Frauenbewegung können unbezahlte Care-Arbeiten heute als Teil der Volkswirtschaft, als Teil der Ökonomie gesehen werden (was freilich nicht heißt, dass das auch alle tatsächlich tun).

Problematisch ist es aber, wenn nun erneut ein Gegensatzpaar entsteht, nämlich das zwischen “guter Care Arbeit” und “böser Industriearbeit”. Oder zumindest darf diese Unterscheidung nicht entlang der Art der Tätigkeiten gezogen werden. Ob eine Tätigkeit “Care” ist, also etwas, das “wirklich, wirklich sinnvoll” ist, das bemisst sich nicht daran, welchen Inhalt diese Tätigkeit hat, sondern darin, in welchem “Geist” sie erledigt wird. Ist der Maßstab dabei das gute Leben aller, das, was die Allgemeinheit braucht und was gut für die Welt wäre? Das, was notwendig ist? Oder ist der Maßstab ein anderer, zum Beispiel, wie viel Profit sich herausschlagen lässt?

“Wirtschaft ist Care” hat Ina Praetorius ihr Buch zu dem Thema betitelt, das jetzt bei der Heinrich Böll Stiftung erschienen ist und kostenlos bestellt oder heruntergeladen werden kann. Die ganze Wirtschaft ist Care, nicht nur der Teil von ihr, der mit helfen, putzen, pflegen, erziehen und so weiter zu tun hat.

Von daher ist “Care” vielleicht weniger ein Substantiv, als vielmehr ein Adjektiv. “Care-Arbeit” ist eigentlich ein Begriff für eine Übergangszeit. Denn “Care-Arbeiten” bezeichnen nicht ein bestimmtes Spektrum von Tätigkeiten, sondern sie bezeichnen eine Qualität, die dem Arbeiten zukommen müsste, aber ihm leider nicht immer zukommt. Jede Arbeit sollte “Care-Arbeit” sein.

Und ich wette, dann würde es auch besser mit den “Frauen in Männerberufen” klappen, aber das nur nebenbei.

Noch zum Thema: Die Männer und das liebe Geld. 10 Thesen zum Equal Pay Day.

Den Markt dem Kapitalismus entziehen

Drüben im 10 vor 8-Blog habe ich heute etwas über den Markt geschrieben, das ich hier noch um einen Aspekt ergänzen möchte, den ich dort nicht untergebracht habe, nämlich dass es auch eine feministische Strömung gibt, die den Markt ablehnt, und zwar im Umfeld der Gift-Economy.

Während mir manche auf meinen Artikel hin vorgeworfen haben, ich würde einen falschen Gegensatz zwischen Frauen und Männern in Bezug auf den Markt aufmachen, würden diese Theoretikerinnen vermutlich kritisieren, dass mein Gegensatz nicht deutlich genug ist: dass vielmehr das “weibliche” Wirtschaften grundsätzlich anders funktioniere als das männliche, nämlich nicht auf Tausch basierend, sondern auf dem Schenken, dem Geben ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten.

Das ist meiner Ansicht nach aber nur die andere Seite derselben Medaille. Meiner Ansicht nach sind Schenken und Tauschen nicht zwei einander ausschließende Prinzipien, sondern das Schenken ist sozusagen eine Untervariante des Tauschens.

Wenn ich hier das “Marktprinzip” verteidige, dann weil ich glaube, dass es ein Kontinuum gibt, dessen eines Extrem das völlig uneigennützige Schenken ist, und dessen anderes Extrem das exakt auf ein genaues Äquivalent ausgerichtete Austauschen ist, wo also der Gegenwert dessen, was ich gebe, exakt dem Wert dessen entspricht, was ich bekomme.

Ich gebe Dorothee Markert recht, die in ihrem Büchlein “Fülle und Freiheit in der Welt der Gabe” darauf hinweist, dass es wichtig ist, zwischen beidem zu unterscheiden und Geschenke nicht mit Tauschwaren zu vermengen, sich also in einer konkreten Situation bewusst zu machen, ob man sich im Bereich des Schenkens oder des Tauschens bewegt. Und dass dies eine Kulturpraxis ist, die wir viel zu wenig geübt haben, was zu viel Durcheinander, Konfusion und Ärgernissen führt – insbesondere weil die gängigen Wirtschaftstheorien dem Geben im Unterschied zum Tauschen praktisch keinerlei Beachtung schenken (haha).

Allerdings bin ich auch der Ansicht, dass diese begriffliche Unterscheidung nichts daran ändert, dass beides in der Realität doch immer vermischt vorkommt, dass also die Extreme “reines Schenken” und “reines Tauschen” nur äußerst selten vorkommen, sondern sich die meisten Interaktionen irgendwo auf dem Kontinuum zwischen beidem ansiedeln.

In meiner Rezension zu Dorothees Büchlein schreibe ich:

So kommt selten ein Geschäft völlig ohne eine »Gabenebene« aus – wenn etwa zusätzlich zum Honorar auch ein Strauss Blumen überreicht wird oder ich für einen Auftrag mehr Zeit aufwende, als vom Honorar eigentlich abgedeckt wäre. Und auch das Geben und Schenken enthält eine Verhandlungsebene, zumindest die mit mir selber darüber, ob ich – zum Beispiel bei fehlender Wertschätzung und Dankbarkeit für meine Gaben – in Zukunft noch weiter schenken will.

Der Markt steht für mich genau für dieses “Mischmasch”, bei dem eben über alles verhandelt wird und nichts feststeht, schon gar nicht ein objektiver “Wert”, den eine Sache hat.

Was jedenfalls ganz falsch wäre, das ist, die Alternative “Tauschen/Schenken” in Maßstäben von “schlecht/gut” zu diskutieren, denn – und da hat Dorothee unbedingt recht – es kommt auf die jeweilige Situation an. In manchen Situationen ist Tauschen richtig und in anderen falsch, und in manchen Situationen ist Schenken angemessen und Tauschen falsch.

Über dieses Thema haben wir auch beim Schreiben des ABC des guten Lebens viel diskutiert und gestritten, worauf wir am Ende gekommen sind, steht in den Artikeln Tausch und Gabe.

Ebenfalls in dem Zusammenhang von Interesse ist eine Folge des Podcasts Besondere Umstände, bei dem ich mit Benni genau über das Thema Tauschen diskutiere (wobei er es ablehnt, ich es verteidige).

PS: Ebenfalls fehlt in dem FAZ-Artikel die genaue Quelle meiner Inspiration, nämlich das neue Buch von Annarosa Buttarelli. Es heißt “Sovrane” (Souveräninnen) und ist eine Ausarbeitung ihres gleichnamigen Artikels aus dem Buch “Macht und Politik sind nicht dasselbe”. Leider gibt’s das nicht auf Deutsch, ich habe es grade ausgelesen und hoffe, demnächst darüber mehr zu schreiben. Ein bisschen mehr über Buttarellis Thesen zu weiblicher Souveränität gibt aber schonmal hier.