Weniger Marx, mehr André Léo

In diesem Jahr wird die Erste Internationale 150 Jahre alt. Da ich (vor 15 Jahren) meine Dissertation über die politischen Ideen von vier feministischen Sozialistinnen schrieb, die sich in der Internationale engagiert haben, fahre ich im Juni zu einem Jubiläums-Kongress in Paris.

Dass ich eingeladen wurde, obwohl ich an keiner Uni arbeite und auch seit meiner Diss mich nicht weiter mit der Internationale beschäftigt habe, freut mich natürlich, anderseits aber heißt es wohl auch, dass niemand sonst seither über Frauen in der Internationale geforscht hat (da ich die Veranstalter nicht kenne, nehme ich an, sie haben mich gegoogelt).

Wie auch immer, da es lange her, dass ich mit dem Thema zu tun hatte, dachte ich, es sei wohl keine schlechte Idee, mein Wissen vorher nochmal ein bisschen aufzufrischen. Und so las ich in den vergangenen Tagen die Biografie „André Léo (1824-1900), la Junon de la Commune“ von Alain Dalotel. André Léo (ihr Künstlerinnen-Name, zusammengesetzt aus den Vornamen ihrer Söhne André und Léo) ist eine von „meinen“ Frauen, aber da das Buch erst 2004 erschienen ist, kannte ich es damals noch nicht.

(Léos Geburtsname war Léodile Béra, verheiratet hieß sie dann Champseix. Ihren zweiten Mann hat sie nicht mehr offiziell geheiratet, von daher musste sie den Namen nicht nochmal ändern. Wahrscheinlich ist über Frauen bloß deshalb so wenig geforscht wurden, weil niemand Lust hatte, sich immer durch diesen Namenswirrwarr zu arbeiten; bei Männern ist das viel einfacher, die heißen von Geburt bis Tod immer gleich.)

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Ich war sehr erstaunt darüber, wie sehr es mich berührt hat, jetzt nochmal über André Léos Leben zu lesen, und vor allem auch ihre Texte wieder zu lesen, die in der Biografie ausführlich dokumentiert sind. Vor 15, 16, 17 Jahren, als ich mich zuerst mit ihr beschäftigte, fand ich sie nämlich ein bisschen „langweilig“ – jedenfalls langweiliger als andere von mir erforschte Aktivistinnen, speziell die Tabubrecherin Victoria Woodhull.

Während Woodhull von freier Liebe predigte, keinen Skandal scheute und man beim Nachverfolgen ihres Lebens von einem „Oha“ ins nächste „Wow“ schlingert, war Madame André Léo in meinen Augen eben das – eine Madame. Sie hatte, so schien mir, kein aufregendes Leben und vor allem keine aufregenden Positionen.

Okay, sie brachte als Witwe mit Schriftstellerei und Journalismus sich selbst und zwei kleine Kinder durch, gründete die erste Frauenrechtsvereinigung Frankreichs, war eine Aktivistin der Pariser Kommune, musste dann ins Ausland fliehen, stritt mit den Anarchisten gegen die Okkupation der Internationale durch Marx und Engels, lebte mehrere Jahre im Exil in der Schweiz und Italien, hatte eine mehrjährige Liebesbeziehung mit einem deutlich jüngeren Mann, und schrieb auch mit über siebzig noch Bücher.

Aber trotzdem fand ich sie irgendwie langweilig, damals. Alles, was sie schrieb, schien mir so besonnen und bedacht. Nicht falsch, aber auch nicht mitreißend. Selbst wenn sie anarchistische Positionen vertrat, war das nicht mitreißend, sondern nur klug und richtig. Da war keinerlei Polemik, nur strikte Analyse mit pädagogischem Anliegen. Nicht wie eine Kämpferin schrieb sie, eher wie eine Mutter, die ihren Kindern gute Ratschläge gibt.

Umso erstaunter war ich, dass ich dieselben Texte jetzt ganz anders las. Vielleicht liegt es daran, dass ich inzwischen genauso alt bin wie sie damals war, sogar noch ein bisschen älter (André Léo war während der Pariser Kommune, also Frühjahr 1871, 47 Jahre alt), während ich vor 15 Jahren so alt war wie Victoria Woodhull (nämlich Anfang 30). Maybe age matters doch.

Aber ich glaube, es ist noch was anderes, nämlich dass nicht nur ich mich geändert habe, sondern auch die Welt drumherum. In den Neunzigern hatten wir vieles noch nicht gehabt: Es war noch vor dem 11. September, es gab noch kein Gerede vom Clash of Civilizations und keine Anti-Terror-Hysterie. Der Zusammenbruch des Sozialismus nach Sowjet-Modell war gerade erst passiert, und viele (ich jedenfalls) waren noch guter Hoffnung, dass danach etwas Besseres kommen könnte, so eine Art „guter Sozialismus“.

Ich hatte damals nicht vorhergesehen, dass es hingegen zu einer fast absoluten, weltweiten Herrschaft des Kapitalismus kommen würde (oder wie immer wir dieses System nennen wollen, nach dem heute die Welt strukturiert wird). In den Neunzigern gab es noch die Idee, zumindest als Absichtserklärung auch bei Politikern und Wirtschaftsbossen, dass Fortschritt dazu führen wird, dass es allen immer besser geht. Inzwischen wird ganz ungeniert davon ausgegangen (und werden auch offen in diesem Sinn Entscheidungen getroffen), dass es natürlich manchen Leuten schlechter gehen muss, immer schlechter, und verkauft wird das mit der Drohung, dass es ihnen andernfalls eben noch schlechter gehen wird.

Inzwischen ist, sogar auch in Europa wieder, vom Überleben die Rede, das leider eben nicht für alle Menschen gesichert werden kann, zum Beispiel nicht für Rentnerinnen in Griechenland, die kein Geld für Heizung haben, oder nicht für Menschen aus Afrika, die eben dann zuhause verhungern müssen, oder auf dem Mittelmeer ertrinken.

In den Neunzigern hatten ich noch nicht so klar das Wiederentstehen einer Klasse von Dienstbot_innen vorhergesehen, war mir noch nicht so klar, dass es darauf hinausläuft, dass die reichen Industriestaaten praktisch ihre gesamte Pflege- und Fürsorgearbeit und auch einen Großteil der Hausarbeit an Frauen und zunehmend auch an Männer übergeben würden, die prekär, illegal und zu billigsten Löhnen diese Arbeit machen, was ja nur möglich ist aufgrund eines enormen Wirtschaftsgefälles zwischen Deutschland und diesen Ländern. Die anderen müssen arm bleiben, damit sie bereit sind, für niedrige Löhne zu arbeiten, sonst lohnt sich der Deal für die Reichen ja nicht. Mir war nicht klar, wie deutlich auch die westlichen Industriestaaten wieder zu einer offenen Klassengesellschaft werden würden.

Mit anderen Worten: Manchmal habe ich den Eindruck, wir sind vom 20. nicht ins 21. Jahrhundert gekommen, sondern zurück ins 19., was die gesellschaftlichen Verhältnisse betrifft.

Jedenfalls fand ich in den Texten von André Léo, die ich damals eher von historischem Interesse fand, beim jetzigen Wiederlesen eine unglaubliche Aktualität. Zum Beispiel, wenn sie als wichtigste Aufgabe der Internationale die Schaffung einer länderübergreifenden Solidarität und Zusammenarbeit der Arbeiterinnen und Arbeiter sieht – zum Beispiel bei Kriegen wie dem französisch-preußischen Krieg oder auch bei Arbeitsmigration, die schon damals eingesetzt wurde, um das Lohnniveau zu drücken.

Deshalb twitterte und facebookte ich neulich, dass wir eigentlich dringend wieder eine Internationale Arbeiter-Assioziation bräuchten. Denn wo ist denn die Solidarität zwischen russischen und ukrainischen Arbeitern? Wo ist die Solidarität zwischen deutschen und griechischen Menschen, die von Armut betroffen sind? Wo ist die Solidarität zwischen europäischen und afrikanischen Menschen, die ums Überleben kämpfen? Das alles gibt es praktisch nicht.

Ich habe auch keine Idee, woher man die jetzt so schnell herbekommen könnte, aber ich glaube, es wäre nötig, wieder so etwas wie „Klassenbewusstsein“ zu kultivieren und zu pflegen. Denn diejenigen, die von den gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Entwicklungen arm und rechtlos gemacht werden, verorten sich selbst doch eher anderswo, über Nationalität, über Religion, über Kultur und so weiter. Deshalb sind die allermeisten von ihnen nicht „revolutionär“.

Auch mit diesem Problem war André Léo schon konfrontiert, und zwar war es in ihrem Kontext der Unterschied zwischen Paris und dem Land – revolutionär war man nur in Paris, auf dem Land war die Bevölkerung konservativ bis monarchistisch. Ihre Pariser Mit-Revolutionäre schauten deshalb immer etwas auf die „Landeier“ hinab, André Léo aber sagte voraus, dass eine Revolution, die von den Massen der armen Leute nicht getragen und unterstützt wird, nicht gelingt.

Ihr wichtigstes Anliegen war daher die Bildung, und damit meinte sie nicht Bildung im heutigen arbeitsmarktkonformen Sinn des Herstellens von „Employability“, sondern Bildung im Sinne von: „Wie funktioniert eine freie und gerechte Gesellschaft?“ Das ging ihrer Ansicht nur über Argumente, Überzeugen, Debattieren, Vorleben, Experimentieren. Solange die Prinzipien der Demokratie nicht in den Herzen und Köpfen der Menschen verankert sind, wird keine Revolution lange etwas ausrichten, war ihre Prognose, wobei sie unter Demokratie natürlich nicht dieses Klappergerüst von formalem Wahlrecht und repräsentativem Parteienproporz meinte, das wir heute haben, sondern eine Gesellschaftsform, die tatsächliche Partizipation aller bei der Entscheidungsfindung ermöglicht.

Deshalb stieg sie auch aus dem Anarchismus in dem Moment aus, wo dort mit dem Bombenschmeißen begonnen wurde: Nicht, weil sie prinzipiell etwas gegen den Einsatz von Gewalt hatte – sie hatte ja schließlich auch die militärische Verteidigung der Kommune gutgeheißen – sondern weil diese Attentate genau das Gegenteil von dem erreichten, was ihr vorschwebte: Sie trieben die Bevölkerung direkt in die Arme der Reaktionäre.

Noch etwas anderes ließ mich beim Lesen von André Léos Biografie fast schon wehmütig werden: Die Vision eines Sozialismus ohne Marxismus. Denn Karl Marx war zwar Léos Zeitgenosse, aber damals noch nur ein Sozialist unter vielen und nicht jener große Zampano, an dem sich alle abarbeiten müssen, der er heute ist.

André Léo war eine der schärfsten Gegnerinnen von Marx, der nämlich eine völlig andere Vorstellung von der Internationale hatte als sie. Marx hatte mit dem „Kapital“ (der erste Band erschien 1867) eine sozusagen „objektive und wissenschaftliche“ Analyse des Kapitalismus vorgelegt, von der er meinte, dass sie die Grundlage für jegliches sozialistisches Engagement sein müsste – und ihm war kein Trick zu schäbig und keine Polemik zu hinterhältig, wenn sie nur dazu diente, dieses Ziel durchzusetzen. Wer objektiv und wissenschaftlich Recht hat, muss eben nicht mehr diskutieren, er kann die Gegner direkt bekämpfen oder in den Gulag stecken, so kann man doch eigentlich das politische Erbe des Marxismus kurz und knapp zusammenfassen.

Léo hingegen war der Ansicht, dass es die Aufgabe der Marginalisierten selbst sein müsste, ihre Situation zu analysieren, zu verstehen und Aktionsformen zu erfinden und zu erproben, die durchaus von Land zu Land, von Kontext zu Kontext auch unterschiedlich ausfallen könnten. Sie war nicht dagegen, dass von Intellektuellen und Gebildeten Theorien entworfen werden, ja dass sie versuchen, gewissermaßen auch „die Massen zu belehren“. Aber sie bekämpfte vehement jeden Versuch, die Internationale „auf Linie zu trimmen“, der ja auch tatsächlich nicht gelang, sondern die Internationale hingegen kaputtmachte.

Ich frage mich manchmal, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn sich der Marxismus nicht als Dreh- und Angelpunkt jeglicher Kapitalismuskritik durchgesetzt hätte, wenn es ihn vielleicht gar nicht gegeben hätte. Wenn die Arbeiterbewegung sich pluralistisch und vielfältig weiter entwickelt hätte, und wenn sie André Léos ständig eingeforderte Mahnung beherzigt hätte, dass der Zweck niemals die Mittel heiligt.

Wenn Bildung im Sinne von Analysieren, Lernen, Ideen austauschen eine alltägliche Praxis der Linken geworden (oder geblieben) wäre, so wie es André Léo vorgeschlagen hat, anstatt mit dem platten Spruch „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ solche Versuche für obsolet zu halten oder als bürgerliche Naivität zu verleumden. Wenn sich nicht alle Linken seit 150 Jahren an Marx abarbeiten müssten, also an der Frage, ob sie dafür oder dagegen sind (und natürlich waren auch immer welche dagegen, aber dieses sich Abarbeiten hat sie immer auch blockiert und gelähmt).

Ich glaube, ganz ehrlich, die Geschichte der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung wäre ohne Karl Marx besser verlaufen. Und ich bin der Meinung, wenn es heute darum geht, wieder sowas wie eine „Internationale“ zustande zu kriegen, dann müssten wir viel mehr André Léo lesen und viel weniger Karl Marx.

Drei Gründe, warum das Internet für Journalisten möglicherweise keine Verbesserung ist, für viele andere aber schon

Es ist schon ein paar Wochen her, dass Martin Giesler einen eher pessimistischen Internetartikel schrieb. Mich hat frappiert, wie unterschiedlich er und ich das Internet und speziell das Bloggen erleben, und ich überlegte mir, woher das kommen könnte. Ich glaube, der Unterschied ist, dass er das Thema aus einer journalistischen Perspektive betrachtet, ich hingegen nicht. Vielleicht sind Internet und Journalismus ja tatsächlich unvereinbar.

Diese drei Punkte finde ich dabei besonders wichtig. (Ich beziehe mich stellvertretend auf Zitate aus Gieslers Blogpost, aber ähnliche Argumente finden sich ziemlich oft in der Debatte.)

 1. Journalist_innen nennen es Arbeit, andere nicht

„Zusammengefasst arbeite ich also durchschnittlich 8.5 Stunden pro Tag für das ZDF und davor und danach noch einmal gute 4-5 Stunden an den anderen Projekten. Macht also insgesamt rund 13 Stunden pro Tag – wir nennen es Arbeit.“ 

Dass dies eine Sichtweise ist, die nur Journalisten (oder vielleicht sonst noch Irgendwas-mit-Medien-und_oder-Uni-Leute) haben können, ist offensichtlich: Wenn eine Bäckerin neben ihrem Job bloggt, käme sie nie auf die Idee, das Arbeit zu nennen. Wir nennen es nicht Arbeit, wir nennen es Engagement, Hobby, Aktivismus, Liebhaberei. Eine Tierärztin hätte nie den Anspruch, dass sie mit ihrem privaten Blog Geld verdienen muss, ein Richter nicht den Anspruch, dass er während der Arbeitszeit seine Social Media Kontakte pflegen kann. Warum haben Journalisten diesen Anspruch?

Gerade dieses Missverständnis hat übrigens gar nichts mit dem Internet zu tun. Journalisten konnten schon immer ihre politischen Ansichten in ihrer Arbeit umsetzen, bei ihnen vermischte sich Arbeit und Teilnahme am politischen Diskurs. Früher mussten sie am Gatekeeper Redaktionsleitung vorbei, heute am Gatekeeper Algorithmus. Normalsterbliche mussten schon immer sehen, wo sie blieben, wenn sie ihre Flugblätter verteilten, Diskussionveranstaltungen abhielten, Projekte gründeten und so weiter.

Für Menschen, die nicht im Journalismus arbeiten, ist das Internet also eine Erleichterung, für Journalist_innen eher nicht.

 2. Journalist_innen und andere nähern sich der Filterbubble von verschiedenen Seiten an

„Theoretisch könnte also jeder, der sich gerade einen Twitter-Account zulegt, mit einer absolut großartigen Geschichte die Aufmerksamkeit der Welt auf sich ziehen. Praktisch ist es dann doch eher so, dass auch in den sozialen Netzwerken Filterbubbles entstehen, die durch neue Formen von Gatekeepern verwaltet werden.“

Internetdiskurse finden immer in Filterbubbles statt, soviel ist klar. Und auch eine Binse. Denn: Offene Räume, in denen alles gesagt werden kann, gibt es nicht.  Jeder Blog, jedes Medium, jedes Profil interagiert immer nur mit einem bestimmten Ausschnitt von mehr oder weniger Gleichgesinnten.

Nur: Journalist_innen und andere Menschen nähern sich dieser Filterbubble von unterschiedlichen Seiten her an. Der Journalist konnte auch schon vor dem Internet seine Nachrichten und Ansichten unter die Leute bringen, und sich bei den klassischen Newsmedien sogar tendenziell „an alle Leute“ richten. Andere Menschen hingegen hatten vor dem Internet keine Publikationsmöglichkeit und daher lediglich Zugang zu einer winzig kleinen Filterbubble, nämlich ihren Bekannten, Kolleginnen, politisch Ähnlichdenkenden, Nachbarn. Selbst diejenigen, die vor dem Internet schon publizierten, erreichten mit ihren Büchern oder Artikeln in Fachzeitschriften nur einen relativ kleinen Kreis, nämlich diejenigen, die an ihren Inhalten zumindest so sehr interessiert waren, dass sie dazu ein Buch kaufen oder sich auf den Weg zu einer Veranstaltung machten. Diese Hemmschwelle ist mit dem Internet deutlich gesunken, es passiert sogar – der Google-Suchfunktion sei Dank – gar nicht so selten, dass Menschen ganz zufällig über ihre Seiten stolpern.

Von daher: Ja, im Internet kommunizieren wir alle innerhalb einer Filterbubble, nur dass diese für Journalist_innen tendenziell kleiner, für alle anderen aber deutlich größer geworden ist.

 3. Journalist_innen haben eine berufsbedingt verzerrte Vorstellung von Reichweite

„Zudem werden einem als Journalist heute Kontrollmöglichkeiten an die Hand gegeben, um zu überprüfen, welche Inhalte und welche Journalisten wie gut performen. 8 Likes für einen Artikel? Lachhaft. 4 Retweets? Fahr nach Hause! Was gut performt, entscheiden die Giganten aus dem Valley mit ihren Algorithmen.“  

Im kommerziellen Medienbetrieb werden Reichweiten noch immer in Quantität gemessen, nicht in Qualität, und unter einer betriebswirtschaftlichen Perspektive ist das vermutlich auch nicht anders möglich. Dass das zu einer abwärtstrudelnden Spirale an Qualitätsverlust führt, ist inzwischen schon vielfach bemerkt und beklagt worden.

Wer seine Publikationen hingegen nicht verkaufen muss oder will, hat die Jagd nach quantitativ messbarer Reichweite nicht nötig. Das heißt nicht, wie oft unterstellt wird, dass diese Leute nur aus Narzissmus bloggen würden. Auch hier geht es wohl den meisten um Reichweite, nur ist diese Reichweite, auf die es ankommt, qualitativer und nicht quantitativer Art. Ein Blogpost, der zwei Menschen dazu bringt, ihre Ansichten zu überdenken, hat mehr inhaltliche Reichweite als einer, der zwanzigtausend Menschen in ihren Ansichten bestätigt. In meinem eigenen Blog stelle ich fest, dass die interessantesten und differenziertesten Diskussionen nicht unter den Artikeln stattfinden, die am häufigsten geklickt werden. Und manchmal kommt es vor, dass Leser_innen meines Blogs Einsichten, die sie (möglicherweise) durch diese Diskussionen gewonnen haben, andernorts dann selbst wieder einbringen, und immer wenn ich so etwas bemerke, freue ich mich über diese „Reichweite“, die ich natürlich in keiner Weise belegen, quantifizieren oder mir sonstwie an die Brust heften kann.

Aber der Unterschied ist: Ich brauche das auch gar nicht.

Fünf Thesen zu Prostitution

Angesichts der jüngsten Debatten rund um das Thema Prostitution habe ich mal fünf Punkte aufgeschrieben, die mir in diesem Zusammenhang wichtig erscheinen und mir bei den Diskussionen fehlen. Sie beziehen sich ausschließlich auf die freiwillige Prostitution, also nicht auf Zwangsprostitution und Menschenhandel, was ein völlig anderes (und, nebenbei, wichtigeres) Thema ist.

Aber bei der Ablehnung von Zwangsprostitution und Menschenhandel sind sich ja alle einig. Uneinigkeit besteht im Hinblick auf die Einschätzung von freiwilliger Prostitution. Doch Freiwilligkeit allein ist noch kein Beweis für die Okayheit einer Handlung, es sei denn, man würde sich völlig einer neoliberalen Logik des „anything goes, Hauptsache es lässt sich damit Geld verdienen“ verschreiben. Freiwilligkeit ist nicht das Ende der Diskussion über Prostitution, sondern höchstens ihr Anfang. Denn alles, was nicht freiwillig geschieht, ist sowieso indiskutabel. Hier also meine 50 Cent.

1. Prostitution ist keine Naturerscheinung, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt

Von der Prostitution wird gerne behauptet, sie sei das „älteste Gewerbe der Welt“, was so viel bedeutet wie: Gab es immer und wird es immer geben. Aber mal ganz abgesehen davon, dass das historisch fraglich ist (Wissenschaftlerinnen wie Christina von Braun zum Beispiel argumentieren überzeugend, dass sich ihr Entstehen präzise bestimmen lässt, außerdem gibt es Gesellschaften, die Prostitution nicht kennen), ist es kein Argument dafür, dass das immer so bleiben muss. Genauso könnte man Sklaverei oder Zweigeschlechtlichkeit als Naturerscheinungen beschreiben. Wir als Menschen sind es, die darüber verhandeln und entscheiden, wie wir den Tausch von Sex gegen Geld/Materielles bewerten und handhaben möchten, eine ominöse „Natur der Sache“ hilft uns dabei nicht weiter.

2. Prostitution ist eine Möglichkeit, Einkommen zu erzielen

Prostitution ist, vor allem für Frauen, in erster Linie eine Möglichkeit, ein relativ gutes Einkommen zu erzielen, das sie anders nicht oder nur schwer erzielen können. Sie ist eine Alternative zum sonstigen Arbeitsmarkt, zur Versorgerehe, zu informeller Arbeit. Diese Möglichkeiten haben allesamt Nachteile: Für den Arbeitsmarkt braucht man Qualifikationen und Bescheinigungen, die nicht alle vorweisen können. Versorgerehe macht abhängig von einem Mann. Informelle Arbeit ist meist prekär und sehr schlecht bezahlt. Alle Maßnahmen, die rund um das Thema Prostitution vorgeschlagen und diskutiert werden, müssen deshalb die Frage nach realistischen Einkommensmöglichkeiten, Arbeitsbedingungen, sozialer Absicherung etc. ins Zentrum stellen.

3. Gesetzliche Verbote von Prostitution beschneiden die Handlungsoptionen von Frauen
Gesetzliche Verbote und Regulierungen erschweren oder verunmöglichen es Frauen, durch Prostitution Einkommen zu erzielen und beschneiden damit ihre Handlungsoptionen. Das ist meiner Ansicht nach der entscheidende Grund, warum solche Regulierungen abzulehnen sind. Frauen (und Männer), die sich dazu entschließen, Sex gegen Einkommen zu tauschen, werden in der Regel einen guten Grund dafür haben. Offensichtlich ist das für sie die beste Option, die sie angesichts der Realität, in der sie leben, wählen können. Wenn ihnen diese Option genommen wird, sei es durch Verbote, durch fehlenden Schutz, durch fehlende Infrastruktur, müssen sie logischerweise zur zweitbesten Lösung greifen, haben also konkrete Nachteile. Deshalb ist dieser Weg falsch.

4. Prostitution gründet auf einer fragwürdigen Vorstellung von Sex
Dennoch: Das Phänomen „Prostitution“ ist nur denkbar in einer Kultur, in der Sex nicht die beiderseitige Lust aufeinander zur Voraussetzung hat, sondern einseitig denkbar ist. Es muss also als akzeptabel gelten, wenn jemand, der Sex haben will, die eigene Lust mit jemandem befriedigt, der_die keinen Sex haben will – denn eine Frau, die Sex gegen Geld eintauscht, hat ja selbst auf diesen Sex keine Lust, sondern tut es, um Geld zu verdienen. Es ist natürlich prinzipiell möglich, dass wir als Gesellschaft Sex als eine solchermaßen einseitige Handlung verstehen wollen. Ich bin aber damit nicht einverstanden, weil ich hier zahlreiche Verwobenheiten mit patriarchalen Strukturen sehe, vor allem mit der Vorstellung, dass es beim Sex auf das Begehren der Frau nicht ankomme, sondern nur auf ihre formale Einwilligung – das ist ein Argument, das von vielen Männern auch bei Diskussionen um Vergewaltigung oder sexuelle Belästigung regelmäßig vorgebracht wird. Über diese Abkopplung von Sex und (weiblichem) Begehren möchte ich eine politische und kulturelle Debatte führen. Wegen der Argumente aus Punkt 3 kann die sich aber nicht an der Frage von Gesetzen und Regulierungen aufhängen.

5. Prostitution ist keine „normale Arbeit“
Deshalb bin ich auch dagegen, den Tausch von Sex gegen Geld als „normale Arbeit“ zu labeln. „Normale Arbeit“, also der Tausch von Arbeit gegen Geld, beruht auf einem System der Arbeitsteilung. Der Käufer von Arbeitsleistungen hat entsprechend auch einen Anspruch auf einen äquivalenten Tausch. Wenn also die erbrachte Dienstleistung oder das bezahlte Produkt Mängel aufweist, kann es zurückgegeben werden. All das ist vertraglich geregelt, und es gibt Dritte, die in Konflikten darüber entscheiden. Sicher ist es prinzipiell möglich, auch Sex in diesem Sinn als Ware oder als Dienstleistung verstehen. Aber ich will das nicht. Genauso wie ich der Ansicht bin, dass Sex nicht zu den „Pflichten einer Ehefrau“ gehört (auch Ehefrauen sind dem ja normalerweise freiwillig nachgekommen). Der Tausch von „Sex gegen Geld“ ist aber eigentlich nichts anderes als die kapitalistische Variante von „Sex gegen Ehesicherheit“. Ganz abgesehen davon, dass die „Normalisierung“ von Sex zu einer banalen Dienstleistung sich vermutlich auch auf die Preise niederschlägt: Wenn Sex nichts anderes ist als eine Massage oder eine Fußpflege, gibt es doch eigentlich keinen Grund, warum eine „Sexarbeiterin“ mehr verdienen sollte als ein Masseur oder eine Fußpflegerin, oder? Damit wäre aber Punkt 2 früher oder später obsolet.

(Foto: Alain Bachellier/Flickr.com)

Mein Sabbat-Experiment, erster Teil

Vor zweieinhalb Jahren bloggte ich hier, dass ich nie arbeite. Die Unterscheidung zwischen Arbeiten und Leben überzeugt mich in der Tat nicht mehr. Trotzdem hatte ich irgendwann das Bedürfnis, den ständigen alltäglichen Ablauf des Lebens mit seinen vielen Notwendigkeiten, Dringlichkeiten, Kleinigkeiten, Ablenkungen und so weiter irgendwie zu unterbrechen. Denn eine negative Seite hat das ständige Tätigsein durchaus, nämlich die, dass man immer etwas zu tun hat. Natürlich tue ich nicht ständig was, sondern tue manchmal auch nichts, aber das Nichtstun ist doch ständig mit der Möglichkeit behaftet, etwas tun zu können.

Eine heute beliebte Methode, mit diesem Trott umzugehen, ist, es auf die ständige Verfügbarkeit von Kontakten und Informationen zu schieben, die “das Internet” mit sich bringt. Daher wohl die ganzen Experimente, “das Internet” oder “das Handy” oder “den Computer” zu bestimmten Zeiten auszuschalten. Aber das finde ich zu kurz gedacht, oder zumindest funktioniert es bei mir nicht. Ich fühle mich nicht wohl, wenn “das Internet” ausgeschaltet ist. Und ich sehe auch keinen Sinn darin, die inhaltliche Frage nach der Art und Weise, wie wir bestimmte Zeiten unterscheiden, zu einer Frage zu verkürzen, welche Geräte wir benutzen oder nicht.

Bei meinen Überlegungen landete ich dann beim Sabbatgebot oder in seiner christlichen Variante, der Sonntagsruhe. Man muss sich ja vielleicht nicht alles selber ausdenken und kann mal nachprüfen, was andere sich früher zu dem Thema gedacht haben. Wie könnte also das Gebot “Du sollst den Feiertag heiligen” heute Sinn machen?

Die traditionelle Variante von “Du sollst am Sonntag nicht arbeiten” kam für mich nicht in Frage, da ich ja eben sowieso nie arbeite. Ich musste also ein anderes Kriterium finden und landete bei dem Wort “heiligen”. Heilig ist das Gegenteil von profan, weltlich also. Wäre es möglich, an einem Tag in der Woche nichts “Weltliches” zu tun? Und was könnte das bedeuten?

Ich bin dabei auf Folgendes gekommen. Ganz klar als “weltlich” habe ich alle Tätigkeiten einsortiert, die irgendwie mit “Geld verdienen” zu tun haben. Also: Alles was meine Erwerbsarbeit betrifft, alles, wofür ich bezahlt werde, auch alle damit zusammen hängenden Orga-Sachen. Die wollte ich an einem Tag in der Woche völlig sein lassen.

Schwieriger war es schon bei den unbezahlten Arbeiten. Da habe ich alles ausgeschlossen, was mit alltäglichen Notwendigkeiten zu tun hat, also Putzen, Einkaufen, Aufräumen, Reparieren, zur Ärztin gehen usw. Ausgeschlossen habe ich auch alles, was mit politischem Engagement zu tun hat:  Bloggen (und Kommentare moderieren), Sachbücher lesen, Nachrichten scannen, Veranstaltungen planen oder daran teilnehmen, zu Demos gehen….

Ein bisschen unentschieden war ich bei Dingen wie Kochen zum Beispiel. Aber gerade da hat mir die Unterscheidung von “profan” versus “heilig” weiter geholfen: Kochen ist okay, aber nicht bloß, damit es was zu essen gibt – dann lieber ins Restaurant gehen oder Reste von gestern warmmachen. Hingegen sich Zeit nehmen, um ein tolles Abendessen für Freundinnen und Freunde zuzubereiten, das ist ja alles andere als profan. Ähnlich beim Sport: Kein Fitness-Studio, kein Workout, aber gerne eine Wanderung zusammen mit anderen, ein einsamer Spaziergang oder eine gemütliche Runde Radeln. Oder Spaß haben im Schwimmbad (aber keine Bahnen schwimmen!).

Diese Unterscheidung zwischen “profan” und “heilig” hat mir sehr eingeleuchtet. Ich nahm mir vor, an einem Tag in der Woche nur noch Dinge zu tun, die “heilig” sind, also wichtig für das gute Leben, aber nicht effizient. Nicht dringend. Nicht notwendig. Sondern einfach nur schön. Manchmal auch nichts, einfach herumliegen. In Ausstellungen oder Museen gehen. Freund_innen besuchen. Alte Fotos sortieren. Spielen. Filme gucken.

Aus Praktikabilitätsgründen habe ich mir dafür den Sonntag ausgesucht, weil da eh vieles zu hat und man also sowieso manches Alltägliche gar nicht machen kann.

Das Gute an so einem Vorsatz – zumindest für “fromme” Leute wie mich – ist, dass der Bezug auf ein Sabbatgebot oder die Sonntagsruhe bedeutet, dass ich mich nicht einfach individualistisch für sowas entscheide, sondern in eine Tradition stelle. Damit ist im konkreten Fall der Rechtfertigungsdruck weg: Gott will das ja so, dass ich jetzt diesen dringenden Text nicht mehr fertig schreibe oder mein Zimmer aufräume. Ich darf das ja garnicht, es ist ja Sonntag.

Denn natürlich ist der Sonntag nicht der einzige Tag, an dem ich diese “heiligen” Dinge tun kann. Ich kann auch an jedem anderen Tag der Woche schön Kochen, einen Roman lesen, mich mit Freundinnen treffen, Nichtstun. Der Punkt ist: Am Sonntag MUSS ich jetzt sowas tun, denn ich DARF gar nichts anderes tun. Während ich Alltags natürlich schon darauf achten muss, dass die alltäglichen Notwendigkeiten auch erledigt werden.

So, das waren meine Überlegungen vor einigen Monaten. Seither habe ich das ausprobiert. Jetzt, weil ich wegmuss, der Cliffhanger: Ihr dürft raten, was dabei rausgekommen ist. Hat es funktioniert? Hat es was gebracht?

(Hier geht’s zur Fortsetzung)

(Foto: Roberto Verzo/Flickr.com)

Erkennen, was notwendig ist

Kürzlich habe ich tagelang das Badezimmer geputzt, habe Schränke ausgeräumt, Wände gescheuert, bis in die letzte Ritze, immer und immer wieder. Dabei bin ich gar nicht besonders pingelig in Bezug auf Sauberkeit. Putzen macht mir auch nicht sonderlich Spaß und bezahlt hat mich auch niemand dafür. Der Grund für meinen Arbeitseifer war etwas viel Zwingenderes: pure Notwendigkeit. Denn bei meiner Rückkehr von einer mehrwöchigen Reise hatte sich mein Bad in ein schimmeliges Feuchtbiotop verwandelt. Der Heißwasserhahn hatte die ganze Zeit vor sich hin getröpfelt, während gleichzeitig Tür und Fenster fest verschlossen waren. Selten war ich zu einer Arbeit so motiviert wie an diesem Tag….

… so beginnt mein Beitrag mit dem Titel “Erkennen, was notwendig ist”, den ich für das soeben erschienene Buch “Teil der Lösung. Plädoyer für ein bedingungsloses Grundeinkommen” geschrieben habe. Darin vertrete ich die Auffassung, dass das Erkennen dessen, was notwendig ist, die Voraussetzung für sinnvolles Tätigsein (und auch fürs Arbeiten) ist. Eine bessere Motivation jedenfalls als “Geld verdienen” oder “Spaß haben/sich selbst verwirklichen”.

Ina Praetorius hat das Buch schon gelesen und hier ein bisschen was darüber geschrieben. Lustig fand ich auch diesen Verriss in der NZZ, in dem ich mit der Aussage zitiert werde, zur Ökonomie gehöre nicht nur das Tauschen, sondern auch, Dinge ohne Gegenleistung zu bekommen. Was man dort offenbar völlig absurd findet. Wahrscheinlich sind die Redakteure der NZZ niemals Kinder gewesen, sondern von irgendwoher voll funktionstüchtig auf die Erde geplumpst, sodass sie jederzeit für sich selber sorgen konnten.

Oh, wait…

Herausgegeben haben das Buch Ronald Blaschke und Werner Rätz, erschienen ist es im Rotpunktverlag, 204 Seiten dick und kostet 17,90 Euro. Just in case.

Die oberen zwanzig Prozent

xxfactor_kleinEs ist immer unbefriedigend, wenn irgendwo von “den Frauen” die Rede ist, denn dann stellt sich ja sofort die Frage, von welchen Frauen genau die Rede ist – und von welchen nicht. Andererseits ist die Zugehörigkeit zur Gruppe der Frauen für keine bedeutungslos, auch wenn diese Bedeutung eben je nachdem unterschiedlich sein mag. Und natürlich sind alle Übergänge zwischen den einen und den anderen fließend, gibt es für alles, was über die einen oder die anderen gesagt werden kann, Ausnahmen. Die Frage, welche Unterscheidungen man in für eine bestimmte Fragestellung trifft, ist letztlich eine analytische.

Die britische Ökonomin Alison Wolf hat für ihr Buch “The XX-Factor” unterschieden zwischen dem einkommensstärksten Fünftel der Frauen und den anderen vier Fünfteln. Denn ihr ist aufgefallen, dass es in Bezug auf ihre Fragestellung – nämlich wie die Zunahme der weiblichen Erwerbsarbeit die gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen prägt – große Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen gibt. Und einige ihrer Thesen geben mir zu denken.

Wolf hat dabei eine globale Perspektive. Für Deutschland sehen manche Aspekte vielleicht ein klein wenig anders aus. Ihre These, die sie mit zahlreichen Statistiken untermauert, ist, dass im oberen Fünftel sich die Lebenswelten, die Karrierewege und die Familienplanung von Frauen und Männern inzwischen sehr weit angeglichen haben. So weit, dass sie der Meinung ist, dass man sich feministischerweise um die noch verbliebenen Unterschiede im Detail nicht mehr groß sorgen muss, weil die sich schon in Bälde von selbst erledigt haben werden.

In diesem oberen Fünftel sind die Verdienstunterschiede zwischen Frauen und Männern inzwischen sehr gering. Auch die Berufe, um die es hier geht, tendieren dazu, nicht mehr geschlechtlich geprägt zu sein. Es gibt kaum noch geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen Ärztinnen und Ärzten, Anwältinnen und Anwälten, Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern diverser Branchen. Überhaupt haben fast alle akademischen Berufe  inzwischen Frauen in ihren Reihen akzeptiert. Fast alle der hier noch aufzufindenden Unterschiede betreffen laut Wolf nicht die Top-20-Prozent, sondern die Top-1-Prozent, also die allerhöchsten Ebenen des Managements zum Beispiel. Ab der zweiten oder dritten Reihe aber sei in diesen Einkommensgruppen die Gleichberechtigung, von Details abgesehen, vollzogen.

Ganz anders sieht es jedoch in vielen anderen Berufsgruppen aus: Verkäuferinnen, Erzieherinnen, Krankenschwestern beziehungsweise Techniker, Mechaniker, Bauarbeiter sind nach wie vor sehr geschlechtshomogen sortiert. Hier sind auch die Einkommensunterschiede am größten, was eben überwiegend nicht daran liegt, dass Frauen und Männer für die gleiche Arbeit unterschiedlich bezahlt werden, sondern daran, dass sie unterschiedlich bezahlte Berufe haben.

Und vor allem daran, dass der Anteil von Frauen, die Teilzeit arbeiten, hier viel größer ist. Das wirkt auf den ersten Blick unverständlich, weil man meinen könnte, dass in Familien mit geringeren Einkommen die Notwendigkeit, dass beide Erwachsenen Geld verdienen, größer ist. Das stimmt auch – jedoch nur in den ganz unteren Lohngruppen, wo das Einkommen dringend benötigt wird. In den “mittleren” Berufsfeldern hingegen sind gerade Mütter sehr viel häufiger in Teilzeit als bei den Akademikerinnen. Wolf erklärt das damit, dass der Nutzen der Vollzeit-Erwerbstätigkeit hier kleiner ist. Wenn eine Altenpflegerin, eine Sachbearbeiterin oder eine Grundschullehrerin für ein paar Jahre aus dem Beruf aussteigt oder ihre Stunden reduziert, schadet das ihrer weiteren Laufbahn (deren Perspektiven eh beschränkt sind) weitaus weniger als einer Chirurgin, einer Managerin oder einer Staatsanwältin. Und außerdem ist der Verdienstausfall, absolut gesehen, geringer, weil sie eben weniger verdient. Zumal, wenn Kinder da sind und deshalb häusliche Dienstleistungen eingekauft werden müssen. Das “rechnet” sich nur, wenn der Lohnabstand zwischen der Kinderfrau oder der Putzhilfe und derjenigen, die sie bezahlt, möglichst groß ist. Für andere ist die Frage, wofür sie sich den Stress antun sollen, nicht so klar zu beantworten: Wenn es sich weder finanziell noch karriereperspektivisch wirklich lohnt, warum dann nicht stressfrei für ein paar Jahre auf eine halbe Stelle gehen – oder mal ganz pausieren?

Das führt im Übrigen zu weiteren Unterschieden, die interessant sind. Der erste ist der, dass das Pensum, das für Erwerbsarbeit aufgebracht wird, heute bei Gutbezahlten im Schnitt höher ist, als bei schlecht oder mittel Bezahlten, sowohl was die gewählte Stundenzahl betrifft als auch im Hinblick auf die Anzahl der Überstunden. Das ist historisch gesehen etwas Neues: Früher haben die Reichen nämlich  deutlich weniger Arbeitsstunden absolviert als die Ärmeren. Aber es führt eben auch zum Wieder-Entstehen einer “Dienstbotenklasse”, ohne die dieses Pensum gar nicht möglich wäre.

Der zweite Unterschied betrifft die Familienstabilität. Im oberen Fünftel sind deutlich mehr Menschen verheiratet, praktisch alle Kinder werden hier “ehelich” geboren, und die Ehen werden auch seltener geschieden.

Dieser Punkt ist übrigens das, was mich am meisten nachdenklich gemacht hat. Laut Wolf ist das “assortative mating”, also die Wahl von Ehepartner_innen nach (kultureller, gesellschaftlicher, finanzieller) Ähnlichkeit, heute weitaus stärker ausgeprägt als noch vor einigen Jahrzehnten. Das heißt, die Reichen heiraten heute mehr als früher nur noch untereinander, und zwar vor allem deshalb, weil sie einen möglichst “guten” Vater bzw. eine möglichst “gute” Mutter für ihre Kinder wollen. Diese Eltern verwenden ein Gutteil ihres Einkommens darauf, ihren Kindern möglichst beste Chancen zu geben, Privatschulen, alle mögliche Förderungen und so weiter. Es ist abzusehen, dass die soziale Schere damit in den folgenden Generationen noch mehr auseinander geht – ein Trend, bei dem Deutschland mit einem vergleichsweise geringen Anteil an Privatschulen und einem (noch) nicht sehr ausgeprägten Eliteuniversitäten-System zum Glück bislang im internationalen Maßstab hinterher hinkt.

Ich finde dieses Augenmerk auf die Unterschiede zwischen “oberem Fünftel” und “unteren vier Fünftel” ziemlich überzeugend, und auch überzeugender als den etwa bei den Occupy-Protesten aufgemachten Unterschied zwischen dem “einen” und den “99 Prozent”. Auch Wolf beschäftigt sich mit diesem einen Prozent der Superreichen, die sich vom oberen Fünftel ingesamt noch einmal absetzen – manchmal auch durch ostentative Nicht-Erwerbstätigkeit der Frauen oder dadurch, dass sie nicht zwei, sondern auch schon mal vier oder fünf Kinder haben, weil sie es sich eben leisten können (während die “normal Reichen” auf dem von ihnen gewünschten Niveau nur zwei Kinder zur Elite heranziehen können).

Denn im Vergleich zu dieser Ein-Prozent-Elite sind wir alle arme Würstchen. Das obere Fünftel hingegen ist vielleicht gar nicht allzu weit weg, und auch wenn wir selbst nicht dazu gehören, so doch vermutlich ein paar Leute, die wir kennen. Mich würde mal interessieren, bei welchem Jahreseinkommen das in Deutschland beginnt: Wie viel muss jemand verdienen, um gerade so zu den einkommensstärksten 20 Prozent zu gehören? Falls jemand das weiß oder Ideen hat, wo man das recherchieren könnte, bitte gerne in die Kommentare!

Nachdenkenswert finde ich auch Wolfs Vorwurf, dass viele feministische Forderungen und Errungenschaften der letzten Zeit sich mehr an den Bedürfnissen und Interessen dieses oberen Fünftels orientiert haben als an denen der mittleren oder niedrigen Einkommensgruppen. Die Umverteilung von unten nach oben qua Elterngeld gehört da zum Beispiel dazu, auch der starke Fokus auf Frauenquoten für Führungspositonen oder gar Aufsichtsräte. Und auch das Ehegattensplitting bzw. die einmütige Forderung nach dessen Abschaffung erscheint da noch einmal in einem anderen Licht: Wenn es stimmt, dass bei dem reichsten Fünftel die Vollerwerbsquote von Frauen deutlich höher ist als bei den weniger Reichen, dann wären genau sie es, die kein Interesse mehr haben, weniger wohlhabende Familien, die das Ehegattensplitting noch häufiger in Anspruch nehmen, durch ihre Steuern zu subventionieren.

Just thinking… Discuss!

Das Trauerspiel von Schwäbisch-Gmünd

koffer

Foto: schockwellenreiter/ Flickr.com cc-by-nc-nd

Oft schreibe ich hier im Blog ja eher theoretisch, und in letzter Zeit oft über mein Unbehagen an der Art und Weise, wie politischer Diskurs abläuft, oder aber über die Sackgasse, in die es führt, wenn “Arbeit” auf individuelle Erwerbsarbeit verkürzt wird. Nun gibt es ein aktuelles Beispiel dafür, das das auf so traurige Weise anschaulich macht: Das gescheiterte “Kofferträger-Projekt” von Schwäbisch-Gmünd.

Hier gab es ein konkretes Problem, nämlich dass der Bahnhof umgebaut wird und Menschen ihre Koffer über eine provisorische Brücke schleppen müssen, was für viele beschwerlich und für manche unmöglich ist. Es kam die Idee auf, dass Asylbewerber, die dort in einer Sammelunterkunft leben, die Koffer tragen könnten, gegen ein kleines Entgelt von gut einem Euro pro Stunde – mehr dürfen Asylbewerber laut Gesetz nicht verdienen.

Stadt und Bahn fanden die Idee ebenso gut wie einige der Flüchtlinge: Der Oberbürgermeister sah darin einen Schritt zur Integration, die Bahn einen billigen Service für ihre Fahrgäste, und für einen Asylbewerber macht es durchaus einen Unterschied, acht Euro am Tag zu haben oder nicht zu haben, zumal wohl auch noch Trinkgeld dazu gekommen wäre.

Dass das ganze Konstrukt problematisch sein könnte, an koloniale Bilder vom “Kofferträger” erinnert und Ausbeutung einer konkreten Notlage bedeutet, schien im Vorfeld niemand bemerkt zu haben, bis sich über soziale Netzwerke eine Flut an Kritik und Protesten über die Aktion entlud. Nun ist sie eingestellt.

Hätte es denn wirklich keine Lösung gegeben? Hat denn überhaupt jemand eine Lösung gesucht? Nein, so zumindest mein Eindruck, stattdessen riefen alle nur: Das geht nicht!

“Das geht nicht, dass wir den Flüchtlingen mehr als einen Euro bezahlen, denn per Gesetz dürfen sie nicht mehr verdienen!” riefen die einen. “Das geht nicht, dass wir Flüchtlinge für einen Euro schuften lassen, das ist Rassismus!” riefen die anderen.

Und damit war die Patt-Situation hergestellt. Niemand kam offenbar auf die Idee, dass man vielleicht eine andere Sichtweise auf das Thema “Koffertragen” finden könnte als das der individuellen Erwerbsarbeit. Wenn es so ist, dass die Bahn “eigentlich” bereit gewesen wäre, für diese Tätigkeit Tariflohn zu zahlen, wenn es aber andererseits aufgrund der gegenwärtigen Gesetzeslage nicht möglich ist, einzelnen Asylbewerbern mehr als einen Euro auszuzahlen – hätte man nicht etwas kreativer sein können?

Wie wäre es zum Beispiel, zu sagen: Die Flüchtlinge verdienen zwar Tariflohn, bekommen aber individuell nur den vorgeschriebenen einen Euro ausgezahlt, und der Rest des Geldes geht in einen Fonds, der der Ausstattung der Sammelunterkunft zugute kommt? Das ist nur so eine spontane Idee (die nicht von mir ist, sondern von einem Freund, mit dem ich darüber gesprochen habe). Vielleicht hätte es noch andere Lösungen gegeben.

Mein Punkt ist, dass das Scheitern dieses Projektes, wie so oft, daran liegt, dass beide Seiten offenbar mehr Wert darauf legen, “Recht zu haben”, als darauf, eine gangbare Lösung zu finden. Und dass dieses Lösungfinden eben daran scheitert, dass allgemeine Prinzipien auf eine konkrete Situation angewandt werden, anstatt von einer konkreten Situation ausgehend Verfahrensweisen zu suchen, die gleichzeitig praktikabel wie auch symbolisch akzeptabel sind.

Vordergründig stehen sich hier zwei Positionen gegenüber: Die Prinzipienreiter und die Pragmatiker. Aber das ist wieder mal ein falscher Dualismus, der direkt in eine politische Sackgasse führt. Vielmehr ist es so, dass ein Prinzip, das auf die Realität nicht passt, ungeeignet ist, diese Realität zu beschreiben. Und ein Pragmatismus, der symbolisch falsche Bilder bedient, nützt auch in der Realität nichts, sondern richtet Schaden an.

Worauf es ankommt ist, die konkrete Situation ernst zu nehmen, sich also nicht mit einem Ausgang zufrieden zu geben, der konkret den Beteiligten mehr schadet als nutzt – so wie es jetzt für die betroffenen Flüchtlinge der Fall ist. Aber nicht, indem prinzipielle Einwände mit dem Pragmatismusargument abgeschmettert werden, sondern indem die Prinzipien entsprechend überdacht und verändert werden.

In diesem Fall war es das Prinzip “Jede Arbeit muss unter dem Aspekt individueller Erwerbsarbeit betrachtet werden”, das den Blick für ein kreatives Weiterdenken verstellt hat, und zwar auf beiden Seiten.

So schade.

Update: Vielleicht geht es in Schwäbisch Gmünd weiter, der OB hatte offenbar eine ähnlich Idee :) 

Ich bin für ein (nicht-Ehegatten)-Splitting 2.0

LUX_1302_TITEL_130712_01-471x591Die Rosa Luxemburg Stiftung hat gerade unter dem Titel “Luxemburg 2″ eine Zeitschrift – eher ein Buch – veröffentlicht, in dem auch ein Artikel von mir ist, nämlich ein Plädoyer für ein “Ehegattensplitting 2.0″. Er baut eine These aus, die ich schon in einem früheren Blogpost formuliert hatte, nämlich dass das Problem am Ehegattensplitting nicht das “Splitting”, sondern das “Ehegatten” ist, also nicht die Tatsache, dass es Steuererleichterungen für Lebensgemeinschaften und Kollektive gibt, sondern die Tatsache, dass diese Erleichterungen auf “Ehegatten” (neuerdings auch homosexuelle) beschränkt sind.

Leider ist der Artikel nicht online verfügbar, aber die ganze Zeitschrift (das Buch) könnte ihr für 10 Euro bestellen, und es enthält auch noch viele andere Texte, die sich schwerpunktmäßig mit dem Thema neue Arbeitsformen, Care und Fürsorge, Feminismus und so weiter beschäftigen.

Zu meinem Artikel gibt es eine Erwiderung von von Katrin Mohr, die ein “Splitting 2.0″ ablehnt, weil es ihrer Ansicht nach die Abhängigkeit dennoch zementiert, halt nicht mehr nur die Abhängigkeit von Ehefrauen von ihren Ehemännern, sondern dann eben die Abhängigkeit von der WG oder eben sonstigen Lebensgemeinschaft.

Das ist lesenswert, und mich interessiert, wie Ihr das seht. Allerdings bemerke ich an mir selbst in letzter Zeit ein paar Ermüdungserscheinungen in Bezug auf einen Teil des “linken” Diskurses, der, so scheint mir, nicht über die Idee hinauskommt, dass die Lösung für alles immer über Erwerbsarbeit laufen muss. Ich singe dann neuerdings immer ganz laut Bernadette La Hengsts Lied zur Senkung der Arbeitsmoral, und dabei vor allem die Zeile “Denn dies ist kein Arbeiterlied”!

Und ich verweise gerne auf die tolle Rede von Clara Zetkin, die schon 1889 bemerkt hat, dass der Wechsel der Frauen von unbezahlter Hausarbeit zu bezahlter Erwerbsarbeit nicht per se ein Zugewinn an Freiheit ist, sondern dass sie damit letztlich “nur den Herren gewechselt” haben, nämlich die Abhängigkeit vom Ehemann (oder: im Konzept Splitting 2.0, die Abhängigkeit von anderen Partner_innen oder Kollektiven) gegen die Abhängigkeit vom “Kapitalisten”, bzw. eben vom Arbeitsmarkt eingetauscht.

In unserem ABC des guten Lebens ist “Abhängigkeit” nicht zufällig der erste Begriff, nicht nur alfabetisch, sondern auch systematisch. Unabhängigkeit gibt es in menschlichen Gesellschaften nicht, wir sind immer auf andere angewiesen. Kein Mensch ist autonom. Und worum es geht, das ist nicht, die Abhängigkeit angeblich abzuschaffen, was eine Illusion ist, sondern die Abhängigkeit so zu gestalten, dass sie möglichst hierarchiefrei ist und möglichst viel Freiheit ermöglicht.

Und dann kommt es eben ganz auf den Kontext beziehungsweise die Ausgestaltung an. Die Abhängigkeit vom Arbeitsmarkt ist nicht per se besser als die Abhängigkeit von Beziehungsnetzen – wobei dasselbe natürlich auch andersrum gilt.

Markt und Staat reichen nicht für gutes Wirtschaften

Steile These: M

Steile These: Mit einem Grundeinkommen gäbe es mehr öffentliche Toiletten. Foto: Flickr.com/buck82 cc-by-nc

Anknüpfend an die Debatten über ein Bedingungsloses Grundeinkommen, die sich in den Kommentaren zu meinem neulichen Blogpost entsponnen, kam gerade ein neuer Text der Grundeinkommens-Gegnerin Friederike Spiecker herein. Sie problematisiert darin, dass bei einem Grundeinkommen wahrscheinlich zahlreiche Arbeiten nicht mehr über den Markt oder den Staat vermittelt würden. Interessant fand ich zunächst mal diesen Absatz:

Den Geg­nern des Grund­ein­kom­mens wird meist unter­stellt, sie gin­gen davon aus, dass Men­schen in der Regel faul seien und nicht frei­wil­lig arbei­ten wür­den und daher ein Grund­ein­kom­mens­sys­tem nicht funk­tio­nie­ren könne, weil die (trotz­dem) Arbei­ten­den auf Dauer nicht bereit seien, andere mit durch­zu­zie­hen, wenn die im Prin­zip arbei­ten könn­ten. Das ist aber kei­nes­falls der Kern unse­rer Kri­tik am Grund­ein­kom­men, son­dern nur ein Neben­as­pekt.

Bilde ich mir das ein, oder hat hier bereits ein Umdenken stattgefunden? Wenn ich an die Debatten denke, die vor einigen Jahren zu dem Thema geführt wurden, dann war eigentlich immer die Befürchtung, Menschen mit einem Grundeinkommen würden eher nichts mehr arbeiten, im Vordergrund. Friederike Spiecker schreibt weiter:

Auch die Geg­ner des Grund­ein­kom­mens kön­nen sich gut vor­stel­len, dass die meis­ten Emp­fän­ger von Grund­ein­kom­men, die nichts oder nur sehr wenig zu dem Trans­fer hin­zu­ver­die­nen wür­den, trotz­dem Arbeit leis­ten, eben unent­gelt­li­che. Das heißt, sie leis­ten etwas, was sie an kei­nem Markt abset­zen könn­ten, was aber ihrer eige­nen Ansicht nach gebraucht wird.

Und genau das ist der Kri­tik­punkt: Wenn es keine oder keine genü­gende Markt­nach­frage gibt für bestimmte Tätig­kei­ten, dann müsste eigent­lich die Gesell­schaft (z.B. durch ihre gewähl­ten Volks­ver­tre­ter) dar­über ent­schei­den, ob und wie viel sie von die­sen Tätig­kei­ten den­noch nach­fra­gen und ent­spre­chend mit Ein­kom­men ent­loh­nen möchte. Im Fall von Grund­ein­kom­men wird die Gesell­schaft aber gar nicht mehr im ein­zel­nen gefragt, was sie für nach­fra­gens­wert hält, son­dern der ein­zelne Grund­ein­kom­mens­be­zie­her ent­schei­det selbst, was er für nütz­lich hält und bekommt ganz auto­ma­tisch einen Lohn dafür, näm­lich das Grundeinkommen.

Der Einwand ist durchaus interessant, aber er zeigt gerade die Vorteile des Grundeinkommens. Mal ganz abgesehen davon, dass manche Menschen vielleicht auch deshalb unbezahlt arbeiten würden, weil sie das, was sie tun nicht am Markt absetzen wollen (obwohl sie es vielleicht könnten), werden hier genau zwei Möglichkeiten fixiert, wie sich die Notwendigkeit einer Arbeit (und damit ihr Anspruch auf Bezahlung) feststellen lässt: der Markt oder der Staat.

Aber beides hat eben so seine Nachteile. Der Markt ist nicht in der Lage, bestimmte notwendige Arbeiten sicherzustellen, zum Bespiel gibt es keine betriebswirtschaftlichen Gründe dafür, alte Menschen zu pflegen, außer es sind sehr wohlhabende Menschen, die sich gute Pflege “leisten” können. Generell verzerrt der Markt das Angebot dessen, was gearbeitet wird, auf eine bestimmte Art und Weise: Wer viel Geld hat, kann mehr darüber bestimmen, was getan wird, als wer wenig oder kein Geld hat. Deshalb bringt der Markt Luxusjachten hervor, aber nicht Toiletten auf kleinen Bahnhöfen.

Nun könnte man sagen: Das soll dann eben der Staat vorgeben, allein, so wirklich gut funktioniert das in der Praxis auch nicht. Das wissen wir einerseits aus den Erfahrungen mit Planwirtschaften, andererseits aber kommen hier auch parlamentarische Verfahrensweisen an ihre Grenzen. Zum Beispiel wissen alle, dass die hunderte verschiedener Maßnahmen zur Kinder- und Familienförderung, die wir in Deutschland momentan haben, ganz und gar unsinnig sind, dass sie sich gegenseitig sogar widersprechen und aufheben. Aber es ist dem Parlament schier unmöglich, das sinnvoll neu zu ordnen: Gerade weil Regierungen wiedergewählt werden müssen, haben sie große Schwierigkeiten damit, unsinnige und nutzlose Begünstigungen zu streichen, wenn sie erst einmal da sind (siehe Ehegattensplitting).

Beim Grundeinkommen ginge es ja nicht darum, Markt und Staat völlig abzuschaffen, sondern es käme lediglich ein drittes Element hinzu. Es wäre sozusagen ein weiteres Spielbein neben diesen beiden Säulen, und wer weiß, vielleicht betrieben dann mehr Leute aus reiner Menschenfreude Toiletten an kleinen Bahnhöfen (was übrigens kein Witz ist: Eine solche aus Privatinitiative entstandene Toilette, die zwar Geld kostet, aber sich garantiert nicht betriebswirtschaftlich rechnet, hat mir kürzlich am Bahnhof von Kaub am Rhein eine sehr dringende Erleichterung verschafft).

Was mich in dem Zusammenhang übrigens immer unglaublich nervt, ist das Beispiel vom Künstler, der Bilder malt, die kein Mensch kaufen will, und das auch in dem Text von Friederike Spiecker wieder mal nicht fehlt.

Es kommt in die­sem Zusam­men­hang nicht dar­auf an, dass die Menge der ins­ge­samt in der Gesell­schaft her­ge­stell­ten Güter und Dienst­leis­tun­gen even­tu­ell nicht zurück­geht dank vie­ler außer­halb von Märk­ten erle­dig­ter Tätig­kei­ten. Son­dern es kommt dar­auf an, dass die Menge der besteu­er­ba­ren Güter und Dienst­leis­tun­gen (bzw. der für sie ein­ge­setz­ten Arbeit) zurück­geht. Denn alles außer­halb von Märk­ten Bereit­ge­stellte kann der Staat nicht fair besteu­ern, weil es keine mone­täre Bewer­tung dafür gibt. Wie­viel Steu­ern sollte der Staat z.B. für das Bild eines Malers kas­sie­ren, das der an irgend­je­man­den ver­schenkt oder bei sich zu Hause aus­stellt? Solange das Bild kei­nen Käu­fer fin­det, kann der Staat dar­auf bzw. auf die Arbeit des Malers keine Steu­ern erhe­ben. Das gilt natür­lich auch für alle Arbei­ten, die jemand für sich selbst erle­digt, die sozu­sa­gen weg von der Arbeits­tei­lung und hin in Rich­tung Aut­ar­kie gehen. Lasse ich meine Woh­nung put­zen und bezahle dafür, kann der Staat diese Akti­vi­tät besteu­ern. Mache ich selbst sau­ber, kann der Staat meine Arbeit nicht besteuern.

Das erinnerte mich an einen Vortrag, den ich mal hörte von einer Ökonomin (leider erinnere ich mich gerade nicht an den Namen), die vorrechnete, dass deutsche Frauen, weil sie partout nicht Vollzeit arbeiten wollen und sich stattdessen selbst um Haushalt, Kinder und Alte kümmern, dem Staat mutwillig Steuereinnahmen und Sozialabgaben vorenthalten. Haha. Hausfrauen als passionierte Steuerhinterzieherinnen, das finde ich geradezu mal lustig.

An einem Punkt hat Friederike Spiecker aber recht: Was die Sozialsysteme betrifft, so müssen wir deutlich wegkommen von der Fixierung auf die Erwerbsarbeit – denn, ja: Vermutlich geht die Gesamtsumme der geleisteten Erwerbsarbeitsstunden mit einem Grundeinkommen zurück, und entsprechend auch die dadurch zu generierenden Einkommenssteuern.

Mit den Konsumsteuern sieht es schon etwas anders aus, denn auch die Grundeinkommen würden ja wieder in den Konsum fließen – und sie hätten den positiven Impuls für den Markt, dass mehr Leute darüber mitbestimmen könnten, was “der Markt” an Produkten und Dienstleistungen hervorbringt. Aber es stimmt, dass das auch nicht ausreicht.

Zusätzlich brauchen wir deshalb weitere Einkommensquellen, die von der Erwerbsarbeit unabhängig sind, und es ist ja nicht so, dass es da nicht die ein oder andere Idee gäbe: Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer (ich bin dafür, das Erbrecht ganz abzuschaffen, wie es schon die Anarchisten im 19. Jahrhundert forderten), Kapitalertragssteuer, Finanztransaktionssteuer.

Ein vorletzter Punkt: Wenn wir einen Teil unseres Wohlstands nicht mehr über den Markt oder durch staatliche Subventionen erwirtschaften, sondern durch direkten Tausch, Kooperation, Eigenarbeit, wenn wir also Teile unserer Wirtschaft dem Geldsystem entziehen, dann würde das unterm Strich natürlich auch bedeuten, dass wir weniger Geld zum Leben brauchen: Wenn ich meine Wohnung selber putze, muss ich logischerweise das Geld, was eine Putzfrau kosten würde, gar nicht erst verdienen (oder über ein Grundeinkommen beziehen).

Das wirft allerdings noch einen letzten Punkt auf: Auch dieses System birgt Potenzial für Ungerechtigkeit in sich. Einmal die Gefahr der geschlechterspezifischen Arbeitsteilung, die ich hier im Blog ja schon öfter angesprochen habe (hier und hier zum Beispiel). Zum zweiten aber die Gefahr, dass hier natürlich auch wiederum diejenigen bevorteilt sind, die über die Fähigkeiten und Möglichkeiten zur Eigenarbeit verfügen. Nicht jede kann putzen, manche sind zu krank oder zu alt dazu.

Mein Vorschlag ist, dass wir hier eine Kultur brauchen, die Tätigsein wieder in Zusammenhang mit Notwendigkeit bringt. Also dass bei der Frage, was wir arbeiten, nicht mehr nur zählt: Wofür gibt es Geld? oder Was macht mir Spaß? sondern auch: Was ist notwendig?

Genauer ausgeführt habe ich das in einem Beitrag zu diesem neuen Buch über das Grundeinkommen, das allerdings noch nicht erschienen ist, aber noch diesen Sommer kommen soll.