Was wirklich an Hartz IV falsch war

Es scheint meiner Timeline zufolge irgendein Hartz IV-Jubiläum zu geben, jedenfalls häufen sich gerade die Texte darüber, warum dessen Einführung falsch war. Bei den vielen Argumenten fehlt mir jedoch eines, und meiner Ansicht nach das wichtigste, weshalb ich das an dieser Stelle mal kurz verblogge.

Das Schlimmste an Hartz IV, so meine ich, ist nicht seine absolute (zu geringe) Höhe, sondern die hinter dem Systemwechsel von dem alten Arbeitslosen-/Sozialhilfe-System zu Hartz IV stehende Logik des „Nur wer wirklich Hilfe braucht, soll welche bekommen.“

Ich erinnere mich mit an eine Diskussion, die ich damals mit einer den Grünen nahe stehenden Freundin hatte (nicht die böse CDU hat Hartz IV eingeführt, sondern das waren SPD und Grüne), die darin gerade einen Vorteil sah. Sie argumentierte ungefähr: Das alte System des Wohlfahrtsstaates ist zu teuer, wir müssen sparen, und deshalb soll das Geld, das wir haben, nicht mehr an Leute aus dem Mittelstand gehen, sondern konsequent nur an die Armen.

Das klingt auf den ersten Blick ja gut. Tatsächlich ging vor Hartz IV ein Gutteil der Gelder aus den Sozialkassen nicht an ganz Arme. Sondern wer arbeitslos wurde, bekam über die Arbeitslosenversicherung drei Jahre lang ein relativ okayes Leben weiterfinanziert – ich glaube, es waren ein Jahr lang 75 Prozent und weitere zwei Jahre 60 Prozent des letzten Nettoeinkommens. Und das alles ohne irgendeine Bedürftigkeitskontrolle.

Das heißt: Drei Jahre lang konnte der eigene Lebensstandard halbwegs gehalten werden, drei Jahre lang floss Geld, ohne dass man das, was man besaß – Haus, Auto, Zeugs generell – antasten musste.

Meine Freundin argumentierte nun so, dass damit viel Geld aus den Sozialversicherungen an Leute ging, die es „eigentlich gar nicht so dringend brauchen.“ Und in der Tat hat Hartz IV – jedenfalls zunächst mal – gerade die untere Mittelschicht getroffen. Die ganz Armen wurden im Vergleich zur alten Sozialhilfe sogar leicht besser gestellt. Ist das nicht Umverteilung von oben nach unten? Fragte mich meine Freundin.

Ja, auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick war es aber eine bedeutsame Verschiebung in der symbolischen Ordnung. Die Symbolik des alten Systems lautete: „Alle kann es mal treffen, und wenn es dich trifft, wirst du erstmal eine ganze lange Weile aufgefangen.“ Die Symbolik des neuen Systems aber lautete: „Es gibt welche, die Hartz IV brauchen, und welche die es nicht brauchen.“

Das hat das Lebensgefühl vor allem der Mittelschicht verändert. Denn die weiß jetzt ganz genau, dass sie niemals etwas aus den Sozialkassen bekommen wird. Weil sie nämlich erstmal Haus, Erspartes und so weiter aufbrauchen müsste, um Anspruch auf Hartz IV zu haben. Und wessen Lebenspartner_Lebenspartnerin Geld verdient, kriegt auch nix. Selbst das eine Jahr, für das es heute noch Arbeitslosengeld ohne Einkommenskontrolle gibt, ist inzwischen für Menschen mit halbwegs Qualifikation praktisch außer Reichweite: Irgendein Job findet das Arbeitsamt immer.

Was auf den ersten Blick gut klingt – dem Mittelstand Geld wegnehmen, den Armen geben – führte schleichend zu einer gesellschaftlichen Entsolidarisierung und zu einer Aushöhlung der Bereitschaft, in die Sozialkassen einzuzahlen. Die Sozialabgaben sind heute für breite Teile des Mittelstands nicht mehr eine Art „Versicherung“, in die sie einbezahlen in dem Wissen, dass sie im Fall des Falles davon aufgefangen werden. Sondern es wird empfunden als eine Abgabe „für die anderen da“, zu denen man selber aber ganz bestimmt nicht gehört.

Das Schlimme an Hartz IV ist also nicht, dass es so wenig ist, sondern das Schlimme ist, dass es Bedürftigkeit als Ausnahmefall definiert hat. Als etwas, das nicht alle Menschen betrifft (oder betreffen könnte), sondern nur spezielle Menschen, „die da“ eben, diese Hartzler. Die Einführung von Hartz IV hat einen Graben gezogen zwischen den „nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft“ (die ordentlich arbeiten und in die Sozialkassen einzahlen) und die „Überflüssigen“ (die man durchfüttern muss).

Dieser zunächst nur symbolische Graben hat im Lauf der vergangenen Jahre reale Ausformungen angenommen. Auf der einen Seite diejenigen, die wissen, dass es keine sozialen Netze mehr gibt, die ihren Lebensstandard im Falle des Falles wenigstens für eine Weile stützen würden. Auf auf der anderen Seite diejenigen, die keine Hoffnung mehr haben, jemals aus Hartz IV raus zu kommen (auch nicht für ihre Kinder). Und in der Mitte, und sie sind vielleicht am Schlimmsten dran, diejenigen, die auf der Kippe zwischen beidem stehen, und die bei ihrem Struggle keine solidarische Hilfe mehr bekommen, solange sie nicht beweisen können, dass sie nun wirklich „ganz unten“ angekommen sind.

In dem Zusammenhang leg ich euch gerne nochmal mein Küchengespräch mit Michaela Moser über Bedürftigkeit ans Herz.

Und auch unseren Artikel Bedürftigkeit aus dem ABC des guten Lebens.

Vergrößert die Professionalisierung von Care das Gender Pay Gap?

Vielleicht habt ihr auch den Artikel kürzlich in der FAZ gelesen, der unter dem etwas reißerischen Titel “Die Mär von den ungerechten Frauenlöhnen” noch mal das Thema Gender Pay Gap aufmacht. Die Beschreibung des Dilemmas in dem Artikel ist richtig, nur der Einstiegduktus polemisch, denn natürlich geht es bei der Kritik am Gender Pay Gap nicht nur um die direkte ungleiche Bezahlung bei vergleichbarer Arbeit (die es allerdings auch immer noch gibt), sondern um die Verteilung von Arbeit und Einkommen zwischen Frauen und Männern generell.

Oder: Wenn Frauen weniger verdienen, weil die Einkommen in “Frauenberufen” niedriger sind als in “Männerberufen”, dann ist das ja auch ein “Gap”. Oder wenn sehr viel mehr Frauen als Männer wegen Kindern in Teilzeit gehen. Unter’m Strich heißt das nämlich: Frauen haben weniger Geld als Männer in einer Kultur, in der sich alles ums Geldhaben dreht. That is the point.

Kleiner Einschub: Es fällt mir häufig auf, dass feministische Strukturanalysen (wie etwa der Hinweis auf den Gender Pay Gap) verstanden werden als moralische Anschuldigung einzelnen Männern gegenüber. Deshalb kommen dann Reaktionen wie “Das ist keine Diskriminierung, wir machen nichts falsch, wir sind unschuldig!” – die aber am Punkt des Anliegens ganz vorbei gehen. Einschub Ende.

Über den Gender Pay Gap und dass ich die Art, wie der Tag promotet wird, auch teilweise problematisch finde, habe ich ja schonmal gebloggt.

Gerade kam mir über diesen Link der Heinrich Böll Stiftung noch ein anderes Argument in die Timeline, das von Emilia Roig vorgebracht wurde, und das ich bedenkenswert finde:

Sie sagt nämlich, dass die frauenpolitischen Strategien der vergangenen Jahrzehnte, eine höhere “Erwerbsbeteiligung” von Frauen durch die Professionalisierung häuslicher Dienstleistungen zu erreichen – Putzfrauen für Privathaushalte, institutionalisierte Kinderbetreuung, Outsourcen von Pflege, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern sollen – genau mitverantwortlich für den Gender Pay Gap ist.

Denn wenn nicht direkte ungleiche Bezahlung, sondern die “Geschlechtssegegation der Berufe” der Hauptgrund für den Gender Pay Gap ist, dann trägt genau dieser Prozess ja dazu bei. Denn es entsteht ein größer werdender Sektor von schlecht bezahlten Berufen, in denen eben ganz überwiegend Frauen, und überproportional viele Migrantinnen, tätig sind.

Deshalb finde ich es gut, dass in dem Netzwerk Care-Revolution, in dem wir als Autorinnen des ABC des guten Lebens auch mitarbeiten, versucht wird, nicht entlang der Trennung von professionalisierter und privater Care-Arbeit zu denken, sondern beides zusammen zu denken. Der Kern des Problems liegt in der kulturellen Bewertung von Care. Mit Veränderungen und Verschiebereien innerhalb einer Logik, die Care im Vergleich zu anderen ökonomischen Tätigkeiten für weniger wichtig und wertvoll hält, ist letzten Endes nichts zu gewinnen.

In dem Zusammenhang schonmal ein Termin-Hinweis: Am 1. November wird es in Frankfurt das nächste größere Netzwerk-Treffen der Care-Revolution geben, von 12-18 Uhr in den Uni-Räumen an der Bockenheimer Warte. Details folgen.

Weil es passt verweise ich auch nochmal auf Alison Wolfs Buch über den XX-Faktor.

 

 

Lesenswerte Einführung in die feministische Ökonomie

feministischeoekonimoeDieses Büchlein ist empfehlenswert für alle, die sich kurz und übersichtlich einen Einblick in die feministische Ökonomie verschaffen möchten.

Es geht los mit einem Rückblick auf die Anfänge im 19. und frühen 20. Jahrhundert, wo es bereits eine Vielzahl von Frauen gab, die über die (neu entstandene) Wissenschaft der Ökonomie schrieben.

Weiter geht’s mit einer Übersicht über die Anfänge der Debatten im Rahmen der neuen Frauenbewegung, es folgen eine Kritik am männlichen Konzept des “Homo Oeconomicus”, ein Überblick über die “Hausarbeitsdebatte” und eine Analyse der Mechanismen, mit denen Frauen und Genderaspekte generell in der gängigen Wirtschaftswissenschaft unsichtbar gemacht werden.

Ganz zu recht gibt es dann ein ganzes Kapitel zum Thema Care-Arbeit (als dem heute wichtigsten Feld feministischer Ökonomiekritik), eine Analyse des Zusammenhangs zwischen Makroökonomie und Geschlechterverhältnissen, und zum Abschluss einen kurzer Überblick über drei aktuelle politische Vorschläge: Frigga Haugs “Vier-in-Eins”-Perspektive, die Commons und das Bedingungslose Grundeinkommen.

Ich finde die Herangehensweise der Autorinnen an dieses komplexe Thema sehr gelungen und auch die Systematisierung nach Kapiteln gut gewählt.

Eine kleine Differenz gibt es nur zwischen meiner und ihrer Einschätzung des “revolutionären Potenzials”, wenn man so will, der Care-Debatte. Die Autorinnen sehen eine Gefahr darin, dass durch die Tendenz, nicht mehr “Reproduktion” sondern “Care” in den Mittelpunkt zu stellen (wie ich und andere es tun), das Thema entpolitisiert werden könnte, dass die “harten ökonomischen Forderungen” quasi unter den Tisch fallen. Diese Kritik läuft allerdings eher unterschwellig mit.

Mir hingegen erscheint gerade dieser Perspektivenwechsel sehr viel radikaler als eine “bloße” Einbeziehung der Notwendigkeit von Care-Arbeit in ökonomische Modelle und Forderungen wie es eben die “Vier-in-Eins”-Perspektive, die Commons oder das Grundeinkommen versuchen.

Vielleicht bewegen wir uns hier auf verschiedenen Ebenen. Die eine wäre die Argumentation innerhalb des bestehenden Konzepts von “Ökonomie” (eine Folie, vor der die Care-Debatte manchmal tatsächlich etwas “unpolitisch” wirken kann). Demnach wäre Care ein Teilbereich der Ökonomie.

Das andere wäre aber ein gänzliches Heraustreten aus der bestehenden symbolischen Ordnung, so ähnlich wie es Luisa Muraro im Rückblick auf das “eigentliche” Anliegen des Feminismus beschreibt. Und vor dieser Folie, so meine ich, hat es eine viel grundlegendere Bedeutung, Care ins Zentrum zu stellen.

Weil dann nämlich Care nicht mehr nur eine Unterkategorie von Ökonomie ist, sondern tatsächlich das umfassendere und übergeordnete Anliegen, von dem die Ökonomie wiederum nur eine Unterkategorie ist. So ähnlich, wie wir es im Abschnitt “Care” im ABC des guten Lebens beschreiben.


Bettina Haidinger, Käthe Knittler: Feministische Ökonomie. Mandelbaum 2014, 12 Euro.

Weniger Marx, mehr André Léo

In diesem Jahr wird die Erste Internationale 150 Jahre alt. Da ich (vor 15 Jahren) meine Dissertation über die politischen Ideen von vier feministischen Sozialistinnen schrieb, die sich in der Internationale engagiert haben, fahre ich im Juni zu einem Jubiläums-Kongress in Paris.

Dass ich eingeladen wurde, obwohl ich an keiner Uni arbeite und auch seit meiner Diss mich nicht weiter mit der Internationale beschäftigt habe, freut mich natürlich, anderseits aber heißt es wohl auch, dass niemand sonst seither über Frauen in der Internationale geforscht hat (da ich die Veranstalter nicht kenne, nehme ich an, sie haben mich gegoogelt).

Wie auch immer, da es lange her, dass ich mit dem Thema zu tun hatte, dachte ich, es sei wohl keine schlechte Idee, mein Wissen vorher nochmal ein bisschen aufzufrischen. Und so las ich in den vergangenen Tagen die Biografie „André Léo (1824-1900), la Junon de la Commune“ von Alain Dalotel. André Léo (ihr Künstlerinnen-Name, zusammengesetzt aus den Vornamen ihrer Söhne André und Léo) ist eine von „meinen“ Frauen, aber da das Buch erst 2004 erschienen ist, kannte ich es damals noch nicht.

(Léos Geburtsname war Léodile Béra, verheiratet hieß sie dann Champseix. Ihren zweiten Mann hat sie nicht mehr offiziell geheiratet, von daher musste sie den Namen nicht nochmal ändern. Wahrscheinlich ist über Frauen bloß deshalb so wenig geforscht wurden, weil niemand Lust hatte, sich immer durch diesen Namenswirrwarr zu arbeiten; bei Männern ist das viel einfacher, die heißen von Geburt bis Tod immer gleich.)

Leo_Andre_26_max

Ich war sehr erstaunt darüber, wie sehr es mich berührt hat, jetzt nochmal über André Léos Leben zu lesen, und vor allem auch ihre Texte wieder zu lesen, die in der Biografie ausführlich dokumentiert sind. Vor 15, 16, 17 Jahren, als ich mich zuerst mit ihr beschäftigte, fand ich sie nämlich ein bisschen „langweilig“ – jedenfalls langweiliger als andere von mir erforschte Aktivistinnen, speziell die Tabubrecherin Victoria Woodhull.

Während Woodhull von freier Liebe predigte, keinen Skandal scheute und man beim Nachverfolgen ihres Lebens von einem „Oha“ ins nächste „Wow“ schlingert, war Madame André Léo in meinen Augen eben das – eine Madame. Sie hatte, so schien mir, kein aufregendes Leben und vor allem keine aufregenden Positionen.

Okay, sie brachte als Witwe mit Schriftstellerei und Journalismus sich selbst und zwei kleine Kinder durch, gründete die erste Frauenrechtsvereinigung Frankreichs, war eine Aktivistin der Pariser Kommune, musste dann ins Ausland fliehen, stritt mit den Anarchisten gegen die Okkupation der Internationale durch Marx und Engels, lebte mehrere Jahre im Exil in der Schweiz und Italien, hatte eine mehrjährige Liebesbeziehung mit einem deutlich jüngeren Mann, und schrieb auch mit über siebzig noch Bücher.

Aber trotzdem fand ich sie irgendwie langweilig, damals. Alles, was sie schrieb, schien mir so besonnen und bedacht. Nicht falsch, aber auch nicht mitreißend. Selbst wenn sie anarchistische Positionen vertrat, war das nicht mitreißend, sondern nur klug und richtig. Da war keinerlei Polemik, nur strikte Analyse mit pädagogischem Anliegen. Nicht wie eine Kämpferin schrieb sie, eher wie eine Mutter, die ihren Kindern gute Ratschläge gibt.

Umso erstaunter war ich, dass ich dieselben Texte jetzt ganz anders las. Vielleicht liegt es daran, dass ich inzwischen genauso alt bin wie sie damals war, sogar noch ein bisschen älter (André Léo war während der Pariser Kommune, also Frühjahr 1871, 47 Jahre alt), während ich vor 15 Jahren so alt war wie Victoria Woodhull (nämlich Anfang 30). Maybe age matters doch.

Aber ich glaube, es ist noch was anderes, nämlich dass nicht nur ich mich geändert habe, sondern auch die Welt drumherum. In den Neunzigern hatten wir vieles noch nicht gehabt: Es war noch vor dem 11. September, es gab noch kein Gerede vom Clash of Civilizations und keine Anti-Terror-Hysterie. Der Zusammenbruch des Sozialismus nach Sowjet-Modell war gerade erst passiert, und viele (ich jedenfalls) waren noch guter Hoffnung, dass danach etwas Besseres kommen könnte, so eine Art „guter Sozialismus“.

Ich hatte damals nicht vorhergesehen, dass es hingegen zu einer fast absoluten, weltweiten Herrschaft des Kapitalismus kommen würde (oder wie immer wir dieses System nennen wollen, nach dem heute die Welt strukturiert wird). In den Neunzigern gab es noch die Idee, zumindest als Absichtserklärung auch bei Politikern und Wirtschaftsbossen, dass Fortschritt dazu führen wird, dass es allen immer besser geht. Inzwischen wird ganz ungeniert davon ausgegangen (und werden auch offen in diesem Sinn Entscheidungen getroffen), dass es natürlich manchen Leuten schlechter gehen muss, immer schlechter, und verkauft wird das mit der Drohung, dass es ihnen andernfalls eben noch schlechter gehen wird.

Inzwischen ist, sogar auch in Europa wieder, vom Überleben die Rede, das leider eben nicht für alle Menschen gesichert werden kann, zum Beispiel nicht für Rentnerinnen in Griechenland, die kein Geld für Heizung haben, oder nicht für Menschen aus Afrika, die eben dann zuhause verhungern müssen, oder auf dem Mittelmeer ertrinken.

In den Neunzigern hatten ich noch nicht so klar das Wiederentstehen einer Klasse von Dienstbot_innen vorhergesehen, war mir noch nicht so klar, dass es darauf hinausläuft, dass die reichen Industriestaaten praktisch ihre gesamte Pflege- und Fürsorgearbeit und auch einen Großteil der Hausarbeit an Frauen und zunehmend auch an Männer übergeben würden, die prekär, illegal und zu billigsten Löhnen diese Arbeit machen, was ja nur möglich ist aufgrund eines enormen Wirtschaftsgefälles zwischen Deutschland und diesen Ländern. Die anderen müssen arm bleiben, damit sie bereit sind, für niedrige Löhne zu arbeiten, sonst lohnt sich der Deal für die Reichen ja nicht. Mir war nicht klar, wie deutlich auch die westlichen Industriestaaten wieder zu einer offenen Klassengesellschaft werden würden.

Mit anderen Worten: Manchmal habe ich den Eindruck, wir sind vom 20. nicht ins 21. Jahrhundert gekommen, sondern zurück ins 19., was die gesellschaftlichen Verhältnisse betrifft.

Jedenfalls fand ich in den Texten von André Léo, die ich damals eher von historischem Interesse fand, beim jetzigen Wiederlesen eine unglaubliche Aktualität. Zum Beispiel, wenn sie als wichtigste Aufgabe der Internationale die Schaffung einer länderübergreifenden Solidarität und Zusammenarbeit der Arbeiterinnen und Arbeiter sieht – zum Beispiel bei Kriegen wie dem französisch-preußischen Krieg oder auch bei Arbeitsmigration, die schon damals eingesetzt wurde, um das Lohnniveau zu drücken.

Deshalb twitterte und facebookte ich neulich, dass wir eigentlich dringend wieder eine Internationale Arbeiter-Assioziation bräuchten. Denn wo ist denn die Solidarität zwischen russischen und ukrainischen Arbeitern? Wo ist die Solidarität zwischen deutschen und griechischen Menschen, die von Armut betroffen sind? Wo ist die Solidarität zwischen europäischen und afrikanischen Menschen, die ums Überleben kämpfen? Das alles gibt es praktisch nicht.

Ich habe auch keine Idee, woher man die jetzt so schnell herbekommen könnte, aber ich glaube, es wäre nötig, wieder so etwas wie „Klassenbewusstsein“ zu kultivieren und zu pflegen. Denn diejenigen, die von den gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Entwicklungen arm und rechtlos gemacht werden, verorten sich selbst doch eher anderswo, über Nationalität, über Religion, über Kultur und so weiter. Deshalb sind die allermeisten von ihnen nicht „revolutionär“.

Auch mit diesem Problem war André Léo schon konfrontiert, und zwar war es in ihrem Kontext der Unterschied zwischen Paris und dem Land – revolutionär war man nur in Paris, auf dem Land war die Bevölkerung konservativ bis monarchistisch. Ihre Pariser Mit-Revolutionäre schauten deshalb immer etwas auf die „Landeier“ hinab, André Léo aber sagte voraus, dass eine Revolution, die von den Massen der armen Leute nicht getragen und unterstützt wird, nicht gelingt.

Ihr wichtigstes Anliegen war daher die Bildung, und damit meinte sie nicht Bildung im heutigen arbeitsmarktkonformen Sinn des Herstellens von „Employability“, sondern Bildung im Sinne von: „Wie funktioniert eine freie und gerechte Gesellschaft?“ Das ging ihrer Ansicht nur über Argumente, Überzeugen, Debattieren, Vorleben, Experimentieren. Solange die Prinzipien der Demokratie nicht in den Herzen und Köpfen der Menschen verankert sind, wird keine Revolution lange etwas ausrichten, war ihre Prognose, wobei sie unter Demokratie natürlich nicht dieses Klappergerüst von formalem Wahlrecht und repräsentativem Parteienproporz meinte, das wir heute haben, sondern eine Gesellschaftsform, die tatsächliche Partizipation aller bei der Entscheidungsfindung ermöglicht.

Deshalb stieg sie auch aus dem Anarchismus in dem Moment aus, wo dort mit dem Bombenschmeißen begonnen wurde: Nicht, weil sie prinzipiell etwas gegen den Einsatz von Gewalt hatte – sie hatte ja schließlich auch die militärische Verteidigung der Kommune gutgeheißen – sondern weil diese Attentate genau das Gegenteil von dem erreichten, was ihr vorschwebte: Sie trieben die Bevölkerung direkt in die Arme der Reaktionäre.

Noch etwas anderes ließ mich beim Lesen von André Léos Biografie fast schon wehmütig werden: Die Vision eines Sozialismus ohne Marxismus. Denn Karl Marx war zwar Léos Zeitgenosse, aber damals noch nur ein Sozialist unter vielen und nicht jener große Zampano, an dem sich alle abarbeiten müssen, der er heute ist.

André Léo war eine der schärfsten Gegnerinnen von Marx, der nämlich eine völlig andere Vorstellung von der Internationale hatte als sie. Marx hatte mit dem „Kapital“ (der erste Band erschien 1867) eine sozusagen „objektive und wissenschaftliche“ Analyse des Kapitalismus vorgelegt, von der er meinte, dass sie die Grundlage für jegliches sozialistisches Engagement sein müsste – und ihm war kein Trick zu schäbig und keine Polemik zu hinterhältig, wenn sie nur dazu diente, dieses Ziel durchzusetzen. Wer objektiv und wissenschaftlich Recht hat, muss eben nicht mehr diskutieren, er kann die Gegner direkt bekämpfen oder in den Gulag stecken, so kann man doch eigentlich das politische Erbe des Marxismus kurz und knapp zusammenfassen.

Léo hingegen war der Ansicht, dass es die Aufgabe der Marginalisierten selbst sein müsste, ihre Situation zu analysieren, zu verstehen und Aktionsformen zu erfinden und zu erproben, die durchaus von Land zu Land, von Kontext zu Kontext auch unterschiedlich ausfallen könnten. Sie war nicht dagegen, dass von Intellektuellen und Gebildeten Theorien entworfen werden, ja dass sie versuchen, gewissermaßen auch „die Massen zu belehren“. Aber sie bekämpfte vehement jeden Versuch, die Internationale „auf Linie zu trimmen“, der ja auch tatsächlich nicht gelang, sondern die Internationale hingegen kaputtmachte.

Ich frage mich manchmal, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn sich der Marxismus nicht als Dreh- und Angelpunkt jeglicher Kapitalismuskritik durchgesetzt hätte, wenn es ihn vielleicht gar nicht gegeben hätte. Wenn die Arbeiterbewegung sich pluralistisch und vielfältig weiter entwickelt hätte, und wenn sie André Léos ständig eingeforderte Mahnung beherzigt hätte, dass der Zweck niemals die Mittel heiligt.

Wenn Bildung im Sinne von Analysieren, Lernen, Ideen austauschen eine alltägliche Praxis der Linken geworden (oder geblieben) wäre, so wie es André Léo vorgeschlagen hat, anstatt mit dem platten Spruch „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ solche Versuche für obsolet zu halten oder als bürgerliche Naivität zu verleumden. Wenn sich nicht alle Linken seit 150 Jahren an Marx abarbeiten müssten, also an der Frage, ob sie dafür oder dagegen sind (und natürlich waren auch immer welche dagegen, aber dieses sich Abarbeiten hat sie immer auch blockiert und gelähmt).

Ich glaube, ganz ehrlich, die Geschichte der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung wäre ohne Karl Marx besser verlaufen. Und ich bin der Meinung, wenn es heute darum geht, wieder sowas wie eine „Internationale“ zustande zu kriegen, dann müssten wir viel mehr André Léo lesen und viel weniger Karl Marx.

Drei Gründe, warum das Internet für Journalisten möglicherweise keine Verbesserung ist, für viele andere aber schon

Es ist schon ein paar Wochen her, dass Martin Giesler einen eher pessimistischen Internetartikel schrieb. Mich hat frappiert, wie unterschiedlich er und ich das Internet und speziell das Bloggen erleben, und ich überlegte mir, woher das kommen könnte. Ich glaube, der Unterschied ist, dass er das Thema aus einer journalistischen Perspektive betrachtet, ich hingegen nicht. Vielleicht sind Internet und Journalismus ja tatsächlich unvereinbar.

Diese drei Punkte finde ich dabei besonders wichtig. (Ich beziehe mich stellvertretend auf Zitate aus Gieslers Blogpost, aber ähnliche Argumente finden sich ziemlich oft in der Debatte.)

 1. Journalist_innen nennen es Arbeit, andere nicht

„Zusammengefasst arbeite ich also durchschnittlich 8.5 Stunden pro Tag für das ZDF und davor und danach noch einmal gute 4-5 Stunden an den anderen Projekten. Macht also insgesamt rund 13 Stunden pro Tag – wir nennen es Arbeit.“ 

Dass dies eine Sichtweise ist, die nur Journalisten (oder vielleicht sonst noch Irgendwas-mit-Medien-und_oder-Uni-Leute) haben können, ist offensichtlich: Wenn eine Bäckerin neben ihrem Job bloggt, käme sie nie auf die Idee, das Arbeit zu nennen. Wir nennen es nicht Arbeit, wir nennen es Engagement, Hobby, Aktivismus, Liebhaberei. Eine Tierärztin hätte nie den Anspruch, dass sie mit ihrem privaten Blog Geld verdienen muss, ein Richter nicht den Anspruch, dass er während der Arbeitszeit seine Social Media Kontakte pflegen kann. Warum haben Journalisten diesen Anspruch?

Gerade dieses Missverständnis hat übrigens gar nichts mit dem Internet zu tun. Journalisten konnten schon immer ihre politischen Ansichten in ihrer Arbeit umsetzen, bei ihnen vermischte sich Arbeit und Teilnahme am politischen Diskurs. Früher mussten sie am Gatekeeper Redaktionsleitung vorbei, heute am Gatekeeper Algorithmus. Normalsterbliche mussten schon immer sehen, wo sie blieben, wenn sie ihre Flugblätter verteilten, Diskussionveranstaltungen abhielten, Projekte gründeten und so weiter.

Für Menschen, die nicht im Journalismus arbeiten, ist das Internet also eine Erleichterung, für Journalist_innen eher nicht.

 2. Journalist_innen und andere nähern sich der Filterbubble von verschiedenen Seiten an

„Theoretisch könnte also jeder, der sich gerade einen Twitter-Account zulegt, mit einer absolut großartigen Geschichte die Aufmerksamkeit der Welt auf sich ziehen. Praktisch ist es dann doch eher so, dass auch in den sozialen Netzwerken Filterbubbles entstehen, die durch neue Formen von Gatekeepern verwaltet werden.“

Internetdiskurse finden immer in Filterbubbles statt, soviel ist klar. Und auch eine Binse. Denn: Offene Räume, in denen alles gesagt werden kann, gibt es nicht.  Jeder Blog, jedes Medium, jedes Profil interagiert immer nur mit einem bestimmten Ausschnitt von mehr oder weniger Gleichgesinnten.

Nur: Journalist_innen und andere Menschen nähern sich dieser Filterbubble von unterschiedlichen Seiten her an. Der Journalist konnte auch schon vor dem Internet seine Nachrichten und Ansichten unter die Leute bringen, und sich bei den klassischen Newsmedien sogar tendenziell „an alle Leute“ richten. Andere Menschen hingegen hatten vor dem Internet keine Publikationsmöglichkeit und daher lediglich Zugang zu einer winzig kleinen Filterbubble, nämlich ihren Bekannten, Kolleginnen, politisch Ähnlichdenkenden, Nachbarn. Selbst diejenigen, die vor dem Internet schon publizierten, erreichten mit ihren Büchern oder Artikeln in Fachzeitschriften nur einen relativ kleinen Kreis, nämlich diejenigen, die an ihren Inhalten zumindest so sehr interessiert waren, dass sie dazu ein Buch kaufen oder sich auf den Weg zu einer Veranstaltung machten. Diese Hemmschwelle ist mit dem Internet deutlich gesunken, es passiert sogar – der Google-Suchfunktion sei Dank – gar nicht so selten, dass Menschen ganz zufällig über ihre Seiten stolpern.

Von daher: Ja, im Internet kommunizieren wir alle innerhalb einer Filterbubble, nur dass diese für Journalist_innen tendenziell kleiner, für alle anderen aber deutlich größer geworden ist.

 3. Journalist_innen haben eine berufsbedingt verzerrte Vorstellung von Reichweite

„Zudem werden einem als Journalist heute Kontrollmöglichkeiten an die Hand gegeben, um zu überprüfen, welche Inhalte und welche Journalisten wie gut performen. 8 Likes für einen Artikel? Lachhaft. 4 Retweets? Fahr nach Hause! Was gut performt, entscheiden die Giganten aus dem Valley mit ihren Algorithmen.“  

Im kommerziellen Medienbetrieb werden Reichweiten noch immer in Quantität gemessen, nicht in Qualität, und unter einer betriebswirtschaftlichen Perspektive ist das vermutlich auch nicht anders möglich. Dass das zu einer abwärtstrudelnden Spirale an Qualitätsverlust führt, ist inzwischen schon vielfach bemerkt und beklagt worden.

Wer seine Publikationen hingegen nicht verkaufen muss oder will, hat die Jagd nach quantitativ messbarer Reichweite nicht nötig. Das heißt nicht, wie oft unterstellt wird, dass diese Leute nur aus Narzissmus bloggen würden. Auch hier geht es wohl den meisten um Reichweite, nur ist diese Reichweite, auf die es ankommt, qualitativer und nicht quantitativer Art. Ein Blogpost, der zwei Menschen dazu bringt, ihre Ansichten zu überdenken, hat mehr inhaltliche Reichweite als einer, der zwanzigtausend Menschen in ihren Ansichten bestätigt. In meinem eigenen Blog stelle ich fest, dass die interessantesten und differenziertesten Diskussionen nicht unter den Artikeln stattfinden, die am häufigsten geklickt werden. Und manchmal kommt es vor, dass Leser_innen meines Blogs Einsichten, die sie (möglicherweise) durch diese Diskussionen gewonnen haben, andernorts dann selbst wieder einbringen, und immer wenn ich so etwas bemerke, freue ich mich über diese „Reichweite“, die ich natürlich in keiner Weise belegen, quantifizieren oder mir sonstwie an die Brust heften kann.

Aber der Unterschied ist: Ich brauche das auch gar nicht.

Fünf Thesen zu Prostitution

Angesichts der jüngsten Debatten rund um das Thema Prostitution habe ich mal fünf Punkte aufgeschrieben, die mir in diesem Zusammenhang wichtig erscheinen und mir bei den Diskussionen fehlen. Sie beziehen sich ausschließlich auf die freiwillige Prostitution, also nicht auf Zwangsprostitution und Menschenhandel, was ein völlig anderes (und, nebenbei, wichtigeres) Thema ist.

Aber bei der Ablehnung von Zwangsprostitution und Menschenhandel sind sich ja alle einig. Uneinigkeit besteht im Hinblick auf die Einschätzung von freiwilliger Prostitution. Doch Freiwilligkeit allein ist noch kein Beweis für die Okayheit einer Handlung, es sei denn, man würde sich völlig einer neoliberalen Logik des „anything goes, Hauptsache es lässt sich damit Geld verdienen“ verschreiben. Freiwilligkeit ist nicht das Ende der Diskussion über Prostitution, sondern höchstens ihr Anfang. Denn alles, was nicht freiwillig geschieht, ist sowieso indiskutabel. Hier also meine 50 Cent.

1. Prostitution ist keine Naturerscheinung, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt

Von der Prostitution wird gerne behauptet, sie sei das „älteste Gewerbe der Welt“, was so viel bedeutet wie: Gab es immer und wird es immer geben. Aber mal ganz abgesehen davon, dass das historisch fraglich ist (Wissenschaftlerinnen wie Christina von Braun zum Beispiel argumentieren überzeugend, dass sich ihr Entstehen präzise bestimmen lässt, außerdem gibt es Gesellschaften, die Prostitution nicht kennen), ist es kein Argument dafür, dass das immer so bleiben muss. Genauso könnte man Sklaverei oder Zweigeschlechtlichkeit als Naturerscheinungen beschreiben. Wir als Menschen sind es, die darüber verhandeln und entscheiden, wie wir den Tausch von Sex gegen Geld/Materielles bewerten und handhaben möchten, eine ominöse „Natur der Sache“ hilft uns dabei nicht weiter.

2. Prostitution ist eine Möglichkeit, Einkommen zu erzielen

Prostitution ist, vor allem für Frauen, in erster Linie eine Möglichkeit, ein relativ gutes Einkommen zu erzielen, das sie anders nicht oder nur schwer erzielen können. Sie ist eine Alternative zum sonstigen Arbeitsmarkt, zur Versorgerehe, zu informeller Arbeit. Diese Möglichkeiten haben allesamt Nachteile: Für den Arbeitsmarkt braucht man Qualifikationen und Bescheinigungen, die nicht alle vorweisen können. Versorgerehe macht abhängig von einem Mann. Informelle Arbeit ist meist prekär und sehr schlecht bezahlt. Alle Maßnahmen, die rund um das Thema Prostitution vorgeschlagen und diskutiert werden, müssen deshalb die Frage nach realistischen Einkommensmöglichkeiten, Arbeitsbedingungen, sozialer Absicherung etc. ins Zentrum stellen.

3. Gesetzliche Verbote von Prostitution beschneiden die Handlungsoptionen von Frauen
Gesetzliche Verbote und Regulierungen erschweren oder verunmöglichen es Frauen, durch Prostitution Einkommen zu erzielen und beschneiden damit ihre Handlungsoptionen. Das ist meiner Ansicht nach der entscheidende Grund, warum solche Regulierungen abzulehnen sind. Frauen (und Männer), die sich dazu entschließen, Sex gegen Einkommen zu tauschen, werden in der Regel einen guten Grund dafür haben. Offensichtlich ist das für sie die beste Option, die sie angesichts der Realität, in der sie leben, wählen können. Wenn ihnen diese Option genommen wird, sei es durch Verbote, durch fehlenden Schutz, durch fehlende Infrastruktur, müssen sie logischerweise zur zweitbesten Lösung greifen, haben also konkrete Nachteile. Deshalb ist dieser Weg falsch.

4. Prostitution gründet auf einer fragwürdigen Vorstellung von Sex
Dennoch: Das Phänomen „Prostitution“ ist nur denkbar in einer Kultur, in der Sex nicht die beiderseitige Lust aufeinander zur Voraussetzung hat, sondern einseitig denkbar ist. Es muss also als akzeptabel gelten, wenn jemand, der Sex haben will, die eigene Lust mit jemandem befriedigt, der_die keinen Sex haben will – denn eine Frau, die Sex gegen Geld eintauscht, hat ja selbst auf diesen Sex keine Lust, sondern tut es, um Geld zu verdienen. Es ist natürlich prinzipiell möglich, dass wir als Gesellschaft Sex als eine solchermaßen einseitige Handlung verstehen wollen. Ich bin aber damit nicht einverstanden, weil ich hier zahlreiche Verwobenheiten mit patriarchalen Strukturen sehe, vor allem mit der Vorstellung, dass es beim Sex auf das Begehren der Frau nicht ankomme, sondern nur auf ihre formale Einwilligung – das ist ein Argument, das von vielen Männern auch bei Diskussionen um Vergewaltigung oder sexuelle Belästigung regelmäßig vorgebracht wird. Über diese Abkopplung von Sex und (weiblichem) Begehren möchte ich eine politische und kulturelle Debatte führen. Wegen der Argumente aus Punkt 3 kann die sich aber nicht an der Frage von Gesetzen und Regulierungen aufhängen.

5. Prostitution ist keine „normale Arbeit“
Deshalb bin ich auch dagegen, den Tausch von Sex gegen Geld als „normale Arbeit“ zu labeln. „Normale Arbeit“, also der Tausch von Arbeit gegen Geld, beruht auf einem System der Arbeitsteilung. Der Käufer von Arbeitsleistungen hat entsprechend auch einen Anspruch auf einen äquivalenten Tausch. Wenn also die erbrachte Dienstleistung oder das bezahlte Produkt Mängel aufweist, kann es zurückgegeben werden. All das ist vertraglich geregelt, und es gibt Dritte, die in Konflikten darüber entscheiden. Sicher ist es prinzipiell möglich, auch Sex in diesem Sinn als Ware oder als Dienstleistung verstehen. Aber ich will das nicht. Genauso wie ich der Ansicht bin, dass Sex nicht zu den „Pflichten einer Ehefrau“ gehört (auch Ehefrauen sind dem ja normalerweise freiwillig nachgekommen). Der Tausch von „Sex gegen Geld“ ist aber eigentlich nichts anderes als die kapitalistische Variante von „Sex gegen Ehesicherheit“. Ganz abgesehen davon, dass die „Normalisierung“ von Sex zu einer banalen Dienstleistung sich vermutlich auch auf die Preise niederschlägt: Wenn Sex nichts anderes ist als eine Massage oder eine Fußpflege, gibt es doch eigentlich keinen Grund, warum eine „Sexarbeiterin“ mehr verdienen sollte als ein Masseur oder eine Fußpflegerin, oder? Damit wäre aber Punkt 2 früher oder später obsolet.

(Foto: Alain Bachellier/Flickr.com)

Mein Sabbat-Experiment, erster Teil

Vor zweieinhalb Jahren bloggte ich hier, dass ich nie arbeite. Die Unterscheidung zwischen Arbeiten und Leben überzeugt mich in der Tat nicht mehr. Trotzdem hatte ich irgendwann das Bedürfnis, den ständigen alltäglichen Ablauf des Lebens mit seinen vielen Notwendigkeiten, Dringlichkeiten, Kleinigkeiten, Ablenkungen und so weiter irgendwie zu unterbrechen. Denn eine negative Seite hat das ständige Tätigsein durchaus, nämlich die, dass man immer etwas zu tun hat. Natürlich tue ich nicht ständig was, sondern tue manchmal auch nichts, aber das Nichtstun ist doch ständig mit der Möglichkeit behaftet, etwas tun zu können.

Eine heute beliebte Methode, mit diesem Trott umzugehen, ist, es auf die ständige Verfügbarkeit von Kontakten und Informationen zu schieben, die “das Internet” mit sich bringt. Daher wohl die ganzen Experimente, “das Internet” oder “das Handy” oder “den Computer” zu bestimmten Zeiten auszuschalten. Aber das finde ich zu kurz gedacht, oder zumindest funktioniert es bei mir nicht. Ich fühle mich nicht wohl, wenn “das Internet” ausgeschaltet ist. Und ich sehe auch keinen Sinn darin, die inhaltliche Frage nach der Art und Weise, wie wir bestimmte Zeiten unterscheiden, zu einer Frage zu verkürzen, welche Geräte wir benutzen oder nicht.

Bei meinen Überlegungen landete ich dann beim Sabbatgebot oder in seiner christlichen Variante, der Sonntagsruhe. Man muss sich ja vielleicht nicht alles selber ausdenken und kann mal nachprüfen, was andere sich früher zu dem Thema gedacht haben. Wie könnte also das Gebot “Du sollst den Feiertag heiligen” heute Sinn machen?

Die traditionelle Variante von “Du sollst am Sonntag nicht arbeiten” kam für mich nicht in Frage, da ich ja eben sowieso nie arbeite. Ich musste also ein anderes Kriterium finden und landete bei dem Wort “heiligen”. Heilig ist das Gegenteil von profan, weltlich also. Wäre es möglich, an einem Tag in der Woche nichts “Weltliches” zu tun? Und was könnte das bedeuten?

Ich bin dabei auf Folgendes gekommen. Ganz klar als “weltlich” habe ich alle Tätigkeiten einsortiert, die irgendwie mit “Geld verdienen” zu tun haben. Also: Alles was meine Erwerbsarbeit betrifft, alles, wofür ich bezahlt werde, auch alle damit zusammen hängenden Orga-Sachen. Die wollte ich an einem Tag in der Woche völlig sein lassen.

Schwieriger war es schon bei den unbezahlten Arbeiten. Da habe ich alles ausgeschlossen, was mit alltäglichen Notwendigkeiten zu tun hat, also Putzen, Einkaufen, Aufräumen, Reparieren, zur Ärztin gehen usw. Ausgeschlossen habe ich auch alles, was mit politischem Engagement zu tun hat:  Bloggen (und Kommentare moderieren), Sachbücher lesen, Nachrichten scannen, Veranstaltungen planen oder daran teilnehmen, zu Demos gehen….

Ein bisschen unentschieden war ich bei Dingen wie Kochen zum Beispiel. Aber gerade da hat mir die Unterscheidung von “profan” versus “heilig” weiter geholfen: Kochen ist okay, aber nicht bloß, damit es was zu essen gibt – dann lieber ins Restaurant gehen oder Reste von gestern warmmachen. Hingegen sich Zeit nehmen, um ein tolles Abendessen für Freundinnen und Freunde zuzubereiten, das ist ja alles andere als profan. Ähnlich beim Sport: Kein Fitness-Studio, kein Workout, aber gerne eine Wanderung zusammen mit anderen, ein einsamer Spaziergang oder eine gemütliche Runde Radeln. Oder Spaß haben im Schwimmbad (aber keine Bahnen schwimmen!).

Diese Unterscheidung zwischen “profan” und “heilig” hat mir sehr eingeleuchtet. Ich nahm mir vor, an einem Tag in der Woche nur noch Dinge zu tun, die “heilig” sind, also wichtig für das gute Leben, aber nicht effizient. Nicht dringend. Nicht notwendig. Sondern einfach nur schön. Manchmal auch nichts, einfach herumliegen. In Ausstellungen oder Museen gehen. Freund_innen besuchen. Alte Fotos sortieren. Spielen. Filme gucken.

Aus Praktikabilitätsgründen habe ich mir dafür den Sonntag ausgesucht, weil da eh vieles zu hat und man also sowieso manches Alltägliche gar nicht machen kann.

Das Gute an so einem Vorsatz – zumindest für “fromme” Leute wie mich – ist, dass der Bezug auf ein Sabbatgebot oder die Sonntagsruhe bedeutet, dass ich mich nicht einfach individualistisch für sowas entscheide, sondern in eine Tradition stelle. Damit ist im konkreten Fall der Rechtfertigungsdruck weg: Gott will das ja so, dass ich jetzt diesen dringenden Text nicht mehr fertig schreibe oder mein Zimmer aufräume. Ich darf das ja garnicht, es ist ja Sonntag.

Denn natürlich ist der Sonntag nicht der einzige Tag, an dem ich diese “heiligen” Dinge tun kann. Ich kann auch an jedem anderen Tag der Woche schön Kochen, einen Roman lesen, mich mit Freundinnen treffen, Nichtstun. Der Punkt ist: Am Sonntag MUSS ich jetzt sowas tun, denn ich DARF gar nichts anderes tun. Während ich Alltags natürlich schon darauf achten muss, dass die alltäglichen Notwendigkeiten auch erledigt werden.

So, das waren meine Überlegungen vor einigen Monaten. Seither habe ich das ausprobiert. Jetzt, weil ich wegmuss, der Cliffhanger: Ihr dürft raten, was dabei rausgekommen ist. Hat es funktioniert? Hat es was gebracht?

(Hier geht’s zur Fortsetzung)

(Foto: Roberto Verzo/Flickr.com)