Energieverschwendung? Über Liebe, Sex und Staat

Heute war eine Mail im Briefkasten mit einem Hinweis auf einen Artikel über Versuche, auch Poly-Beziehungen der Ehe gleichzustellen. Ich hatte etwas ähnliches ja schon vor einer Weile hier im Blog gefordert (nämlich Lebenspartnerschaften für alle), aber nach den Debatten um IPED bin ich mir nicht mehr so sicher.

Inhaltlich finde ich es immer noch richtig, dass eine Gesellschaft es fördern sollte, wenn Menschen verantwortliche Lebenspartnerschaften miteinander gründen. Wenn ich mir aber anschaue, wie fruchtlos und schlagabtauschig häufig Debatten über Homosexualität ablaufen, und mir dann vorstelle, wie wir das Ganze demnächst nochmal am Fall Polyamorie durchlaufen, inklusive Talkshows und Feuilletons (und das wäre dann ja noch immer nicht das Ende der Debatte), dann grauselt es mir.

Letzte Woche war ich bei einer Diskussion im Mailänder Frauenbuchladen, und hier in Italien gibt es offenbar ganz ähnliche Debatten und Konflikte. Also Forderungen nach rechtlicher Gleichstellung von homosexuellen Paaren mit heterosexuellen einerseits, und konservativ-kirchlicher Gegenwind andererseits.

Von den Diskussionen ist bei mir ein Satz hängengeblieben, oder besser ein Wort, das fiel, nämlich, dass dieser Kampf “Energieverschwendung” sei. Und in der Tat: Wie sinnvoll ist es, sich in solche Debatten über Rechtfertigungen zu verwickeln, in deren Rahmen man beweisen muss, dass Homosexualität doch ganz harmlos sei?

“Wollen wir die Anerkennung von Papa Staat?” fragte Luisa Muraro in der Diskussion, “oder wollen wir, dass uns der Staat nicht reinredet?” Diese Unterscheidung ist sehr wichtig. Sich klarzumachen, dass es im Kern nicht um staatliche Anerkennung geht, sondern um Freiheit, nämlich die Freiheit, zu leben und zu lieben wie man will.

Das Ganze hat noch einen anderen Aspekt, der auch in dem oben verlinkten Artikel kurz angesprochen wird: Der Wunsch nach rechtlicher Anerkennung geht häufig mit einer besonders großen “Normalitätsbekundung” einher: Menschen, die homosexuell monogam leben, sind nicht unbedingt die enthusiastischsten Unterstützerinnen von Polyamorie, denn sie sind bemüht, zu beweisen, dass sie abgesehen vom Schwul- oder Lesbischsein ganz “normal” sind.

Das ist keine Anschuldigung, es liegt vielmehr in der Natur der Sache, dass der Wunsch nach Anerkennung die Tendenz zum Konformismus nach sich zieht. Und das muss auch so sein, denn ohne Zustimmung einer Mehrheit in der Bevölkerung bekommt man keine staatliche Anerkennung.

Deshalb wollte ich an dieser Stelle einfach mal wieder in Erinnerung rufen (denn neu ist der Gedanke ja nicht), dass es im Verhältnis von Lebens- und Liebesformen im Kern gerade nicht um den Wunsch nach Anerkennung seitens des Staates geht, sondern im Gegenteil: um die Freiheit von staatlicher Bevormundung.

Das heißt nicht, dass jetzt sofort alle Aktionen zur Durchsetzung rechtlicher Gleichstellung fallen gelassen werden müssen. Schließlich geht es hier auch um Geld, um Möglichkeiten, und so weiter. Aber sich klarzumachen, dass die staatliche Haltung zu Lebens- und Liebesformen nicht das “Eigentliche” betrifft, ermöglicht vielleicht, die damit einhergehenden Konflikte mit größerer Gelassenheit austragen zu können. Also die “Energieverschwendung” ein bisschen eindämmen, die mit dem Thema einhergeht (auch was die Kräfte und Ressourcen angeht).

Und es hätte natürlich den Charme, an historische feministische Forderungen anzuknüpfen, die nämlich von Anfang an die Abschaffung aller Ehegesetze propagierten. Schon 1871 sagte zum Beispiel Victoria Woodhull in einer Rede:

Ich bin eine Anhängerin der freien Liebe. Ich habe das unveräußerliche, verfassungsmäßige und natürliche Recht zu lieben wen ich will, so lang oder kurz wie ich kann, diese Liebe jeden Tag zu wechseln, wenn es mir gefällt, und niemand von euch und kein Gesetz hat das Recht, mir das zu verbieten.

 

Gute Zeiten, schlechte Zeiten und Social Media

Wanderschuhe

Da war der Fuß noch nicht verknackst.

Eine häufige Kritik an Social Media und vor allem an Facebook ist, dass die Menschen dort vor allem ihre positiven Seiten präsentieren würden, sich selbst in ein gutes Licht rücken, und dass das zu Neid bei den anderen Nutzer_innen führen würde. Irgendwas an dieser Darstellung hat mich schon immer gestört, aber ich konnte es nicht recht fassen. Jetzt habe ich aber eine Idee.

Vergangene Woche war ich Wandern im Elsass und am Freitag knickte ich dabei um und verstauchte mir leicht den Knöchel. Das postete ich auf meiner Facebook-Pinnwand, wobei tatsächlich auch sacht leise im Hinterkopf die Mahnung pochte: Schreib doch nicht immer die tollen Sachen dahin, die du machst, sondern auch mal was Negatives.

Der Post bescherte mir kaum Likes (wem sollte es denn auch gefallen, dass ich mir den Knöchel verknackse), aber ein paar besorgte Mails und Ratschläge, was nun zu tun sei. Und das gab mir zu denken: Wenn Aufmerksamkeit das rare Gut im Internet ist, wieso habe ich die Aufmerksamkeit meiner Kontakte mit meinem popeligen verknacksten Knöchel in Anspruch genommen? So sehr, dass manche sich sogar Sorgen um mich machten? Ist Facebook für so was ein sinnvolles Medium?

Darüber fiel mir auf, dass ich eigentlich auch nicht so gerne “negative” Postings von anderen lese, und zwar genau aus dem Grund, dass ich mir dann überlegen muss, ob und was ich eventuell darauf antworte. Denn auch wenn es sich bei Social-Media-Plattformen nicht um Medien für ausschließlich enge Freund_innen handelt, sondern eher um die Organisation von “schwachen Kontakten”, so handelt es sich aber doch letztlich um Beziehungen.

Es ist also ein Unterschied, ob ich in der Zeitung lese, dass sich irgend eine Promi beim Wandern den Knöchel verknackst hat, oder ob ich das bei Facebook von einer alten Schulfreundin, einem Arbeitskollegen oder auch nur von jemandem lese, mit dem ich schon regelmäßig in Kommentarspalten unserer Blogs diskutiert habe. Bei der Promi in der Zeitung sind keinerlei Beziehungen involviert, ich kann ihr Unglück voyeuristisch zur Kenntnis nehmen, vielleicht beruhigt es sogar meinen Neid darauf, dass sie zu den Schönen und Reichen gehört, denn immerhin verknackst sie sich ja auch den Knöchel.

Eine solche Haltung kann ich aber nicht Leuten gegenüber einnehmen, die ich persönlich “kenne”, auch wenn das Kennen nur sehr lose und sporadisch sein mag. Andererseits wäre ich aber auch emotional überlastet, wenn ich die verknacksten Knöchel all meiner Facebook- und Twitter-Kontakte auch nur zur Kenntnis nehmen wollte – von ihren wirklich ernsthaften Problemen ganz zu schweigen.

Und deshalb glaube ich, dass die intuitive Praxis der Nutzer_innen von Sozialen Medien, dort eher die positiven Aspekte ihres Lebens zu veröffentlichen, aber nicht die negativen, eine sehr sinnvolle ist: Sie vermeiden damit, ihrer Timeline zuviel “Beziehungskapazitäten” abzuverlangen. Natürlich kommt dabei unterm Strich ein geschöntes Gesamtbild ihrer Existenz heraus, aber warum sollte das ein Problem sein?

Ja, der Neid, den das angeblich bei den anderen auslöst. Das Argument überzeugt mich aber nicht wirklich. Denn erstens gleicht es sich unterm Strich wieder aus (wenn ich selber nur die positiven Aspekte poste, dann gehe ich doch wohl davon aus, dass die anderen das eher auch so handhaben). Und zweitens ist Neid nur unter einer bestimmten kulturellen Perspektive etwas Schlechtes. Man kann ihn auch als Ausdruck eines Begehrens sehen, also als eine produktive Kraft: Wenn ich bei einer anderen etwas sehe, das ich auch gerne hätte, dann hilft mir das selbst bei der Orientierung, ich komme dadurch unter Umständen auf Ideen, kann mich ermutigt fühlen oder inspiriert. (Über das Verhältnis von Neid und Begehren habe ich früher schonmal was geschrieben.)

Positive Postings über eigene Erlebnisse und Erfahrungen haben, so meine These, in Sozialen Medien eine produktive Energie, sie machen eher glücklich als depressiv, und zwar nicht nur diejenigen, die sie posten, sondern auch diejenigen, die sie lesen. Und zwar auch dann, wenn der erste Impuls der Lesenden vielleicht “Neid” sein mag.

Postings über persönliche Unglücke oder Probleme hingegen sind im Kontext von Sozialen Medien eher unproduktiv, sie verbreiten sozusagen “negative vibrations”. Sie setzen die Lesenden unter einen gewissen Druck, sich zu überlegen, ob sie nun reagieren sollen und wie: Beileid aussprechen, Hilfe anbieten, whatever. Sie erfordern also “Beziehungsarbeit”, und die wird zwar häufig unterschätzt, ist aber anstrengend und kräftezehrend.

Von daher machen wir es, entgegen allen Unkenrufen, genau richtig, wenn wir in Sozialen Medien ein geschöntes Bild unserer eigenen Existenz malen und über Probleme, Sorgen, Unglücke und so weiter nur in Ausnahmefällen etwas posten. Hier ist es besser, sich direkt an denjenigen Kreis von Freund_innen zu wenden, von denen man sich wirklich Hilfe oder Unterstützung erhofft oder erbittet, aber sie nicht einfach unadressiert zu veröffentlichen.

Please discuss.

PS: Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel.

PPS: Anders verhält es sich mit “politischen” Problem-Postings, also mit Nachrichten und Hinweisen auf Unglücke oder Problematisches, das nicht mich persönlich betrifft, sondern eine politische, gesellschaftliche Dimension hat. Der Unterschied liegt eben genau darin, dass solche Posts Informationscharakter haben und nicht eine Reaktion auf der Beziehungsebene erfordern.

Warum Moral im Gesundheitssystem nicht hilft

© effe45 – Fotolia.com

Heute stolperte ich über einen Artikel, in dem beklagt wird, dass offenbar viele Operationen heute eher aus betriebswirtschaftlichen denn aus medizinischen Gründen durchgeführt werden: Sie rechnen sich für das Krankenhaus. Moralisch wird dann in dem Artikel noch auf die bösen Ärzte und Krankenhausleitungen geschimpft.

Ich finde sowas immer ein bisschen daneben, denn man kann politische Fragen nicht mit moralischen Kategorien lösen. Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten Rahmenbedingungen geschaffen, die konsequent von den im „Gesundheitsbetrieb“ Tätigen betriebswirtschaftliches Verhalten einfordern – also warum sich nun wundern, wenn sie sich auch tatsächlich so verhalten?

Schon vor vielen Jahren hat mir eine befreundete Krankenschwester von dieser Entwicklung erzählt: Zuerst sei die „medizinische Indikation“ (Behandlungen werden aus medizinischen Gründen angeordnet) durch eine „juristische Indikation“ abgelöst worden (Behandlungen werden angeordnet vor dem Hintergrund, ob Patientinnen Regressforderungen stellen können) – was bereits eine Folge der „Verrechtlichung“ der Beziehung Ärztin/Patient war. Medizinisch sinnvolle, aber vielleicht nicht hundertprozentig sichere Behandlungen wurden, so schilderte sie es, nicht vorgenommen aus Angst vor Schadensersatzansprüchen. Und heute würde eben mehr und mehr die „ökonomische Indikation“ Oberhand gewinnen, Behandlungen also danach angeordnet, ob man damit Gewinn machen kann, ob sie sich „rechnen“ oder nicht.

Aus diesen Gründen ist die medizinische Versorgung der Menschen sehr viel teurer und sehr viel schlechter als sie aufgrund der vorhandenen Ressourcen sein müsste. Was aber wäre die Lösung?

Ganz sicher keine Lösung ist es, darauf zu setzen, dass sich die Beteiligten aufgrund ihrer „Moral“ (oder ihres ärztlichen Ethos) gegen die Rahmenbedingungen stellen, dass sie also für die „gute Sache“ das medizinisch Richtige tun, auch auf die Gefahr hin, Ärger mit der Krankenhausleitung bekommen oder weniger zu Geld verdienen.

Ich will gar nicht ausschließen, dass es solche moralisch handelnden Ärztinnen oder Krankenpfleger gibt, wahrscheinlich sogar mehr als wir glauben. Dass unser in sich komplett unsinniges „Gesundheitssystem“ noch nicht zusammengekracht ist, liegt vermutlich genau daran: dass sehr viele dort Beschäftigte sich gerade nicht seiner Logik unterwerfen, sondern in der Tat andere – moralische – Maßstäbe anlegen.

Es war ja von Anfang an das Prinzip des Kapitalismus, darauf zu bauen, dass die Hälfte der Menschen (historisch: die Frauen) sich gerade nicht kapitalistisch verhalten, sondern „selbstlos“ für andere (Mann und Kinder) sorgen – nachzulesen ist das schon in Hegels Rechtsphilosophie und feministisch analysiert dann von Carol Pateman in ihrer Studie „Der Geschlechtervertrag“.

Der Geschlechtervertrag ist inzwischen von Seiten der Frauen aufgekündigt worden. Deshalb ist es heute notwendig, strukturell andere Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen die Fürsorgearbeit sichergestellt ist, ohne auf die Gratisarbeit von „selbstlosen“ Ehefrauen und Müttern zu spekulieren. Und analog wäre es auch notwendig, das Gesundheitssystem neu zu organisieren, sodass seine Rahmenbedingungen den Erfordernissen dessen, worum es dort geht, angemessen sind und sich nicht auf die „Selbstlosigkeit“ des medizinischen Personals verlassen.

Meine These ist Folgende: Die „Verbetriebswirtschaftlichung“ von gesellschaftlichen Beziehungen und Arbeitsbereichen hat überall da nicht funktioniert (oder nur mit sehr, sehr negativen Begleiterscheinungen), wo es sich im Kern um Beziehungen der Ungleichheit handelt. Neben der Familie (Beziehung Erwachsene – Kinder) und der Medizin (Beziehung Arzt – Patient) ist das vor allem auch die Bildung (Beziehung Lehrer/Professorin – Schüler/Studentin).

Der „Markt“ geht nämlich grundsätzlich davon aus, dass die Beziehungen, die hier zu ordnen sind, Beziehungen unter Gleichen sind. Deshalb greift hier auch das Ordnungssystem „gleiche Rechte“ oder Berechnungen wie „Betriebswirtschaft“ – oder es würde zumindest greifen, wenn es denn wirklich angewendet würde. Ein leistungsunabhängiges Grundeinkommen wäre zum Beispiel eine Möglichkeit, mehr „Gleichheit“ in den Zugangsbedingungen zum Markt herzustellen.

Bei Beziehungen der Ungleichheit funktioniert dieser ganze Denkansatz aber schon von der Struktur her nicht: Ärztin und Patientin, Mutter und Kind, Professor und Student sind nicht nur faktisch (also quasi zufällig) ungleich, wie es bei zwei „Marktteilnehmern“ der Fall ist, sondern ihre Beziehung existiert überhaupt nur auf der Grundlage ihrer Ungleichheit. Professorin, Arzt, Mutter wird man nur, weil man im Vergleich zum Gegenüber – Student, Patientin, Kind – ein „Mehr“ hat, weil man mehr weiß, mehr kann.

Es ist deshalb prinzipiell Quatsch, ihr Verhältnis als das einer „Dienstleistung“ (also unter Marktlogik) zu beschreiben, und es ist deshalb auch prinzipiell Quatsch, die auf Märkten sinnvollen Regularien (Betriebswirtschaft) auf diese Beziehungen anzuwenden.

Augenfällige Beispiele sind etwa die ganzen von den Krankenkassen nicht bezahlten ärztlichen Zusatzleistungen: Wie soll eine Patientin beurteilen, welche davon sinnvoll sind oder nicht? Wenn sie der Ärztin nicht glauben kann, weil diese ein ökonomisches Interesse hat? Entweder hat sie genug Geld, einfach alles „einzukaufen“, oder sie ist gebildet genug, ihr vermutlich knappes Budget möglichst effektiv einzusetzen. Verloren haben diejenigen, die wenig Geld und wenig Bildung haben, denn sie werden ihr ohnehin geringes persönliches „Gesundheitsbudget“ am ehesten für unsinnige Untersuchungen verschwenden. Die Verbetriebswirtschaftlichung beschädigt hier ganz direkt das Autoritäts- und Vertrauensverhältnis.

Auch Beurteilungen der „Dienstleistungsqualität“ (im Sinne von: Patientinnen bewerten ihre Ärzte, Studenten ihre Profs) sind zwiespältig. Sicher kann man einiges daraus erfahren, aber die Gefahr ist groß, dass öfter mal schlechte Noten gegeben werden, weil das Urteil der jeweiligen Autoritätsperson nicht gefällt. Also wenn die Professorin für eine schlechte Arbeit eben auch eine schlechte Note erteilt – aber genau dies ist  nun mal ihr Job. Autoritätsbeziehungen sind gerade davon gekennzeichnet, dass man auf das Urteil einer anderen Person, die „mehr“ weiß, vertraut. Und zwar gerade auch dann, wenn es einem nicht gefällt.

Das alte Ordnungsprinzip solcher Beziehungen der Ungleichheit war patriarchal: Der Vater als strukturierendes „Oberhaupt“ der Familie, der Arzt als „Halbgott in Weiß“, der Professor als Hüter des kodifizierten Wissens. Dieses Ordnungsprinzip gilt heute zum Glück nicht mehr. Aber damit ist das Problem eben – wie beim Ende des Patriarchats generell – leider nicht gelöst, sondern die Schwierigkeiten, die Unordnung, das Kuddelmuddel treten erst umso deutlicher hervor.

Luisa Muraro hat einmal gesagt, die Probleme der Zukunft werden nicht von denen gelöst, die die schönsten Gleichheitskonzepte haben, sondern von denen, die Wege finden, wie man mit der Ungleichheit umgehen kann. Und sie hat Recht. Wie organisieren wir Beziehungen zwischen Ungleichen, die für unser Überleben notwendig sind, so, dass niemand zu Schaden kommt?

Wie können wir Autorität postpatriarchal denken?

Intimrasuren und Schönheits-OPs an der Vulva

Gerade las ich von einem WDR-Bericht über einen (angeblichen?) Trend unter jungen Frauen zu Schönheits-Operationen an der Vulva. Ein Hauptproblem für sie scheint es zu sein, dass die inneren Schamlippen bei erwachsenen Frauen häufig länger sind als die äußeren. Während Vulva-OPs wohl noch eher selten sind, entnehme ich dem Beitrag (und das trifft sich mit meiner eigenen Anschauung aus den Umkleidekabinen des Fitness-Studios), dass Intimrasuren unter jüngeren Frauen heute bereits völlig normal sind, und Behaarung im Genitalbereich als eklig und unhygienisch gilt.

Das Thema Schönheit interessiert mich schon länger (siehe z.B. hier), und zwar weil Schönheit die Wechselwirkung zwischen Selbst- und Fremdbild betrifft, mit dem Sich-selbst-einordnen in gesellschaftliche Strukturen und insofern etwas mit Beziehungen zu tun hat.

Man könnte ja nun kulturpessimistisch daherkommen und Schönheits-OPs an der Vulva einfach als (evtl. etwas übersteigerten) Ausdruck zunehmender gesellschaftlicher Normierung von Frauenkörpern begreifen. Gewissermaßen als auf die Spitze getriebene Fortentwicklung von Dünnseins-Normen und Bein- und Achsel-Rasuren.

Mir persönlich gehen Schönheits-Normen für Frauenkörper (oder besser: Akzeptabilitätsdefinitionen, die man erfüllen muss, um sich in der Öffentlichkeit zeigen zu können) schon immer auf die Nerven, vor allem, weil sie so viel Arbeit machen. Ich halte mich aber so weit wie nötig daran, weil ich ja auch irgendwie einsehe, dass man sich kämmen und ordentlich anziehen sollte, bevor man auf die Straße geht. Und weil das, was als “normal” gilt, sich immer verändert und Ausdruck allgemeiner Trends ist, habe ich es seit längerem aufgegeben, mich darüber allzu sehr aufzuregen und halte mich der Einfachheit halber an die Norm. Soweit es eben sein muss.

Allerdings finde ich, dass es zwischen Beinhaar-Rasuren und Intimrasuren (oder gar Vulva-OPs) einen gewichtigen Unterschied gibt: Meine nackten Beine sehen im Sommer alle Menschen, denen ich in der Öffentlichkeit begegne. Ich kann es also in gewisser Weise akzeptieren, dass ich mich hier anpasse und ein bisschen Aufwand für mein äußeres Erscheinungsbild betreibe. Meine Vulva sehen im Allgemeinen aber nur sehr wenige Leute. Und für die wenigen erscheint mir der Aufwand doch unverhältnismäßig hoch. Versteht ihr, was ich meine?

Das, wovon ich vorhin schrieb – die Wechselwirkung zwischen Selbstbild und äußerem Bild, die Beziehung der Einzelnen zur Gesellschaft – ist nicht das, worum es bei Intimrasuren und Vulva-OPs geht. Hier geht es um die Beziehungen zwischen einer Frau und ihren (potenziellen) Sexpartnern und -partnerinnen. Also um den privaten, intimen Bereich. Eine Frau, die sich nicht die Vulva rasiert, geht nicht die Gefahr einer öffentlichen Stigmatisierung ein, weil ungefähr 99.9 Prozent aller Menschen, die sie trifft, ja gar nicht wissen, ob sie rasiert ist oder nicht.

Nicht mit gesellschaftlicher Akzeptanz haben wir es hier also zu tun, sondern mit intimbeziehungsmäßiger Akzeptanz. Ich finde das einen sehr wichtigen Unterschied.

Charlotte Roche hat in ihrem neuen Buch Schoßgebete ja sehr anschaulich beschrieben, welchen Aufwand es bedeutet, Intimrasur  zu betreiben. Aber auch für sie gehört das inzwischen zum guten Ton (und, der Gleichberechtigung sei es geschuldet, betreibt der emanzipierte Mann von heute das offenbar auch – Frage in die Runde: Ist das so?). Im Prinzip sagt sie, dass Frauen, die nicht bereit sind, sich hier was von Pornos abzuschauen, sowieso selbst schuld sind, wenn sie keinen guten Sex haben und von ihren Männern verlassen werden.

In der Tat ist die Hauptmotivation ihrer Hauptfigur Elizabeth die Angst, von ihrem Mann (der fast schon, neben der Therapeutin, als ihr Erlöser geschildert wird), verlassen zu werden. Ich weiß nicht, aber ich stehe auf dem Standpunkt: Ein Mann, der mich verlassen will, ist eh nicht der Richtige für mich. Soll er dann doch.

Es ist ja wohl nicht so, dass Männer, die mit mir zusammen sind, mir damit einen Gefallen tun. Mindestens genauso sehr tue ich ihnen einen Gefallen. Ich halte nichts von dem Konzept, dass man sich über Gebühr anstrengen muss, um für den Beziehungspartner (die Beziehungspartnerin) attraktiv zu sein. Ich halte eher was von dem Konzept, dass sich diejenigen Leute beziehungsmäßig zusammentun sollten, die sich ohnehin gegenseitig gefallen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich verstehe nicht so ganz, was hier vor sich geht, in Frauen-, Männer-, Sex- und Beziehungsfragen.

Früher, vor der Frauenbewegung und der Emanzipation, hatten Frauen immerhin einen handfesten Grund, Angst davor zu haben, von ihren Männern verlassen zu werden. Das bedeutete für sie nämlich, dass sie kein Geld mehr hatten, gesellschaftlich geächtet wurden, dass sie ihre Kinder verloren, sofern welche da waren. Heute ist das alles nicht mehr so. Woher also die verzweifelte Angst, verlassen zu werden?

Gleiches gilt für den Druck der anderen Frauen. Schon immer war es der Vergleich mit den anderen Frauen, der eine Frau dem Druck aussetzte, sich innerhalb gesellschaftlicher Frauennormen zu bewegen. Die anderen Hausfrauen kontrollierten die Sauberkeit der Fenster, die Konkurrentinnen auf dem Ehemarkt die äußerliche Attraktivität, und heute kontollieren die anderen Frauen in der  Umkleidekabine (oder Autorinnen wie Roche) den Enthaarungsgrad der Vulva. Das ist nichts Neues.

Aber auch dieser Druck müsste doch eigentlich abgenommen haben, da es doch die “eine” normale Frauenrolle längst nicht mehr gibt und ich heute unter einer Vielfalt aus Frauenszenen auswählen kann. Warum also funktionieren diese Normierungen nach wie vor?

I simply don’t get it.

Auch zum Thema: Postfeministische Maskerade

 

 

 

 

Und hier noch ein aktueller Artikel aus der SZ

 


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Über Urheberschaft, Klarnamen, Sprache und Beziehungen

Who is who?

Die gegenwärtigen Diskussionen über Klarnamen finde ich interessant. Jenseits von kurzen Positionierungen pro oder contra berühren sie nämlich ein Thema, das die Produktion von Kultur betrifft und das durch das Internet sehr im Umschwung ist: Die Frage, auf welche Weise Texte/Werke mit der Person verknüpft sind, die sie geschaffen hat.

Dass Texte unabhängig von ihren Urheber_innen existieren (das ist ja letztlich das Konzept der Anonymität) ist überhaupt nicht neu. Es ist das Prinzip der Schriftlichkeit schlechthin. Lange Zeit wurde bei Büchern nur selten drunter geschrieben, wer der Autor ist, weil man „Urheberschaft“ gar nicht für wichtig hielt. Sehr häufig wurde auch ein falscher oder ein erfundener Name drunter geschrieben: Sei es, dass jemand Briefe schrieb und sie als die des Apostel Paulus ausgab, um ihnen mehr Gewicht zu verleihen, sei es, dass Frauen unter Männernamen publizierten, weil sie nur so eine Chance hatten, überhaupt gelesen zu werden, sei es, dass in den Texten etwas Verbotenes oder Herrschaftskritisches stand und man nicht gerne dafür ins Gefängnis kommen wollte.

Und selbst, wenn der Name unter publizierten Text drunter stand, war der Autor, die Autorin für die meisten Lesenden unendlich weit weg: Man konnte schließlich Kant nicht mal eben kurz eine E-Mail schreiben, wie genau er das mit der Kritik der reinen Vernunft nochmal gemeint hatte.

Dies war lange Zeit ein kategorialer Unterschied zwischen mündlicher und schriftlicher Sprache: Mündliche Sprache findet zwischen zwei (oder mehr) Menschen statt, die sich mit ihren Körpern gleichzeitig im selben Raum befinden. Sie ist direkt, Austausch, Beziehung. Mit der Erfindung der Schrift wurde die Sprache jedoch von den Körpern und von den Beziehungen gelöst und auf einem Medium fixiert, das unabhängig von diesen Körpern in der Welt zirkulierte. Diese Unterscheidung zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit wird durch das Internet tendenziell aufgehoben – und das ist eine enorm interessante Entwicklung.

Es gibt eine sehr lange Debatte über das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, und um die Frage, inwiefern sich Inhalte dadurch verändern, dass sie nicht mehr gesprochen, sondern aufgeschrieben werden. Die bekannteste Auseinandersetzung mit diesem Thema stammt von Platon, der in seinem Dialog Phaidros vier Einwände gegen die Schrift vorbringt. Es ist interessant, sie vor dem Hintergrund des Internet Revue passieren zu lassen.

Sein erster Punkt besagt, dass die Schrift „in die Seelen der Lernenden Vergessenheit einflößen, durch Vernachlässigung der Erinnerung.“ Die Schrift macht uns vergesslich, denn was geschrieben steht, muss nicht erinnert werden. Schon Hannah Arendt hat aber darauf hingewiesen, dass genau das auch eine Stärke des Schreibens ist: Auf die Frage, warum sie überhaupt Bücher schreibt, antwortete sie: Damit ich nicht vergesse, was ich einmal gedacht habe. Genauso geht es mir auch. Und im Internet kann ich sogar vergessen, wo genau ich das, was ich mal gedacht habe, hingeschrieben habe: Ich kann es ja googeln. Also: Ja, die Schrift macht vergesslich – so what?

Der zweite Punkt, den Platon gegen die Schrift vorbringt, ist, dass sie, „wenn man sie etwas fragt, würdevoll schweigt“: Ein Text gibt mir keine Auskunft, sondern wiederholt nur stur immer dasselbe. Wenn ich das nicht verstehe, habe ich Pech gehabt. Das Internet ist nun dabei, dieses Defizit auszumerzen: Auch wenn jemand etwas nicht mir persönlich gesagt, sondern ins Internet geschrieben hat, kann ich direkt bei ihr nachfragen. Wozu gibt es Twitter oder die Kommentarfunktion. Oder meinetwegen auch E-Mail.

Als dritten Punkt nennt Platon die Befürchtung: „Wenn aber einmal etwas geschrieben ist, treibt sich jedes Wort überall herum, gleichermaßen bei den Verstehenden wie auch bei denen, für die es sich nicht gehört, und weiß nicht, zu wem es reden soll und zu wem nicht.“ Schriftliche Zitate können aus dem Zusammenhang gerissen und völlig falsch interpretiert werden. Allerdings: Im Internet ist das nicht mehr so problematisch. Wer Zitate von mir aus dem Zusammenhang reißt, kann sich nicht mehr darauf herausreden, dass das eben in diesem Buch so gestanden hätte. Und selbst, wenn jemand zu faul ist, um sich ein differenzierteres Bild von dem, was ich gemeint habe, zusammenzugoogeln oder mich direkt zu fragen, besteht immer noch die Chance, dass jemand anderes das tut (jemand, die mich kennt zum Beispiel), und das in den Kommentaren richtig stellt.

Das führt direkt zu Platons viertem Punkt, wenn er schreibt: „Wird sie (also die Schrift) aber beleidigt und ungerecht geschmäht, braucht sie immer des Vaters Hilfe. Selbst nämlich kann sie sich nicht schützen noch helfen.“ Auch das ist heute nur noch eingeschränkt wahr: Denn erstens ist die Verfasserin oder der Verfasser niemals ganz weg vom Text, sondern hockt gleich hinter dem nächsten Link. Und zweitens haben Texte heute ganz viele Beschützerinnen und Beschützer – nämlich all diejenigen, die sie sich selbst angeeignet haben. Und die sitzen heute eben nicht isoliert voneinander jede am eigenen Schreibtisch, sondern sie können jederzeit miteinander diskutieren.

All diese Veränderungen lassen sich auf einen Punkt zurückführen: Die kategoriale Trennung von Schriftlichkeit und Mündlichkeit wird im Internet wieder aufgehoben. Zwar werden Inhalte auf Medien fixiert und zirkulieren losgelöst von den Körpern ihrer Urheberinnen, aber bei Bedarf kann man auf die Autorin oder den Autor zurückgreifen. Die Trennung ist nicht mehr absolut, wir können zwischen schriftlicher und mündlicher Kommunikation hin- und herswitchen. Zum Beispiel, wenn Ihr diesen schriftlichen Text hier jetzt lest und wir anschließend in den Kommentaren darüber diskutieren.

Welche positiven Chancen stecken nun  in dieser Entwicklung?

Ich denke, um das zu verstehen, müssen wir uns erst einmal wieder auf die Besonderheiten der Mündlichkeit besinnen. Die haben wir nämlich in der Vergangenheit ziemlich vernachlässigt. Unsere Kultur schätzt das geschriebene Wort symbolisch viel höher ein als das gesprochene. Dabei ist das Sprechen die erste und wichtigste Kulturtechnik, die wir lernen. Sprechen können ist die Voraussetzung für alles.

Sprechen ist riskant, denn Sprache ist niemals eine exakte Abbildung der Wirklichkeit, sondern es gibt immer einen Spielraum. Das heißt, das Wort muss erst noch mit der Realität verknüpft werden: Wie funktioniert das, dass kleine Kinder sprechen lernen?

Würde zum Beispiel eine Mutter, die ihrem Kind den Sinn des Wortes „Stuhl“ erläutern möchte, Definitionen suchen, würde es kompliziert: Ein Stuhl ist ein Möbelstück mit vier Beinen, einer Sitzfläche und unter Umständen einer Lehne. Vielleicht hat er aber auch nur drei oder sogar fünf Beine, und die Lehne kann manchmal auch fehlen. Kein Kind würde das kapieren.

Stattdessen sagt sie: „Das hier ist ein Stuhl.“ Sie bindet das Wort also an eine Realität, die das Kind vorfindet und die es betrifft. Kein Lexikon und kein Google garantiert für die Richtigkeit ihrer Worte, sondern sie mit ihrer Person. Das Kind lernt, dass das hier ein Stuhl ist, nicht, weil es ein abstraktes Konzept verstanden hat, sondern weil es der Mutter glaubt.

Damit das Sprechen funktioniert und Worte nicht nur Worte bleiben, sondern einen Sinn bekommen, ist also nicht nur wichtig, was gesagt wird, sondern auch wer es sagt und zu wem und in welcher konkreten Situation – und zwar nicht nur zwischen Kindern und Eltern, sondern auch später, zwischen Erwachsenen. Autorität entsteht, wenn das Wort einer anderen oder eines anderen mir einen Sinn in der Welt erschließt. Das wissen wir doch alle: Wenn zwei Leute dasselbe sagen, ist es noch lange nicht dasselbe. Sondern welchen Sinn und welche Bedeutung etwas hat, hängt davon ab, wer die beteiligten Personen sind, welche Geschichte sie miteinander haben, ob ich ihnen vertraue, ob sie für mich Autorität haben.

Das Interessante am Internet ist nun, dass wir über die sozialen Netzwerke Beziehungen mit anderen Menschen aufbauen können, die dann in unsere Rezeption ihrer Texte einfließen und ihnen Autorität verleihen: Wir filtern nicht mehr nur die Themen und Schlagworte, die uns interessieren, sondern wir wählen die  Personen aus, und gewichten das, was die eine sagt, als höher als das, was eine andere sagt. Diese Beziehungen hängen nicht von Klarnamen ab und nicht davon, dass ich die bürgerliche Identität der Person kenne, aber sie hängen sehr wohl davon ab, welche Beziehungen sich hier entwickelt haben. Die Autorität einer anderen Person muss sich über einen längeren Zeitraum bewähren, es hat mit Vertrauen und Verlässlichkeit zu tun.

Vor diesem Hintergrund kommen wir nochmal zurück zur Bedeutung von „Originalität“ und Urheberschaft. Ich hörte vor einiger Zeit den Vortrag eines Philosophen, der die These aufstellte, dass gar nicht wir selbst es sind, die sprechen, wenn wir sprechen. Damit wollte er auf die Tatsache hinweisen, dass wir uns unsere Gedanken meistens nicht selbst ausgedacht haben, sondern lediglich wiederholen, was wir von anderen bereits gehört haben. Das stimmt natürlich. Aber es bedeutet noch lange nicht, dass wir nur nachplappern. Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen den Worten als solchen, die aus meinem Mund kommen, und der Tatsache, dass sie aus meinem Mund kommen, also dass ich sie auch sage (oder eben, heutzutage, ins Internet schreibe).

Für den Zusammenhang zwischen Autorität und Sprache ist nicht die Originalität des Gesagten oder Geposteten wichtig – meine Mutter hat das Wort Stuhl ja nicht erfunden, als sie mir das Wort beibrachte – sondern dass eine bestimmte Person es ist, die dieses jetzt sagt, die dieses jetzt ins Internet schreibt.

Natürlich habe ich vieles von dem, was ich sage (oder schreibe), mir nicht selbst ausgedacht, sondern es hat sich im Austausch mit anderen entwickelt. Aber das Entscheidende ist, dass ich es in einer bestimmten Situation auch tatsächlich ausspreche, dass ich es mit meiner Autorität und meiner Reputation in ein aktuell stattfindendes Gespräch einbringe. Denn das bedeutet, dass ich bereit bin, mit meiner Person und meinem Körper dafür – im wahrsten Sinn des Wortes – einzustehen.

In den Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam ist es eine verbreitete spirituelle Praxis, heilige Texte laut zu rezitieren. Indem ich das tue, einen Text laut spreche, binde ich das Geschriebene wieder mit meiner Person in der Realität. Es kommt nicht nur darauf an, dass die Worte „dort stehen“, sondern auch darauf, dass sie von Menschen immer wieder ausgesprochen und mit Autorität ausgestattet werden.

Leider ist in der westlichen Kultur diese Verbindung des geschriebenen Wortes mit der Person, die es in einer konkreten Situation ausspricht und damit in der aktuellen Realität verankert, weitgehend verloren gegangen. Schriftliche Texte wurden tendenziell höher bewertet als das mündliche Sprechen, mit fatalen Folgen. Zum Beispiel der, dass „Heilige Texte“ – nicht nur religiöse, sondern auch Gesetze und Verordnungen zum Beispiel – sogar als Argument gegen eine reale Situation herangezogen werden, so als hätten sie eine eigenständige Autorität, die losgelöst von konkreten Menschen und Situationen existiert. Wie gefährlich das ist, können wir ja jeden Tag in der Zeitung lesen.

Schriftliche Texte, die nicht mehr von konkreten Menschen verantwortet werden, sondern denen man eine eigenständige, also im wahrsten Sinne des Wortes unmenschliche Autorität zuspricht, werden zu einer Waffe, mit deren Hilfe man andern Leid zufügen kann, ohne selbst dafür die Verantwortung tragen zu müssen.

Das Internet bietet die Möglichkeit, Text und Körper wieder zusammen zu binden. Texte zirkulieren nicht mehr bezugslos, sondern sie sind jederzeit verknüpfbar mit der Autorin und mit anderen realen Menschen aus Fleisch und Blut, die ihnen Autorität geben (etwa durch Retweets und Posts). Diese große Chance darauf, ein uraltes kulturgeschichtliches Dilemma zu überwinden, sollten wir nutzen.

Das bedeutet nicht, dass man zwangsweise Klarnamen einführen sollte. Klarnamen sind ja nur eine von vielen Möglichkeiten, die Beziehungen zwischen Menschen und ihren Medienprodukten zu pflegen und ihre Bedeutsamkeit zu würdigen. Worauf es mir ankommt ist, den Wert zu betonen, den diese Möglichkeit der Verknüpfung von Person und medial fixiertem Wort für einen echten Austausch hat. Wir sollten sie bewusst pflegen.


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Lebenspartnerschaft für alle!

Foto: Sabimm/Fotolia.com

Die überalligen Artikel heute zum zehnjährigen Bestehen der „eingetragenen Lebenspartnerschaft“ für Schwule und Lesben haben mich an ein unentschiedenes Thema in meinem Kopf erinnert: Der Tatsache nämlich, dass ich schon immer sowohl für als auch gegen die „Homo-Ehe“ bin.

Dagegen bin ich, weil ich eigentlich die Theorien über die „freie Liebe“, die im 19. Jahrhundert weit zirkulierten (vertreten zum Beispiel von der fabelhaften Victoria Woodhull) und mit denen ich mich im Studium ziemlich beschäftigt habe, sehr passend finde. Sie verglichen im Allgemeinen die Ehe mit einer Form von Prostitution: Frau verkauft (nicht nur sexuelle) Dienstleistungen gegen wirtschaftliche Sicherheit.

Nun mag man einwenden, dass das zwar im 19. Jahrhundert so gewesen sein mag, aber in heutigen emanzipierten Zeiten doch nicht mehr, und das stimmt auch im Großen und Ganzen. Trotzdem finde ich, dass der Kernsatz der „Freie Liebe“-Bewegung, dass nämlich Liebesbeziehungen nicht per Gesetz geregelt sein sollten, noch immer seine Berechtigung hat. Konkret: Sollte man nicht besser die Ehe als Rechtskonstrukt für klar definierte Frau-Mann-Beziehungen abschaffen, als sie auf (ebenfalls klar definierte) Frau-Frau oder Mann-Mann-Beziehungen ausweiten?

Andererseits bin ich auch für die „Homo-Ehe“, weil damit erstens handfeste Benachteiligungen von lesbischen und schwulen Paaren verringert wurden und weil sich tatsächlich gezeigt hat, dass das Mainstream-Denken über Homosexualität auf diesem Weg ein wenig in Bewegung geraten ist. Das Thema hat gewissermaßen an Monstrosität verloren, indem deutlich wurde, dass „die“ letztlich genauso sind, wie „wir“. Allerdings funktioniert genau das nur, weil eine gehörige Portion „Verspießerung“ zu der ganzen Angelegenheit dazu gehört hat.

Ich konnte aber auch deshalb schon nicht wirklich etwas gegen die Ehe sagen, weil ich selbst bereits mit 19 zum ersten Mal geheiratet hatte. Es war also nicht ganz fair, wenn ich meinen lesbischen Freundinnen zumutete, die Revolution in Sachen Zweierkiste auszutragen. Ich war – als heterosexuell Lebende – ja in der gewissermaßen komfortablen Situation, die Ehe qua Vollzug aushebeln zu können: Heiraten, aber dann nicht das tun, was Verheiratete normalerweise tun: Zusammenziehen, Kinder kriegen und so weiter.

Meine Meinung war schon immer, dass die Ehe ein Rechts- und kein Liebeskonstrukt ist – übrigens ist das ein Allgemeinplatz in der europäischen Ideengeschichte: Dass Liebe und Ehe nicht miteinander vereinbar sind, wurde häufiger behauptet als das Gegenteil. Und in der Tat: Man kann verheiratet sein, aber sich nicht lieben, und man kann sich lieben, ohne verheiratet zu sein. Anders als die klassischen Ehekritiker_innen sehe ich diesen Zusammenhang aber auch nicht als eindeutig an: Denn definitiv kann man sich auch lieben und verheiratet sein, und man kann sich nicht lieben und nicht verheiratet sein.

Wie geht es nun also weiter? In welche Richtung laufen wir?

Ich denke, es genügt nicht, das Konstrukt Ehe von der Festlegung auf das Mann-Frau-Paar zu befreien und auf jede Art von Paar auszuweiten. Sondern ich würde vorschlagen, tatsächlich Liebesbeziehungen und das rechtliche Konstrukt der „Lebenspartnerschaft“ voneinander zu trennen.

Konkret schlage ich vor, die problematische Tendenz der Lebenspartnerschaft zur Verspießerung, zum Errichten neuer Normativitäten und letztlich zur Befestigung der heterosexuell konnotierten Beziehungsnorm (mehr dazu hier) nicht etwa dadurch zu lösen, dass wir Lebenspartnerschaften abschaffen. Sondern dadurch, dass wir sie im Gegenteil noch weiter ausdehnen: Auf alle menschlichen Beziehungskonstellationen nämlich, die sich einen verbindlichen Rechtsstatus für gemeinsames Leben, Versorgen und Wirtschaften geben möchten.

Zum Beispiel kenne ich zwei Schwestern, die mit ihren jeweiligen Kindern zusammen leben. Sie haben ein Haus gekauft, teilen ihr Einkommen und die Familienarbeit – sind aber kein romantisches „Liebespaar“. Warum sollen sie nicht in den Genuss von Ehegattensplitting, Hinterbliebenenrente, Ehegattenzuschlägen und so weiter kommen?

Denkbar wären auch Lebenspartnerschaften zwischen mehr als zwei Menschen, die – ob mit sexueller Komponente oder nicht – ihr Leben gemeinsam planen und füreinander Verantwortung übernehmen möchten: Warum sollen sich nicht auch drei oder vier Leute miteinander „verpartnern“ können?

Oder auch Beziehungen zwischen verschiedenen Generationen, die nicht durch Blutsverwandtschaft, sondern durch gegenseitige Sympathie begründet sind. Oder Beziehungen zwischen Deutschen und Menschen ohne Aufenthaltsrecht hierzulande: Dass jemand durch eine Heirat (also die persönliche Übernahme von Verantwortung) jemandem aus einem anderen Teil der Welt die Möglichkeit verschafft, in Deutschland zu leben, ist ja ohnehin schon länger einer der sinnvolleren Aspekte der Ehe, so wie wir sie derzeit kennen – und dass dabei romantische Liebe inszeniert und vorgegaukelt werden muss, ist oft eher lästig.

Die Idee, dass der Staat verbindliche Lebenspartnerschaften durch entsprechende Regelungen unterstützt, finde ich also prinzipiell gut. Wir alle hätten dann die Wahl, ob wir uns in dieser Hinsicht lieber individuell aufstellen (mit eigenem Einkommen, mit individueller sozialer Absicherung, mit entsprechender Steuerlast und entsprechenden Ansprüchen auf Versorgung im Bedarfsfall), oder ob wir uns auf Dauer mit anderen zusammentun möchten (und zum Beispiel rechtlich abgesichert Einkommen und Fürsorge miteinander teilen, also weniger Steuern zahlen, dafür aber auch im Bedarfsfall erst einmal füreinander einstehen, bevor wir staatliche Leistungen in Anspruch nehmen).

Romantische Liebe kann ein Motiv für eine solche Verpartnerung sein, es sind aber noch viele andere Motive denkbar. Ich sehe nicht ein, warum diese anderen Motive weniger wert sein sollen. Was zählt, ist die Verbindlichkeit, die Ausrichtung auf eine gewisse Dauerhaftigkeit, die Übernahme von Verantwortung füreinander und der Wunsch, das Leben gemeinsam zu planen. Und anders herum ist romantische Liebe auf ein solches Konstrukt nicht unbedingt angewiesen; je nachdem, welche Liebesformen jemand bevorzugt, kann es dabei sogar hinderlich sein.

Von daher: Lebenspartnerschaft für Zweierkisten unabhängig vom Geschlecht der Beteiligten ist gut. Lebenspartnerschaft für alle, die das wollen, wäre noch  besser.


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Das einzige Mittel gegen Fakes: Körperkontakt!

Man kann im Internet eine falsche Identität vortäuschen, das ist lange bekannt. Und man kann sie sogar sehr gut vortäuschen, wie Tom Mac Master uns gerade bewiesen hat: Mit seinem Blog, in dem er so tat, als sei er eine junge lesbische Aktivistin in Syrien, hat er weltweite Aufmerksamkeit bekommen hat. Viele haben ihm geglaubt.

Die moralische Entrüstung ist nun groß, und natürlich ist auch der Schaden groß. “You took away my voice, Mr MacMaster, and the voices of many people who I know” schreibt etwa Daniel Nassar, Herausgeber des  Gay Middle East blog. „Weiße Privilegienpimmel, die sich als Lesbians of Color ausgeben. Diese Form von Gewalt ist perfide, ekelerregend und macht sprachlos“, twitterte @lantzschi.

Aber mit Moral kommt man im Bereich des Politischen nicht weit. Das Ganze ist nur zum Teil eine ethische Frage, sondern es ist eigentlich eine erkenntnistheoretische: Inwiefern hängt die eigene Identität mit dem Inhalt dessen, was man sagt, zusammen? Tom Mac Master etwa versteht das Problem nicht. Er verteidigt sich mit dem Argument, dass er zwar nicht sei, wer er vorgegeben hat, zu sein, aber was er geschrieben hat, war doch richtig? Und man muss zugeben: Das war es ja offenbar auch, wenn viele es so gut fanden und sogar große internationale Medien ihn/sie um Interviews baten.

Was also macht die Aussage einer lesbischen Syrierin zu einer solchen? Die mediale Antwort ist klar: Die Medien schätzen es, wenn eine lesbische Syrierin möglichst gut, mitreißend und eloquent das sagt, wovon sie glauben, dass eine lesbische Syrierin es so sagt. Und genau das hat Tom Mac Master geliefert. Etwas anderes konnte er ja auch gar nicht liefern, weil er nämlich keine lesbische Syrierin ist, sondern ein amerikanischer Student. Er musste also sich vorstellen, was eine lesbische Syrierin wohl so sagen würde, und das hat er – offenbar sehr überzeugend – aufgeschrieben.

Genau so funktioniert mediale Aufbereitung von politischer Dissidenz generell: Zu Wort kommt und Aufmerksamkeit bekommt, wer als Teil einer identitären Gruppe möglichst das aufschreibt, was man im Allgemeinen von einer Person aus dieser Gruppe erwartet. Bricht eine Person diese Erwartungen, wird es kompliziert, stimmt nicht mehr mit den üblichen Zuweisungen und Vorurteilen überein, erfordert Differenzierungen – und schon ist kein Platz mehr dafür in den Medien.

In meinem Text „Jenseits von Mainstream und Nische“, den ich für das demnächst erscheinende Buch „Soziale Bewegungen und Social Media“ geschrieben habe, geht es genau um dieses Thema. Darin vertrete ich die These, dass das Internet helfen kann, dieser Verengung in den Mainstreammedien entgegen zu treten.

Nach der Mac-Master-Affäre muss ich präzisieren: Das stimmt nur dann, wenn wir die Vernetzung über das Internet bewusst und aktiv mit körperlichen Begegnungen kombinieren. Politischer Aktivismus nur über das Netz reicht nicht. Denn es gibt nur genau eine Möglichkeit, um zu überprüfen, ob diejenigen, mit denen wir uns via Internet vernetzen, auch die sind, die sie vorgeben, zu sein: Wir müssen sie treffen. Körperkontakt haben, sozusagen.

Tatsächlich merke ich an mir selbst, dass das Bedürfnis, Menschen auch persönlich zu treffen, mit denen ich mich im Internet anfreunde, sehr groß ist. Inzwischen habe ich auch schon viele getroffen. Von ihnen weiß ich, dass sie „echt“ sind und kein Fake. Und ich habe auch gemerkt, dass ich sie dann jedes Mal nach anderen ausfrage: Kennt Ihr die und den? Habt Ihr die schon gesehen?

Das ist kein Voyeurismus. Sondern Zeuginnenschaft. Wenn @ihdl mir erzählt, dass sie @lantzschi schon getroffen hat, dann bezeugt sie mir gegenüber deren Echtheit. Die Frage ist dann quasi nicht mehr, ob @lantzschi überzeugend vorgibt, die zu sein, die sie behauptet, sondern die Frage ist, ob ich @ihdl glaube, von der ich ja schon mal weiß, wer sie ist, jedenfalls so grob.

Die Frauenbewegung (und, wie ich meine, jede ernst zu nehmende soziale Bewegung) ist eine Bewegung persönlicher Beziehungen. Eben deshalb, weil es darum geht, von der eigenen Position ausgehend Neues zu denken. Also um zu erfahren, was die lesbische Syrierin möglicherweise anderes denkt, als ich selbst – die ich nämlich eine heterosexuelle Deutsche bin – mir vorstellen könnte, was eine wie sie sagen würde.

Diese Möglichkeiten sind im Internet viel besser geworden als früher. Aber eben nur dann, wenn ich mir sicher sein kann, dass die anderen kein Fake sind. Das lässt sich über moralische Forderungen nicht gewährleisten. Wir kommen, Internet hin oder her, nicht ohne Treffen aus. Nicht ohne Zeuginnenschaft für die Echtheit der anderen. Nicht ohne gemeinsames “Denken in Gegenwart“, wie Chiara Zamboni es formuliert hat. Ohne das laufen wir Gefahr, den Klischees unserer eigenen Vorurteile zum Opfer zu fallen.

Kurz und gut, wir müssen, hin und wieder, gleichzeitig im selben Raum sein. Kein Medium – auch nicht das Internet – kann das jemals ersetzen.


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