Über welchen Kanal hätten Sie’s denn gerne?

Grade fragte das Nuf auf Twitter nach Unter-20-Jährigen, die eine Meinung zu dem LeFloid-Interview mit Merkel hätten (zu dem sie schon was Feines gebloggt hatte) – und dabei fiel mir ein, dass ich ja einen Unter-20-Jährigen kenne, den ich fragen kann (meinen Neffen). Also dachte ich, ich frag ihn mal.

Um mit meinem Neffen zu kommunizieren, gibt es genau eine Möglichkeit: Snapchat. Ich also Frage hin, Antwort zurück, zackzack in drei Minuten erledigt (hat das Interview gesehen, fand es gut, hat Verständnis dafür, dass LeFloid nicht allzu kritisch gefragt hat, weil er ja sicher froh gewesen wäre, ein Interview mit ihr machen zu dürfen). (Update: Lesenswert zu dem Interview auch was Johnny Haeusler schreibt.)

Für mich ist das jetzt der Anlass, mal über was anderes zu bloggen, das mir schon länger im Kopf herum geht: Nämlich die zunehmende Diversifizierung der verfügbaren Kommunikationskanäle und die damit einhergehende Notwendigkeit, für die jeweilige Person, mit der man kommunizieren will, den richtigen Kanal zu wählen.

Snapchat habe ich praktisch nur für Neffe 1, mit Neffe 2 muss ich WhatsApp nehmen. Meine chinesischen Bekannten erreiche ich nur über WeChat. Telefonieren geht natürlich immer, aber so unhöflich bin ich nun nicht, Leute einfach telefonisch zu belästigen, wenn es nicht was ganz Dringendes ist – Anrufen ist doch fast so aufdringlich, wie einfach ohne Voranmeldung an der Tür zu klingeln. Abgesehen natürlich von denen, die sehr gerne telefonieren und auch sehr gerne von mir angerufen werden wollen.

E-Mails sind zunehmend out, es sei denn, man möchte Leute über etwas pro Forma informiert haben ohne wirklich eine Reaktion von ihnen zu wünschen. Es gibt nämlich immer mehr Leute, die ihre E-Mails gar nicht lesen beziehungsweise grundsätzlich nicht darauf reagieren (mein Neffe ist da keine Ausnahme). Erst diese Woche wieder ging es um eine Verabredung, die schon länger feststand. Keine Reaktion auf die nachfragende Mail, ob es dabei denn bleibt, aber instantaneous Antwort via Twitter.

Bei anderen Menschen funktioniert dasselbe über Facebook, und zwar besonders bei Firmen oder Organisationen. Wochenlang hatte ich etwa vergeblich versucht, eine Presse-Akkredition für einen Kongress nächste Woche zu bekommen, aber keine oder nichtssagende Antworten. Als ich die Verantwortlichen über Facebook kontaktierte, ging es plötzlich ratzfatz.

Andererseits sind da immer noch sehr viele, die überhaupt nur via E-Mail erreichbar sind, weil sie Social Media generell verweigern. Und dann gibt es natürlich auch noch die Leute, die gar kein Internet haben und denen man Postkarten schreiben muss.

Ich überlege ernsthaft, ob ich in meiner Adressen-Datenbank noch ein weiteres Feld einfügen muss, nämlich: “erfolgsversprechendster Kommunikationskanal”. Auswendig verliere ich nämlich so langsam die Übersicht.

Öffentliches Denken oder warum ich Zeugs ins Internet stelle

Neulich fühlte ich mich kurzzeitig ertappt, weil ich in einer Kolumne von Menschen las, die durch die Gegend laufen und alles daraufhin „scannen“, ob es vielleicht brauchbar ist für ein Posting auf Facebook, Instagram, Twitter. Das mache ich nämlich auch oft: dass ich Erlebnisse und Dinge, die mir auffallen, gleich im Kopf „übersetze“ in ein Foto, in einen Tweet, in einen Blogpost.

Erwischt! Ich bin ja gar nicht mehr richtig im Leben! Ich missbrauche das richtige Leben für meine mediale Selbstdarstellung im Internet!

Stimmt diese Erzählung?

Wenn ich über meine eigene Praxis dazu nachdenke, dann würde ich es eher so beschreiben, dass Social Media für mich einen „Abflusskanal“ bildet für die Sachen, die mir durch den Kopf gehen. Mir fällt etwas auf, mich wundert etwas, ich habe einen Gedanken, eine Idee, eine Frage – und ab damit ins Internet.

Mache ich das wegen der Likes? Ist das Narzissmus? Ich glaube nicht, dass das das Hauptmotiv ist, auch wenn ich nicht ausschließen will, dass es vielleicht auch eine Rolle spielt.

Andererseits ist es aber doch so, dass die interessantesten und originellsten Sachen (aus meiner Sicht) nicht unbedingt die sind, die mit den meisten blauen Daumen belohnt werden. Es gibt im Internet eine gewisse (allerdings keine zwingende!) Korrelation zwischen der Banalität eines Postings und der zahlenmäßigen Resonanz. Es wird nicht unbedingt Originalität „belohnt“, sondern in der Regel Wiedererkennbarkeit, Mainstream.

Ich finde das auch gar nicht schlimm. Bei privaten Accounts hat dieser Mechanismus ja auch keine schlimmen Folgen, anders als etwa auf den professionellen (und aus kommerziellen Gründen auf Resonanz angewiesenen) Contentlieferanten. Aber ich bin nicht so dumm zu glauben, dass meine Ideen dann besonders toll sind, wenn sie massenweise Zustimmung bekommen. Ich freue mich durchaus über Likes und Retweets, denn sie bedeuten, dass jemand sich kurz über etwas von mir gefreut hat, dass etwas von mir irgendwo ein Quentchen positiver Wahrnehmung verursacht hat, und das ist doch schön. Es ist aber für mich nicht das Wesentliche.

Das Wesentliche ist das Dokumentieren meiner Einfälle und Wahrnehmungen, wofür es seit dem Internet eine technologische Möglichkeit gibt, die es früher nicht gab. Mit „Mikropostings“ im Internet denke ich sozusagen öffentlich. Früher gab es nur die Möglichkeit, diese Eindrücke mit denjenigen zu teilen, die zufällig in der betreffenden Situation ebenfalls anwesend sind – he, guck mal hier! Ich denke dazu das, was meinst du?

Das ist übrigens immer noch sehr wichtig für mich. Aber es ist ja nicht immer jemand da, wenn mir was durch den Kopf geht. Social Media erlaubt mir gewissermaßen, den Kreis solcher „Reflektions-Gesprächspartner_innen über Alltagskleinigkeiten“ in eine größere Öffentlichkeit hinein auszuweiten.

Vielleicht kennt sich jemand mit dem Thema aus, war auch schon mal an diesem Ort, whatever! Ich merke schnell, wenn eine Idee Bullshit ist oder jedenfalls starke Schwächen hat, weil von Leuten, deren Urteil ich was zutraue, entsprechende Hinweise kommen. Oder andersrum, dass an einer Idee was dran ist, weil sie weitergedacht und gelobt wird.

Apropos blauer Daumen: Ich schaue dabei nicht auf die Zahlen, aber das bedeutet nicht, dass mir die Reaktionen egal wären. Sondern ich achte sehr genau darauf, von wem ein Like, ein Kommentar, ein Retweet kommt. Die reine Anzahl des Zuspruchs ist mir egal, es gibt aber Leute, die für mich Autorität haben, sei es weil ich sie generell für klug halte oder weil ich weiß, dass sie sich auf einem bestimmten Gebiet auskennen. Deren Reaktionen nehme ich wahr, und zwar auch dann, wenn es nur ein kleiner Like oder ein gepostetes Fragezeichen ist.

Dieser kleine, tägliche, unspektakuläre Austausch ist für mich inzwischen so eine Art Werkzeug meines Denkens geworden, ein Tool, auf das ich nicht verzichten möchte. Denken funktioniert ja nicht im abgeschlossenen Gehirn einer isolierten Persönlichkeit, sondern im permanenten Austausch mit der Welt und mit anderen Leuten.

Was ich vor Jahren schon mal in Bezug aufs Bloggen sagte, nämlich „Ich schreibe nicht für euch!“, das kann ich eigentlich genauso für meine „Mikroäußerungen“ auf Facebook, Twitter oder Instagram sagen: Ich poste das nicht „für euch“, ich poste das „für mich“.

Aber ohne euch bin ich eben nix.

Was verlorengeht, wenn das Internet normal wird

Wenn ich Freundinnen, die nicht dort sind, in den vergangenen Jahren von Twitter und von Facebook erzählt habe und davon, warum ich dort so gerne bin, habe ich immer gesagt, dass man dort interessante Leute treffen kann, außerhalb der eigenen „Filterbubble“. Andere Strömungen des Feminismus zum Beispiel. Leute mit anderen Interessen, aus anderen Szenen, mit anderen Zugängen zu Themen, aus anderen Kulturen. Dass die Hürden, mit „anderen“ in Kontakt und Austausch zu kommen, nicht so hoch sind wie im Meatspace.

Aber ich bin mir nicht mehr so sicher, ob das noch stimmt. Ich beobachte in letzter Zeit, dass sich die Szenen wieder mehr separieren. Das ist ja auch schon verschiedentlich von anderen diskutiert worden – ich habe mir die Links nicht gemerkt, aber das Thema ist jedenfalls schon länger virulent: Dass sich um Blogs engere Communities bilden, dass der Austausch doch wieder mehr unter „Gleichgesinnten“ geschieht, dass sich die Kommunikation ausdifferenziert, dass das Interesse an „anderen“, die Bereitschaft, sich auf deren Sichtweisen einzulassen, und das Interesse für das, was sie zu sagen haben, nachlässt.

Ich bedaure das, aber ich glaube, es ist einfach eine Konsequenz davon, dass das Internet und vor allem die sozialen Medien normaler werden.

Als ich mich Anfang 2009 auf Twitter und Facebook anmeldete, kannte ich da praktisch niemanden. Ich war neugierig, suchte Anschluss an Debatten und Szenen, und lernte ziemlich schnell interessante Leute kennen – Leute, die ich außerhalb des Internet vermutlich nie kennengelernt hätte. Eine kleine Gemeinsamkeit (wie zum Beispiel „Feministin sein“) genügte schon, um das Interesse aneinander zu wecken und einen Austausch in Gang zu bringen.

Wer sich heute auf Facebook anmeldet – und eingeschränkt stimmt das, glaube ich, auch für Twitter und andere Plattformen – trifft da hingegen gleich einen ganzen Haufen von Leuten aus dem eigenen Leben, aus der eigenen politischen Szene, aus dem eigenen Arbeitsumfeld. Die Notwendigkeit, sich auf die Suche nach „anderen“ zu machen, ist nicht mehr gegeben. Und entsprechend geringer ist auch die Bereitschaft, Leuten, die nicht genau auf die eigene Linie passen, überhaupt großartig Aufmerksamkeit zu widmen oder gar Kompromisse zu machen.

Ich merke das an mir selber: War es 2009 noch so, dass es fast keine Überschneidungen gab zwischen den Menschen, mit denen ich außerhalb des Internet zu tun hatte, und denen, mit denen ich im Internet kommunizierte, so sind die Mehrheitsverhältnisse inzwischen ganz anders. Vor allem wenn ich Facebook aufmache, sind da heute dieselben Leute, die ich auch treffe, wenn ich ins Büro gehe oder auf ein Treffen mit meinen feministischen Freundinnen. Aber auch auf Twitter sind inzwischen viel mehr aus meinen „Szenen“ – es sind zwar immer noch die meisten Menschen, die ich kenne, nicht auf Twitter, aber inzwischen sind genügend Menschen dort, die die meisten Dinge so ähnlich sehen wie ich, die in ähnlichen Kontexten zuhause sind und so weiter.

Und einerseits freut mich das, ich habe ja selber dauernd mir den Mund fusselig geredet, dass sie doch bitte hierherkommen sollen. Aber andererseits ist es eben auch schade.

Ich selber habe eine ganze Reihe von Blogs inzwischen wieder aus meinem Feedreader geschmissen, weil sie thematisch zu weit von meinem Interesse weg sind oder weil ich keine Geduld mehr habe, mich auf Standpunkte einzulassen, die ich kritisch sehe – es sind eben heute genügend andere Blogs da, die mir näher liegen. Hätte ich 2009 meine Internetlektüre so rigide ausgewählt, wie ich es heute tue, hätte ich nicht viel zum Lesen gehabt.

Vermutlich ist diese Entwicklung unausweichlich – das Internet ist ja letztlich nur ein Medium, und Medien nutzen wir, um mit Menschen zu kommunizieren, mit denen wir kommunizieren wollen. Außer eben wenn ein Medium sehr neu ist, dann nimmt man, wen man kriegen kann.

Die frühen Jahre der sozialen Medien waren wohl eine außergewöhnliche Sondersituation: Da trafen sich Menschen, die Lust hatten auf dieses Medium, das Medium als solches war schon etwas Verbindendes. Man kommunizierte mit denen, die eben da waren, mit anderen ging es ja nicht. Daher kam diese anfängliche Offenheit, diese szeneübergreifenden Kontakte und Beziehungen. Ich bin extrem dankbar dafür, dass ich das miterlebt habe, denn manche, nein: viele dieser Menschen sind mir inzwischen sehr wichtig geworden, und ich glaube (hoffe jedenfalls), dass ein Großteil dieser Beziehungen auch über die Normalisierung des Internet hinaus erhalten bleiben.

Aber ich vermute, dass da nicht viele mehr dazukommen werden. Das Internet sortiert sich gerade, we are going back to normal. Und das finde ich durchaus schade, aber ich fürchte, es ist nicht zu ändern. Ich habe mir allerdings vorgenommen, diesen Spirit aus der Erinnerung an „damals“ noch so lange wie möglich am Leben zu halten.

Trolle und ihre Absichten

Gestern habe ich drüben in meinem Gottblog christliche Fundamentalisten mit Trollen verglichen, weil auch sie eine sinnvolle Diskussion unmöglich machen.

In der Kommentardiskussion wurde als Einwand gegen diesen Vergleich vorgebracht, dass religiöse Fundamentalisten meist keine böse Absicht haben, sondern ehrlich überzeugt sind, “im Namen des Herrn” unterwegs zu sein. Die böse Absicht jedoch sei das wesentliche Charakteristikum von Trollen. Trollen ginge es nicht um die Sache, sondern sie würden Diskussion absichtlich stören bzw. hätten unlautere Motive wie Spaß am Stören, Suche nach Aufmerksamkeit, den Wunsch, Schaden anzurichten.

Mit dieser Definition von Trolltum bin ich nicht einverstanden. Natürlich will ich nicht bestreiten, dass es sicher auch Trolle gibt, die einfach Spaß daran haben, andere zu ärgern. Aber ich glaube, wenn wir das Phänomen in erster Linie unter diesem Gesichtspunkt betrachten, geht das am Kern der Sache vorbei. Denn für den Effekt, den ein Troll für den Diskussionsverlauf hat, ist es ganz egal, in welcher Absicht er das macht.

Aus meiner eigenen Erfahrung in diesem Blog kann ich sagen, dass der Umgang mit Leuten, die offensichtlich böswillig sind, die Frauen sowieso hassen oder dummblöde Sprüche ablassen, ziemlich leicht ist: Weg damit.

Viel schwieriger ist der Umgang mit den anderen, die tatsächlich ein Anliegen haben, denen es also durchaus um das Thema geht, nur dass sie eben so felsenfest davon überzeugt sind, dass sie recht haben, dass sie nicht in der Lage sind, auf andere Argumente zu hören oder sie auch nur ansatzweise zu verstehen. Also durchaus vergleichbar der Beschränktheit und dem missionarischen Eifer von Fundamentalisten.

Ich bekomme hier häufig Kommentare von Männern (selten auch von Frauen), die ich unter “Trolltum” einsortiere und daher nicht freischalte, obwohl ich mir sicher bin, dass sie nicht in der Absicht geschrieben sind, die Diskussion zu zerstören, sondern aus ehrlicher Empörung, aus Eifer, aus einer felsenfesten Überzeugung heraus, in der ernsthaften Absicht, die Welt vor der Zerstörung durch den Feminismus zu retten.

Oft wissen diese Kommentatoren auch, dass sie keine Chance haben, hier veröffentlicht zu werden (sie schreiben es dazu, dass sie es wissen), aber dennoch machen sie sich die Mühe, lange oder kürzere Texte mit ihrer Meinung zu den von mir angesprochenen Themen zu schreiben. Sie schreiben das sozusagen nur für mich, oder besser, für sich selbst, damit sie nicht geschwiegen haben angesichts des Unsinns, den ich hier verzapfe. Ich habe manchmal tatsächlich den Eindruck, sie “beten für meine Seele” in gewisser Weise, sie legen ein Bekenntnis ab. Die Nähe zum Fundamentalismus ist für mich ziemlich offensichtlich.

Von daher halte ich es für falsch, das Phänomen “Trolle” vorschnell auf Böswilligkeit, Sadismus, Zerstörungslust und so weiter zu verengen. Zumal die hinter einem Trollkommentar stehende Absicht ja auch vollkommen egal ist: Auch ein in “bester Absicht” agierender Troll zerstört objektiv die Debatte oder beeinflusst sie jedenfalls negativ.

Und in jeder Hinsicht sind die Übergänge fließend. Ich hatte auch schon Kommentare, die habe ich nicht freigeschaltet, dann kam eine Mail, warum nicht, ich schickte den Link auf die Seite, wo ich das mit den Kommentaren erkläre – und kurz später kommt derselbe Kommentar, nur auf eine Weise formuliert, die nicht diskussionszerstörend ist, bei denselben Inhalten – inklusive einer Entschuldigung per Mail, dass man das nicht gewusst habe. Das heißt, in diesen Fällen handelt es sich gar nicht um Trolle, sondern um Leute, die offensichtlich ansonsten in Umfeldern diskutieren, wo andere Sitten und Gebräuche herrschen, wo zum Beispiel Sarkastik und Polemik üblich ist, was sie bei mir aber halt nicht ist.

Was auch relativ oft vorkommt ist, dass Leute deshalb trollen, weil sie zu sehr an einem bestimmten Thema interessiert sind, und dann versuchen, die Diskussion wegzulenken von dem, was mich interessiert, hin zu dem, was sie interessiert. Das kann Derailing sein, also der Versuch, böswillig vom Thema abzulenken, es kann aber auch einfach die Unfähigkeit oder Unwilligkeit sein, von den eigenen Wünschen und Anliegen einmal abzusehen. Also letzten Endes schlechtes Benehmen oder eine Art kindlicher Trotz. Da muss man halt streng sein und sagen: Ich weiß, dass du noch Bonbons willst, aber du kriegst jetzt keine mehr.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich finde, das Wesentliche am Umgang mit Trollen oder besser: den Bemühungen darum, die Diskussionskultur im Internet zu retten, ist nicht die Suche nach den Motiven von Trollen. Sondern für Blogbetreiberinnen und Forumsmoderatoren ist es aus meiner Sicht viel wichtiger, die Wirkungsweise von diskussionszerstörenden Mechanismen zu verstehen. Also zu wissen und sich klar zu machen, dass man bestimmte Diskussionsstile nicht zulassen sollte, weil sie einfach faktisch schädliche Auswirkungen haben (was auch wiederum nicht universal geregelt sein kann, es kommt eben auch immer auf das jeweilige Publikum an, das man anziehen oder abstoßen will).

Und dann wird man vielleicht leichter schädliche Kommentare löschen, also sozusagen aus guten Gründen und guten Gewissens – auch wenn man merkt, dass der Troll gar keine bösen Absichten hat. Aber auch ein ohne böse Absicht angerichteter Schaden ist halt eben ein Schaden.

 

Drei Gründe, warum das Internet für Journalisten möglicherweise keine Verbesserung ist, für viele andere aber schon

Es ist schon ein paar Wochen her, dass Martin Giesler einen eher pessimistischen Internetartikel schrieb. Mich hat frappiert, wie unterschiedlich er und ich das Internet und speziell das Bloggen erleben, und ich überlegte mir, woher das kommen könnte. Ich glaube, der Unterschied ist, dass er das Thema aus einer journalistischen Perspektive betrachtet, ich hingegen nicht. Vielleicht sind Internet und Journalismus ja tatsächlich unvereinbar.

Diese drei Punkte finde ich dabei besonders wichtig. (Ich beziehe mich stellvertretend auf Zitate aus Gieslers Blogpost, aber ähnliche Argumente finden sich ziemlich oft in der Debatte.)

 1. Journalist_innen nennen es Arbeit, andere nicht

„Zusammengefasst arbeite ich also durchschnittlich 8.5 Stunden pro Tag für das ZDF und davor und danach noch einmal gute 4-5 Stunden an den anderen Projekten. Macht also insgesamt rund 13 Stunden pro Tag – wir nennen es Arbeit.“ 

Dass dies eine Sichtweise ist, die nur Journalisten (oder vielleicht sonst noch Irgendwas-mit-Medien-und_oder-Uni-Leute) haben können, ist offensichtlich: Wenn eine Bäckerin neben ihrem Job bloggt, käme sie nie auf die Idee, das Arbeit zu nennen. Wir nennen es nicht Arbeit, wir nennen es Engagement, Hobby, Aktivismus, Liebhaberei. Eine Tierärztin hätte nie den Anspruch, dass sie mit ihrem privaten Blog Geld verdienen muss, ein Richter nicht den Anspruch, dass er während der Arbeitszeit seine Social Media Kontakte pflegen kann. Warum haben Journalisten diesen Anspruch?

Gerade dieses Missverständnis hat übrigens gar nichts mit dem Internet zu tun. Journalisten konnten schon immer ihre politischen Ansichten in ihrer Arbeit umsetzen, bei ihnen vermischte sich Arbeit und Teilnahme am politischen Diskurs. Früher mussten sie am Gatekeeper Redaktionsleitung vorbei, heute am Gatekeeper Algorithmus. Normalsterbliche mussten schon immer sehen, wo sie blieben, wenn sie ihre Flugblätter verteilten, Diskussionveranstaltungen abhielten, Projekte gründeten und so weiter.

Für Menschen, die nicht im Journalismus arbeiten, ist das Internet also eine Erleichterung, für Journalist_innen eher nicht.

 2. Journalist_innen und andere nähern sich der Filterbubble von verschiedenen Seiten an

„Theoretisch könnte also jeder, der sich gerade einen Twitter-Account zulegt, mit einer absolut großartigen Geschichte die Aufmerksamkeit der Welt auf sich ziehen. Praktisch ist es dann doch eher so, dass auch in den sozialen Netzwerken Filterbubbles entstehen, die durch neue Formen von Gatekeepern verwaltet werden.“

Internetdiskurse finden immer in Filterbubbles statt, soviel ist klar. Und auch eine Binse. Denn: Offene Räume, in denen alles gesagt werden kann, gibt es nicht.  Jeder Blog, jedes Medium, jedes Profil interagiert immer nur mit einem bestimmten Ausschnitt von mehr oder weniger Gleichgesinnten.

Nur: Journalist_innen und andere Menschen nähern sich dieser Filterbubble von unterschiedlichen Seiten her an. Der Journalist konnte auch schon vor dem Internet seine Nachrichten und Ansichten unter die Leute bringen, und sich bei den klassischen Newsmedien sogar tendenziell „an alle Leute“ richten. Andere Menschen hingegen hatten vor dem Internet keine Publikationsmöglichkeit und daher lediglich Zugang zu einer winzig kleinen Filterbubble, nämlich ihren Bekannten, Kolleginnen, politisch Ähnlichdenkenden, Nachbarn. Selbst diejenigen, die vor dem Internet schon publizierten, erreichten mit ihren Büchern oder Artikeln in Fachzeitschriften nur einen relativ kleinen Kreis, nämlich diejenigen, die an ihren Inhalten zumindest so sehr interessiert waren, dass sie dazu ein Buch kaufen oder sich auf den Weg zu einer Veranstaltung machten. Diese Hemmschwelle ist mit dem Internet deutlich gesunken, es passiert sogar – der Google-Suchfunktion sei Dank – gar nicht so selten, dass Menschen ganz zufällig über ihre Seiten stolpern.

Von daher: Ja, im Internet kommunizieren wir alle innerhalb einer Filterbubble, nur dass diese für Journalist_innen tendenziell kleiner, für alle anderen aber deutlich größer geworden ist.

 3. Journalist_innen haben eine berufsbedingt verzerrte Vorstellung von Reichweite

„Zudem werden einem als Journalist heute Kontrollmöglichkeiten an die Hand gegeben, um zu überprüfen, welche Inhalte und welche Journalisten wie gut performen. 8 Likes für einen Artikel? Lachhaft. 4 Retweets? Fahr nach Hause! Was gut performt, entscheiden die Giganten aus dem Valley mit ihren Algorithmen.“  

Im kommerziellen Medienbetrieb werden Reichweiten noch immer in Quantität gemessen, nicht in Qualität, und unter einer betriebswirtschaftlichen Perspektive ist das vermutlich auch nicht anders möglich. Dass das zu einer abwärtstrudelnden Spirale an Qualitätsverlust führt, ist inzwischen schon vielfach bemerkt und beklagt worden.

Wer seine Publikationen hingegen nicht verkaufen muss oder will, hat die Jagd nach quantitativ messbarer Reichweite nicht nötig. Das heißt nicht, wie oft unterstellt wird, dass diese Leute nur aus Narzissmus bloggen würden. Auch hier geht es wohl den meisten um Reichweite, nur ist diese Reichweite, auf die es ankommt, qualitativer und nicht quantitativer Art. Ein Blogpost, der zwei Menschen dazu bringt, ihre Ansichten zu überdenken, hat mehr inhaltliche Reichweite als einer, der zwanzigtausend Menschen in ihren Ansichten bestätigt. In meinem eigenen Blog stelle ich fest, dass die interessantesten und differenziertesten Diskussionen nicht unter den Artikeln stattfinden, die am häufigsten geklickt werden. Und manchmal kommt es vor, dass Leser_innen meines Blogs Einsichten, die sie (möglicherweise) durch diese Diskussionen gewonnen haben, andernorts dann selbst wieder einbringen, und immer wenn ich so etwas bemerke, freue ich mich über diese „Reichweite“, die ich natürlich in keiner Weise belegen, quantifizieren oder mir sonstwie an die Brust heften kann.

Aber der Unterschied ist: Ich brauche das auch gar nicht.

Wikipedia, die Pariser Kommune und ich

Gestern Abend stolperte ich zufällig über eine falsche Tatsachenangabe in der Wikipedia, und dabei kamen mir ein paar Gedanken, die ich hier kurz notieren möchte.

Ich schreibe zurzeit an dem Text für einen Comic über die Geschichte des Feminismus und war gestern abend beim Kapitel Wahlrecht. Zum Schluss wollte ich auflisten, wann das Wahlrecht für Frauen in welchen Ländern eingeführt wurde und machte, was man dann so macht: ich googelte. Und landete auf Wikipedia.

Und las da, dass die Pariser Kommune von 1871 das Frauenwahlrecht eingeführt hätte. Nun weiß ich aber sicher, dass das falsch ist. Ich habe nämlich intensiv über die Pariser Kommune geforscht, zwei von vier Frauen, über deren politische Ideen ich meine Dissertation geschrieben habe, waren maßgebliche Aktivistinnen in der Kommune. Wenn damals das Frauenwahlrecht eingeführt worden wäre, dann wäre mir das sicher nicht entgangen :).

Interessant ist allerdings, was das Googeln zu dem Thema mit mir selbst gemacht hat. Als ich die Behauptung vom Frauenwahlrecht der Kommune zum ersten Mal sah, war mein spontaner Impuls: “Was ein Quatsch”. Ich weiß es ja besser. Mein zweiter Gedanke war aber: “Und wenn ich mich bisher geirrt habe?”

Dieser zweite Gedanke wurde noch stärker, als ich “Pariser Kommune + Frauenwahlrecht” googelte und auf massenweise Seiten stieß, wo genau diese Behauptung drinsteht. Zum Beispiel auf Frauennet.ch oder in einem aufwändig gestalteten Schaubild von Der Standard zur Geschichte des Wahlrechts. Außerdem auf zahlreichen anderen Seiten und Forumseinträgen, die Falschbehauptung hat seitenweise Treffer.

Diese spontane Reaktion, dass ich angesichts all dieser sichtbaren “Belege” an dem zu zweifeln anfing, was ich doch ganz sicher weiß, hat mich überrascht. Das Gefühl “Ich kann doch nicht Recht haben, wenn da überall im Internet steht, dass es anders war” war stark, und ich musste mich mit rationaler Anstrengung und strikter Logik erst wieder selber davon überzeugen, dass ich tatsächlich Recht habe.

Diese Zeitspanne, das weiß ich ziemlich genau, dauerte etwa eine halbe Stunde. In meinem ersten spontanen Impuls wollte ich nämlich gleich twittern, was für ein Quatsch in der Wikipedia mal wieder steht. Aber dann habe ich gezögert, diesen Tweet abzuschicken und eine halbe Stunde lang noch einmal nachgedacht, mir die logischen Argumente vor Augen geführt, das Kapitel in meiner Diss nochmal gelesen, noch mal durch die einschlägige Literatur gezappt. Dann hab ich das getwittert.

Pariser KommuneDieser Impuls des Zögerns ist natürlich eigentlich lobenswert, aber letztlich fand ich es unterm Strich doch beängstigend. Denn es handelte sich hier ja nicht um die gedankenlose Weiterleitung irgendeiner Spekulation, sondern darum, öffentlich zu sagen, was ich weiß. Ich bin wahrscheinlich eine von zehn Leuten in Deutschland, die sich ziemlich gut mit der Geschlechterpolitik der Pariser Kommune auskennt. Und trotzdem lasse ich mich von einer Menge, die unbelegte Wikipediabehauptungen copypastet, verunsichern?

Nachdem ich also meine Sicherheit wieder gefunden hatte, überlegte ich, was ich denn nun unternehmen soll. Mein spontaner Impuls war, den Satz einfach zu löschen. Dann bekam ich aber von vielen auf Twitter den Ratschlag, meine Sicht der Dinge auf der Wikipedia-Diskussionsseite zu äußern und zu belegen. Aber wie soll man belegen, dass es etwas NICHT gegeben hat? Ich meine: In den Quellen zur Kommune ist vom Frauenwahlrecht nicht die Rede. Niemand hat auch nur darüber diskutiert.

Ich habe dann beides gemacht, den Satz gelöscht und auch “objektive” Argumente in die Diskussionsseite geschrieben (zum Beispiel dass auch andere Kommuneforscher selbstverständlich davon ausgehen, dass es kein Frauenstimmrecht gegeben hat oder dass auf der französischen Wikipedia-Seite über “Droit de vote des femmes” auch nichts von einem solchen während der Pariser Kommune steht) und  ich nehme mal an, dass der Satz über kurz oder lang draußen ist.

Ich bin nicht ganz sicher, was daraus zu schließen ist. Außer natürlich, dass man Wikipedia-Behauptungen nicht ungeprüft weitererzählen soll. Oder wenn, sollte man wenigsten dabei schreiben, dass man es aus der Wikipedia hat. Aber die “Wucht” der “Massenmeinung”, wenn man so will, ist eben doch sehr groß.

Jemand schlug zum Beispiel vor, den Satz nicht zu löschen, sondern umzuformulieren im Sinn von “Fälschlicherweise wird angenommen… Tatsächlich aber….” Aber das ist ja nicht wahr. Es gibt nur eine einzige Quelle für diese “Annahme”, und das ist Wikipedia, alle anderen schreiben das nur ab. Sie haben also eigentlich gar keine Meinung zum Thema, wahrscheinlich wissen sie nicht mal, was die Pariser Kommune war, sie plappern einfach nur nach.

Das ist doch etwas ganz anderes als wenn zum Beispiel eine andere Forscherin, die sich auch in den Quellen auskennt, aus irgendwelchen Erwägungen heraus zu der Ansicht gelangen würde, dass es doch ein Frauenwahlrecht in der Kommune gegeben haben könnte. Mit ihr könnte ich argumentieren. Oder auch, wenn zum Beispiel sozialistische Aktivistinnen, die die Kommune als Vorbild feiern, irgendwie auf diese Idee gekommen wären und in ihren Broschüren vertreten. Mit ihnen könnte ich auch argumentieren, denn sie interessieren sich für das Thema und haben einen Zugang dazu, und zumindestens schon mal zehn Minuten Zeit aufgewendet, um darüber nachzudenken.

Das Problem ist nicht, dass Leute verschiedene Meinungen zum Frauenwahlrecht in der Kommune hätten (alle, die überhaupt eine irgendwie fundierte Meinung dazu haben, sind der Meinung, dass es das nicht gegeben hat), sondern dass im Internet die Stimmen derer sehr laut werden, die überhaupt keine eigene Meinung dazu haben, sondern eben nur copypasten. Und das ist es, was mich als “Expertin” erschüttert: Dass ich – etwa beim Wikipedia-Editieren – nicht nur mit Menschen argumentiere, die anderer Ansicht sind als ich, sondern mit Menschen, die überhaupt keine Ansicht haben und sich nur auf die Tatsache berufen (können), dass zig andere das doch schon auf ihre Internetseiten draufkopiert haben.

Eine These, die ich daraus ableite ist, dass es in Bezug auf Medienkompetenz im Internet nicht nur darauf ankommt, vorsichtig zu sein mit Behauptungen, die man nicht selber verifiziert hat. Sondern dass es andersrum genauso wichtig ist, Vertrauen in sich selbst zu haben und in das, was man weiß oder selbst erlebt hat, auch wenn die “Massen” das anders sehen.

Ich weiß nicht, ob das jetzt verständlich war, ist nur so ein erstes Resumee.

PS: Ich habe mir auch überlegt, wie es zu dieser Falschbehauptung eventuell gekommen sein könnte, und mir sind drei Möglichkeiten eingefallen. Erstens haben die Kommunarden immer vom “suffrage universel” gesprochen, das sie angeblich eingeführt hätten, also vom allgemeinen Wahlrecht. Damit meinten sie aber das allgemeine Wahlrecht aller Männer. Eine andere Möglichkeit wäre, dass die unbestritten große Präsenz von Frauen in der Kommune und ihr bemerkenswerter Aktivismus zu der Fehlannahme verleitet hat, sie hätten bestimmt auch das Wahlrecht gehabt. Eine dritte Möglichkeit ist, dass das aus eine bestimmten Glorifizierung der Kommune von Seiten linker Gruppierungen herrührt, die manchmal dazu tendiert, alles Gute, das man sich wünscht, auf diese sechs Wochen zurück zu projizieren. Oder war es noch was anderes? Vielleicht meldet sich ja der oder diejenige, die das in die Wikipedia reingeschrieben hat (es ist ja auch nicht ganz auszuschließen, dass es wiederum von anderswo abgeschrieben worden war).

PPS: Wie das mit der Kommune und den Frauen war, verbloggte ich schonmal hier

PPS: Rein theoretisch ist es natürlich auch möglich, dass es das Frauenwahlrecht in der Kommune gegeben hat. Ich war ja nicht dabei und auch niemand anderes, der noch lebt, war dabei. Wir können zur Beurteilung dieser Frage nur auf Quellenmaterial und Augenzeugenberichte zurückgreifen, und das kleine Einmaleins der historischen Forschung sagt, dass nur, weil etwas nicht erwähnt wird, das kein Beweis dafür ist, dass es das nicht gegeben hat. Es ist also durchaus eine gewisse Frage der Einschätzung, und theoretisch ist es möglich, dass die Frauen in der Kommune gewählt haben, ohne dass davon irgend eine Spur in den Quellen geblieben wäre. Die Frage ist nur, wie wahrscheinlich das ist.

Brauchen wir noch Journalismus?

Ob wir noch Journalismus brauchen? Wo wir doch jetzt das Internet haben? Das war die Frage bei einem Panel der Medientage München, an dem ich gestern teilgenommen habe. Aus diesem Anlass habe ich nochmal etwas systematischer über diese Frage nachgedacht.

Und bin zu dem Schluss gekommen: Ja, wir brauchen Journalismus. Stellt sich nur die Frage, was genau Journalismus ist.

Journalismus, so würde ich es definieren, ist in erster Linie professionelle Recherche, die zu dem Zweck betrieben wird, Informationen der Allgemeinheit zugänglich und verfügbar zu machen. Das ist aus einer gesellschaftlichen Perspektive wünschenswert, weil politische Debatten darauf angewiesen sind, alle für ein bestimmtes Thema relevanten Informationen zur Verfügung zu haben.

Leider wird Journalismus häufig mit Schreiben verwechselt. Geschrieben wird aber viel, es gibt ja nicht nur journalistische Texte (Videos und Audios subsumiere ich der Einfachheit halber mal). Es gibt viele Gründe zu schreiben, Journalismus ist nur einer davon. Und es gibt viele Textformate, journalistische Texte sind nur ein Teil davon.

Zu dieser Verwechslung konnte es kommen, weil früher, vor dem Internet, ein Großteil der in den klassischen Medien – Zeitungen, Radio, Fernsehen – veröffentlichten Texte journalistische Texte waren. Die Veränderung, die das Internet mit sich brachte, ist die, dass jetzt jede Art von Geschriebenem publiziert wird. Es gibt im Internet alle möglichen Arten von Content. Persönliche Betrachtungen, Briefe, Tagebucheinträge, Gespräche, Meinungsäußerungen aller Art, Forschungsergebnisse, Pressemitteilungen – alles wird veröffentlicht, und zwar direkt von denen, die diese Texte produzieren.

Mir ist klar, dass Definitionen und Differenzierungen immer eine Unschärfe haben und sich in der Realität die Dinge oft vermischen und Grauzonen aufweisen, aber um die Dinge durchschauen zu können, ist es doch wichtig, Unterscheidungen zu ziehen und zu sehen, wo die Grenzen verlaufen – und wo nicht.

Die Grenze zwischen journalistischem und nicht-journalistischem Content hängt zum Beispiel nicht mit dem Medium zusammen, über das der Content verbreitet wird: Sowohl auf Blogs als auch in Zeitungen oder im Fernsehen können journalistische ebenso wie nicht journalistische Inhalte verbreitet werden. Höchstens aus den genannten historischen Gründen gibt es in Blogs oder in sozialen Netzwerken mehr nicht-journalistischen als journalistischen Inhalt. Aber einem Text ist es erstmal egal, ob er als Webseite oder als Print verbreitet wird. Es gibt inzwischen viele Blogs mit journalistischem Inhalt, und vieles, was in Zeitungen steht oder im Fernsehen gesendet wird, hat mit Journalismus nichts zu tun.

Es geht auch nicht um Qualität als solche. Beide Textformen, journalistische wie auch nicht-journalistische, haben eine jeweils eigene Qualität.

Ich schlage vor, den Unterschied folgendermaßen zu fassen: Nicht-journalistische Texte (oder Audios oder Videos), so meine These, sind solche, die nicht auf Recherchen beruhen, die eigens für die Veröffentlichung vorgenommen wurden. Die meisten Blogger_innen zum Beispiel geben Wissen, Einsichten und Erfahrungen weiter, die sie ohnehin haben, die sie auch hätten, wenn sie nicht bloggen würden. Sie wurden also nicht extra für die Publikation recherchiert.

Das bedeutet nicht, dass ihr Content deshalb weniger fundiert, weniger relevant, weniger verlässlich wäre als klassischer Journalismus – ganz im Gegenteil: Oft schreiben Menschen ja über Themen, mit denen sie sich sehr gut auskennen, meist sogar besser als entsprechende Fachjournalist_innen. Ganz einfach deshalb, weil es ihre Leib- und Magen-Themen sind, weil sie sich mit ihnen aus persönlichem Interesse beschäftigen. Oder weil sie ohnehin gerade anwesend waren, als etwas Interessantes passierte.

Der Unterschied, auf den ich hinaus will, ist nicht einer der Qualität, sondern der Perspektive: Blogger_innen teilen ihr Wissen mit der Öffentlichkeit, aber dieses Wissen hätten sie auch, wenn sie es nicht teilen würden. Zum Beispiel rezensiere ich hier im Blog Bücher oder Filme, berichte über Veranstaltungen oder schreibe Meinungsartikel zu gesellschaftlichen Debatten. Der Punkt ist: Diese Bücher würde ich auch lesen, diese Veranstaltungen auch besuchen und diese Meinungen auch haben, wenn ich nicht bloggen würde.

Das ist auch der Grund, warum Blogger_innen keine Bezahlung für ihre Texte verlangen: Sie haben keinen zusätzlichen Rechercheaufwand, der Aufwand des Bloggens besteht lediglich darin, das in Worte zu fassen, was man ohnehin schon weiß. Man veröffentlicht das, weil man darin ein persönliches Anliegen sieht, weil man die eigenen Ansichten und das eigene Wissen in den allgemeinen Diskurs einspeisen möchte, weil man Einfluss nehmen möchte, oder weil es wenig Aufwand ist, ein Foto, das man sowieso gemacht hat, dann auch noch rasch zu veröffentlichen und somit der Allgemeinheit zugänglich zu machen.

Ganz anders steht es aber um den professionellen Fotografen, der extra irgendwo hinfahren muss, um ein Foto zu machen. Oder die Journalistin, die den Auftrag bekommt, über ein Thema zu schreiben und dann erst einmal aufwändig recherchieren muss, um die notwendigen Inhalte in Erfahrung zu bringen. Wenn ich journalistisch schreibe, dann beschäftige ich mich aus professionellen Gründen mit einem Thema, mit dem ich mich ansonsten nicht beschäftigen würde. Weil ich dafür bezahlt werde, zum Beispiel.

Der Unterschied zwischen journalistischem und nicht-journalistischem Content hängt also am Zustandekommen des Wissens: Ist dafür eine Recherche notwendig, die eigens betrieben wird, um etwas für das Publizieren herauszufinden? Oder ist es ein aufgrund persönlicher Interessen oder anderweitiger beruflicher Expertise erworbenes Wissen, das dann auch noch publiziert wird, quasi als Nebenprodukt?

Wichtig ist mir dieser Unterschied, weil er aus meiner Sicht entscheidend ist, um die Notwendigkeit von Journalismus zu begründen: Denn ich behaupte, wenn wir keinen Journalismus hätten, wenn also nur das publiziert würde, was irgendjemand ohnehin schon weiß, würden wichtige Dinge unbekannt bleiben, würden Informationen, die für eine gesellschaftliche Debatte wichtig sind, nicht verfügbar sein.

Es ist nämlich ein Irrtum, zu glauben, dass sich alles googeln ließe. Es gibt sehr viele Dinge, die man nicht googeln kann. Sei es, dass jemand die entsprechenden Informationen geheim halten will – dafür braucht man dann investigativen Journalismus. Oder sei es, dass wirklich noch niemand die entsprechenden Informationen zusammengetragen hat, dass sich niemand aus persönlichen Gründen so sehr dafür interessiert, um es freiwillig zu recherchieren. Oder sei es, dass diejenigen, die sich dafür interessieren würden, nicht die notwendigen Ressourcen, nicht die Zeit, nicht das Know-How haben, um es zu recherchieren.

Und genau diese Lücke kann nur professioneller Journalismus füllen. Journalist_innen, so könnte man also sagen, sind notwendig, um Wissen googlebar zu machen, das ohne ihre Arbeit nicht googlebar wäre. Sie recherchieren Dinge, die niemand freiwillig ins Netz stellt, die aber dennoch wichtig sind oder vielleicht in einem späteren Kontext einmal wichtig werden könnten.

Wo ich hingegen langfristig keine Zukunft für den Journalismus sehe, auch wenn das derzeit häufig behauptet wird, ist im Kuratieren und Aufbereiten bereits vorhandenen Wissens. Momentan mag es noch einen gesellschaftlichen Nutzen haben, wenn Leute die Fülle der vorhandenen Informationen ordnen, sortieren, evaluieren, verifizieren und häppchenweise aufbereiten. Aber ich glaube, das werden wir alle zunehmend selber machen. Die entsprechenden Tools gibt es bereit, es bilden sich entsprechende Mechanismen heraus. Woran es momentan noch fehlt, ist die dafür notwendige Medienkompetenz, die noch nicht bei allen vorausgesetzt werden kann. Aber das wird kommen. Das Kuratieren von Informationen durch Redaktionen mag ein Modell sein für den Journalismus der nächsten fünf, zehn Jahre, aber nicht auf Dauer.

Bleibt natürlich die Frage, wer Journalismus in Zukunft bezahlen soll. Meiner Meinung nach werden das nicht die User sein. Denn ein anderer häufig genannter Zusammenhang ist ebenfalls ein Irrtum: der zwischen Relevanz und Reichweite. Beides hat nichts miteinander zu tun.

Die Relevanz eines Contents lässt sich NICHT daran ablesen, wie viele Leute sich dafür interessieren. Ich sage nur: NSU versus Königshochzeiten. Die Menschen interessieren sich im Alltag für Buntes, Skandalöses, Emotionales und nicht unbedingt für die “wirklich wichtigen” Dinge, und ich finde, das kann man ihnen nicht vorwerfen. Das geht mir auch selber oft so.

Nicht aus einer individuellen, sondern lediglich aus einer gesellschaftlichen Perspektive heraus ist es wichtig, dass möglichst viele Dinge recherchiert und veröffentlicht werden. Damit sie im Fall des Falles vorhanden und referenzierbar sind. Aber diese Rechercheergebnisse sind keine massenverkaufbare Ware. Und deshalb ist klar, dass die Finanzierung von Journalismus in  Zukunft weder über Nutzergebüren, noch über Werbung laufen kann (die ja in direktem Zusammenhang mit Reichweite und Quoten steht).

Leider befinden sich die traditionellen Medien derzeit in der Falle, dass sie sich auf der Suche nach Reichweite und damit nach Einnahmen immer weiter von genuin journalistischem Content entfernen, weil mit solchem Content eben nicht dieselben Reichweiten und Renditen erzielt werden können wie mit nicht-journalistischem Content, also mit Unterhaltung und PR. Unterhaltung (wozu auch Skandalberichterstattung gehört) erzielt Reichweiten und generiert Einnahmen. PR wiederum kostet wenig und rentiert sich daher auch bei geringeren Reichweiten, was etwa das Geschäftsmodell der Huffingtonpost ist (warum die Huffingtonpost nicht Journalismus, sondern PR ist, hat Michael Pantelouris grade auf Carta erklärt, full ack. meinerseits).

Das heißt, die Frage nach der Zukunft des Journalismus ist eine gesellschaftspolitische Frage, die nicht auf marktwirtschaftliche Weise gelöst werden kann. Angesichts der Vielzahl von anderem Content, der kostenlos verfügbar ist und das Interesse der Menschen in der Masse mehr trifft als die Ergebnisse fundierter journalistischer Recherche, werden die Leute nicht in relevantem Ausmaß dafür bezahlen. Vielleicht bei einzelnen Crowdfunding-Projekten, doch dass werden immer nur kleine Nischen sein.

Wenn der professionelle Journalismus erhalten bleiben soll, wird das meiner Ansicht nach nur über gesellschaftliche Mittel wie Kulturflatrate oder Stiftungen oder ähnliches funktionieren.

Sicher wird es auch in Zukunft noch Geschäftsmodelle für Medienangebote geben, die sich über Nutzungsgebüren oder Werbung finanzieren, aber das werden meiner Ansicht nach keine genuin journalistischen Inhalte sein, sondern in erster Linie Unterhaltung. So, wie es ein Großteil des Contents im Fernsehen oder in Zeitschriften ja jetzt schon ist.

Soweit erstmal meine Überlegungen zum Thema. Das Panel bei den Medientagen wird Anfang November auch  noch ausgestrahlt (dann reiche ich den Link nach). Bereits online steht ein Interview dazu, das der BR vor dem Panel mit mir gemacht hat (das Foto ist ein Screenshot daraus).

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