Trolle und ihre Absichten

Gestern habe ich drüben in meinem Gottblog christliche Fundamentalisten mit Trollen verglichen, weil auch sie eine sinnvolle Diskussion unmöglich machen.

In der Kommentardiskussion wurde als Einwand gegen diesen Vergleich vorgebracht, dass religiöse Fundamentalisten meist keine böse Absicht haben, sondern ehrlich überzeugt sind, “im Namen des Herrn” unterwegs zu sein. Die böse Absicht jedoch sei das wesentliche Charakteristikum von Trollen. Trollen ginge es nicht um die Sache, sondern sie würden Diskussion absichtlich stören bzw. hätten unlautere Motive wie Spaß am Stören, Suche nach Aufmerksamkeit, den Wunsch, Schaden anzurichten.

Mit dieser Definition von Trolltum bin ich nicht einverstanden. Natürlich will ich nicht bestreiten, dass es sicher auch Trolle gibt, die einfach Spaß daran haben, andere zu ärgern. Aber ich glaube, wenn wir das Phänomen in erster Linie unter diesem Gesichtspunkt betrachten, geht das am Kern der Sache vorbei. Denn für den Effekt, den ein Troll für den Diskussionsverlauf hat, ist es ganz egal, in welcher Absicht er das macht.

Aus meiner eigenen Erfahrung in diesem Blog kann ich sagen, dass der Umgang mit Leuten, die offensichtlich böswillig sind, die Frauen sowieso hassen oder dummblöde Sprüche ablassen, ziemlich leicht ist: Weg damit.

Viel schwieriger ist der Umgang mit den anderen, die tatsächlich ein Anliegen haben, denen es also durchaus um das Thema geht, nur dass sie eben so felsenfest davon überzeugt sind, dass sie recht haben, dass sie nicht in der Lage sind, auf andere Argumente zu hören oder sie auch nur ansatzweise zu verstehen. Also durchaus vergleichbar der Beschränktheit und dem missionarischen Eifer von Fundamentalisten.

Ich bekomme hier häufig Kommentare von Männern (selten auch von Frauen), die ich unter “Trolltum” einsortiere und daher nicht freischalte, obwohl ich mir sicher bin, dass sie nicht in der Absicht geschrieben sind, die Diskussion zu zerstören, sondern aus ehrlicher Empörung, aus Eifer, aus einer felsenfesten Überzeugung heraus, in der ernsthaften Absicht, die Welt vor der Zerstörung durch den Feminismus zu retten.

Oft wissen diese Kommentatoren auch, dass sie keine Chance haben, hier veröffentlicht zu werden (sie schreiben es dazu, dass sie es wissen), aber dennoch machen sie sich die Mühe, lange oder kürzere Texte mit ihrer Meinung zu den von mir angesprochenen Themen zu schreiben. Sie schreiben das sozusagen nur für mich, oder besser, für sich selbst, damit sie nicht geschwiegen haben angesichts des Unsinns, den ich hier verzapfe. Ich habe manchmal tatsächlich den Eindruck, sie “beten für meine Seele” in gewisser Weise, sie legen ein Bekenntnis ab. Die Nähe zum Fundamentalismus ist für mich ziemlich offensichtlich.

Von daher halte ich es für falsch, das Phänomen “Trolle” vorschnell auf Böswilligkeit, Sadismus, Zerstörungslust und so weiter zu verengen. Zumal die hinter einem Trollkommentar stehende Absicht ja auch vollkommen egal ist: Auch ein in “bester Absicht” agierender Troll zerstört objektiv die Debatte oder beeinflusst sie jedenfalls negativ.

Und in jeder Hinsicht sind die Übergänge fließend. Ich hatte auch schon Kommentare, die habe ich nicht freigeschaltet, dann kam eine Mail, warum nicht, ich schickte den Link auf die Seite, wo ich das mit den Kommentaren erkläre - und kurz später kommt derselbe Kommentar, nur auf eine Weise formuliert, die nicht diskussionszerstörend ist, bei denselben Inhalten – inklusive einer Entschuldigung per Mail, dass man das nicht gewusst habe. Das heißt, in diesen Fällen handelt es sich gar nicht um Trolle, sondern um Leute, die offensichtlich ansonsten in Umfeldern diskutieren, wo andere Sitten und Gebräuche herrschen, wo zum Beispiel Sarkastik und Polemik üblich ist, was sie bei mir aber halt nicht ist.

Was auch relativ oft vorkommt ist, dass Leute deshalb trollen, weil sie zu sehr an einem bestimmten Thema interessiert sind, und dann versuchen, die Diskussion wegzulenken von dem, was mich interessiert, hin zu dem, was sie interessiert. Das kann Derailing sein, also der Versuch, böswillig vom Thema abzulenken, es kann aber auch einfach die Unfähigkeit oder Unwilligkeit sein, von den eigenen Wünschen und Anliegen einmal abzusehen. Also letzten Endes schlechtes Benehmen oder eine Art kindlicher Trotz. Da muss man halt streng sein und sagen: Ich weiß, dass du noch Bonbons willst, aber du kriegst jetzt keine mehr.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich finde, das Wesentliche am Umgang mit Trollen oder besser: den Bemühungen darum, die Diskussionskultur im Internet zu retten, ist nicht die Suche nach den Motiven von Trollen. Sondern für Blogbetreiberinnen und Forumsmoderatoren ist es aus meiner Sicht viel wichtiger, die Wirkungsweise von diskussionszerstörenden Mechanismen zu verstehen. Also zu wissen und sich klar zu machen, dass man bestimmte Diskussionsstile nicht zulassen sollte, weil sie einfach faktisch schädliche Auswirkungen haben (was auch wiederum nicht universal geregelt sein kann, es kommt eben auch immer auf das jeweilige Publikum an, das man anziehen oder abstoßen will).

Und dann wird man vielleicht leichter schädliche Kommentare löschen, also sozusagen aus guten Gründen und guten Gewissens – auch wenn man merkt, dass der Troll gar keine bösen Absichten hat. Aber auch ein ohne böse Absicht angerichteter Schaden ist halt eben ein Schaden.

 

Drei Gründe, warum das Internet für Journalisten möglicherweise keine Verbesserung ist, für viele andere aber schon

Es ist schon ein paar Wochen her, dass Martin Giesler einen eher pessimistischen Internetartikel schrieb. Mich hat frappiert, wie unterschiedlich er und ich das Internet und speziell das Bloggen erleben, und ich überlegte mir, woher das kommen könnte. Ich glaube, der Unterschied ist, dass er das Thema aus einer journalistischen Perspektive betrachtet, ich hingegen nicht. Vielleicht sind Internet und Journalismus ja tatsächlich unvereinbar.

Diese drei Punkte finde ich dabei besonders wichtig. (Ich beziehe mich stellvertretend auf Zitate aus Gieslers Blogpost, aber ähnliche Argumente finden sich ziemlich oft in der Debatte.)

 1. Journalist_innen nennen es Arbeit, andere nicht

„Zusammengefasst arbeite ich also durchschnittlich 8.5 Stunden pro Tag für das ZDF und davor und danach noch einmal gute 4-5 Stunden an den anderen Projekten. Macht also insgesamt rund 13 Stunden pro Tag – wir nennen es Arbeit.“ 

Dass dies eine Sichtweise ist, die nur Journalisten (oder vielleicht sonst noch Irgendwas-mit-Medien-und_oder-Uni-Leute) haben können, ist offensichtlich: Wenn eine Bäckerin neben ihrem Job bloggt, käme sie nie auf die Idee, das Arbeit zu nennen. Wir nennen es nicht Arbeit, wir nennen es Engagement, Hobby, Aktivismus, Liebhaberei. Eine Tierärztin hätte nie den Anspruch, dass sie mit ihrem privaten Blog Geld verdienen muss, ein Richter nicht den Anspruch, dass er während der Arbeitszeit seine Social Media Kontakte pflegen kann. Warum haben Journalisten diesen Anspruch?

Gerade dieses Missverständnis hat übrigens gar nichts mit dem Internet zu tun. Journalisten konnten schon immer ihre politischen Ansichten in ihrer Arbeit umsetzen, bei ihnen vermischte sich Arbeit und Teilnahme am politischen Diskurs. Früher mussten sie am Gatekeeper Redaktionsleitung vorbei, heute am Gatekeeper Algorithmus. Normalsterbliche mussten schon immer sehen, wo sie blieben, wenn sie ihre Flugblätter verteilten, Diskussionveranstaltungen abhielten, Projekte gründeten und so weiter.

Für Menschen, die nicht im Journalismus arbeiten, ist das Internet also eine Erleichterung, für Journalist_innen eher nicht.

 2. Journalist_innen und andere nähern sich der Filterbubble von verschiedenen Seiten an

„Theoretisch könnte also jeder, der sich gerade einen Twitter-Account zulegt, mit einer absolut großartigen Geschichte die Aufmerksamkeit der Welt auf sich ziehen. Praktisch ist es dann doch eher so, dass auch in den sozialen Netzwerken Filterbubbles entstehen, die durch neue Formen von Gatekeepern verwaltet werden.“

Internetdiskurse finden immer in Filterbubbles statt, soviel ist klar. Und auch eine Binse. Denn: Offene Räume, in denen alles gesagt werden kann, gibt es nicht.  Jeder Blog, jedes Medium, jedes Profil interagiert immer nur mit einem bestimmten Ausschnitt von mehr oder weniger Gleichgesinnten.

Nur: Journalist_innen und andere Menschen nähern sich dieser Filterbubble von unterschiedlichen Seiten her an. Der Journalist konnte auch schon vor dem Internet seine Nachrichten und Ansichten unter die Leute bringen, und sich bei den klassischen Newsmedien sogar tendenziell „an alle Leute“ richten. Andere Menschen hingegen hatten vor dem Internet keine Publikationsmöglichkeit und daher lediglich Zugang zu einer winzig kleinen Filterbubble, nämlich ihren Bekannten, Kolleginnen, politisch Ähnlichdenkenden, Nachbarn. Selbst diejenigen, die vor dem Internet schon publizierten, erreichten mit ihren Büchern oder Artikeln in Fachzeitschriften nur einen relativ kleinen Kreis, nämlich diejenigen, die an ihren Inhalten zumindest so sehr interessiert waren, dass sie dazu ein Buch kaufen oder sich auf den Weg zu einer Veranstaltung machten. Diese Hemmschwelle ist mit dem Internet deutlich gesunken, es passiert sogar – der Google-Suchfunktion sei Dank – gar nicht so selten, dass Menschen ganz zufällig über ihre Seiten stolpern.

Von daher: Ja, im Internet kommunizieren wir alle innerhalb einer Filterbubble, nur dass diese für Journalist_innen tendenziell kleiner, für alle anderen aber deutlich größer geworden ist.

 3. Journalist_innen haben eine berufsbedingt verzerrte Vorstellung von Reichweite

„Zudem werden einem als Journalist heute Kontrollmöglichkeiten an die Hand gegeben, um zu überprüfen, welche Inhalte und welche Journalisten wie gut performen. 8 Likes für einen Artikel? Lachhaft. 4 Retweets? Fahr nach Hause! Was gut performt, entscheiden die Giganten aus dem Valley mit ihren Algorithmen.“  

Im kommerziellen Medienbetrieb werden Reichweiten noch immer in Quantität gemessen, nicht in Qualität, und unter einer betriebswirtschaftlichen Perspektive ist das vermutlich auch nicht anders möglich. Dass das zu einer abwärtstrudelnden Spirale an Qualitätsverlust führt, ist inzwischen schon vielfach bemerkt und beklagt worden.

Wer seine Publikationen hingegen nicht verkaufen muss oder will, hat die Jagd nach quantitativ messbarer Reichweite nicht nötig. Das heißt nicht, wie oft unterstellt wird, dass diese Leute nur aus Narzissmus bloggen würden. Auch hier geht es wohl den meisten um Reichweite, nur ist diese Reichweite, auf die es ankommt, qualitativer und nicht quantitativer Art. Ein Blogpost, der zwei Menschen dazu bringt, ihre Ansichten zu überdenken, hat mehr inhaltliche Reichweite als einer, der zwanzigtausend Menschen in ihren Ansichten bestätigt. In meinem eigenen Blog stelle ich fest, dass die interessantesten und differenziertesten Diskussionen nicht unter den Artikeln stattfinden, die am häufigsten geklickt werden. Und manchmal kommt es vor, dass Leser_innen meines Blogs Einsichten, die sie (möglicherweise) durch diese Diskussionen gewonnen haben, andernorts dann selbst wieder einbringen, und immer wenn ich so etwas bemerke, freue ich mich über diese „Reichweite“, die ich natürlich in keiner Weise belegen, quantifizieren oder mir sonstwie an die Brust heften kann.

Aber der Unterschied ist: Ich brauche das auch gar nicht.

Wikipedia, die Pariser Kommune und ich

Gestern Abend stolperte ich zufällig über eine falsche Tatsachenangabe in der Wikipedia, und dabei kamen mir ein paar Gedanken, die ich hier kurz notieren möchte.

Ich schreibe zurzeit an dem Text für einen Comic über die Geschichte des Feminismus und war gestern abend beim Kapitel Wahlrecht. Zum Schluss wollte ich auflisten, wann das Wahlrecht für Frauen in welchen Ländern eingeführt wurde und machte, was man dann so macht: ich googelte. Und landete auf Wikipedia.

Und las da, dass die Pariser Kommune von 1871 das Frauenwahlrecht eingeführt hätte. Nun weiß ich aber sicher, dass das falsch ist. Ich habe nämlich intensiv über die Pariser Kommune geforscht, zwei von vier Frauen, über deren politische Ideen ich meine Dissertation geschrieben habe, waren maßgebliche Aktivistinnen in der Kommune. Wenn damals das Frauenwahlrecht eingeführt worden wäre, dann wäre mir das sicher nicht entgangen :).

Interessant ist allerdings, was das Googeln zu dem Thema mit mir selbst gemacht hat. Als ich die Behauptung vom Frauenwahlrecht der Kommune zum ersten Mal sah, war mein spontaner Impuls: “Was ein Quatsch”. Ich weiß es ja besser. Mein zweiter Gedanke war aber: “Und wenn ich mich bisher geirrt habe?”

Dieser zweite Gedanke wurde noch stärker, als ich “Pariser Kommune + Frauenwahlrecht” googelte und auf massenweise Seiten stieß, wo genau diese Behauptung drinsteht. Zum Beispiel auf Frauennet.ch oder in einem aufwändig gestalteten Schaubild von Der Standard zur Geschichte des Wahlrechts. Außerdem auf zahlreichen anderen Seiten und Forumseinträgen, die Falschbehauptung hat seitenweise Treffer.

Diese spontane Reaktion, dass ich angesichts all dieser sichtbaren “Belege” an dem zu zweifeln anfing, was ich doch ganz sicher weiß, hat mich überrascht. Das Gefühl “Ich kann doch nicht Recht haben, wenn da überall im Internet steht, dass es anders war” war stark, und ich musste mich mit rationaler Anstrengung und strikter Logik erst wieder selber davon überzeugen, dass ich tatsächlich Recht habe.

Diese Zeitspanne, das weiß ich ziemlich genau, dauerte etwa eine halbe Stunde. In meinem ersten spontanen Impuls wollte ich nämlich gleich twittern, was für ein Quatsch in der Wikipedia mal wieder steht. Aber dann habe ich gezögert, diesen Tweet abzuschicken und eine halbe Stunde lang noch einmal nachgedacht, mir die logischen Argumente vor Augen geführt, das Kapitel in meiner Diss nochmal gelesen, noch mal durch die einschlägige Literatur gezappt. Dann hab ich das getwittert.

Pariser KommuneDieser Impuls des Zögerns ist natürlich eigentlich lobenswert, aber letztlich fand ich es unterm Strich doch beängstigend. Denn es handelte sich hier ja nicht um die gedankenlose Weiterleitung irgendeiner Spekulation, sondern darum, öffentlich zu sagen, was ich weiß. Ich bin wahrscheinlich eine von zehn Leuten in Deutschland, die sich ziemlich gut mit der Geschlechterpolitik der Pariser Kommune auskennt. Und trotzdem lasse ich mich von einer Menge, die unbelegte Wikipediabehauptungen copypastet, verunsichern?

Nachdem ich also meine Sicherheit wieder gefunden hatte, überlegte ich, was ich denn nun unternehmen soll. Mein spontaner Impuls war, den Satz einfach zu löschen. Dann bekam ich aber von vielen auf Twitter den Ratschlag, meine Sicht der Dinge auf der Wikipedia-Diskussionsseite zu äußern und zu belegen. Aber wie soll man belegen, dass es etwas NICHT gegeben hat? Ich meine: In den Quellen zur Kommune ist vom Frauenwahlrecht nicht die Rede. Niemand hat auch nur darüber diskutiert.

Ich habe dann beides gemacht, den Satz gelöscht und auch “objektive” Argumente in die Diskussionsseite geschrieben (zum Beispiel dass auch andere Kommuneforscher selbstverständlich davon ausgehen, dass es kein Frauenstimmrecht gegeben hat oder dass auf der französischen Wikipedia-Seite über “Droit de vote des femmes” auch nichts von einem solchen während der Pariser Kommune steht) und  ich nehme mal an, dass der Satz über kurz oder lang draußen ist.

Ich bin nicht ganz sicher, was daraus zu schließen ist. Außer natürlich, dass man Wikipedia-Behauptungen nicht ungeprüft weitererzählen soll. Oder wenn, sollte man wenigsten dabei schreiben, dass man es aus der Wikipedia hat. Aber die “Wucht” der “Massenmeinung”, wenn man so will, ist eben doch sehr groß.

Jemand schlug zum Beispiel vor, den Satz nicht zu löschen, sondern umzuformulieren im Sinn von “Fälschlicherweise wird angenommen… Tatsächlich aber….” Aber das ist ja nicht wahr. Es gibt nur eine einzige Quelle für diese “Annahme”, und das ist Wikipedia, alle anderen schreiben das nur ab. Sie haben also eigentlich gar keine Meinung zum Thema, wahrscheinlich wissen sie nicht mal, was die Pariser Kommune war, sie plappern einfach nur nach.

Das ist doch etwas ganz anderes als wenn zum Beispiel eine andere Forscherin, die sich auch in den Quellen auskennt, aus irgendwelchen Erwägungen heraus zu der Ansicht gelangen würde, dass es doch ein Frauenwahlrecht in der Kommune gegeben haben könnte. Mit ihr könnte ich argumentieren. Oder auch, wenn zum Beispiel sozialistische Aktivistinnen, die die Kommune als Vorbild feiern, irgendwie auf diese Idee gekommen wären und in ihren Broschüren vertreten. Mit ihnen könnte ich auch argumentieren, denn sie interessieren sich für das Thema und haben einen Zugang dazu, und zumindestens schon mal zehn Minuten Zeit aufgewendet, um darüber nachzudenken.

Das Problem ist nicht, dass Leute verschiedene Meinungen zum Frauenwahlrecht in der Kommune hätten (alle, die überhaupt eine irgendwie fundierte Meinung dazu haben, sind der Meinung, dass es das nicht gegeben hat), sondern dass im Internet die Stimmen derer sehr laut werden, die überhaupt keine eigene Meinung dazu haben, sondern eben nur copypasten. Und das ist es, was mich als “Expertin” erschüttert: Dass ich – etwa beim Wikipedia-Editieren – nicht nur mit Menschen argumentiere, die anderer Ansicht sind als ich, sondern mit Menschen, die überhaupt keine Ansicht haben und sich nur auf die Tatsache berufen (können), dass zig andere das doch schon auf ihre Internetseiten draufkopiert haben.

Eine These, die ich daraus ableite ist, dass es in Bezug auf Medienkompetenz im Internet nicht nur darauf ankommt, vorsichtig zu sein mit Behauptungen, die man nicht selber verifiziert hat. Sondern dass es andersrum genauso wichtig ist, Vertrauen in sich selbst zu haben und in das, was man weiß oder selbst erlebt hat, auch wenn die “Massen” das anders sehen.

Ich weiß nicht, ob das jetzt verständlich war, ist nur so ein erstes Resumee.

PS: Ich habe mir auch überlegt, wie es zu dieser Falschbehauptung eventuell gekommen sein könnte, und mir sind drei Möglichkeiten eingefallen. Erstens haben die Kommunarden immer vom “suffrage universel” gesprochen, das sie angeblich eingeführt hätten, also vom allgemeinen Wahlrecht. Damit meinten sie aber das allgemeine Wahlrecht aller Männer. Eine andere Möglichkeit wäre, dass die unbestritten große Präsenz von Frauen in der Kommune und ihr bemerkenswerter Aktivismus zu der Fehlannahme verleitet hat, sie hätten bestimmt auch das Wahlrecht gehabt. Eine dritte Möglichkeit ist, dass das aus eine bestimmten Glorifizierung der Kommune von Seiten linker Gruppierungen herrührt, die manchmal dazu tendiert, alles Gute, das man sich wünscht, auf diese sechs Wochen zurück zu projizieren. Oder war es noch was anderes? Vielleicht meldet sich ja der oder diejenige, die das in die Wikipedia reingeschrieben hat (es ist ja auch nicht ganz auszuschließen, dass es wiederum von anderswo abgeschrieben worden war).

PPS: Wie das mit der Kommune und den Frauen war, verbloggte ich schonmal hier

PPS: Rein theoretisch ist es natürlich auch möglich, dass es das Frauenwahlrecht in der Kommune gegeben hat. Ich war ja nicht dabei und auch niemand anderes, der noch lebt, war dabei. Wir können zur Beurteilung dieser Frage nur auf Quellenmaterial und Augenzeugenberichte zurückgreifen, und das kleine Einmaleins der historischen Forschung sagt, dass nur, weil etwas nicht erwähnt wird, das kein Beweis dafür ist, dass es das nicht gegeben hat. Es ist also durchaus eine gewisse Frage der Einschätzung, und theoretisch ist es möglich, dass die Frauen in der Kommune gewählt haben, ohne dass davon irgend eine Spur in den Quellen geblieben wäre. Die Frage ist nur, wie wahrscheinlich das ist.

Brauchen wir noch Journalismus?

Ob wir noch Journalismus brauchen? Wo wir doch jetzt das Internet haben? Das war die Frage bei einem Panel der Medientage München, an dem ich gestern teilgenommen habe. Aus diesem Anlass habe ich nochmal etwas systematischer über diese Frage nachgedacht.

Und bin zu dem Schluss gekommen: Ja, wir brauchen Journalismus. Stellt sich nur die Frage, was genau Journalismus ist.

Journalismus, so würde ich es definieren, ist in erster Linie professionelle Recherche, die zu dem Zweck betrieben wird, Informationen der Allgemeinheit zugänglich und verfügbar zu machen. Das ist aus einer gesellschaftlichen Perspektive wünschenswert, weil politische Debatten darauf angewiesen sind, alle für ein bestimmtes Thema relevanten Informationen zur Verfügung zu haben.

Leider wird Journalismus häufig mit Schreiben verwechselt. Geschrieben wird aber viel, es gibt ja nicht nur journalistische Texte (Videos und Audios subsumiere ich der Einfachheit halber mal). Es gibt viele Gründe zu schreiben, Journalismus ist nur einer davon. Und es gibt viele Textformate, journalistische Texte sind nur ein Teil davon.

Zu dieser Verwechslung konnte es kommen, weil früher, vor dem Internet, ein Großteil der in den klassischen Medien – Zeitungen, Radio, Fernsehen – veröffentlichten Texte journalistische Texte waren. Die Veränderung, die das Internet mit sich brachte, ist die, dass jetzt jede Art von Geschriebenem publiziert wird. Es gibt im Internet alle möglichen Arten von Content. Persönliche Betrachtungen, Briefe, Tagebucheinträge, Gespräche, Meinungsäußerungen aller Art, Forschungsergebnisse, Pressemitteilungen – alles wird veröffentlicht, und zwar direkt von denen, die diese Texte produzieren.

Mir ist klar, dass Definitionen und Differenzierungen immer eine Unschärfe haben und sich in der Realität die Dinge oft vermischen und Grauzonen aufweisen, aber um die Dinge durchschauen zu können, ist es doch wichtig, Unterscheidungen zu ziehen und zu sehen, wo die Grenzen verlaufen – und wo nicht.

Die Grenze zwischen journalistischem und nicht-journalistischem Content hängt zum Beispiel nicht mit dem Medium zusammen, über das der Content verbreitet wird: Sowohl auf Blogs als auch in Zeitungen oder im Fernsehen können journalistische ebenso wie nicht journalistische Inhalte verbreitet werden. Höchstens aus den genannten historischen Gründen gibt es in Blogs oder in sozialen Netzwerken mehr nicht-journalistischen als journalistischen Inhalt. Aber einem Text ist es erstmal egal, ob er als Webseite oder als Print verbreitet wird. Es gibt inzwischen viele Blogs mit journalistischem Inhalt, und vieles, was in Zeitungen steht oder im Fernsehen gesendet wird, hat mit Journalismus nichts zu tun.

Es geht auch nicht um Qualität als solche. Beide Textformen, journalistische wie auch nicht-journalistische, haben eine jeweils eigene Qualität.

Ich schlage vor, den Unterschied folgendermaßen zu fassen: Nicht-journalistische Texte (oder Audios oder Videos), so meine These, sind solche, die nicht auf Recherchen beruhen, die eigens für die Veröffentlichung vorgenommen wurden. Die meisten Blogger_innen zum Beispiel geben Wissen, Einsichten und Erfahrungen weiter, die sie ohnehin haben, die sie auch hätten, wenn sie nicht bloggen würden. Sie wurden also nicht extra für die Publikation recherchiert.

Das bedeutet nicht, dass ihr Content deshalb weniger fundiert, weniger relevant, weniger verlässlich wäre als klassischer Journalismus – ganz im Gegenteil: Oft schreiben Menschen ja über Themen, mit denen sie sich sehr gut auskennen, meist sogar besser als entsprechende Fachjournalist_innen. Ganz einfach deshalb, weil es ihre Leib- und Magen-Themen sind, weil sie sich mit ihnen aus persönlichem Interesse beschäftigen. Oder weil sie ohnehin gerade anwesend waren, als etwas Interessantes passierte.

Der Unterschied, auf den ich hinaus will, ist nicht einer der Qualität, sondern der Perspektive: Blogger_innen teilen ihr Wissen mit der Öffentlichkeit, aber dieses Wissen hätten sie auch, wenn sie es nicht teilen würden. Zum Beispiel rezensiere ich hier im Blog Bücher oder Filme, berichte über Veranstaltungen oder schreibe Meinungsartikel zu gesellschaftlichen Debatten. Der Punkt ist: Diese Bücher würde ich auch lesen, diese Veranstaltungen auch besuchen und diese Meinungen auch haben, wenn ich nicht bloggen würde.

Das ist auch der Grund, warum Blogger_innen keine Bezahlung für ihre Texte verlangen: Sie haben keinen zusätzlichen Rechercheaufwand, der Aufwand des Bloggens besteht lediglich darin, das in Worte zu fassen, was man ohnehin schon weiß. Man veröffentlicht das, weil man darin ein persönliches Anliegen sieht, weil man die eigenen Ansichten und das eigene Wissen in den allgemeinen Diskurs einspeisen möchte, weil man Einfluss nehmen möchte, oder weil es wenig Aufwand ist, ein Foto, das man sowieso gemacht hat, dann auch noch rasch zu veröffentlichen und somit der Allgemeinheit zugänglich zu machen.

Ganz anders steht es aber um den professionellen Fotografen, der extra irgendwo hinfahren muss, um ein Foto zu machen. Oder die Journalistin, die den Auftrag bekommt, über ein Thema zu schreiben und dann erst einmal aufwändig recherchieren muss, um die notwendigen Inhalte in Erfahrung zu bringen. Wenn ich journalistisch schreibe, dann beschäftige ich mich aus professionellen Gründen mit einem Thema, mit dem ich mich ansonsten nicht beschäftigen würde. Weil ich dafür bezahlt werde, zum Beispiel.

Der Unterschied zwischen journalistischem und nicht-journalistischem Content hängt also am Zustandekommen des Wissens: Ist dafür eine Recherche notwendig, die eigens betrieben wird, um etwas für das Publizieren herauszufinden? Oder ist es ein aufgrund persönlicher Interessen oder anderweitiger beruflicher Expertise erworbenes Wissen, das dann auch noch publiziert wird, quasi als Nebenprodukt?

Wichtig ist mir dieser Unterschied, weil er aus meiner Sicht entscheidend ist, um die Notwendigkeit von Journalismus zu begründen: Denn ich behaupte, wenn wir keinen Journalismus hätten, wenn also nur das publiziert würde, was irgendjemand ohnehin schon weiß, würden wichtige Dinge unbekannt bleiben, würden Informationen, die für eine gesellschaftliche Debatte wichtig sind, nicht verfügbar sein.

Es ist nämlich ein Irrtum, zu glauben, dass sich alles googeln ließe. Es gibt sehr viele Dinge, die man nicht googeln kann. Sei es, dass jemand die entsprechenden Informationen geheim halten will – dafür braucht man dann investigativen Journalismus. Oder sei es, dass wirklich noch niemand die entsprechenden Informationen zusammengetragen hat, dass sich niemand aus persönlichen Gründen so sehr dafür interessiert, um es freiwillig zu recherchieren. Oder sei es, dass diejenigen, die sich dafür interessieren würden, nicht die notwendigen Ressourcen, nicht die Zeit, nicht das Know-How haben, um es zu recherchieren.

Und genau diese Lücke kann nur professioneller Journalismus füllen. Journalist_innen, so könnte man also sagen, sind notwendig, um Wissen googlebar zu machen, das ohne ihre Arbeit nicht googlebar wäre. Sie recherchieren Dinge, die niemand freiwillig ins Netz stellt, die aber dennoch wichtig sind oder vielleicht in einem späteren Kontext einmal wichtig werden könnten.

Wo ich hingegen langfristig keine Zukunft für den Journalismus sehe, auch wenn das derzeit häufig behauptet wird, ist im Kuratieren und Aufbereiten bereits vorhandenen Wissens. Momentan mag es noch einen gesellschaftlichen Nutzen haben, wenn Leute die Fülle der vorhandenen Informationen ordnen, sortieren, evaluieren, verifizieren und häppchenweise aufbereiten. Aber ich glaube, das werden wir alle zunehmend selber machen. Die entsprechenden Tools gibt es bereit, es bilden sich entsprechende Mechanismen heraus. Woran es momentan noch fehlt, ist die dafür notwendige Medienkompetenz, die noch nicht bei allen vorausgesetzt werden kann. Aber das wird kommen. Das Kuratieren von Informationen durch Redaktionen mag ein Modell sein für den Journalismus der nächsten fünf, zehn Jahre, aber nicht auf Dauer.

Bleibt natürlich die Frage, wer Journalismus in Zukunft bezahlen soll. Meiner Meinung nach werden das nicht die User sein. Denn ein anderer häufig genannter Zusammenhang ist ebenfalls ein Irrtum: der zwischen Relevanz und Reichweite. Beides hat nichts miteinander zu tun.

Die Relevanz eines Contents lässt sich NICHT daran ablesen, wie viele Leute sich dafür interessieren. Ich sage nur: NSU versus Königshochzeiten. Die Menschen interessieren sich im Alltag für Buntes, Skandalöses, Emotionales und nicht unbedingt für die “wirklich wichtigen” Dinge, und ich finde, das kann man ihnen nicht vorwerfen. Das geht mir auch selber oft so.

Nicht aus einer individuellen, sondern lediglich aus einer gesellschaftlichen Perspektive heraus ist es wichtig, dass möglichst viele Dinge recherchiert und veröffentlicht werden. Damit sie im Fall des Falles vorhanden und referenzierbar sind. Aber diese Rechercheergebnisse sind keine massenverkaufbare Ware. Und deshalb ist klar, dass die Finanzierung von Journalismus in  Zukunft weder über Nutzergebüren, noch über Werbung laufen kann (die ja in direktem Zusammenhang mit Reichweite und Quoten steht).

Leider befinden sich die traditionellen Medien derzeit in der Falle, dass sie sich auf der Suche nach Reichweite und damit nach Einnahmen immer weiter von genuin journalistischem Content entfernen, weil mit solchem Content eben nicht dieselben Reichweiten und Renditen erzielt werden können wie mit nicht-journalistischem Content, also mit Unterhaltung und PR. Unterhaltung (wozu auch Skandalberichterstattung gehört) erzielt Reichweiten und generiert Einnahmen. PR wiederum kostet wenig und rentiert sich daher auch bei geringeren Reichweiten, was etwa das Geschäftsmodell der Huffingtonpost ist (warum die Huffingtonpost nicht Journalismus, sondern PR ist, hat Michael Pantelouris grade auf Carta erklärt, full ack. meinerseits).

Das heißt, die Frage nach der Zukunft des Journalismus ist eine gesellschaftspolitische Frage, die nicht auf marktwirtschaftliche Weise gelöst werden kann. Angesichts der Vielzahl von anderem Content, der kostenlos verfügbar ist und das Interesse der Menschen in der Masse mehr trifft als die Ergebnisse fundierter journalistischer Recherche, werden die Leute nicht in relevantem Ausmaß dafür bezahlen. Vielleicht bei einzelnen Crowdfunding-Projekten, doch dass werden immer nur kleine Nischen sein.

Wenn der professionelle Journalismus erhalten bleiben soll, wird das meiner Ansicht nach nur über gesellschaftliche Mittel wie Kulturflatrate oder Stiftungen oder ähnliches funktionieren.

Sicher wird es auch in Zukunft noch Geschäftsmodelle für Medienangebote geben, die sich über Nutzungsgebüren oder Werbung finanzieren, aber das werden meiner Ansicht nach keine genuin journalistischen Inhalte sein, sondern in erster Linie Unterhaltung. So, wie es ein Großteil des Contents im Fernsehen oder in Zeitschriften ja jetzt schon ist.

Soweit erstmal meine Überlegungen zum Thema. Das Panel bei den Medientagen wird Anfang November auch  noch ausgestrahlt (dann reiche ich den Link nach). Bereits online steht ein Interview dazu, das der BR vor dem Panel mit mir gemacht hat (das Foto ist ein Screenshot daraus).

Weiterlesen: Information und Wissen

Gute Zeiten, schlechte Zeiten und Social Media

Wanderschuhe

Da war der Fuß noch nicht verknackst.

Eine häufige Kritik an Social Media und vor allem an Facebook ist, dass die Menschen dort vor allem ihre positiven Seiten präsentieren würden, sich selbst in ein gutes Licht rücken, und dass das zu Neid bei den anderen Nutzer_innen führen würde. Irgendwas an dieser Darstellung hat mich schon immer gestört, aber ich konnte es nicht recht fassen. Jetzt habe ich aber eine Idee.

Vergangene Woche war ich Wandern im Elsass und am Freitag knickte ich dabei um und verstauchte mir leicht den Knöchel. Das postete ich auf meiner Facebook-Pinnwand, wobei tatsächlich auch sacht leise im Hinterkopf die Mahnung pochte: Schreib doch nicht immer die tollen Sachen dahin, die du machst, sondern auch mal was Negatives.

Der Post bescherte mir kaum Likes (wem sollte es denn auch gefallen, dass ich mir den Knöchel verknackse), aber ein paar besorgte Mails und Ratschläge, was nun zu tun sei. Und das gab mir zu denken: Wenn Aufmerksamkeit das rare Gut im Internet ist, wieso habe ich die Aufmerksamkeit meiner Kontakte mit meinem popeligen verknacksten Knöchel in Anspruch genommen? So sehr, dass manche sich sogar Sorgen um mich machten? Ist Facebook für so was ein sinnvolles Medium?

Darüber fiel mir auf, dass ich eigentlich auch nicht so gerne “negative” Postings von anderen lese, und zwar genau aus dem Grund, dass ich mir dann überlegen muss, ob und was ich eventuell darauf antworte. Denn auch wenn es sich bei Social-Media-Plattformen nicht um Medien für ausschließlich enge Freund_innen handelt, sondern eher um die Organisation von “schwachen Kontakten”, so handelt es sich aber doch letztlich um Beziehungen.

Es ist also ein Unterschied, ob ich in der Zeitung lese, dass sich irgend eine Promi beim Wandern den Knöchel verknackst hat, oder ob ich das bei Facebook von einer alten Schulfreundin, einem Arbeitskollegen oder auch nur von jemandem lese, mit dem ich schon regelmäßig in Kommentarspalten unserer Blogs diskutiert habe. Bei der Promi in der Zeitung sind keinerlei Beziehungen involviert, ich kann ihr Unglück voyeuristisch zur Kenntnis nehmen, vielleicht beruhigt es sogar meinen Neid darauf, dass sie zu den Schönen und Reichen gehört, denn immerhin verknackst sie sich ja auch den Knöchel.

Eine solche Haltung kann ich aber nicht Leuten gegenüber einnehmen, die ich persönlich “kenne”, auch wenn das Kennen nur sehr lose und sporadisch sein mag. Andererseits wäre ich aber auch emotional überlastet, wenn ich die verknacksten Knöchel all meiner Facebook- und Twitter-Kontakte auch nur zur Kenntnis nehmen wollte – von ihren wirklich ernsthaften Problemen ganz zu schweigen.

Und deshalb glaube ich, dass die intuitive Praxis der Nutzer_innen von Sozialen Medien, dort eher die positiven Aspekte ihres Lebens zu veröffentlichen, aber nicht die negativen, eine sehr sinnvolle ist: Sie vermeiden damit, ihrer Timeline zuviel “Beziehungskapazitäten” abzuverlangen. Natürlich kommt dabei unterm Strich ein geschöntes Gesamtbild ihrer Existenz heraus, aber warum sollte das ein Problem sein?

Ja, der Neid, den das angeblich bei den anderen auslöst. Das Argument überzeugt mich aber nicht wirklich. Denn erstens gleicht es sich unterm Strich wieder aus (wenn ich selber nur die positiven Aspekte poste, dann gehe ich doch wohl davon aus, dass die anderen das eher auch so handhaben). Und zweitens ist Neid nur unter einer bestimmten kulturellen Perspektive etwas Schlechtes. Man kann ihn auch als Ausdruck eines Begehrens sehen, also als eine produktive Kraft: Wenn ich bei einer anderen etwas sehe, das ich auch gerne hätte, dann hilft mir das selbst bei der Orientierung, ich komme dadurch unter Umständen auf Ideen, kann mich ermutigt fühlen oder inspiriert. (Über das Verhältnis von Neid und Begehren habe ich früher schonmal was geschrieben.)

Positive Postings über eigene Erlebnisse und Erfahrungen haben, so meine These, in Sozialen Medien eine produktive Energie, sie machen eher glücklich als depressiv, und zwar nicht nur diejenigen, die sie posten, sondern auch diejenigen, die sie lesen. Und zwar auch dann, wenn der erste Impuls der Lesenden vielleicht “Neid” sein mag.

Postings über persönliche Unglücke oder Probleme hingegen sind im Kontext von Sozialen Medien eher unproduktiv, sie verbreiten sozusagen “negative vibrations”. Sie setzen die Lesenden unter einen gewissen Druck, sich zu überlegen, ob sie nun reagieren sollen und wie: Beileid aussprechen, Hilfe anbieten, whatever. Sie erfordern also “Beziehungsarbeit”, und die wird zwar häufig unterschätzt, ist aber anstrengend und kräftezehrend.

Von daher machen wir es, entgegen allen Unkenrufen, genau richtig, wenn wir in Sozialen Medien ein geschöntes Bild unserer eigenen Existenz malen und über Probleme, Sorgen, Unglücke und so weiter nur in Ausnahmefällen etwas posten. Hier ist es besser, sich direkt an denjenigen Kreis von Freund_innen zu wenden, von denen man sich wirklich Hilfe oder Unterstützung erhofft oder erbittet, aber sie nicht einfach unadressiert zu veröffentlichen.

Please discuss.

PS: Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel.

PPS: Anders verhält es sich mit “politischen” Problem-Postings, also mit Nachrichten und Hinweisen auf Unglücke oder Problematisches, das nicht mich persönlich betrifft, sondern eine politische, gesellschaftliche Dimension hat. Der Unterschied liegt eben genau darin, dass solche Posts Informationscharakter haben und nicht eine Reaktion auf der Beziehungsebene erfordern.

Sichtbarkeit im Netz, nächstes Level

Letzte Woche wunderte ich mich darüber, dass mein Blogpost über das Sichdickfühlen fast keinen Traffic von Rivva bekam. Rivva ist eine Seite, bei der viel diskutierte und weiterempfohle Artikel aus dem Netz aufgelistet sind. Das geschieht automatisch, über Algorithmen. Man kann sich dort also schnell darüber informieren, was gerade so „los“ ist im Internet, und was sich vielleicht zu lesen lohnt, weil alle es gerade lesen.

Ich habe mich inzwischen darauf eingestellt, dass wenn ein Artikel hier viel kommentiert und verbreitet wird, irgendwann auch über Rivva Leute auf diesen Blog kommen. Das freut mich natürlich, denn es ist eine schöne Möglichkeit, die eigenen Themen Menschen außerhalb der eigenen Filterbubble bekannt zu machen.

Und deshalb fiel mir auf, dass es beim letzten Blogpost, obwohl er viel gelesen, kommentiert und weiterverbreitet wurde, keinen Traffic von dort gab. Hatte Rivva mich etwa vergessen? War der Algorithmus kaputt? Wurde ich etwa ZENSIERT?

Nein, bei Rivva war alles in Ordnung, wie sich schnell zeigte, der Algorithmus ist tatsächlich unbestechlich. Es gab auch ein bisschen Traffic von dort, bloß eben so wenig, dass er nicht in den Top-Ten-Referrern auftauchte und ich ihn deshalb nicht wahrgenommen hatte.

Aber interessant ist das: Offenbar waren die Leute, die Rivva als Empfehlungstool nutzen, am Thema „Körpernormen“ so uninteressiert, dass sie den Empfehlungen von Rivva an diesem Punkt nicht gefolgt sind. Darin zeigt sich eine Diskrepanz zwischen dem, was die Menschen im Internet durchschnittlich interessant finden (die dem Blogpost ja viel Resonanz bescherten) und dem, was Leser_innen von Rivva interessant finden (die ihn nicht beachteten).

Hieraus wiederum lässt sich auf eine gewisse Milieuverengung der „Netzgemeinde“ (gibt es dafür eigentlich inzwischen ein besseres Wort?) auf ihre Lieblingsthemen Technik, Internet und (Netz)politik schließen: Sie gehen nicht zu Rivva, um zu erfahren, was gerade im Internet relevant ist, sondern sie gehen zu Rivva, um zu erfahren, welche Texte zu ihren drei Lieblingsthemen gerade relevant sind.

Das ist natürlich ihr gutes Recht, aber es bedeutet auch, dass wir die Debatten, die in den vergangenen Jahren über die Sichtbarkeit feministischer Blogs und Themen im Netz geführt wurden, weitertreiben müssen.

Level 1 war sozusagen gewesen, dass „wir“ (also die feministischen Bloggerinnen, die hier mal stellvertretend stehen für alle Blogger_innen, deren Themen nicht zu den drei Lieblingsthemen der Netzgemeinde gehören) lernen sollten, uns den Logiken der Aggregations-Algorithmen anzupassen.

„Ihr seid nicht in all diesen Blogrankings drin, weil ihr falsch bloggt, weil ihr nicht aufeinander verlinkt, weil ihr euch gegenseitig nicht retweetet, likt und so weiter“, wurde uns gesagt. Und wir haben brav unsere Hausaufgaben gemacht, und zwar mit Erfolg, denn inzwischen finden sich durchaus auch Blogposts zu „unseren“ Themen in den einschlägigen Rankings.

Aber jetzt stellen wir fest, dass uns das gar nicht so sehr viel bringt in Bezug auf Traffic und Aufmerksamkeit (und das ist es doch, worum es letztlich geht): Selbst wenn wir mit „unseren“ Themen auf diesen Rankings stehen, ändert das halt wenig an der Tatsache, dass „die Leute da“ uns uninteressant finden. Was also tun?

Drei Vorschläge liegen spontan nahe:

1. Feministische Bloggerinnen sollten sich gegenseitig ruhig weiter verlinken und retweeten, wenn es sich ergibt, denn offensichtlich funktioniert es ja durchaus. Die pure Sichtbarkeit „unserer Themen“ erhöht sich, und ein bisschen Transfer-Traffic ist ja schonmal besser als gar keiner.

2. Rivva-Leser_innen könnten sich vielleicht mal überlegen, ob sie nicht auch ab und zu auf Links zu Themen klicken wollen, deren Relevanz ihnen nicht unmittelbar einleuchtet. Denn – das ist ja grade der Witz – wenn das Zeug auf Rivva steht, heißt das doch, dass andere es durchaus interessant finden. Open you horizons.

3. Leute, die Rivva bisher nicht (mehr) nutzen, könnten wiederum durchaus mal dort hingehen, denn es geht dort nicht mehr ausschließlich Tech, Internet und (Netz)politik.

Allerdings verhält es sich mit diesen Vorschlägen so ähnlich wie mit Appellen, es sollten doch mehr Frauen auf Wikipedia schreiben oder mehr Unternehmen Frauen zu Chefinnen machen: So lässt sich vielleicht die Krassheit der Situation etwas abmildern, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass das „Umgebungsdesign“ nicht für uns passt.

Deshalb hier noch zwei weitere Punkte.

4. Nicht zu viel von dem Bestehenden erwarten: Die „Internetbasiskultur“ ist (ebenso wie die „parteipolitische Basiskultur“ oder die „akademische Basiskultur”) von einer bestimmte Menschengruppe entlang ihrer Bedürfnisse entworfen worden und entsprechend nicht geeignet, um die Wünsche, Verhaltensweisen, Relevanzkriterien (und so weiter und so fort) aller Menschen abzubilden. Deswegen ist Wikipedia auch prinzipiell (also aufgrund seines Designs und seiner Struktur und nicht nur aufgrund individuellen Verhaltens dieser oder jener Menschen) nicht in der Lage, das gesamte Wissen der Menschheit abzubilden, und sind politische Parteien prinzipiell nicht in der Lage, die Politik der Frauen organisatorisch abzubilden. Und genauso ist Rivva prinzipiell nicht geeignet, die Relevanz von Themen im Internet abzubilden (und ich meine hier nur die quantitative Relevanz, von der qualitativen will ich gar nicht erst reden).

5. Das Internet nicht überschätzen: Um Aufmerksamkeit für „unsere“ Themen zu generieren, brauchen wir die „Netzgemeinde“ nicht. Wichtiger ist es, über das Netz hinaus zu wirken, so wie es zum Beispiel bei #Aufschrei gelungen ist. Die Aktion ist ja gestern mit dem Grimmepreis ausgezeichnet worden, während der männliche Teil der Netzgemeinde das Thema damals eher verschlafen hat und die Relevanz des Hashtags zunächst nicht erkannte. Von daher: Es ist ziemlich egal, ob wir Traffic von Rivva und Co. bekommen, ich behaupte, wie können ihn von anderswoher genauso, wenn nicht besser bekommen. Rund um das Internet herum gibt es nämlich noch jede Menge Neuland zu entdecken, das voller Menschen ist, die wir für unsere eigenen Netz-Themen begeistern können.

PS: Mich würde trotzdem mal das Ausmaß der Milieuverengung bei Rivva interessieren. Vielleicht liege ich mit meinen Vermutungen hier ja auch total schief. Aber das müsste sich doch relativ einfach berechnen lassen, indem man die Anzahl der Verweise (also letztlich das Rivva-Ranking selbst) in Relation setzt zur Anzahl der Klicks, die durch das Rivva-Posting generiert werden.

PPS: Zusätzlich könnte man eine Liste machen, wo die verschiedenen bei Rivva verlinkten Seiten im Spektrum angeordnet sind: Auf der einen Seite die mit sehr gutem Verweis/Klick-Verhältnis (also Artikel, die im Verhältnis zu ihrem Ranking bei Rivva sehr häufig geklickt wurden) und auf der anderen Seite die mit sehr niedrigem Verweis/Klick-Verhältnis (zu denen dann halt mein Dicksein-Blogpost gehören würde). Es wäre sicher spannend zu sehen, welche Auffälligkeiten und Themenverläufe sich dabei zeigen würden.

PPPS: Auch interessant zu wissen wäre, welchen Erfolg bestimmte Maßnahmen männlicher Blogger hatten, das Aufmerksamkeit-Ungleichgewicht abzumildern, wie zum Beispiel die 50-Prozent-Blogroll-Quote von Sascha Lobo. Bringt das den dort verlinkten Frauen auch tatsächlich mehr Aufmerksamkeit – und wie viel im Verhältnis zu den dort verlinkten Männern?

Bevor mir die Ps ausgehen, höre ich jetzt lieber mal auf :)

Es gibt wieder neue “Besondere Umstände”

Benni und ich haben eben wieder gepodcastet – diesmal unterhielten wir uns über Blogs, über Humor, über Ironie, und natürlich auch wieder über die Revolution und den Kapitalismus. Hörst du hier.

Auf die Episode 7 hatte ich euch auch noch nicht hingewiesen, damals ging es unter anderem ums Tauschen und um den Papst. (hier)

Das Internet kommt viel langsamer als gedacht

Wie verändert das Internet die Gesellschaft? Unsere Vorstellungen von Privatsphäre, den öffentlichen Diskurs, das Publizieren zum Beispiel?

Momentan beobachte ich in Netzdiskussionen öfter mal so eine gewisse Enttäuschung darüber, dass sich nach den euphorischen Hoffnungen des Anfangs doch nicht allzu viel verändert hat. Dass zum Beispiel Blogs nicht das gebracht haben, was man sich von ihnen versprochen hat. Manche meinen, sie hätten ihr Potenzial schon ausgereizt und mehr als das bisschen, was jetzt da ist, kommt nicht mehr. Die Revolution ist ausgeblieben, wie schade.

Ich glaube, dass das eine ziemliche Binnenperspektive ist, die daher rührt, dass die Geschwindigkeiten „im Internet“ und „außerhalb des Internet“ sich sehr unterschiedlich darstellen.

Wer selber seit zehn Jahren, also einer gefühlten Ewigkeit, bloggt oder zumindest Blogs liest, mag das für eine lange Zeit halten. Kulturell gesehen ist es aber eine sehr kurze Zeit. Kulturelle Muster und Gewohnheiten ändern sich in der Breite nicht so schnell, wie eine neue App hipp wird und dann wieder überholt ist. Dass eine technische Möglichkeit – wie etwa die Blogsoftware – schon vor 10, 15 Jahren erfunden wurde, bedeutet nicht, dass sie auch bereits in einem Ausmaß genutzt wird, die ihr wirkliches gesellschaftsveränderndes Potenzial erschließt.

Was wir hier im Internet oft vergessen, ist, dass „das Internet“ für viele, sehr viele Menschen immer noch nicht wirklich zum Lebensalltag gehört. Und damit meine ich nicht jenes Viertel der Bevölkerung, das noch immer überhaupt kein Internet nutzt, nicht mal zum Googeln oder zum Mails schreiben.

Sondern ich meine damit, dass das Internet auch für die allermeisten von denen, die es inzwischen ganz selbstverständlich als technisches Hilfs- und Kommunikationsmittel nutzen, noch immer lediglich ein Gerät ist, das Dinge einfacher macht, die früher umständlich waren – das Einkaufen, das Briefeschreiben, das Sich Informieren. Aber es ist nichts, was die eigenen Lebensgewohnheiten und Perspektiven grundlegend verändert hätte, also nichts, mit dem man Dinge macht, die früher überhaupt gar nicht möglich waren. Wie eben Bloggen zum Beispiel oder Beziehungen in der Breite und dem Mix von Nähe und Ferne zu führen, wie sie durch soziale Netzwerke geführt werden können.

Ich glaube, inzwischen ist der hauptsächliche Grund für die unterschiedliche Internetnutzungs-Intensität zwischen älteren und jüngeren Menschen nicht mehr, dass die Älteren mehr mit technischen Hürden zu kämpfen haben. Das spielt bestimmt noch eine gewisse eine Rolle, aber was den „Ersatz“ für früher umständliche Dinge angeht, haben die meisten ja inzwischen durchaus gelernt, mit dem Internet souverän umzugehen.

Ein wichtigerer Grund für die seltenere Internetnutzung Älterer ist meiner Ansicht nach, dass das Leben der Älteren einfach schon voll ist mit anderen Dingen – und ist nicht „Keine Zeit“ der am häufigsten genannte Grund dafür, wenn man sie fragt, warum sie so selten „im Internet“ sind?

Ältere Menschen haben schon Hobbies, sie sind schon in Vereinen, sie haben freundschaftliche und private und politische Verpflichtungen übernommen, die alle noch in die Zeit zurückreichen, als es kein Internet gab. Und diese Verpflichtungen müssten sie kappen, wenn sie sich Zeit zum Bloggen nehmen wollten oder zum Podcasten oder um Videos für Youtube zu drehen.

Die Jüngeren hingegen haben das Internet schon in dem Moment in ihre Entscheidungsfindung einkalkuliert, als sie überhaupt erst damit anfingen, ihr Leben mit Aktivitäten zu befüllen. Für sie standen all die Optionen bereits zur Verfügung, und entsprechend ist das Internet und seine Optionen nichts zusätzliches, sondern ein Bestandteil ihrer Aktivitäten.

Um es in einem vereinfachten Bild zu sagen: Wer heute jung ist, hat die Wahl, ob sie ihre kreativen Ambitionen in einem Videokanal bei Youtube ausleben möchte oder ob lieber Theater spielen. Ob sie Musik in einer Band und mit Liveauftritten machen will, oder ob sie – alleine oder mit anderen – ihre Musik am Computer nicht nur mixen, sondern auch veröffentlichen will.

Jüngere haben von Anfang an die Wahl, ob sie sich politisch in einer Bürgerinitiative oder einer Frauengruppe mit regelmäßigen wöchentlichen Treffen engagieren möchten, oder ob sie lieber ein Blog (mit)schreiben oder irgendeine Art internetbasierten Aktivismus wählen.

Die Älteren hingegen hatten diese Wahl nicht. Als sie ihre kreative oder politische „Laufbahn“ vor zwanzig, dreißig Jahren begannen, gab es das Internet noch nicht. Sie sind also mit sehr viel größerer Wahrscheinlichkeit in einer Theatergruppe oder in einer Band oder in einer Bürgerinitiative aktiv. Wollten sie nun anfangen, einen youtube-Kanal zu befüllen oder zu bloggen, dann müssten sie entweder ihrer langjährigen Theater-AG, Frauengruppe oder Bürgerinitiative den Rücken kehren – oder die Zeit käme noch oben drauf.

Die Älteren haben also tatsächlich weniger Zeit fürs Internet, weil ihr Leben biografiebedingt einfach schon mit anderen Aktivitäten angefüllt ist.

Das bedeutet: Wir können heute noch gar nicht wissen, was sich kulturell durch das Internet wirklich verändert. Wir wissen nicht, ob Bürgerinitiativen mit wöchentlichen Treffen in Zukunft aussterben werden, oder ob sie eine Renaissance erleben, weil die Leute merken, dass man im Internet eh nicht vernünftig politisch arbeiten kann, oder ob sich beides nebeneinander etabliert und am Ende sogar gegenseitig befruchtet. Wir können darüber spekulieren, und das ist auch durchaus interessant, aber wissen können wir es nicht, niemand kann es wissen.

Wie es sein wird mit der Gesellschaft und dem Internet, das wird sich erst dann zeigen, wenn wirklich alle von Anfang an die freie Wahl hatten, in welcher Weise sie das Internet in ihre alltäglichen Aktivitäten und Lebensbezüge integrieren wollen, also in frühestens zehn oder zwanzig Jahren. Und vermutlich müssen wir sogar noch etwas länger warten, weil die jetzt Jungen zwar schon für sich selbst die freie Wahl haben, aber noch immer mit Eltern und Lehrer_innen konfrontiert sind, die diese Wahl nicht hatten. Sie können also in dieser Hinsicht nicht von den Erfahrungen der Erwachsenen profitieren, sondern müssen sich alles selber ausdenken, oder sogar noch skeptische und verständnislose Widerstände überwinden. Und natürlich machen sie dabei Fehler und drehen überflüssige kulturelle Schleifen.

Den wirklichen Impact des Internet auf die menschliche Gesellschaft werden wir vermutlich erst dann sehen, wenn die Kinder der jetzt Jungen erwachsen sind. Denn sie werden die erste Generation sein, für die nicht nur das Internet etwas Selbstverständliches ist, sondern die auch bereits Eltern und Lehrer_innen hatten, für die das Internet selbstverständlich war.

Schade, irgendwie, dass das noch so lange dauert, aber anderseits auch wieder schön. Jedenfalls gibt es keinen Grund, so ungeduldig zu sein.

Internetlektüreschmarotzer!

Im Zusammenhang mit dem Ende des Google Readers wurde häufig die Frage gestellt, wofür man Reader denn überhaupt noch braucht, wo wir doch inzwischen unsere Tageslektüre über die Timelines der sozialen Netzwerke bekommen. Viele haben gesagt, sie hätten zwar einen Reader, würden aber nur selten darin lesen, weil sie ihre Lesekapazität schon mit Facebook- oder Twitter-Links aufgebraucht haben.

Das finde ich krass, denn es stellt sich ja sofort die Frage, wie denn dann Sachen in die sozialen Medien reinkommen, wenn wir alle nur noch von dort unsere Quellen holen und lediglich weiter teilen, was schon drin ist. Irgendjemand muss doch erst einmal interessante Texte von draußen da rein bringen (Ja, und auch Menschen, die nicht auf Facebook sind, können interessante Blogposts schreiben!). Von daher bin ich fast geneigt, Leute, die ihre Internetlektüre ausschließlich aus sozialen Medien beziehen, als „Internetlektüreschmarotzer“ zu bezeichnen, analog zu meinen „Internetschmarotzern“ von damals.

Ich würde mich niemals auf die in Twitter und Facebook weitergereichten Empfehlungen beschränken wollen, denn da ist der Hypisierungsgrad viel zu groß. Das Wichtigste daran, wenn man bei der Lektüre von Zeitung auf Internet umsteigt (und damit meine ich nicht von Papier auf Screen, sondern von einem von einer Redaktion zusammengestellten Bündel von Texten und Bildern zu allen möglichen Themen hin zu einer selbst ausgefilterten Auswahl), dann ist es doch gerade wichtig, dafür zu sorgen, dass man der eigenen Filterbubble, auch wenn sie etwas Tolles ist, regelmäßig Frischluftzufuhr von außen verschafft.

Und dafür braucht es unbedingt beides: Reader und Empfehlungen in sozialen Netzwerken. Im Reader kommen mir die leisen Texte der Blogs, die ich abonniert habe, auf den Schirm, die hintergründigen, wenig Hype geeigneten, die aber trotzdem oft sehr interessant sind, jedenfalls für mich, wenn auch nicht für viele andere (wie ich dann an den geringen Retweetraten sehe, wenn ich sie bei Twitter oder Facebook empfehle). Über die sozialen Netzwerke hingegen bekomme ich mit, wenn irgendwo etwas außerhalb der von mir abonnierten Adressen hyped. Das erweitert meinen Horizont natürlich ebenfalls und bringt mich manchmal auch zu neuen Blogabos.

Beides sind zwei völlig unterschiedliche Weisen, neuen Input zu bekommen, ich würde fast sogar sagen, es sind zwei konträre Weisen. Deshalb sind sie beide unverzichtbar und man kann niemals die eine durch die andere ersetzen. Finde ich.