Vernetzt und verheddert

51KtCPsEeNL._SY445_Zwischendurch kurz ein kleiner Lesetipp: Diese Novelle erzählt über die Beziehungsgeflechte einer Schwarzen Britin, die in Berlin lebt, verheiratet ist, zwei Kinder hat. Im Zentrum scheint das Scheitern ihrer Ehe zu stehen, aber ich finde die anderen Beziehungen (zu Freundinnen, zur Familien, zu den Kindern) eigentlich ebenso wichtig, fast noch wichtiger. Jedenfalls interessant und schön zu lesen. Und wenn man’s durch hat, will man es direkt noch einmal lesen, nur von hinten nach vorne. Aus Gründen :)

Whatever, sie wohnt in der Bergmannstraße, und kann es ein Zufall sein, dass ich das Buch gerade las, als ich bei einer Freundin in Berlin wohnte, die auch in der Nähe der Bergmannstraße wohnte?

sharon dodua otoo: die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle…. Edition Assemblage, 12,80 Euro, 126 Seiten.

Ulrike Meinhof aus den Augen eines Kindes


Anja Röhl, die Tochter von Klaus Röhl aus dessen erster Ehe und damit Stieftochter von Ulrike Meinhof, hat ihre Kindheitserinnerungen aufgeschrieben. Mit dem Titel „Die Frau meines Vaters“ stellt das Buch Ulrike Meinhof ins Zentrum, doch eigentlich erfährt man mehr über das Lebensgefühl, die Szene, die Normalität des Alltags in den 1960er Jahren als über Meinhof.

Vor einigen Jahren hat Anja Röhl ihrem Vater Klaus Röhl pädophile Übergriffe vorgeworfen, die sie in diesem Buch auch wiederholt, aber das ist nicht das Zentrale. Deutlich wird generell, wie brutal Menschen noch vor wenigen Jahrzehnten mit Kindern umgehen konnten, wie wenig ihre Bedürfnisse zählten, wie unverschämt egoistisch Erwachsene sein konnten, und vor allem Männer.

Ulrike Meinhof hat Anja Röhl als die einzige Erwachsene in Erinnerung, die sich für ihre Bedürfnisse und Anliegen interessiert hat. Damit liefert sie einen weiteren Baustein in der inzwischen fast schon endlosen Saga darüber, was für ein Mensch Ulrike Meinhof wohl gewesen ist. In den Augen des Kindes und der Jugendlichen Anja Röhl war Meinhof jedenfalls ein Lichtblick in trüber Umgebung, für die sich politisierende Jugendliche eine Inspiration.

Die große Stärke des Buches ist, dass Anja Röhl neben der subjektiven Schilderung ihrer Erinnerungen keine weiteren Spekulationen anstellt. Sie schreibt einfach auf, woran sie sich erinnert. Leider sind nicht wenige Passagen geschwärzt, weil Bettina Röhl, eine der Töchter von Meinhof und jüngere Halbschwester von Anja, dagegen geklagt hatte.

Anja Röhl: Die Frau meines Vaters, Edition Nautilus 2013, 18 Euro.

PS: Termine für Lesungen stehen hier im Blog von Anja Röhl

Ach, Bascha Mika!

mutprobeNein, das neue Buch von Bascha Mika kann ich nicht fertig lesen. Angeblich soll es hier um das Älterwerden gehen, und die kulturellen Unterschiede, die dabei für Frauen und Männer eine Rolle spielen. Das Thema interessiert mich, wirklich, es interessiert mich sehr. Weil ich selber dieses Jahr fünfzig werde (und damit gerade mitten drin sein müsste in dem Prozess, den Mika mit “Unsichtbarwerden der Frauen” beschreibt), und weil ich mich schon länger mit dem demografischen Wandel und speziell der Rolle, die Frauen dabei spielen, beschäftige.

Aber dieses Buch ist, ich kann es nicht freundlicher ausdrücken, einfach unerträglich. Bis ungefähr zur Seite 100 (wo ich jetzt bin) geht es NUR um weiße, bürgerliche Frauen und NUR darum, dass sie sexuell keine Aufmerksamkeit mehr erregen, und zwar NUR darum, dass sie bei Männern keine sexuelle Aufmerksamkeit mehr erregen.

Ich habe ehrlich keine Ahnung, ob mir früher Bauarbeiter je hinterhergepfiffen haben (gibt es eigentlich ein abgegriffeneres Klischee?), aber wenn es jemals so gewesen sein sollte und jetzt nicht mehr so sein sollte, dann ist es mir total egal. Nein, ich habe auch keine Angst davor, dass mich mein Mann wegen einer zwanzig Jahre Jüngeren verlässt, und wenn es trotzdem so kommen sollte, müsste ich mir höchstens Gedanken über die Parameter meiner Partnerwahl machen. Denn offenbar war sie dann ein Griff ins Klo. Für einen Mann, der mit mir nichts mehr anfangen kann, weil eine Jüngere einen strafferen Busen hat, hätte ich nichts als Verachtung übrig. Tränen hinterherweinen oder von Selbstzweifeln überfallen werden würde ich jedenfalls nicht.

Mindestens so sehr wie die Frage, ob Männer mir wegen meiner atemberaubenden Sexyness hinterherschauen, interessiert mich, ob sie mir zuhören, oder ob mir Frauen hinterherschauen und mir zuhören, und noch mehr interessiert mich, wem ich selber hinterherschaue und zuhöre und warum. Von all dem war aber auf diesen ersten hundert Seiten nicht auch nur in einem Halbsatz die Rede.

Ich kenne so viele interessante und (für mich) attraktive Frauen, die älter sind als ich, und die ich mir zum Vorbild nehmen kann, dass mir vor dem Älterwerden überhaupt nicht bange ist. Naja, ich will nicht sagen, überhaupt nicht. Aber nicht wesentlich mehr als in der Natur der Sache liegt. Die symbolische Wende, die Bascha  Mika einfordert, ist nämlich bereits passiert. Jedenfalls dort, wo ich lebe. Ältere Frauen sind nicht mehr unsichtbar.

Jedenfalls nicht im wirklichen Leben, man muss einfach nur mal vor die Tür gehen und sie sich alle anschauen, diese vielen Frauen über Fünfzig, die da überall herumlaufen und wichtige Dinge tun.

Natürlich darf man dafür nicht den Fernseher anschalten. Die Medienindustrie, die aussterbende, und vielleicht auch noch der sich selbst für hip haltende Kulturbetrieb, ja, da herrscht noch der Jugendzwang für Frauen, aber was interessiert mich der? Das ist doch kein  Maßstab!

Ganz abgesehen davon, dass ja keineswegs nur ältere Frauen unter dieser sexualisierenden Bewertung von Frauenkörpern leiden, ganz im Gegenteil. Manchmal habe ich den Eindruck, dass jüngere Frauen heute vielleicht sogar noch mehr darunter leiden, dass für sie der Druck, einen “Normkörper” vorzuweisen, sehr viel größer ist als für Frauen meines Alters. Wahrscheinlich ist gerade das überhaupt keine Altersfrage sondern wäre vielmehr ein lohnendes Thema für einen feministischen Inter-Generationenaustausch. Und wenn wir dann auch noch Kategorien wie Herkunft, Hautfarbe, soziale Schicht, sexuelle Orientierung dazunehmen, das könnte spannend werden!

Vielleicht hätte ich das Buch halbwegs erträglich gefunden, wenn Mika nicht ständig pauschalisierend über “die Frauen” sprechen würde, wenn sie nicht ständig von sich (und dem speziellen Frauensegment, das sie offenbar vor Augen hat) auf uns alle schließen würde. Wenn nicht wir, die Feministinnen und überhaupt all jene, die seit dreißig, vierzig Jahren bereits an einer neuen symbolischen Ordnung arbeiten, von ihr so penetrant ÜBERSEHEN werden würden. (So ging es mir nämlich bei dem Buch von Eva Illouz, die ebenfalls nur das weiß-mittelständische Milieu analysiert, aber das zumindest reflektiert).

Im übrigen kenne ich auch sehr viele interessierte und aufgeschlossene Männer, ältere, gleichaltrige und jüngere, die mir (und anderen älteren Frauen) Aufmerksamkeit entgegenbringen, die mir zuhören, wenn ich etwas sage. Sicher, ich will nicht ausschließen, dass die Mehrzahl von ihnen nicht sofort mit mir ins Bett springen will, aber hallo: Was für eine Welt ist das denn, wo es darauf ankommt?

Ich will nicht bestreiten, dass es noch Segmente auf dieser Welt gibt, in denen die Mechanismen, die Bascha Mika beschreibt, gültig sind. Aber es ist nicht meine Welt, es ist keine Welt, auf deren Anerkennung ich Wert lege. Es ist mir völlig egal, wie sexuell oder sonstwie attraktiv mich irgendwelche Männer finden, von denen ich schon lange nicht mehr erwarte, dass sie die Welt retten, seien sie nun Bauarbeiter, Medienschaffende oder am Ende noch KFMs.

Es ist mir egal, weil ich es kann. Weil es genügend andere Orte gibt, an denen ich mich stattdessen aufhalten kann. Mit Leuten – Frauen und Männern jeglichen Alters – deren Urteil mir wirklich wichtig ist. Ich will natürlich nicht bestreiten, dass in punkto weibliches Altern auch dort, jenseits der medial abgefeierten Schicki-und-Schischi-Kultur, noch vieles im Argen liegt. Aber die Probleme, über die Bascha Mika schreibt, die sind aus einem anderen Jahrhundert. Jedenfalls in meinem Universum.

Okay, dieses Urteil betrifft jetzt nur die ersten hundert Seiten. Vielleicht wird es ja späterhin noch spannend. Sollte das der Fall sein, bin ich für Hinweise in den Kommentaren dankbar. Ich lass das Buch noch eine Weile bei mir herumstehen, nur für den Fall. Aber zu Ende lesen werde ich es nicht.

Schließlich bin ich fast fünfzig, da muss ich mir gut überlegen, womit ich meine restliche Lebenszeit verbringen will.

Bascha Mika: Mutprobe. Frauen und das höllische Spiel mit dem Älterwerden. C. Bertelsmann, 17.99 Euro.

Binge-Reading Punk Pygmalion

Punk-Pygmalion_Jutta-PiveckaErst kürzlich habe ich gelernt, dass es ein Fachwort dafür gibt, wie wir bei uns zuhause schon seit Twin Peaks Fernsehserien schauen – nämlich alle Folgen hintereinander am Stück: Binge Watching. In den letzten vier Tagen ist mir aufgefallen, dass der klassische Roman letzten Endes sowas ist, wie Binge Reading: Man liest die ganze Geschichte an einem Stück weg, jedenfalls wenn der Roman gut und spannend geschrieben ist.

Auf diese Weise habe ich in diesen vergangenen vier Tagen Jutta Piveckas Roman “Punk Pygmalion” gelesen. Es ist die Geschichte – hm, wie erzähle ich das, ohne zu spoilern? Vielleicht mit dem ersten Satz: “Wenn Frauen in einer Kneipe zusammen sitzen, wird selten über Männer geredet. Es kommt aber vor.”

Es geht also um zwei Freundinnen, die zusammen in einer Kleinstadt aufgewachsen sind, dann losen Kontakt hielten, sich mit Mitte vierzig wiedertreffen, und dann verschwindet eine. Mit dabei sind auch ein Punker, den sie als junge Frauen kannten (und liebten?) und dessen Sohn, der jetzt so ähnlich aber ganz anders ist als sein Vater damals.

Ebenfalls eine aktive Rolle in dem Roman spielt der Blog der Erzählerin, über den die beteiligten Personen miteinander kommunizieren, und der Teile ihrer Erlebnisse öffentlich verhandelbar macht. Tolle Sache.

Der Blog ist keine Erfindung, sondern es handelt sich um Jutta Piveckas Blog Gleisbauarbeiten, und in der Tat hätte ich nicht auf das Buch warten müssen, sondern die Geschichte war eben tatsächlich schon hier veröffentlicht worden. Aber obwohl ich die Gleisbauarbeiten schon lange in meinem Feedreader habe, las ich um die Blogposts des Labels “Punk Pygmalion” immer drumherum. Die einzelnen Romanhäppchen haben mich irgendwie nicht angesprochen.

Aber jetzt, so am Stück! Fand ich das spannend wie einen Krimi (es geht auch in der Tat darum, dass versucht wird, Sachen herauszufinden). Zum Leben erweckt wird die punkige Atmosphäre der 1980er Jahre, rückblickend aus der Abgeklärtheit der 2010er Jahre. Es geht um Wahrheit und Lüge, um Liebe und Einbildung, um Projektion und Authentizität.

Interessant aber fand ich, wie gesagt, nicht nur die Geschichte, sondern auch meinen unterschiedlichen Zugang dazu, je nachdem, ob ich sie am Stück durchschmökern konnte oder in einzelnen Folgen im Blog serviert bekam. Dazu war ich zu ungeduldig, ebenso wie ich es nicht fertigbringe, eine Fernsehserie mit einer Folge pro Woche zu schauen.

Dabei bin ich aber eigentlich der Meinung, dass Blogs sowas wie eine neue Form von Romanen sind, jedenfalls die subjektiv und persönlich erzählten Tagebuchblogs. Ich lese davon einige regelmäßig (zum Beispiel den der Kaltmamsell), und da finde ich das kleine Häppchenweise gerade gut. Die “Romane”, die Blogger_nnen in ihren eigenen Blogs schreiben, sind nämlich die Erzählungen ihres eigenen Leben, es sind keine erfundenen Geschichten. Natürlich erzählen sie nur einen Ausschnitt aus ihrem Leben und möglicherweise erfinden sie auch so manches dazu. Das ist nicht der Punkt.

Der Punkt ist, dass die Geschichte hier erst noch stattfindet. Ich kann nicht den Anspruch haben, Tagebuch-Blogs sozusagen binge-mäßig am Stück durchzulesen, denn es ist ja noch nicht raus, wie diese Geschichten ausgehen. Sie haben noch nicht stattgefunden, die Zukunft ist offen.

Bei fiktiven Geschichten ist das anders. Da liegt das “Ende”, wenn man so will, nicht unbekannt in der Zukunft, sondern höchstens noch unausgedacht in den Köpfen der Erzähler_innen, wenn nicht sogar bloß unpubliziert auf ihrer Festplatte. Dafür fehlt mir die Geduld.

Jutta Pivecka: Punk Pygmalion. Roman in Briefen. Edition Taberna Kritika, 18 Euro.

Von Menschen und Tieren (und Politik)

artgereicht KopieIrgendwann in den 1980er Jahren saßen wir in meiner damaligen WG vor dem Fernseher, und es kam eine Sendung über das Sterben von Robbenbabies. Meine Mitbewohnerin konnte sich gar nicht mehr einkriegen – die armen Robbenbabies! Ich fand das ein bisschen übertrieben und ließ die Bemerkung fallen, dass in Afrika schließlich massenweise Menschen verhungern, warum sie denn darüber nicht weine.

Ihre Antwort war: Ja, aber die armen Robben sind doch unschuldig! Wir Menschen hingegen haben unser Elend selbst verschuldet! Seither habe ich, milde gesagt, ein gespanntes Verhältniss zur Tierethik. Und deshalb ist dieses Buch ist eigentlich gar nichts für mich. Dass ich es trotzdem gelesen habe, liegt daran, dass Hilal Sezgin immer so grandiose Texte schreibt, dass mir das Thema fast egal ist :)

Hilal Sezgin zeichnet hier die tierethischen Debatten der vergangenen Jahrzehnte nach und beschreibt die grausamen Fakten „unseres“ Umgangs mit Tieren, nimmt dabei die philosophischen Klassiker genau an den richtigen Stellen aufs Korn und kommt zu dem Schluss, der so hieb- und stichfest ist, dass ich nicht wüsste, wie irgendjemand dem etwas entgegensetzen könnte.

Sezgins Schluss lautet: Es ist unmoralisch, empfindungsfähige Tiere (sie zieht die Grenze, auch mit überzeugenden Argumenten, bei den Wirbeltieren) zu züchten, zu töten, zu nutzen, ja überhaupt zu halten, geschweige denn sie zu quälen. Die einzig moralische Lebensweise sei es deshalb, vegan zu leben und sich ansonsten für eine Abschaffung jeglicher Tiernutzung einzusetzen.

Eine solche radikale Position wird natürlich, das ist absehbar, viel Gegenwind bekommen. Allerdings engagiert sich Hilal Sezgin schon seit Jahren auf diesem Gebiet. Sie kennt die einschlägigen Gegenargumente und hat sie in ihrem Buch bereits widerlegt.

Trotzdem bleibe ich auch nach der Lektüre „Speziezistin“. Das heißt, ich bin dafür, klar zwischen Menschen und Tieren zu unterscheiden, und ich halte es für falsch, das Verhalten von Menschen gegenüber Tieren mit dem Verhalten von Menschen anderen Menschen gegenüber zu vergleichen.

Nicht dass ich meine, Menschen wären gegenüber Tieren zu nichts verpflichtet. Das sind sie. Aber die Rede von „Speziezismus“ verharmlost diskriminierende Praktiken der Menschen untereinander, weil sie angesichts der offensichtlichen Unterschiede zwischen Menschen und Tieren das Bekenntnis zur prinzipiellen Gleichheit aller Menschen verwässert und relativiert. Wenn eine Kuh nicht in die Schule geschickt werden muss, wieso dann ein Mädchen?

Da braucht jetzt übrigens gar niemand den Kopf zu schütteln, diese Vergleiche sind in Westeuropa bis ins 19. Jahrhundert hinein ganz genauso gemacht worden. Weiße männliche Philosophen siedelten Frauen und Menschen of Color irgendwo zwischen den „richtigen“ Menschen (sich selbst) und Tieren an. Deshalb sehe ich, sobald jemand ernsthaft Speziezismus mit Rassismus und Sexismus gleichsetzt, rot. Denn damit gibt es eben keine klare Grenze, sondern einen fließenden Übergang zwischen Menschen und Tieren. Und warum dann nicht auch zwischen Menschen untereinander, sodass bestimmte Menschen höher und andere tiefer stehen, näher an den Kühen eben?

Denn die Antwort, darauf, warum eine Kuh nicht in die Schule gehen muss, ist ja klar und offensichtlich (Hilal Sezgin gibt sie in ihrem Buch): Sie braucht keine. Und nun dürfen Sie mal raten, wie die weißen männlichen Philosophen es ehedem begründeten, warum Mädchen und Menschen anderer Hautfarben keine Schulen brauchen? Bingo!

Sowieso habe ich ein gespaltenes Verhältnis zu jeder Philosophie, die universalistisch von „dem Menschen“ spricht. Ich wählte nicht zufällig die Politikwissenschaft, weil es da um die Differenzen unter Menschen geht, und ich finde, alles Weitere – also zum Beispiel das Verhältnis von (diesen oder jenen) Menschen zu Tieren, zur Umwelt, zu Gott und so weiter – muss auf einer Analyse der Beziehungen von Menschen untereinander aufbauen und nicht andersrum.

Sezgin unternimmt aber genau so eine philosophische Analyse, sie fragt, wie ein moralisches Verhältnis zwischen Menschen und Tieren aussehen soll. Theoretisch ist das lesenswert, und wenn man eine moralische Perspektive einnehmen will, habe ich dem auch nichts entgegenzusetzen. Es stimmt ja: Es ist moralisch nicht erlaubt, Tiere zu nutzen. Aber meine nächste Frage wäre: So what?

Die Moral hat es doch längst schon vergeigt. Wir sind keine moralische Gesellschaft (und mit „wir“ meine ich jetzt die westlich-europäischen Gesellschaften und Kulturen). Ich wüsste nicht, wo die kantische Pflichtethik des von der Vernunft aufgenötigten „Du sollst“ ernsthaft noch in Kraft wäre. (Ich habe da vor einigen Jahren schonmal etwas dazu geschrieben.)

Genau das waren auch die Stellen, an denen sich beim Lesen besonders viele Fragezeichen in meinem Kopf formierten, und damit komme ich auf das eingangs Gesagte zurück: Sezgin nämlich stellt gegenüber, was im Umgang zwischen Menschen angeblich „völlig normal“ sei – dass wir andere nicht töten dürfen, das Gewalt schlecht ist, zum Beispiel – während wir bei Tieren da keine Skrupel hätten.

Ich will nicht behaupten, dass die Dimensionen vergleichbar sind, aber ich sehe nicht, dass „wir“ keine moralischen Skrupel hätten, Menschen zu töten, zumindest fahrlässig, zum Beispiel auf Flüchtlingsboten im Mittelmeer oder mit Entscheidungen globaler Unternehmen, die Elend und Tod in anderen Weltregionen zur Folge haben.

„Wir“ opfern nicht nur Tiere „unserer“ Bequemlichkeit, unseren Profitinteressen, dem Erhalt unserer Privilegien, sondern all dem opfern „wir“ selbstverständlich auch Menschen. Die Moral meldet sich erst da zu Wort, wo wir Skrupel haben, anderen Menschen persönlich den Hals umzudrehen, das tun wir natürlich nicht. Aber das tun wir bei Tieren normalerweise auch nicht. Aber es gilt nicht als moralisch verwerflich, Unterschriften unter irgendwelche Verträge zu setzen, die unweigerlich den Tod und das Leiden vieler anderer Menschen zur Folge haben wird.

Das Prinzip, das Sezgin im Umgang mit Tieren kritisiert, gilt ganz genauso auch im Umgang mit anderen Menschen: Die Empathie nimmt mit der Distanz des Verfahrens zu ab, und vor lauter Hantieren mit Bilanzen, Zahlen, Statistiken lösen sich die konkreten Folgen des eigenen Handelns als moralische Fragestellung quasi in Luft auf.

Der spannende Punkt liegt also in der Frage, wie wir es – als politische Wesen – schaffen, das was gut ist, auch zu tun. Denn die Tierethik ist ja bei weitem nicht das einzige Feld, auf dem menschliche Gesellschaften es nicht hinkriegen, das, was (sogar unbestritten) gut und richtig ist, politisch auch umzusetzen, und das, was falsch ist, zu unterlassen.

Man denke nur mal an das Desaster beim Klimaschutz. Oder, kleinere Hausnummer, das unentwirrbare, kontraproduktive und teure Konglomerat an „Familienförderung“ in Deutschland, das dringend mal konsistent gemacht werden müsste. In vielen, ich würde sogar sagen, in den meisten Bereichen wissen „wir“ sehr genau, was richtig und was falsch ist, und sind uns im Großen und Ganzen auch darüber einig. Nur kriegen wir es nicht hin, es dann auch politisch umzusetzen. Das ist ein grundlegendes Defizit der politischen Verfahren, derer wir uns bedienen, auch der demokratischen.

Allerdings hat Hilal Sezgin recht, dass diese Einigkeit darüber, was richtig wäre (die zum Beispiel in Punkto Umweltschutz, Hungerbekämpfung und so weiter gegeben ist) in Punkto Tierethik noch nicht herrscht. Viele sind noch der Meinung, es sei moralisch legitim, Tiere für das Wohlbefinden von Menschen zu nutzen, auch wenn das faktisch heißt, sie zu quälen und zu töten.

Und von daher ist das Buch durchaus empfehlenswert, vielleicht trägt es dazu bei, hier das, was als „normal“ und legitim gilt, etwas zu verschieben.

Hilal Sezgin: Artgerecht ist nur die Freiheit. Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen. C.H. Beck, 301 Seiten, 16,95 Euro. 

Denken in Präsenz

13-0821 Umschlag.inddGespräche mit anderen Menschen, die man direkt sieht, hört, riecht, spürt, mit denen man sich also körperlich im selben Raum aufhält, haben eine besondere Qualität im Vergleich zu medial vermittelten Gesprächen. Speziell “Denken” funktioniert – das ist jedenfalls meine Erfahrung – besser im Austausch mit anderen, und zwar gerade dann, wenn dieser Austausch direkt und unmittelbar ist, und am Besten in der Kneipe oder im Wohnzimmer und nicht an der Uni oder im Seminar (obwohl auch das nicht völlig ausgeschlossen ist).

“Von uns selbst ausgehend zu denken und sich in der Alltagssprache mit anderen über Gefühle, Erfahrungen und Träume auszutauschen, lässt Wahrheiten entdecken. Dazu werden wir bisher in Schule und Hochschule kaum ermutigt, weshalb Philosophie vielen als etwas Lebensfernes erscheint, etwas, das sie sowieso nicht verstehen”, heißt es im Klappentext des Buches “Denken in Präsenz” der italienischen Diotima-Philosophin Chiara Zamboni, das jetzt auch auf Deutsch erschienen ist.

Und ein Grund, warum ich es direkt nach Erscheinen praktisch verschlungen habe: “Mündliches Philosophieren spielt eine wichtige Rolle in politischen Umwälzungsprozessen. Das Bedürfnis, gemeinsam nachzudenken, entsteht immer wieder neu, wenn das Begehren wächst, sich dem dominierenden Symbolischen zu entziehen, und wenn beim Denken und politischen Handeln nach Orientierung gesucht wird. Mit anderen zu diskutieren und in gegenseitiger Anwesenheit – in Präsenz – zu denken, erfordert eine andere Praxis, als etwas zu schreiben.”

Ja, genau, so ist das jedenfalls bei mir auch. Schon mehrmals habe ich hier im Blog über das Buch geschrieben, vor einigen Jahren, kurz nachdem ich es gelesen hatte, und dann vor ziemlich genau einem Jahr, als Dorothee Markert es anfing zu übersetzen. Seither hat sie die deutsche Übersetzung kapitelweise im Internetforum bzw-weiterdenken veröffentlicht, und ist damit mittlerweile bei gut der Hälfte.

Das Buch enthält jetzt schon die komplette Übersetzung, außerdem mögen ja manche so etwas Komplexes lieber nicht häppchenweise, sondern am Stück lesen (oder sind vielleicht auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk ?): Chiara Zamboni: Denken in Präsenz, für 19,80 Euro im Christel Göttert Verlag.

Schwanger werden können? Gibt’s nicht!

Puppenstube, Kinderwagen, Schürzchen – die Erziehung von Mädchen war früher unerträglich darauf ausgerichtet, sie schon von frühestem Alter an auf ihre spätere Rolle als “Hausfrau und Mutter” vorzubereiten und darauf festzulegen.

Deshalb war ich – auch im Zusammenhang mit meiner Reihe “Letz talk about Schwangerwerdenkönnen” – sehr gespannt, als kürzlich gleich zwei neue Mädchenbücher herauskamen.

“Glückwunsch – du bist ein Mädchen” von den Missy-Macherinnen Sonja Eismann, Chris Köver und Daniela Burger richtet sich an Mädchen selbst, “Das Mädchenbuch” von  Elisabeth Raffauf hingegen an Eltern. Beide haben den Anspruch, neues Material zur Verfügung zu stellen, das den veränderten Geschlechterrollen, der weiblichen Freiheit und den inzwischen gewonnenen Einsichten über die Konstruktion von Geschlecht gerecht wird.

Wie wird das Schwangerwerden heute also thematisiert? Wie könnten Mädchen und ihre Eltern dabei begleitet werden, wenn die erste Menstruation kommt? Wie ist die lange feministische wissenschaftliche und politische Auseinandersetzung mit dem Thema in populäre Bücher eingeflossen? Darauf war ich sehr gespannt.

Einigermaßen schockiert war ich dann aber, als ich feststellte: Das Thema kommt überhaupt nicht vor. Null. In beiden Büchern. Und das, obwohl sich beide keineswegs nur an Mädchen vor dem Teenager-Alter richten, sondern es geht ganz explizit auch um Jugendliche bis 18. Themen wie Körpernormen und Sexualität werden auch ausführlich behandelt. Und dann steht da der Satz:

“Bei all dem irren Spaß, den man beim Sex haben kann, gilt es zwei Dinge nie zu vergessen: Aus Sex können sowohl Babys wie auch Krankheiten entstehen.” (Glückwunsch, S. 122)

Das ist alles, was Mädchen über ihr Schwangerwerdenkönnen erfahren sollen? Babys werden in einem Atemzug mit Geschlechtskrankheiten genannt – und zwar NUR da? In dem Buch für Eltern kommt zwar das Stichwort “Menstruation” vor, aber nur unter der Fragestellung, dass die “Periode” heute im Schnitt früher eintritt als ehemals.

Ich kann mir das nicht ganz erklären, denn ansonsten sind beide Bücher – und besonders das “Glückwunsch”-Buch für Mädchen – ganz hervorragend. Nur dass eben ein Kapitel fehlt.

Ist der Grund, dass vor lauter Queerness in Vergessenheit geraten ist, dass Mädchen beim Sex schwanger werden können – und dass das etwas ziemlich anderes ist als eine Geschlechtskrankheit? Ist es heute nicht mehr nötig, sie damit vertraut zu machen, dass Schwangerwerdenkönnen etwas ist, womit man sich auseinandersetzen sollte? Wollen wir den Mädchen nicht sagen, dass dieses Potenzial durchaus auch etwas Schönes hat? Wenn man feministisch bewusst damit umgeht? Wäre das nicht auch ein guter Anlass gewesen, zwei, drei Worte über das Thema Abtreibung zu verlieren? Darüber, dass Schwangerwerdenkönnen heute, der Frauenbewegung sei Dank, nicht mehr bedeuten muss, schnurstracks am Herd zu landen?

Bedeutungslos ist das Thema jedenfalls nicht. Denn auch wenn der Anteil der Teenager-Schwangerschaften in Deutschland im internationalen Vergleich niedrig ist, so werden doch (ich habe nur Zahlen von 2007 gefunden) ungefähr acht von tausend 15- bis 17-jährigen Mädchen schwanger, drei bis vier davon tragen die Schwangerschaft aus, fünf treiben ab.

Und sicher gibt es eine ganze Reihe mehr Mädchen, die vielleicht mal befürchten, schwanger zu sein, und es sich dann als falscher Alarm herausstellt. Wäre da nicht ein Kapitel gut gewesen: Was mache ich, wenn meine Periode mal ausbleibt oder sich verspätet? Mit wem kann ich reden, muss ich es dem Jungen sagen, mit dem ich geschlafen habe, sowas in der Art?

Ich glaube, beim Thema Schwangerwerdenkönnen haben wir es momentan mit einem fetten Tabu zu tun. Denn dass ein entsprechendes Kapitel in beiden Büchern fehlt, ist ja nicht einfach Vergesslichkeit oder Nachlässigkeit seitens der Autorinnen. Es verweist auf eine allgemeine Leerstelle im gesellschaftlichen Diskurs.

Ansonsten aber sind beide Bücher wirklich empfehlenswert. Hier ist zum Beispiel eine ausführliche Rezension des Glückwunsch-Buches und hier ein Interview mit Elisabeth Raffauf über ihr Mädchenbuch.

Sonja Eismann, Chris Köver, Daniela Burger: Glückwunsch – du bist ein Mädchen. Eine Anleitung zum Klarkommen. Beltz & Gelberg, 2013, 16,95 Euro.

Elisabeth Raffauf: Das Mädchenbuch. Die neuen Mädchen – was sie für ihren Weg ins Leben brauchen, Beltz, 2013, 16,99 Euro.

Erkennen, was notwendig ist

Kürzlich habe ich tagelang das Badezimmer geputzt, habe Schränke ausgeräumt, Wände gescheuert, bis in die letzte Ritze, immer und immer wieder. Dabei bin ich gar nicht besonders pingelig in Bezug auf Sauberkeit. Putzen macht mir auch nicht sonderlich Spaß und bezahlt hat mich auch niemand dafür. Der Grund für meinen Arbeitseifer war etwas viel Zwingenderes: pure Notwendigkeit. Denn bei meiner Rückkehr von einer mehrwöchigen Reise hatte sich mein Bad in ein schimmeliges Feuchtbiotop verwandelt. Der Heißwasserhahn hatte die ganze Zeit vor sich hin getröpfelt, während gleichzeitig Tür und Fenster fest verschlossen waren. Selten war ich zu einer Arbeit so motiviert wie an diesem Tag….

… so beginnt mein Beitrag mit dem Titel “Erkennen, was notwendig ist”, den ich für das soeben erschienene Buch “Teil der Lösung. Plädoyer für ein bedingungsloses Grundeinkommen” geschrieben habe. Darin vertrete ich die Auffassung, dass das Erkennen dessen, was notwendig ist, die Voraussetzung für sinnvolles Tätigsein (und auch fürs Arbeiten) ist. Eine bessere Motivation jedenfalls als “Geld verdienen” oder “Spaß haben/sich selbst verwirklichen”.

Ina Praetorius hat das Buch schon gelesen und hier ein bisschen was darüber geschrieben. Lustig fand ich auch diesen Verriss in der NZZ, in dem ich mit der Aussage zitiert werde, zur Ökonomie gehöre nicht nur das Tauschen, sondern auch, Dinge ohne Gegenleistung zu bekommen. Was man dort offenbar völlig absurd findet. Wahrscheinlich sind die Redakteure der NZZ niemals Kinder gewesen, sondern von irgendwoher voll funktionstüchtig auf die Erde geplumpst, sodass sie jederzeit für sich selber sorgen konnten.

Oh, wait…

Herausgegeben haben das Buch Ronald Blaschke und Werner Rätz, erschienen ist es im Rotpunktverlag, 204 Seiten dick und kostet 17,90 Euro. Just in case.

Die oberen zwanzig Prozent

xxfactor_kleinEs ist immer unbefriedigend, wenn irgendwo von “den Frauen” die Rede ist, denn dann stellt sich ja sofort die Frage, von welchen Frauen genau die Rede ist – und von welchen nicht. Andererseits ist die Zugehörigkeit zur Gruppe der Frauen für keine bedeutungslos, auch wenn diese Bedeutung eben je nachdem unterschiedlich sein mag. Und natürlich sind alle Übergänge zwischen den einen und den anderen fließend, gibt es für alles, was über die einen oder die anderen gesagt werden kann, Ausnahmen. Die Frage, welche Unterscheidungen man in für eine bestimmte Fragestellung trifft, ist letztlich eine analytische.

Die britische Ökonomin Alison Wolf hat für ihr Buch “The XX-Factor” unterschieden zwischen dem einkommensstärksten Fünftel der Frauen und den anderen vier Fünfteln. Denn ihr ist aufgefallen, dass es in Bezug auf ihre Fragestellung – nämlich wie die Zunahme der weiblichen Erwerbsarbeit die gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen prägt – große Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen gibt. Und einige ihrer Thesen geben mir zu denken.

Wolf hat dabei eine globale Perspektive. Für Deutschland sehen manche Aspekte vielleicht ein klein wenig anders aus. Ihre These, die sie mit zahlreichen Statistiken untermauert, ist, dass im oberen Fünftel sich die Lebenswelten, die Karrierewege und die Familienplanung von Frauen und Männern inzwischen sehr weit angeglichen haben. So weit, dass sie der Meinung ist, dass man sich feministischerweise um die noch verbliebenen Unterschiede im Detail nicht mehr groß sorgen muss, weil die sich schon in Bälde von selbst erledigt haben werden.

In diesem oberen Fünftel sind die Verdienstunterschiede zwischen Frauen und Männern inzwischen sehr gering. Auch die Berufe, um die es hier geht, tendieren dazu, nicht mehr geschlechtlich geprägt zu sein. Es gibt kaum noch geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen Ärztinnen und Ärzten, Anwältinnen und Anwälten, Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern diverser Branchen. Überhaupt haben fast alle akademischen Berufe  inzwischen Frauen in ihren Reihen akzeptiert. Fast alle der hier noch aufzufindenden Unterschiede betreffen laut Wolf nicht die Top-20-Prozent, sondern die Top-1-Prozent, also die allerhöchsten Ebenen des Managements zum Beispiel. Ab der zweiten oder dritten Reihe aber sei in diesen Einkommensgruppen die Gleichberechtigung, von Details abgesehen, vollzogen.

Ganz anders sieht es jedoch in vielen anderen Berufsgruppen aus: Verkäuferinnen, Erzieherinnen, Krankenschwestern beziehungsweise Techniker, Mechaniker, Bauarbeiter sind nach wie vor sehr geschlechtshomogen sortiert. Hier sind auch die Einkommensunterschiede am größten, was eben überwiegend nicht daran liegt, dass Frauen und Männer für die gleiche Arbeit unterschiedlich bezahlt werden, sondern daran, dass sie unterschiedlich bezahlte Berufe haben.

Und vor allem daran, dass der Anteil von Frauen, die Teilzeit arbeiten, hier viel größer ist. Das wirkt auf den ersten Blick unverständlich, weil man meinen könnte, dass in Familien mit geringeren Einkommen die Notwendigkeit, dass beide Erwachsenen Geld verdienen, größer ist. Das stimmt auch – jedoch nur in den ganz unteren Lohngruppen, wo das Einkommen dringend benötigt wird. In den “mittleren” Berufsfeldern hingegen sind gerade Mütter sehr viel häufiger in Teilzeit als bei den Akademikerinnen. Wolf erklärt das damit, dass der Nutzen der Vollzeit-Erwerbstätigkeit hier kleiner ist. Wenn eine Altenpflegerin, eine Sachbearbeiterin oder eine Grundschullehrerin für ein paar Jahre aus dem Beruf aussteigt oder ihre Stunden reduziert, schadet das ihrer weiteren Laufbahn (deren Perspektiven eh beschränkt sind) weitaus weniger als einer Chirurgin, einer Managerin oder einer Staatsanwältin. Und außerdem ist der Verdienstausfall, absolut gesehen, geringer, weil sie eben weniger verdient. Zumal, wenn Kinder da sind und deshalb häusliche Dienstleistungen eingekauft werden müssen. Das “rechnet” sich nur, wenn der Lohnabstand zwischen der Kinderfrau oder der Putzhilfe und derjenigen, die sie bezahlt, möglichst groß ist. Für andere ist die Frage, wofür sie sich den Stress antun sollen, nicht so klar zu beantworten: Wenn es sich weder finanziell noch karriereperspektivisch wirklich lohnt, warum dann nicht stressfrei für ein paar Jahre auf eine halbe Stelle gehen – oder mal ganz pausieren?

Das führt im Übrigen zu weiteren Unterschieden, die interessant sind. Der erste ist der, dass das Pensum, das für Erwerbsarbeit aufgebracht wird, heute bei Gutbezahlten im Schnitt höher ist, als bei schlecht oder mittel Bezahlten, sowohl was die gewählte Stundenzahl betrifft als auch im Hinblick auf die Anzahl der Überstunden. Das ist historisch gesehen etwas Neues: Früher haben die Reichen nämlich  deutlich weniger Arbeitsstunden absolviert als die Ärmeren. Aber es führt eben auch zum Wieder-Entstehen einer “Dienstbotenklasse”, ohne die dieses Pensum gar nicht möglich wäre.

Der zweite Unterschied betrifft die Familienstabilität. Im oberen Fünftel sind deutlich mehr Menschen verheiratet, praktisch alle Kinder werden hier “ehelich” geboren, und die Ehen werden auch seltener geschieden.

Dieser Punkt ist übrigens das, was mich am meisten nachdenklich gemacht hat. Laut Wolf ist das “assortative mating”, also die Wahl von Ehepartner_innen nach (kultureller, gesellschaftlicher, finanzieller) Ähnlichkeit, heute weitaus stärker ausgeprägt als noch vor einigen Jahrzehnten. Das heißt, die Reichen heiraten heute mehr als früher nur noch untereinander, und zwar vor allem deshalb, weil sie einen möglichst “guten” Vater bzw. eine möglichst “gute” Mutter für ihre Kinder wollen. Diese Eltern verwenden ein Gutteil ihres Einkommens darauf, ihren Kindern möglichst beste Chancen zu geben, Privatschulen, alle mögliche Förderungen und so weiter. Es ist abzusehen, dass die soziale Schere damit in den folgenden Generationen noch mehr auseinander geht – ein Trend, bei dem Deutschland mit einem vergleichsweise geringen Anteil an Privatschulen und einem (noch) nicht sehr ausgeprägten Eliteuniversitäten-System zum Glück bislang im internationalen Maßstab hinterher hinkt.

Ich finde dieses Augenmerk auf die Unterschiede zwischen “oberem Fünftel” und “unteren vier Fünftel” ziemlich überzeugend, und auch überzeugender als den etwa bei den Occupy-Protesten aufgemachten Unterschied zwischen dem “einen” und den “99 Prozent”. Auch Wolf beschäftigt sich mit diesem einen Prozent der Superreichen, die sich vom oberen Fünftel ingesamt noch einmal absetzen – manchmal auch durch ostentative Nicht-Erwerbstätigkeit der Frauen oder dadurch, dass sie nicht zwei, sondern auch schon mal vier oder fünf Kinder haben, weil sie es sich eben leisten können (während die “normal Reichen” auf dem von ihnen gewünschten Niveau nur zwei Kinder zur Elite heranziehen können).

Denn im Vergleich zu dieser Ein-Prozent-Elite sind wir alle arme Würstchen. Das obere Fünftel hingegen ist vielleicht gar nicht allzu weit weg, und auch wenn wir selbst nicht dazu gehören, so doch vermutlich ein paar Leute, die wir kennen. Mich würde mal interessieren, bei welchem Jahreseinkommen das in Deutschland beginnt: Wie viel muss jemand verdienen, um gerade so zu den einkommensstärksten 20 Prozent zu gehören? Falls jemand das weiß oder Ideen hat, wo man das recherchieren könnte, bitte gerne in die Kommentare!

Nachdenkenswert finde ich auch Wolfs Vorwurf, dass viele feministische Forderungen und Errungenschaften der letzten Zeit sich mehr an den Bedürfnissen und Interessen dieses oberen Fünftels orientiert haben als an denen der mittleren oder niedrigen Einkommensgruppen. Die Umverteilung von unten nach oben qua Elterngeld gehört da zum Beispiel dazu, auch der starke Fokus auf Frauenquoten für Führungspositonen oder gar Aufsichtsräte. Und auch das Ehegattensplitting bzw. die einmütige Forderung nach dessen Abschaffung erscheint da noch einmal in einem anderen Licht: Wenn es stimmt, dass bei dem reichsten Fünftel die Vollerwerbsquote von Frauen deutlich höher ist als bei den weniger Reichen, dann wären genau sie es, die kein Interesse mehr haben, weniger wohlhabende Familien, die das Ehegattensplitting noch häufiger in Anspruch nehmen, durch ihre Steuern zu subventionieren.

Just thinking… Discuss!