Islamfeindlichkeit in Deutschland wissenschaftlich durchleuchtet

Dass sich in Deutschland zunehmend Islamfeindlichkeit breitmacht, dürfte nicht mehr zu übersehen sein – und sie ist im übrigen deutlich ausgeprägter als in anderen europäischen Ländern, selbst wenn es dort, wie etwa in Frankreich, sogar mehr reale soziale Konflikte gibt, die sich “islambezogen” interpretieren ließen. Hier zum Beispiel eine aktuelle Studie darüber, wie sich Muslim_innen immer mehr in Deutschland integrieren, während unter Deutschen die Vorurteile wachsen.

9783837626612_720x720Die Frankfurter Soziologin Naime Cakir hat die Entstehungsgeschichte des “Feindbild Islam” jetzt wissenschaftlich untersucht und nachgezeichnet. Dabei macht sie sich auch über die Terminologie Gedanken. Handelt es sich bei antimuslimischen Ressentiments um “Rassismus”? Diese Frage haben Benni und ich ja auch in unserem letzten Podcast diskutiert. Um Rassismus im klassischen – biologischen – Sinn handelt es sich nicht, auch nicht um “Islamophobie” (denn es ist keine Krankheit, sondern eine politische Position), auch nicht um “Fremdenfeindlichkeit”, denn es geht ja gerade nicht um “Fremde”, sondern um Konflikte innerhalb der deutschen Gesellschaft.

Cakir sieht einen wichtigen Grund für die aktuelle Abwehrhaltung gegenüber allem, was als “muslimisch” markiert wird, darin, dass die Kinder und Enkel der ehemaligen “Gastarbeiter_innen” sich selbst gerade eben nicht mehr als fremd verstehen, sondern als Teil der deutschen Gesellschaft. Dass sie sich nicht mehr mit den angewiesenen Plätzen marginalisierter Niedriglöhner_innen zufrieden geben, sondern Anspruch auf Mitsprache, qualifizierte Berufe und Selbstorganisation erheben. Sie nennt das (unter Rückgriff auf bereits eingeführte soziologische Terminologien) das “Fremde im Eigenen”.

In einem plakativen Bild: Die Putzfrau mit Kopftuch gilt nicht als Problem, die Ärztin oder Lehrerin mit Kopftuch schon. Solange die Muslim_innen in Deutschland an den gesellschaftlichen Rändern blieben, in “unsichtbaren” Berufen und Hinterhofmoscheen, hat sich niemand über “den Islam” Gedanken gemacht, man konnte die Menschen und auch ihre Religion einfach ignorieren. Jetzt, wo sie ihren gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft beanspruchen, wo sie repräsentative Moscheen bauen und sich in der Mitte der Gesellschaft behaupten, nicht mehr.

Zur Terminologie schlägt Cakir vor, von “islambezogenem Ethnizismus” und von “antiislamischem Ethnizismus” zu sprechen. Sie zeichnet nach, wie im deutschen Diskurs die islamische Religion mit ethnisch-kulturellen Zuschreibungen verschmolzen wurde (das ist der “islambezogene Ethnizismus”), was wiederum eine Voraussetzung dafür darstellt, dass man sich von dieser so konstruierte Gruppe auch in feindlicher Absicht abgrenzen kann (das ist der antiislamische Ethnizismus). Nicht alle, die den Islam ethnizistisch und kulturell interpretieren, sind also auch islamfeindlich, aber durch diese Verknüpfung legen sie mit die Grundlage dafür, dass sich Islamfeindlichkeit etablieren kann.

Das Buch ist seinem akademischen Duktus entsprechend etwas mühsam zu lesen, liefert aber viel Hintergrundmaterial und wichtige Analysen für alle, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Naime Cakir: Islamfeindlichkeit. Anatomie eines Feindbildes in Deutschland. Transcript, Bielefeld 2014, 27,99 Euro.

Hier auch ein Interview mit Cakir: http://www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de/islamfeindlichkeit

Victoria Woodhull gibt’s jetzt als E-Book und bald auch frei im Netz

Nach zwölf Jahren wird mein Buch über Victoria Woodhull (1838-1927), Feministin, Wallstreet-Brokerin, Zeitungsmacherin, Aktivistin der Ersten Internationale und erste amerikanische Präsidentschaftskandidatin, jetzt nicht mehr neu aufgelegt. An dieser Stelle tausend Dank an meine Verlegerin Ulrike Helmer, die sich immer sehr für das Buch engagiert hat.

Als klar war, dass die Restbestände der letzten Auflage nun langsam zur Neige gehen, überlegte ich, wie ich das Buch am besten weiter verfügbar halte. Meine Wünsche waren: Es soll erstens zu einem erschwinglichen Preis als E-Book verfügbar sein und das ganze Prozedere mir zweitens keine (im Sinne von: Null) Arbeit machen. Eine Rundfrage auf Twitter brachte mich schnell mit Andreas von Gunten zusammen (oder ihn mit mir) und seinem Verlag Buch und Netz.

Das war quasi erst kürzlich, und jetzt ist es schon da, das E-Book, es kostet 9,50 Schweizer Franken (und wird bald auf den üblichen Plattformen für 7,50 Euro erhältlich sein). Bilder sind auch drin!

Und was noch besser ist: Das ganze Buch wird sukzessive auch kostenlos als Browserversion verfügbar gemacht. Bereits online sind die Einleitung und das erste Kapitel, wo es um Victorias abenteuerliche Kindheit und Jugend als siebtes Kind einer sehr chaotischen Familie aus Trickbetrügern geht, die immer unterwegs auf der Flucht vor Polizei und wohlanständigen Bürgerinnen und Bürgern ist.

Victoria Woodhull mit ihrem ersten Mann und Kindern - hinter der Fassade der bürgerlichen Ehe ging es aber teilweise dramatisch zu.

Victoria Woodhull mit ihrem ersten Mann und Kindern – hinter der Fassade der bürgerlichen Ehe ging es aber teilweise dramatisch zu.

Ihr erfahrt darin auch einiges über die Hintergründe des Spiritismus als politischer Bewegung, in der Woodhull später eine führende Rolle einnehmen wird. Der Spiritismus war damals in den USA sehr weit verbreitet, gerade unter Reformkräften.

Ihr lest, wie sich Victoria mit 15 Jahren vor ihrem gewalttätigen Vater in eine erste Ehe flüchtete (dabei aber vom Regen in die Traufe kam), wie sie sich zur Zeit des Goldrausches in San Francisco als “Cigar Girl” durchschlug und Kontakte zu Sexarbeiterinnen knüpfte, die sie später noch gut brauchen konnte.

Ihr erfahrt über ihre Arbeit als spirituelle Ratgeberin, bei der sie die Lebensbedingungen von Frauen aller Schichten kennen lernte, wie sie zwei Kinder zur Welt brachte, wie sie später den Intellektuellen und Reformer James Blood kennenlernte und dann mit ihm, ihren Kindern und ihrer Schwester Tennessee im Planwagen durch die Lande zog. Das Kapitel endet 1868 mit Woodhulls Beschluss, nach New York zu gehen.

Wie gesagt, die weiteren Kapitel kommen auch sukzessive online, in welchem Rhythmus genau weiß ich nicht.

Ähm. Und jetzt muss ich mal herauskriegen, wie ich diese alte Homepage bearbeiten kann, ich glaube, die ist im Jahr 2002 mit Microsoft Frontpage gebaut worden und seither habe ich sie nicht mehr angefasst. Gibt es eigentlich schon Forschungen über verwaiste Homepages, deren Autorinnen nicht mehr wissen, wie man sie ändern kann?

P.S.: Falls unter euch ein richtig großer Victoria-Fan ist…

Man kann das E-Book auch in größeren Mengen rabattiert kaufen und dann verschenken.

Oder man kann eine bestimmte Menge Gratis-Downloads sponsern und dabei irgendwelche eigenen Werbebotschaften quasi wie im trojanischen Pferd mitverbreiten.

Naja, was es halt alles so gibt, heutzutage :)

(Ich habe mich ja schon immer gefragt, was es mit diesen Gratis-Downloads auf sich hat, von denen man immer liest, jetzt weiß ich es, wieder ein bisschen schlauer geworden).

Lesenswerte Einführung in die feministische Ökonomie

feministischeoekonimoeDieses Büchlein ist empfehlenswert für alle, die sich kurz und übersichtlich einen Einblick in die feministische Ökonomie verschaffen möchten.

Es geht los mit einem Rückblick auf die Anfänge im 19. und frühen 20. Jahrhundert, wo es bereits eine Vielzahl von Frauen gab, die über die (neu entstandene) Wissenschaft der Ökonomie schrieben.

Weiter geht’s mit einer Übersicht über die Anfänge der Debatten im Rahmen der neuen Frauenbewegung, es folgen eine Kritik am männlichen Konzept des “Homo Oeconomicus”, ein Überblick über die “Hausarbeitsdebatte” und eine Analyse der Mechanismen, mit denen Frauen und Genderaspekte generell in der gängigen Wirtschaftswissenschaft unsichtbar gemacht werden.

Ganz zu recht gibt es dann ein ganzes Kapitel zum Thema Care-Arbeit (als dem heute wichtigsten Feld feministischer Ökonomiekritik), eine Analyse des Zusammenhangs zwischen Makroökonomie und Geschlechterverhältnissen, und zum Abschluss einen kurzer Überblick über drei aktuelle politische Vorschläge: Frigga Haugs “Vier-in-Eins”-Perspektive, die Commons und das Bedingungslose Grundeinkommen.

Ich finde die Herangehensweise der Autorinnen an dieses komplexe Thema sehr gelungen und auch die Systematisierung nach Kapiteln gut gewählt.

Eine kleine Differenz gibt es nur zwischen meiner und ihrer Einschätzung des “revolutionären Potenzials”, wenn man so will, der Care-Debatte. Die Autorinnen sehen eine Gefahr darin, dass durch die Tendenz, nicht mehr “Reproduktion” sondern “Care” in den Mittelpunkt zu stellen (wie ich und andere es tun), das Thema entpolitisiert werden könnte, dass die “harten ökonomischen Forderungen” quasi unter den Tisch fallen. Diese Kritik läuft allerdings eher unterschwellig mit.

Mir hingegen erscheint gerade dieser Perspektivenwechsel sehr viel radikaler als eine “bloße” Einbeziehung der Notwendigkeit von Care-Arbeit in ökonomische Modelle und Forderungen wie es eben die “Vier-in-Eins”-Perspektive, die Commons oder das Grundeinkommen versuchen.

Vielleicht bewegen wir uns hier auf verschiedenen Ebenen. Die eine wäre die Argumentation innerhalb des bestehenden Konzepts von “Ökonomie” (eine Folie, vor der die Care-Debatte manchmal tatsächlich etwas “unpolitisch” wirken kann). Demnach wäre Care ein Teilbereich der Ökonomie.

Das andere wäre aber ein gänzliches Heraustreten aus der bestehenden symbolischen Ordnung, so ähnlich wie es Luisa Muraro im Rückblick auf das “eigentliche” Anliegen des Feminismus beschreibt. Und vor dieser Folie, so meine ich, hat es eine viel grundlegendere Bedeutung, Care ins Zentrum zu stellen.

Weil dann nämlich Care nicht mehr nur eine Unterkategorie von Ökonomie ist, sondern tatsächlich das umfassendere und übergeordnete Anliegen, von dem die Ökonomie wiederum nur eine Unterkategorie ist. So ähnlich, wie wir es im Abschnitt “Care” im ABC des guten Lebens beschreiben.


Bettina Haidinger, Käthe Knittler: Feministische Ökonomie. Mandelbaum 2014, 12 Euro.

Vernetzt und verheddert

51KtCPsEeNL._SY445_Zwischendurch kurz ein kleiner Lesetipp: Diese Novelle erzählt über die Beziehungsgeflechte einer Schwarzen Britin, die in Berlin lebt, verheiratet ist, zwei Kinder hat. Im Zentrum scheint das Scheitern ihrer Ehe zu stehen, aber ich finde die anderen Beziehungen (zu Freundinnen, zur Familien, zu den Kindern) eigentlich ebenso wichtig, fast noch wichtiger. Jedenfalls interessant und schön zu lesen. Und wenn man’s durch hat, will man es direkt noch einmal lesen, nur von hinten nach vorne. Aus Gründen :)

Whatever, sie wohnt in der Bergmannstraße, und kann es ein Zufall sein, dass ich das Buch gerade las, als ich bei einer Freundin in Berlin wohnte, die auch in der Nähe der Bergmannstraße wohnte?

sharon dodua otoo: die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle…. Edition Assemblage, 12,80 Euro, 126 Seiten.

Ulrike Meinhof aus den Augen eines Kindes


Anja Röhl, die Tochter von Klaus Röhl aus dessen erster Ehe und damit Stieftochter von Ulrike Meinhof, hat ihre Kindheitserinnerungen aufgeschrieben. Mit dem Titel „Die Frau meines Vaters“ stellt das Buch Ulrike Meinhof ins Zentrum, doch eigentlich erfährt man mehr über das Lebensgefühl, die Szene, die Normalität des Alltags in den 1960er Jahren als über Meinhof.

Vor einigen Jahren hat Anja Röhl ihrem Vater Klaus Röhl pädophile Übergriffe vorgeworfen, die sie in diesem Buch auch wiederholt, aber das ist nicht das Zentrale. Deutlich wird generell, wie brutal Menschen noch vor wenigen Jahrzehnten mit Kindern umgehen konnten, wie wenig ihre Bedürfnisse zählten, wie unverschämt egoistisch Erwachsene sein konnten, und vor allem Männer.

Ulrike Meinhof hat Anja Röhl als die einzige Erwachsene in Erinnerung, die sich für ihre Bedürfnisse und Anliegen interessiert hat. Damit liefert sie einen weiteren Baustein in der inzwischen fast schon endlosen Saga darüber, was für ein Mensch Ulrike Meinhof wohl gewesen ist. In den Augen des Kindes und der Jugendlichen Anja Röhl war Meinhof jedenfalls ein Lichtblick in trüber Umgebung, für die sich politisierende Jugendliche eine Inspiration.

Die große Stärke des Buches ist, dass Anja Röhl neben der subjektiven Schilderung ihrer Erinnerungen keine weiteren Spekulationen anstellt. Sie schreibt einfach auf, woran sie sich erinnert. Leider sind nicht wenige Passagen geschwärzt, weil Bettina Röhl, eine der Töchter von Meinhof und jüngere Halbschwester von Anja, dagegen geklagt hatte.

Anja Röhl: Die Frau meines Vaters, Edition Nautilus 2013, 18 Euro.

PS: Termine für Lesungen stehen hier im Blog von Anja Röhl

Ach, Bascha Mika!

mutprobeNein, das neue Buch von Bascha Mika kann ich nicht fertig lesen. Angeblich soll es hier um das Älterwerden gehen, und die kulturellen Unterschiede, die dabei für Frauen und Männer eine Rolle spielen. Das Thema interessiert mich, wirklich, es interessiert mich sehr. Weil ich selber dieses Jahr fünfzig werde (und damit gerade mitten drin sein müsste in dem Prozess, den Mika mit “Unsichtbarwerden der Frauen” beschreibt), und weil ich mich schon länger mit dem demografischen Wandel und speziell der Rolle, die Frauen dabei spielen, beschäftige.

Aber dieses Buch ist, ich kann es nicht freundlicher ausdrücken, einfach unerträglich. Bis ungefähr zur Seite 100 (wo ich jetzt bin) geht es NUR um weiße, bürgerliche Frauen und NUR darum, dass sie sexuell keine Aufmerksamkeit mehr erregen, und zwar NUR darum, dass sie bei Männern keine sexuelle Aufmerksamkeit mehr erregen.

Ich habe ehrlich keine Ahnung, ob mir früher Bauarbeiter je hinterhergepfiffen haben (gibt es eigentlich ein abgegriffeneres Klischee?), aber wenn es jemals so gewesen sein sollte und jetzt nicht mehr so sein sollte, dann ist es mir total egal. Nein, ich habe auch keine Angst davor, dass mich mein Mann wegen einer zwanzig Jahre Jüngeren verlässt, und wenn es trotzdem so kommen sollte, müsste ich mir höchstens Gedanken über die Parameter meiner Partnerwahl machen. Denn offenbar war sie dann ein Griff ins Klo. Für einen Mann, der mit mir nichts mehr anfangen kann, weil eine Jüngere einen strafferen Busen hat, hätte ich nichts als Verachtung übrig. Tränen hinterherweinen oder von Selbstzweifeln überfallen werden würde ich jedenfalls nicht.

Mindestens so sehr wie die Frage, ob Männer mir wegen meiner atemberaubenden Sexyness hinterherschauen, interessiert mich, ob sie mir zuhören, oder ob mir Frauen hinterherschauen und mir zuhören, und noch mehr interessiert mich, wem ich selber hinterherschaue und zuhöre und warum. Von all dem war aber auf diesen ersten hundert Seiten nicht auch nur in einem Halbsatz die Rede.

Ich kenne so viele interessante und (für mich) attraktive Frauen, die älter sind als ich, und die ich mir zum Vorbild nehmen kann, dass mir vor dem Älterwerden überhaupt nicht bange ist. Naja, ich will nicht sagen, überhaupt nicht. Aber nicht wesentlich mehr als in der Natur der Sache liegt. Die symbolische Wende, die Bascha  Mika einfordert, ist nämlich bereits passiert. Jedenfalls dort, wo ich lebe. Ältere Frauen sind nicht mehr unsichtbar.

Jedenfalls nicht im wirklichen Leben, man muss einfach nur mal vor die Tür gehen und sie sich alle anschauen, diese vielen Frauen über Fünfzig, die da überall herumlaufen und wichtige Dinge tun.

Natürlich darf man dafür nicht den Fernseher anschalten. Die Medienindustrie, die aussterbende, und vielleicht auch noch der sich selbst für hip haltende Kulturbetrieb, ja, da herrscht noch der Jugendzwang für Frauen, aber was interessiert mich der? Das ist doch kein  Maßstab!

Ganz abgesehen davon, dass ja keineswegs nur ältere Frauen unter dieser sexualisierenden Bewertung von Frauenkörpern leiden, ganz im Gegenteil. Manchmal habe ich den Eindruck, dass jüngere Frauen heute vielleicht sogar noch mehr darunter leiden, dass für sie der Druck, einen “Normkörper” vorzuweisen, sehr viel größer ist als für Frauen meines Alters. Wahrscheinlich ist gerade das überhaupt keine Altersfrage sondern wäre vielmehr ein lohnendes Thema für einen feministischen Inter-Generationenaustausch. Und wenn wir dann auch noch Kategorien wie Herkunft, Hautfarbe, soziale Schicht, sexuelle Orientierung dazunehmen, das könnte spannend werden!

Vielleicht hätte ich das Buch halbwegs erträglich gefunden, wenn Mika nicht ständig pauschalisierend über “die Frauen” sprechen würde, wenn sie nicht ständig von sich (und dem speziellen Frauensegment, das sie offenbar vor Augen hat) auf uns alle schließen würde. Wenn nicht wir, die Feministinnen und überhaupt all jene, die seit dreißig, vierzig Jahren bereits an einer neuen symbolischen Ordnung arbeiten, von ihr so penetrant ÜBERSEHEN werden würden. (So ging es mir nämlich bei dem Buch von Eva Illouz, die ebenfalls nur das weiß-mittelständische Milieu analysiert, aber das zumindest reflektiert).

Im übrigen kenne ich auch sehr viele interessierte und aufgeschlossene Männer, ältere, gleichaltrige und jüngere, die mir (und anderen älteren Frauen) Aufmerksamkeit entgegenbringen, die mir zuhören, wenn ich etwas sage. Sicher, ich will nicht ausschließen, dass die Mehrzahl von ihnen nicht sofort mit mir ins Bett springen will, aber hallo: Was für eine Welt ist das denn, wo es darauf ankommt?

Ich will nicht bestreiten, dass es noch Segmente auf dieser Welt gibt, in denen die Mechanismen, die Bascha Mika beschreibt, gültig sind. Aber es ist nicht meine Welt, es ist keine Welt, auf deren Anerkennung ich Wert lege. Es ist mir völlig egal, wie sexuell oder sonstwie attraktiv mich irgendwelche Männer finden, von denen ich schon lange nicht mehr erwarte, dass sie die Welt retten, seien sie nun Bauarbeiter, Medienschaffende oder am Ende noch KFMs.

Es ist mir egal, weil ich es kann. Weil es genügend andere Orte gibt, an denen ich mich stattdessen aufhalten kann. Mit Leuten – Frauen und Männern jeglichen Alters – deren Urteil mir wirklich wichtig ist. Ich will natürlich nicht bestreiten, dass in punkto weibliches Altern auch dort, jenseits der medial abgefeierten Schicki-und-Schischi-Kultur, noch vieles im Argen liegt. Aber die Probleme, über die Bascha Mika schreibt, die sind aus einem anderen Jahrhundert. Jedenfalls in meinem Universum.

Okay, dieses Urteil betrifft jetzt nur die ersten hundert Seiten. Vielleicht wird es ja späterhin noch spannend. Sollte das der Fall sein, bin ich für Hinweise in den Kommentaren dankbar. Ich lass das Buch noch eine Weile bei mir herumstehen, nur für den Fall. Aber zu Ende lesen werde ich es nicht.

Schließlich bin ich fast fünfzig, da muss ich mir gut überlegen, womit ich meine restliche Lebenszeit verbringen will.

Bascha Mika: Mutprobe. Frauen und das höllische Spiel mit dem Älterwerden. C. Bertelsmann, 17.99 Euro.

Binge-Reading Punk Pygmalion

Punk-Pygmalion_Jutta-PiveckaErst kürzlich habe ich gelernt, dass es ein Fachwort dafür gibt, wie wir bei uns zuhause schon seit Twin Peaks Fernsehserien schauen – nämlich alle Folgen hintereinander am Stück: Binge Watching. In den letzten vier Tagen ist mir aufgefallen, dass der klassische Roman letzten Endes sowas ist, wie Binge Reading: Man liest die ganze Geschichte an einem Stück weg, jedenfalls wenn der Roman gut und spannend geschrieben ist.

Auf diese Weise habe ich in diesen vergangenen vier Tagen Jutta Piveckas Roman “Punk Pygmalion” gelesen. Es ist die Geschichte – hm, wie erzähle ich das, ohne zu spoilern? Vielleicht mit dem ersten Satz: “Wenn Frauen in einer Kneipe zusammen sitzen, wird selten über Männer geredet. Es kommt aber vor.”

Es geht also um zwei Freundinnen, die zusammen in einer Kleinstadt aufgewachsen sind, dann losen Kontakt hielten, sich mit Mitte vierzig wiedertreffen, und dann verschwindet eine. Mit dabei sind auch ein Punker, den sie als junge Frauen kannten (und liebten?) und dessen Sohn, der jetzt so ähnlich aber ganz anders ist als sein Vater damals.

Ebenfalls eine aktive Rolle in dem Roman spielt der Blog der Erzählerin, über den die beteiligten Personen miteinander kommunizieren, und der Teile ihrer Erlebnisse öffentlich verhandelbar macht. Tolle Sache.

Der Blog ist keine Erfindung, sondern es handelt sich um Jutta Piveckas Blog Gleisbauarbeiten, und in der Tat hätte ich nicht auf das Buch warten müssen, sondern die Geschichte war eben tatsächlich schon hier veröffentlicht worden. Aber obwohl ich die Gleisbauarbeiten schon lange in meinem Feedreader habe, las ich um die Blogposts des Labels “Punk Pygmalion” immer drumherum. Die einzelnen Romanhäppchen haben mich irgendwie nicht angesprochen.

Aber jetzt, so am Stück! Fand ich das spannend wie einen Krimi (es geht auch in der Tat darum, dass versucht wird, Sachen herauszufinden). Zum Leben erweckt wird die punkige Atmosphäre der 1980er Jahre, rückblickend aus der Abgeklärtheit der 2010er Jahre. Es geht um Wahrheit und Lüge, um Liebe und Einbildung, um Projektion und Authentizität.

Interessant aber fand ich, wie gesagt, nicht nur die Geschichte, sondern auch meinen unterschiedlichen Zugang dazu, je nachdem, ob ich sie am Stück durchschmökern konnte oder in einzelnen Folgen im Blog serviert bekam. Dazu war ich zu ungeduldig, ebenso wie ich es nicht fertigbringe, eine Fernsehserie mit einer Folge pro Woche zu schauen.

Dabei bin ich aber eigentlich der Meinung, dass Blogs sowas wie eine neue Form von Romanen sind, jedenfalls die subjektiv und persönlich erzählten Tagebuchblogs. Ich lese davon einige regelmäßig (zum Beispiel den der Kaltmamsell), und da finde ich das kleine Häppchenweise gerade gut. Die “Romane”, die Blogger_nnen in ihren eigenen Blogs schreiben, sind nämlich die Erzählungen ihres eigenen Leben, es sind keine erfundenen Geschichten. Natürlich erzählen sie nur einen Ausschnitt aus ihrem Leben und möglicherweise erfinden sie auch so manches dazu. Das ist nicht der Punkt.

Der Punkt ist, dass die Geschichte hier erst noch stattfindet. Ich kann nicht den Anspruch haben, Tagebuch-Blogs sozusagen binge-mäßig am Stück durchzulesen, denn es ist ja noch nicht raus, wie diese Geschichten ausgehen. Sie haben noch nicht stattgefunden, die Zukunft ist offen.

Bei fiktiven Geschichten ist das anders. Da liegt das “Ende”, wenn man so will, nicht unbekannt in der Zukunft, sondern höchstens noch unausgedacht in den Köpfen der Erzähler_innen, wenn nicht sogar bloß unpubliziert auf ihrer Festplatte. Dafür fehlt mir die Geduld.

Jutta Pivecka: Punk Pygmalion. Roman in Briefen. Edition Taberna Kritika, 18 Euro.