Care-Revolution is coming…

Vielleicht ist euch schon aufgefallen, dass neuerdings dieses pinke Banner der Care-Revolution auf meinem Blog steht. Der Grund ist, dass wir als Autorinnenkollektiv des ABC des guten Lebens auch Mitglied in diesem Netzwerk sind. Denn darauf läuft vieles, worum es uns und auch hier im Blog immer wieder geht, hinaus: Dass das gute Leben mit den Beziehungen anfängt, dass gutes Leben erfordert, dass für alles Notwendige gesorgt ist, auch für körperliche Bedürfnisse derer, die sich nicht selbst versorgen können zum Beispiel.

Da aber unsere Ökonomie die unbezahlte Haus- und Fürsorgearbeit (Care) lange ausgeblendet hat und teilweise bis heute, was natürlich eng mit Geschlechterrollen zusammenhängt (Frauen arbeiten für Liebe, Männer für Geld), ist für das gute Leben aller oft nicht gesorgt, weil “die Wirtschaft” andere Prioritäten setzt.

Das Thema ist im Feminismus natürlich nicht neu, aber neu ist, dass sich jetzt ein wirklich breites Netzwerk gegründet hat, das Care explizit als die zentrale Kategorie denkt. Hier arbeiten also sowohl welche mit, die von der “unbezahlten” Seite herkommen, also auch Menschen, die Carearbeit als Beruf haben. Und das Thema wird sowohl pragmatisch und konkret, als auch grundlegend, also kapitalismuskritisch gefasst – daher Revolution. Angestoßen hat das Ganze maßgeblich Gabriele Winker vom Feministischen Institut Hamburg, zusammen mit vielen anderen engagierten Menschen, Frauen und Männern.

Wie brisant das Thema ist, hat sich im März gezeigt, als zu einem Care-Kongress nach Berlin 500 Leute kamen, viel mehr als von den Initiatorinnen erwartet. Von uns ABC-Autorinnen war Ina Praetorius da und hat hier einen Bericht darüber geschrieben.

Um die Zusammenarbeit zu systematisieren, gab es im Mai ein Vernetzungstreffen in Hannover, bei dem ich war, und aus dem ein Koordinierungskreis hervorgegangen ist, in dem ich mitarbeite. Dort haben wir nun für den 1. November in Frankfurt einen weiteren Aktionstag geplant, zu dem wieder alle eingeladen sind, die sich hier anschließen und für das Thema engagieren möchten (ich selbst kann leider nicht kommen…)

Ich kann euch das alles nur ans Herz legen, macht diese Bewegung bekannt, kommt nach Frankfurt, schließt euch an. Oder engagiert euch regional. Das war nämlich ein Thema unserer Diskussionen im Koordinierungskreis: Dass bundesweite Treffen und Kongresse wichtig sind, dass aber das Thema Care konkret eigentlich regional verankert sein muss. In einigen Städten gab es schon Versuche, unterschiedliche Akteurinnen und Akteure dazu an einen Tisch zu holen, Beziehungen aufzubauen, gemeinsame Aktionen zu planen.

Eine gute Gelegenheit wäre zum Beispiel der 1. Mai 2015, den einige zum “Tag der unbezahlten Arbeit” deklarieren. Auch dazu werden sicher am 1. November in Frankfurt Ideen ausgetauscht und Pläne geschmiedet. Hier die Infos zum 1. November.

Zum Weiterlesen jetzt noch zwei Links:

Hier hat die Frankfurter Rundschau etwas über die Care-Revolution geschrieben

Und hier Alex vom AK Reproduktion in Berlin, die auch im Ko-Kreis mitarbeitet

Familienpolitik? Braucht kein Mensch!

Neulich schrieb meine Denkfreundin Ina Praetorius irgendwo in diesem Internet (ich finde nicht mehr, wo), dass wir Familienpolitik abschaffen sollten zugunsten einer Politik des guten Lebens für alle.

Den Gedanken will ich hier mal festhalten, denn wenn wir das ernst nehmen, können wir uns all den Streit über die Definition von Familienformen und wer nun eine Familie ist und wer nicht, sparen. Es geht bei den Debatten über Vereinbarkeitsprobleme, Karrierefrauen, Latte Macchiato-Mütter, Krippenplätze etcetera pp. nämlich nicht um Familien. Sondern es geht um das gute Leben. Und um Wirtschaft.

Ich möchte bei der Gelegenheit noch auf einen anderen Aspekt hinweisen, an dem die Debatten häufig schief laufen, und zwar auf den Punkt, an dem über die ungleiche Verteilung von zum Beispiel Hausarbeit, Geldeinkommen, Führungspositionen und so weiter zwischen Frauen und Männern geredet wird. Ich selbst weise auf diesen Gender-Gap auch häufig hin, weil er wichtig für die Analyse ist. Man darf aber nicht die falschen Schlüsse daraus ziehen.

Das patriarchats-nostalgische (Triggerwarnung) Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie hat kürzlich die Mikrozensusse von 1996 und 2012 verglichen und zusammengetragen, was sich bei der Verteilung von Haus- und Erwerbsarbeit (nicht) verändert hat. Demnach teilen sich heute nur 14 Prozent aller Paare mit Kindern unter 18 die Erwerbsarbeit gleichmäßig auf, das sind sogar weniger als vor 16 Jahren. Das vorherrschende Modell ist der Vollzeit erwerbsarbeitende Mann in Kombination mit Teilzeit erwerbsarbeitender Frau (Anstieg von 30 auf 40 Prozent), und auch das Alleinernährermodell gibt es noch, gut ein Viertel der verheirateten Eltern wählen es.

Wenn es an die Interpretation dieser Befunde geht, dann stehen sich normalerweise zwei Fraktionen gegenüber:

Auf der einen Seite die, die diese Ungleichverteilung bekämpfen möchten, indem sie Programme auflegen, die dazu führen sollen, dass Frauen mehr Erwerbsarbeit machen und Männer mehr Hausarbeit, am besten mit dem Idealziel von fein säuberlich fifty-fifty in allen Bereichen. Also das Modell Vollzeit für alle plus Krippenplätze, da muss man sich halt mal ein bisschen anstrengen, so als Eltern, und die Kinder nicht so betüddeln. Die Vernünftigeren dieser Fraktion denken über eine reduzierte Vollzeit nach, damit der Stress nicht allzu groß wird.

Auf der anderen Seite stehen die, die sagen: Die traditionelle Familie war doch die beste. Sicher, es ist schön, wenn sich die Frauen heute in Teilzeit ein bisschen selbst verwirklichen, dann jammern sie nicht so rum und man muss als Mann nach der Scheidung auch nicht so viel Unterhalt bezahlen. Aber die Mutter (oder, in gleichberechtigtem Jargon: irgendjemand Festes) gehört halt doch zum Kind. Und wollen es die Frauen nicht schließlich selber so? Die Vernünftigeren dieser Fraktion bringen an dieser Stelle noch das Grundeinkommen ins Spiel, damit die nicht berufstätigen Hausfrauen auch ein bisschen Geld für sich haben. Hauptsache, sie lassen ihre Kinder nicht “fremdbetreuen”.

Beide Fraktionen sehen die Sache meiner Ansicht nach falsch.

Aus den Zahlen, also der Tatsache, dass sich trotz aller sonstigen Veränderungen im Verhältnis der Geschlechter in den vergangenen zwanzig Jahren kein Trend zur vollen Erwerbsarbeit bei den Frauen ausmachen lässt und kein Trend zur vollen Fürsorgearbeit bei den Männern, lässt sich weder ablesen, dass noch nicht genug “Anreize” für eine solche Veränderung geschaffen worden wären, noch dass “die Leute es eben so wollen und man sie nicht umerziehen kann”.

Es gibt nämlich noch eine dritte Möglichkeit, und zwar die, dass die Leute sich einfach bloß rational und vernünftig entscheiden – für die am wenigsten schlechte Möglichkeit angesichts der Verhältnisse.

Und diese Verhältnisse sind so, dass sie vernünftige und rationale Menschen in ein Dilemma bringen, sobald Fürsorgearbeit zu leisten ist. Ein Fall, der häufig – aber keineswegs nur – eintritt, wenn ein Kind zur Welt kommt. Er wird in Zukunft sich immer häufiger auch im Fall von Pflegebedürftigkeit älterer Menschen stellen – das Phänomen ist nur deshalb noch nicht so deutlich auf der Agenda, weil die Generation der älteren Frauen, die normalerweise Pflegearbeit machen, noch nicht im gleichen Maße berufstätig waren wie die jüngeren.

Sobald sich also die Notwendigkeit von Fürsorgearbeit stellt, stehen Menschen vor der Frage: Soll ich meine Berufstätigkeit einschränken oder ruhen lassen und damit weniger Geld, weniger Aufstiegsperspektiven, weniger Einfluss in der Welt in Kauf nehmen? Mit dem Vorteil, dass ich dann aber Zeit und Ruhe für die Fürsorgearbeit habe? Oder soll ich versuchen, beides zu “vereinbaren” soweit es geht, auch wenn das Riesenstress bedeutet?

Der Skandal an dieser Stelle ist nicht, dass es häufig die Frauen sind, die sich hier angesichts der Notwendigkeiten für Teilzeit oder Berufsunterbrechung entscheiden. Der Skandal ist, dass sich diese Wahl überhaupt stellt.

Und der Grund dafür ist eben dieses Bild von “Familie”, das wir im Kopf haben und das unterstellt, dass Fürsorgearbeit etwas Privates sei. Bei dem die Gesellschaft vielleicht an der einen oder anderen Stelle ein paar Kekse verteilt, die ein oder andere Steuererleichterung oder auch mal einen Krippenplatz oder ein Stündchen Pflegedienst.

Die heteronormative Ehe war, wie ich an anderer Stelle schonmal schrieb, das traditionelle Modell, mit dem die Lasten der Fürsorgearbeit immerhin von einer Schulter auf zwei verteilt wurden – indem nämlich jeder schwangeren Frau zwangsweise ein Mann zur Seite gestellt (oder besser: vor die Nase gesetzt) wurde. Das patriarchale Ehemodell ist heute zwar halbwegs egalisiert worden, und sogar homosexuelle Paare werden so ansatzweise vorstellbar.

Aber an dem grundlegenden Problem, dass Fürsorgearbeit Privatsache ist, ändert das nichts. Deshalb wäre es wirklich an der Zeit, über diese Familienperspektive hinauszudenken. Fürsorgearbeit ist keine Privatsache. Sie ist natürlich auch nicht Sache staatlicher Regulierung oder marktwirtschaftlicher Gewinnchancen. Let’s think outside the boxes.

Wovon hängt ihre Qualität ab? Nicht davon, ob sie innerhalb der Familie oder außerhalb gemacht wird. Es kann für Kinder gut sein, fast ihre ganze Zeit mit den Eltern zu verbringen, es kann aber auch schlecht sein. Es kann für Kinder gut sein, fast ihre ganze Zeit im Kindergarten zu verbringen, es kann aber auch schlecht sein. Kommt auf das Kind, die Eltern und den Kindergarten an.

Dasselbe gilt ja auch für alle anderen Bereiche der Hausarbeit. Was ist ein guter Kuchen? Das hängt nicht davon ab, ob ein Bäcker ihn gemacht hat oder meine Oma, ob dafür Geld bezahlt wurde oder nicht. Was ist gute Pflege? Zuhause oder im Heim? Professionell oder nicht? Alles falsche Gegenüberstellungen. Die Qualitätskriterien für Pflege sind ganz anderswo zu suchen.

Die aktuellen Debatten über die Care-Revolution (ich bin übrigens am 23. Mai in Hannover, wer noch?) haben genau an diesem Punkt ihre Stärke: Sie brechen endlich die Gegenüberstellung von Familie/Einrichtung, privat/professionell, bezahlt/ehrenamtlich in diesem Zusammenhang auf. Es ist nicht wichtig, ob Care-Arbeit in der Familie oder außerhalb der Familie getan wird, sondern es ist wichtig, dass sie gut getan wird, und zwar gut sowohl aus Perspektive derjenigen, die sie tun, als auch aus der Perspektive derjenigen für die sie getan wird.

Und die Politik soll nicht mehr länger darüber nachdenken, was für eine Familienpolitik sie machen soll, am besten hört sie ganz damit auf. Sie soll darüber nachdenken, welche Rahmenbedingungen nötig sind, damit Care-Arbeit endlich den Platz in der Volkswirtschaft bekommt, der ihr von ihrer Bedeutung her zusteht.

PS: Wo ich schon mal dabei bin: Warum eigentlich muss die Kosten für eine Schwangerschaft der Arbeitgeber bezahlen, bei dem die Frau, die schwanger ist, gerade zufällig arbeitet? Es ist doch vollkommen albern, anzunehmen, dass das NICHT zu einer Diskriminierung von jungen Frauen bei der Arbeitssuche führen könnte.

 

Grundeinkommen und Sorgearbeit, Update.

Wer nach meinem neulichen Rant zum Thema „untaugliche Argumente für ein Grundeinkommen“ noch bezweifelt hat, dass Teile der Grundeinkommensbewegung tatsächlich meinen, die Sorgearbeit würde dann ja umso besser in Zukunft von den Frauen gemacht werden können, und die dürften sich dann sogar darüber freuen, weil sie ja das Grundeinkommen hätten, braucht nur mal diese Sendung des Bayrischen Rundfunks anschauen. Darin wird Götz Werner mit der Ansicht zitiert, das Grundeinkommen sei eine Bezahlung für Frauen, die Sorgearbeit leisten (letzter Satz vor dem letzten Zitat).

Danke, dass ich das  nun schriftlich habe – bisher hatte ich das ja von ihm nur mündlich gehört und es war immer mal wieder bezweifelt worden, dass er das tatsächlich so sieht. Um es nochmal klar zu machen: Der Punkt ist hier nicht bloß die stereotype Geschlechtsrollenverteilung. Auch wenn die Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern gleich verteilt wäre (was sie natürlich nicht ist), wäre das Argument grundfalsch. Denn es gäbe immer noch die Ungleichverteilung zwischen denen, die Sorgearbeit leisten, und denen, die es nicht tun. Wenn das Grundeinkommen leistungsunabhängig sein soll, kann es nicht die ökonomische Organisation von Sorgearbeit ersetzen.

In der deutschen Grundeinkommensbewegung, die Götz Werner wegen seines Unternehmertums und seinen pro-kapitalitischen Argumenten größtenteils sehr skeptisch gegenüber steht, gehörte ich bisher immer zu denen, die für eine Zusammenarbeit mit ihm und seinen Anhänger_innen plädiert hat. Weil das Grundeinkommen meiner Ansicht nach nur als breit angelegtes gesellschaftliches Konzept eine Chance hat, und weil ich es in der Tat großartig finde, wie sehr Götz Werner dazu beigetragen hat, das Thema in die Debatte zu bringen. Das finde ich auch weiterhin.

Ich kann damit leben, dass Götz Werner gleichzeitig eine ziemlich altväterlich-patriarchale Weltsicht hat. Vermutlich glaubt er tatsächlich, dass Sorgearbeit etwas ist, das von Frauen irgendwie von Natur aus gratis zur Verfügung gestellt wird, vermutlich hat er es es in seinem persönlichen Umfeld immer so erlebt. Meinetwegen. Das Problem ist nicht Götz Werner, sondern seine Entourage, diejenigen, die hinter und um ihn herum stehen und sich gegen jede Kritik von außen immunisieren. Die das Grundeinkommen zu einem propagandistischen Projekt verkommen lassen, bunte Werbefilmchen drehen und Flyer drucken und alle Kritik und alle Einwände an sich runterglitschen lassen. Und hier bin ich mir nicht mehr so sicher, ob gemeinsames Ziehen an einem Strang für mich in Zukunft noch möglich ist.

Zum Beispiel hat es das Schweizer Initiativkomitee (in dem der Götz Wernerismus prominent vertreten ist) jetzt explizit abgelehnt, sich hinter eine Erklärung zu stellen, die das Zusammengehören der Themen Grundeinkommen und Sorgearbeit betont, und in der es unter anderem heißt:

Uns liegt daran, die ungelöste Frage der heute unter- oder unbezahlten, unverzichtbaren Sorgearbeit in den Debatten um das Grundeinkommen stets zum Thema zu machen. Richtig verstanden würde das Grundeinkommen eine neue Ausgangsbasis darstellen, von der aus neue, gerechte Gesellschafts- und Geschlechterverträge ausgehandelt werden können. Wird der Aspekt der fast ausschliesslich von Frauen geleisteten Sorgearbeit jedoch ausgeblendet, kann aus dem Grundeinkommen schnell ein unsoziales, neoliberales Projekt werden, das HausarbeiterInnen, Pflegekräfte und andere im Care-Sektor Beschäftigte mit einem Grundeinkommen „abspeist“. Das Grundeinkommen darf nicht als „Hausfrauenlohn“ missverstanden werden. Es wird für alle bedingungslos ausbezahlt und ermöglicht es allen, von einer gesicherten Existenzbasis ausgehend über alle Formen von Arbeit und deren Verteilung neu zu verhandeln. Zukunftsfähig ist das Projekt des bedingungslosen Grundeinkommens nur auf der Basis einer Definition von „Arbeit“ und „Wirtschaft“, die alle gesellschaftlichen Leistungen zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse umfasst.

Ina Praetorius, die selbst Mitglied im Initiativkomitee ist, hatte die Erklärung geschrieben als Erwiderung auf eine Kontroverse über die einseitige Darstellung der Grundeinkommensdebatte im Schweizer Fernsehen (Hintergründe schildert sie hier). Die komplette Erklärung haben wir jetzt auf den Seiten unseres „ABC des guten Lebens“ eingestellt, zum Nachlesen, Weiterverbreiten, Kommentieren.

Bisher habe ich immer gedacht, das Problem sei Desinteresse oder Ignoranz. Ich dachte, es gebe eben in der Grundeinkommensbewegung viele Menschen, die sich für das Thema Sorgearbeit nicht interessieren oder sich bisher nicht mit feministischer Ökonomie beschäftigt haben, oder die anderes halt für wichtiger halten. Das wäre für mich kein Problem, und da würde ich meine Rolle eben darin sehen, diesen Aspekt, den ich wichtig finde, zu vertreten und in die Debatte einzubringen.

Aber jetzt bin ich nicht mehr so sicher, ob es darum noch geht. Eigentlich erlebe ich gemischte linke Gruppen oft so, dass sie feministischen Interventionen gegenüber durchaus aufgeschlossen sind, solange es ihnen keine Arbeit macht. Und mich macht stutzig, dass das hier so gar nicht der Fall ist.

Warum hat man in der Schweiz nicht die Gelegenheit genutzt, sich – wenn man so eine Erklärung schon auf dem Silbertablett serviert bekommt und nur noch unterschreiben muss – zumindest einen aufgeschlossenen Anstrich zu geben? Damit hätte man doch Kritikerinnen wie mir (und ich bin ja bei Weitem nicht die Einzige) elegant den Wind aus den Segeln nehmen können. Warum hat das Initiativkomitee nicht die Rüge gegen den Fernsehsender strategisch genutzt, um eine weitere Sendung, diesmal mit anderem Fokus zu fordern? Wäre das nicht ein kluger Schachzug gewesen – ganz unabhängig davon, ob man das mit der Sorgearbeit persönlich für unwichtig hält oder nicht?

Nein, offenbar halten diese Befürworter des Grundeinkommens das Thema Sorgearbeit nicht einfach nur für unwichtig, sondern wollen aktiv verhindern, dass die beiden Themen miteinander verknüpft werden. Sie wollen es so sehr verhindern, dass sie sogar auf die Chance verzichten, das Thema Grundeinkommen noch einmal prominent ins Fernsehen zu bringen oder mit einer solchen Erklärung noch einmal die öffentliche Debatte anzuregen.

Ehrlich gesagt ist die einzige Erklärung, die mir dafür einfällt, die, dass ihnen das Thema eben nicht egal ist oder unwichtig erscheint, sondern dass sie tatsächlich eine sehr konträre Position zu meiner haben, sich aber bloß nicht trauen, das öffentlich auszusprechen (außer, Götz Werner verplappert sich mal wieder). Ich glaube inzwischen, dass sie tatsächlich das Grundeinkommen auch als ein Projekt verstehen, in dem sich das ungelöste Problem der Sorgearbeit wundersamerweise in Luft auflöst, weil sich dann schon Leute finden werden, die das für ein Grundeinkommen machen werden.

Und das ist der Punkt, an dem ich definitiv draußen bin. Wenn dieses Denken in der Grundeinkommensbewegung vorherrschend wird, werde ich sie nicht mehr unterstützen, sondern dann werde ich sie aktiv bekämpfen. Denn so ein Grundeinkommen halte ich für gefährlich, für unverantwortlich, für grundfalsch.

Zum Glück sieht es in Deutschland ein bisschen anders aus. Hier ist die Grundeinkommensbewegung vielfältiger – hoffe ich jedenfalls. Vor dem Hintergrund meines neulichen Rants zum Beispiel twitterte Wolfgang Strengmann-Kuhn seine Slides zum Thema – er setzt sich bei den Grünen für ein BGE ein und hat das Thema Sorgearbeit zumindest auf dem Radar, auch wenn es mir noch etwas zu optimistisch klingt. Aber immerhin kehrt er das Ganze nicht unter den Tisch.

Ich selbst werde auch immer wieder explizit angefragt, diese Thematik in die Bewegung einzubringen. Zum Beispiel wird im September ein von Werner Rätz und Ronald Blaschke herausgegebener Sammelband erscheinen (im Rotpunkt-Verlag), der auch einen Aufsatz von mir zum Thema Notwendigkeit enthalten wird. Auch wenn ich im Moment etwas grummelig bin, weil der Text schon fertig ist, es jetzt aber noch so lange dauert, bis das Buch da ist, bin ich für das Buchprojekt ziemlich dankbar, denn ohne diese Einladung hätte ich mich wahrscheinlich noch lange nicht hingesetzt und das mal sortiert aufgeschrieben.

Ich argumentiere darin, dass die Aufmerksamkeit für das, was notwendig ist, und die Bereitschaft, das Notwendige dann auch konkret zu tun, eine kulturelle Fähigkeit ist, die nicht einfach gegeben ist, sondern gefördert und gepflegt werden muss. Das ist meiner Ansicht nach der „missing link“ in der derzeitigen Debatte. Götz Werner sagt in der oben verlinkten BR-Sendung:

Freiheit hat etwas damit zu tun, dass man plötzlich in der Lage ist, nein zu sagen. Der andere kann mich nicht abhängig machen. Das ist eine ganz neue Idee.

Ja, aber das ist eben nur die eine Seite der Medaille. Wenn wir diese Art von Freiheit, die Freiheit, Nein zu sagen, durch ein Grundeinkommen ermöglichen wollen, geht das nur, wenn wir gleichzeitig in unsere Köpfe reinkriegen, dass Freiheit ebenso bedeutet, Ja zu sagen, wenn irgendwo etwas notwendigerweise getan werden muss. Und dass diese Fähigkeit, das Notwendige zu sehen und dann auch im eigenen Handeln Verantwortung dafür zu übernehmen, derzeit nicht bei allen Menschen gleichermaßen vorhanden ist und vorausgesetzt werden kann.

Alltäglicher Wahnsinn: Das Leben einer berufstätigen Mutter

Eines der größten Mysterien unserer Zeit ist für mich die Tatsache, dass immer noch so viele Kinder geboren werden.

Seit ich mich vor ein paar Jahren intensiver mit dem demografischen Wandel beschäftigt habe, ist mir klar geworden, dass die Kinderzahlen pro Frau keineswegs ständig sinken, wie als Annahme immer so im Zeitgeist herumwabert. Im Prinzip ist die „Fertilitätsrate“ schon seit hundert Jahren mehr oder weniger gleich geblieben – der große deutsche Geburtenknick fand zwischen 1910 und 1920 statt, als die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau von fünf auf unter zwei sank. Alle späteren Schwankungen waren im Vergleich dazu Pillepalle.

Viele werden also nach wie vor Mütter, obwohl sich die Lebensbedingungen von Frauen und damit auch die Umstände, unter denen sie Kinder zur Welt bringen, fundamental verändert haben. Frauen können heute wählen und sich überhaupt politisch engagieren (die Gründung politischer Vereinigungen war ihnen bis 1909 per Gesetz verboten), sie können eigenes Geld verdienen (bis in die 1970er brauchten sie dafür die Erlaubnis ihres Ehemannes), sie müssen nicht mehr heiraten, um einen „ehrbaren“ Platz in der Gesellschaft zu haben. Es stehen ihnen Verhütungsmittel zur Verfügung, und Abtreibungen sind nicht mehr hochriskante Angelegenheiten in illegalen Hinterzimmern. Frauen sind gut ausgebildet, und kaum noch jemand wirft ihnen ernsthaft vor, wenn sie kinderlos bleiben, hätten sie ihre Weiblichkeit verfehlt.

Während sich also die Bedingungen für ein Frauenleben ohne Ehemann und Kinder im letzten Jahrhundert ganz enorm verbessert haben, ist das Frauenleben mit Kindern nach wie vor schwierig und kompliziert. Die gesellschaftlichen Strukturen sehen das nämlich nicht vor; der „Modellmensch“, um den herum sich unsere Arbeitswelt, die Sozialversicherungen und so weiter drehen, ist der von Fürsorgepflichten befreite, nur für sich selbst zuständige Erwachsene. Trotz mancher Veränderungen im Detail liegt die Verantwortung für das Versorgen von Kindern nach wie vor bei der Mutter und gegebenenfalls (also wenn er „mitmacht“) beim Vater. Kinder sind „Privatvergnügen“.

Für mich persönlich war das der Grund, warum ich keine Kinder bekommen habe. Ich hatte keine Lust, meine männlichen Lebenspartner danach auszusuchen, ob ich mit ihnen eine „Familie“ gründen konnte; die Männer, in die ich mich verliebte, hatten immer andere Qualitäten, aber nicht diese. Und in der Regel hatten sie auch keine diesbezüglichen Ambitionen.

Das allein hätte mich zwar nicht davon abgehalten, Mutter zu werden, wenn ich es unbedingt gewollt hätte – aber angesichts der damit verbundenen Schwierigkeiten, Unannehmlichkeiten, finanziellen Unwägbarkeiten wollte ich nicht. „Ich schaff mir keine kleinen Kinder an“, sang ich mit Nina Hagen, und fühlte mich genau deshalb „unbeschreiblich weiblich“. Wenn du, Gesellschaft, Kinder haben willst, dann schaffe vernünftige Rahmenbedingungen dafür, und wenn du das nicht auf die Reihe kriegst, dann ist das nicht meine Schuld – so war immer meine Einstellung. Es war mir also wichtig, zu betonen, dass ich mich keineswegs aktiv gegen Kinder entschieden habe. Ich sah nur angesichts der Umstände keine Veranlassung dazu, welche zu bekommen.

Natürlich war die Lage in den 1990er Jahren – also dem Zeitraum, als das Thema für mich altersmäßig relevant war – noch um einiges schlechter als heute. Kitaplätze waren noch seltener, es gab kein Elterngeld, der Anspruch, dass auch die Väter sich eventuell an der mit Kindern verbundenen Arbeit nicht nur „beteiligen“, sondern sich auch vollumfänglich dafür verantwortlich fühlen, war noch sehr exotisch, und die Versuche, wenigstens halbwegs sowas wie eine „Vereinbarkeit“ von Kindern und Berufsleben zu bewerkstelligen, noch ganz rudimentär.

Mit großem Interesse habe ich deshalb Barbara Streidls neues Buch gelesen: Wie ist es denn heute, zehn, zwanzig Jahre später? Hat sich was verbessert? Würde ich mich heute vielleicht anders entscheiden?

Eher nein. „Kann ich gleich zurückrufen?“ ist der Titel, unter dem Streidl den „alltäglichen Wahnsinn einer berufstätigen Mutter“ beschreibt. Sie schildert darin eine typische Woche aus dem Leben einer Frau mit dreijährigem Sohn und 30-Stunden-Arbeitswoche. Und es ist tatsächlich der reine Wahnsinn. Und das, obwohl die Umstände ihrer Protagonistin vergleichsweise gut sind: Sie hat einen verantwortungsvollen Ehemann, der sich des Problems bewusst ist und mitmacht, wo er kann, sie hat keine Geldsorgen und auch sonst keine größeren anderweitigen Probleme. Und trotzdem ist das Leben eine reine Hetze.

Mit genauem Blick schildert Barbara Streidl die vielen kleinen Fallstricke der Unvereinbarkeit von „Beruf und Familie“. Allein deshalb lohnt die Lektüre. Dabei setzt sie die geschilderten Erlebnisse zugleich in Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten und zeichnet so ein ziemlich genaues Bild von dem Dilemma.

Was mich am meisten deprimiert hat, ist das ständig präsente Schuldgefühl der Protagonistin: Schuldgefühle gegenüber den Kollegen, die wegen ihr flexibler sein müssen, gegenüber der Putzfrau, von deren eigenem Leben sie nichts weiß, gegenüber der alten Mutter, die sie für Not-Kinderbetreuungs-Einsätze einspannt, gegenüber dem Ehemann, mit dem sie zu wenig gemeinsame Zeit als Paar verbringt, gegenüber dem Kind, das sie ständig hetzen muss und so weiter. Und dann auch noch Schuldgefühle wegen mangelnder Zivilcourage: Weil die Protagonistin als reflektierte Feministin die Situation durchschaut, aber nicht überall, wo es notwendig wäre, den Elan hat, etwas zu sagen und einzugreifen.

Es ist ziemlich offensichtlich, dass es die berufstätigen Mütter sind, die in ihrer Person mit einem eigentlich unmöglichen Spagat zusammenhalten, was zusammengehört, aber von den realen gesellschaftlichen Umständen ständig auseinandergerissen wird.

Die große Stärke des Buches ist, dass Streidl dieses Dilemma sowohl auf der kleinteiligen Ebene möglicher Veränderungen angeht – indem sie zum Beispiel viele kleine Missstände beschreibt, die sich mit etwas gutem Willen durchaus verändern ließen – aber gleichzeitig deutlich werden lässt, dass hier ein tieferer Konflikt liegt, der nicht mit ein paar konkreten politischen Maßnahmen hier und da behoben werden kann.

Und was nun tun? Das Beste aus der Situation machen. Mir persönlich ist nach der Lektüre dieses Buches noch immer und erst recht unverständlich, warum so viele Frauen überhaupt Kinder bekommen. Aber vielleicht steckt genau in dieser weiblichen Irrationalität der Impuls, den wir brauchen, um gesellschaftliche Veränderungen zum Besseren anzustoßen. Denn das geht wohl tatsächlich nur „gegen jede Logik“ und „gegen jede Wahrscheinlichkeit“.

Dreierlei scheint mir dafür in der heutigen Situation wichtig:

Erstens: Wege zu finden, wie Mütter ihre Schuldgefühle loswerden können, oder besser, aus diesen Schuldgefühlen einen politischen Konflikt zu machen. Die Logik unserer gesellschaftlichen Strukturen bringt konkretes Leid hervor, aber da eine gesellschaftliche Struktur sich nicht schuldig fühlen kann, nehmen diejenigen die Schuld auf sich, die die Resultate vor konkreten anderen Menschen verantworten müssen. Also zum Beispiel die Mutter, die ihr Kind jeden Tag hetzt, damit sie es rechtzeitig in der Kita hat, oder die Tochter, die ihre Mutter nur sieht, wenn sie sich zum Babysitten die Türklinke in die Hand geben. Die Schuld, um die es hier geht, ist berechtigt, aber uns muss klar sein, dass sie von den betroffenen Frauen sozusagen nur stellvertretend für die Allgemeinheit verkörpert wird. Also zum Beispiel auch stellvertretend für mich, die ich es vermieden habe, in solche Situationen zu geraden, indem ich kinderlos geblieben bin.

Zweitens: Keine Rechtfertigungen. Es gibt kein „richtiges“ Frauenleben und auch kein „richtiges“ Mutterleben. Und daher ist es notwendig, dass berufstätige Mütter bewusst Entscheidungen treffen, ohne sich dafür zu rechtfertigen. Das betrifft die Art der Kindererziehung ebenso wie die Art des beruflichen Engagements oder die Art, Hausarbeit zu organisieren. „Weil ich es will“ ist eine Begründung für persönliche Entscheidungen, die frau ruhig zum Standard machen könnte – denn ob eine Entscheidung verantwortungsvoll getroffen wird (was natürlich wichtig ist), kann man nicht daran ablesen, ob sie anderen gefällt oder nicht.

Und drittens: Beziehungen stärken, sich auf Beziehungen stützen. Keine ist alleine Mutter. Dass dieses Eingebundensein von Müttern in ein größeres Beziehungsnetz heute meist auf ihre Beziehung zum Kindsvater enggeführt wird, halte ich für problematisch und irreführend – das wäre im Übrigen auch mein einziger Einwand gegen das Buch von Barbara Streidl (obwohl sie hier vielleicht auch einfach nur die Realität abbildet, aber es ist eben wie ich finde eine problematische Realität). Das Gute an der stärkeren Aufmerksamkeit für die Väter ist natürlich, dass die Position der Mutter überhaupt schon einmal sozialisiert wird und nicht nur in der Symbiose Mutter-Kind verankert bleibt. Denn es ist so, wie Streidl am Ende ihres Buches schreibt,

 … dass wir zusammenhalten müssen. Um diese schwierigen, merkwürdigen, anstrengenden Zeiten nicht nur zu überstehen, sondern vielleicht auch zu genießen. Wir stoßen mit unseren Weingläsern an.

Barbara Streidl: Kann ich gleich zurückrufen? Der alltägliche Wahnsinn einer berufstätigen Mutter. Blanvalet, München 2012, 8,99 Euro

Wie das Betreuungsgeld für mich doch noch zum Aufreger wurde

Das Betreuungsgeld, von dem derzeit so viel die Rede ist (also dass Familien, die ihre Kinder nicht in die Kita schicken, einen monatlichen Geldbetrag bekommen sollen) ist für mich eigentlich nicht so der Aufreger. Ich verstehe auch nicht, warum das von manchen zur feministischen Bekenntnisfrage hochgejazzt wird.

Der Trend zu einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz von öffentlicher Kinderbetreuung ist doch sowieso unaufhaltsam und kann von keinem Betreuungsgeld der Welt verhindert werden. Einfach deshalb, weil hier zwei starke gesellschaftliche Kräfte an einem Strang ziehen: Die Frauen, die heute mit sehr großer Mehrheit und Klarheit darauf bestehen, dass sie sowohl berufstätig sein als auch Kinder haben möchten, und die Unternehmen, die mehr und mehr qualifizierte Fachleute brauchen und nicht länger auf die Human Ressources in Form von gut ausgebildeten jungen Frauen verzichten möchten.

Diese Entwicklung ist also längst beschlossene Sache, und was jetzt passiert, ist nur noch die Umsetzung. Und dass da einige Alte-Zeiten-Nostalgiker und -Nostalgikerinnen hoffen, die Umstellung auf die neuen Zeiten mit Hilfe des Betreuungsgeldes noch ein bisschen zu verlangsamen – meine Güte. Ich vermute ja, dass auch noch etwas anderes dahinter steckt: dass die Kommunen es rein organisatorisch nicht schaffen, bis 2013 genügend Kita- und Krabbelstuben-Plätze bereit zu stellen.

Die offizielle Politik hat den Wunsch der Frauen, berufstätig zu sein und Kinder zu haben, über Jahrzehnte hinweg ignoriert, obwohl Feministinnen sie seit vier Jahrzehnten stetig darauf hinweisen. Die Ignoranz den Wünschen der Frauen gegenüber hatte enorme Fehlplanungen zur Folge, sodass man jetzt plötzlich ganz überrascht davon ist, wie viele Mütter einen Kita-Platz in Anspruch nehmen. Als vor wenigen Jahren der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz eingeführt wurde, wurde für 2013 (das Jahr der Einführung) ein Bedarf von 35 Prozent prognostiziert. Das war natürlich lächerlich. In Wahrheit wird der Bedarf vermutlich bei um die 80 Prozent liegen. Nun kann man die Zahl Kitas aber nicht mal so eben verdoppeln: Man muss Gebäude planen und bauen, qualifiziertes Personal finden (und ausbilden), und so weiter.

Von daher glaube ich, dass das Betreuungsgeld kein ideologisches Mutterbild-Gefecht ist (wie sollte das auch möglich sein, mit einer Kanzlerin Angela Merkel) sondern vor allem ein pragmatischer Versuch, die Nachfrage nach Kita-Plätzen noch eine Weile künstlich niedriger zu halten, als sie in Wirklichkeit ist. Ist das ein Aufreger? Ist das wirklich ein Thema, auf auf das man Feminismusdebatten oder gar Wahlkämpfe zuspitzen sollte? Come on, Ladies, come on, SPD!

Es gibt allerdings doch einen Aspekt, unter dem das Thema Betreuungsgeld für mich zu einem politischen Aufreger wird, und zwar den der sozialen Unterschiede. Wie schon das Elterngeld so soll nun auch das Betreuungsgeld mit den Hartz IV-Leistungen verrechnet werden. Oder, im Klartext: Wer von Hartz IV leben muss, bekommt keines. Das Betreuungsgeld ist, ebenso wie das Elterngeld, für diejenigen gedacht, die es nicht so nötig brauchen. Es ist – mal wieder – eine Umverteilung von unten nach oben.

Im Übrigen ist genau das auch der Punkt, wo die Pro und Contra-Seiten im Bezug auf das Betreuungsgeld auf traurige Weise einer Meinung sind: In ihrer Verachtung für die Armen, in ihrer Arroganz, mit der sie auf die “Unterschichten” herunterblicken.

Die gegen das Betreuungsgeld sind, argumentieren ja gerne mal mit dem Vorwurf, dass dann diese ganzen Unterschichts-Assis ihre Kinder nicht mehr der wertvollen staatlichen Erziehung aussetzen, sondern sich lieber die Kohle selbst einstecken (das Argument wird gerne noch mit einem Schuss Rassismus angereichert, wenn dann noch der “Migrationshintergrund” ins Spiel gebracht wird). Und genau dieser Ball ist es, der jetzt von denen aufgegriffen wird, die für das Betreuungsgeld sind: Keine Sorge, kontern sie, diese Unterschichts-Assis kriegen eh keines.

Deshalb meine ich, es ist falsch, politische Kämpfe entlang der Linie Pro- und Contra Betreuungsgeld zu inszenieren. Die wichtigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen spielen sich ganz woanders ab.

Carearbeit und Grundeinkommen

Manchmal bin ich einfach frustriert, weil es die „gläserne Decke“ irgendwie wirklich gibt, und ich meine nicht die, die Frauen an einem Aufstieg ins Top-Management behindert, sondern die, die es auf seltsame Weise unmöglich zu machen scheint, dass die Ideen von Frauen in den Köpfen von Männern ankommen.

Aktueller Anlass für meinen Frust ist das Büchlein „Die Befreiung der Schweiz“, in dem zwei Autoren auf handlichen 115 Seiten die Hintergründe der Grundeinkommensidee erklären, als flankierende Maßnahme zu einer derzeit in der Schweiz laufenden Volksinitiative für ein Grundeinkommen.

Mein Frust geht – mal wieder – um die Frage, wie die Care- und Fürsorgearbeit in dem Projekt unterkommt. Auf den ersten Blick scheinen Fortschritte gemacht zu sein. Das Thema wird nicht, wie früher, völlig ignoriert, sondern explizit angesprochen. Es gibt zum Beispiel ein Interview mit Ina Praetorius (die ebenso wie ich schon 2004 eine der Autorinnen des Grundeinkommens-Textes www.gutesleben.org war). Sie spricht das Problem, das viele Feministinnen mit der Idee haben, klar an:

Es besteht die Gefahr, dass die Leute, die heute unsichtbar und ohne Wertschätzung Care-Arbeit leisten, mit dem Grundeinkommen „abgespeist“ werden. Das könnte längerfristig bedeuten, dass Frauen das Notwendige einfach weiter machen, während Männer ihr Grundeinkommen mit Freiheit verbinden. (S. 36)

Aber das war‘s dann auch schon. Der Rest des Textes ignoriert diese Problematik wie eh und je. Schön, dass wir mal drüber geredet haben?

Worum es geht: Der Zugang der Frauen zur Erwerbsarbeit ist ja erst vor kurzem erkämpft worden. Bis heute ist die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Punkto (bezahlter) Erwerbsarbeit und (unbezahlter) Haus- und Fürsorgearbeit eklatant. Ein Grundeinkommen – und ich bin eine dezidierte Anhängerin der Idee – könnte den Effekt haben, dass diese Spaltung weiter besteht oder sogar zementiert wird. Denn ein Grundeinkommen würde ja lediglich einen Einkommens-Sockel darstellen, das Existenzminimum. Und wenn wir es einfach so laufen lassen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass am Ende vorwiegend Männer gut Geld verdienen, weil sie nämlich trotz Grundeinkommen einer einkommensträchtigen Erwerbsarbeit nachgehen, während vorwiegend Frauen sich mit dem Sockel begnügen und die erwerbsarbeitsfreie Zeit verwenden, um für Kinder, Kranke und Alte zu sorgen.

Genau dies ist einer der Gründe, warum maßgebliche feministische Denkerinnen die Idee eines Grundeinkommens nicht unterstützen. Frigga Haug zum Beispiel hat gerade wieder in einem Vortrag die von vielen Männern in der Grundeinkommensbewegung verbreitete Illusion kritisiert, uns würde eh (durch Produktivitätssteigerung) die Arbeit ausgehen, unter anderem mit diesem Argument:

Aber wenn der Diskurs jetzt weitergeht, rutscht es wieder zurück in die Lohnarbeit wegen der Kritik an der Arbeitspflicht, die als Nötigung empfunden und eben durchs Grundeinkommen abgeschafft sein muss. Aber die Arbeitspflicht existiert ja bei Reproduktions-, Pflege oder Sorgearbeit ohnehin immer. Sie kommt ja aus der Sache selbst, sozusagen aus den bedürftigen anderen Wesen. Dazu braucht man niemanden zu verpflichten. Da schreien die Aufgaben einen an wie bei Frau Holle, wo die Apfelbäume rufen: schüttle uns, die Äpfel sind schon lange reif; oder das Brot im Ofen schreit: zieh uns heraus, wir sind schon längst gebacken. Von den wirklich schreienden kleinen und großen Menschen will ich hier gar nicht reden. Das versteht sich von selbst.

Frigga Haug hat vollkommen recht: Es ist einfach nicht wahr, dass das Grundeinkommen aufgrund der Produktivitätssteigerung einfach der nächste logische Schritt in der Entwicklung des Kapitalismus ist, wie manchmal suggeriert wird. Die Verwirklichung der Grundeinkommensidee erfordert ein tiefes kulturelles Umdenken, das aus zwei Teilen besteht, die man nicht einzeln betrachten kann: die Idee, dass es normal ist, wenn Menschen etwas bekommen ohne etwas dafür zu leisten, UND die Idee, dass Menschen Verantwortung für ihre Umwelt übernehmen und das Notwendige tun, auch wenn niemand sie dazu zwingt oder dafür bezahlt.

Leider bekräftigt auch dieses Buch wieder den Eindruck, die Phantasie männlicher Grundeinkommensbefürworter könnte darin bestehen, dass Männer vor allem den ersten Teil und Frauen vor allem den zweiten Teil dieser Gleichung abdecken (was so natürlich niemand sagen würde, ist ja alles hübsch geschlechtsneutral formuliert). Aber wieder einmal wird die Care-Arbeit im Kapitel „freiwillige Arbeit“ untergebracht und auf eine Stufe gestellt mit zum Beispiel der Kunst. Aber Fürsorgearbeit ist keine „freiwillige“ Arbeit in dem Sinne, dass man sie tun kann oder auch nicht. Sondern sie ist notwendige Arbeit, gesellschaftlich ebenso wie in einer konkreten Situation (das schreiende Baby, das dreckige Klo). Notwendige, aber nicht im erwerbsmäßigen Sinne profitable Arbeit muss in der Ökonomie eine eigenständige Rolle spielen und darf nicht einfach unter „Wird durch ein Grundeinkommen möglich gemacht“ subsummiert werden.

Ein garantiertes Grundeinkommen ist also keineswegs „bedingungslos“ (wie es hingegen die Domain der Aktion www.bedingungslos.ch suggeriert), sondern es ist eben an die Bedingung gebunden, dass wir akzeptable Rahmenbedingungen schaffen, unter denen notwendige, aber nicht „profitable“ Arbeiten erledigt werden. Wer soll diese Arbeit in Zukunft tun und warum, wenn man niemanden mehr unter Androhung von Geldentzug dazu zwingen kann?

Diese Frage, wer denn die „Drecksarbeit“ machen wird, wird in dem Buch zwar gestellt, aber falsch beantwortet. Wieder einmal wird behauptet, es gäbe in einer Gesellschaft mit Grundeinkommen dafür drei Lösungen: Jeder macht sie für sich selbst, wir lassen sie Roboter machen oder wir bezahlen sie besser.

Es gibt aber – wie ich in diesem Blog schon einmal geschrieben habe – leider auch noch weitere Möglichkeiten: dass diese Arbeit gar nicht gemacht wird, oder dass sich einige Menschen dazu „freiwillig“ bereit erklären. Es ist sehr zu vermuten, dass das mehr Frauen als Männer sein werden (aber auch wenn es gleich verteilt wäre, wäre es keine Lösung).

Ich verstehe es einfach nicht: Ist es nicht möglich, auch in einem Büchlein, das das Grundeinkommen als Idee propagieren und unterstützen will, diese Problematik mal einzugestehen und darauf hinzuweisen, dass hier noch weiterer Handlungs- und Diskussionsbedarf besteht? Nicht, um die Grundeinkommensidee zu widerlegen oder zu schwächen. Ganz im Gegenteil: Um den aus guten Gründen skeptischen feministischen Denkerinnen zu signalisieren: Wir haben eure Einwände verstanden und greifen sie in unseren programmatischen Konzepten auf!

Dafür genügt es nicht, auch ein Interview mit einer postpatriarchalen Denkerin abzudrucken, wenn man deren Gedanken dann aber im Rest des Textes einfach ignoriert. Es ist dies ein eklatantes Beispiel für ein Phänomen, das ich leider ziemlich oft im Dialog zwischen Männern und Frauen beobachte: Die Frauen sagen etwas, die Männer nicken freundlich, versichern „Ja, Ja“, und gehen dann wieder zur Tagesordnung über, als wäre nichts gewesen.

Das ist es, was mich frustriert: Nicht, dass hier ein Dissens wäre, ein politischer Konflikt, denn den könnte man ja austragen. Sondern dass ein Dialog überhaupt gar nicht erst zustande kommt, weil das Thema die Männer offenbar nicht interessiert. Momentan bin ich wirklich ratlos, wie sich das ändern ließe.

Christian Müller, Daniel Straube. Die Befreiung der Schweiz. Über das bedingungslose Grundeinkommen, Limmat, Zürich 2012, , 15,90 Euro.

PS: Gerade hat auch Ina Praetorius nochmal was eigenes dazu gebloggt

Mütter und Freiheit. Oder wer verändert die Welt?

Barbara Vinken, Barbara Streidl und ich (von links) bei der Diskussion in München. Foto: Ingrid Arnold

Am Mittwoch fand im Münchener Gasteig eine von Frauenstudien e.V. veranstaltete Diskussion zum Thema Mutterbilder zwischen Barbara Vinken (Literaturwissenschaftlerin und Autorin des Buches “Die deutsche Mutter”) und mir statt, die Barbara Streidl toll moderiert hat. Ingrid Arnold hat im Blog des Journalistinnenbundes schon was darüber geschrieben.

Ich glaube, es war eine ganz gute Diskussion, weil wir zwar in vielen Punkten unterschiedlicher Meinung waren, aber nicht im Sinne eines plattitüdigen Pro und Contra, wo man die Argumente der anderen immer schon vorher kennt.

Von vornherein bestand zwischen uns und dem Publikum Einigkeit in den offensichtlichen Essentials: Wir brauche flächendeckende gute öffentliche Kinder- und Babybetreuung, keine finanzielle Förderung der patriarchalen Versorgerehe, also Abschaffung des Ehegattensplittings.

Gegenseitige Zustimmung zwischen Vinken und mir gab es auch bei unseren jeweiligen wesentlichen Anliegen: Bei ihr die Kritik an dem spezifisch deutschen “Müttermythos”, also der Vorstellung, Mütter müssten zum Wohl der Kinder die Hauptbetreuungsarbeit übernehmen, der prinzipiellen Skepsis gegenüber öffentlicher Kinderbetreuung und damit die tendenzielle Unvereinbarkeit von Mutterschaft und Berufstätigkeit. Bei mir die Betonung, dass das Neudenken von Mutterschaft in einen größeren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontext gehört, bei dem auch die Erwerbsarbeit und die Verteilung von Einkommen neu organisiert werden muss.

Uneinigkeit bestand aber in dem Weg dahin. Ich sehe nämlich in der Entscheidung vieler Frauen (nicht nur, aber vor allem Mütter) für Teilzeitarbeit nicht nur Ausdruck von “Müttermythos”, sondern auch eine größere Distanziertheit gegenüber dem “Erwerbsarbeitsmythos” und glaube, dass man daraus einen Hebel für gesellschaftliche Veränderungen machen kann – indem etwa auch Männer Geschmack an Teilzeitarbeit finden können oder indem Frauen in ihren Berufen bestimmte Ansprüche an Vereinbarkeit stellen – mehr Flexibilität, weniger Anwesenheitsfetischismus etc. – um die Vereinbarkeit beiderer Tätigkeitsbereich zu verbessern. Barbara Vinken widersprach dem vehement, weil sie der Ansicht ist, damit würde nur die Fixierung auf bestimmte Mütterbilder erhalten. Die notwendigen Veränderungen müssten nicht von den Frauen vorangetrieben werden, sondern von Männern oder der Politik.

Interessant fand ich noch, dass ich Barbara Vinken, die sich mit der Situation in Frankreich gut auskennt, nach einer Vermutung fragen konnte, die ich schon länger habe. Etwas scherzhaft sage ich nämlich manchmal, dass die Kinderbetreuung in Frankreich nur deshalb so gut ist, weil die Männer befürchten, wenn es keine Krippenplätze gäbe, müssten sie am Ende selber mit anpacken. In der Tat bestätigte Vinken, dass die Versorgung von Kindern in Frankreich ganz eindeutig Aufgabe der Mütter und nicht der Väter ist.

Dies ist nun ein wesentlicher Unterschied zu Deutschland, wo viele eine bessere Verteilung von Fürsorgearbeit auf beide Geschlechter anstreben. Ich denke, beides hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil in Frankreich ist sicher, neben der größeren Dringlichkeit, für eine öffentliche Infrastruktur zu sorgen, dass väterrechtliche Polemiken dort nicht so stark werden können.

Allerdings finde ich unter’m Strich hier den deutschen Weg doch besser, nicht nur aus Gerechtigkeitsgründen. Sondern weil ich glaube, dass ein volkswirtschaftliches Umdenken leichter vonstatten gehen kann, wenn auch zunehmend Männer persönliche Erfahrungen mit Care- und Fürsorgearbeit haben.

PS: Passend zum Thema auch dieser Kommentar von Barbara Dribbusch in der heutigen taz. Man muss doch nicht alles in die Phase zwischen 30 und 40 packen!

Update: Bei Frau Lila gibt es jetzt auch den Audiomitschnitt der Diskussion zum Download”