Grundeinkommen und Sorgearbeit, Update.

Wer nach meinem neulichen Rant zum Thema „untaugliche Argumente für ein Grundeinkommen“ noch bezweifelt hat, dass Teile der Grundeinkommensbewegung tatsächlich meinen, die Sorgearbeit würde dann ja umso besser in Zukunft von den Frauen gemacht werden können, und die dürften sich dann sogar darüber freuen, weil sie ja das Grundeinkommen hätten, braucht nur mal diese Sendung des Bayrischen Rundfunks anschauen. Darin wird Götz Werner mit der Ansicht zitiert, das Grundeinkommen sei eine Bezahlung für Frauen, die Sorgearbeit leisten (letzter Satz vor dem letzten Zitat).

Danke, dass ich das  nun schriftlich habe – bisher hatte ich das ja von ihm nur mündlich gehört und es war immer mal wieder bezweifelt worden, dass er das tatsächlich so sieht. Um es nochmal klar zu machen: Der Punkt ist hier nicht bloß die stereotype Geschlechtsrollenverteilung. Auch wenn die Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern gleich verteilt wäre (was sie natürlich nicht ist), wäre das Argument grundfalsch. Denn es gäbe immer noch die Ungleichverteilung zwischen denen, die Sorgearbeit leisten, und denen, die es nicht tun. Wenn das Grundeinkommen leistungsunabhängig sein soll, kann es nicht die ökonomische Organisation von Sorgearbeit ersetzen.

In der deutschen Grundeinkommensbewegung, die Götz Werner wegen seines Unternehmertums und seinen pro-kapitalitischen Argumenten größtenteils sehr skeptisch gegenüber steht, gehörte ich bisher immer zu denen, die für eine Zusammenarbeit mit ihm und seinen Anhänger_innen plädiert hat. Weil das Grundeinkommen meiner Ansicht nach nur als breit angelegtes gesellschaftliches Konzept eine Chance hat, und weil ich es in der Tat großartig finde, wie sehr Götz Werner dazu beigetragen hat, das Thema in die Debatte zu bringen. Das finde ich auch weiterhin.

Ich kann damit leben, dass Götz Werner gleichzeitig eine ziemlich altväterlich-patriarchale Weltsicht hat. Vermutlich glaubt er tatsächlich, dass Sorgearbeit etwas ist, das von Frauen irgendwie von Natur aus gratis zur Verfügung gestellt wird, vermutlich hat er es es in seinem persönlichen Umfeld immer so erlebt. Meinetwegen. Das Problem ist nicht Götz Werner, sondern seine Entourage, diejenigen, die hinter und um ihn herum stehen und sich gegen jede Kritik von außen immunisieren. Die das Grundeinkommen zu einem propagandistischen Projekt verkommen lassen, bunte Werbefilmchen drehen und Flyer drucken und alle Kritik und alle Einwände an sich runterglitschen lassen. Und hier bin ich mir nicht mehr so sicher, ob gemeinsames Ziehen an einem Strang für mich in Zukunft noch möglich ist.

Zum Beispiel hat es das Schweizer Initiativkomitee (in dem der Götz Wernerismus prominent vertreten ist) jetzt explizit abgelehnt, sich hinter eine Erklärung zu stellen, die das Zusammengehören der Themen Grundeinkommen und Sorgearbeit betont, und in der es unter anderem heißt:

Uns liegt daran, die ungelöste Frage der heute unter- oder unbezahlten, unverzichtbaren Sorgearbeit in den Debatten um das Grundeinkommen stets zum Thema zu machen. Richtig verstanden würde das Grundeinkommen eine neue Ausgangsbasis darstellen, von der aus neue, gerechte Gesellschafts- und Geschlechterverträge ausgehandelt werden können. Wird der Aspekt der fast ausschliesslich von Frauen geleisteten Sorgearbeit jedoch ausgeblendet, kann aus dem Grundeinkommen schnell ein unsoziales, neoliberales Projekt werden, das HausarbeiterInnen, Pflegekräfte und andere im Care-Sektor Beschäftigte mit einem Grundeinkommen „abspeist“. Das Grundeinkommen darf nicht als „Hausfrauenlohn“ missverstanden werden. Es wird für alle bedingungslos ausbezahlt und ermöglicht es allen, von einer gesicherten Existenzbasis ausgehend über alle Formen von Arbeit und deren Verteilung neu zu verhandeln. Zukunftsfähig ist das Projekt des bedingungslosen Grundeinkommens nur auf der Basis einer Definition von „Arbeit“ und „Wirtschaft“, die alle gesellschaftlichen Leistungen zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse umfasst.

Ina Praetorius, die selbst Mitglied im Initiativkomitee ist, hatte die Erklärung geschrieben als Erwiderung auf eine Kontroverse über die einseitige Darstellung der Grundeinkommensdebatte im Schweizer Fernsehen (Hintergründe schildert sie hier). Die komplette Erklärung haben wir jetzt auf den Seiten unseres „ABC des guten Lebens“ eingestellt, zum Nachlesen, Weiterverbreiten, Kommentieren.

Bisher habe ich immer gedacht, das Problem sei Desinteresse oder Ignoranz. Ich dachte, es gebe eben in der Grundeinkommensbewegung viele Menschen, die sich für das Thema Sorgearbeit nicht interessieren oder sich bisher nicht mit feministischer Ökonomie beschäftigt haben, oder die anderes halt für wichtiger halten. Das wäre für mich kein Problem, und da würde ich meine Rolle eben darin sehen, diesen Aspekt, den ich wichtig finde, zu vertreten und in die Debatte einzubringen.

Aber jetzt bin ich nicht mehr so sicher, ob es darum noch geht. Eigentlich erlebe ich gemischte linke Gruppen oft so, dass sie feministischen Interventionen gegenüber durchaus aufgeschlossen sind, solange es ihnen keine Arbeit macht. Und mich macht stutzig, dass das hier so gar nicht der Fall ist.

Warum hat man in der Schweiz nicht die Gelegenheit genutzt, sich – wenn man so eine Erklärung schon auf dem Silbertablett serviert bekommt und nur noch unterschreiben muss – zumindest einen aufgeschlossenen Anstrich zu geben? Damit hätte man doch Kritikerinnen wie mir (und ich bin ja bei Weitem nicht die Einzige) elegant den Wind aus den Segeln nehmen können. Warum hat das Initiativkomitee nicht die Rüge gegen den Fernsehsender strategisch genutzt, um eine weitere Sendung, diesmal mit anderem Fokus zu fordern? Wäre das nicht ein kluger Schachzug gewesen – ganz unabhängig davon, ob man das mit der Sorgearbeit persönlich für unwichtig hält oder nicht?

Nein, offenbar halten diese Befürworter des Grundeinkommens das Thema Sorgearbeit nicht einfach nur für unwichtig, sondern wollen aktiv verhindern, dass die beiden Themen miteinander verknüpft werden. Sie wollen es so sehr verhindern, dass sie sogar auf die Chance verzichten, das Thema Grundeinkommen noch einmal prominent ins Fernsehen zu bringen oder mit einer solchen Erklärung noch einmal die öffentliche Debatte anzuregen.

Ehrlich gesagt ist die einzige Erklärung, die mir dafür einfällt, die, dass ihnen das Thema eben nicht egal ist oder unwichtig erscheint, sondern dass sie tatsächlich eine sehr konträre Position zu meiner haben, sich aber bloß nicht trauen, das öffentlich auszusprechen (außer, Götz Werner verplappert sich mal wieder). Ich glaube inzwischen, dass sie tatsächlich das Grundeinkommen auch als ein Projekt verstehen, in dem sich das ungelöste Problem der Sorgearbeit wundersamerweise in Luft auflöst, weil sich dann schon Leute finden werden, die das für ein Grundeinkommen machen werden.

Und das ist der Punkt, an dem ich definitiv draußen bin. Wenn dieses Denken in der Grundeinkommensbewegung vorherrschend wird, werde ich sie nicht mehr unterstützen, sondern dann werde ich sie aktiv bekämpfen. Denn so ein Grundeinkommen halte ich für gefährlich, für unverantwortlich, für grundfalsch.

Zum Glück sieht es in Deutschland ein bisschen anders aus. Hier ist die Grundeinkommensbewegung vielfältiger – hoffe ich jedenfalls. Vor dem Hintergrund meines neulichen Rants zum Beispiel twitterte Wolfgang Strengmann-Kuhn seine Slides zum Thema – er setzt sich bei den Grünen für ein BGE ein und hat das Thema Sorgearbeit zumindest auf dem Radar, auch wenn es mir noch etwas zu optimistisch klingt. Aber immerhin kehrt er das Ganze nicht unter den Tisch.

Ich selbst werde auch immer wieder explizit angefragt, diese Thematik in die Bewegung einzubringen. Zum Beispiel wird im September ein von Werner Rätz und Ronald Blaschke herausgegebener Sammelband erscheinen (im Rotpunkt-Verlag), der auch einen Aufsatz von mir zum Thema Notwendigkeit enthalten wird. Auch wenn ich im Moment etwas grummelig bin, weil der Text schon fertig ist, es jetzt aber noch so lange dauert, bis das Buch da ist, bin ich für das Buchprojekt ziemlich dankbar, denn ohne diese Einladung hätte ich mich wahrscheinlich noch lange nicht hingesetzt und das mal sortiert aufgeschrieben.

Ich argumentiere darin, dass die Aufmerksamkeit für das, was notwendig ist, und die Bereitschaft, das Notwendige dann auch konkret zu tun, eine kulturelle Fähigkeit ist, die nicht einfach gegeben ist, sondern gefördert und gepflegt werden muss. Das ist meiner Ansicht nach der „missing link“ in der derzeitigen Debatte. Götz Werner sagt in der oben verlinkten BR-Sendung:

Freiheit hat etwas damit zu tun, dass man plötzlich in der Lage ist, nein zu sagen. Der andere kann mich nicht abhängig machen. Das ist eine ganz neue Idee.

Ja, aber das ist eben nur die eine Seite der Medaille. Wenn wir diese Art von Freiheit, die Freiheit, Nein zu sagen, durch ein Grundeinkommen ermöglichen wollen, geht das nur, wenn wir gleichzeitig in unsere Köpfe reinkriegen, dass Freiheit ebenso bedeutet, Ja zu sagen, wenn irgendwo etwas notwendigerweise getan werden muss. Und dass diese Fähigkeit, das Notwendige zu sehen und dann auch im eigenen Handeln Verantwortung dafür zu übernehmen, derzeit nicht bei allen Menschen gleichermaßen vorhanden ist und vorausgesetzt werden kann.

Alltäglicher Wahnsinn: Das Leben einer berufstätigen Mutter

Eines der größten Mysterien unserer Zeit ist für mich die Tatsache, dass immer noch so viele Kinder geboren werden.

Seit ich mich vor ein paar Jahren intensiver mit dem demografischen Wandel beschäftigt habe, ist mir klar geworden, dass die Kinderzahlen pro Frau keineswegs ständig sinken, wie als Annahme immer so im Zeitgeist herumwabert. Im Prinzip ist die „Fertilitätsrate“ schon seit hundert Jahren mehr oder weniger gleich geblieben – der große deutsche Geburtenknick fand zwischen 1910 und 1920 statt, als die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau von fünf auf unter zwei sank. Alle späteren Schwankungen waren im Vergleich dazu Pillepalle.

Viele werden also nach wie vor Mütter, obwohl sich die Lebensbedingungen von Frauen und damit auch die Umstände, unter denen sie Kinder zur Welt bringen, fundamental verändert haben. Frauen können heute wählen und sich überhaupt politisch engagieren (die Gründung politischer Vereinigungen war ihnen bis 1909 per Gesetz verboten), sie können eigenes Geld verdienen (bis in die 1970er brauchten sie dafür die Erlaubnis ihres Ehemannes), sie müssen nicht mehr heiraten, um einen „ehrbaren“ Platz in der Gesellschaft zu haben. Es stehen ihnen Verhütungsmittel zur Verfügung, und Abtreibungen sind nicht mehr hochriskante Angelegenheiten in illegalen Hinterzimmern. Frauen sind gut ausgebildet, und kaum noch jemand wirft ihnen ernsthaft vor, wenn sie kinderlos bleiben, hätten sie ihre Weiblichkeit verfehlt.

Während sich also die Bedingungen für ein Frauenleben ohne Ehemann und Kinder im letzten Jahrhundert ganz enorm verbessert haben, ist das Frauenleben mit Kindern nach wie vor schwierig und kompliziert. Die gesellschaftlichen Strukturen sehen das nämlich nicht vor; der „Modellmensch“, um den herum sich unsere Arbeitswelt, die Sozialversicherungen und so weiter drehen, ist der von Fürsorgepflichten befreite, nur für sich selbst zuständige Erwachsene. Trotz mancher Veränderungen im Detail liegt die Verantwortung für das Versorgen von Kindern nach wie vor bei der Mutter und gegebenenfalls (also wenn er „mitmacht“) beim Vater. Kinder sind „Privatvergnügen“.

Für mich persönlich war das der Grund, warum ich keine Kinder bekommen habe. Ich hatte keine Lust, meine männlichen Lebenspartner danach auszusuchen, ob ich mit ihnen eine „Familie“ gründen konnte; die Männer, in die ich mich verliebte, hatten immer andere Qualitäten, aber nicht diese. Und in der Regel hatten sie auch keine diesbezüglichen Ambitionen.

Das allein hätte mich zwar nicht davon abgehalten, Mutter zu werden, wenn ich es unbedingt gewollt hätte – aber angesichts der damit verbundenen Schwierigkeiten, Unannehmlichkeiten, finanziellen Unwägbarkeiten wollte ich nicht. „Ich schaff mir keine kleinen Kinder an“, sang ich mit Nina Hagen, und fühlte mich genau deshalb „unbeschreiblich weiblich“. Wenn du, Gesellschaft, Kinder haben willst, dann schaffe vernünftige Rahmenbedingungen dafür, und wenn du das nicht auf die Reihe kriegst, dann ist das nicht meine Schuld – so war immer meine Einstellung. Es war mir also wichtig, zu betonen, dass ich mich keineswegs aktiv gegen Kinder entschieden habe. Ich sah nur angesichts der Umstände keine Veranlassung dazu, welche zu bekommen.

Natürlich war die Lage in den 1990er Jahren – also dem Zeitraum, als das Thema für mich altersmäßig relevant war – noch um einiges schlechter als heute. Kitaplätze waren noch seltener, es gab kein Elterngeld, der Anspruch, dass auch die Väter sich eventuell an der mit Kindern verbundenen Arbeit nicht nur „beteiligen“, sondern sich auch vollumfänglich dafür verantwortlich fühlen, war noch sehr exotisch, und die Versuche, wenigstens halbwegs sowas wie eine „Vereinbarkeit“ von Kindern und Berufsleben zu bewerkstelligen, noch ganz rudimentär.

Mit großem Interesse habe ich deshalb Barbara Streidls neues Buch gelesen: Wie ist es denn heute, zehn, zwanzig Jahre später? Hat sich was verbessert? Würde ich mich heute vielleicht anders entscheiden?

Eher nein. „Kann ich gleich zurückrufen?“ ist der Titel, unter dem Streidl den „alltäglichen Wahnsinn einer berufstätigen Mutter“ beschreibt. Sie schildert darin eine typische Woche aus dem Leben einer Frau mit dreijährigem Sohn und 30-Stunden-Arbeitswoche. Und es ist tatsächlich der reine Wahnsinn. Und das, obwohl die Umstände ihrer Protagonistin vergleichsweise gut sind: Sie hat einen verantwortungsvollen Ehemann, der sich des Problems bewusst ist und mitmacht, wo er kann, sie hat keine Geldsorgen und auch sonst keine größeren anderweitigen Probleme. Und trotzdem ist das Leben eine reine Hetze.

Mit genauem Blick schildert Barbara Streidl die vielen kleinen Fallstricke der Unvereinbarkeit von „Beruf und Familie“. Allein deshalb lohnt die Lektüre. Dabei setzt sie die geschilderten Erlebnisse zugleich in Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten und zeichnet so ein ziemlich genaues Bild von dem Dilemma.

Was mich am meisten deprimiert hat, ist das ständig präsente Schuldgefühl der Protagonistin: Schuldgefühle gegenüber den Kollegen, die wegen ihr flexibler sein müssen, gegenüber der Putzfrau, von deren eigenem Leben sie nichts weiß, gegenüber der alten Mutter, die sie für Not-Kinderbetreuungs-Einsätze einspannt, gegenüber dem Ehemann, mit dem sie zu wenig gemeinsame Zeit als Paar verbringt, gegenüber dem Kind, das sie ständig hetzen muss und so weiter. Und dann auch noch Schuldgefühle wegen mangelnder Zivilcourage: Weil die Protagonistin als reflektierte Feministin die Situation durchschaut, aber nicht überall, wo es notwendig wäre, den Elan hat, etwas zu sagen und einzugreifen.

Es ist ziemlich offensichtlich, dass es die berufstätigen Mütter sind, die in ihrer Person mit einem eigentlich unmöglichen Spagat zusammenhalten, was zusammengehört, aber von den realen gesellschaftlichen Umständen ständig auseinandergerissen wird.

Die große Stärke des Buches ist, dass Streidl dieses Dilemma sowohl auf der kleinteiligen Ebene möglicher Veränderungen angeht – indem sie zum Beispiel viele kleine Missstände beschreibt, die sich mit etwas gutem Willen durchaus verändern ließen – aber gleichzeitig deutlich werden lässt, dass hier ein tieferer Konflikt liegt, der nicht mit ein paar konkreten politischen Maßnahmen hier und da behoben werden kann.

Und was nun tun? Das Beste aus der Situation machen. Mir persönlich ist nach der Lektüre dieses Buches noch immer und erst recht unverständlich, warum so viele Frauen überhaupt Kinder bekommen. Aber vielleicht steckt genau in dieser weiblichen Irrationalität der Impuls, den wir brauchen, um gesellschaftliche Veränderungen zum Besseren anzustoßen. Denn das geht wohl tatsächlich nur „gegen jede Logik“ und „gegen jede Wahrscheinlichkeit“.

Dreierlei scheint mir dafür in der heutigen Situation wichtig:

Erstens: Wege zu finden, wie Mütter ihre Schuldgefühle loswerden können, oder besser, aus diesen Schuldgefühlen einen politischen Konflikt zu machen. Die Logik unserer gesellschaftlichen Strukturen bringt konkretes Leid hervor, aber da eine gesellschaftliche Struktur sich nicht schuldig fühlen kann, nehmen diejenigen die Schuld auf sich, die die Resultate vor konkreten anderen Menschen verantworten müssen. Also zum Beispiel die Mutter, die ihr Kind jeden Tag hetzt, damit sie es rechtzeitig in der Kita hat, oder die Tochter, die ihre Mutter nur sieht, wenn sie sich zum Babysitten die Türklinke in die Hand geben. Die Schuld, um die es hier geht, ist berechtigt, aber uns muss klar sein, dass sie von den betroffenen Frauen sozusagen nur stellvertretend für die Allgemeinheit verkörpert wird. Also zum Beispiel auch stellvertretend für mich, die ich es vermieden habe, in solche Situationen zu geraden, indem ich kinderlos geblieben bin.

Zweitens: Keine Rechtfertigungen. Es gibt kein „richtiges“ Frauenleben und auch kein „richtiges“ Mutterleben. Und daher ist es notwendig, dass berufstätige Mütter bewusst Entscheidungen treffen, ohne sich dafür zu rechtfertigen. Das betrifft die Art der Kindererziehung ebenso wie die Art des beruflichen Engagements oder die Art, Hausarbeit zu organisieren. „Weil ich es will“ ist eine Begründung für persönliche Entscheidungen, die frau ruhig zum Standard machen könnte – denn ob eine Entscheidung verantwortungsvoll getroffen wird (was natürlich wichtig ist), kann man nicht daran ablesen, ob sie anderen gefällt oder nicht.

Und drittens: Beziehungen stärken, sich auf Beziehungen stützen. Keine ist alleine Mutter. Dass dieses Eingebundensein von Müttern in ein größeres Beziehungsnetz heute meist auf ihre Beziehung zum Kindsvater enggeführt wird, halte ich für problematisch und irreführend – das wäre im Übrigen auch mein einziger Einwand gegen das Buch von Barbara Streidl (obwohl sie hier vielleicht auch einfach nur die Realität abbildet, aber es ist eben wie ich finde eine problematische Realität). Das Gute an der stärkeren Aufmerksamkeit für die Väter ist natürlich, dass die Position der Mutter überhaupt schon einmal sozialisiert wird und nicht nur in der Symbiose Mutter-Kind verankert bleibt. Denn es ist so, wie Streidl am Ende ihres Buches schreibt,

 … dass wir zusammenhalten müssen. Um diese schwierigen, merkwürdigen, anstrengenden Zeiten nicht nur zu überstehen, sondern vielleicht auch zu genießen. Wir stoßen mit unseren Weingläsern an.

Barbara Streidl: Kann ich gleich zurückrufen? Der alltägliche Wahnsinn einer berufstätigen Mutter. Blanvalet, München 2012, 8,99 Euro

Wie das Betreuungsgeld für mich doch noch zum Aufreger wurde

Das Betreuungsgeld, von dem derzeit so viel die Rede ist (also dass Familien, die ihre Kinder nicht in die Kita schicken, einen monatlichen Geldbetrag bekommen sollen) ist für mich eigentlich nicht so der Aufreger. Ich verstehe auch nicht, warum das von manchen zur feministischen Bekenntnisfrage hochgejazzt wird.

Der Trend zu einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz von öffentlicher Kinderbetreuung ist doch sowieso unaufhaltsam und kann von keinem Betreuungsgeld der Welt verhindert werden. Einfach deshalb, weil hier zwei starke gesellschaftliche Kräfte an einem Strang ziehen: Die Frauen, die heute mit sehr großer Mehrheit und Klarheit darauf bestehen, dass sie sowohl berufstätig sein als auch Kinder haben möchten, und die Unternehmen, die mehr und mehr qualifizierte Fachleute brauchen und nicht länger auf die Human Ressources in Form von gut ausgebildeten jungen Frauen verzichten möchten.

Diese Entwicklung ist also längst beschlossene Sache, und was jetzt passiert, ist nur noch die Umsetzung. Und dass da einige Alte-Zeiten-Nostalgiker und -Nostalgikerinnen hoffen, die Umstellung auf die neuen Zeiten mit Hilfe des Betreuungsgeldes noch ein bisschen zu verlangsamen – meine Güte. Ich vermute ja, dass auch noch etwas anderes dahinter steckt: dass die Kommunen es rein organisatorisch nicht schaffen, bis 2013 genügend Kita- und Krabbelstuben-Plätze bereit zu stellen.

Die offizielle Politik hat den Wunsch der Frauen, berufstätig zu sein und Kinder zu haben, über Jahrzehnte hinweg ignoriert, obwohl Feministinnen sie seit vier Jahrzehnten stetig darauf hinweisen. Die Ignoranz den Wünschen der Frauen gegenüber hatte enorme Fehlplanungen zur Folge, sodass man jetzt plötzlich ganz überrascht davon ist, wie viele Mütter einen Kita-Platz in Anspruch nehmen. Als vor wenigen Jahren der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz eingeführt wurde, wurde für 2013 (das Jahr der Einführung) ein Bedarf von 35 Prozent prognostiziert. Das war natürlich lächerlich. In Wahrheit wird der Bedarf vermutlich bei um die 80 Prozent liegen. Nun kann man die Zahl Kitas aber nicht mal so eben verdoppeln: Man muss Gebäude planen und bauen, qualifiziertes Personal finden (und ausbilden), und so weiter.

Von daher glaube ich, dass das Betreuungsgeld kein ideologisches Mutterbild-Gefecht ist (wie sollte das auch möglich sein, mit einer Kanzlerin Angela Merkel) sondern vor allem ein pragmatischer Versuch, die Nachfrage nach Kita-Plätzen noch eine Weile künstlich niedriger zu halten, als sie in Wirklichkeit ist. Ist das ein Aufreger? Ist das wirklich ein Thema, auf auf das man Feminismusdebatten oder gar Wahlkämpfe zuspitzen sollte? Come on, Ladies, come on, SPD!

Es gibt allerdings doch einen Aspekt, unter dem das Thema Betreuungsgeld für mich zu einem politischen Aufreger wird, und zwar den der sozialen Unterschiede. Wie schon das Elterngeld so soll nun auch das Betreuungsgeld mit den Hartz IV-Leistungen verrechnet werden. Oder, im Klartext: Wer von Hartz IV leben muss, bekommt keines. Das Betreuungsgeld ist, ebenso wie das Elterngeld, für diejenigen gedacht, die es nicht so nötig brauchen. Es ist – mal wieder – eine Umverteilung von unten nach oben.

Im Übrigen ist genau das auch der Punkt, wo die Pro und Contra-Seiten im Bezug auf das Betreuungsgeld auf traurige Weise einer Meinung sind: In ihrer Verachtung für die Armen, in ihrer Arroganz, mit der sie auf die “Unterschichten” herunterblicken.

Die gegen das Betreuungsgeld sind, argumentieren ja gerne mal mit dem Vorwurf, dass dann diese ganzen Unterschichts-Assis ihre Kinder nicht mehr der wertvollen staatlichen Erziehung aussetzen, sondern sich lieber die Kohle selbst einstecken (das Argument wird gerne noch mit einem Schuss Rassismus angereichert, wenn dann noch der “Migrationshintergrund” ins Spiel gebracht wird). Und genau dieser Ball ist es, der jetzt von denen aufgegriffen wird, die für das Betreuungsgeld sind: Keine Sorge, kontern sie, diese Unterschichts-Assis kriegen eh keines.

Deshalb meine ich, es ist falsch, politische Kämpfe entlang der Linie Pro- und Contra Betreuungsgeld zu inszenieren. Die wichtigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen spielen sich ganz woanders ab.

Carearbeit und Grundeinkommen

Manchmal bin ich einfach frustriert, weil es die „gläserne Decke“ irgendwie wirklich gibt, und ich meine nicht die, die Frauen an einem Aufstieg ins Top-Management behindert, sondern die, die es auf seltsame Weise unmöglich zu machen scheint, dass die Ideen von Frauen in den Köpfen von Männern ankommen.

Aktueller Anlass für meinen Frust ist das Büchlein „Die Befreiung der Schweiz“, in dem zwei Autoren auf handlichen 115 Seiten die Hintergründe der Grundeinkommensidee erklären, als flankierende Maßnahme zu einer derzeit in der Schweiz laufenden Volksinitiative für ein Grundeinkommen.

Mein Frust geht – mal wieder – um die Frage, wie die Care- und Fürsorgearbeit in dem Projekt unterkommt. Auf den ersten Blick scheinen Fortschritte gemacht zu sein. Das Thema wird nicht, wie früher, völlig ignoriert, sondern explizit angesprochen. Es gibt zum Beispiel ein Interview mit Ina Praetorius (die ebenso wie ich schon 2004 eine der Autorinnen des Grundeinkommens-Textes www.gutesleben.org war). Sie spricht das Problem, das viele Feministinnen mit der Idee haben, klar an:

Es besteht die Gefahr, dass die Leute, die heute unsichtbar und ohne Wertschätzung Care-Arbeit leisten, mit dem Grundeinkommen „abgespeist“ werden. Das könnte längerfristig bedeuten, dass Frauen das Notwendige einfach weiter machen, während Männer ihr Grundeinkommen mit Freiheit verbinden. (S. 36)

Aber das war‘s dann auch schon. Der Rest des Textes ignoriert diese Problematik wie eh und je. Schön, dass wir mal drüber geredet haben?

Worum es geht: Der Zugang der Frauen zur Erwerbsarbeit ist ja erst vor kurzem erkämpft worden. Bis heute ist die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Punkto (bezahlter) Erwerbsarbeit und (unbezahlter) Haus- und Fürsorgearbeit eklatant. Ein Grundeinkommen – und ich bin eine dezidierte Anhängerin der Idee – könnte den Effekt haben, dass diese Spaltung weiter besteht oder sogar zementiert wird. Denn ein Grundeinkommen würde ja lediglich einen Einkommens-Sockel darstellen, das Existenzminimum. Und wenn wir es einfach so laufen lassen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass am Ende vorwiegend Männer gut Geld verdienen, weil sie nämlich trotz Grundeinkommen einer einkommensträchtigen Erwerbsarbeit nachgehen, während vorwiegend Frauen sich mit dem Sockel begnügen und die erwerbsarbeitsfreie Zeit verwenden, um für Kinder, Kranke und Alte zu sorgen.

Genau dies ist einer der Gründe, warum maßgebliche feministische Denkerinnen die Idee eines Grundeinkommens nicht unterstützen. Frigga Haug zum Beispiel hat gerade wieder in einem Vortrag die von vielen Männern in der Grundeinkommensbewegung verbreitete Illusion kritisiert, uns würde eh (durch Produktivitätssteigerung) die Arbeit ausgehen, unter anderem mit diesem Argument:

Aber wenn der Diskurs jetzt weitergeht, rutscht es wieder zurück in die Lohnarbeit wegen der Kritik an der Arbeitspflicht, die als Nötigung empfunden und eben durchs Grundeinkommen abgeschafft sein muss. Aber die Arbeitspflicht existiert ja bei Reproduktions-, Pflege oder Sorgearbeit ohnehin immer. Sie kommt ja aus der Sache selbst, sozusagen aus den bedürftigen anderen Wesen. Dazu braucht man niemanden zu verpflichten. Da schreien die Aufgaben einen an wie bei Frau Holle, wo die Apfelbäume rufen: schüttle uns, die Äpfel sind schon lange reif; oder das Brot im Ofen schreit: zieh uns heraus, wir sind schon längst gebacken. Von den wirklich schreienden kleinen und großen Menschen will ich hier gar nicht reden. Das versteht sich von selbst.

Frigga Haug hat vollkommen recht: Es ist einfach nicht wahr, dass das Grundeinkommen aufgrund der Produktivitätssteigerung einfach der nächste logische Schritt in der Entwicklung des Kapitalismus ist, wie manchmal suggeriert wird. Die Verwirklichung der Grundeinkommensidee erfordert ein tiefes kulturelles Umdenken, das aus zwei Teilen besteht, die man nicht einzeln betrachten kann: die Idee, dass es normal ist, wenn Menschen etwas bekommen ohne etwas dafür zu leisten, UND die Idee, dass Menschen Verantwortung für ihre Umwelt übernehmen und das Notwendige tun, auch wenn niemand sie dazu zwingt oder dafür bezahlt.

Leider bekräftigt auch dieses Buch wieder den Eindruck, die Phantasie männlicher Grundeinkommensbefürworter könnte darin bestehen, dass Männer vor allem den ersten Teil und Frauen vor allem den zweiten Teil dieser Gleichung abdecken (was so natürlich niemand sagen würde, ist ja alles hübsch geschlechtsneutral formuliert). Aber wieder einmal wird die Care-Arbeit im Kapitel „freiwillige Arbeit“ untergebracht und auf eine Stufe gestellt mit zum Beispiel der Kunst. Aber Fürsorgearbeit ist keine „freiwillige“ Arbeit in dem Sinne, dass man sie tun kann oder auch nicht. Sondern sie ist notwendige Arbeit, gesellschaftlich ebenso wie in einer konkreten Situation (das schreiende Baby, das dreckige Klo). Notwendige, aber nicht im erwerbsmäßigen Sinne profitable Arbeit muss in der Ökonomie eine eigenständige Rolle spielen und darf nicht einfach unter „Wird durch ein Grundeinkommen möglich gemacht“ subsummiert werden.

Ein garantiertes Grundeinkommen ist also keineswegs „bedingungslos“ (wie es hingegen die Domain der Aktion www.bedingungslos.ch suggeriert), sondern es ist eben an die Bedingung gebunden, dass wir akzeptable Rahmenbedingungen schaffen, unter denen notwendige, aber nicht „profitable“ Arbeiten erledigt werden. Wer soll diese Arbeit in Zukunft tun und warum, wenn man niemanden mehr unter Androhung von Geldentzug dazu zwingen kann?

Diese Frage, wer denn die „Drecksarbeit“ machen wird, wird in dem Buch zwar gestellt, aber falsch beantwortet. Wieder einmal wird behauptet, es gäbe in einer Gesellschaft mit Grundeinkommen dafür drei Lösungen: Jeder macht sie für sich selbst, wir lassen sie Roboter machen oder wir bezahlen sie besser.

Es gibt aber – wie ich in diesem Blog schon einmal geschrieben habe – leider auch noch weitere Möglichkeiten: dass diese Arbeit gar nicht gemacht wird, oder dass sich einige Menschen dazu „freiwillig“ bereit erklären. Es ist sehr zu vermuten, dass das mehr Frauen als Männer sein werden (aber auch wenn es gleich verteilt wäre, wäre es keine Lösung).

Ich verstehe es einfach nicht: Ist es nicht möglich, auch in einem Büchlein, das das Grundeinkommen als Idee propagieren und unterstützen will, diese Problematik mal einzugestehen und darauf hinzuweisen, dass hier noch weiterer Handlungs- und Diskussionsbedarf besteht? Nicht, um die Grundeinkommensidee zu widerlegen oder zu schwächen. Ganz im Gegenteil: Um den aus guten Gründen skeptischen feministischen Denkerinnen zu signalisieren: Wir haben eure Einwände verstanden und greifen sie in unseren programmatischen Konzepten auf!

Dafür genügt es nicht, auch ein Interview mit einer postpatriarchalen Denkerin abzudrucken, wenn man deren Gedanken dann aber im Rest des Textes einfach ignoriert. Es ist dies ein eklatantes Beispiel für ein Phänomen, das ich leider ziemlich oft im Dialog zwischen Männern und Frauen beobachte: Die Frauen sagen etwas, die Männer nicken freundlich, versichern „Ja, Ja“, und gehen dann wieder zur Tagesordnung über, als wäre nichts gewesen.

Das ist es, was mich frustriert: Nicht, dass hier ein Dissens wäre, ein politischer Konflikt, denn den könnte man ja austragen. Sondern dass ein Dialog überhaupt gar nicht erst zustande kommt, weil das Thema die Männer offenbar nicht interessiert. Momentan bin ich wirklich ratlos, wie sich das ändern ließe.

Christian Müller, Daniel Straube. Die Befreiung der Schweiz. Über das bedingungslose Grundeinkommen, Limmat, Zürich 2012, , 15,90 Euro.

PS: Gerade hat auch Ina Praetorius nochmal was eigenes dazu gebloggt

Mütter und Freiheit. Oder wer verändert die Welt?

Barbara Vinken, Barbara Streidl und ich (von links) bei der Diskussion in München. Foto: Ingrid Arnold

Am Mittwoch fand im Münchener Gasteig eine von Frauenstudien e.V. veranstaltete Diskussion zum Thema Mutterbilder zwischen Barbara Vinken (Literaturwissenschaftlerin und Autorin des Buches “Die deutsche Mutter”) und mir statt, die Barbara Streidl toll moderiert hat. Ingrid Arnold hat im Blog des Journalistinnenbundes schon was darüber geschrieben.

Ich glaube, es war eine ganz gute Diskussion, weil wir zwar in vielen Punkten unterschiedlicher Meinung waren, aber nicht im Sinne eines plattitüdigen Pro und Contra, wo man die Argumente der anderen immer schon vorher kennt.

Von vornherein bestand zwischen uns und dem Publikum Einigkeit in den offensichtlichen Essentials: Wir brauche flächendeckende gute öffentliche Kinder- und Babybetreuung, keine finanzielle Förderung der patriarchalen Versorgerehe, also Abschaffung des Ehegattensplittings.

Gegenseitige Zustimmung zwischen Vinken und mir gab es auch bei unseren jeweiligen wesentlichen Anliegen: Bei ihr die Kritik an dem spezifisch deutschen “Müttermythos”, also der Vorstellung, Mütter müssten zum Wohl der Kinder die Hauptbetreuungsarbeit übernehmen, der prinzipiellen Skepsis gegenüber öffentlicher Kinderbetreuung und damit die tendenzielle Unvereinbarkeit von Mutterschaft und Berufstätigkeit. Bei mir die Betonung, dass das Neudenken von Mutterschaft in einen größeren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontext gehört, bei dem auch die Erwerbsarbeit und die Verteilung von Einkommen neu organisiert werden muss.

Uneinigkeit bestand aber in dem Weg dahin. Ich sehe nämlich in der Entscheidung vieler Frauen (nicht nur, aber vor allem Mütter) für Teilzeitarbeit nicht nur Ausdruck von “Müttermythos”, sondern auch eine größere Distanziertheit gegenüber dem “Erwerbsarbeitsmythos” und glaube, dass man daraus einen Hebel für gesellschaftliche Veränderungen machen kann – indem etwa auch Männer Geschmack an Teilzeitarbeit finden können oder indem Frauen in ihren Berufen bestimmte Ansprüche an Vereinbarkeit stellen – mehr Flexibilität, weniger Anwesenheitsfetischismus etc. – um die Vereinbarkeit beiderer Tätigkeitsbereich zu verbessern. Barbara Vinken widersprach dem vehement, weil sie der Ansicht ist, damit würde nur die Fixierung auf bestimmte Mütterbilder erhalten. Die notwendigen Veränderungen müssten nicht von den Frauen vorangetrieben werden, sondern von Männern oder der Politik.

Interessant fand ich noch, dass ich Barbara Vinken, die sich mit der Situation in Frankreich gut auskennt, nach einer Vermutung fragen konnte, die ich schon länger habe. Etwas scherzhaft sage ich nämlich manchmal, dass die Kinderbetreuung in Frankreich nur deshalb so gut ist, weil die Männer befürchten, wenn es keine Krippenplätze gäbe, müssten sie am Ende selber mit anpacken. In der Tat bestätigte Vinken, dass die Versorgung von Kindern in Frankreich ganz eindeutig Aufgabe der Mütter und nicht der Väter ist.

Dies ist nun ein wesentlicher Unterschied zu Deutschland, wo viele eine bessere Verteilung von Fürsorgearbeit auf beide Geschlechter anstreben. Ich denke, beides hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil in Frankreich ist sicher, neben der größeren Dringlichkeit, für eine öffentliche Infrastruktur zu sorgen, dass väterrechtliche Polemiken dort nicht so stark werden können.

Allerdings finde ich unter’m Strich hier den deutschen Weg doch besser, nicht nur aus Gerechtigkeitsgründen. Sondern weil ich glaube, dass ein volkswirtschaftliches Umdenken leichter vonstatten gehen kann, wenn auch zunehmend Männer persönliche Erfahrungen mit Care- und Fürsorgearbeit haben.

PS: Passend zum Thema auch dieser Kommentar von Barbara Dribbusch in der heutigen taz. Man muss doch nicht alles in die Phase zwischen 30 und 40 packen!

Update: Bei Frau Lila gibt es jetzt auch den Audiomitschnitt der Diskussion zum Download”

Wer macht die unbeliebten Arbeiten? Zum blinden Fleck des Grundeinkommens

Das Grundeinkommen ist eine wunderbare Idee, wie ich finde. Es würde helfen, eine Menge ungelöster Fragen zu beantworten. Hätten wir ein Grundeinkommen, bräuchten wir uns nicht mehr über Hartz IV zu ärgern, könnten das Urheberrecht entsorgen, wären weniger erpressbar im Hinblick auf „Arbeitsplätze abbauen“ und so weiter.

Dass das Grundeinkommen eine Idee ist, die sich auch sehr gut mit feministischer Wirtschaftsethik verträgt, habe ich zusammen mit politischen Freundinnen bereits 2004 in einem Text geschrieben.

Allerdings darf man nicht meinen, das Grundeinkommen wäre so eine Art Wunderrezept, das uns ganz automatisch ins Paradies bringt. Insbesondere ein Aspekt ist daran problematisch, und ich finde es inzwischen sehr ärgerlich, wie hartnäckig sich insbesondere männliche Grundeinkommens-Befürworter weigern, das Thema anzugehen: die Frage, wie das mit der Haus- und Fürsorgearbeit geregelt werden soll.

Viele scheinen sich das so vorzustellen, dass Hausarbeit, Kindererziehung, Pflege von Kranken und Alten doch umso besser im Privaten geregelt werden kann, wenn wir erstmal ein Grundeinkommen haben. Denn es sei doch ein Vorteil, wenn diejenigen, die diese Arbeiten bislang gratis und stillschweigend erledigten (mehr Frauen als Männer, früher nannte man sie „Hausfrauen“) dann ihr eigenes Geld hätten.

So gehört habe ich das schon auf diversen Podien, unter anderem auch von Götz Werner (dessen Engagement für das Grundeinkommen ich ansonsten großartig finde). Na toll, denkt die Feministin. Die einen verwirklichen sich selbst mit dem Grundeinkommen, die anderen räumen weiter den Dreck weg. Klasse Idee.

Natürlich kommt dieses „Wir erledigen die Fürsorgearbeiten privat und ohne Bezahlung, weil es gibt ja ein Grundeinkommen“-Argument vorderhand geschlechtsneutral daher (theoretisch können ja auch Männer ihre alten Eltern pflegen). Aber trotzdem ist hier eine gewisse Skepsis angesagt. Würden die Männer denn auch in der Praxis? Genauso selbstverständlich wie die Frauen? Im Schnitt, nicht nur im Einzelfall?

Ein Beispiel, das mich in dieser Hinsicht mal wieder skeptisch macht, flatterte kürzlich durch meine Timeline. Ein kleines Video von Sascha Liebermann, einem der maßgeblichen Protagonisten des Grundeinkommens in Deutschland. Er wurde nach einem Vortrag von einer Teilnehmerin genau das gefragt: Wer denn die unbeliebten Arbeiten machen würde, wenn wir erstmal ein Grundeinkommen hätten.

Seine Antwort ist aufschlussreich: Als Beispiel wählt er das Kloputzen. Wenn wir nicht wie jetzt Menschen dazu zwingen, weil sie keine andere Möglichkeit haben, an Geld zu kommen, dann hätten wir, so Liebermann, drei Möglichkeiten: Wir können diese Arbeiten besser bezahlen, wir können uns technische Möglichkeiten ausdenken, sodass sie nicht mehr nötig sind, und wir können die Arbeit selber machen.

Das stimmt natürlich. Allerdings hat er eine vierte Möglichkeit vergessen: Die Möglichkeit nämlich, dass diese Arbeit einfach nicht mehr gemacht wird. Beim Kloputzen ist das durchaus eine Option – bleibt das Klo halt dreckig. Wem’s stinkt, der wird sich schon was einfallen lassen. Wer je in einer WG gewohnt hat, weiß, wie zwiespältig ein solches Verfahren ist, und dass es diejenigen bevorzugt, die im Bezug auf Dreck am ignorantesten sind. Aber darauf will ich jetzt gar nicht hinaus.

Mein Punkt ist ein anderer: Das Liebermann-Modell (und viele männliche Grundeinkommens-Befürworter argumentieren ähnlich) baut darauf, dass sich mit dem Grundeinkommen neue Aushandlungsprozesse initiieren lassen, die dann höchstwahrscheinlich auf eine bessere Lösung als heute hinauslaufen. Das glaube ich in der Tat auch. Das Problem an dieser Idee ist nur, dass dieser Plan bei den meisten der klassischen Fürsorgearbeiten nicht funktionieren kann: Wenn Babies gewickelt und gefüttert werden müssen, wenn Alte versorgt werden müssen, dann kann man es nicht drauf ankommen lassen. Dann ist die Möglichkeit, dass es heute eben mal niemand macht, weil grad keiner Lust hat, keine Option, die wir zulassen können. Hier haben wir es nämlich nicht mit Dingen zu tun, sondern mit Menschen, mit Menschen, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind, und zwar jetzt und sofort.

Das Modell „Bezahlen wir mehr“ funktioniert nur für die Reichen unter ihnen. Das Modell „technische Lösungen“ greift hier auch nur zum kleinen Teil, weil es nicht nur um „Arbeit“, sondern auch um Zuwendung geht. Und das Modell „Selber machen“ funktioniert sowieso nicht, weil die Arbeit ja überhaupt nur deshalb anfällt, weil diejenige Person, um die es geht, sie nicht selbst machen kann.

Also: Wer macht diese Arbeiten, wenn wir keine billigen Erzieherinnen, Krankenschwestern, Altenpflegerinnen mehr haben? Oder anders gesagt: Wie stellen wir sicher, dass sie auch dann noch getan werden, und zwar jederzeit und sofort, wenn wir niemanden mehr dazu zwingen können?

Auf diese Frage gibt das Grundeinkommen für sich genommen keine Antwort. Ebenso wenig wie die Marktwirtschaft (die stellt nämlich nur sicher, dass die profitablen Arbeiten getan werden). Deshalb brauchen wir an dieser Stelle eine Kulturdebatte, die die Freiheit, die ein Grundeinkommen bedeuten würde, nicht nur dahingehend interpretiert, dass wir dann alle „selbstbestimmt und autonom“ tun können, wonach uns der Sinn steht. Sondern wir müssen diese Freiheit dahingehend interpretieren, dass sie auch für die Einzelnen die Verpflichtung beinhaltet, das Notwendige zu sehen und sich ganz konkret für die Bedürftigkeit anderer Menschen (und idealerweise dann auch noch für andere Notwendigkeiten, wie das Kloputzen) verantwortlich zu fühlen.

Und genau um so eine Kultur steht es nicht gut. Einen meiner Texte, in dem ich darüber nachdenke, warum Frauen immer noch den Großteil der Haus- und Fürsorgearbeit erledigen, kommentierte ein Mann einmal folgendermaßen: “Frauen ziehen also immer noch den Kürzeren. Sie müssen sich um Kinder, Alte und Haushalt kümmern (die Haustiere hat sie dabei noch vergessen). Wer sagt eigentlich, dass sie müssen? Wer zwingt sie dazu? Das Patriarchat, verkörpert durch den Herrn und Gebieter daheim?” (mehr hier)

Ganz offensichtlich hat er ein sehr eingeschränktes Verständnis von “müssen”: Er versteht es als äußeren Zwang. Und er beobachtet diesbezüglich eine geschlechtsspezifische Differenz, womit er meines Erachtens Recht hat: Viele Frauen empfinden häufig Notwendigkeiten, die ihnen Pflichten auferlegen, auch wenn kein äußerer Zwang existiert. Eine Mutter zum Beispiel “muss” sich ja nicht deshalb um ihr Kind kümmern, weil irgendein Dritter sie dazu zwingt oder sie ansonsten Sanktionen zu befürchten hat, sondern weil die innere Logik der Situation dies erforderlich macht.

Genau dies ist der Punkt, an dem wir weiterdenken könnten: Wie kann dieses „Müssen“, das eben nicht aus Zwang, sondern aus dem Sehen von Notwendigkeiten und der Übernahme von Verantwortung resultiert, gesellschaftlich verbreitet werden? Sodass wir sicher sein können, dass es immer genug Leute gibt, die das tun, was getan werden muss – und hoffentlich eben nicht nur Frauen?

Ein Grundeinkommen allein wird das nicht schaffen. Sicher, es wird Ressourcen freisetzen, es wird neue Kulturen entstehen lassen und ein neues Verhältnis zur Arbeit, aber eben nicht von heute auf morgen. Menschen, die auf Hilfe und Fürsorge angewiesen sind, können aber nicht mal eben ein paar Jahre warten, bis sich möglicherweise unsere Kultur irgendwann mal verändert haben wird.

Es hilft nichts: Es gibt einfach viele Leute, die glauben, nur dann etwas tun zu „müssen“, wenn jemand sie dazu zwingt. Und sie stellen für das Projekt Grundeinkommen ein ernstes Problem dar. Das spricht aus meiner Sicht nicht gegen ein Grundeinkommen. Es ist aber ein Thema, das diskutiert werden muss, eine Herausforderung, die nicht unter den Teppich gekehrt werden darf.

Und deshalb ärgert es mich, wenn maßgebliche Vordenker des Grundeinkommens an dieser Stelle ein Dauer-Blackout pflegen. Auffällig oft kommen sie übrigens, statt über Fürsorgearbeit zu sprechen, in solchen Diskussionen auf die wissenschaftliche Lehrtätigkeit zu sprechen – wie auch Sascha Liebermann in dem oben erwähnten Video. Offenbar ist die freie Selbstentfaltung des Denkers alles, was sie sich unter „freiwilliger“ Arbeit vorstellen können. Vor vier Jahren war ich bei einer Podiumsdiskussion in Frankfurt, bei der einer der Mitdiskutanten – ein Uniprofessor, ich habe vergessen, wer – gefragt wurde, ob er denn nicht ein Beispiel wüsste für Menschen, die arbeiten, auch wenn sie es nicht wegen des Geldes müssten. Er dachte ziemlich lange nach und führte dann sich selbst als Beispiel an: Schließlich würde er öfter mal noch abends an der Uni bleiben und viel mehr lesen, als man in acht Stunden schaffen kann.

See the problem? Diesem Mann kam es noch nicht einmal in den Sinn, dass es ein viel offensichtlicheres und überzeugenderes Beispiel für Arbeit ohne Bezahlung gibt: die Hausfrauen (und heute zunehmend auch Hausmänner). Ihre Existenz allein beweist, dass die Grundthese des Grundeinkommens stimmt, wonach Menschen eben nicht in erster Linie wegen des Geldes arbeiten. Nur sind eben die meisten Grundeinkommens-Theoretiker bei diesem Thema auf hartnäckige Weise ignorant.

Das sind dann so Situationen, in denen ich finde, es wäre durchaus angemessen, mal einen Kübel Scheiße über den Redepulten auszuschütten. Damit man mal riechen und fühlen kann, worum es eigentlich geht.

(Eine gekürzte Fassung dieses Blogposts erschien auch in: Werner Rätz, Hardy Krampertz: Bedingungsloses Grundeinkommen – woher, wozu, wohin? AG Spak Bücher, 2011)


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Unterwegs in die falsche Richtung. Überlegungen zu Elisabeth Badinter

Die Frau und die Revolution - in Frankreich schon immer ein schwieriges Verhältnis. Hier das berühmte Gemälde von Eugène Delacroix von 1830 mit dem Titel "Die Freiheit führt das Volk".

Was soll man von den Thesen von Elisabeth Badinter halten? Ihr neues Buch „Der Konflikt. Die Frau und Mutter“ erscheint dieser Tage auf Deutsch, und nach einem ersten Rundgang durch die Feuilletons scheint es mir im Wesentlichen ähnliche Gedanken zu enthalten, wie sie sie schon 1980 in ihrem Buch „Mutterliebe“ entwickelt hat: Dass das, was wir heute für einen „natürlichen Mutterinstinkt“ halten, ein historisches Phänomen ist, ein Konstrukt, entstanden im 18. und vor allem 19. Jahrhundert. Und offenbar sieht Badinter die Gefahr, dass dieser Müttermythos, den die Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts halbwegs erfolgreich kritisiert hat, heute mit großer Wucht wiederkommt.

Verkennt sie damit die emanzipatorischen Selbstverständlichkeiten von jungen Frauen, wie Frau Stricktier in ihrem Blog meint? Oder sind wir in Deutschland noch viel rückständiger als Frankreich und haben die düsteren Müttermythos-Zeiten nie verlassen, wie Barbara Vinken in der taz schreibt?

Badinters Feminismus steht in der Tradition von Simone de Beauvoir, die 1949 in „Das andere Geschlecht“ die These aufstellte, dass sich Mutterschaft und selbstbestimmtes Leben gegenseitig ausschließen oder zumindest behindern: Weil Mütter durch die Schwangerschaft körperlich eingeschränkt sind, weil sie durch die Notwendigkeit, für Babies zu sorgen, bei anderen Aktivitäten behindert werden, seien sie gegenüber den Männern im Nachteil gewesen, was die konsequente Verfolgung eigener Projekte betrifft – und daraus sei letztlich das Patriarchat entstanden.

Nun muss man wissen, dass Beauvoir eigentlich keine Feministin war (als solche verstand sie sich erst in den 1970er Jahren), sondern Existenzialistin. Also Vertreterin einer bestimmten Philosophie, die die Autonomie des Menschen und seine Selbstverwirklichung dezidiert ins Zentrum stellte. (Wer es genauer wissen will, bitte hier entlang).

Schon Beauvoir gibt Frauen den Rat, sich möglichst von den „Belastungen“, die das Kinder Gebären und das Für Kinder Sorgen unweigerlich mit sich bringe, zu „befreien“. Allerdings war dies bei ihr ein philosophisches und revolutionäres Konzept: Ziel war es, ein freier Mensch zu werden, in dem Sinne, dass man sich nicht äußerlichen Gegebenheiten unterwirft, sondern die eigenen Ideen in die Welt bringt.

Badinter banalisiert letztlich Beauvoirs Idee, indem sie die existenzialistische Selbstverwirklichung auf das Erfolgreichsein innerhalb gesellschaftlicher Gegebenheiten zurechtstutzt: Frauen sollen nicht so viel Gedöns um das Kinderhaben machen, damit sie beim Karrieremachen nicht mehr als nötig ins Hintertreffen geraten. Mehr Angepasstheit geht kaum.

Allerdings muss man auch sagen: Die Gefahr, durch Kinderhaben und vor allem durch das Kinder Versorgen wirtschaftliche und soziale Nachteile zu haben, ist natürlich vollkommen real. Das zeigen all die Studien über ungleiche Karrierechancen und ungleiche Entlohnung und so weiter und so fort. Badinter hat also durchaus Recht, wenn sie junge Frauen davor warnt, sich von den Statusgewinnen und den Lobhudeleien verführen zu lassen, die eine bestimmte konservative Tradition mit der Mutterschaft verbindet. Und sie hat auch recht, dass es Frauen gibt, die sich beim ersten beruflichen Gegenwind in die Häuslichkeit flüchten (ob es viele sind, weiß ich nicht). Richtig ist auch, dass das Bemühen, eine möglichst „gute Mutter“ zu sein, manchmal über das Ziel hinausschießt und dass in diesem Zusammenhang oft unerträglich besserwisserische „Ratschläge“ an Mütter ergehen. Vor allem aber hat Badinter Recht, wenn sie darauf hinweist, dass es riskant ist, sich finanziell von einem Mann abhängig zu machen – Männer können Familien verlassen, Männer können auch arbeitslos werden.

Also keine Frage: Eine Frau, die sich entscheidet, wegen der Kinder beruflich kürzer zu treten, sollte sich das gut überlegen und nicht im Rausch des Ehe- und Familienkitsches einfach mal so das Beste hoffen. Aber: Das Ergebnis dieser Überlegungen steht nicht fest, wenn es uns mit der Freiheit der Frauen ernst ist. Und schon gar nicht kann der generelle Verzicht von Frauen auf „Familienphasen“ eine Lösung für das dahinter stehende gesellschaftliche Problem sein.

Eine Lösung, die mir schon besser gefällt, ist eine, die in Deutschland zunehmend angestrebt wird, und zwar die Einbeziehung der Männer in die Fürsorge- und Erziehungsarbeit. Sicher, zahlenmäßig sind wir da noch nicht sehr weit und leider hat die Debatte zuweilen eine frauenfeindliche Schlagseite (Männer brauchen mehr Rechte, ohne Männer funktioniert nichts), aber das Bemühen ist doch immerhin erkennbar. Würden die „Belastungen“ durch das Kinderhaben auf Männer und Frauen gleichmäßiger verteilt, wären wir schon einen guten Schritt weiter.

Ich glaube, in dieser Hinsicht ist Deutschland weiter als Frankreich. Eine meiner Lieblings-Steilen-Thesen ist ja, dass die so oft gerühmten besseren Kinderbetreuungsmöglichkeiten in Frankreich insgeheim auch damit zusammenhängen, dass die Männer dort nicht wirklich Lust haben, sich aktiv an der alltäglichen Versorgung der Kinder zu beteiligen. Etwa nach dem Motto: Geben wir den Frauen lieber bessere Kinderbetreuung, bevor sie am Ende von uns verlangen, dass wir das machen. (Ich bin noch nicht dazu gekommen, dem Gedanken wirklich nachzugehen, Erkenntnisse dazu also bitte in die Kommentare schreiben, das würde mich sehr interessieren. Gibt es zum Beispiel Studien über den Anteil von Vätern, die in Frankreich Elternzeit nehmen, oder etwas dergleichen?)

Immerhin war Frankreich das Land, in dem die Ideologie der strikt „getrennten Sphären“, in denen Männer und Frauen je zuständig sein sollen, erfunden wurde. Nirgendwo in Europa waren Ehefrauen so rechtlos wie dort (zum Beispiel durften sie ohne einen Erlaubnisschein ihrer Männer nicht reisen, noch im 19. Jahrhundert), nirgendwo war der Widerstand gegen die Gleichberechtigung der Frauen so groß wie dort, und nirgendwo (außer in der Schweiz) hat es so lange gedauert bis sie wenigstens das Wahlrecht bekamen (bis 1945). Weder in England noch in Deutschland, von Skandinavien ganz zu schweigen, war der Geschlechterdualismus jemals so stark im Alltagsleben ausgeprägt wie in Frankreich, obwohl auch diese Länder natürlich patriarchal waren. Und nirgendwo wurde das Männliche so sehr zum Maßstab für die gesamte Kultur gemacht wie in Frankreich.

Ich denke, das hat Auswirkungen bis heute. Es erklärt, warum französische Feministinnen so empfindlich reagieren, wenn sie das Wort „Geschlechterdifferenz“ nur hören (wobei es aber auch welche gibt, die das Thema umso gründlicher bearbeitet haben, Luce Irigaray zum Beispiel ). Und es erklärt auch, warum es in Frankreich vielleicht schwerer vorstellbar ist, dass sich im Zuge der Überwindung von Geschlechterdualismen nicht nur die Frauen den Männern anpassen, sondern auch andersrum.

Doch auch die komplette Gleichverteilung der Kinderfürsorge auf beide Geschlechter, wie sie in Deutschland und Skandinavien angestrebt wird, wäre für mich noch keine wirklich gute Lösung. Und zwar deshalb, weil die Ungleichheit ja trotzdem weiter bestünde: zwar nicht mehr zwischen Frauen und Männern, aber doch zwischen Eltern und Kinderlosen.

Ich gehe noch einen Schritt weiter und frage: Stimmt denn überhaupt Beauvoirs Ausgangsthese, dass die „Belastung“ durch Kinderversorgung diejenigen, die das machen, zwangsläufig und naturnotwendigerweise ins Hintertreffen bringt? Oder entsteht diese „Belastung“ nicht vielmehr erst durch eine Kultur, die im Kinderversorgen etwas Unnormales, Unmännliches sieht?

Die Matriarchatsforschung hat gezeigt, dass es vor der Entstehung des Patriarchats Gesellschaften gegeben hat, in denen die Generationenbeziehungen im Zentrum standen. Gesellschaften, in denen Mütter keine „spezielle“ Sorte von Menschen waren, sondern eine tragende Funktion hatten und eingebunden waren in die ganz „normalen“ Abläufe und Institutionen. Ein Kind zu haben und zu versorgen muss also nicht naturnotwendigerweise dazu führen, dass die Mutter (oder eben auch der Vater, wenn er diese Arbeit macht) ins Hintertreffen gerät. Es kommt darauf an, wie die Gesellschaft politisch und ökonomisch organisiert ist.

Sicher, von einem solchen Zustand sind wir weit entfernt. Und solange die Welt ist, wie sie ist, solange wir Kinder als Privatproblem ihrer Eltern betrachten, solange man Fürsorgearbeit in der „Freizeit“ erledigen muss und solange man das Lebensnotwendige nur bekommt, wenn man erwerbstätig (oder mit einem gut verdienenden Mann zusammen) ist – solange müssen Frauen, die Kinder haben wollen, realistisch mit dieser Situation umgehen und ihre Konsequenzen im Hinblick auf ihre Lebensplanung ziehen.

Aber das heißt nicht, dass sie sich mit dem Status Quo zufrieden geben müssen. Ihr Wunsch, Zeit mit Kindern zu verbringen, die familiären (und andere persönliche) Beziehungen ins Zentrum ihres Lebens zu stellen und nicht die Pflege ihrer „Employability“, ist ernst zu nehmen, gerade auch als gesellschaftsveränderndes Potenzial. Zumal die Berufstätigkeit von Frauen ja heute längst nicht mehr jene Freiheit verheißt, die Beauvoir damit noch verbunden hat: Statt sich selbst zu „transzendieren“ bedeutet Erwerbsarbeit für nicht wenige Menschen heute bloßes Funktionieren im Sinne der Marktanforderungen.

In der Tat sind es momentan ja gerade diejenigen jungen Frauen (und Männer), die Kinder haben und beruflich und politisch aktiv sein möchten, die darauf drängen, dass sich hier Sachen verändern. Sie setzen durch, dass die Arbeitszeit flexibler wird, klagen bei den Kolleginnen Verständnis ein, wenn mal was liegen bleibt, weil das Kind Fieber hat, kämpfen für Teilzeitstellen so weiter. Das sind zwar alles noch mikroskopisch kleine Veränderungen, aber immerhin. Und sie tun damit nicht nur sich selbst, sondern meiner Ansicht nach der Gesellschaft insgesamt einen Gefallen.

Das heißt, ich finde es gut, wenn Mütter (und eben auch inzwischen so manche Väter) darauf bestehen, dass sie keine Lust haben, sich zwischen Kinderhaben und Karrieremachen entscheiden zu müssen. Wenn sie darauf bestehen, dass Kinderhaben mehr ist als die Kleinen morgens zur Krippe zu bringen und abends wieder abzuholen. Und wenn sie fordern, dass sich ihre Arbeitgeber oder auch andere Nichteltern gefälligst darauf einzustellen haben. Das alles hat mit Müttermythos überhaupt nichts zu tun, sondern einfach nur damit, dass eine Auflösung der alten Geschlechterdualismen sich nicht damit begnügen kann, die ehemals „weibliche“ Seite zu verändern (die Familie und das Private). Die ehemals „männliche“ Seite (der Beruf, die Öffentlichkeit, die Politik) muss sich ebenfalls verändern.

Wenn man sich also ausgehend von der derzeit unbefriedigenden Situation auf den Weg macht, sollte man darauf achten, dass die Richtung stimmt. Und die Richtung, die Elisabeth Badinter vorschlägt, stimmt meiner Meinung nach nicht.

PS: Badinter ist damit im Übrigen auch keine typische Vertreterin der Frauenbewegung, nicht einmal der inzwischen auch schon „alten“ der 1970er Jahre, die schon damals viel grundsätzlicher über das ganze Thema diskutiert hat.

PPS: Einige Anregungen, was es bedeutet, sich vom autonomen Erwachsenen als Modell für normales Menschsein zu verabschieden und die Welt ausgehend von der Gebürtigkeit zu denken, entwickelt auch Ina Praetorius in diesem Video.

PPPS: Vielleicht auch interessant in dem Zusammenhang mein Artikel „Abschied von der guten Mutter“


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Eindrücke aus dem skandinavischen Frauenparadies

Osloer Geschäfte präsentieren Schaufensterpuppen in normalem Körperformat. Diese dürren Gerippe, die man normalerweise so kennt, gab es dort aber auch.

Vorige Woche war ich ein paar Tage in Oslo. Keine Recherchereise, sondern Freundinnenbesuch, aber in Zeiten wie diesen ist es ja, wie ich schon mal geschrieben habe, Bürger_innenpflicht, die eigenen Eindrücke von der Welt mit anderen zu teilen.

Und Norwegen ist für ein feministisches Blog natürlich besonders interessant, weil es eines dieser skandinavischen Länder ist, die in Sachen Gleichberechtigung immer besonders gute Noten bekommen. Deshalb war ich auch neugierig, das mal mit eigenen Augen zu sehen. Wie sind die Verhältnisse in einem Land, wo konservative Minister eine 40-Prozent-Frauenquote für Aufsichtsräte durchsetzen? Wo es schon früh eine Ministerpräsidentin gab? Hier einige Dinge, die mir aufgefallen sind, ergänzt um einige Infos, die ich dazu gelesen habe.

Das erste, was mir merkwürdig vorkam, war die Abwesenheit weiblicher Personenbezeichnungen. Meine Freundin, eine Deutsche, die seit drei Jahren in Oslo lebt, erzählte mir gleich mal, dass sie in dem Kindergarten, wo sie jetzt arbeitet, nicht mehr „Assistent“ ist, sondern „pädagogischer Leiter“. Ähemm, dachte ich, wieso redet sie so komisch, aber bald stellte sich heraus, dass das in Norwegen so üblich ist. Man benutzt nur die männliche Form.

Allerdings scheint das eine Eigentümlichkeit des Norwegischen schlechthin zu sein, da man auch für Dinge weibliche und männliche Formen bedeutungsgleich verwenden kann. Es ist zum Beispiel möglich, „die Straße“ oder „der Straße“ zu sagen, bloß „das Straße“ wäre falsch. Das heißt, es gibt entweder eine geschlechtliche oder eine neutrale Form, und es ist letztlich egal, ob die geschlechtliche Form weiblich oder männlich ist. Wobei offenbar die weibliche Form irgendwie „altmodischer“ klingt. Das sagte man früher so, oder das sagen die Leute aus dem Land. Aber in der kosmopolitisch-modernen Großstadt heißt es „der“ oder „das“, das „die“ wurde mehr oder weniger abgeschafft.

Das bestätigte sich auch am nächsten Tag, als wir die Nationalgalerie besuchten, und da auf einigen Gemälden aus dem 19. Jahrhundert „Malerinnen“ abgebildet waren, so das norwegische Wort, das eins-zu-eins offenbar so ähnlich wie „der Malerin“ übersetzt werden müsste. Eine leibhaftige Malerin, die mit uns dort war, bestand aber darauf, dass sie niemals so genannt werden wollte, das würden nur die Leute vom Land noch sagen, sie sei „Maleren“, also „der Maler“.

Hm, dachte die feministische Linguistin in mir, muss ich noch mal drüber nachdenken. Immerhin war es zu Beginn der Debatte in den 1980er Jahren auch in Deutschland unter Feministinnen umstritten, ob das Dilemma der männlichen Sprache (also die Tatsache, dass die männliche Form im Plural für beide Geschlechter gilt, die weibliche aber nur für reine Frauengruppen) dadurch gelöst werden soll, dass die weibliche Form stark gemacht wird oder ob man die besser ganz abgeschaffen sollte, um die Unterscheidung aus der Welt zu schaffen. In der DDR ging man bekanntlich den zweiten Weg, und es gibt auch durchaus Gründe dafür. Unterm Strich bin ich aber immer noch dafür, die Existenz des Weiblichen auch in der Sprache auszudrücken. Wobei das Deutsche an diesem Punkt mit dem Norwegischen nicht wirklich vergleichbar ist, weil die Unterscheidung weiblich/männlich im Artikel hier eben wichtig ist, also man kann nicht einfach „der Straße“ oder „die Kühlschrank“ sagen und behaupten, das wäre korrektes Deutsch.

Natürlich habe ich auch gleich danach Ausschau gehalten, ob sich diese sprachliche Irrelevanz des Weiblichen und Männlichen irgendwie im Alltagsleben bemerkbar macht, also ob es Zeichen für eine Auflösung der Zweigeschlechtlichkeit gibt. Das war nicht der Fall. Mir ist kein Mensch begegnet, bei dem oder der nicht auf den ersten Blick klar gewesen wäre, ob es ein Mann oder eine Frau ist (Die Malerin, die darauf bestand, „ein Maler“ zu sein, trug Zöpfchen und Rock, zum Beispiel).

Besser als in Deutschland scheint allerdings die Verteilung der Erziehungsarbeit auf Männer und Frauen zu klappen. „Hier streiten sich Eltern sogar vor Gericht darüber, wer Erziehungsurlaub nehmen darf“, informierte mich meine Freundin. Kein Bedarf offenbar für große propagandistische Anstrengungen in dieser Hinsicht. In der Tat hatte ich den Eindruck, dass nahezu alle Kinder, die mir auf der Straße begegneten, in der Begleitung von Männern unterwegs waren. In einem 2007 erschienenen Reiseführer („Gebrauchsanweisung für Norwegen“ von Ebba D. Drolshagen) las ich: „Die Elternzeit für Mütter beträgt acht Monate bei voller Lohnfortzahlung, ein ganzes Jahr bei etwa 80 Prozent, Väter können sechs Wochen „Papa-Urlaub“ nehmen, was knapp drei von vier Vätern tun.“ Meine Freundin meinte, das Gesetz sei inzwischen dahingehend geändert worden, dass Väter oder Mütter die Elternzeit gleichermaßen nehmen können, aber genau wusste sie es nicht (anyone? Dann bitte im Kommentar posten).

Der Anteil von Vätern, die eine Erziehungsauszeit von der Erwerbsarbeit nehmen, ist also eklatant höher als in Deutschland, und das, obwohl die Gesetzgebung die Mütter bevorzugt (oder zumindest bis vor kurzem bevorzugt hat). Ohnehin scheint mir diese Debatte in Norwegen weniger von männerrechtlichen oder väterrechtlichen Tendenzen beeinflusst zu sein als hierzulande, wo es ja leider oft auf eine Konkurrenz der Eltern um Rechte über das Kind hinausläuft. Auch die Begleitmusik, die in Deutschland oft den Einfluss der Mütter schmälern möchte – etwa mit Diskussionen darüber, dass zu viele Frauen im Umfeld Kindern schaden, dass Mütter zuviel glucken oder sonst alles mögliche falsch machen, sodass Männer in der Erziehung irgendwie korrigierend eingreifen müssen – scheint in Norwegen nicht so laut zu spielen. Ich vermute, es ist dort eher gelungen, die stärkere Einbeziehung von Männern in die Betreuung und Erziehung kleiner Kinder zu fördern, ohne dass das latent zu Lasten der Frauen geht oder gar eine antifeministische Schlagseite bekommt.

Ein ganz wichtiger Faktor dabei ist natürlich die individuelle soziale Absicherung. Soweit ich es verstanden habe, sind alle Erwachsenen materiell eigenständig versorgt. Das heißt, aus einer Ehe oder gemeinsamer Elternschaft folgt nicht, dass einzelne Erwachsene für andere Erwachsene finanziell einstehen müssen. Erstens einmal gibt es kaum Arbeitslosigkeit, sondern eher einen Arbeitskräftemangel, was auch der Grund dafür ist, dass der Staat schon immer größere Anstrengungen als in Deutschland unternommen hat, um auch Frauen, die Kinder haben, die Teilnahme am Erwerbsarbeitsleben zu ermöglichen. Und wenn doch mal jemand arbeitslos wird, dann springt der Staat ein und es wird nicht der Ex-Partner/die Ex-Partnerin herangezogen. Das nimmt natürlich viel Konfliktstoff heraus, denn die meisten väter- und männerrechtlichen Argumente in Deutschland speisen sich ja aus der Klage über Unterhaltsverpflichtungen, die die betreffenden Männer als ungerecht empfinden und nicht leisten wollen.

Ein anderer Faktor könnte auch sein, dass es in Norwegen noch Spuren matrilinearer Traditionen gibt. Es ist jedenfalls nicht, wie in Deutschland, allein die väterliche Linie, die den Status eines Menschen prägt. Zum Beispiel sind die Norweger_innen große Fans von Trachten, die sie (schreibt jedenfalls Dolshagen) gerne bei festlichen Gelegenheiten tragen. Und man darf immer nur die Tracht tragen, die aus der Gegend kommt, aus der die Mutter stammt. Außerdem wird sprachlich genau zwischen Großeltern mütterlicherseits und väterlicherseits unterschieden, das heißt, es gibt zwei Worte für „Oma“, je nachdem, ob es sich um die mütterliche oder die väterliche Linie handelt.

Ebba Drolshagen schreibt auch, dass jedes zweite Kind unehelich geboren wird, dass jede zweite Ehe geschieden wird, dass bei Eheschließungen die Frauen fast immer ihren Geburtsnamen behalten und dass auch die Kinder normalerweise den Nachnamen der Mutter tragen (anders als hier). Sie können jedoch – wenn ein entsprechender Antrag gestellt wird – den Nachnamen des Vaters bekommen. Das alles sind Zeichen dafür, dass „ordentliches“ Kinderkriegen in Norwegen nicht so eng wie in deutscher Tradition an das Vorhandensein einer heterosexuellen Partnerschaft geknüpft wird. Mir gefällt das gut. Woran das liegt, habe ich nicht rausfinden können. Eine Erklärung, die gerne romantischerweise angeführt wird, waren die alten Wikinger, bei denen die Männer auf Schiffen unterwegs waren und die Frauen zuhause ohnehin alleine den Laden schmissen. Aber das liegt ja nun doch schon ein paar Jährchen zurück.

Wenig verwunderlich ist jedenfalls, dass auch das Gender-Pay-Gap in Norwegen viel geringer ausfällt als in Deutschland: Hier verdienen Frauen im Schnitt nicht 24 Prozent, sondern nur 10 Prozent weniger als Männer. Allerdings heißt das auch: Ein gewisser Unterschied besteht immer noch. 10 Prozent sind zwar im internationalen Vergleich wenig, aber trotzdem nicht nichts. So ganz gelöst ist das Problem der Unvereinbarkeit von kapitalistischer Erwerbsarbeit und der Notwendigkeit von Haus- und Fürsorgearbeit also auch in Norwegen noch nicht.

Dass es wenige antifeministische Einwände gegen eine gleichberechtigte und selbstbewusste Gegenwart von Frauen in der Öffentlichkeit, im Erwerbsleben, in der Politik gibt, liegt ganz sicher auch daran, dass soziale Gleichheit in Norwegen ein positiver Wert an sich ist – und nicht als herablassende Wohltätigkeit der Reichen gegenüber den Armen angesehen wird, wie es in Deutschland der Fall ist und sich momentan sogar wieder verstärkt. Natürlich ist Norwegen ein reiches Land, die Erdölvorkommen polstern den Staatshaushalt, und es muss nicht gespart werden, sondern man kann verteilen.

Aber das ist ja erst seit den 1960er Jahren so, vorher war Norwegen arm, und die positive kulturelle Einstellung zu sozialer Gleichheit ist schon älter als der Geldregen aus dem Erdöl. Manche führen sie auf die pietistische Religiosität zurück, in der es als „ungehörig“ galt, mehr haben zu wollen als andere oder gar sich selbst auf Kosten anderer zu bereichern. Sogar die Königsfamilie muss hier das Kunststück bewerkstelligen, zwar einerseits „königlich“ zu wirken, andererseits aber „ganz normal“ zu bleiben. Wer herausragt, wer mehr hat als andere, muss sich dafür rechtfertigen und wird nicht auch noch dafür gefeiert. Es liegt auf der Hand, dass eine solche Kultur mehr soziale und materielle Gleichheit – auch zwischen den Geschlechtern – hervorbringt.

Unglaublich (aus deutscher Sicht), aber ganz entscheidend wichtig ist dabei auch die Tatsache, dass man in Norwegen die Steuererklärungen aller Leute im Internet nachlesen kann. Transparenz in Punkto Einkommen ist natürlich ein ganz zentraler Faktor, um überhaupt zu wissen, was vor sich geht. So manche Frau würde vielleicht auch in Deutschland viel selbstbewusster in Gehaltsverhandlungen gehen, wenn sie sich vorher im Internet darüber informieren könnte, wie viel denn ihr Kollege genau bekommt.

Doch so gravierend all diese Unterschiede auch sind, so wenig prägend erlebte ich das im ganz normalen Alltag. Auch in Norwegen traf ich Männer, die, sobald die Diskussion etwas politisch wurde, in jenen besserwisserischen und belehrenden Tonfall schalteten, der mich auch hier in Deutschland so oft nervt. Und auch die „Beziehungskisten“-Probleme scheinen, soweit ich Einblick erhalten habe, nicht wesentlich anders zu verlaufen, als wir das hier gewohnt sind. Kultur ist eben mehr als Sozialstaat.

Das alles ist freilich nur ein Sammelsurium von Dingen, die mir in dieser kurzen Reise begegnet sind und durch den Kopf gingen, keine letztgültige feministische Analyse der norwegischen Geschlechterverhältnisse. Aber der Blick von außen ist doch immer eine Quelle für Inspirationen, allein schon deshalb, weil er die Perspektiven weitet.


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Auch unter Linken ist die Bedürftigkeit der Menschen ein Tabuthema

Er hält sich hartnäckig, der Mythos von der Eigenverantwortlichkeit. Nicht nur neoliberale Leistunsträger-Ideologie, sondern auch die linke Kritik an sozialer Ungleichheit setzt immer noch  auf den autonomen Selbstversorger-Mann/Mensch als Modell für das, was wir uns unter gelungenem Menschsein vorzustellen haben. “Menschen müssen von ihrer Arbeit leben können” heißt es zum Beispiel in einer kirchlichen Stellungnahme oder, wie in einem taz-Kommentar: “Die Entstigmatisierung von Hartz IV als normale Sozialleistung und nicht als Fürsorge ist der einzig positive Aspekt des Bürgergeld-Vorschlags der FDP.”

Aber diese Gegenüberstellung von “Fürsorge” und “normale Sozialleistung” ist Unsinn. Eher andersrum wird ein Schuh draus: Nur wenn wir Bedürftigkeit und Fürsorge als “normalen” menschlichen Zustand begreifen, werden wir auch das Rechts- und Sozialsystem so einrichten, dass niemand dabei auf der Strecke bleibt.

Kein Mensch kann von seiner Arbeit leben. Auch nicht die Starken und die Leistungsträger. Das angeblich so unabhängige und für sich selbst sorgende “Ich” der männlichen Philosophie haben Feministinnen schon lange problematisiert und hinterfragt. Dabei gab es verschiedene Ausgangspunkte: Etwa die Kritik daran, dass die Frauen oder das Weibliche in dieser Logik tendenziell das Objekt, das Andere sind, dem Subjektivität abgesprochen wurde oder auch, konkreter und simpler, die banale Tatsache, dass die in so einer Perspektive ins Abseits gedrängten Care- und Fürsorgearbeit dann von den Frauen geleistet wurden und werden (mit den bekannten Problematiken). Doch dieser genderspezifische Blick ist nur der Ausgangspunkt. Worum es vor allem geht ist, dass wir den sozialen Herausforderungen mit diesem Menschenbild niemals gerecht werden.

Dem autonomen, individuellen Subjekt stellen viele feministische Theoretikerinnen die Relativität, die Beziehung gegenüber. Sie haben in ganz vielen Publikationen bereits gezeigt, dass Menschen nur in Beziehungen leben und überleben können (besonders wichtig für mich sind hier Hannah Arendt und ihr Bild vom “Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten” aus der Vita Activa zu nennen sowie Martha Finemans Auseinandersetzung mit “The Autonomy Myth” – um nur zwei Literaturtipps von vielen anzuführen).

In einem Sammelband, dem wir den Untertitel “Zu einer Weltsicht der Freiheit in Bezogenheit” gaben, entwickelten wir die Idee weiter, dass es eigentlich nicht nur um die Pflege und Aufmerksamkeit für Beziehungen geht – die ja letztlich das autonome Subjekt nicht wirklich hinterfragen, sondern erstmal nur in einen neuen Kontext stellen – sondern um Bezogenheit, also eine Seinsweise, die das Menschsein generell betrifft, auch unabhängig von den konkreten Beziehungen, die in einer gegebenen Situation tatsächlich gepflegt werden: Beziehungen können wir uns bis zu einem gewissen Grad verweigern, die Tatsache der Bezogenheit hingegen ist nicht hintergehbar.

Michaela Moser, eine der Autorinnen dieses Buches und Vizepräsidentin des Europäischen Armutsnetzwerks, geht noch einen Schritt weiter. Wo wir von “Bezogenheit” sprechen, spricht sie von “Bedürftigkeit”, verlagert also die Aufmerksamkeit noch einmal auf einen Punkt, der dem vermeintlich “autonomen” Subjekt vollends gegen den Strich gehen muss. Klingt “Bezogenheit” noch akzeptabel, weil gegenseitig, als Geben und Nehmen, legt der Hinweis auf unser aller Bedürftigkeit den Finger genau in die Wunde.

Als sie kürzlich bei mir zu Besuch war, habe ich mit Michaela Moser ein kleines Interview geführt, in dem sie das genauer erklärt:

Dr. Michaela Moser ist Mitarbeiterin der Dachorganisation der Schuldnerberatungen und der Armutskonferenz und Vizepräsidentin des Europäischen Armutsnetzwerks EAPN. Ihre Dissertation schrieb sie 2008 zum Thema „A good life for all. Feminist ethical reflections on women, poverty and the possibilities of creating a change“.

Hier noch einige Links zum Weiterlesen:

* Michaela Moser: Banken, Betteln, Bedürftigkeit. Anmerkungen zur Finanzkrise, SozialschmarotzerInnen und einem notwendigen Perspektivenwechsel (in “Apfel”, Zeitschrift des österreichischen Frauenforums Feministische Theologie. Zum Downloaden auf Heft 88 gehen).

www.attac.at – u.a. div Thesenpapiere zur Finanzkrise
www.bzw-weiterdenken.de – ein Internetforum für Philosophie und Politik
www.armutskonferez.at – u.a. ein Aktionsplan mit konkreten Maßnahmen für eine Politik des Sozialen

Weitere Literaturtipps:

*Attac (Hg.), Crash statt Cash. Warum wir die globalen Finanzmärkte bändigen müssen, Wien: ÖGB-Verlag 2008.
*
Ina Praetorius (Hg.): Sich in Beziehung setzen. Zur Weltsicht der Freiheit in Bezogenheit, Königstein/Taunus: Ulrike Helmer Verlag 2005.