Wolle mer se neilasse?

“Wow let women in hacker/anarchist space, next thing you know there is harassment policy in place….”

Das ist der erste Kommentar unter einem Artikel von Hannah Grimm, in dem sie von den Entwicklungen berichtet, die in einem anarchistischen Hackerspace dazu geführt haben, dass bestimmte Anti-Harassment-Regeln dort eingeführt wurden. Der ganze Artikel ist auch interessant (für alle, die sich noch nicht mit dem Thema gut auskennen, die sich damit auskennen, werden das ein oder andere Deja Vu haben).

Ich möchte aber nicht über das Thema von Alltagssexismus schreiben und was gemischte politische Gruppen dagegen tun  können oder sollten. Was mich vielmehr angesprungen hat, war die Haltung, die hinter diesem spontanen Kommentar steht, und die meiner Ansicht nach ein grundlegendes Problem zeigt, das unsere Kultur noch immer mit der “Frauenfrage” hat.

Dass es nämlich offenbar immer noch  Männer gibt, die das Ganze für eine Frage halten, ob sie Frauen “reinlassen” sollen oder nicht.

Deshalb verrate ich hier mal ein kleines Geheimnis: Wir müssen gar nicht reingelassen werden, wir sind nämlich schon da. Wir waren schon immer da. Das ist nämlich unsere Welt genauso wie eure.

Ich glaube, dass viele Probleme in den Diskussionen zwischen Frauen und Männern nicht wirklich an inhaltlichen Differenzen liegen (obwohl es viele inhaltliche Differenzen gibt), sondern daran, dass diese Bewusstwerdung, die der Feminismus gebracht hat – dass Frauen freie Subjekte sind und dass dies ihre Welt ganz genauso ist – von zahlreichen Männern noch nicht verstanden wurde. Dass da immer noch im Hinterköpfchen die Idee vor sich hinschlummert, das wäre IHRE Welt, und sie hätten irgendeine Befugnis oder Verantwortung oder Möglichkeit, darüber zu entscheiden, ob Frauen “reingelassen” werden oder nicht.

Solange dieser “Klick” nicht stattgefunden hat, das wäre meine These, braucht man gar nicht zu diskutieren.

Um es an dem konkreten Fall deutlich zu machen: Das in politischer Hinsicht Entscheidende ist nicht, ob die betreffenden Männer in dem Hackerspace davon überzeugt werden können, dass es eine Anti-Harassment-Policy braucht. Das Entscheidende ist, dass ihnen klar wird, dass da andere sind, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen. Und zwar ganz unabhängig davon, ob sie selbst die Anliegen der anderen einsehen, verstehen, nachvollziehen können, gut oder schlecht finden. Einfach nur deshalb, weil die anderen da sind und man mit ihnen zu tun hat und man daran auch nichts ändern kann.

Und erst wenn diese selbstverständliche Akzeptanz einer freien weiblichen Subjektivität vorhanden ist – erst dann kann man ernsthaft miteinander darüber diskutieren, wie wir die Welt machen wollen, welche gemeinsamen Regeln wir finden. Und erst dann kann ich Gegeneinwände, die von Männern zu meinen Vorschlägen gemacht werden (wie zum Beispiel, dass eine Anti-Harassment-Policy auch negative Auswirkungen haben kann) ernsthaft in Betracht ziehen.

Man könnte es auch noch einfacher sagen: Bevor man einen Konflikt austragen kann, müssen erst mal alle Beteiligten verstanden haben, dass es da wirklich einen Konflikt gibt. Eine Differenz, die nicht aus der Welt zu schaffen ist. Weil es keine Option ist, die anderen einfach wieder vor die Tür zu setzen.

(Foto: Flickr.com/az1172)

Von sich selbst ausgehen und die “anderen”

arbogast

Wir sind das: Ina Praetorius, Michaela Moser, Ursula Knecht, Andrea Trenkwalder-Egger (hinten), Caroline Krüger, ich, Dorothee Markert, Cornelia Roth und Anne Claire Mulder (vorne, jeweils von links nach rechts).

Ende August veranstalte ich, wie einige wohl schon mitbekommen haben, zusammen mit acht Freundinnen eine “Denkumenta”, einen Kongress zum Weiterdenken am ABC des guten Lebens. Ich habe die Organisation der Anmeldungen übernommen und stelle fest: Die dort hinkommen werden, sind alle ziemlich ähnlich wie wir selbst: Weiße Frauen zwischen 40 und 70. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel: Es sind auch einige Männer dabei, auch einige jüngere und einige ältere Frauen. Aber die meisten sind wie wir.

Überraschung? Nein, so ist das immer: Die demografische Zusammensetzung derjenigen, die etwas initiieren, spiegelt sich ziemlich genau in der demografischen Zusammensetzung derjenigen wieder, die sich für die initiierte Sache interessieren und daran beteiligen möchten.

So ist es ja nicht nur bei uns, sondern auch bei Wikipedia, um nur ein sehr offensichtliches Beispiel zu nennen :)

Als wir uns im März zur Progammplanung trafen, hat sich das schon abgezeichnet, denn auch diejenigen, die auf unseren “Call for Contributions” geantwortet hatten und sich mit eigenen Beiträgen am Programm beteiligen, passen in unser demografisches Profil. Wir haben dann kurz darüber gesprochen, ob wir vielleicht aktiv gegensteuern sollten: Gezielt jüngere Frauen ansprechen? Männer ansprechen? Women/Men of Colour? Oder andere “andere”? Sollen wir versuchen, uns zu “diversifizieren”?

Schnell war uns klar, dass das Quatsch ist. Und zwar aus zwei Gründen.

Erstens sind wir durchaus “diversifiziert”. Wir sind religiös oder atheistisch, Heteras oder Lesben, haben mehr oder weniger Geld, sind Mütter oder nicht. Ganz abgesehen von den unterschiedlichen Meinungen, die uns viel Stoff zur Diskussion bieten. Es ist ein Fehler, zu glauben, Frauen zwischen 40 und 70 seien eine irgendwie homogene Gruppe.

Zweitens würde es ohnehin nicht funktionieren. Wir haben, indem wir bei der Vorbereitung von uns selbst ausgingen und dem, was uns interessiert, den Rahmen unweigerlich bereits abgesteckt. Wir können nicht von “anderen” verlangen, dass sie sich für unsere Anliegen interessieren – wir können nur offen und einladend sein für diejenigen, die es von sich aus tun. Sie sind herzlich willkommen. Wir werden dafür sorgen, dass es auch für sie ein angenehmes und interessantes Treffen wird. Weil es uns ja ausgesprochen freut, wenn sich “andere” für unsere Themen interessieren und den Austausch mit uns suchen.

Aber all das wird selbstverständlich nichts daran ändern, dass dieser Kongress einer sein wird, der von den Perspektiven, Interessen und Themen von “Leuten wie uns” dominiert wird.

Wenn wir mit “anderen” ins Gespräch und in Austausch kommen wollen, dann geht das nicht, indem wir sie dazu einzuladen, “bei uns mitzumachen”. Dann müsste die ganze Veranstaltung ganz von vorne anders geplant werden. Wir könnten dann nicht darauf warten, dass die “anderen” zu uns kommen, sondern wir müssten zu ihnen gehen, Beziehungen aufbauen, uns für ihre Themen interessieren.

Daraus könnten sich dann neue Projekte und Initiativen entwickeln, die wir gemeinsam anstoßen, und von denen wir allein gar nicht wissen können, wie sie aussehen. Jedenfalls würden sie ganz anders aussehen, als das, was wir selbst uns vorstellen.

Vielleicht machen wir das später noch mal. Als Einzelne machen wir das schon jetzt, in diversen anderen Projekten.

Aber diesmal nicht, diesmal denken wir an unseren Themen weiter, ausgehend von uns selbst, in all unserer Unterschiedlichkeit. Und ohne uns einzubilden, wir wären der Nabel der Welt und unsere Erfahrungen und Ansichten der Maßstab für alle. Das ist der Schlüssel.

Ich schreibe das hier auf, weil es mir schon länger im Kopf herum geht, und weil ich mit der Frage: “Wie erreichen wir die anderen?” sehr oft konfrontiert bin. Meistens fragen Leute: “Wie erreichen wir die Frauen?” – Oft wird auch gefragt: “Wie erreichen wir die Jüngeren?”. Mein Rat ist: Vergesst es, ihr “erreicht” sie nicht. Euer Vorhaben, das eigene Angebot für “andere” attraktiv zu machen, ist zum Scheitern verurteilt. Weil schon die dahinter stehende Denkweise falsch ist.

Die “anderen” – und das gilt, so behaupte ich, generell und ist auf alle möglichen Situationen anwendbar – sind keine “Zielgruppe”, die “erreicht” werden muss, sondern sie sind ein Gegenüber. Wer mit ihnen den Austausch sucht, darf nicht versuchen, sie irgendwie “anzulocken”, sondern muss hingehen. Also nicht fragen: “Wie kann ich es erreichen, dass sie sich für mich interessieren?” sondern fragen: “Interessiere ich mich denn überhaupt für sie? Und wenn ja: Warum gehe ich dann nicht zu ihren Veranstaltungen?”

Und beides schließt sich ja auch gar nicht aus. Man kann an dem einen Wochenende das Eigene machen (was Offenheit für “andere”, die sich dafür interessieren, meiner Ansicht nach sowieso beinhalten sollte), und an dem anderen Wochenende sucht man den Austausch mit anderen, die aus anderen Kontexten kommen und andere Themen haben.

Wobei das Ereignis, das wirklich “alle” umfasst, vermutlich erst noch erfunden werden muss. Und wahrscheinlich auch ziemlich langweilig wäre. Wichtig ist nämlich nicht, nach Universalität zu streben, sondern sich in jeder gegebenen Situation der eigenen Position und Perspektive bewusst zu sein. Und nicht den Anspruch zu erheben, für andere zu sprechen.

PS:
Wenn Ihr zur Denkumenta kommen wollt, ein paar Plätze sind noch frei.

Garbo statt Klum. Ein paar Gedanken zur Mittelmäßigkeit.

garbo

Ich denke weiter über Körpernormen nach. Nach wie vor glaube ich, dass sich heute im Vergleich zu vor dreißig Jahren (als ich 18 war) etwas wichtiges verändert hat, dass der Unterschied aber nicht darin liegt, dass Frauen sich zu dick fühlen – das taten sie damals wie heute – sondern darin, dass das Thema Körper und Aussehen heute einen anderen Stellenwert und eine andere gesellschaftliche Bedeutung hat. Aber welche?

Schon in der Kommentardiskussion zu meinem ersten Blogpost entstand bei mir die Vermutung, dass die Unzufriedenheit mit dem Körper heute möglicherweise oft nicht nur das ist, was es besagt – Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper eben – sondern dass das Körperthema ein Kulminationspunkt ist für Unzufriedenheiten aller Art mit sich selbst.

Selbstzweifel, ein gewisses Sich ungenügend Fühlen, gehört unweigerlich zum Leben dazu. Nobody is perfect. Heute aber herrscht, anders als früher, ein enormer Druck bei der Lebensplanung: unsichere Jobsituation, unsichere familiäre Rollenmodelle, ungewisse Zukunft – all das ist ein guter Nährboden dafür, sich ungenügend und überfordert zu fühlen.

Aber ich höre selten Menschen darüber sprechen, dass sie sich bei der Arbeit ungenügend fühlen, dass sie Angst haben, die Prüfung nicht zu schaffen oder keinen Job zu finden, oder dass sie generell an ihren Plänen für das weitere Leben zweifeln. Vielleicht spricht man über so etwas mit guten Freund_innen, aber es ist kein Thema bei Smalltalk, von ständigen Bemerkungen nebenbei.

Hingegen zu sagen, dass eins sich dick fühlt, dass dieses Stück Kuchen jetzt eigentlich zu viel ist, dass man eigentlich fünf Kilo abnehmen müsste, das passiert häufig. Ich höre es von Kolleginnen beim Mittagessen, neulich sogar von einer Wildfremden an der Käsetheke. Zu sagen: „Ich bin zu dick“ ist viel einfacher, als über andere Dinge zu sprechen, bei denen eins sich ungenügend gefühlt. Es wird schneller verstanden, ist sozial akzeptiert und nicht weiter erklärungsbedürftig. Aber es erfüllt eben dennoch den Zweck: das chronische Gefühl des Nicht-Genügens einfach mal rauszulassen, mit anderen zu teilen.

Zumal heutzutage Mittelmäßigkeit ja nicht mehr erlaubt ist. Das zeigt sich zum Beispiel in einem veränderten Verhältnis der „normalen Leute“ zu den „Stars“. Früher waren Stars etwas zum Anhimmeln, zum „Vergöttern“ (die Garbo), aber nichts, was eins ernsthaft auf sich selbst bezog. Die Garbo war die Garbo, und meine Mutter eine ganz normale Hausfrau. Heute hingegen sind Stars „Benchmarks“ für alle.

Das ist der eigentliche Grund dafür, warum Formate wie Germanys Next Topmodel so problematisch sind. Sie sagen uns nicht mehr: „Schau mal, wie außergewöhnlich schön diese Schauspielerin ist“, sondern: „Du kannst auch ein Topmodel sein, Du musst dich nur halt ein bisschen anstrengen.“

Hier schlägt letztlich eine pervertierte Variante der demokratischen Parole von der „Gleichheit aller Menschen“ durch, kombiniert mit einer Elitenideologie, in der Mittelmäßigkeit keinen Platz mehr hat. Und vielleicht ist das das eigentliche Problem: dass uns die Option auf Mittelmäßigkeit als normale und akzeptierte Daseinsform verloren gegangen ist, während es doch gleichzeitig in der Natur der Sache liegt, dass die Mehrzahl der Menschen eben mittelmäßig sind, in so ziemlich allen Bereichen des Lebens.

Früher war es eben ganz normal, mittelmäßig zu sein und ein durchschnittliches Leben zu führen. Natürlich ging das zuweilen auch mit einer ekligen Spießbürgerlichkeit einher. Man war stolz, nicht ins soziale Abseits „abzurutschen“ (und schaute verächtlich auf jene hinab, die sich dort befanden), hatte aber keinerlei Ambitionen, in die Glitzerwelt der Schönen und Reichen aufzusteigen. Das war ein gemütliches Leben, sozusagen.

Das Negative daran war diese „Schuster bleib bei deinen Leisten“-Ideologie, die zu Recht vom demokratischen Gleichheitsgedanken kritisiert worden ist. Weil sie verhinderte, dass Menschen überhaupt Ambitionen des Aufstiegs entwickelten. Aber der Kampf dafür, dass einzelne, die das wollen, die Möglichkeit zum Aufstieg bekommen, ist längst schon umgeschlagen in den Zwang zum Aufstieg. Wenn die das kann, warum du nicht auch?

Ein Freund erzählte mir von einem Managementprinzip in einem großen US-amerikanischen Konzern, das so funktioniert: Jedes Jahr werden die Top-Performer, die leistungsmäßig obersten 10 Prozent, belohnt, und die untersten 20 Prozent entlassen. Die Mittelmäßigen werden noch ein weiteres Jahr geduldet. Das System zeigt: Nur die Topleute sind wichtig, die Schlechten werden rausgeschmissen, und die Mittelmäßigen können nicht mittelmäßig bleiben, denn wenn sie sich nicht anstrengen und besser werden, sondern einfach nur so bleiben, wie sie sind, werden sie unweigerlich irgendwann aussortiert (das ist nur eine Frage der Zeit, weil ja der Abstand nach „unten“ immer kleiner wird).

Diese Ideologie, wonach es nicht mehr genügt, mittelmäßig zu sein, sondern man zum Überleben Top sein muss, führt paradoxerweise gleichzeitig zu einer gesellschaftlichen Uniformierung. Denn nicht mehr die Einzigartigkeit zählt (die lässt sich nämlich nicht benchmarken), sondern die Vergleichbarkeit. Die Qualität einer Person oder einer Arbeitsleistung wird nicht mehr in absoluten Werten gemessen (ist sie gut oder schlecht), sondern in relativen (ist sie besser oder schlechter als…).

Wirkliches Expertinnentum funktioniert nicht über Konkurrenz. Ich bin zum Beispiel „Germanys Topmodel“ in Bezug auf Wissen über Frauen in der Ersten Internationale. Aber da ich so ungefähr die einzige bin, die sich mit diesem Thema überhaupt auskennt, lässt sich dazu kein Ranking aufstellen. Ich bin die Beste von einer Gruppe, die aus einer Person besteht, haha. Ranglisten und Topmodels lassen sich nur bestimmen, wenn man Menschen vergleichbar macht. Mit Spezialthemen funktioniert das nicht. Man braucht also Themengebiete, wo es überhaupt möglich ist, miteinander konkurrieren.

Und das einzige, was wir tatsächlich alle gemeinsam haben, wo wir allesamt miteinander verglichen werden können, ist ein Körper. Wir alle sehen irgendwie aus. Das Aussehen ist schlicht und einfach das simpelste und vielleicht sogar einzige Thema, bei dem sich eine ganze Gesellschaft miteinander in einen Wettbewerb begeben kann.

Ich glaube, dass das der Grund dafür ist, warum unsere Gesellschaft eine solche Obsession in Bezug auf das Aussehen entwickelt hat. Der Kern dieses ganzen Schlamassels ist in Wahrheit gar nicht der Körper und seine Normierungen, sondern die Verkorkstheit unserer gegenwärtigen Kultur, die ständig alles mit allem vergleichbar machen will, weil sie keine wirklichen Qualitätskriterien mehr kennt.

Vielleicht könnte das sogar ein Grund sein für das große (und für mich immer so unverständliche) Bedürfnis nach „Genderisierung“ von Kindern, nach klaren Grenzen zwischen Jungen und Mädchen in blau und rosa: Die Geschlechterdifferenz zu zementieren, wenn auch auf alberne Art und Weise, könnte vielleicht ein letzter verzweifelter Versuch sein, wenigstens einen einzigen Bereich der Vergleichbarkeit zu entziehen. Wenn Frauen so sind und Männer so, dann spielen sie in verschiedenen Contests und brauchen nicht gegeneinander anzutreten.

Eine Gesellschaft, in der „Top-Sein“ nicht mehr an den eigenen, jeweils individuellen Begehren und Interessen orientiert ist, sondern daran, auch von der Allgemeinheit, von Hinz und Kunz sozusagen, als „Top“ anerkannt zu werden, ist dysfunktional. Sie behindert Individualität und Originalität, weil nur zählt, was vergleichbar ist. Und damit wird dann über die Hintertür die Mittelmäßigkeit wieder einführt, weil am Ende alle gleich und „normschön“ sind und grottensterbenslangweilig.

Das Gegenbild, das ich dazu im Kopf habe, sind die nächtelangen Gespräche, die ich als Doktorandin mit einer Freundin führte. Sie war ebenfalls Wissenschaftlerin und Expertin für eine ganz bestimmte Sorte antiker Romane. Die Welt um uns herum interessierte sich weder für ihr Forschungsthema noch für das meine, aber wir hatten tolle Gespräche. Wir kamen nie in Versuchung, miteinander zu konkurrieren, das wäre vollkommen absurd gewesen. Ich habe keine Ahnung von antiker Romanliteratur, und sie hatte keine Ahnung von Frauen in der Ersten Internationale. Und genau deshalb waren unsere Gespräche so interessant – wir hatten einander viel zu erzählen.

Die Sache ist also nicht aussichtlos, denn wir haben immer die Wahl: Sehen wir in anderen Menschen lauter herummäkelnde Heidi Klums, die uns antreiben, genauso „gut“ (schlank/normschön/sexy) zu werden wie sie selbst es (angeblich) sind?

Oder erkennen wir in ihnen die Garbo, sehen wir sie also wirklich als Andere, lassen uns von ihnen faszinieren, gerade weil wir nicht mit ihnen vergleichbar sind? Bewundern und respektieren wir sie, weil sie etwas können auf einem Feld, in dem wir selbst total mittelmäßig sind? Dann könnte unsere Begegnung wirklich interessant werden.

Es geht nicht um verletzte Gefühle

© Turi - Fotolia.com

© Turi – Fotolia.com

Eine immer wieder kehrende Argumentationsfigur im Zusammenhang mit Kritik an sexistischen oder rassistischen Vorfällen ist das Bedauern darüber, dass Gefühle verletzt wurden: Das sei keineswegs beabsichtigt gewesen.

„Es war nie unsere Absicht, mit dem Film die Gefühle der Zuschauer zu verletzen oder gar frauenfeindlich zu wirken“ schrieben etwa die Verantwortlichen für einen Werbeclip des Energiekonzerns Eon, in dem Gewalt gegen Frauen verharmlost wurde. Und der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer schrieb kürzlich, die Kritik an einer rassistischen Süßwarenbezeichnung sei berechtigt, denn „eine solche Bezeichnung kann Menschen, die Erfahrungen mit Rassismus in unserer Gesellschaft gemacht haben, verletzen.“ (Das sind nur zwei Beispiele, die mir jetzt spontan einfallen, falls Ihr weitere wisst, gerne in die Kommentar schreiben).

Immer wenn ich eine solche „Entschuldigung“ lese, werde ich fast noch ärgerlicher als über den ursprünglichen Sachverhalt. Denn der Verweis auf die angeblich verletzten Gefühle der Kritiker_innen ist keineswegs ein Entgegenkommen, wie es den Anschein erweckt, sondern ganz im Gegenteil die Verweigerung einer ernsthaften Auseinandersetzung. Es wird nämlich so getan, als sei der Grund für die Kritik die subjektive Befindlichkeit derjenigen, die die Kritik vorbringen. So als seien sie irgendwie besonders empfindlich. Großmütig ist man dann bereit, auf diese zart besaiteten Menschen Rücksicht zu nehmen – und konstruiert nebenbei eine Opfergruppe, der man dann gönnerhaft ein bisschen entgegen kommt.

Bei der Kritik an gesellschaftlichen Missständen wie Sexismus oder Rassismus geht es aber nicht um verletzte Gefühle oder „Betroffenheit“ – auch wenn Sexismus oder Rassismus zweifellos Gefühle von Menschen verletzen – sondern um eine Analyse von Strukturen. Wenn ich kritisiere, dass in Werbevideos Gewalt gegen Frauen verharmlosend dargestellt wird, oder wenn ich gegen die Darstellung von Frauen als sexualisierte willenlose Wesen protestiere, dann nicht weil „meine Gefühle als Frau“ dadurch verletzt würden. Sondern weil ich solche kulturellen Muster für schädlich halte – und zwar nicht nur für mich oder für die „Betroffenen“, sondern generell und für alle.

Diese Meinung muss man nicht teilen, aber ich will, dass man sich ernsthaft und argumentativ damit auseinandersetzt. Genau das wird aber mit der Unterstellung, meine „Gefühle“ seien verletzt worden, verweigert. Man nimmt mich als politisches Gegenüber schlichtweg nicht ernst.

Es gibt nämlich einen klaren Unterschied zwischen einer politischen Auseinandersetzung darüber, in welcher Gesellschaft wir leben möchten, und der Rücksichtnahme auf die Gefühle und subjektiven Befindlichkeiten anderer.

Letzteres – die Rücksichtnahme auf Gefühle – ist durchaus auch wichtig. In einer pluralistischen Gesellschaft können nicht immer alle einer Meinung sein, und nicht jede Differenz in den Werthaltungen und grundlegenden Überzeugungen kann und muss jederzeit ausdiskutiert werden. Wir haben und pflegen vielfältige Beziehungen zu Menschen, die in wesentlichen Dingen andere Ansichten haben als wir selbst, und es ist oft eine gute Idee, auf die Gefühle der anderen Rücksicht zu nehmen, damit die Beziehungen nicht zerbrechen.

Ich selbst war zum Beispiel einmal mit einem Mann aus einem anderen Kulturkreis liiert, der „gefühlsmäßig“ Probleme damit hatte, dass ich am Badesee nackt herumlief. Aus Rücksicht auf seine Gefühle zog ich also einen Badeanzug an, wenn er dabei war. Aber dieses Entgegenkommen war keineswegs ein Eingeständnis meinerseits, dass er mit seinen kulturellen Vorstellungen richtig lag, sondern lediglich ein Entgegenkommen, das die kulturelle Differenz zwischen uns gerade bewusst machte. Die Rücksichtnahme auf seine Gefühle half dabei, unsere Beziehung trotz aller Differenzen zu führen. Sowohl er als auch ich waren uns aber jederzeit darüber im Klaren, dass ich in Wirklichkeit den FKK-Bereich bevorzugte. Und wenn er mich nicht nur darum gebeten hätte, „ihm zuliebe“ einen Badeanzug anzuziehen, sondern wenn er von mir verlangt hätte, ihm darin zuzustimmen, dass ich nicht nackt in der Öffentlichkeit herumlaufen soll, hätte es nicht funktioniert.

Rücksicht auf die Gefühle anderer zu nehmen bedeutet, in Klartext übersetzt: „Ich teile deine Ansichten zwar nicht, aber ich verzichte darauf, das jetzt auszudiskutieren und meinen Standpunkt durchzusetzen, weil ich es wichtiger finde, die Beziehung zu dir aufrecht zu erhalten.“

Das kann nicht nur im Privaten, sondern auch unter gesellschaftlichen Gruppen eine sinnvolle Haltung sein. Wenn deutsche Zeitungen darauf verzichten, sarkastische Karikaturen des Propheten Mohammed abzudrucken, bedeutet das keineswegs, dass sie nicht mehr zu einem aufklärerischen Verständnis von Presse- und Meinungsfreiheit stehen, sondern lediglich, dass sie darauf verzichten, diese Freiheit jederzeit auszuleben, weil ihnen an guten Beziehungen auch zu denjenigen Menschen liegt, deren Gefühle durch solche Karikaturen verletzt werden.

Konkret stellt sich in solchen Situationen natürlich immer die Frage, wann es angemessen ist, eine Grundsatzdiskussion zu führen, auch auf die Gefahr hin, die Beziehungen dadurch zu beschädigen, und wann es besser ist, die Differenzen als solche vorläufig erst einmal stehen zu lassen und auf die jeweiligen subjektiven Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. (Wobei – aber das wäre ein anderer Blogost – eine gut geführte Grundsatzdiskussion auch dazu verhelfen kann, Beziehungen gerade zu vertiefen und zu einem neuen gemeinsamen Verständnis zu kommen. Aber dafür gibt es keine Garantie, es bleibt ein gewisses Risiko dabei, daher muss man das immer wieder neu entscheiden.)

So oder so bleibt es dabei, dass die Rücksichtnahme auf (womöglich sogar nur unterstellte) verletzte Gefühle die zugrunde liegenden Differenzen ganz und gar nicht aufhebt, sondern im Gegenteil bestärkt und manifestiert. Und deshalb verbietet sich der Verweis auf vermutete subjektive Befindlichkeiten immer dann, wenn jemand ganz bewusst eine politische Diskussion anregen möchte, wie es bei der Kritik an Rassismus oder Sexismus ja der Fall ist. Wo eine solche Kritik vorgebracht wird, geht es nämlich genau nicht mehr um subjektive Gefühle, sondern um eine gesellschaftliche Analyse, die zur Diskussion gestellt werden soll. Man muss diese Analyse nicht teilen, man kann dagegen argumentieren, aber man muss eine ernsthafte politische Auseinandersetzung darüber führen.

Sie einfach auf die Ebene von subjektiven Verbindlichkeiten abzuschieben, ist eine ganz perfide Rhetorik, die nichts anderes aussagt als: „Ich finde deine Einwände zwar nicht zutreffend, aber ich halte es auch nicht für notwendig, mich damit auseinanderzusetzen.“

Re:publica meets Feminism

Foto: Thomas Berg - Fotolia.com

Da ich dieses Jahr schon wieder nicht auf der Republica war – eigentlich aus denselben Gründen wie letztes Jahr – aber mich doch darüber gefreut habe, dass im Vergleich zu früher recht viele Frauen dort waren, habe ich das ein oder andere im Livestream angeschaut und war auch gespannt auf die Berichte hinterher. Hier, was mir aufgefallen ist.

1. Dreißig Prozent Frauen sind gefühlte Gleichberechtigung

Diese alte Faustregel scheint sich auch hier zu bewahrheiten. Wurde letztes Jahr noch über den niedrigen Frauenanteil auf den Panels diskutiert, so scheint in diesem Jahr nach allgemeiner Einschätzung zahlenmäßig alles Paletti gewesen zu sein. Manch einer schrieb gar, dass „gefühlt jede zweite Session“ was mit diesem Frauenzeugs zu tun hatte.

Dieses Auseinanderdriften von faktischer und gefühlter Frauenpräsenz ist typisch für eine Gesellschaft, die zwar Gleichberechtigung befürwortet, aber doch symbolisch männlich bleibt. Denn dreißig Prozent heißt: Der Frauenteil ist nicht mehr gar so arg niedrig, dass ganz offensichtlich irgendwas im Argen liegt. Und dann kann man es damit ja bewenden lassen.

Ich finde allerdings, man sollte sich hier nicht nur von Gefühlen leiten lassen, sondern objektiv bleiben und sich an die Zahlen halten. Dreißig Prozent sind zwar nicht nichts, sie mögen sogar eine gefühlte Übermacht sein, mathematisch sind sie aber nicht mal ein Drittel.

2. Frauen sind okay, aber bitte nicht über Feminismus reden

Auch über die reinen Zahlen hinaus, ob real oder gefühlt, wurde Unbehagen geäußert. Zwar nicht gegen die Anwesenheit von Frauen an sich, aber gegen das, was sie redeten. Zu viel Feminismus. Mich hat das zunächst erstaunt, denn mir war positiv aufgefallen, dass die meisten der von Frauen initiierten Panels sich gerade nicht explizit mit Feminismus beschäftigten, sondern allgemeine Themen aufgriffen – den Umgang mit Trollen, die Repräsentanz marginalisierter Gesellschaftsgruppen, das Flittern…

Aber es ist natürlich klar, wieso dieser Eindruck entstand, von Feminismus geradezu umzingelt zu sein: Auf diesen Podien saßen Frauen und auch einige Männer, die in diese „allgemeinen“ Themen eine feministische Sicht einbrachten. Die also die Geschlechterdifferenz als Analysekategorie ins Spiel brachten – und das machte dann in der Wahrnehmung vieler die gesamte Veranstaltung zu einem „Feminismusdings“. (Hier eine schöne Analyse von Dörte Giebel)

Ich nenne das die „Simone de Beauvoir-Falle“. Denn Beauvoir war die erste, die dieses Schicksal ereilte. Von einer anerkannten Philosophin und maßgeblichen Vertreterin des Existenzialismus mutierte sie in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer „Frauen-Frau“, als sie Das andere Geschlecht herausbrachte. Indem sie sich der Analyse der Geschlechterverhältnisse zuwandte, hatte sie ihren Status als allgemeingültige Denkerin verspielt. Und das, obwohl sie sich selbst nicht einmal als Feministin verstand (zu dem Zeitpunkt, der Frauenbewegung schloss sie sich erst später an).

Dieser Mechanismus bringt Frauen in ein ernstes Dilemma und ist meiner Ansicht nach einer der Hauptgründe dafür, warum sich viele nicht mit der Frauenbewegung und dem Feminismus identifizieren möchten. Denn wenn sie in ihren Fachgebieten einflussreich sein möchten, ist es faktisch kontraproduktiv, das Frausein zum Thema zu machen. Helga Hansen bringt das Dilemma in einem Rückblick zur Republica auf den Punkt, wenn sie fragt: „Muss ich in Zukunft verschweigen, dass ich Feministin bin, damit mich auch ZDFneo ernst nimmt, oder vielleicht gleich als Mann auftreten, damit meine Themen endlich als hart angesehen werden?“

Ja, genau das ist der Vorschlag, den die „gleichberechtigte“ Welt den Frauen macht. Wobei, wohlbemerkt, dieses „als Mann auftreten“ nicht etwa bedeutet, dass dabei Geschlechtergrenzen und Stereotype überwunden werden. Denn wie sollte man etwas überwinden, das man gar nicht thematisieren darf, sondern als nebensächlich betrachten muss?

Frausein als solches ist kein Problem. Das Frausein zu thematisieren ist das Problem. Dass Simone de Beauvoir eine Frau war, wusste jeder, auch schon lange bevor sie „Das andere Geschlecht“ schrieb. Dass sie eine Frau war, gefährdete ihre Position als „echter Philosoph“ nicht. Aber dass sie ein Buch über das Frausein schrieb, in Kombination mit der Tatsache, dass sie selbst eine Frau (also quasi eine „Betroffene“) war – das war es, was sie als allgemeine Philosophin disqualifizierte.

Der Knackpunkt ist also damals wie heute nicht die Frage: Wie kommen Frauen irgendwo rein? Sondern: Wie können Frauen die Geschlechterdifferenz thematisieren, ohne dass sie deswegen den Status von etwas „Besonderem“ bekommen und in der Konsequenz dann nicht mehr auf das gehört wird, was sie zu sagen haben? (Bei einer Tagung zum Thema „Sichtbar und einflussreich, ohne sich anzupassen haben wir das vor einiger Zeit schon einmal diskutiert. Hier ein Protokoll).

Etwas hat sich immerhin seit den Zeiten von Beauvoir geändert: Es gibt heute auch Männer, und nicht mal wenige, die die Geschlechterdifferenz kritisch thematisieren und denen dabei die Freiheit der Frauen am Herzen liegt. Damals hingegen war es zwar Jean-Paul Sartre, der die Idee hatte, man müsse mal die Geschlechterdifferenz aus einer existenzialistischen Perspektive heraus analysieren. Aber diese Idee kam ihm nur, um das Projekt Beauvoir vorzuschlagen. Wieso hat er das Buch eigentlich nicht selbst geschrieben? Und: Wäre sein Status als “Philosoph” dadurch ebenfalls gefährdet gewesen?

Ich würde mich gerne mal mit feministischen Männern darüber austauschen, ob sie auch die Erfahrung machen, „partikularisiert“ zu werden, sobald sie in nicht-feministischen Kontexten Geschlechterverhältnisse zum Thema machen. Oder ob die Tatsache, dass sie ein Mann sind, sie vor dieser Falle schützt. Vielleicht ergibt sich ja mal die Gelegenheit.

3. Differenzen unter Frauen

Die symbolische Unordnung einer Welt, in der das Männliche weiter die Norm bleibt und das „Sprechen für die Allgemeinheit“ an die Bedingung geknüpft ist, dass expliziter Feminismus tabu bleibt, hat eine bedenkliche Nebenwirkung: Es erschwert eine fruchtbare Diskussion von Frauen untereinander. Denn das ganze Setting bringt Frauen, die das Geschlechterverhältnis dennoch thematisieren, in eine gewisse Verteidigungshaltung. Angesichts all der unqualifizierten Angriffe ist die Versuchung groß, zusammenzurücken, sich gegenseitig zu loben, zu unterstützen, zu feiern.

Das ist natürlich auch wichtig. Aber jede Theorie, jede politische Bewegung, jede Initiative, die Neues in die Welt bringen will, braucht auch ein echtes, kritisches Feedback. Denn wie soll ich mich weiterentwickeln, wie soll ich Fehler entdecken, wie soll ich auf neue Ideen kommen, wenn niemand mich kritisiert? Wenn niemand mir sagt, was ich besser machen kann, wenn mich niemand darauf hinweist, wenn mir etwas nicht gelungen ist? Das ist die schwierigste Aufgabe, die aus meiner Sicht nun ansteht: Eine konfliktreiche, aber gerade deshalb fruchtbare Diskussion unter Frauen und feministischen Männern hinzukriegen.

Am Anfang dieser Diskussion steht eine Entscheidung, die jede persönlich treffen muss: Wem höre ich zu, mit wem rede ich, mit wem setze ich mich auseinander? Und mit wem nicht? Das ist die berühmte „Politik der Beziehungen“, die die Frauenbewegung erfunden hat. Und zwar mit der Erkenntnis, dass es nichts bringt, dieses „Mit wem rede ich? Mit wem setze ich mich in eine Beziehung?“ davon abhängig zu machen, mit wem ich inhaltlich übereinstimme und mit wem nicht (wie es in der „Parteipolitik“ üblich ist).

Die Frage ist, ob man die Auseinandersetzung mit dieser bestimmten Person für interessant und spannend hält. Ob ich ihr oder ihm Autorität zuspreche – zum Beispiel die Autorität, mein Handeln kritisch zu beurteilen. Die Philosophin Andrea Günter hat das einmal so beschrieben: Autorität hat für mich eine, mit deren Ansichten ich nicht übereinstimme, bei der ich aber doch nicht umhin kann, mich mit ihr auseinanderzusetzen.

Bloße Solidarität unter Frauen bringt nicht weiter, auch nicht angesichts einer weitgehend ignoranten Umgebung. Es sind unsere Differenzen, die uns weiterbringen, an denen entlang wir neue Erkenntnisse gewinnen, mehr Sicherheit im Handeln und den Mut zu Visionen, die über das Immergleiche hinausgehen.

Auch im Zusammenhang mit Republica-Rückblicken sind ja erste Differenzen unter Frauen schon aufgekommen. Ich finde, genau das ist ein ganz hervorragender Ausgangspunkt für weitere feministische Netzpolitik.


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Gespräch über Gott und die Welt

Mit einer Frage von Benni auf Formspring begann vor ein paar Tagen dieses Gespräch über Gott und die Welt, das dann in philosophischen Überlegungen zu Immanenz und Transzendenz mündete. Ich finde es interessant genug, um hier sortiert auch im Blog dokumentiert zu werden. Vielleicht möchten sich ja andere auch noch daran beteiligen…

Benni: Stimmt es, dass Du „Gott“ und „Gutes Leben für Alle“ synonym verwendest? Hab das irgendwo gelesen von Dir. Vielleicht in diesem e-mail-Wechsel?

Antje: Hm, ja, schon. Aber nicht im Sinne einer Definition. Eher mache ich die Erfahrung, dass man es tatsächlich oft synonym verwenden kann. Je nach Kontext, mit wem man spricht. Also Leute, denen „Gott“ nichts sagt, die will ich nicht missionieren, sondern umschreibe, was ich meine, mit „gutes Leben für alle“. Was genau das ist, muss natürlich unbestimmt bleiben, man kann es ebenso wenig fassen, wie „Gott“. Und andersrum: Leuten, die „Gott“ so verwenden, dass es dem „guten Leben für alle“ widerspricht, denen widerspreche ich, dass es das dann wohl nicht sein kann.

Benni: Dann ist „Gott“ für Dich was komplett Immanentes? Ist das so wie bei Spinoza? Also Gott als in der Welt allgegenwärtige „Substanz“ und nicht als etwas außerhalb der Welt stehendes? Weil sonst würde das ja nicht zusammengehen, oder?

Antje: Nein, nicht immanent. (Spinoza kenn ich nicht.) Eher geht es darum, eine Beziehung zwischen immanent und transzendent zu beschreiben. Gott/das „gute Leben für alle“ ist durchaus transzendent im Sinne von nicht verfügbar, nicht kontrollierbar, nicht herstellbar, nicht beweisbar. Aber man kann sich zu ihm in Beziehung setzen, sich daran orientieren (auch wenn er/es nicht existiert im Sinne von „Beweisbarkeit“), herbeisehnen, darauf hin arbeiten usw. Interessanter Weise sind ja die Einwände dieselben: „Gott gibt es nicht“ „Das gute Leben für alle gibt es nicht“. Ist mir egal, weil ich trotzdem so tue als ob, gewissermaßen :) Was findest du an Spinoza interessant?

Benni: Die radikale Immanenz seiner Weltsicht (obwohl religiös formuliert). Und seine Sprache, die von der Mathematik (Axiom, Satz, Beweis, …) inspiriert ist und gleichzeitig inhaltlich aber jeden Formalismus hinter sich lässt – das spricht einen Computer-Nerd mit geisteswissenschaftlichem Interesse wie mich natürlich an. Und schließlich, dass er den berühmteren Zeitgenossen Descartes aber so was von alt aussehen lässt, insbesondere was dessen Dualismus angeht. Er ist sozusagen der Beweis, dass der schon immer falsch war, nicht erst von heute aus betrachtet. Außerdem wird er von zeitgenössischen postoperaistischen Philosophen gerne als Basis ihrer Erzählungen genutzt, das hat mich auf die Spur gebracht.

Wieso glaubst Du, dass die Möglichkeit eines guten Lebens für alle nicht beweisbar sei? Zumindest für die materielle Seite ist das ja anhand verfügbarer Güter relativ einfach möglich.

Antje: Ja klar. Aber das gute Leben hat ja nicht nur eine materielle Seite. Es bringt auch nichts, zu versuchen, es zu „beweisen“, viel interessanter ist an einer Praxis zu arbeiten, wie man ihm näher kommt bzw. sich an dieser Idee im Alltag orientieren kann. Leute, die angeblich genau wissen, wie das gute Leben aussieht und wie es allgemein implementiert werden kann, sind mir genauso suspekt wie diejenigen, die angeblich genau wissen, was Gott will.

Benni: Ja klar. „Beweisen“ ist das falsche Wort. Für mich ist es halt einfach nur plausibel aus den Daten ableitbar. Das ist doch schon was anderes als „glauben“. Schwächt das nicht das Streben nach dem guten Leben, wenn man es als bloßen „Glauben“ betrachtet?

Antje: Für mich ist Gott auch plausibel aus den Daten ableitbar :)) – kleiner Scherz… „Glauben“ (im biblischen Sinn) ist ja auch nicht glauben im Sinne von vermuten, annehmen, mutmaßen (als Gegenteil von Wissen), sondern heißt eigentlich (wörtliche Bedeutung von „pistis“ in Griechisch) „vertrauen“. So gesehen ist Glauben keine Schwächung (das wäre er nur verglichen mit dem stärkeren „Wissen“), sondern eine Stärkung (verglichen mit Hoffnungslosigkeit, Pessimismus, Zweifeln): Es gibt zwar Unwägbarkeiten und ich habe in der Tat keine Garantie, dass es klappt, aber ich vertraue darauf, dass es gehen kann. Aus den verschiedensten Gründen (eigene Erfahrungen, Erzählungen von anderen etc.)

Benni: Ok, ich brauch erst mal einen Schritt zurück: Was genau ist denn das „Gute Leben für Alle“ für Dich? Ich würde darunter das alte „Jeder nach ihren Bedürfnissen, jede nach ihren Fähigkeiten“ verstehen. Du auch?

Antje: Ich finde es schwierig, da eine Definition zu finden. Für mich ist „gutes Leben für alle“ eher so was wie ein Kriterium zur Beurteilung einer Situation, einer Idee, eines Vorschlags: Dient dies oder das dazu, das gute Leben für alle zu befördern oder nicht? Wenn es abstrakt, also vom Kontext losgelöst definiert wird, kann jede „Maßnahme“ auch für andere Zwecke instrumentalisiert werden. Auch was jemandes Bedürfnis ist und was jemandes Fähigkeiten sind steht ja nicht abstrakt fest, sondern muss jeweils in einer Situation verhandelt werden. Mir würde es schon reichen, wenn wir uns darauf verständigen könnten, dass das „gute Leben für alle“ der Maßstab sein soll und nicht irgendwas anderes, so wie meistens. Und zwar eben wirklich, und nicht instrumentell…

Benni: Und Du glaubst nicht, dass „Gutes Leben“ hauptsächlich etwas mit Erfüllung von Bedürfnissen und Einsetzen von Fähigkeiten zu tun hat? Womit denn sonst noch so?

Antje: Damit sicher auch. Noch wichtiger sind aber gelingende Beziehungen. These: Ein einzelner Mensch im Paradies hat kein gutes Leben (hab ich auch aus der Bibel, aber nicht nur daher :)) Jetzt könnte man Beziehungen natürlich unter „Bedürfnisse“ subsumieren, aber der springende Punkt ist, dass die Figur des „Anderen“ dabei nicht expliziert ist. Gutes Leben ist Bezogenheit, und vor allem die Fähigkeit/Möglichkeit, sich auf Anderes zu beziehen. Das Andere ist vielleicht auch ein Synonym für Gott.

Benni: „Schwächung“ meinte ich in Bezug auf das transzendente Moment. Mit der Immanenz haben wir alle zu tun, Transzendenz ist aber keine gemeinsame menschliche Basis. Glaubst Du nicht, dass das eine Schwächung für das Anliegen des Guten Lebens Aller ist?

Antje: Ich denke schon, dass Transzendenz eine gemeinsame menschliche Basis ist, aber nicht alle machen sich das klar. Die Vorstellung, wir wären ganz auf die Immanenz (also letztlich auf uns selbst und das, was schon da ist) angewiesen, finde ich beängstigend. Es entspricht auch nicht meinen Erfahrungen.

Benni: Mit „dem Anderen“ kann ich glaube ich deswegen wenig anfangen, weil das für mich impliziert, der Mensch sei erst mal da und dann käme diese(s|r) „Andere“ dazu. „Mensch“ heißt aber für mich immer schon Bezogenheit und Gesellschaftichkeit.

Antje: Bezogenheit und Gesellschaftlichkeit sind aber nicht automatisch auch Bezogenheit auf das ANDERE. Es gibt auch Gesellschaften, die auf Gleichheit, Übereinstimmung, Normen, Konventionen usw. bauen. (bzw. jede Bezogenheit/Gesellschaftlichkeit hat vermutlich Anteile von beidem). Dieser Aspekt der Offenheit für bzw. Interessiertheit an der Andersheit der anderen (und nicht an ihrer Uns-Ähnlichkeit bzw. Uns-Gleichheit) ist es, den ich betonen will. Die anderen sind für uns eben auch immer ein Stück weit „transzendent“, d.h. unverständlich, fremd, irritierend, falsch, doof und es gehört Übung dazu, damit gut leben und umgehen zu können. Aber es ist eine Vorraussetzung für gutes Leben für alle…

Benni: Für mich beinhaltet die Gesellschaftlichkeit des Menschen immer beides zusammen: Bezogenheit aufeinander als Gleiche (weil Menschen) und als Verschiedene (weil _unterschiedliche_ Menschen). Dann meint „Das Andere“ nur den zweiten Teil?

Antje: Nein, die „Gleichheit“ gibt es natürlich auch und in politischen Strukturen ist sie wichtig, aber sie ist nur ein Modell, das heißt, sie kommt im wirklichen Leben nie vor (es gibt sie nicht, in konkreten Situationen haben wir es IMMER mit Ungleichheit zu tun). Ich würde eher zwischen zwei Varianten von „anderen“ unterscheiden: Das „andere“ bezogen auf mich (Beispiel: das Andere wird interpretiert im Hinblick darauf, wie es sich von mir unterscheidet, was ihm natürlich nicht gerecht wird – Beispiel „Frausein“ in Abgrenzung zum „Mannsein“ definieren oder Muslime über ihre Unterschiede zu Christen). Oder das „andere“ bezogen auf alles, auf das Noch-Nicht, auf die eigenständige, vom Vergleich zu mir unabhängige Differenz. In politischen Diskussionen wird das Andere meistens im ersteren Sinne verstanden. Das Konzept „Transzendenz“ hilft mir vielleicht, das „andere“ im zweiteren Sinn zu verstehen.

Benni: Ok, ich glaube, wir verstehen unter Transzendenz was ganz Unterschiedliches. Für mich ist das etwas, das außerhalb der Welt ist und deswegen meiner Erkenntnis und meinem Handeln nicht zugänglich, das unabhängig vom Menschen Wahrheit beansprucht.

Antje: Vielleicht liegt der Unterschied darin, dass ich Immanenz bzw. Transzendenz nicht absolut definiere, sondern kontextbezogen. Ich stimme z.B. Luisa Muraro zu, die sagt, Gott sei kontingent. Also nur in einer bestimmten konkreten Situation da und relevant, nicht absolut. Von daher ist seine/ihre Transzendenz auch auf die jeweilige Situation bezogen, und in gewisser Weise könnte man sagen, ein Kind, das an den Weihnachtsmann glaubt und sich auf die von ihm gebrachten Geschenke freut, übt sich in Transzendenz ein. Nun kann man hingehen und sagen: Der Weihnachtsmann ist aber nur der verkleidete Papa, also – ätsch – immanent. Und das dann weiter treiben bis wohin auch immer und sich darüber streiten, ob man irgendwo an eine Grenze kommt, wo es dann „wirklich“ transzendent ist. Das interessiert mich eben nicht. Denn in einer konkreten Situation ist die Transzendenz so oder so eine Realität. Und der Witz ist, dass keine Situation denkbar ist, in der keine dieser „kontingenten Transzendenz“ vorhanden ist. Die Herausforderung besteht nicht darin, dass diese immer letzten Endes doch „immanent“ ist, was sein kann oder auch nicht sein kann, sondern dass man in der Lage ist, mit diesem „transzendenten Aspekt“ in jeder Situation etwas Vernünftiges und Sinnvolles anzufangen. Dafür ist es – in der Situation – vollkommen egal, ob irgendwann mal rauskommen wird, dass es doch immanent war oder nicht.

Warum genau ist Dir radikale Immanenz wichtig? Was hast Du gegen Transzendenz?

Benni: Ich glaube, wir verstehen da einfach was Unterschiedliches drunter. Deine Einstellung immer nach dem konkreten zu gucken, auf die menschlichen Beziehungen, fällt für mich durchaus unter radikale Immanenz. Das was für Dich schon Transzendenz ist, also alles was über das Jetzt hinaus weist, Hoffnung zum Beispiel, ist für mich noch nicht Transzendenz. Keine Ahnung, ob das irgendeiner „offiziellen“ Definition entspricht, ich habe es jedenfalls schon oft in dieser Form verwendet gesehen. Was dann noch übrig bleibt für Transzendenz ist eben alles was sich außerhalb der Welt abspielt, alles Spirituelle, Göttliche oder auch nur übermenschlich wahre. Jede Berufung auf Instanzen außerhalb menschlicher Beziehungen (oder der Naturgesetze). Dagegen hab ich etwas, weil das vom Miteinander ablenkt und von den konkreten Problemen. Meistens wird sowas strategisch eingesetzt um Herrschaftsansprüche durchzusetzen. Früher war es halt „Gottes Wille“, dass der eine Knecht sei und der andere Herr, heute ist es „der Weltmarkt“ zum Beispiel (wobei der Fall beim Weltmarkt komplizierter liegt als bei Gott, weil da die Transzendenz versteckt ist und quasi-natürlich auftritt).


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Frei sein. Frau sein.

Ich bin gerade dabei, einen Workshop vorzubereiten, und dabei ist mir folgender Textabschnitt von Luisa Muraro wieder einmal in die Hände gefallen. Da in den Diskussionen in diesem Blog (und auch sonstwo) immer mal wieder die Frage gestellt wird, warum es heute denn überhaupt noch notwendig und sinnvoll ist, von Frausein zu sprechen, und weil die einen darauf mit “Ist es eben gar nicht” antworten und die anderen mit “Weil Frauen immer noch diskriminiert und benachteiligt sind” – beides finde ich falsch – dachte ich…

… ich stelle das hier einfach mal zur Diskussion.

Wir haben nicht gewählt, als Frauen geboren zu werden, und gerade diese Tatsache macht es unabdingbar, das Frausein zu akzeptieren. Simone Weil lehrt, dass das Akzeptieren der Notwendigkeit Freiheit schafft. … Frei-Werden  und ein weibliches Subjekt werden – das ist eins.

Das Werden des weiblichen Subjekts umfasst das Menschsein, die Geschlechtsidentität und die persönliche Einzigartigkeit – alle drei Dinge zusammen…. Ich hasse den Ausdruck „ich als Frau“, denn er spiegelt die sinnlose Unterscheidung zwischen Frausein und Menschsein wider. Menschsein ist Frausein, Menschsein ist Mannsein. Was Frauen und Männer gemeinsam haben, darf nicht einfach vorausgesetzt werden, denn vor dem Frausein/Mannsein gibt es kein Menschsein. Was wir mit dem anderen Geschlecht gemein haben, wird sich aus eventuellen Übereinkünften ergeben, aus der wechselseitigen Anerkennung der beiden Geschlechter bezüglich kultureller, emotionaler und politischer Fragen. Oder es ergibt sich aus den kulturellen Zwängen, die wir weiterhin bekämpfen werden, im Namen einer freien Interpretation der Geschlechterdifferenz. In der westlichen Welt tendieren viele dazu, zu leugnen, dass „Frau“ ein Bedeutungsträger von Freiheit ist. Die Frau trägt das ganze Menschsein in sich, der Mann trägt das ganze Menschsein in sich, die Menschheit besteht aus zwei Differenten, zwei Absoluten, die nicht ein Eins bilden und die mehr oder weniger nahe beieinander leben – dank kultureller und persönlicher Vermittlungsarbeit, und nicht ohne Konflikte. Ich wünsche mir, dass der freie Austausch zwischen Frauen und Männern in Zukunft wächst.

„Frau“ war die schwierigste Bezeichnung für mein In-der-Welt-Sein und bleibt es auch weiterhin, weit größer und anspruchsvoller als mein eigener Name „L.M.“ „Frau“ ist eine schwierige Bezeichnung, weil sie diskriminiert: Sie setzt Grenzen, teilt auf, trennt ab. Auch „L.M.“ ist eine wichtiger Name für mich und seit meiner Grundschulzeit ebenfalls diskriminierend, aber er hat nicht dieselbe Kraft. Das mag befremdlich wirken, denn „L.M.“ beinhaltet doch auch das Frausein und darüber hinaus noch weitere Dinge, weshalb die Diskriminierung eigentlich viel stärker sein müsste. Aber dieser Name umfasst das Frausein nicht wirklich und nicht notwendigerweise. So gab es tatsächlich jenen Gesprächspartner, der verlangte, dass ich von der Frau absah, es gab die Versuchung des Neutrums in mir, und es gab den Interpreten, der glaubte, hinter dem Eigennamen einer Frau das Denken eines Mannes wiederzuerkennen. So kam ich zu der Überzeugung, dass ein weiblicher Eigenname wenig bedeutet und dass „eine Frau“ für mich das Wesentliche von mir im Verhältnis zu den anderen bezeichnet.

Die ersten beiden Absätze stammen aus einem Vortrag zum Thema “Freiheit lehren”, den Luisa Muraro im Juni 2002 in Arnoldshain gehalten hat, der dritte Absatz aus einem Aufsatz in dem Buch von Diotima: Die Welt zur Welt bringen, S. 21f.


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Frauen bloggen anders. Anders als wer?

Foto: BildPix.de - Fotolia.com



Bloggen Frauen anders? Das Thema, das derzeit in diversen Blogs diskutiert wird (Carta, Politik.de) usw. – beim Googlen fand ich übrigens, dass das schon seit 2006 oder so immer mal wieder als Thema vorkommt), interessiert mich gewissermaßen aus historischen Gründen. Ich habe nämlich in meiner inzwischen 25-jährigen Laufbahn als Journalistin ebenfalls diverse Artikel zum Thema „Dingsen Frauen anders?“ geschrieben, allerdings liegt das schon eine Weile zurück.

Inzwischen frage ich bei so etwas immer zurück: Anders als wer? Und wenn dann die Antwort kommt: Na, anders als Männer! – winke ich dankend ab. Mag sein, mag nicht sein, interessiert mich nicht.

Und zwar nicht nur aus dem ganz offensichtlichen Grund, dass eine solche Fragestellung schon rein formal die Männer und das, was sie tun, zum Maßstab für weibliches Handeln macht. Sondern weil diese Perspektive eine andere Fragestellung ausschließt und verschleiert, hinter der sich meiner Meinung nach die eigentlich spannenden Themen verbergen: Nämlich die Frage, ob und wo Frauen etwas anderes machen – als andere Frauen!

Dass die Beschäftigung mit der sexuellen Differenz eigentlich nicht die Unterschiede zwischen Frauen und Männern, sondern die Unterschiede zwischen Frauen untereinander in den Fokus rückt, ist dabei zugegeben kein ganz einfacher Gedanke. Ich habe ihn Mitte der 1990er-Jahre von italienischen Feministinnen gehört, konnte aber zunächst einmal nichts damit anfangen.

Damals war ich mitten in meiner Doktorarbeit und hatte mich festgefahren. Mein Thema im Fach „politische Ideengeschichte“ war: Frauen in der Ersten Internationale (der europäische Dachverband der Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung im 19. Jahrhundert). Ich hatte mir vier Frauen ausgesucht und wollte deren politische Ideen untersuchen, und zwar insgeheim mit dem Ziel, zu zeigen, dass Frauen „anders“ Politik machten als die Herren Marx, Engels, Bakunin und Co. Dazu hatte ich auch schon jede Menge Material aus diversen Archiven und Bibliotheken ausgegraben – allein, der Befund war nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nicht nur waren die Frauen an ganz entscheidenden Punkten keineswegs einer Meinung. Es gab keinen “anderen” weiblcihen Sozialismus. Aber viel schlimmer noch: Die Frauen waren auch irgendwie nicht so „gut“ wie die Männer. Ihre Texte waren weniger eloquent, sie kamen nicht so recht auf den Punkt, ihre Standpunkte ließen sich nicht so gut identifizieren. (Später habe ich das hier mal analysiert).

Natürlich hätte ich mich jetzt auf den Punkt der Diskriminierung zurückziehen können: Sie hatten weniger Zeit, waren mit den Kindern etc. beschäftigt, waren nicht so lange in die Schule gegangen, wurden von der Gesellschaft an allem möglichen gehindert und so fort. Aber das hat mich selbst nicht richtig überzeugt, selbst wenn es natürlich irgendwie auch stimmte. Aber das war so – unprickelnd.

Und dann kam – kurz bevor ich das Ganze schon in die Ecke schmeißen wollte – dieser Gedanke, dass das eigentlich Interessante aus feministischer Perspektive die Unterschiede zwischen Frauen sein sollten. Und damit kriegte ich dann tatsächlich die Kurve. Denn als ich mich erst einmal von der Idee verabschiedet hatte, eine gemeinsame weibliche Position herausdestillieren zu wollen und stattdessen anfing, die von mir gewählten Frauen in ihrer Subjektivität zu sehen, also nicht als Repräsentantinnen ihres Geschlechts, sondern als politisch handelnde Individuen – da konnte ich mit ihren Texten plötzlich etwas anfangen.

Am Ende wurde also die Diss dann doch noch fertig. Die Konflikte, die die verschiedenen feministischen Sozialistinnen untereinander austrugen, waren nicht nur spannend, sie rückten auch die ganze Geschichte der Ersten Internationale in ein neues Bild. Plötzlich kamen Themen zum Vorschein, die in den Debatten der Männer kaum eine Rolle gespielt hatten.

Noch ein anderes Beispiel: Vor einiger Zeit nahm ich an einer Konferenz zum Grundeinkommen teil, wir waren etwa 40 Männer und vielleicht fünf, sechs Frauen. Die Diskussion plätscherte dahin, es ging um Finanzierungsfragen und darum, von wem man sich abgrenzen muss und so weiter. Ich sagte auch mal was, aber meistens langweilte ich mich. Die anderen Frauen sagten auch nur wenig.

In der Pause war ich auf dem Klo, als eine Frau zu mir kam und sagte: Sie fände das, was ich gesagt hatte, völlig falsch, aber sie hätte mich nicht dort in der großen Runde kritisieren wollen, denn wir wären doch eh so wenige Frauen und müssten daher solidarisch sein. Erstmal fand ich das eine nette Geste, aber hinterher wurde mir klar, dass genau das das Problem war: Hätte sie mich in dieser Runde öffentlich kritisiert, hätte das der ganzen Konferenz vielleicht einen anderen Charakter gegeben. Wir hätten die Chance gehabt, über unsere Themen und Konflikte zu reden (und nicht über die, die die Männer wichtig fanden), und wahrscheinlich wäre es für uns weniger langweilig und für die Konferenz insgesamt fruchtbarer gewesen.

Was hat das jetzt alles mit der Frage zu tun, ob Frauen anders bloggen?

Das weiß ich nicht. Denn mir ist noch nicht wirklich klar, wo die Konflikte unter bloggenden Frauen liegen. Das liegt vermutlich auch daran, dass ich außer mir selbst bisher keine andere Frau persönlich kenne, die regelmäßig bloggt (die anderen Bloggerinnen kenne ich nur „aus dem Netz“, es ist noch keine wirkliche Beziehung und politische Auseinandersetzung daraus entstanden).

Mein Hauptkonflikt rund um das Thema „Bloggen Frauen anders“ liegt daher momentan noch an dem Punkt, wo ich die anderen Frauen um mich herum frage: „Warum bloggt ihr eigentlich alle nicht, obwohl ihr doch so kluge Gedanken habt?“ Diesen Konflikt trage ich gerne und herzhaft aus, aber aus nahe liegenden Gründen nicht im Netz :)

Möglicherweise ist das bei euch anderen Bloggerinnen, die ihr euch untereinander schon besser kennt, anders? Immerhin gab es ja inzwischen einige Barcamps und Vernetzungstreffen. Und das würde mich interessieren: Über welche Sachen und Themen wart ihr da unterschiedlicher Meinung? Wo sind eure Differenzen im Bezug auf Netzpolitik? Das wäre etwas, worüber ich wirklich gerne mehr erfahren würde. Ich vermute zum Beispiel, dass es die eine oder andere Differenz zwischen mir und Anne Roth im Bezug auf Datenschutz geben könnte. Oder zwischen mir und der Mädchenmannschaft im Bezug auf die Gleichstellung. Oder zwischen mir und Kathrin Ganz im Bezug auf Geschlechterkonstruktionen. Oder zwischen mir und Piratenweib über die Frage der Identitätsaufdeckung. Mit Jana Herwig und würde ich mich übrigens gerne mal streiten, weiß aber noch nicht genau, über was. Und mit Frau Stricktier habe ich neulich sogar schon mal kurz disputert :) Oder, oder, oder. Und, und, und.

Ein kleiner erster Ansatz waren schon die Diskussionen rund um das Thema Frauen und Piraten, an denen sich ja klar viele Frauen mit gegensätzlichen Meinungen beteiligt haben. Leider ist das unter’m Strich nicht sehr fruchtbar verlaufen, was meiner Meinung nach auch daran lag, dass diese Diskussion in einem von Männern dominierten Umfeld stattfand, die die Frauen, die Pro-Piraten argumentierten, ständig zu Kronzeuginnen für ihre eigenen Positionen machten. Ich jedenfalls hatte dadurch das Gefühl, ständig auf zwei parallelen Ebenen zu diskutieren.

Also, wir üben halt noch. Aber ich wette, wenn wir erstmal anfangen, unsere Konflikte im Netz sichtbar zu diskutieren, ergeben sich ganz von selbst spannende Entwicklungen. Ob dabei dann herauskommt, dass Männer möglicherweise „anders“ bloggen, wird sich ja zeigen. Aber quasi nur als Nebenprodukt.


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Avicenna und die repräsentative Politik

Der persische Arzt, Philosoph und islamische Mystiker Ibn Sina alias Avicenna entwickelte eine höchst interessante Vorstellung vom Verhältnis zwischen materieller und ideeller Welt, die sich sehr von Platon unterscheidet.

Der letzte Blogpost von Felix Neumann, in dem er sich über die repräsentative Funktion des Bundespräsidenten Gedanken macht (und zu dem Schluss kommt, dass man dieses Amt doch niemandem zumuten könne) diskutierte heute Nacht in meinem Kopf mit einem Aufsatz von Chiara Zamboni, den ich am Tag davor gelesen hatte, und in dem sie unter anderem über den schiitischen Mystiker und Philosophen Ibn Sina schreibt, der im Westen unter dem Namen Avicenna bekannt ist.

Herausgekommen ist folgende Idee.

Felix Neumanns Unbehagen an einem repräsentativen Verständnis von Politik kann ich gut nachvollziehen, es ist auch ein klassisches feministisches Thema. Die Frauenbewegung hat sich ja nie in Form von repräsentativen Institutionen organisiert, im Unterschied zu anderen sozialen Bewegungen: Weder hat sie Parteien hervorgebracht (wie die Arbeiterbewegung) noch große Lobbyverbände (wie die Umweltbewegung). Sie hat auch kein einheitliches Programm zustande gebracht, und sich von Anfang an geweigert, Repräsentantinnen zu akzeptieren.

Kleine Randbemerkung: Das „Alice-Schwarzer-Phänomen“ – also der Versuch der Medien (und vielleicht auch von ihr selbst), dennoch eine solche Repräsentantin „des Feminismus“ zu konstruieren – zeigt gut die Schwierigkeiten, die sich für den öffentlichen Diskurs daraus ergeben. Schwarzer stand nie für „die Frauenbewegung“ – und deshalb sind Feministinnen, die die 1970er-Jahre miterlebt haben, mitunter auch etwas amüsiert, wenn jüngere Feministinnen sich später von Schwarzer distanziert haben und meinten, das sei etwas Originelles.

Innerhalb der Frauenbewegung ist die Abneigung gegen eine Politik der Repräsentation viel diskutiert und analysiert worden. Zum Beispiel unter der Fragestellung, was eigentlich Macht und Einfluss bedeuten: Je repräsentativer das Amt, desto weniger kann ich meine eigene Meinung sagen. In der Logik der repräsentativen Politik sprechen Funktionsträger „für andere“, woraus resultiert, dass sie nicht mehr sagen können, was sie selbst wirklich denken (aktuelles Beispiel: CDU-Abgeordnete müssen Wulff statt Gauck wählen, auch wenn sie Gauck vielleicht besser fänden). Macht bekommen ist daher nicht deckungsgleich mit Einflussreich werden.

Viele Frauen bevorzugen deshalb Wirkungsorte, wo sie „in erster Person“ handeln können – also ohne, dass sie andere repräsentieren müssen, aber auch ohne von anderen repräsentiert zu werden (vgl. dazu auch den Artikel von Dorothee Markert über den Unterschied zwischen „primärer“ und „sekundärer“ Politik.)

Die Idee, die mir nun heute Nacht zu all dem kam, war folgende: Vielleicht liegt das Problem nicht nur in den repräsentativen politischen Institutionen, wie sie sich im Lauf der (westlichen?) Kulturgeschichte herausgebildet haben, sondern noch tiefer in der abendländischen Philosophie verankert.

In besagtem Aufsatz beschäftigt sich Chiara Zamboni mit dem Verhältnis von Realem und Irrealem (aus: Diotima: Immaginazione e Politica, Neapel 2009). Dabei geht sie davon aus, dass die Realität, wie wir sie vorfinden, nicht einfach ein Faktum ist, das wie ein Objekt analysiert und seziert werden kann, wohingegen alles, was sich nicht eins zu eins mit der Realität deckt, irreal und phantasiert ist. Vielmehr haben die Menschen in Form von Sprache und Kultur die Fähigkeit, das Reale „hinter“ oder „neben“ dem bloß Faktischen zu erkunden und erforschen – eine Fähigkeit, die allerdings durchaus in Gefahr steht, ins Irreale und Illusorische abzudriften.

Dies ist ein breites Thema, an dieser Stelle interessiert mich vor allem ein Vergleich, den Zamboni in diesem Zusammenhang nur kurz streift, und zwar der zwischen Platon und Avicenna. Beide haben eine jeweils unterschiedliche Vorstellung davon entwickelt, in welchem Zusammenhang die gegebene, konkrete „Realität“ und das dahinter stehende „Reale“ zueinander stehen. Und meine Idee ist: Unsere Vorstellung von repräsentativer Politik geht letztlich auf Platon zurück. Eventuell würde aber die Philosophie Avicennas andere Perspektiven ermöglichen.

Platon geht ja davon aus, dass hinter den konkreten Dingen, die uns in der Realität begegnen, eine „Idee“ steht, die wir aber nicht direkt sehen können. Im so genannten „Höhlengleichnis“ macht er das anschaulich: Wir leben in einer Höhle und sehen, reflektiert von einer Feuerstelle, nur die Schatten der Dinge an den Höhlenwänden, nicht aber die Dinge selbst. Philosophie muss daher immer über die gegebenen Dinge hinausdenken, versuchen, ihr eigentliches Wesen, die „Idee“ dahinter, zu verstehen.

Bis heute lernen Philosophiestudierende das im ersten Semester. In Platons Vorstellung ist die Verbindung zwischen der Realität und dem dahinter stehenden Realen vor allem wegen der eingeschränkten menschlichen Erkenntnisfähigkeit problematisch: Wir sitzen im Dunkeln und können daher nicht sehen, wie es „in Wirklichkeit“ ist. Zweite Grundannahme: Die Dinge, die im Konkreten jeweils unterschiedlich aussehen können (weil die Schatten, die das Feuer in der Höhle wirft, mal so oder so flackern), haben einen „eigentlichen“ Wesenskern, den wir, wenn wir nur aus der Höhle hinauskletterten und lernten, im Sonnenlicht zu schauen, auch zweifelsfrei erkennen würden. Nicht schwer zu erahnen ist, dass hier auch der Ansatz für jenes Konzept der Normsetzungen liegt, das, da die Geschlechterdifferenz sich der Normierung widersetzt, dann auch zum Patriarchat, also zur Sich-zur-Normsetzung des Männlichen führte.

Und: In dieser platonischen Vorstellung von der Beziehung zwischen „eigentlichem“, ideelen Wesenskern und den vielen unterschiedlichen (zufälligen, kontingenten) Erscheinungsformen einer Sache sehe ich auch ein Modell für repräsentative Politik: Der Funktionsträger wird verstanden als Repräsentant des bunt gemischten Volkes und verkörpert so gewissermaßen die „Idee“, ist also „gereinigt“ von alle Zufälligkeiten und Individualitäten – wie zum Beispiel seiner persönlichen Meinung.

Welche andere Vorstellung hat nun Avicenna (ein persischer Arzt, Philosoph und Mystiker aus dem 11. Jahrhundert) entwickelt – übrigens von Platons Beispiel ausgehend und dieses weiterdenkend? Da ich Avicenna (bisher) noch nicht gelesen habe, beziehe ich mich hier auf die Darstellung Zambonis.

Laut Avicenna gibt es eine mittlere, vermittelnde Welt zwischen der konkreten, materiellen, empirischen Welt und der idealen, geistigen Welt der Ideen und Bedeutungen, und zwar die Welt der „Immagination“. Das ist der kulturelle und sprachliche Bereich menschlichen Lebens und menschlicher Auseinandersetzungen. Das heißt, laut Avicenna existieren die Ideen und Bedeutungen, die hinter einer konkreten, materiellen Realität stehen, nicht objektiv und für sich, sondern sie werden erst durch die Immagination der Menschen lebendig und relevant, die via Sprache und Kultur eine Verbindung schaffen zwischen der Realität und dem dahinter stehenden Realen.

Zamboni schreibt: „In dieser Welt der Immagination treffen wir Formen an, die von der aktiven Immagination geschaffen wurden, und zwar in der Beziehung zu einzelnen Dingen. Das bedeutet, dass wir mit unserer Erfahrung in einem Objekt nicht nur seine materielle Daseinsweise wahrnehmen, sondern gleichzeitig auch Anhaltspunkte und Bedeutungen von Anderem.“

Das „Andere“, das „Reale“ hinter einem gegebenen Ding zu sehen, besteht also nicht, wie bei Platon, darin, dass ich mich bemühe, sein abstraktes Wesen zu erfassen, die „Norm“ auf dem es beruht. Sondern im Gegenteil muss ich seine Besonderheit erkennen, also gerade das, was dieses Ding einzigartig macht, Genau darin liegt nämlich das Potenzial zu anderem, zu dem, was es sein könnte.

Erkenntnis bedeutet also gerade nicht, wenn ich in einer bestimmten Situation mit einer konkreten Sache konfrontiert bin (einem Ding, einem Menschen, einer Situation), dann das Allgemeingültige, die Norm, die Idee dahinter zu suchen. Denn gerade die unverwechselbare und unwiederholbare Einzigartigkeit dieser Sache (des Dings, des Menschen, der Situation) bietet Anknüpfungspunkte für meine Immagination. Nicht die Abstraktion, sondern nur die Kontingenz (die eben nicht das niedere, unwichtigere Zufällige, sondern das eigentlich Interessante ist) eröffnet die Möglichkeit, hinter das „Normale“ zu schauen und das Reale hinter der Realität aufzuspüren. Und dieses Andere können Menschen dann mit Hilfe von Sprache und Kultur in die Existenz rufen – zum Beispiel in der Politik, also wenn sie miteinander über die Regeln des Zusammenlebens verhandeln.

Repräsentative Formen von Politik (wie auch die üblichen Formen von Wissenschaft) erschweren dies jedoch enorm, weil sie versuchen, diese Vielfalt in Form von Parteien, Programmen und Theorien – quasi in platonischer Tradition – zu verdichten. Sie verwandeln Menschen aus Individuen in all ihrer einzigartigen Potenzialität in Funktionsträger, in „Linke“ und „Rechte“, in Anhänger von Partei X und Interessensverband Y. Und sie verwandeln konkrete Situationen in Strategien und Taktiken, in Siege und Niederlagen.

Dass die Frauenbewegung sich diesen Formen verweigert hat, wäre, so gesehen keine Schwäche, wie oft vermutet wurde, sondern gerade ihre Stärke.

PS: Noch ein kleiner Nachtrag – Beim nochmaligen Durchlesen finde ich jetzt, dass Platon etwas schlecht wegkommt. Diese ideengeschichtliche Entwicklung, die ich hier kritisiere, hat viele Quellen und Platon war dafür sicher nicht allein verantwortlich. Es lag auch daran, wie Platons Gedanken aufgegriffen und weiter entwickelt worden sind.



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