Luisa Muraro: Nicht alles lässt sich lehren

Bestimmt ist euch schon mal aufgefallen, dass ich mich häufig auf Luisa Muraro beziehe. Sie ist jedenfalls eine derjenigen Denkerinnen, die mich am meisten beeinflusst haben.

Luisa-Muraro-Nicht alles Umschlag.indd Es gibt von ihr schon eine ganze Reihe von Texten auf Deutsch, einige davon habe ich selbst übersetzt, zum Beispiel Beiträge zu den Diotima-Bänden (1999 und 2012). Manche ihrer Aufsätze oder Vorträge stehen auch im Internet. Aber vieles davon sind philosophische, jedenfalls theoretische Texte, die manche schwer verständlich finden.

Jetzt hingegen ist unter dem Titel “Nicht alles lässt sich lehren” im Christel Göttert Verlag ein langes biografisches Interview mit Luisa Muraro erschienen. Geführt hat es mit sehr klugen Fragen der Philosoph Riccardo Fanciullacci, die Übersetzung stammt von Traudel Sattler.

Luisa erzählt darin von ihrer Kindheit – sie wurde 1940 als sechstes von insgesamt elf Geschwistern in einem Dorf in der der Nähe von Vicenza geboren -, von ihren suchenden Jahren als junge Studentin, von ihrer Begegnung mit Lia Cigarini und damit dem Feminismus, von der Gründung des Mailänder Frauenbuchladens und der Rezeption des dort entwickelten Differenzfeminismus in Italien und in anderen Ländern. Und ganz en passant kommt die Theorie dabei mit rüber.

Deutlich wird auch die enge Verwobenheit von Muraros Philosophie mit den jeweils aktuellen politischen Kämpfen und Fragestellungen. Sie erzählt von der Studentenbewegung und von ihrer frühen Erkenntnis, dass ihre Fremdheit sowohl in Bezug auf die Universität als auch in Bezug auf die politischen Kämpfe der Männer direkt mit ihrem Frausein (und speziell auch ihrem Muttersein) zu tun hatte. Sie beschreibt die Befreiung, die die Entdeckung des Feminismus und damit der Unabhängigkeit des weiblichen Begehrens für sie bedeutete. Und es geht auch um das Verhältnis des italienischen Differenzfeminismus zu anderen feministischen Zugängen, zum Beispiel dem Queerfeminismus – im Anhang enthält der Band außerdem die Übersetzung eines aktuellen Vortragstextes von Muraro mit dem Titel “Die sexuelle Differenz gibt es.”

Insgesamt kommen hier schön lesbar politisches Engagement, theoretische Erkenntnis und persönliche Biografie zusammen, und auf diese Weise lässt sich jeder dieser Aspekte besser verstehen. Ich könnte mir vorstellen, dass das interessant ist für alle, die mehr über den italienischen Differenzfeminismus wissen möchten, aber sich nicht unbedingt tief in die vorhandenen Bücher und theoretischen Texte einarbeiten wollen. Das hier kann man jedenfalls auch gut abends vorm Einschlafen oder im Urlaub mal durchlesen.

PS: Einer von Muraros wichtigen Texte, “Freudensprünge” von 1995, ist gerade auf Deutsch nochmal veröffentlicht worden. Darin stellt sie zum ersten Mal die These auf, dass das Patriarchat zu Ende sein könnte. Dorothee Markert hatte den Text damals gleich übersetzt, er war aber bisher nicht online verfügber.

PPS: Ein Interview, das ich mit Muraro 2011 zum Thema “Macht und Politik sind nicht dasselbe” geführt habe, gibts auf Youtube.

Luisa Muraro: Nicht alles lässt sich lehren (Interview mit Riccardo Fanciullaci). Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 2015,  155 Seiten, 17 Euro.

Die Konstruktionsfehler des westlichen Liberalismus

Schon länger lag auf meinem Lesestapel der Aufsatz „Racial Liberalism“ von Charles W. Mills. Darin geht es um die Frage, inwiefern das westliche Konzept des Liberalismus nicht, wie seine Protagonisten denken, universalistisch ist, sondern dass es vielmehr das „Weißsein“ als Normalität setzt.

Mills Denken interessiert mich, weil er im Anschluss an Carol Pateman (und in Zusammenarbeit mit ihr) deren These vom „Sexual Contract“ in Bezug auf „Race“ weiterdenkt. Carol Pateman hat in ihrem 1988 erschienenen Buch gezeigt, wie die westliche bürgerliche Gesellschaft grundlegend auf dem Ausschluss von Frauen und ihrem Verweis in eine unsichtbare „weibliche“ Sphäre beruht. Ihr Buch war nicht nur ein Meilenstein, was die Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse und ihrer historischen Wurzeln betrifft, sondern vor allem ist es wichtig, weil es verstehen hilft, warum zum Beispiel die staatlichen Gleichstellungs- und Emanzipationsbemühungen so schleppend vorankommen und oft geradezu schädliche statt positive Folgen haben (zum Beispiel in Bezug auf die Verschlechterung der Rahmenbedingungen für Care-Tätigkeiten): Wenn es stimmt, dass die gesellschaftliche Organisation – zum Beispiel des Kapitalismus, der Parlamente, der Wissensproduktion usw. – von ihrem System her auf dem Vorhandensein einer „weiblichen“ Gegensphäre gründet, kann es natürlich nicht funktionieren, diese Sphäre einfach aufzulösen und zu sagen, Frauen sollen dasselbe machen wie Männer.

Charles Mill hat daran anknüpfend 1995 das Buch „The Racial Contract“ geschrieben, in dem er zeigt, dass auch die Differenz von „Rassen“ nicht einfach ein zufälliger Begleitumstand oder ein Betriebsunfall bei der Entstehung bürgerlicher Gesellschaften nach westlichem Muster war, sondern für diese konstitutiv.

Dass bürgerliche Gesellschaften nicht funktionieren, wenn wirklich alle Menschen in ihnen „gleich“ sind, sondern dass sie darauf angewiesen sind, bestimmte Menschen als „andere“ auszusortieren und dementsprechend auch „anders“ zu behandeln (ihnen zum Beispiel weniger Rechte, weniger Fürsorge und so weiter zuzugestehen), sehen wir ja momentan an den Debatten über den Umgang mit Geflüchteten. Menschen in anderen Teilen der Welt sind sich dieses doppelten Maßstabs westlicher Gesellschaften beim Reden über „universale Menschenrechte“ ziemlich bewusst. Dass sich die Idee der Menschenrechte nicht besser durchsetzt als sie es tut, liegt nicht daran, dass die „Unzivilisierten“ diese Idee nicht verstünden, sondern daran, dass sie nur allzu oft sehr genau merken, dass der Westen sich an seine eigenen Ideale meistens selber nicht hält  (sondern zum Beispiel nur so lange, wie ihm das keine ökonomischen Nachteile bringt).

Viele glauben, dass diese Doppelzüngigkeit des Westens daher kommt, dass wir eben alle nur Menschen sind. Dass wir sozusagen moralisch versagen, wenn es uns an den Geldbeutel geht, dass wir unsere eigenen hochgesteckten Ziele aufgrund aller möglichen Schwächen nicht erreichen.

Mills stellt hingegen die These auf, dass diese Ungerechtigkeiten  keineswegs ein Versagen dieser Prinzipien darstellen, eine Abweichung von ihnen, sondern dass sie vielmehr strukturell in ihnen verankert sind. „Racism is not an anomaly in an unqualified liberal universalism but generally symbiotically related to a qualified and particularistic liberalism.”

Nicht nur waren Vordenker der liberalen Tradition wie Locke und Kant direkt involviert: Locke investierte in die Sklaverei, Kant entwickelte selbst rassistische Konzeptionen von Menschsein (Dazu hier ein eigener Aufsatz von Mills). Bis heute ist die Beschäftigung mit Rassismus kontraproduktiv für eine wissenschaftliche philosophische Karriere – „Basically, one can choose to do race or choose to do philosophy“. Diesen Mechanismus kennen auch Feministinnen nur allzu gut: Wie viele akademisch orientierte Freundinnen von mir haben sorgfältig darauf geachtet, nur ja nicht zu viele „Frauenthemen“ zu bearbeiten!

Dass die Beschäftigung mit sozialen Differenzen unter Menschen von der normsetzenden, sich als universal imaginierenden Position als partikular und daher nicht von allgemeinem (also ihrem) Interesse verstanden wird, ist in sich bereits ein Beweis dafür, dass diese Position eben in Wirklichkeit gerade nicht universal ist, sondern ihren eigenen partikularen Standort – das Weißsein, das Mannsein, der bürgerliche Background – schlicht und einfach für „normal“ hält. Denn anders ließe es sich nicht erklären, dass Personen und Themen, die etwas anderes ins Zentrum stellen als die Befindlichkeit des bürgerlichen weißen Mannes als Abweichungen und Besonderheiten wahrgenommen werden. Für eine Frau ist es aber nichts Besonderes, eine Frau zu sein, und für einen Schwarzen ist das Schwarzsein normal.

Diese Verengung hat nun, wie Mills zeigt, auch dazu geführt, dass die in diesem Kosmos produzierten Theorien, Ideen und Narrative falsch sind, ebenso wie die Herangehensweisen. Mills kritisiert zum Beispiel die ständige Beschäftigung mit Idealen: Was ist das ideale Rechtssystem? Was ist die ideale Gesellschaft? Was ist die ideale Wirtschaft? (Dahinter steckt eben die oben skizzierte Vorstellung, dass alles, was in der Gegenwart schief läuft, daran liegt, dass sie von diesem Ideal abweicht, es noch nicht erreicht hat): „In a perfectly just society, race would not exist, so we do not (as white philosophers working in ideal theory) have to concern ourselves with matters of racial justice in our own society, where it does exist – just as the white citizenry increasingly insist that the surest way of bringing about a raceless society is to ignore race and that those (largely people of color) who still claim to see race are themselves the real racists.”

Mills schlägt  hingegen den Zugang einer „non-ideal theory“ vor, die sich auf die Analyse – und Behebung! – konkreter nicht-idealer Zustände bezieht. Man kann das am Beispiel von Maßnahmen wie Affirmative Action oder auch Gender Mainstreaming deutlich machen: Aus der Perspektive einer „idealen“ Welt sind solche Maßnahmen problematisch, weil sie möglicherweise in einem konkreten Fall für ein Individuum ungerecht sein können (und so argumentieren ihre Gegner ja immer, wenn etwa ein weißer Mann mal einen Posten nicht bekommt). Aus der Perspektive einer Theorie des „Nicht-Idealen“ hingegen geht es eben darum, mit dem Fakt, dass die Welt eben nicht ideal ist, realistisch umzugehen und Möglichkeiten und Wege zu finden, die Situation konkret zu verbessern.

Dabei ist Mills aber auch kein Relativist, der sich von allgemein gültigen Werten gänzlich verabschieden will, ganz im Gegenteil: Die Weigerung, die Konstruktionsfehler der westlichen Moderne – dass sie eben auf dem systematischen Ausschluss bestimmter Menschen aufgebaut ist – ist es seiner Ansicht nach gerade das, was den Zugang zu wirklichem Liberalismus blockiert.

„It is immediately made unmysterious why liberal norms and ideals that seem attractive in the abstract – freedom, equality, rights, justice – have proved unsatisfactory, refractory, in practice and failed to serve the interests of people of color. But the appropriate reaction is not … to reject these liberal ideals but rather to reject the mystified individualist social ontology that blocks an understanding of the political forces determining the ideals’ restricted and exclusionary application.”

Wer die liberalen Ideen von Freiheit und Gerechtigkeit retten will, kann nicht einfach hingehen und die eigenen Vorstellung davon, was Freiheit und Gerechtigkeit ist zur allgemeinen Norm erheben. Diese Werte sind nur zu retten, wenn wir auch die Konstruktionsfehler, die diesen Konzepten von Beginn an innewohnen, thematisieren und Wege suchen, sie zu beheben. Und das geht nur im Bewusstsein für die Differenzen unter Menschen und einer politischen Praxis, die sich nicht am Erreichen eines Ideals orientiert, sondern am verantwortlichen Umgang mit dem Nicht-Idealen hier und jetzt.

Wolle mer se neilasse?

“Wow let women in hacker/anarchist space, next thing you know there is harassment policy in place….”

Das ist der erste Kommentar unter einem Artikel von Hannah Grimm, in dem sie von den Entwicklungen berichtet, die in einem anarchistischen Hackerspace dazu geführt haben, dass bestimmte Anti-Harassment-Regeln dort eingeführt wurden. Der ganze Artikel ist auch interessant (für alle, die sich noch nicht mit dem Thema gut auskennen, die sich damit auskennen, werden das ein oder andere Deja Vu haben).

Ich möchte aber nicht über das Thema von Alltagssexismus schreiben und was gemischte politische Gruppen dagegen tun  können oder sollten. Was mich vielmehr angesprungen hat, war die Haltung, die hinter diesem spontanen Kommentar steht, und die meiner Ansicht nach ein grundlegendes Problem zeigt, das unsere Kultur noch immer mit der “Frauenfrage” hat.

Dass es nämlich offenbar immer noch  Männer gibt, die das Ganze für eine Frage halten, ob sie Frauen “reinlassen” sollen oder nicht.

Deshalb verrate ich hier mal ein kleines Geheimnis: Wir müssen gar nicht reingelassen werden, wir sind nämlich schon da. Wir waren schon immer da. Das ist nämlich unsere Welt genauso wie eure.

Ich glaube, dass viele Probleme in den Diskussionen zwischen Frauen und Männern nicht wirklich an inhaltlichen Differenzen liegen (obwohl es viele inhaltliche Differenzen gibt), sondern daran, dass diese Bewusstwerdung, die der Feminismus gebracht hat – dass Frauen freie Subjekte sind und dass dies ihre Welt ganz genauso ist – von zahlreichen Männern noch nicht verstanden wurde. Dass da immer noch im Hinterköpfchen die Idee vor sich hinschlummert, das wäre IHRE Welt, und sie hätten irgendeine Befugnis oder Verantwortung oder Möglichkeit, darüber zu entscheiden, ob Frauen “reingelassen” werden oder nicht.

Solange dieser “Klick” nicht stattgefunden hat, das wäre meine These, braucht man gar nicht zu diskutieren.

Um es an dem konkreten Fall deutlich zu machen: Das in politischer Hinsicht Entscheidende ist nicht, ob die betreffenden Männer in dem Hackerspace davon überzeugt werden können, dass es eine Anti-Harassment-Policy braucht. Das Entscheidende ist, dass ihnen klar wird, dass da andere sind, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen. Und zwar ganz unabhängig davon, ob sie selbst die Anliegen der anderen einsehen, verstehen, nachvollziehen können, gut oder schlecht finden. Einfach nur deshalb, weil die anderen da sind und man mit ihnen zu tun hat und man daran auch nichts ändern kann.

Und erst wenn diese selbstverständliche Akzeptanz einer freien weiblichen Subjektivität vorhanden ist – erst dann kann man ernsthaft miteinander darüber diskutieren, wie wir die Welt machen wollen, welche gemeinsamen Regeln wir finden. Und erst dann kann ich Gegeneinwände, die von Männern zu meinen Vorschlägen gemacht werden (wie zum Beispiel, dass eine Anti-Harassment-Policy auch negative Auswirkungen haben kann) ernsthaft in Betracht ziehen.

Man könnte es auch noch einfacher sagen: Bevor man einen Konflikt austragen kann, müssen erst mal alle Beteiligten verstanden haben, dass es da wirklich einen Konflikt gibt. Eine Differenz, die nicht aus der Welt zu schaffen ist. Weil es keine Option ist, die anderen einfach wieder vor die Tür zu setzen.

(Foto: Flickr.com/az1172)

Von sich selbst ausgehen und die “anderen”

arbogast

Wir sind das: Ina Praetorius, Michaela Moser, Ursula Knecht, Andrea Trenkwalder-Egger (hinten), Caroline Krüger, ich, Dorothee Markert, Cornelia Roth und Anne Claire Mulder (vorne, jeweils von links nach rechts).

Ende August veranstalte ich, wie einige wohl schon mitbekommen haben, zusammen mit acht Freundinnen eine “Denkumenta”, einen Kongress zum Weiterdenken am ABC des guten Lebens. Ich habe die Organisation der Anmeldungen übernommen und stelle fest: Die dort hinkommen werden, sind alle ziemlich ähnlich wie wir selbst: Weiße Frauen zwischen 40 und 70. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel: Es sind auch einige Männer dabei, auch einige jüngere und einige ältere Frauen. Aber die meisten sind wie wir.

Überraschung? Nein, so ist das immer: Die demografische Zusammensetzung derjenigen, die etwas initiieren, spiegelt sich ziemlich genau in der demografischen Zusammensetzung derjenigen wieder, die sich für die initiierte Sache interessieren und daran beteiligen möchten.

So ist es ja nicht nur bei uns, sondern auch bei Wikipedia, um nur ein sehr offensichtliches Beispiel zu nennen :)

Als wir uns im März zur Progammplanung trafen, hat sich das schon abgezeichnet, denn auch diejenigen, die auf unseren “Call for Contributions” geantwortet hatten und sich mit eigenen Beiträgen am Programm beteiligen, passen in unser demografisches Profil. Wir haben dann kurz darüber gesprochen, ob wir vielleicht aktiv gegensteuern sollten: Gezielt jüngere Frauen ansprechen? Männer ansprechen? Women/Men of Colour? Oder andere “andere”? Sollen wir versuchen, uns zu “diversifizieren”?

Schnell war uns klar, dass das Quatsch ist. Und zwar aus zwei Gründen.

Erstens sind wir durchaus “diversifiziert”. Wir sind religiös oder atheistisch, Heteras oder Lesben, haben mehr oder weniger Geld, sind Mütter oder nicht. Ganz abgesehen von den unterschiedlichen Meinungen, die uns viel Stoff zur Diskussion bieten. Es ist ein Fehler, zu glauben, Frauen zwischen 40 und 70 seien eine irgendwie homogene Gruppe.

Zweitens würde es ohnehin nicht funktionieren. Wir haben, indem wir bei der Vorbereitung von uns selbst ausgingen und dem, was uns interessiert, den Rahmen unweigerlich bereits abgesteckt. Wir können nicht von “anderen” verlangen, dass sie sich für unsere Anliegen interessieren – wir können nur offen und einladend sein für diejenigen, die es von sich aus tun. Sie sind herzlich willkommen. Wir werden dafür sorgen, dass es auch für sie ein angenehmes und interessantes Treffen wird. Weil es uns ja ausgesprochen freut, wenn sich “andere” für unsere Themen interessieren und den Austausch mit uns suchen.

Aber all das wird selbstverständlich nichts daran ändern, dass dieser Kongress einer sein wird, der von den Perspektiven, Interessen und Themen von “Leuten wie uns” dominiert wird.

Wenn wir mit “anderen” ins Gespräch und in Austausch kommen wollen, dann geht das nicht, indem wir sie dazu einzuladen, “bei uns mitzumachen”. Dann müsste die ganze Veranstaltung ganz von vorne anders geplant werden. Wir könnten dann nicht darauf warten, dass die “anderen” zu uns kommen, sondern wir müssten zu ihnen gehen, Beziehungen aufbauen, uns für ihre Themen interessieren.

Daraus könnten sich dann neue Projekte und Initiativen entwickeln, die wir gemeinsam anstoßen, und von denen wir allein gar nicht wissen können, wie sie aussehen. Jedenfalls würden sie ganz anders aussehen, als das, was wir selbst uns vorstellen.

Vielleicht machen wir das später noch mal. Als Einzelne machen wir das schon jetzt, in diversen anderen Projekten.

Aber diesmal nicht, diesmal denken wir an unseren Themen weiter, ausgehend von uns selbst, in all unserer Unterschiedlichkeit. Und ohne uns einzubilden, wir wären der Nabel der Welt und unsere Erfahrungen und Ansichten der Maßstab für alle. Das ist der Schlüssel.

Ich schreibe das hier auf, weil es mir schon länger im Kopf herum geht, und weil ich mit der Frage: “Wie erreichen wir die anderen?” sehr oft konfrontiert bin. Meistens fragen Leute: “Wie erreichen wir die Frauen?” – Oft wird auch gefragt: “Wie erreichen wir die Jüngeren?”. Mein Rat ist: Vergesst es, ihr “erreicht” sie nicht. Euer Vorhaben, das eigene Angebot für “andere” attraktiv zu machen, ist zum Scheitern verurteilt. Weil schon die dahinter stehende Denkweise falsch ist.

Die “anderen” – und das gilt, so behaupte ich, generell und ist auf alle möglichen Situationen anwendbar – sind keine “Zielgruppe”, die “erreicht” werden muss, sondern sie sind ein Gegenüber. Wer mit ihnen den Austausch sucht, darf nicht versuchen, sie irgendwie “anzulocken”, sondern muss hingehen. Also nicht fragen: “Wie kann ich es erreichen, dass sie sich für mich interessieren?” sondern fragen: “Interessiere ich mich denn überhaupt für sie? Und wenn ja: Warum gehe ich dann nicht zu ihren Veranstaltungen?”

Und beides schließt sich ja auch gar nicht aus. Man kann an dem einen Wochenende das Eigene machen (was Offenheit für “andere”, die sich dafür interessieren, meiner Ansicht nach sowieso beinhalten sollte), und an dem anderen Wochenende sucht man den Austausch mit anderen, die aus anderen Kontexten kommen und andere Themen haben.

Wobei das Ereignis, das wirklich “alle” umfasst, vermutlich erst noch erfunden werden muss. Und wahrscheinlich auch ziemlich langweilig wäre. Wichtig ist nämlich nicht, nach Universalität zu streben, sondern sich in jeder gegebenen Situation der eigenen Position und Perspektive bewusst zu sein. Und nicht den Anspruch zu erheben, für andere zu sprechen.

PS:
Wenn Ihr zur Denkumenta kommen wollt, ein paar Plätze sind noch frei.

Garbo statt Klum. Ein paar Gedanken zur Mittelmäßigkeit.

garbo

Ich denke weiter über Körpernormen nach. Nach wie vor glaube ich, dass sich heute im Vergleich zu vor dreißig Jahren (als ich 18 war) etwas wichtiges verändert hat, dass der Unterschied aber nicht darin liegt, dass Frauen sich zu dick fühlen – das taten sie damals wie heute – sondern darin, dass das Thema Körper und Aussehen heute einen anderen Stellenwert und eine andere gesellschaftliche Bedeutung hat. Aber welche?

Schon in der Kommentardiskussion zu meinem ersten Blogpost entstand bei mir die Vermutung, dass die Unzufriedenheit mit dem Körper heute möglicherweise oft nicht nur das ist, was es besagt – Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper eben – sondern dass das Körperthema ein Kulminationspunkt ist für Unzufriedenheiten aller Art mit sich selbst.

Selbstzweifel, ein gewisses Sich ungenügend Fühlen, gehört unweigerlich zum Leben dazu. Nobody is perfect. Heute aber herrscht, anders als früher, ein enormer Druck bei der Lebensplanung: unsichere Jobsituation, unsichere familiäre Rollenmodelle, ungewisse Zukunft – all das ist ein guter Nährboden dafür, sich ungenügend und überfordert zu fühlen.

Aber ich höre selten Menschen darüber sprechen, dass sie sich bei der Arbeit ungenügend fühlen, dass sie Angst haben, die Prüfung nicht zu schaffen oder keinen Job zu finden, oder dass sie generell an ihren Plänen für das weitere Leben zweifeln. Vielleicht spricht man über so etwas mit guten Freund_innen, aber es ist kein Thema bei Smalltalk, von ständigen Bemerkungen nebenbei.

Hingegen zu sagen, dass eins sich dick fühlt, dass dieses Stück Kuchen jetzt eigentlich zu viel ist, dass man eigentlich fünf Kilo abnehmen müsste, das passiert häufig. Ich höre es von Kolleginnen beim Mittagessen, neulich sogar von einer Wildfremden an der Käsetheke. Zu sagen: „Ich bin zu dick“ ist viel einfacher, als über andere Dinge zu sprechen, bei denen eins sich ungenügend gefühlt. Es wird schneller verstanden, ist sozial akzeptiert und nicht weiter erklärungsbedürftig. Aber es erfüllt eben dennoch den Zweck: das chronische Gefühl des Nicht-Genügens einfach mal rauszulassen, mit anderen zu teilen.

Zumal heutzutage Mittelmäßigkeit ja nicht mehr erlaubt ist. Das zeigt sich zum Beispiel in einem veränderten Verhältnis der „normalen Leute“ zu den „Stars“. Früher waren Stars etwas zum Anhimmeln, zum „Vergöttern“ (die Garbo), aber nichts, was eins ernsthaft auf sich selbst bezog. Die Garbo war die Garbo, und meine Mutter eine ganz normale Hausfrau. Heute hingegen sind Stars „Benchmarks“ für alle.

Das ist der eigentliche Grund dafür, warum Formate wie Germanys Next Topmodel so problematisch sind. Sie sagen uns nicht mehr: „Schau mal, wie außergewöhnlich schön diese Schauspielerin ist“, sondern: „Du kannst auch ein Topmodel sein, Du musst dich nur halt ein bisschen anstrengen.“

Hier schlägt letztlich eine pervertierte Variante der demokratischen Parole von der „Gleichheit aller Menschen“ durch, kombiniert mit einer Elitenideologie, in der Mittelmäßigkeit keinen Platz mehr hat. Und vielleicht ist das das eigentliche Problem: dass uns die Option auf Mittelmäßigkeit als normale und akzeptierte Daseinsform verloren gegangen ist, während es doch gleichzeitig in der Natur der Sache liegt, dass die Mehrzahl der Menschen eben mittelmäßig sind, in so ziemlich allen Bereichen des Lebens.

Früher war es eben ganz normal, mittelmäßig zu sein und ein durchschnittliches Leben zu führen. Natürlich ging das zuweilen auch mit einer ekligen Spießbürgerlichkeit einher. Man war stolz, nicht ins soziale Abseits „abzurutschen“ (und schaute verächtlich auf jene hinab, die sich dort befanden), hatte aber keinerlei Ambitionen, in die Glitzerwelt der Schönen und Reichen aufzusteigen. Das war ein gemütliches Leben, sozusagen.

Das Negative daran war diese „Schuster bleib bei deinen Leisten“-Ideologie, die zu Recht vom demokratischen Gleichheitsgedanken kritisiert worden ist. Weil sie verhinderte, dass Menschen überhaupt Ambitionen des Aufstiegs entwickelten. Aber der Kampf dafür, dass einzelne, die das wollen, die Möglichkeit zum Aufstieg bekommen, ist längst schon umgeschlagen in den Zwang zum Aufstieg. Wenn die das kann, warum du nicht auch?

Ein Freund erzählte mir von einem Managementprinzip in einem großen US-amerikanischen Konzern, das so funktioniert: Jedes Jahr werden die Top-Performer, die leistungsmäßig obersten 10 Prozent, belohnt, und die untersten 20 Prozent entlassen. Die Mittelmäßigen werden noch ein weiteres Jahr geduldet. Das System zeigt: Nur die Topleute sind wichtig, die Schlechten werden rausgeschmissen, und die Mittelmäßigen können nicht mittelmäßig bleiben, denn wenn sie sich nicht anstrengen und besser werden, sondern einfach nur so bleiben, wie sie sind, werden sie unweigerlich irgendwann aussortiert (das ist nur eine Frage der Zeit, weil ja der Abstand nach „unten“ immer kleiner wird).

Diese Ideologie, wonach es nicht mehr genügt, mittelmäßig zu sein, sondern man zum Überleben Top sein muss, führt paradoxerweise gleichzeitig zu einer gesellschaftlichen Uniformierung. Denn nicht mehr die Einzigartigkeit zählt (die lässt sich nämlich nicht benchmarken), sondern die Vergleichbarkeit. Die Qualität einer Person oder einer Arbeitsleistung wird nicht mehr in absoluten Werten gemessen (ist sie gut oder schlecht), sondern in relativen (ist sie besser oder schlechter als…).

Wirkliches Expertinnentum funktioniert nicht über Konkurrenz. Ich bin zum Beispiel „Germanys Topmodel“ in Bezug auf Wissen über Frauen in der Ersten Internationale. Aber da ich so ungefähr die einzige bin, die sich mit diesem Thema überhaupt auskennt, lässt sich dazu kein Ranking aufstellen. Ich bin die Beste von einer Gruppe, die aus einer Person besteht, haha. Ranglisten und Topmodels lassen sich nur bestimmen, wenn man Menschen vergleichbar macht. Mit Spezialthemen funktioniert das nicht. Man braucht also Themengebiete, wo es überhaupt möglich ist, miteinander konkurrieren.

Und das einzige, was wir tatsächlich alle gemeinsam haben, wo wir allesamt miteinander verglichen werden können, ist ein Körper. Wir alle sehen irgendwie aus. Das Aussehen ist schlicht und einfach das simpelste und vielleicht sogar einzige Thema, bei dem sich eine ganze Gesellschaft miteinander in einen Wettbewerb begeben kann.

Ich glaube, dass das der Grund dafür ist, warum unsere Gesellschaft eine solche Obsession in Bezug auf das Aussehen entwickelt hat. Der Kern dieses ganzen Schlamassels ist in Wahrheit gar nicht der Körper und seine Normierungen, sondern die Verkorkstheit unserer gegenwärtigen Kultur, die ständig alles mit allem vergleichbar machen will, weil sie keine wirklichen Qualitätskriterien mehr kennt.

Vielleicht könnte das sogar ein Grund sein für das große (und für mich immer so unverständliche) Bedürfnis nach „Genderisierung“ von Kindern, nach klaren Grenzen zwischen Jungen und Mädchen in blau und rosa: Die Geschlechterdifferenz zu zementieren, wenn auch auf alberne Art und Weise, könnte vielleicht ein letzter verzweifelter Versuch sein, wenigstens einen einzigen Bereich der Vergleichbarkeit zu entziehen. Wenn Frauen so sind und Männer so, dann spielen sie in verschiedenen Contests und brauchen nicht gegeneinander anzutreten.

Eine Gesellschaft, in der „Top-Sein“ nicht mehr an den eigenen, jeweils individuellen Begehren und Interessen orientiert ist, sondern daran, auch von der Allgemeinheit, von Hinz und Kunz sozusagen, als „Top“ anerkannt zu werden, ist dysfunktional. Sie behindert Individualität und Originalität, weil nur zählt, was vergleichbar ist. Und damit wird dann über die Hintertür die Mittelmäßigkeit wieder einführt, weil am Ende alle gleich und „normschön“ sind und grottensterbenslangweilig.

Das Gegenbild, das ich dazu im Kopf habe, sind die nächtelangen Gespräche, die ich als Doktorandin mit einer Freundin führte. Sie war ebenfalls Wissenschaftlerin und Expertin für eine ganz bestimmte Sorte antiker Romane. Die Welt um uns herum interessierte sich weder für ihr Forschungsthema noch für das meine, aber wir hatten tolle Gespräche. Wir kamen nie in Versuchung, miteinander zu konkurrieren, das wäre vollkommen absurd gewesen. Ich habe keine Ahnung von antiker Romanliteratur, und sie hatte keine Ahnung von Frauen in der Ersten Internationale. Und genau deshalb waren unsere Gespräche so interessant – wir hatten einander viel zu erzählen.

Die Sache ist also nicht aussichtlos, denn wir haben immer die Wahl: Sehen wir in anderen Menschen lauter herummäkelnde Heidi Klums, die uns antreiben, genauso „gut“ (schlank/normschön/sexy) zu werden wie sie selbst es (angeblich) sind?

Oder erkennen wir in ihnen die Garbo, sehen wir sie also wirklich als Andere, lassen uns von ihnen faszinieren, gerade weil wir nicht mit ihnen vergleichbar sind? Bewundern und respektieren wir sie, weil sie etwas können auf einem Feld, in dem wir selbst total mittelmäßig sind? Dann könnte unsere Begegnung wirklich interessant werden.

Es geht nicht um verletzte Gefühle

© Turi - Fotolia.com

© Turi – Fotolia.com

Eine immer wieder kehrende Argumentationsfigur im Zusammenhang mit Kritik an sexistischen oder rassistischen Vorfällen ist das Bedauern darüber, dass Gefühle verletzt wurden: Das sei keineswegs beabsichtigt gewesen.

„Es war nie unsere Absicht, mit dem Film die Gefühle der Zuschauer zu verletzen oder gar frauenfeindlich zu wirken“ schrieben etwa die Verantwortlichen für einen Werbeclip des Energiekonzerns Eon, in dem Gewalt gegen Frauen verharmlost wurde. Und der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer schrieb kürzlich, die Kritik an einer rassistischen Süßwarenbezeichnung sei berechtigt, denn „eine solche Bezeichnung kann Menschen, die Erfahrungen mit Rassismus in unserer Gesellschaft gemacht haben, verletzen.“ (Das sind nur zwei Beispiele, die mir jetzt spontan einfallen, falls Ihr weitere wisst, gerne in die Kommentar schreiben).

Immer wenn ich eine solche „Entschuldigung“ lese, werde ich fast noch ärgerlicher als über den ursprünglichen Sachverhalt. Denn der Verweis auf die angeblich verletzten Gefühle der Kritiker_innen ist keineswegs ein Entgegenkommen, wie es den Anschein erweckt, sondern ganz im Gegenteil die Verweigerung einer ernsthaften Auseinandersetzung. Es wird nämlich so getan, als sei der Grund für die Kritik die subjektive Befindlichkeit derjenigen, die die Kritik vorbringen. So als seien sie irgendwie besonders empfindlich. Großmütig ist man dann bereit, auf diese zart besaiteten Menschen Rücksicht zu nehmen – und konstruiert nebenbei eine Opfergruppe, der man dann gönnerhaft ein bisschen entgegen kommt.

Bei der Kritik an gesellschaftlichen Missständen wie Sexismus oder Rassismus geht es aber nicht um verletzte Gefühle oder „Betroffenheit“ – auch wenn Sexismus oder Rassismus zweifellos Gefühle von Menschen verletzen – sondern um eine Analyse von Strukturen. Wenn ich kritisiere, dass in Werbevideos Gewalt gegen Frauen verharmlosend dargestellt wird, oder wenn ich gegen die Darstellung von Frauen als sexualisierte willenlose Wesen protestiere, dann nicht weil „meine Gefühle als Frau“ dadurch verletzt würden. Sondern weil ich solche kulturellen Muster für schädlich halte – und zwar nicht nur für mich oder für die „Betroffenen“, sondern generell und für alle.

Diese Meinung muss man nicht teilen, aber ich will, dass man sich ernsthaft und argumentativ damit auseinandersetzt. Genau das wird aber mit der Unterstellung, meine „Gefühle“ seien verletzt worden, verweigert. Man nimmt mich als politisches Gegenüber schlichtweg nicht ernst.

Es gibt nämlich einen klaren Unterschied zwischen einer politischen Auseinandersetzung darüber, in welcher Gesellschaft wir leben möchten, und der Rücksichtnahme auf die Gefühle und subjektiven Befindlichkeiten anderer.

Letzteres – die Rücksichtnahme auf Gefühle – ist durchaus auch wichtig. In einer pluralistischen Gesellschaft können nicht immer alle einer Meinung sein, und nicht jede Differenz in den Werthaltungen und grundlegenden Überzeugungen kann und muss jederzeit ausdiskutiert werden. Wir haben und pflegen vielfältige Beziehungen zu Menschen, die in wesentlichen Dingen andere Ansichten haben als wir selbst, und es ist oft eine gute Idee, auf die Gefühle der anderen Rücksicht zu nehmen, damit die Beziehungen nicht zerbrechen.

Ich selbst war zum Beispiel einmal mit einem Mann aus einem anderen Kulturkreis liiert, der „gefühlsmäßig“ Probleme damit hatte, dass ich am Badesee nackt herumlief. Aus Rücksicht auf seine Gefühle zog ich also einen Badeanzug an, wenn er dabei war. Aber dieses Entgegenkommen war keineswegs ein Eingeständnis meinerseits, dass er mit seinen kulturellen Vorstellungen richtig lag, sondern lediglich ein Entgegenkommen, das die kulturelle Differenz zwischen uns gerade bewusst machte. Die Rücksichtnahme auf seine Gefühle half dabei, unsere Beziehung trotz aller Differenzen zu führen. Sowohl er als auch ich waren uns aber jederzeit darüber im Klaren, dass ich in Wirklichkeit den FKK-Bereich bevorzugte. Und wenn er mich nicht nur darum gebeten hätte, „ihm zuliebe“ einen Badeanzug anzuziehen, sondern wenn er von mir verlangt hätte, ihm darin zuzustimmen, dass ich nicht nackt in der Öffentlichkeit herumlaufen soll, hätte es nicht funktioniert.

Rücksicht auf die Gefühle anderer zu nehmen bedeutet, in Klartext übersetzt: „Ich teile deine Ansichten zwar nicht, aber ich verzichte darauf, das jetzt auszudiskutieren und meinen Standpunkt durchzusetzen, weil ich es wichtiger finde, die Beziehung zu dir aufrecht zu erhalten.“

Das kann nicht nur im Privaten, sondern auch unter gesellschaftlichen Gruppen eine sinnvolle Haltung sein. Wenn deutsche Zeitungen darauf verzichten, sarkastische Karikaturen des Propheten Mohammed abzudrucken, bedeutet das keineswegs, dass sie nicht mehr zu einem aufklärerischen Verständnis von Presse- und Meinungsfreiheit stehen, sondern lediglich, dass sie darauf verzichten, diese Freiheit jederzeit auszuleben, weil ihnen an guten Beziehungen auch zu denjenigen Menschen liegt, deren Gefühle durch solche Karikaturen verletzt werden.

Konkret stellt sich in solchen Situationen natürlich immer die Frage, wann es angemessen ist, eine Grundsatzdiskussion zu führen, auch auf die Gefahr hin, die Beziehungen dadurch zu beschädigen, und wann es besser ist, die Differenzen als solche vorläufig erst einmal stehen zu lassen und auf die jeweiligen subjektiven Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. (Wobei – aber das wäre ein anderer Blogost – eine gut geführte Grundsatzdiskussion auch dazu verhelfen kann, Beziehungen gerade zu vertiefen und zu einem neuen gemeinsamen Verständnis zu kommen. Aber dafür gibt es keine Garantie, es bleibt ein gewisses Risiko dabei, daher muss man das immer wieder neu entscheiden.)

So oder so bleibt es dabei, dass die Rücksichtnahme auf (womöglich sogar nur unterstellte) verletzte Gefühle die zugrunde liegenden Differenzen ganz und gar nicht aufhebt, sondern im Gegenteil bestärkt und manifestiert. Und deshalb verbietet sich der Verweis auf vermutete subjektive Befindlichkeiten immer dann, wenn jemand ganz bewusst eine politische Diskussion anregen möchte, wie es bei der Kritik an Rassismus oder Sexismus ja der Fall ist. Wo eine solche Kritik vorgebracht wird, geht es nämlich genau nicht mehr um subjektive Gefühle, sondern um eine gesellschaftliche Analyse, die zur Diskussion gestellt werden soll. Man muss diese Analyse nicht teilen, man kann dagegen argumentieren, aber man muss eine ernsthafte politische Auseinandersetzung darüber führen.

Sie einfach auf die Ebene von subjektiven Verbindlichkeiten abzuschieben, ist eine ganz perfide Rhetorik, die nichts anderes aussagt als: „Ich finde deine Einwände zwar nicht zutreffend, aber ich halte es auch nicht für notwendig, mich damit auseinanderzusetzen.“