“Speculum, the Other man. Eight points on the spectres of Cologne”

“Listening to the other – her experience, her story, her needs, her desires, her traumas, her resources – is a necessary condition for repairing the pattern of civilisation, and in a direction opposite to that of the clash of civilisations. In this, the racket of the media machine, wholly programmed not to listen but to shout, is no help to us – rather, it is an obstacle.”

Italienische Feministinnen – darunter einige Freundinnen der Philosophinnengemeinschaft Diotima – haben unter dem Titel “Speculum, the Other man. Eight points on the spectres of Cologne” eine lange, meiner Meinung nach sehr gute Analyse der Debatten nach den Köln-Ereignissen geschrieben.

Verzeiht, dass ich immer noch kein anderes Thema hier habe.

Hier ist der Link zum (englischen) Text.

#ausnahmslos

Sicher habt Ihr schon mitbekommen: www.ausnahmslos.org.

Benni, Eva und ich haben zu dem Thema auch gepodcastet. (und in Teil 2 auch noch über andere Themen gesprochen).
Susanna hat sich in ihrem Blog ausführlich mit unserem Podcast auseinandergesetzt.

Ich bloggte dann auch nochmal zu der Frage:
Verharmlosen Feministinnen die Taten von Köln?

Außerdem gab es eine ganze Reihe von Interviews, u.a.:
Die “Böse Minute” beim WDR (Frau TV)
Radiointerview bei Mephisto.
FAZ Rhein-Main zusammen mit Nicole von Horst.
Interview mit Radio Corax

 

Weibliche Homosexualität und glückliche Frauen

Was ich an den italienischen Feministinnen so mag ist ihr Talent dafür, Denkbewegungen und Paradigmen auf eine kurze sprachliche Formel zu verdichten, an der sich dann Debatten entzünden und das Denken sich gewissermaßen “einhaken” kann. Sachen wie “Das Patriarchat ist zu Ende”, “Von sich selbst Ausgehen”, “der Wille zu siegen” oder “Von der Abwesenheit profitieren”…

In einem aktuellen Text (italienisch) von Paola Mammani habe ich nun wieder eine Formulierung gefunden, die mir seit einigen Tagen im Kopf herumspukt, und zwar “Omosessualità femminile e donne felici”, also “Weibliche Homosexualität und glückliche Frauen”. Offenbar stand die Frage zur Debatte, mit welchem Bild man ein Zeitungscover zu diesem Thema betiteln würde, und Mammani kam dazu sofort ein Foto in den Sinn, auf dem sich Flavia Pennetta und Roberta Vinci, die beiden Tennis-Finalistinnen der US-Open im September diesen Jahres, fest, lang und zärtlich umarmen (ich sollte wieder mehr Tennisspiele anschauen)!

Daneben, so schreibt sie, hätte sie ein anderes Foto gestellt, auf dem Flavia Pennetta, die Siegerin, und ihr Verlobter sich im Anschluss an das Match küssen, und dazu hätte sie die Unterschrift “Heterosexualität” gestellt. Paola Mammani erklärt das so: “Mir scheint, das sind zwei Bilder, die eine grundlegende Wahrheit vermitteln, die aber leicht übersehen wird: Dass Homosexualität von Frauen gemacht wird, die einander Zuneigung, Liebe, Wertschätzung entgegen bringen, und dass die Heterosexualität eine ähnliche Verbindung ist, die eine Frau mit einem Mann pflegt. Dass weibliche Homosexualität da ist, vor den Augen aller, ein Mehr und eine Möglichkeit für jede Frau, die damit anfangen will, sie zu sehen, sie wahrzunehmen und zu kultivieren.”

Das Ganze erinnert an die Idee von Adrienne Rich vom “lesbischen Kontinuum” (könnt Ihr nachlesen auf den zusätzlichen  zwei Comicseiten unserer Neuauflage), und tatsächlich ist diese Vorstellung, dass weibliche Homosexualität mehr (und anderes) ist als eine bestimmte Form von Familie oder eine bestimmte Form von Sexualität, heute irgendwie manchmal verloren gegangen.

Zwischen dem politischen Einsatz für mehr legale Familienrechte für schwule und lesbische Paare auf der einen Seite und queerfeministischer Neubewertung von Geschlechteridentitäten auf der anderen Seite bleibt leider oft das auf der Strecke, was für die Frauenbewegung vor dreißig, vierzig Jahren eigentlich das viel Wichtigere war: nämlich eine Kultur zu schaffen, in der Frauen ihre Beziehungen untereinander auf allen Ebenen wichtig nehmen, einander ihre Aufmerksamkeit, Zuneigung, Liebe und Unterstützung schenken und nicht dauernd auf Männer fixiert sind (was andererseits nicht bedeutet, dass sie gar keine Beziehungen zu Männern haben dürfen oder sollen). Also das, was in Deutschland dann unter Affidamento diskutiert wurde – hier auch ein guter Artikel von Dorothee Markert dazu.

IMG_0124Mit diesen Gedanken im Kopf stand ich neulich, weil ich Zeit überbrücken musste, in einer Bahnhofsbuchhandlung und kaufte die mir bis dahin völlig unbekannte Zeitschrift “Working Women”. Es ist eigentlich eine recht unspektakuläre Zeitschrift, aber mit einem klaren Bewusstsein für dreierlei: erstens, dass es nicht darauf ankommt, sich bei der eigenen Lebensplanung an Männern zu orientieren oder sich von ihnen abzugrenzen, sondern darum, angesichts der Umstände realistisch das Beste zu machen, was einer möglich ist. Zweitens: dass andere Frauen dabei die entscheidende Ressource und Hilfe sein können. Und drittens: dass Weiblichkeit ein Faktor ist, der bei all dem eine Rolle spielt, manchmal nützlich und manchmal hinderlich, nie jedoch etwas, das die eigenen Möglichkeiten und Wünsche definiert oder festlegt.

Neben allen möglichen Artikeln im Umfeld von “Frauen teilen ihre Erfahrungen, geben Ratschläge und erzählen, was sie erlebt haben, weil andere daraus vielleicht was lernen können” gab es dezidiert auch einen langen Artikel zum Thema “Nicht ohne meine Kollegin” (über Frauenpaare, die was in der Welt bewegen, wie Merkel/von der Leyen, Navratilova/Evert, Fitzgerald/Monroe und noch ein paar, die ich nicht kannte), und einem Teaser mit dem Ratschlag: Sei lieber Königin als Prinzessin.

Irgendwie dachte ich: Ja, dass es solche Zeitschriften heute gibt, hat was mit all dem zu tun – mit weiblicher Homosexualität und mit glücklichen Frauen. Und es ist auch ein Zeichen dafür, dass Feminismus durchaus was verändert und gebracht hat. Wir sind nicht mehr am selben Punkt wie vor dreißig, vierzig Jahren.

Lesben und die Frauenbewegung

Hurra, hurra, die zweite Auflage von unserem Comic “Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext” ist da – und mittendrin zwei zusätzliche Seiten, in denen wir explizit noch mal die wichtige Bedeutung von Lesben vor allem in der so genannten “zweiten Welle” anreißen. Auf diese Leerstelle hatten mich einige Freundinnen nach Erscheinen des Comics aufmerksam gemacht – dafür ihnen an dieser Stelle herzlichen Dank.

Von den vielen Theoretikerinnen, die sich dabei nennen ließen, habe ich Monique Wittig und Adrienne Rich ausgewählt, weil sie zwei der bekanntesten Formulierungen dazu in die Welt gesetzt haben: Wittig die radikale These “Lesben sind keine Frauen” und Rich die Idee eines “lesbischen Kontinuums”, das nicht nur gleichgeschlechtlich liebende Frauen umfasst, sondern alle.

Aber seht selbst (Der Link führt zu dem pdf der neuen zwei Seiten, die im gedruckten Buch an der entsprechenden Stelle eingefügt wurden. Denn wir wollen sie ja auch nicht denen vorenthalten, die sich das Buch bereits in der 1. Auflage gekauft haben – vielleicht könnt Ihr es euch einfach ausdrucken und einkleben :)))

51kgVkRQU3L._SX303_BO1,204,203,200_Für alle, die in das Thema genauer einsteigen wollen, sei wärmstens das kürzlich erschienene Buch von Cristina Perincioli: Berlin wird feministisch. Das Beste, was von der 68er Bewegung blieb (Querverlag, Berlin 2015, 242 Seiten, 24,90 Euro) empfohlen. Perincioli war damals selbst Aktivistin und schildert die Ereignisse einerseits aus ihrer persönlichen Perspektive, andererseits hat sie aber auch Quellendokumente, viele, viele Fotos und Erinnerungen anderer Zeitzeuginnen zusammengetragen.

Beim Lesen wurde mir wieder einmal klar, wie wohltuend kreativ und souverän die Frauen_(und/oder)_Lesben damals Politik machten und wie wenig ihre Ideen und Praktiken mit bloßen Gleichstellungsforderungen oder dem Wunsch nach Anerkennung durch die bestehende patriarchale und heteronormative Ordnung zu tun hatten. Das wird nicht nur über die Inhalte deutlich, sondern auch durch die Form. Perincioli liefert keine distanziert pseudo-“objektive” Geschichtsschreibung, sondern zieht mitten rein in die Diskussionen, Ideen, Aktionen.

Woher kommt die Ignoranz in Bezug auf feministische Ideen?

Feministin sein ist fast immer schön – ich schreibe das nach einem intensiven und ertragreichen Wochenende mit Denkfreundinnen – aber gleichzeitig auch immer wieder frustrierend. Der frustrierende Teil bezieht sich für mich dabei weniger auf so lächerliche Sachen wie rosa Bratwürste oder den mühsamen alltäglichen Kulturwandel oder auf tatsächlich schwierige Prozesse wie die Aushandlung interkultureller Differenzen in Bezug auf die Geschlechterdifferenz. Solche Hindernisse gehören zu einem politischen Aktivismus dazu.

Mein wirklicher Frust (und ich glaube, es geht anderen Feministinnen ähnlich) ist die undurchdringliche Ignoranz der männlichen Kultur – und tatsächlich eben auch vieler Männer aus Fleisch und Blut – in Bezug auf feministische Inhalte.

Manche von uns machen sich immer mal wieder die Mühe, an der einen oder anderen Stelle den Konflikt auszutragen. Eine Freundin zum Beispiel schrieb kürzlich an den Wirtschaftsredakteur einer großen Zeitung und fragte ihn, warum er in seiner Kritik an der Mainstream-Ökonomie eigentlich keine einzige Ökonomin zitiere, sondern nur Texte von Männern. Seine Antwort war so nett wie aufschlussreich: „Ich muss leider bekennen, dass ich die feministisch-ökonomische Literatur nicht genug kenne, um Fundiertes dazu sagen zu können. Ursache ist nicht Geringschätzung, sondern dass ich einfach nicht in allen wichtigen Themen vorne mit dabei sein kann. In Sachen Gleichberechtigung stimmt immerhin auch ohne mein Zutun die Richtung. In den Fragen, für die ich mich besonders engagiere, geht es in die falsche Richtung.“

Das Schema ist ein Altbekanntes: Die meisten Männer glauben, dass es bei feministischer Theorie ausschließlich um „Gleichberechtigung“ gehe, und sie kommen gar nicht auf die Idee, dass sie dort vielleicht Anregungen und Inspiration für alle möglichen anderen Dinge finden könnten, zum Beispiel eben für eine Kritik an der Mainstream-Ökonomie oder was immer es für Themen sind, an denen sie selber gerade arbeiten.

Es sind nicht die mittelmäßigen Krawallmacher, um die es mir dabei geht, die mit billiger „Feminismuskritik“ ein paar schnelle Klicks generieren wollen oder als Ritter gegen einen von ihnen herbeifantasierten Genderwahn das Abendland vor dem Untergang bewahren müssen. Das sind politische Gegner, mit solchen muss man leben.

Es geht mir vielmehr um die eigentlich Wohlwollenden, diejenigen, die in ihrer Selbstwahrnehmung nichts gegen Feminismus an und für sich haben. Und die oft eigentlich auch klug sind, bis auf diesen einen blinden Fleck eben. Ich verstehe nicht, woher der kommt.

Kürzlich war ich zum Beispiel bei einer Veranstaltung mit einem recht bekannten deutschen Intellektuellen, den ich sehr schätze, dessen Texte ich oft sehr gut und inspirierend finde. Und er hielt auch wieder einen klugen Vortrag, bei dem ich viel Neues lernte. Bis dann diese Stelle kam, vor der ich mich schon regelmäßig fürchte (weil sie leider inzwischen fast mit Sicherheit kommt).

In diesem Fall sprach er im Lauf seiner Rede unter anderem über Maria, darüber, wie wichtig diese Figur für die westliche Kultur sei, und regte an, dass man sich mehr mit ihr beschäftigen sollte. Und sagte dann, in einem Nebensatz: Nicht einmal die feministische Theologie würde sich ja so richtig mit Maria beschäftigen, sondern sich stattdessen lieber darauf kaprizieren, die deutsche Sprache zu verhunzen (womit er vermutlich die Bibel in gerechter Sprache meinte). Natürlich erntete er dafür prompt die vorhersehbaren Lacher aus dem linksintellektuellen, sich fortschrittlich findenden Publikum.

Nur ist es halt aber so, dass die feministische Theologie eine bibliotheksfüllende Literatur über Maria hervorgebracht hat. Zu behaupten, feministische Theologinnen würden sich für Maria nicht interessieren, ist so ungefähr das Uninformierteste, was sich über das Thema sagen lässt. Bei jedem anderen Gegenstand könnte sich kein Intellektueller eine so eklatante Offenbarung seiner Unkenntnis leisten, ohne vom Publikum ausgelacht zu werden.

Aber in Bezug auf feministische Theorie ist Ahnungslosigkeit eben kein Makel, sondern scheint im Gegenteil fast schon eine Art kultureller Code zu sein, mit dem sich Zugehörigkeit zu den „ernst zu nehmenden Kreisen“ der Debatte markieren lässt. Distinktionsgewinn durch demonstratives Zelebrieren von Desinteresse. Es ist schick, von Feminismus keine Ahnung zu haben, das kann man quasi wie einen Orden vor sich hertragen.

Hinterher stand ich noch mit einigen anderen feministischen Theologinnen zusammen, und wir stellten fest, dass keine von uns Lust gehabt hatte, dazu überhaupt noch etwas zu sagen. Weder in der anschließenden Diskussion mit dem Vortragenden, noch zu unseren Sitznachbarn, die zu der Szene ihre beifälligen Lacher beigesteuert hatten. Es ist nämlich bereits alles gesagt.

Aber ich kann es nicht verstehen. Warum lesen Männer, die nach Alternativen zur Mainstream-Ökonomie suchen, keine feministische Ökonomiekritik? Warum wissen Männer, die sich für Maria interessieren, nichts über all die feministisch-theologischen Forschungen zu Maria? Das heißt doch nicht, dass sie allem, was sie da lesen würden, zustimmen müssten (was auch ganz unmöglich wäre, weil feministische Theologinnen sich über Maria ja ebenso uneins sind wie feministische Ökonominnen eine Vielzahl unterschiedlicher bis gegensätzlicher Theorien und Ansätze hervorgebracht haben). Sondern sie könnten doch die dort entwickelten Forschungsergebnisse und Diskussionsbeiträge in ihre Überlegungen einbeziehen, sie kritisch diskutieren, meinetwegen auch widerlegen, um dann von dieser Basis aus weiterzudenken? Müsste das denn nicht in ihrem eigenen Interesse sein?

Nein, ich kann es nicht verstehen.

(Ina Praetorius hat auch schon einmal was zu dem Thema geschrieben)

Refugees, Gutes tun, Facebook, Rassismus, Identitäten und Angst

Refugees, Gutes tun, Facebook, Rassismus, Identitäten und Angst – die Themen von benni_b und mir in der neuen Episode unseres Podcasts “Besondere Umstände”: http://besondereumstaende.podcaster.de/bu/besondere-umstaende-episode-18