„Jede macht was sie will“ ist noch nicht alles

In den letzten Tagen habe ich nur eher nebenbei Diskussionen auf Twitter unter dem Hasthag #EMMAistfuermich mitverfolgt – für alle, die nicht bei Twitter sind: Unter diesem Schlagwort hat die Zeitschrift Emma Leserinnen aufgefordert, etwas Positives über Emma zu schreiben, aber recht schnell wurde dabei vor allem Kritik geäußert.

Unter den kritischen Tweets ist mir vor allem ein Tenor aufgefallen, den ich anfangs gut fand, zu dem mir im Lauf der Zeit aber dann doch Bedenken kamen: nämlich die Kritik an feministischem Paternalismus und „Eine gute Feministin ist so und so“, verbunden mit dem Plädoyer für die individuelle Freiheit jeder Frau, sich und ihren Feminismus so oder so zu definieren, wie sie eben will.

Es stimmt: An EMMA war schon immer problematisch, dass Alice Schwarzer sehr klar definiert, was ihrer Ansicht nach feministisch ist und was nicht, und dass sie Frauen mit anderen Ansichten als quasi vom Patriarchat gekauft diffamiert anstatt sie einer ernsthaften Auseinandersetzung würdig zu erweisen.

Aber die Haltung „Soll halt jede machen und meinen was sie will“ ist nicht das Ziel feministischer Politik, sondern lediglich ihr Anfang.

Ihr Anfang deshalb, weil die Vorstellung, dass Frauen machen, was sie wollen – und nicht, was sie nach Ansicht von Männern oder aufgrund der Natur oder laut dem Willen Gottes tun sollen – tatsächlich die symbolische Revolution ist, die der Feminismus gebracht hat. Weibliche Souveränität und weibliche Subjektivität war in Zeiten vor der Frauenbewegung nicht vorgesehen, nicht einmal denkbar. Frauen, die damals (was natürlich vorkam) souverän waren und ihren Subjektstatus behaupteten, taten das der herrschenden symbolischen Ordnung zufolge obwohl sie Frauen waren, markierten also sozusagen die Ausnahme, die die Regel bestätigte.

Heute nicht mehr. Dass Frauen als souveräne Subjekte und Individuen gelten und nicht als Repräsentantinnen ihres Geschlechts, dass sie also für ihr Handeln keine anderen Begründungen brauchen als „Weil ich das so will“, wird von immer mehr Frauen eingefordert, und zwar – wie die aktuelle Debatte zeigt – auch gegen einen „paternalistischen“ Feminismus, der zwar die Inhalte dessen, was Frauen sollen, verändert hat, aber eben nicht die Struktur des Arguments, wonach Frauen eben doch irgendetwas sollen, nur eben was anderes als das Patriarchat sagt.

Aber dieses Verständnis von Frausein hat sich noch nicht überall durchgesetzt, sitzt noch etwas unsicher im Sattel. Nicht nur die Emma ist dieser alten symbolischen Ordnung noch verhaftet, wonach Frauen eine spezielle Kategorie Menschsein mit gemeinsamen Interessen, Ansichten, Erfordernissen sind, die sich objektiv – also ohne konkrete weibliche Subjekte dazu befragen zu müssen – deduzieren lassen. Die alte Ordnung zeigt sich auch weiterhin in Form von gesellschaftlichen Ansprüchen an Frauen, sich irgendwie für die Allgemeinheit nützlich zu machen (sie sollen Kinder kriegen, sie sollen ihre Arbeitskraft dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen und so weiter). Und auch in anderen feministischen Diskursen ist diese Rhetorik noch vorzufinden, zum Beispiel in dem Argument, mehr Frauen in Führungspositionen seien gut für den Unternehmenserfolg. Das Argument „Ich will mehr Frauen in Entscheidungspositionen“ scheint für sich genommen („Weil ich das will“) noch nicht ausreichend legitimiert, es muss noch eine Begründung dazu, die die Nützlichkeit dieses weiblichen Wollens für die Allgemeinheit beweist.

Insofern ist es gut, wenn Frauen ihre Souveränität und Subjektivität gegen sämtliche Sollens-Ansprüche behaupten, egal von wem sie kommen. Ja, jede soll machen, was sie will. Frauen können sich nicht gegenseitig repräsentieren und vertreten, weil sie Unterschiedliches wollen und sind, und weil sich aus der Tatsache ihres Frauseins keine Normen und Ansprüche an eine einzelne Frau ableiten lassen: Das ist der Kern der weiblichen Freiheit.

Aber, wie gesagt, damit fängt der Feminismus erst an. Weibliche Souveränität ist nicht der Zweck, dem der Feminismus dient, sondern die Vorbedingung dafür, dass es eine feministische Bewegung überhaupt geben kann als politische Bewegung. Die Haltung des „Ich tue das, was ich will“ ist der Ausgangspunkt für eine Politik der Frauen, nicht ihr Ziel. Ihr Ziel ist die Gestaltung der Welt.

Zur Politik und zur Weltgestaltung aber gehört der Austausch über unterschiedliche Ansichten, Differenzen und Meinungen zwingend dazu. Also konkret: Freie und souveräne weibliche Subjekte reden miteinander, sie streiten, sie argumentieren, sie teilen Erfahrungen, bringen Argumente, versuchen die andere zu überzeugen und lernen von der anderen.

Es ist deshalb auch (und gerade) unter den Bedingungen weiblicher Freiheit notwendig und sogar wünschenswert, dass Frauen sich gegenseitig kritisieren, dass sie aussprechen, wenn sie die Lebensentwürfe und Ansichten anderer Frauen problematisch oder rundheraus falsch finden, ja, dass sie Urteile fällen, auch über das Handeln anderer. Wenn dieser Austausch auf der Ebene der Begegnung zweier freier Subjekte stattfindet, ist Kritik nicht paternalistisch oder bevormundend, sondern schlicht und einfach ganz normale politische Debatte.

Aber weil wir uns momentan in einer Übergangszeit befinden, in der freie weibliche Subjektivität zwar schon vorhanden ist, aber noch nicht selbstverständlich, sondern immer wieder auch gefährdet ist, geschieht es oft, dass die Szenarien verwechselt werden. Wenn eine Frau das Handeln einer anderen beurteilt – zum Beispiel sagt: Ich finde es nicht richtig, was du machst – dann kann das in der alten Ordnung als Bevormundung gelesen werden, während es in der neuen Ordnung eine politische Auseinandersetzung ist. Zu sagen „Ich finde es nicht richtig, was du machst“, wird in der alten Ordnung übersetzt mit „Du darfst das nicht machen, du sollst etwas anderes machen.“ In der neuen Ordnung bedeutet es aber: „Es gibt einen Konflikt zwischen dir und mir in Bezug darauf, wie wir die gemeinsame Welt gestalten.“

Dass Menschen darüber streiten, wie die Welt sein soll, welche ethischen Maßstäbe gelten sollen, welche Übereinkünfte sie treffen, welche Handlungsweisen akzeptabel sind und welche nicht, ist Bestandteil jeder Kultur. Es gibt keine Kultur, in der alle alles machen dürfen. Eine Welt, in der sich über solche Themen nicht ausgetauscht würde, in der Menschen also nicht ihr jeweiliges Handeln gegenseitig beurteilen, wäre eine diktatorische Welt.

Deshalb kann weibliche Subjektivität und Souveränität sich nicht damit begnügen, ihre eigene Anerkennung einzuklagen. Sondern sobald sie existiert, ist ihr Urteil über die Welt gefordert, und damit wird sie unweigerlich in Konflikt mit anderen weiblichen Subjekten geraten.

Denn worum es dem Feminismus geht ist nicht das Verhältnis von Frauen und Männern (oder sonstigen Genders). Der Kern des Feminismus ist das Verhältnis der Frauen zur Welt.

Frauen sind auch nicht von Natur aus Feministinnen

Ich komme in die Küche und da läuft im Radio ein Schlager. Eine Art Liebeslied soll das wohl sein, gesungen von einem Er, adressiert an eine Sie. Die Refrainzeile: „Du machst mich zu einem besseren Mann“.

Mich gruselt. Und zwar nicht so sehr, weil hier das alte Geschlechterarrangement abgefeiert wird, wonach Frauen in einer heterosexuellen Beziehung die Aufgabe haben, die Qualität des Mannes sicherzustellen. Es ist ja normal, dass der Mainstream bestehende Geschlechterarrangements bekräftigt, das ist sozusagen sein Job.

Das wirklich Gruselige an dieser Liedzeile ist, dass vermutlich vielen Frauen dieser Schlager gefällt. Weil viele sich gerne in dieser Rolle sehen: Den Mann zu einem besseren Mann zu machen. Das ist ein Teil der patriarchalen romantischen Liebeserzählung, und sie wird von Frauen genauso abgefeiert wie von Männern (nicht von allen natürlich).

Später lese ich einen Artikel über die brutale Herrschaft des „Islamischen Staats“, in dem steht, dass es dort Frauen sind, die die Aufgabe übernehmen, andere Frauen zu disziplinieren. Das ist ja kaum zu glauben, denn noch frauenverachtender als beim IS kann ein Patriarchat doch gar nicht aussehen.

Es ist aber die traurige Wahrheit: Das Patriarchat ist nie einfach die Herrschaft von Männern über Frauen. Sondern überall dort, wo es existiert, kann es auf die Unterstützung von Frauen zählen. Viele Frauen akzeptieren die ihnen zugewiesene Rolle einer Existenz zweiter Ordnung. Einer Existenz, die vom Mann abgeleitet ist. Sie akzeptieren die ihnen zugewiesenen Aufgaben, mehr noch, sie machen sie sich zu Eigen. Und: Sie sind es, die diese Ordnung anderen Frauen gegenüber vertreten, oft unbarmherzig.

Frauen sind nicht von Natur aus Feministinnen, sie müssen es werden, in einem bewussten Akt der Entscheidung, die alte symbolische Ordnung der Vorherrschaft des Männlichen nicht mehr zu akzeptieren. Ob es wahrscheinlicher ist, dass eine Frau diese Entscheidung trifft als ein Mann? Vielleicht, weil der Leidensdruck höher ist, weil sie mehr zu gewinnen hat. Vielleicht aber auch nicht, weil auch der Preis höher ist, den sie bezahlt. Eine Frau hat oft auch mehr zu verlieren.

Dass es beim Feminismus nicht um einen Kampf von Frauen gegen Männer geht, wird oft gesagt, aber diese Aussage ist zwiespältig. Einerseits ist es natürlich auf eine banale Weise wahr. Trotzdem habe ich dabei ein leichtes Unbehagen, weil dieses „Es geht nicht gegen Männer“ leicht so verstanden werden kann, als sollten wir unsere Radikalität im Zaum halten, um die Männer nicht vor den Kopf zu stoßen, sie einzubeziehen, sie „abzuholen“.

Aber das ist nicht der Punkt. Beim Feminismus geht es aus einem viel schlichteren Grund nicht um einen Kampf von Frauen gegen Männer: Weil viele Frauen einen solchen Kampf gar nicht kämpfen, sondern sich mit dem Bestehenden arrangieren oder es sogar gut finden. Oder weil sie schlicht noch gar nicht auf die Idee gekommen sind, dass sie es überhaupt in Frage stellen könnten. Weil sie, die ja genauso wie die Männer in der herkömmlichen symbolischen Ordnung aufgewachsen und sozialisiert worden sind, vielleicht zwar ein diffuses Unbehagen verspüren, aber dafür bisher keinen politischen Ausdruck gefunden haben.

Feminismus ist die Weigerung, eine gesellschaftliche und kulturelle Ordnung anzuerkennen, die Frauen als vom Mann abgeleitete Wesen versteht. Als Wesen, die nicht ihre eigenen Ziele verfolgen, sondern sozusagen nur über Bande mitspielen: Die die Welt verbessern, indem sie die Männer verbessern, die sich in der Welt behaupten, indem sie Männer imitieren, oder die die Gesetze der Männer anderen Frauen gegenüber exekutieren.

Eine Feministin erkennt man nicht an den Inhalten ihrer politischen Forderungen und Ansichten, sondern daran, ob sie aufgehört hat, ihr eigenes Leben (und das Leben anderer Frauen) als eines zweiter Ordnung zu verstehen. Daran, ob sie direkt in der Welt wirken möchte, oder ob sie Männer verbessern möchte, in der Hoffnung, dass die es dann regeln. Daran, ob sie ihre eigenen Gesetze aufstellt und ihnen entsprechend lebt, oder ob sie die Gesetze der Männer exekutiert, speziell anderen Frauen gegenüber.

Ja, und auch Männer können feministisch sein. Solche Männer erkennt man daran, dass sie sich vorzugsweise in der Gesellschaft von Feministinnen bewegen. Weil sie Frauen als souveränes Gegenüber schätzen und nicht als Spiegel ihres Selbst.

Die schmerzhaften Debatten unter Feministinnen

Feministische Debatten sind oft schmerzhaft für die Beteiligten. Momentan zum Beispiel gibt es heftige Debatten um einen Blogpost von Chris Köver im Missy Magazine, die einen sarkastischen Text über eine Künstlerin geschrieben hatte, die ihr kein Face-to-face-Interview gegeben hat. Sie wurde daraufhin scharf kritisiert – wie ich finde, zu recht – und hat sich jetzt entschuldigt, aber, wie andere finden, zu halbherzig.

Die Debatte dreht sich um eine so genannte “Call-Out-Culture”, also darum, wie wir intern aneinander Kritik äußern und uns gegenseitig auf diskriminerendes oder sonstwie falsches Verhalten hinweisen. Das Thema ist auch unabhängig von dem konkreten Fall virulent. Viele meinen zum Beispiel, dass innerhalb des Feminismus zu viel und zu unbarmherzig kritisiert würde, sodass man ständig Angst haben müsste, irgend etwas falsch zu machen.

Aber dieses Problem ist ja keines, das speziell Feministinnen trifft. Sondern diese Probleme entstehen deshalb, weil wir generell in einer Kultur leben, die keinen guten Umgang mit Fehlern hat. Diese innerfeministischen Auseinandersetzungen sind deshalb so schmerzhaft, weil wir hier Neuland betreten. Weil wir hier schon längst auf Terrain sind, von dem der Rest der Gesellschaft noch weit entfernt ist. Wo wir Verfahren, Reaktionen, Diskussionsstile und so weiter erst noch erfinden müssen. Das ist schwierig, deshalb die vielen Schmerzen.

Vor einigen Wochen hielt ich beim Jahreskongress der “Redenschreiber in deutscher Sprache” (sic) einen Vortrag über Political Correctness. Bei der anschließenden Podiumsdiskussion kam die Frage auf, was jemand tun kann, der sich wegen einer “falschen” Äußerung in einem Kritiksturm wiederfindet. Die anderen Diskutanten schlugen Sachen vor wie Zurückschlagen oder Aussitzen, jedenfalls könne man da sowieso nichts machen.

Ich schlug dann vor, man könne sich doch entschuldigen und sagen, das habe man bisher nicht gewusst oder nicht bedacht, sich für die Kritik bedanken und versprechen, sich genauer mit dem Thema zu beschäftigen und die eigene Praxis gegebenenfalls zu überdenken.

Die Reaktion war sozusagen vereintes Lachen. Das wäre ja eine sehr ehrenwerte Sichtweise, wurde mir gesagt, aber im öffentlichen Leben leider ganz und gar unmöglich zu verwirklichen. Jeder Politiker, der einen Fehler eingesteht, würde sich selber ins Aus katapultieren. Aus Fehlern lernen? Das können vielleicht Betschwestern, aber die derzeit gängigen Regeln des öffentlichen Diskurses würden so etwas leider nicht vorsehen.

Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber die Zustimmung der anderen Referenten und des Publikums war jedenfalls so einmütig, dass ich mal annehme, da ist etwas dran. Oder zumindest ist die allgemeine Meinung, die herrschende symbolische Ordnung diesbezüglich eindeutig. Wer Fehler zugibt, ist schwach, wer öffentlich zugibt, etwas noch nicht zu wissen, etwas nicht bedacht zu haben oder etwas erst noch lernen zu müssen, hat sich disqualifiziert.

Das ist natürlich schockierend, aber es erklärt auch vieles. Wir leben in einer Kultur, in der die übliche Reaktion auf Kritik ist, erstmal alles abzustreiten und nur ja keine Zugeständnisse zu machen (eventuell landet man ja auch noch vor Gericht, und da wäre das ganz schlecht, wenn man vorher schon Zweifel an der eigenen Unschuld geäußert hätte). Die übliche Reaktion auf Kritik ist, die Schuld der Gegenseite zuzuweisen, entrüstet zu tun, die Muskeln spielen zu lassen. Erst mal sehen, wer der Stärkere ist.

Auch wir Feministinnen sind von dieser Kultur geprägt, auch wir haben die Regeln der herrschenden symbolischen Ordnung internalisiert, sie ist auch ein Teil unserer Routine.

Doch diese Ordnung, diese Kultur ist schlecht. Sie verhindert, dass Menschen etwas dazu lernen. Sie verhindert, dass neue Ideen sich verbreiten, selbst wenn sie gut sind. Sie führt dazu, dass Kritik allzu häufig eine Spirale aus Rechtfertigungen und Schuldzuweisungen auslöst, die sich immer weiter aufschaukelt.

Und das ist eben schmerzhaft. Weil wir die Regeln der alten Ordnung nicht mehr akzeptieren, aber noch keine neuen haben, die uns in Fleisch und Blut übergegangen wären. Ich fürchte, da müssen wir durch.

Aber die Chance, dass sich dadurch etwas verändert, besteht. Ich erinnere mich zum Beispiel an heftige Debatten in der feministischen Theologie, als in den 1980er Jahren jüdische Theologinnen den christlichen Theologinnen vorgeworfen haben, antijudaistische Stereotype zu verbreiten – zum Beispiel indem sie Jesus als “neuen Mann” feierten, der sich gegen das alte jüdische Patriarchat abgrenzte.

Auch damals waren die Abwehrreaktionen heftig, haben sich die christlichen Theologinnen gegen solche Kritik verwahrt, hat sich die Spirale an gegenseitigen Vorwürfen aufgeschaukelt, sind Tränen geflossen.

Inzwischen wissen wir, dass diese innerfeministischen Debatten Avantgarde waren. Die Feministinnen stritten sich schon über christlichen Antijudaismus, als das in der Mainstreamtheologie noch überhaupt kein Thema war. Inzwischen ist der Sachverhalt weitgehend anerkannt, hat ein Umdenken auf Seiten der christlichen Theologie stattgefunden, zumindest in Teilen, auch unter Männern.

Die Schmerzen, so meine Hoffnung jedenfalls, sind also wenigstens nicht umsonst.

Männer und Feminismus

Das Internet war heute voll von Emma Watsons Rede, in der sie darüber spricht, wie wichtig es sei, auch Männer von den Vorzügen des Feminismus zu überzeugen.

Meine Timeline ist gespalten darüber, was sie von dieser Rede halten soll. Die einen jubeln: Toll, eine nette Feministin, die nicht über die Männer schimpft, sondern sie ins Boot holen will. Die anderen sind genervt: Feminismus ist schließlich nicht dafür da, von Männern toll gefunden zu werden, denn um deren Urteil geht es hier doch ausnahmsweise mal gerade nicht.

Auch in diesem Fall – wie so oft – geht es meiner Meinung nach nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein Sowohl-als-auch.

Meiner Meinung nach geht es im Feminismus ja nicht um Gender Equality (wie Emma Watson in ihrer Rede behauptet), sondern um weibliche Freiheit, also um die Subjektivität von Frauen gerade ohne den Maßstab einer männlichen Norm. Die Emanzipation, also die Gleichheit der Frauen mit den Männern, war, wie Luisa Muraro es einmal formulierte, gänzlich vorhersehbar in einer (männlichen) Kultur, die die Gleichheit der Menschen seit über 200 Jahren zu ihrem Leitbild erkoren hat. Dass die Frauen so lange von dieser Gleichheit ausgenommen waren, ändert nichts an der Tatsache, dass die Gleichheit der Frauen eine logische und unausweichliche Folge der männlichen Gleichheitsidee war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie drauf kommen mussten.

Die Freiheit der Frauen, die weibliche Subjektivität hingegen ist in dieser symbolischen Ordnung nicht vorgesehen. Sie ist tatsächlich etwas Unvorhergesehenes, das erst mit der Frauenbewegung ans Licht kam. Und diese Freiheit zeichnet sich gerade NICHT durch die Gleichheit der Frauen mit den Männern aus, sondern im Gegenteil dadurch, dass Frauen ihren eigenen Wünschen, Vorstellungen und Ideen folgen und sie ernst nehmen, ganz unabhängig davon, ob sie mit der Weltsicht und den Ideen von Männern kompatibel sind oder nicht. Wenn sie es sind, umso besser, kann man zusammenarbeiten. Sind sie es nicht, gibt es eben politische Konflikte auszutragen.

Soweit haben also die Kritikerinnen der „Männer für den Feminismus gewinnen“-Kampagne recht.

Andererseits sind Bündnisse mit Männern trotzdem sinnvoll und notwendig. Denn tatsächlich sind ja auch viele Männer mit der patriarchalen symbolischen Ordnung unzufrieden, weil sie in vielerlei Hinsicht dem guten Leben aller Menschen nicht zuträglich ist. Damit meine ich nicht nur, dass auch Männer unter Geschlechtsstereotypen leiden, also etwas „vom Feminismus haben“. Das stimmt auch, ist aber nur ein kleiner Teil der Wahrheit, denn in vielerlei anderer Hinsicht profitieren sie ja auch von den Stereotypen, das heißt, Feminismus läuft ihren Interessen zuwider.

Aber Politik ist doch die Suche nach einem guten Zusammenleben aller Menschen und nicht einfach Lobbyismus für die eigenen Interessen. Menschen mit einem politischen Bewusstsein, mit Liebe zur Welt also und mit einem Gespür für Gerechtigkeit, geben sich nicht damit zufrieden, auf dieser Welt nur ihre eigenen Vorteile zu verfolgen. Sondern sie suchen nach einem Sinn in dem Ganzen, der über ihre eigene kleine Nasenspitze hinausreicht.

Und in diesem Sinne können Männer von feministischen Analysen profitieren, weil diese ihnen Aspekte und Sichtweisen eröffnen und zugänglich machen, die sich aus sich selbst heraus nicht haben können. Ich kenne nicht gerade massenweise, aber durchaus zahlreiche Männer, die aus diesem Grund gerne mit Feministinnen diskutieren, die feministische Texte lesen, die sich für die Sichtweisen und Analysen von Frauen interessieren, die an einem Austausch wirklich interessiert sind.

Und diese Männer sind durchaus wichtige Verbündete der Frauenbewegung, weil sie – einfach aufgrund ihres Mannseins – Möglichkeiten haben, die ich nicht habe, weil ich eine Frau bin. Das kann so etwas Banales sein wie die Tatsache, dass andere Männer ihnen eher zuhören als mir. Das ist natürlich ungerecht, aber das zu beklagen ändert ja nichts an den Verhältnissen, die nun einmal sind, wie sie sind. Solange diese feministisch denkenden Männer für ihr Engagement von mir keine Kekse verlangen, freue ich mich darüber, wenn sie irgendwo Gehör finden, wo es mir nicht gelingt.

Es ist aber nicht nur das. Es gibt auch Situationen, in denen mir Männer zwar zuhören, ich mich ihnen aber nicht verständlich machen kann. Zum Beispiel, weil ich mich in sie tatsächlich nicht hineinversetzen kann, weil ich nicht verstehe, wo ihr Problem ist. Und damit meine ich nicht Antifeministen, die mich aus ideologischen Gründen nicht verstehen wollen, sondern ich meine solche, bei denen ich ein wirkliches Interesse sehe, aber ich kann ihnen einfach nicht vermitteln, was ich sagen will, es fehlt eine gemeinsame Ebene der Verständigung.

In solchen Fällen bin ich froh, wenn Männer diese Vermittlungsarbeit übernehmen, denn ich habe schon oft beobachtet, dass sie dann Worte und Beispiele und Argumente finden, die wirken, und die mir schlicht nicht eingefallen wären. Solche „Allies“ zu haben, ist eine gute Sache.

Neonorangener Feminismus

Wenn ich ein Buch empfehle, das weitgehend im generischen Maskulinum geschrieben ist, das gleich am Anfang behauptet, Feminismus bedeute, dass Frauen die gleichen Rechte haben wollen wie Männer, das mit der Aufforderung “Geh wählen!” endet und “Das Spiel von Eis und Feuer” als Roman für das feministische Herz anpreist – dann wundert Ihr euch wahrscheinlich.

Trotzdem finde ich das Feminismusbuch von Julia Korbik “Stand Up – Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene” nicht schlecht. Mir wurden zwar beim Lesen meine nun fast fünfzig Jahre ziemlich bewusst, und das eben nicht nur weil die blassgraue Schrift für meine inzwischen gleitsichtbebrillten Augen etwas mühsam war, sondern auch weil die alte Besserwisserin in mir immer mal wieder die Hände über dem Kopf zusammenschlug.

Aber vor allem für zwei Zielgruppen ist das Buch wirklich ein Tipp.

korbikErstens mal für jüngere Frauen und Männer, die eine handliche Einführung haben wollen, sowohl in die Geschichte der Frauenbewegung, über die verschiedenen Ideen und Ansätze der einschlägigen “Grande Dames” und über alles, was derzeit dazu so diskutiert wird.

Das Buch ist aber auch noch für eine zweite Zielgruppe sehr interessant, und zwar für die älteren Feministinnen, die sich immer fragen, wo denn “die jungen Frauen” feministisch so stehen und was sie umtreibt.

Julia Korbik bildet nämlich sehr ausführlich die feministischen Netzdebatten der vergangenen zwei, drei, vier Jahre ab, inklusive Vorstellung einiger Akteurinnen, ihrer Blogs. Alle, die sich darüber mal schnell schlau machen wollen, ohne tagelang das Internet zu durchforsten, sind mit dem Buch ebenfalls bestens bedient.

Insofern ist es auch ein gutes Geschenk: Für eure Töchter, Enkelinnen, Nichten oder auch für eure örtliche Frauenbeauftragte.

Julia Korbik: Stand Up. Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene, Rogner und Bernhard, 415 Seiten, 22,95 Euro.

Cis, Trans, Feminismus

Ich habe gerade (weil Teresa Bücker es in ihrem Republica-Vortrag empfohlen hat) das lesenswerte Buch “Excluded. Making Feminist and Queer Movements More Inclusive” von Julia Serano gelesen. Die Trans-Aktivistin kritisiert darin die Tendenz mancher feministischer Gruppen, andere auszuschließen und plädiert für einen vielfältigen Aktivismus und einen “holistischen” Feminismus, der verschiedene Strategien (wie zum Beispiel “radikal” und “reformistisch”) nicht als Gegensätze, sondern als gegenseitige Ergänzung begreift.

Besonders kritisiert sie eine bestimmte Art von radikalem Lesben-Feminismus, der Transfrauen ausschließt, zum Beispiel mit der Behauptung, sie wären gar keine “richtigen” Frauen oder sogar Männer, die sich quasi in Frauenzusammenhänge “einschmuggeln” oder diese “unterwandern”.

Ich kann mich aus meinen eigenen feministischen Frühzeiten (in den 1980ern) daran erinnern, dass es solche Diskussionen gab, und dass ältere Feministinnen solche Ansichten über Transfrauen vertreten haben. In meinem eigenen Umfeld beziehungsweise unter den etwas jüngeren Frauen “meiner” Generation spielte das jedoch schon keine so große Rolle mehr, allerdings war ich auch nicht in großen Bewegungen aktiv, sondern eher in kleineren, überschaubaren Netzwerken, in denen die ein, zwei Transfrauen selbstverständlich dabei waren.

Doch auch wenn ich und die anderen Cis-Feministinnen, die ich kannte (das Wort “cis” für diejenigen, deren Geschlecht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt, gab es damals allerdings noch nicht), zwar nicht die Skepsis der älteren Feministinnen teilten, so hatten doch auch wir – oder zumindest ich – das Phänomen Transsexualität damals noch nicht wirklich verstanden. Letztlich hielt ich es für relativ unwichtig (Transsexualität kommt ziemlich selten vor, Julia Serano schreibt von 0,2 Prozent der Bevölkerung), und wie sollte eine solch vergleichsweise kleine Zahl von Personen den Feminismus irgendwie “unterwandern”?

Ich selbst war von diesen Frauen irgendwie beeindruckt, weil sie, obwohl “als Männer” geboren, sich bewusst dafür entschieden, Frauen zu sein – zumindest sah ich das so, denn ich verstand nicht, dass das Frausein für sie keine Entscheidung war, sondern eine Notwendigkeit, keine “Wahl”, sondern eine Tatsache. Dieser Punkt berührt aber vielleicht auch die Unterschiede oder Missverständnisse, die hinter den Konflikten standen.

Der Unterschied zwischen Cisfrauen und Transfrauen ist ja der, dass die einen ihr Geschlecht bereits bei der Geburt von der Gesellschaft zugewiesen bekommen (im Queer-Vokabular heißt das “FAAB”, “female-assigned at birth”), während die anderen bei der Geburt zunächst fälschlicherweise als “männlich” einsortiert werden. Julia Serano vertritt die Ansicht, dass dieser Unterschied letzten Endes unbedeutsam ist, denn schließlich sind wir doch alle Frauen und das ist es, was zählt.

Allerdings war die Auseinandersetzung damit, was es bedeutet, bei der Geburt als Frau einsortiert zu werden, ein zentrales Thema im Feminismus der 1970er und 1980er Jahre. Es ging ja gerade darum, die inhaltlichen Zuschreibungen, die damit verbunden waren – wie Frauen zu sein hätten – zu kritisieren und zu hinterfragen. Alles das, was daraus an “natürlichen, weiblichen Attributen” geschlussfolgert wurde, “dekonstruierten” wir als künstlich, gesellschaftlich gemacht. “Man wird nicht als Frau geboren” war das Mantra der Zweiten Frauenbewegung, man wird es eben erst durch die gesellschaftlichen Zuschreibungen und die Art und Weise, wie man sich dazu in ein Verhältnis setzt.

Wenn ich ehrlich bin, empfinde ich das auch heute noch so. Ich könnte keine Substanz meines Frauseins benennen, die über die Tatsache dieser Zuweisung hinausgeht. Aber es ist natürlich möglich, dass das einfach eine typische Cis-Erfahrung ist, also eine Folge davon, dass mein Frausein nie in Frage gestellt wurde (außer von mir selbst), dass es mir so selbstverständlich ist wie das Atmen, bei dem man auch erst merkt, dass es nicht selbstverständlich ist, wenn plötzlich mal kein Sauerstoff da ist.

Aber ich habe kein empathisches Verhältnis zu meinem Frausein, sondern ein pragmatisches. Dies ist aber eng mit meiner FAAB-Erfahrung verbunden: Es gab Zeiten, in denen wollte ich kein Mädchen sein, keine Röcke und Schleifchen tragen, ich wäre lieber ein Junge gewesen, der alles tun kann. Die Zuschreibungen waren so stark und so allgegenwärtig, dass es in meinem Leben tatsächlich einen Punkt gab (und ich erinnere mich daran), an dem ich mich entschieden habe, eine Frau zu sein. Also trotz dieser Zuschreibungen zu der Tatsache meines Frauseins zu stehen, sie zu akzeptieren, aber sie eben in einem freien Sinne auszuleben. Nicht mehr die Inhalte der Zuschreibungen zu akzeptieren – und zwar keinen einzigen – sondern nur noch die Tatsache als solche, und auf diese Weise durch feministisches Engagement die Freiheit der Frauen zu vergrößern.

Ja, ich bin eine Frau, aber das bedeutet inhaltlich gar nichts. Die Freiheit der Frauen ist durch nichts anderes bestimmt als durch ihr eigenes Begehren. Es gibt nichts, was eine Frau tun oder sein muss, um eine “richtige” Frau zu sein.

Diese Richtung des Feminismus – die vom italienischen Differenzfeminismus geprägt ist – unterscheidet sich deutlich von anderen Formen des Feminismus, die die Gemeinsamkeit der Frauen in ihrer (zum Beispiel “mütterlichen”) Natur sahen oder in einer gemeinsam geteilten Opfergeschichte und Sozialisation – also jene beiden Strömungen, die dazu tendierten, Transfrauen auszuschließen (weil sie ja entweder nicht dieselbe “Natur” teilten oder aber eben nicht dieselbe Opfer-Sozialisation hatten durchlaufen mussten).

Mein feministisches “Bekenntnis”, wenn man so will – dass die Freiheit der Frauen darin liegt, dass ihr Frausein nur durch ihr eigenes Begehren bestimmt ist – ist nun sicherlich etwas, das Transfrauen ganz genauso unterschreiben würden, allerdings gelangen sie eben von einer anderen Ausgangsposition dort hin. Die Hindernisse, die ihnen von einer patriarchalen Kultur auf dem Weg zu ihrer Freiheit, also dem Folgen ihres Begehrens, in den Weg gelegt werden, sind andere, aber im Ergebnis sind ihre Anliegen gleich.

Allerdings gibt es noch einen weiteren Punkt, der zu unterschiedlichen feministischen Prioritäten führt. Dass manche Menschen bei ihrer Geburt das Attribut “weiblich” zugewiesen bekommen, geschieht ja nicht einfach willkürlich oder nach dem Zufallsprinzip. Der Anlass ist ihre körperliche Verfasstheit, nämlich dass sie mit einer ziemlich großen Wahrscheinlichkeit später einmal schwanger werden können. Während Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen Verfasstheit niemals schwanger werden können, das Attribut “männlich” zugesprochen bekommen.

Nun war aber der Kampf für reproduktive Selbstbestimmung ein ganz wichtiges Thema in der Zweiten Frauenbewegung. Es ging um selbstbestimmte Schwangerschaft, die Möglichkeit, selbst über eventuelle Abtreibungen entscheiden zu können, den Kampf gegen väterliche Bestimmungsrechte über Mütter und ihre Kinder und so weiter.

Das heißt, dass zwei der wichtigsten Anliegen des Feminismus damals - die Zurückweisung von “Frauisierungs”-Versuchen und das selbstbestimmte Kinderkriegen – eigentlich nicht so sehr “Frauen” betrafen als vielmehr “FAAB-Menschen”, nämlich Cis-Frauen und Trans-Männer. Dass die “radikalen” transfrauenfeindlichen Lesben oft nichts gegen Allianzen mit Transmännern haben ist ein Punkt, über den Julia Serano sich wundert, aber mich wundert er nicht, denn sie haben eben faktisch ähnliche Probleme und Interessen.

Und zwar Probleme und Interessen, die Transfrauen und Cismänner nicht haben, oder von denen sie jedenfalls auf andere Weise betroffen sind. Zum Beispiel stehen beide nie vor der Entscheidung, ob sie abtreiben sollen oder nicht. Entsprechend sind auch ihre Anliegen tendenziell andere, selbst wenn sie Feministinnen und Feministen sind. Julia Serano zum Beispiel beschreibt in ihrem Buch den Kampf gegen Marginalisierung und Diskriminierung als wichtigstes feministisches Anliegen. Dem würde ich nicht so zustimmen.

Sicher ist der Kampf gegen Marginalisierung und Diskriminierung wichtig, und genau das sind ja auch die Überschneidungen, die den Feminismus mit anderen politischen Aktionsfeldern verbinden. Aber Feminismus, so wie ich ihn verstehe, ist eben darüber hinaus auch von Themen geprägt – und sollte das sein – die eben speziell mit dem “FAAB”-Dilemma, wenn ich es mal so nennen will, zusammenhängen.

Eine politische Allianz zwischen Cisfeminismus und Transfeminismus ist deshalb nicht “einfach so” aufgrund der Interessenslage gegeben, sie muss durch einen gemeinsame politische Praxis begründet werden, so ähnlich, wie es Linda Zerilli vorschlägt. Und diese Praxis kann einerseits von vielen Gemeinsamkeiten ausgehen, die darin liegen, dass beide, Cis- und Transfrauen, mit ähnlichen Problemen und Anliegen zu tun haben, wie eben Sexismus, Abwertung von Weiblichkeit, Gewalt gegen Frauen und so weiter. Andererseits muss sie sich aber auch der Unterschiede (und damit möglichen Konflikten oder anderen Prioritäten) bewusst sein, die daraus resultieren, dass die einen bei der Geburt als weiblich kategorisiert wurden (nicht zufällig, sondern aufgrund ihrer realen, körperlichen Verfasstheit) und die anderen als männlich.

“Wir sind aus dem Szenario ausgestiegen, und dann war es einfach nicht mehr da”

“Es genügt nicht, es sich so vorzustellen, dass jemand, der an den Rändern stand, sich nun plötzlich ins Zentrum des Szenarios stellte. Das war es nicht, was passierte, eher im Gegenteil: Wir sind aus dem Szenario ausgestiegen, und dann war das Szenario einfach nicht mehr da.”

- so erinnert sich die italienische Philosophin Luisa Muraro, 1940 geboren, an die „zweite Welle“ der Frauenbewegung. Und schreibt weiter:

„Um den Feminismus der zweiten Welle zu verstehen, muss man sich eine grundlegende, aber oft übersehene Besonderheit vor Augen führen, und zwar dass die Revolte damals von Frauen ausging, die in jeder Hinsicht als emanzipierte Frauen betrachtet wurden. Sie revoltierten gegen die Verpflichtung, die ihnen täglich auferlegt wurde und die viele verinnerlicht hatten, nämlich dass sie moderne und emanzipierte Frauen zu sein hatten, was in der Praxis bedeutete, sich einem Modell entsprechend darstellen und verhalten zu sollen, das von den Begehren, Interessen und Ideologien der Männer gebildet worden war. Diese Frauen, die als privilegiert betrachtet wurden, haben das Szenario der Modernität „ruiniert“, in den Ruin getrieben. Denn dieses Szenario der Modernität war in jeder Hinsicht auf Frauen angewiesen, sowohl auf die privilegierten als auch auf die weniger gut gestellten. Es stützte sich auf jene Mauer, die Öffentliches und Privates trennte: Im Privaten lag viel von der Wahrheit über die weiblichen Lebensbedingungen und auch über das männliche Elend verborgen. Indem sie das Angebot der Emanzipation ablehnten, haben die revoltierenden Frauen diese Mauer eingerissen.“

Die Auszüge stammen aus einem kleinen Interviewband, in dem Muraro, Mitbegründerin des Mailänder Frauenbuchladens und der Philosophinnengemeinschaft Diotima in Verona, im Gespräch mit Riccardo Fanciullacci aus ihrem feministischen Leben erzählt. Ich habe einen längeren Abschnitt daraus, in dem sie noch genauer beschreibt, was ihrer Ansicht nach charakteristisch für die Frauenbewegung der 1970er Jahre war, für das Forum Beziehungsweise Weiterdenken übersetzt,dort könnt Ihr also mehr finden.