Cis, Trans, Feminismus

Ich habe gerade (weil Teresa Bücker es in ihrem Republica-Vortrag empfohlen hat) das lesenswerte Buch “Excluded. Making Feminist and Queer Movements More Inclusive” von Julia Serano gelesen. Die Trans-Aktivistin kritisiert darin die Tendenz mancher feministischer Gruppen, andere auszuschließen und plädiert für einen vielfältigen Aktivismus und einen “holistischen” Feminismus, der verschiedene Strategien (wie zum Beispiel “radikal” und “reformistisch”) nicht als Gegensätze, sondern als gegenseitige Ergänzung begreift.

Besonders kritisiert sie eine bestimmte Art von radikalem Lesben-Feminismus, der Transfrauen ausschließt, zum Beispiel mit der Behauptung, sie wären gar keine “richtigen” Frauen oder sogar Männer, die sich quasi in Frauenzusammenhänge “einschmuggeln” oder diese “unterwandern”.

Ich kann mich aus meinen eigenen feministischen Frühzeiten (in den 1980ern) daran erinnern, dass es solche Diskussionen gab, und dass ältere Feministinnen solche Ansichten über Transfrauen vertreten haben. In meinem eigenen Umfeld beziehungsweise unter den etwas jüngeren Frauen “meiner” Generation spielte das jedoch schon keine so große Rolle mehr, allerdings war ich auch nicht in großen Bewegungen aktiv, sondern eher in kleineren, überschaubaren Netzwerken, in denen die ein, zwei Transfrauen selbstverständlich dabei waren.

Doch auch wenn ich und die anderen Cis-Feministinnen, die ich kannte (das Wort “cis” für diejenigen, deren Geschlecht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt, gab es damals allerdings noch nicht), zwar nicht die Skepsis der älteren Feministinnen teilten, so hatten doch auch wir – oder zumindest ich – das Phänomen Transsexualität damals noch nicht wirklich verstanden. Letztlich hielt ich es für relativ unwichtig (Transsexualität kommt ziemlich selten vor, Julia Serano schreibt von 0,2 Prozent der Bevölkerung), und wie sollte eine solch vergleichsweise kleine Zahl von Personen den Feminismus irgendwie “unterwandern”?

Ich selbst war von diesen Frauen irgendwie beeindruckt, weil sie, obwohl “als Männer” geboren, sich bewusst dafür entschieden, Frauen zu sein – zumindest sah ich das so, denn ich verstand nicht, dass das Frausein für sie keine Entscheidung war, sondern eine Notwendigkeit, keine “Wahl”, sondern eine Tatsache. Dieser Punkt berührt aber vielleicht auch die Unterschiede oder Missverständnisse, die hinter den Konflikten standen.

Der Unterschied zwischen Cisfrauen und Transfrauen ist ja der, dass die einen ihr Geschlecht bereits bei der Geburt von der Gesellschaft zugewiesen bekommen (im Queer-Vokabular heißt das “FAAB”, “female-assigned at birth”), während die anderen bei der Geburt zunächst fälschlicherweise als “männlich” einsortiert werden. Julia Serano vertritt die Ansicht, dass dieser Unterschied letzten Endes unbedeutsam ist, denn schließlich sind wir doch alle Frauen und das ist es, was zählt.

Allerdings war die Auseinandersetzung damit, was es bedeutet, bei der Geburt als Frau einsortiert zu werden, ein zentrales Thema im Feminismus der 1970er und 1980er Jahre. Es ging ja gerade darum, die inhaltlichen Zuschreibungen, die damit verbunden waren – wie Frauen zu sein hätten – zu kritisieren und zu hinterfragen. Alles das, was daraus an “natürlichen, weiblichen Attributen” geschlussfolgert wurde, “dekonstruierten” wir als künstlich, gesellschaftlich gemacht. “Man wird nicht als Frau geboren” war das Mantra der Zweiten Frauenbewegung, man wird es eben erst durch die gesellschaftlichen Zuschreibungen und die Art und Weise, wie man sich dazu in ein Verhältnis setzt.

Wenn ich ehrlich bin, empfinde ich das auch heute noch so. Ich könnte keine Substanz meines Frauseins benennen, die über die Tatsache dieser Zuweisung hinausgeht. Aber es ist natürlich möglich, dass das einfach eine typische Cis-Erfahrung ist, also eine Folge davon, dass mein Frausein nie in Frage gestellt wurde (außer von mir selbst), dass es mir so selbstverständlich ist wie das Atmen, bei dem man auch erst merkt, dass es nicht selbstverständlich ist, wenn plötzlich mal kein Sauerstoff da ist.

Aber ich habe kein empathisches Verhältnis zu meinem Frausein, sondern ein pragmatisches. Dies ist aber eng mit meiner FAAB-Erfahrung verbunden: Es gab Zeiten, in denen wollte ich kein Mädchen sein, keine Röcke und Schleifchen tragen, ich wäre lieber ein Junge gewesen, der alles tun kann. Die Zuschreibungen waren so stark und so allgegenwärtig, dass es in meinem Leben tatsächlich einen Punkt gab (und ich erinnere mich daran), an dem ich mich entschieden habe, eine Frau zu sein. Also trotz dieser Zuschreibungen zu der Tatsache meines Frauseins zu stehen, sie zu akzeptieren, aber sie eben in einem freien Sinne auszuleben. Nicht mehr die Inhalte der Zuschreibungen zu akzeptieren – und zwar keinen einzigen – sondern nur noch die Tatsache als solche, und auf diese Weise durch feministisches Engagement die Freiheit der Frauen zu vergrößern.

Ja, ich bin eine Frau, aber das bedeutet inhaltlich gar nichts. Die Freiheit der Frauen ist durch nichts anderes bestimmt als durch ihr eigenes Begehren. Es gibt nichts, was eine Frau tun oder sein muss, um eine “richtige” Frau zu sein.

Diese Richtung des Feminismus – die vom italienischen Differenzfeminismus geprägt ist – unterscheidet sich deutlich von anderen Formen des Feminismus, die die Gemeinsamkeit der Frauen in ihrer (zum Beispiel “mütterlichen”) Natur sahen oder in einer gemeinsam geteilten Opfergeschichte und Sozialisation – also jene beiden Strömungen, die dazu tendierten, Transfrauen auszuschließen (weil sie ja entweder nicht dieselbe “Natur” teilten oder aber eben nicht dieselbe Opfer-Sozialisation hatten durchlaufen mussten).

Mein feministisches “Bekenntnis”, wenn man so will – dass die Freiheit der Frauen darin liegt, dass ihr Frausein nur durch ihr eigenes Begehren bestimmt ist – ist nun sicherlich etwas, das Transfrauen ganz genauso unterschreiben würden, allerdings gelangen sie eben von einer anderen Ausgangsposition dort hin. Die Hindernisse, die ihnen von einer patriarchalen Kultur auf dem Weg zu ihrer Freiheit, also dem Folgen ihres Begehrens, in den Weg gelegt werden, sind andere, aber im Ergebnis sind ihre Anliegen gleich.

Allerdings gibt es noch einen weiteren Punkt, der zu unterschiedlichen feministischen Prioritäten führt. Dass manche Menschen bei ihrer Geburt das Attribut “weiblich” zugewiesen bekommen, geschieht ja nicht einfach willkürlich oder nach dem Zufallsprinzip. Der Anlass ist ihre körperliche Verfasstheit, nämlich dass sie mit einer ziemlich großen Wahrscheinlichkeit später einmal schwanger werden können. Während Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen Verfasstheit niemals schwanger werden können, das Attribut “männlich” zugesprochen bekommen.

Nun war aber der Kampf für reproduktive Selbstbestimmung ein ganz wichtiges Thema in der Zweiten Frauenbewegung. Es ging um selbstbestimmte Schwangerschaft, die Möglichkeit, selbst über eventuelle Abtreibungen entscheiden zu können, den Kampf gegen väterliche Bestimmungsrechte über Mütter und ihre Kinder und so weiter.

Das heißt, dass zwei der wichtigsten Anliegen des Feminismus damals - die Zurückweisung von “Frauisierungs”-Versuchen und das selbstbestimmte Kinderkriegen – eigentlich nicht so sehr “Frauen” betrafen als vielmehr “FAAB-Menschen”, nämlich Cis-Frauen und Trans-Männer. Dass die “radikalen” transfrauenfeindlichen Lesben oft nichts gegen Allianzen mit Transmännern haben ist ein Punkt, über den Julia Serano sich wundert, aber mich wundert er nicht, denn sie haben eben faktisch ähnliche Probleme und Interessen.

Und zwar Probleme und Interessen, die Transfrauen und Cismänner nicht haben, oder von denen sie jedenfalls auf andere Weise betroffen sind. Zum Beispiel stehen beide nie vor der Entscheidung, ob sie abtreiben sollen oder nicht. Entsprechend sind auch ihre Anliegen tendenziell andere, selbst wenn sie Feministinnen und Feministen sind. Julia Serano zum Beispiel beschreibt in ihrem Buch den Kampf gegen Marginalisierung und Diskriminierung als wichtigstes feministisches Anliegen. Dem würde ich nicht so zustimmen.

Sicher ist der Kampf gegen Marginalisierung und Diskriminierung wichtig, und genau das sind ja auch die Überschneidungen, die den Feminismus mit anderen politischen Aktionsfeldern verbinden. Aber Feminismus, so wie ich ihn verstehe, ist eben darüber hinaus auch von Themen geprägt – und sollte das sein – die eben speziell mit dem “FAAB”-Dilemma, wenn ich es mal so nennen will, zusammenhängen.

Eine politische Allianz zwischen Cisfeminismus und Transfeminismus ist deshalb nicht “einfach so” aufgrund der Interessenslage gegeben, sie muss durch einen gemeinsame politische Praxis begründet werden, so ähnlich, wie es Linda Zerilli vorschlägt. Und diese Praxis kann einerseits von vielen Gemeinsamkeiten ausgehen, die darin liegen, dass beide, Cis- und Transfrauen, mit ähnlichen Problemen und Anliegen zu tun haben, wie eben Sexismus, Abwertung von Weiblichkeit, Gewalt gegen Frauen und so weiter. Andererseits muss sie sich aber auch der Unterschiede (und damit möglichen Konflikten oder anderen Prioritäten) bewusst sein, die daraus resultieren, dass die einen bei der Geburt als weiblich kategorisiert wurden (nicht zufällig, sondern aufgrund ihrer realen, körperlichen Verfasstheit) und die anderen als männlich.

“Wir sind aus dem Szenario ausgestiegen, und dann war es einfach nicht mehr da”

“Es genügt nicht, es sich so vorzustellen, dass jemand, der an den Rändern stand, sich nun plötzlich ins Zentrum des Szenarios stellte. Das war es nicht, was passierte, eher im Gegenteil: Wir sind aus dem Szenario ausgestiegen, und dann war das Szenario einfach nicht mehr da.”

- so erinnert sich die italienische Philosophin Luisa Muraro, 1940 geboren, an die „zweite Welle“ der Frauenbewegung. Und schreibt weiter:

„Um den Feminismus der zweiten Welle zu verstehen, muss man sich eine grundlegende, aber oft übersehene Besonderheit vor Augen führen, und zwar dass die Revolte damals von Frauen ausging, die in jeder Hinsicht als emanzipierte Frauen betrachtet wurden. Sie revoltierten gegen die Verpflichtung, die ihnen täglich auferlegt wurde und die viele verinnerlicht hatten, nämlich dass sie moderne und emanzipierte Frauen zu sein hatten, was in der Praxis bedeutete, sich einem Modell entsprechend darstellen und verhalten zu sollen, das von den Begehren, Interessen und Ideologien der Männer gebildet worden war. Diese Frauen, die als privilegiert betrachtet wurden, haben das Szenario der Modernität „ruiniert“, in den Ruin getrieben. Denn dieses Szenario der Modernität war in jeder Hinsicht auf Frauen angewiesen, sowohl auf die privilegierten als auch auf die weniger gut gestellten. Es stützte sich auf jene Mauer, die Öffentliches und Privates trennte: Im Privaten lag viel von der Wahrheit über die weiblichen Lebensbedingungen und auch über das männliche Elend verborgen. Indem sie das Angebot der Emanzipation ablehnten, haben die revoltierenden Frauen diese Mauer eingerissen.“

Die Auszüge stammen aus einem kleinen Interviewband, in dem Muraro, Mitbegründerin des Mailänder Frauenbuchladens und der Philosophinnengemeinschaft Diotima in Verona, im Gespräch mit Riccardo Fanciullacci aus ihrem feministischen Leben erzählt. Ich habe einen längeren Abschnitt daraus, in dem sie noch genauer beschreibt, was ihrer Ansicht nach charakteristisch für die Frauenbewegung der 1970er Jahre war, für das Forum Beziehungsweise Weiterdenken übersetzt,dort könnt Ihr also mehr finden.

Die Armseligkeit des Herrn Martenstein (und des ZEITmagazin)

Harald Martenstein verkündet, dass er demnächst auf ZEITmagazin online jeden Tag einen Kommentar beantworten will, und naiv wie ich bin, denke ich spontan, Hey, toll, vielleicht entdecken die Mainstream-Medien ja auch langsam, dass Kommentarfunktionen etwas Tolles sind. Oder jedenfalls sein könnten, wenn man sich als Gastgeberin einer Internetseite ein kleines bisschen darum bemüht.

Ja, nennt mich naiv, allein beim Namen Martenstein hätte ich es natürlich besser wissen müssen. Aber wirklich, für einen Moment erschien es mir denkbar. Ich Träumerin.

Herr Martenstein hält natürlich prinzipiell nichts davon, dass jeder Honk einfach so seine Meinung ins Internet tippen kann. Und die großen Zeitungen haben ja mit ihrem absichtsvoll fehlenden Bewusstsein für Kommentarkultur alles nur Erdenkliche dazu beigetragen, dass man ihre Diskussionsspalten nun wirklich nicht lesen kann.

Aber, klar, man kann sich natürlich einen Spaß draus machen. Und so hofft Martenstein nun “auf wütende, beleidigte oder unsachliche Kommentare”, die er “gerne in gleicher Tonlage zu beantworten bereit” ist. Er scheint wirklich stolz auf sich zu sein.

Sowas Armseliges.

Können Feministinnen vielleicht doch „im Namen der Frauen“ sprechen?

Linda Zerillis Buch „Feminismus und der Abgrund der Freiheit“ ist keine Margarine, sondern Butter, um auf eine Metapher von Kathrin Passig zurückzugreifen: Es gibt es nur teuer zu kaufen, weshalb ich es, obwohl es schon 2005 auf Englisch und 2010 auf deutsch erschienen ist, bisher nicht gelesen hatte. Und das, obwohl ich schon lange vermutet hatte, dass es mir gut gefallen würde, denn schließlich geht es um Hannah Arendt und um den italienischen Differenzfeminismus und um eine Neuorientierung des Feminismus als freiheitliche politische Bewegung – soviel hatte ich auch im Internet schon mitbekommen (zum Beispiel hatte Katrin Rönicke schon ausführlich darüber gebloggt).

Aber gemäß dem Gesetz, dass alles wirklich Wichtige irgendwann doch zu einer kommt, habe ich es vergangenes Weihnachten gleich zweimal geschenkt bekommen, und, voilà, ja, es ist wirklich ein Meilenstein der politischen feministischen Theorie.

zerilliZerilli entwickelt darin einen Vorschlag, wie der Feminismus sich aus jenem unfruchtbaren Patt herauslösen kann, in der er durch den Konflikt zwischen radikalem Feminismus und Queerfeminismus geraten war – nämlich der Vorstellung von „Frauen“ als einem politisch handelnden Subjekt, das in der so genannten „zweiten Welle“ in den 1970er Jahren die politische Bühne betreten und die bis dahin vorherrschende Norm der Männlichkeit in Frage gestellt hat, auf der einen Seite, und einer radikalen Dekonstruktion der Kategorie „Geschlecht“ auf der anderen Seite.

Also die Frage: Wie kann Weiblichkeit und Frausein einerseits eine politische Kategorie sein, wenn doch andererseits bestritten werden muss_soll, dass Frausein überhaupt ein reales Kriterium ist?

Ihre Antwort lautet - im Anschluss an Hannah Arendt: Es geht nicht darum, „was“ eine Frau ist, sondern darum, „wer“ eine Frau ist, also um ein politisches Urteil, das darin besteht, dem eigenen Frausein eine Bedeutung zu geben. „Frauen“ im Sinne des Feminismus als politischer Praxis sind nicht Menschen, die aufgrund von objektiv bestimmbaren Kriterien (naturgegebenen oder gottgewollten oder soziologisch definierten) zu dieser Gruppe gehören, sondern Menschen, die sich entschließen, in Freiheit eben, „Frauen“ zu sein, um damit ein politisches Projekt zu verfolgen.

Das ist nun für mich nicht ganz neu gewesen, denn der italienische Differenzfeminismus, mit dem ich bekanntlich engstens verbandelt bin, hat genau diese politische Praxis entwickelt, zuerst mit dem Buch „Wie weibliche Freiheit entsteht“ des Mailänder Frauenbuchladens (das schon 1989 auf Deutsch erschien), und seither mit vielen anderen Texten, etwa den von mir mit übersetzten Büchern der Philosophinnengruppe Diotima in Verona oder der Zeitschrift Via Dogana und so weiter.

Es ist natürlich schön, dass dieses Denken nun auch noch einmal von einer anderen Seite her aufgegriffen wird, zumal Zerilli den Kern dieses Denkens in einen feministischen Diskurs einbettet, wie er sich im Anschluss an Judith Butlers Buch „Das Unbehagen der Geschlechter” entwickelt hat – einen Diskurs, den ich, mangels Interesse, nur eher nebenbei verfolgt habe.

Etwas schade ist allerdings, dass sie sich ausschließlich auf das inzwischen eben schon 25 Jahre alte Buch der Mailänderinnen bezieht, so als ob sich der italienische Differenzfeminismus direkt im Anschluss an dessen Veröffentlichung in Luft aufgelöst hätte. Alle weiter führenden Diskussionen und Erkenntnisse, die daraus gefolgt sind – und auch in Deutschland ist die Idee des Affidamento ja vielfach auf fruchtbaren Boden gefallen, wenn auch nicht an den Unis - hat sie nicht berücksichtigt.

Interessant fand ich allerdings, wo Zerilli andere Vorschläge zum Weiterdenken entwickelt, als die Italienerinnen und „wir“ es getan haben. Aus der zentralen Erkenntnis von „wie weibliche Freiheit entsteht“ – dass es nämlich kein „Wir der Frauen“ gibt, das als politisches Subjekt auftreten kann - sind nämlich „bei uns“, wenn ich es jetzt mal so verkürzt sage, Praktiken und Vorschläge entstanden, die vor allem auf eine politische Praxis der Beziehungen unter Frauen fokussieren. Das „Von sich selbst Ausgehen“, die Aufmerksamkeit für „weibliche Autorität“ und das persönliche Begehren, die Notwendigkeit der Vermittlungsarbeit, und die Ablehnung einer Repräsentanzpolitik, bei der einzelne beanspruchen, im Namen von anderen zu sprechen, zuletzt die Unterscheidung von Macht und Politik.

Zerilli hingegen ist der Ansicht, dass Frauen, die im oben genannten politischen Sinn „als Frauen“ sprechen, durchaus „im Namen der Frauen“ generell sprechen können. Ich zitiere diese Passage (Seite 238) mal ausführlich. Zerilli schreibt:

„Im Hinblick auf den Feminismus wollen wir also nicht wissen, ob die Frauen/die Frau (etwa in Form einer durch gemeinsame Erfahrung verbundenen sozialen Gruppe) existieren, sondern was die Frauen/die Frau für diejenigen bedeutet, die beanspruchen, in diesem Namen politisch zu sprechen. Durch ein solches Sprechen kann eine Norm entweder weiter sedimentiert, oder aber transformiert werden. Ob ein im Namen „der Frauen“ Sprechen eine vorgängige Definition von „Frauen“ zementiert oder sie für Diskussion, Kritik und phantasievolle Umgestaltung öffnet, können feministische politische Akteurinnen vor diesem Sprechen einfach nicht wissen. Wenn wir uns dazu entscheiden sollten, ein „unbestimmtes Urteil“ über die Frauen/die Frau zu formulieren, so liegt dies nicht daran, dass die Kategorie als undefinierbar geschützt oder von der öffentlichen Debatte ausgeschlossen wäre, weil sie kein legitimes Objekt des Wissens darstellte. … In der Politik geht es vielmehr um Forderungen und Urteile – und den Mut, sie zu stellen, bzw. zu fällen -, die nicht durch objektive Kriterien oder Regeln abgesichert sind. Sie können sich also weder auf ein objektives Wissen berufen noch garantieren, dass ein solches Sprechen im Namen der Frauen von anderen aufgenommen oder aufgegriffen wird.“

Diesen Vorgang als solchen – dass also eine etwas sagt, das nicht beweisbar oder objektiv wahr ist, und dessen Wirksamkeit dann davon abhängt, ob andere es aufgreifen und dem zustimmen – haben wir im von Italien inspirierten Differenzfeminismus auch bearbeitet und beobachtet, es ist letztlich das Wechselspiel von Autorität und Begehren: Wenn eine etwas Neues sagt, bekommt dies Autorität dadurch, dass es andere aufgreifen, weil es eine Antwort auf ihr Begehren ist. Die Italienerinnen sprechen dabei auch von einer „Wette“, die die Sprechende eingeht. Dass also etwas Neues, das gesagt wird, den Charakter von „Wetten, dass es so ist?“ hat (und nicht, wie es ansonsten üblicherweise gehandhabt wird, den Charakter von „Ich kann beweisen, dass es so ist“).

Die interessante Frage, die für mich momentan offen ist, ist die, ob dieser Vorgang sich sinnvollerweise in eine politische Repräsentanz übersetzen lässt. Die Sichtweise, dass ich „als Frau“ sprechen könnte (also in gewisser Weise durchaus als Repräsentantin „der Frauen“), habe ich bisher immer abgelehnt, sondern es vielmehr so formuliert, dass ich, die ich eine Frau bin, etwas sage, also mein Frausein dabei sichtbar und explizit mache, ihm eine Bedeutung gebe, aber eben eine andere Bedeutung als die der Repräsentanz.

Ich merke aber, dass dies kaum durchzuhalten ist, wenn ich öffentlich spreche. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens versteht es niemand, das heißt, was ich sage, wird als repräsentatives Sprechen wahrgenommen, ob ich will oder nicht, und daran schließen sich dann immer endlose Erklärungsnotwendigkeiten an. Zweitens, weil ich damit (und das gilt ja für den italienisch inspirierten Differenzfeminismus in Deutschland generell) vom öffentlichen, medialen Diskurs so gut wie gar nicht wahrgenommen werde. Feministische Thesen werden nur wahrgenommen, wenn sie Aussagen über „die Frauen“ zu machen beanspruchen, wie man an der Dauerpräsenz von Alice Schwarzer oder auch Hypes um Bücher wie die Tussikratie sieht.

Das repräsentative Denken ist einfach in unserer politischen Kultur so stark verankert, ja, Politik wird praktisch mit repräsentativem Anspruch gleichgesetzt, dass es von vielen einfach nicht verstanden wird, wenn jemand sich dem verweigert.

Nach dem Lesen von Zerillis Buch frage ich mich, ob es vielleicht möglich sein könnte, das Pferd quasi von der anderen Seite aufzuzäumen: Nicht die Repräsentation als solche mit ihren offiziellen und freiheitsfeindlichen Defiziten gänzlich abzulehnen, sondern stattdessen zu versuchen, der Repräsentation eine freiheitlichere Bedeutung zu geben, in dem Sinne, wie Zerilli es vorschlägt? Nämlich so, dass ich mir einfach die Freiheit nehme, „im Namen der Frauen zu sprechen“ - aber eben in dem Sinne, dass die Berechtigung meines Sprechens sich in der Reaktion anderer Frauen darauf zeigt?

Ich bin mir nicht sicher, es hat etwas Verlockendes. Andererseits aber… Hm.

Ach, Ferrero.

Ihr erinnert euch noch an das pinke Überraschungsei?
Ferrero kann noch viel schlimmer. Lest hier bei Luca Hammer.

Update: Ferrero hat sich gemeldet:

Es ist darüber hinaus nicht so gemeint, dass Eier, auf denen „Spielerfrau“ steht, für Mädchen gedacht sind und solche mit „Weltmeister“ für Jungen. Für uns hat der Begriff „Spielerfrau“ im Übrigen eine neutrale Bedeutung, es ist eine Beschreibung wie die anderen oben auch. Die Aufdrucke sagen weiterhin auch nichts über den Inhalt des jeweiligen Eies aus. Es sind lediglich zwei von mehr als 20 Motiven und Fußballbegriffen, die die Vorfreude auf die WM wiedergeben sollen.

Aha! Wurde ja auch Zeit, dass mal jemand das generische Femininum einführt.

Republik der Frauen?

Heute bekam ich eine Anfrage von einer italienischen feministischen Zeitung für einen Artikel über die Regierungsbildung unter der Überschrift: “Republik der Frauen”? So hat nämlich dort ein Radiokommentator die neue Regierung bezeichnet.
Diese unterschiedliche Wahrnehmung der “Merkelianischen Veränderungen” in der deutschen Politik zwischen Ausland und Inland fasziniert mich schon eine Weile, und auch, dass die (zumindest für mich) so offensichtliche “Weiblichkeit” in der Merkelschen Amtsführung in Deutschland von so wenigen anderen gesehen wird, speziell nicht von Linken und Feministinnen. Und deshalb habe ich mal eine Frage an euch:
Wenn das, was Merkel macht, eurer Ansicht nach keine “weibliche” Politik ist und man die neue Regierung trotz der starken weiblichen Präsenz in den Ministerien nicht als “Republik der Frauen” bezeichnen kann – wie müsste eine Politik aussehen, die diese Attribute verdienen würde? Was wäre eine “weibliche” Veränderung der Parteipolitik und der repräsentativen Demokratie, die ihr als solche gelten lassen würdet?

Für mehr anarchistische Theorie

Vorgestern stellte Philippe Kellermann im Rahmen der Frankfurter Gegenbuchmasse sein Buch “Anarchismusreflexionen” vor. Darin versammelte er Gespräche mit elf Personen (unter anderem mit mir) über den Anarchismus, und zwar vor allem unter der Perspektive, was an anarchistischer Theorie heute noch brauchbar ist, wo Fehler liegen und so weiter.

Bei der Debatte ging es unter anderem auch um die Frage, warum anarchistische Theorie in Deutschland so wenig bekannt ist und kaum rezipiert wird und welche Auswirkungen das auf die Linke insgesamt hat. Ich schreibe die angesprochenen Punkte mal auf, um sie festzuhalten. Auch wenn die natürlich alle etwas plakativ und verkürzt sind.

* Marxismus ist der einzige Referenzpunkt für “linke” Debatten in Deutschland (in anderen Ländern ist das nicht so) – also: Marx muss man kennen, um ein guter “Linker” zu sein, Bakunin nicht. (generisches Maskulinum ist in diesem Fall bewusst gewählt).

* Der Marxismus ist inzwischen selbst ausdifferenziert, es gibt auch “libertäre” Marxisten, die Teile von anarchistischem Gedankengut aufnehmen. Philippe Kellermann zog hier den Vergleich mit dem Christentum: Es wird immer dieselbe Bibel ausgelegt, aber alle interpretieren sie anders, sodass sich ganz unterschiedliche und gegensätzliche Ansätze auf dasselbe Buch berufen. Ähnlich ist es mit Marx: Auch seine Schriften werden ganz unterschiedlich interpretiert und alle möglichen Ansätze finden darin Belege für sich selbst.

* Ich würde dazu allerdings anmerken, dass das genau das Problem ist, denn während die Bibel tatsächlich eine große Bandbreite an Positionen enthält, da sie Texte von sehr unterschiedlichen Autor_innen versammelt und über einen Zeitraum von vielen Jahrhunderten entstanden ist, sind die Texte von Marx, wenn auch noch umfangreicher als die Bibel, doch eben von einem bestimmten Autor geprägt und lassen meiner Ansicht nach eigentlich keinen so wirklich großen Spielraum. Das heißt, auch wenn es natürlich eine Bandbreite an möglicher Interpretation gibt, so bleiben doch andere linke Positionen durch diese Fokussierung per se ausgeschlossen bzw. auf die Idee, es ganz anders machen zu können, kommt man gar nicht, wenn man innerhalb des “Marx-Kosmos” bleibt.

* Historische Gründe: Die Dominanz der SPD in der deutschen Arbeiterbewegung, die von Anfang an anti-anarchistische Propaganda betrieb (wie auch Marx selbst), was dazu führte, dass anarchistische Theorie kaum bekannt war. Zu dieser Propaganda gehört maßgeblich die Behauptung, der Anarchismus hätte überhaupt keine Theorie.

* Besonders krass in Preußen, in Süddeutschland ist es teilweise anders. Und: Mit der Shoah ist die libertäre Tradition zusätzlich abgebrochen, weil libertäre Denker_innen vertrieben wurden.

* Übergroße Dominanz des Staates als Bezugsrahmen für linke Politik – hier sehe ich eine Kombination aus Marxismus und Preußentum. Politischer Einfluss wird hauptsächlich als Einfluss auf Parteien und Parlamente gedacht. Kritik und Forderungen kreisen um den Staat und darum, was Parteien und Politiker_innen falsch oder richtig machen. (Hier sehe ich eine Parallele zu einem Feminismus, der immer rund um das Patriarchat kreist).

* An den Unis gibt es praktisch nur “marxistische” Professoren (oder gab es, inzwischen gibt es auch die nur noch selten). Das hängt auch damit zusammen, dass der Marxismus einerseits “akademischer” auftrat und andererseits das bürgerliche Bildungsverständnis nicht grundsätzlich in Frage stellt.

* Dagegen wandte eine Teilnehmerin ein, dass das eigentlich nur für Fächer wie Wirtschafts- oder Politikwissenschaft stimmt, die marxistisch dominiert sind, während in Fächern wir Literatur- oder Erziehungswissenschaft durchaus anarchistische Theoretiker_innen rezipiert werden.

* Dazu fiel mir wiederum ein, das sich darin auch eine unterschiedliche Revolutionskonzeption zeigt, dass nämlich laut Marxismus die wesentlichen Themen dabei Ökonomie (Hauptwiderspruch) und Staatsform (Arbeiterpartei, Übernahme des Staates durch das Proletariat) sind, während anarchistische Theorie schon immer Revolution als breiter angelegtes Konzept verstand (Antipädagogik, Geschlechterverhältnis, alternative Konzepte des Zusammenlebens ausprobieren).

* Nach der Veranstaltung fiel mir noch ein Punkt ein, der hieraus folgt: Die Behauptung, Sozialismus wäre eine “wissenschaftliche” Angelegenheit, führt zu der besonders in Deutschland verbreiteten Haltung, es gehe darum, “objektive Verhältnisse” zu erforschen, die dann einen “objektiv richtigen Weg zur Revolution” vorgeben (das zeigt sich in vielen politischen Debatten, auch solchen, die gar keinen Bezug auf den Marxismus nehmen. Aber meiner Ansicht nach darauf zurückzuführen sind, evt. in Wechselwirkung mit Preußentum). Während in einer anarchistischen Tradition es eher darum geht, Verfahrensweisen angesichts von Differenzen zu finden: Es gibt keinen “richtigen” Weg (den etwa eine Partei repräsentieren könnte) sondern Politik bedeutet, möglichst herrschaftsfreie Aushandlungsprozesse unter Verschiedenen zu ermöglichen.

* Letzter Punkt: “Den Anarchismus” gibt es eigentlich nicht (nicht in derselben Weise wie “den Marxismus”), weil unter dem Label eigentlich alle zusammengefasst werden, die einen libertären, nicht-marxistischen Sozialismus vertreten. Auch in dieser Sichtweise ist eigentlich noch immer Marx die Referenz. Besser wäre es, von Bakuninsmus, Kropotkinismus, Goldmanismus, Reclusismus, Weilismus, Landauerismus und so weiter zu reden, und dass diese Wörter so bekloppt klingen, ist eigentlich schon ein Zeichen dafür, dass das Konzept, politische Ideen in “ismen” zu interpretieren, ohnehin falsch ist.

* Wichtig wäre es daher aus meiner Sicht, dass wir uns die linke Ideentradition unabhängig von Labels anschauen. Das heißt erstens: Texte von Linken aus der Geschichte vorurteilsfrei lesen und als Beiträge zu einer linken Tradition lesen, die uns für heutige Projekte und Kämpfe möglicherweise helfen können. Nicht versuchen, sie in Schubladen zu sortieren. Und vor allem: Sie mal lesen, ohne dass dabei gleich die Frage im Hinterkopf ist, ob sie mit dem Marxismus zusammenpassen oder nicht.

Subjektive Lektüreempfehlungen dazu meinerseits wären für den Einstieg:

Michael Bakunin: Staatlichkeit und Anarchie
Peter Kropotkin: Die freie Vereinbarung
Emma Goldmann: Ursachen des Niederganges der russischen Revolution
Simone Weil: Unterdrückung und Freiheit

Aber im Prinzip ist das wie Nadel im Heuhaufen. Es gibt nicht den handlichen “Einstieg in den Anarchismus” (ebenso wenig wie den handlichen “Einstieg in den Feminismus”). Anarchismus ist (wie Feminismus) kein “Fach”, kein “Thema”, sondern eher eine Haltung gegenüber der Welt. Bevor man das “lernen” kann, muss man deshalb die eigenen Fragestellungen, Interessen und Perspektiven klären, denn je nachdem würden die Anknüpfungspunkte ganz unterschiedlich aussehen.

Eine gute Seite für den Einstieg in die Lektüre anarchistischer Klassiker_innen ist die auch Textsammlung auf anarchismus.at. Ebenfalls zum Stöbern: http://a-bibliothek.org/ -Überhaupt gibt es inzwischen viele Texte im Netz und auch einige als Gratis-E-Books.

Oder Ihr fangt hier im Blog an:
Eine Rezension von zwei neueren Textausgaben von Errico Malatesta und Gustav Landauer
Simone Weils Plädoyer für die Abschaffung der politischen Parteien

Hier noch meine Rezension zur Neuausgabe von Emma Goldmans Memoiren “Gelebtes Leben”

Philippe Kellermann (Hg): Anarchismusreflexionen. Zur kritischen Sichtung des anarchistischen Erbes. 11 Interviews mit Martin Baxmeyer, Torsten Bewernitz, Roman Danyluk, Sebastian Kalicha, Jens Kastner, Gabriel Kuhn, Jürgen Mümken, Wolf-Dieter Narr, Antje Schrupp, Peter Seyferth, Siegbert Wolf. AV-Verlag, 263 Seiten, 17 Euro.