… for President. 

Wer immer auch Präsident der Vereinigten Staaten werden will, muss sich darauf einstellen, dass sein Charakter in Stücke gerissen wird, dass er verletzt, geschlagen und mit Schmutz überzogen wird von jedem unflätigen Blättchen im ganzen Land. Keine Frau, die nicht wie ein alter Putzlumpen durch jede Gosse und jedes dreckige Wasserloch gezogen werden will, würde jemals einer Kandidatur zustimmen. Es ist eine Qual, die einen Mann umbringen kann. Was für ein unverschämtes Luder von einer Frau muss das sein, die so etwas aushält, ohne dass es sie umbringt?

Das schrieb die Bestsellerautorin und politische Aktivistin Harriet Beecher-Stowe 1870 anlässlich der Kandidatur von Victoria Woodhull für die Präsidentschaft der USA. 

Es klingt sehr retro, aber ist es das wirklich?

www.vicwoodhull.wordpress.com

Feminismen heute

9783837626735_216x1000Im Transcript-Verlag ist vor einiger Zeit der Sammelband “Feminismen heute” erschienen, bei dem es etwas Zeit gebraucht hat, bis ich durch war, den ich aber allen empfehlen möchte, die sich mit den Entwicklungen und Veränderungen der Frauenbewegung beschäftigen. Es ist ein Sammelband, der auf eine Tagung zum Thema zurückgeht, und mit 28 unterschiedlichen thematischen Beiträgen entsprechend uneinheitlich.

Aber wenn sie auf einen Nenner gebracht werden sollten, dann wäre es vermutlich der, die in den 1970ern entwickelten Ansätze des radikalen Feminismus heute, vierzig Jahre später, zu aktualisieren. Großen Raum nimmt dabei die Auseinandersetzung mit Differenzen ein, eine Korrektur der damals doch verbreiteten Annahme, es gebe ein “Wir” der Frauen mit gemeinsamen Interessen, die die Frauenbewegung zu verteidigen hätte.

Dass Feminismus hingegen gerade die Differenzen unter Frauen nicht nur ernst nehmen, sondern sogar ins Zentrum stellen sollte, wird in dem Sammelband mit Beiträgen zu Schwarzem feministischem Denken, Queerfeminismus, muslimischen Positionen, Überlegungen zu Dis/Ability und so weiter deutlich.

In einem zweiten Kapitel werden verschiedene Themen behandelt, in denen neue feministische Entwicklungen und Analysen stattgefunden haben, wie etwa Medien, Mutterschaft, Körper, Ökonomie, Arbeitsmarkt, Recht, Medizin.

Am interessantesten fand ich diejenigen Texte, die bestimmte Überzeugungen des Feminismus der 1970er Jahre aufgreifen und einer kritischen Revision unterziehen, wie zum Beispiel der Text von Mithu M. Sanyal über Vergewaltigung, bei dem sie darauf aufmerksam macht, dass die allzu eindeutige Konstruktion von Frauen als Opfern und Männern als Tätern auch eine Verfestigung von Stereotypen war und das Ganze komplexer gesehen werden muss. Ebenfalls lesenswert sind die Reflektionen zur Konzeption von feministischen Projekten wie Frauenhäusern oder Mädchenarbeit.

Wie gesagt: Ich finde, eine unverzichtbare Lektüre für alle, die sich mit feministischen “Trends”, mit Gleichstellungspolitik oder ähnlichem beschäftigen.

Mehr Infos dazu auch in einer Rezension von Bettina Kruse.

Yvonne Franke, Kati Mozygemba, Kathleen Pöge, Bettina Ritter, Dagmar Venohr (Hg): Feminismen heute. Positionen in Theorie und Praxis. Transcript 2014, 395 S., Print: 29,99 Euro, E-Book: 26,99 Euro.

 

Raus aus der Defensive!

… unter dieser Überschrift ist soeben ein längerer Text von mir in der Zeitschrift “Blätter für deutsche und internationale Politik” erschienen. Es geht um die Unterscheidung zwischen “gutem” und “bösem” Feminismus, über Meta-Debatten und Medien und was nun wichtig wäre, zu tun.

Und bei “Fisch und Fleisch” erkläre ich heute morgen, was “Mansplaining ist.

Frauen und andere Menschen

Wie bezeichnen wir Menschen? Wie machen wir die Geschlechterdifferenz sichtbar, ohne uns post-gender-mäßig alle zu “neutralisieren”, aber auch ohne eine schwarzweiß-Gegenüberstellung von Frauen und Männern vorzunehmen? Ohne die Vielfalt von Geschlechtsidentitäten zu ignorieren, aber gleichzeitig auch ohne den weiblichen Protagonismus und die wichtige Rolle von Feministinnen für politische Bewegungen unsichtbar zu machen? Wie thematisieren wir, dass unsere Vorschläge nicht nur auf Frauen bezogen sind, sondern auf die Welt als ganze, ohne dabei aber zu verschweigen, dass von vielen Problemen Frauen auf besondere Weise und in größerem Ausmaß betroffen sind?

Gerade gibt es einen Flyer, der dabei eine schöne Formulierung verwendet: “Frauen und andere Menschen”. Gefällt mir gut.

Es ist ein Aufruf zu einer Demo für ein bedingungsloses Grundeinkommen am 7. März in Frankfurt. Auch der übrige Text ist gut:

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Feminismus ist ein offener Weg ohne Ziel

Feminismus ist kein bestimmter Inhalt, sondern eine Praxis. Deshalb kann sich der Feminismus auch nicht als Partei organisieren, nicht mal als Verein oder feste Gruppe. „Wir sind eine nomadenhafte Bewegung“ hat Chiara Zamboni das vor zwei Wochen in einem Vortrag genannt (der hier im Wortlaut nachgelesen werden kann).

Das Bild gefällt mir sehr gut, denn das Sich nicht festlegen Lassen ist etwas, das mir für mein politisches Engagement sehr wichtig ist. Nicht nur im Feminismus, sondern generell, wobei sich das Feministische vom Generellen ja ohnehin nicht unterscheiden lässt.

Aus dieser Haltung heraus ergeben sich jedoch Besonderheiten, die beachtet werden müssen. Weil wir im Feminismus kein Modell haben, an dem wir uns festhalten können, weil wir kein Projekt zu verwirklichen haben, wird die Gegenwart besonders wichtig, weshalb uns das „Geistesgegenwärtig sein“ im ABC des guten Lebens ein eigenes Stichwort wert war.

Wenn ich auf einem fixen Weg von A nach B unterwegs bin, dann orientiere ich mich an dem Ziel. Dann ist der Maßstab für mein Handeln die Frage nach der Strategie, nach dem „richtigen“ Weg, der an jeder Kreuzung nur ein einziger sein kann (nur im imperialistischen Größenwahn führen alle Wege nach Rom).

Wenn ich „nomadenhaft“ unterwegs bin, dann bekommt der einzelne Schritt, der also, den ich jetzt im Moment tue, die Gegenwart, eine umso größere Bedeutung. Der einzelne Schritt ist nicht Mittel zum Zweck (nach „B“ zu kommen, das schon feststeht), sondern er ist selber Zweck. Jedesmal wieder eine originelle, eine freie Entscheidung. Daraus ergibt sich eine größere Verantwortlichkeit im Hier und Jetzt. Denn jeder Schritt ist wichtig.

Ebenso wichtig ist die Präsenz, die körperliche Anwesenheit. Nicht „der Feminismus“ oder „die feministische Theorie“ tragen die politische Bewegung, sondern die einzelnen Akteurinnen und gegebenenfalls auch Akteure. Da es keine übergeordnete Formel gibt, die den Maßstab für die (zu verwirklichende) Welt ist, kommt es umso mehr darauf an, die Gegenwart zu verstehen und ihr Bedeutung zu geben, sie zu deuten. Das also, was Hannah Arendt „Denken ohne Geländer“ genannt hat. Ich bin es, ich in meinem Körper im Hier und Jetzt, die eine bestimmte Situation interpretiert und dann dieses oder jenes denkt, sagt und tut (oder eben nicht). Die Trägerinnen des Feminismus sind wir.

Nicht jede allein, sondern wir in unseren Beziehungen natürlich. Chiaras Bild dafür war: „Ich bin ich, aber ich bin nicht ganz getrennt von dir.“ Jede zählt, in ihrer subjektiven Einzigartigkeit. Aber sie ist nicht ganz getrennt von der anderen. Nicht von den abstrakten anderen als einer Gruppe („den Frauen“), sondern von denjenigen anderen, die mit ihr ganz konkret eine bestimmte Situation, die jeweilige Gegenwart, teilen. Denjenigen, die in dieser Situation ebenfalls „präsent“ sind.

Warum denken wir überhaupt? Weil wir, so Chiaras Erklärung, ständig neue Erfahrungen machen, dafür aber nur verbrauchte Worte haben. Worte aus alten, bereits vorfindlichen symbolischen Ordnungen, mit denen wir diese Erfahrungen nicht angemessen beschreiben können. Deshalb denken wir, um sagen zu können, was ist, was (uns) gerade geschieht. Weil wir dafür unverbrauchte Worte brauchen.

Der Konflikt ist dafür eine wichtige Ressource, eine Bereicherung, denn er hilft uns, Worte zu finden für das, was geschieht. Aber das, so Chiara, funktioniert nur, wenn unser Ego beiseite tritt. Weder geht es bei einem Konflikt – wenn er solchermaßen eine Bereicherung sein soll – darum, zu siegen, aber es geht auch nicht darum, ihn möglichst schnell beizulegen, eine Einigung zu finden, mit der alle leben können. Das Wichtigste bei diesem Prozess ist es, den Konflikt möglichst klar zu machen, also ihn so zu besprechen, dass die wirkliche Differenz zwischen uns auf den Tisch kommt.

Chiara hatte dafür einen schönen Ausspruch von Francoise Dolto, die für eine „Niederlage“ in einem politischen Konflikt sagte: „Das bin nicht ich, die verloren hat, das ist nur ein Spiel.“ Politische Konflikte sind ein Spiel um die Bedeutung der Welt, um die nämlich geht es, nicht um unsere jeweiligen Egos. Es ist nicht wichtig, recht oder unrecht zu haben, sondern es ist wichtig, die verschiedenen Positionen klar zu benennen. Damit unter uns ein freier Geist zirkuliert.

Feminismus ist ein offener Weg ohne Ziel. Und die Erfahrungen unserer Gegenwart sind alles, was wir dabei im Gepäck haben. Unsere Erfahrungen, die nicht in der Vergangenheit verhaftet sind, allerdings aus ihr gespeist werden. Die sich aber auf ein Noch-Nicht richten, das wir nicht fixieren können.

Das Ich einer bestimmten Frau in einer konkreten Situation, das getrennt von der anderen ist, aber nicht völlig von ihr getrennt, ist die Essenz der Frauenbewegung.

Dilbert hat auch nicht immer recht

Zufällig bin ich neulich darüber gestolpert, dass Scott Adams nicht nur Dilbert-Comics malt, sondern auch einen Blog schreibt. Unter anderem meint er, es wäre wichtiger, schön zu sein, als klug. Für einen Mann mag das vielleicht stimmen, für eine Frau nicht, meine ich.

Das verbloggte ich allerdings drüben.