Rope of Solidarity – ein Film über Brustkrebs und Bergsteigen

Brustkrebs und Bergsteigen – es dürfte schwierig sein, zwei Themen zu finden, die mich weniger interessieren, mit denen ich weniger persönliche Emotionen oder Erfahrungen verbinde. Ehrlich gesagt habe ich mir den Film nur angeschaut, weil die Regisseurin, Gabriele Schärer, eine politische Freundin ist und vor elf Jahren einen wunderbaren Film über “Die schönste Revolution des 20. Jahrhunderts” gedreht hat: “Sottosopra” (die schönste Revolution war natürlich der Feminismus).

Nun also einen über hundert von Brustkrebs betroffene Frauen, die gemeinsam einen Berg besteigen – okaaaay.

Umso mehr wunderte ich mich, wie sehr mich der Film in den Bann zog. Dabei ist er ganz simpel gemacht. Die Kamera zeigt die Gruppe, wie sie sich in Zermatt trifft, sich von einem Bergsteiger erklären lässt, wie man einen Berg besteigt, am nächsten Morgen loszieht, großartiges Bergpanorama inklusive diverser Widrigkeiten. Dazwischengeschnitten sind Interviews mit 15 der Frauen, die von ihrer Geschichte erzählen, davon, wie sie mit der Diagnose konfrontiert worden sind, was sie dabei erlebt haben, wie sie damit umgegangen sind, welche Schwierigkeiten sie hatten, was die Krankheit in ihrem Leben verändert hat und was nicht.

Das hört sich nicht sehr spektakulär an, ist es aber. Denn irgendwie gelingt es, dass die Frauen der Zuschauerin nicht als “andere” begegnen, als die, die “dieses Problem” haben, das man selber nicht hat, sondern sie werden zu Vorbildern. Sie sind ganz unterschiedlich, und gerade deshalb erkennt man sich in ihren Schilderungen wieder. Wer hat denn keine Schwierigkeiten damit, sich anderen verständlich zu machen? Wer hat keine Probleme mit dem Aussehen des eigenen Körpers? Wer kennt nicht Schuldfragen gegenüber Kindern oder die Angst vor dem Jobverlust? Wer hat keine Angst vor dem Ungewissen und damit, nicht alles “im Griff” zu haben?

Deutlich wird dabei, dass Verletzlichkeit und Prekarität, das Angewiesensein auf andere eben gerade etwas Normales ist, und dass man trotzdem “das gute Leben in die eigenen Hände nehmen” kann, wie es im Begleittext zum Film heißt. Und dass das gute Leben nichts ist, was “trotz” Krankheit, Unglück, schlechtem Wetter möglich ist, sondern gerade in und durch alle Widrigkeiten hindurch.

Zum Thema Brustkrebs hat Gabriele Schärer schon vor einigen Jahren einen Kurzfilm mit Interviews veröffentlicht, lest hier, was sie dazu sagt.

Ansonsten: Schaut euch den Film an. Er kommt am 19. Oktober in der Schweiz ins Kino, aber vielleicht lässt sich ja auch in Deutschland was organisieren? www.ropeofsolidarity.ch

Hannah Arendt im Kino

Foto: NFP

Foto: NFP

Übermorgen kommt Margarete von Trottas neuer Film “Hannah Arendt” ins Kino. Ich hab ihn schon gesehen und empfehle ihn wärmstens – nicht als cineastischen Höhepunkt, sondern weil ich finde, dass die Persönlichkeit Arendts sehr gut getroffen ist. Mehr dazu hab ich drüben bei bzw-weiterdenken.de geschrieben.

Bond und die anderen

Gibt es eigentlich schon eine Untersuchung zum Thema “Die soziale Selbstverortung des weißen, heterosexuellen Mannes am Beispiel der James Bond Filme?” Wenn nicht, fände ich das ein ergiebiges Thema.

Während in alten Bonds ja praktisch alle maßgeblichen Akteure weiße heterosexuelle Männer waren und zum Beispiel Frauen die ausschließliche Aufgabe zufiel, diesen Männern ihre Großartigkeit zu spiegeln (oder, skandalöserweise, nur so zu tun als ob und in Wirklichkeit andere, am Ende sogar eigene Interessen zu verfolgen – Triple X ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt) stellt sich das Ganze heute sehr viel komplexer dar.

Es gibt alte Frauen, schwarze Frauen, junge Männer, schwule Männer und so weiter. Zu ihnen allen muss sich der Norm-Mann Bond irgendwie verhalten, und wie er das tut, ist aufschlussreich.

Man muss sich dabei klar machen, dass diese “Diversifizierung” nicht etwa für sich, aus der eigenen Perspektive dieser “anderen”, erzählt wird, sondern konsequent aus der von “MarkTomJack”-James: Die Frage ist: Was bedeutet diese neue Vielheit für IHN? (Und nicht etwa: was bedeutet sie für die Welt, für Frauen, für People of Colour und so weiter. Dafür bräuchte es andere Filme.)

In “Operation Skyfall” (Vorsicht, das Folgende enthält Spoiler) beginnt der Schlamassel schonmal damit, dass die Frauen (die alte weiße Frau UND die junge Woman of Color) nicht mehr darauf vertrauen, dass Bond den Bösen besiegen wird. Stattdessen entscheiden sie sich, selbst zu handeln – und scheitern.

Bond nimmt ihnen das aber nicht übel, denn er versteht , dass sie nicht anders können – die Frauen (auch wenn sie noch “Mom” genannt werden, vielleicht als kleiner, sehnsuchtsvoller Wunsch nach einer anderen Beziehungslogik) müssen heutzutage eben auch ihren Job machen. Ihr Scheitern ist nicht eine Folge ihrer Inkompetenz, sondern im Gegenteil, Folge ihrer Professionalität.

Es ist auch nicht nötig, sich diese Frauen zu Feindinnen zu machen, nein, der Mann von heute ist ihnen gegenüber loyal. Ihr Schicksal ist sowieso auch ohne sein Zutun besiegelt: Am Ende ist die eine tot, die andere entscheidet sich freiwillig fürs Dasein als Sekretärin.

Während das Verhältnis Bonds (also des idealen “Normalmannes”) zu den Frauen also vielleicht als “respektvoll-distanziert darauf vertrauend, dass sich das Thema irgendwann von selbst erledigt” charakterisiert werden könnte, ist seine Haltung anderen Männern gegenüber von offener Arroganz geprägt:

Der schwule Mann etwa ist ein tuntiger Böser, der Bond Avancen macht und dabei auf dessen bekannte Rolle als zelebrierte Frauenheld anspielt: “Es gibt für alles ein erstes Mal”. Bond antwortet aber ganz cool: “Woher weißt du, dass es das erste Mal wäre?”

Was oberflächlich betrachtet ein Lacher ist, vielleicht sogar so tun könnte, als wäre männliche Homosexualität damit in den Adelsstand der Normalität erhoben – sogar Bond HAT eventuell schonmal – ist in Wahrheit eine ziemlich unverschämte Einverleibung: Homo kann der moderne heterosexuelle Mann jetzt auch, er macht halt nur kein Aufhebens darum. Thema vom Tisch (und es gibt sicher Schwule, die genau das gut finden, ist es doch die vollendete Assimilation an einen privilegierten Status. Ich wäre jedoch, wäre ich ein schwuler Mann, very much not amused über diese Repräsentation.)

Genauso arrogant ist Bonds Haltung zu dem jungen Mann (Q): der ist noch grün hinter den Ohren, hat keine Erfahrung, überschätzt sich selbst. Klassisches Patriarchat an dieser Front, von der jungen computeraffinen Generation befürchtet der Normmann nichts – oder will sich das zumindest einreden.

Interessant hingegen, dass der andere Bestandteil des klassischen Patriarchats – die Frau als Sexobjekt – überhaupt keine Rolle mehr spielt. Dreimal wird zwar eine Bondvögelei angedeutet, aber das ist vollkommen nebensächlich, dramaturgisch sind die Szenen einfach absurd, komplett überflüssig und unglaubwürdig. Sie dienen bloß als historische Anspielungen auf alte Bond-Girls, sie bilden keinen Teil der Realität mehr (wohlgemerkt: Der Realität, wie der Normmann sie sich vorstellt bzw. seines Selbstbildes).

Irgendwie klar, dass Bond die Frau auch nicht mehr rettet. Für Mädels , die noch auf das Prinzen-Modell bauen, brechen harte Zeiten an. Die Prinzen machen schlicht den Job nicht mehr.

Aufschlussreich ist schließlich der Schluß. Bond trifft auf seinen neuen Chef. Bond mochte ihn erst nicht, erkannte ihn dann jedoch – im Kampf, Seite an Seite – als Ebenbürtigen.

Wenn die Frauen abtreten oder die Karriere “in the field” zurückweisen, stehen die Normalmänner wieder bereit, um zu übernehmen. Mit bestem Gewissen.

Zumindest glauben sie, und versichern dich gegenseitig, dass es so kommen wird. Schaun wir mal.

Wahrheit vs. Objektivität: Julia Hasletts Film über Simone Weil

Bevor ich die DVD ins Regal aufräume, will ich noch ein paar Anmerkungen zu einem Dokumentarfilm von Julia Haslett über Simone Weil verbloggen. Und zwar deshalb, weil er mir ein gutes Beispiel dafür zu sein scheint, wie man anders als in der herkömmlichen Lexikons-Wissenssammelns-Kultur mit historischem Erbe umgehen kann.

Dass es eine objektive Darstellung der Vergangenheit nicht gibt, sondern jede Geschichtsforschung das Dokument einer Auseinandersetzung zwischen zwei Subjekten ist – derjenigen, die forscht und derjenigen, über die geforscht wird – ist theoretisch zwar bekannt. Praktisch merkt man davon aber nichts. Bis heute erheben Lexika – besonders frappierend bei Wikipedia – den Anspruch, möglichst “objektiv” zu sein, die Autoren verschwinden quasi hinter den Zeilen.

Was natürlich nicht bedeutet, dass sie als Subjekte nicht da wären. Es bedeutet nur, dass sie als Subjekte nicht sichtbar sind.

Die feministische Geschichtsschreibung hat schon lange darauf hingewiesen, dass dieses vermeintlich nicht vorhandene Subjektive nur daher verschleiert werden kann, weil es ein Default-Subjekt ist, der weiße, bürgerliche Mann nämlich, der die eigene Sichtweise auf die Welt zur einzig möglichen und Normalen erklärt. Objektivität kann es ja schon allein deshalb nicht geben, weil zu keiner beliebigen Sache der Welt sämtliche Fakten erzählt werden können, jede Darstellung ist mindestens eine Auswahl dessen, was für relevant gehalten wird, und ein Verschweigen und Ausfiltern dessen, was für irrelevant gehalten wird.

Als Alternative haben feministische Wissenschaftlerinnen den Weg der “Kontextualisierung” vorgeschlagen, sowie das Offenlegen des eigenen Erkenntnisinteresses. Auf diese Weise kann begründet und transparent gemacht werden, warum welche Aspekte in einem jeweiligen Kontext interessieren und andere nicht.

Julia Haslett geht jetzt methodisch noch einen Schritt weiter und legt ihren ganzen Dokumentarfilm als eine Auseinandersetzung zwischen sich selbst und Simone Weil an. Sie legt ihr eigenes Erkenntnisinteresse also nicht nur offen, sondern stellt es ins Zentrum ihrer Arbeit. Sie zieht Parallelen zwischen Simone Weils Engagement im spanischen Bürgerkrieg und ihrem eigenen politischen Aktivismus, über die Depressionen ihres Bruders und fragt, was Weils radikale Ethik ihr in so einer Situation nützen kann.

Dabei geht sie handwerklich professionell und sehr aufwändig vor. Sie hat Menschen aufgetrieben und befragt, die Simone Weil noch persönlich kannten, sie interviewt Weils Nichte Sylvie Weil, sie reist viel – mit anderen Worten, der Film ist außerordentlich informativ, auch für Zuschauerinnen wie mich, die sich eben für Simone Weil interessieren (und nicht für Julia Haslett).

Außerdem gibt sie sich nicht zufrieden mit dem, was man nicht wissen kann. Da sie in Simone Weils Werken nicht Antworten auf alle ihre Fragen finden konnte, engagiert sie eine Schauspielerin und lässt sie in die Rolle Weils schlüpfen. Auf diese Weise kann sie tatsächlich mit “Simone Weil” sprechen, ich fand das ein interessantes Experiment.

Ich frage mich, wie Geschichtsunterricht aussehen würde, wenn historische Personen und Ereignisse nicht mehr als eine Ansammlung von dürren Fakten betrachtet würden, sondern als ein Fundus, der uns heute zur Verfügung steht, um das eigene Begehren zu verfolgen? Wenn wir nicht länger die eigene subjektive Involviertheit als ein ärgerliches Hindernis betrachten würden, das uns bei der Annäherung an die Geschichte im Wege steht, sondern als wesentliche Basis dafür, eine Tür zur Vergangenheit zu öffnen?

Ich glaube, das wäre großartig. Und ich glaube, es würde mehr “Wahrheit” ans Licht bringen.

PS: Zum Thema “Brauchen wir große Frauen? Zum Sinn und Unsinn historischer Frauenforschung” gibt es auch ein bereits älteres Vortragsmanuskript von mir.

Wie die Psychoanalyse der Demokratie die Politik ausgetrieben hat

Den Piraten wird momentan gerne vorgeworfen, dass sie keine Inhalte hätten. Mal abgesehen davon, ob das stimmt, finde ich die Inhalte gar nicht das Wichtigste an den Piraten.

Viel wichtiger ist, dass sie Diskussionen darüber anstoßen, wie in einer Demokratie die Ansichten und Meinungen der Vielen übersetzt werden können in konkrete politische Projekte – Liquid Feedback ist ein praktischer Versuch, das anders zu organisieren als mit dem einen Kreuzchen alle paar Jahre. Auch das Pochen auf Transparenz in politischen Prozessen betrifft weniger den Inhalt von Politik als vielmehr deren Verfahrensweisen.

Und genau das – nämlich die Frage, auf welchen Grundlagen wir eigentlich das organisieren, was meist so irgendwie schwammig „Demokratie“ genannt wird – ist, glaube ich, die drängendste Frage.

Die übrigens erst mal gar nichts mit dem Internet zu tun hat. Das wurde mir klar, als ich in den letzten Tagen eine wirklich ganz fantastische vierteilige BBC-Dokumentation gesehen habe, die schon ein paar Jahre alt ist. Sie zeigt, wie sich die westliche Demokratie im Lauf des 20. Jahrhunderts eigentlich nie darauf eingelassen hat, dass die Menschen in ihrer Pluralität politische Prozesse aushandeln.

In „The Century oft the Self“ erzählt Adam Curtis, wie die psychoanalytischen Theorien von Sigmund Freud im Verlauf des 20. Jahrhunderts in der Werbeindustrie und in der Politik eingesetzt worden sind.

Es ging dabei immer auch um die Frage, ob man den Massen eigentlich überhaupt zutrauen kann, sich politisch rational zu verhalten. Sie wurde meistens mit „Nein“ beantwortet. Entweder wurde versucht, die Leute irgendwie ruhig zu stellen, damit die Politiker unbehelligt regieren können (am Anfang des Jahrhunderts) oder aber Politik erschöpfte sich darin, herauszufinden, was sich die Masse der Menschen gerade so wünschte und den Ergebnissen der Meinungsumfragen hinterherzustolpern (am Ende des Jahrhunderts).

Freud hatte ja die Vorstellung entwickelt, dass im Unbewussten ein gewaltiges aggressives Potential von Emotionen schlummert, das gefährlich werden kann (Nazideutschland schien das zu bestätigen). Freuds Neffe Edward Bernays hatte dazu die Idee: Wenn wir die Menschen zu „guten Konsumenten“ machen, machen sie keine Revolutionen.

Schon in den 1920ern hatte Bernays (der Erfinder der „Public Relations“) im Auftrag großer Konzerne vorgemacht, wie man Menschen dazu bringen kann, Produkte zu kaufen, die sie eigentlich gar nicht brauchen, indem man an ihre unbewussten Sehnsüchte appelliert und diese mit Produkten verknüpft. Zum Beispiel brachte er Frauen dazu, Zigaretten zu kaufen, indem er das öffentliche Rauchen mit der Wahlrechtsbewegung und weiblicher Unabhängigkeit verknüpfte – Hammer, dass das tatsächlich funktionierte. Das alles wird im ersten Teil der Doku-Reihe erzählt.

Im zweiten Teil geht es um die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier war neben Bernays auch Anna Freud maßgeblich, die Tochter von Sigmund Freud. In dieser Zeit gab es einen massenhaften Aufstieg der Psychoanalyse. Sie diente dazu, Menschen „anzupassen“ an die Gegebenheiten, ihnen „Anomalien“ auszutreiben. Konformismus war angesagt in den Fifties.

Erzählt wird in diesem Teil auch, wie Bernays mit seinen PR-Strategien im Auftrag der Bananenindustrie einen Putsch in Guatemala inszenierte und es auch ganz generell schaffte, die Industrie und den unbegrenzten Konsum (und nicht die Politik) als Garanten für Freiheit zu etablieren – als direkten Affront gegen Präsident Roosevelt und seinen „New Deal“, der noch dem Ideal einer wirklichen Demokratie anhing. Auch mit Gehirnwäsche und regelrechter „Umprogrammierung“ von Menschen wurde experimentiert, finanziert und beauftragt von der CIA.

Doch gegen Ende der 1960er kam es in der Gesellschaft zu einem Aufstand gegen den Konformitätsdruck. Dies erzählt die dritte Folge:

Leute wie Herbert Marcuse und Wilhelm Reich argumentierten, dass nicht ein „unbewusst-unzivilisierter“ menschlicher Wesenskern eine Bedrohung für die Gesellschaft sei, sondern dass vielmehr der Zwang zur Konformität, der die Persönlichkeit unterdrücke, das Gefährliche sei.

In der Folge entstanden Versuche, dieses „eigentliche Selbst“ frei zu lassen, die Gefühle nicht mehr zu unterdrücken, sondern rauszulassen. Allerdings wurde dieses „wahre Selbst“, um das es da ging, sehr schnell entpolitisiert. Ging es anfangs noch um den Protest gegen eine Gesellschaft, in der nur der Konsum zählt und es keine Solidarität und Gemeinschaftlichkeit gibt, entstand sehr bald die Vorstellung, dass man auf der Suche nach dem „Selbst“ nicht nur gesellschaftliche Normierungen ablegt, sondern am Ende sozusagen ein „leeres Blatt“ ist, das man dann nach Belieben neu beschriften kann, nach dem Motto „Erfinde dich selbst“.

Die Befreiung von Zwängen wurde so zur Legitimierung dafür, nur nach dem persönlichen Glück zu streben und sich um das allgemeine Gute gar nicht mehr kümmern zu müssen. Auf dieser Folie entstand dann die „Lifestyle“-Industrie mit dem Versprechen, die nötigen Produkte für dieses „individuelle Selbst“ zu verkaufen. Und genau diese auf Individualität und persönliche Selbstfindung Wert legenden Gruppen waren es, die 1980 den Reagans und Thatchers zum Sieg verholfen haben.

Was aber bleibt von der Demokratie übrig, wenn die Menschen nur noch nach ihrem individuellen Glück streben ist? Dies erzählt der vierte Teil der Reihe:

Hier wird gezeigt, wie die „linken“ Parteien (Clinton in den USA, Blair in UK) umgebaut wurden von Arbeiterparteien mit einer bestimmten inhaltlichen Position hin zu „Meinungsforschungsparteien“, die – genau wie die Werbeindustrie – versuchten, die Bedürfnisse der Leute herauszufinden, um ihnen dann genau das zu versprechen.

Update: Man weist mich gerade darauf hin, dass das ungenau formuliert war: In Wirklichkeit wurden natürlich nur die Wünsche und Meinungen der Wechselwähler_innen befragt, weil die den Ausschlag geben. Die Ansichten des “Stammpublikums” der Labor Party hingegen spielten dabei keine Rolle, da deren Stimmen sicher waren.

Auf diese Weise gelang es ihnen tatsächlich, wieder Wahlerfolge zu erzielen. Aber eben um den Preis, dass sie die Politik letztlich abschafften. Sie selbst haben das freilich nicht so gesehen: Sie glaubten, diese Art des Populismus sei „wahre Demokratie“, denn: Was ist denn falsch daran, den Leuten zu geben, was sie wollen?

Curtis zeigt sehr richtig, dass hier ein Denkfehler liegt: Denn zur Politik gehört, dass wir unterschiedliche Ansichten unter der Fragestellung diskutieren, in welcher Gesellschaft wir leben möchten. Befragt man nur einzelne Leute nach ihren Wünschen, werden sie auch nur ihre individuellen Wünsche preisgeben. Eine konsistente Politik lässt sich daraus nicht ableiten.

Während Bernays in den zwanziger Jahren noch argumentiert hatte: „Wir lullen die Leute in Konsumismus ein, damit die Politiker unbehelligt regieren können“, so ist mit „New Labor“ die Politik (im Sinne von: Organisierung der Gesamtheit der Gesellschaft) vollkommen tot, denn nun machen sich nicht mal mehr die Politiker Gedanken über das allgemeine Gute, sondern stolpern nur den Wünschen der Leute hinterher.

Und da diese Wünsche notwendigerweise disparat und widersprüchlich sind – weil es viele verschiedene Leute sind – kommt nicht einfach eine „falsche“ Politik heraus (in dem Sinne, dass sie nicht Gutes, sondern Schlechtes bewirkt), sondern schlicht unsinnige Politik, die heute dies macht und morgen jenes. Hauptsache immer die Meinungsumfragen, die nächsten Wahlen im Blick.

Was ich an den Piraten nun so spannend finde ist, dass sie tatsächlich wieder so etwas wie politischen Diskurs organisieren wollen. Diskussionen, bei denen sich Menschen darüber auseinandersetzen, was ihrer Ansicht nach dem allgemeinen Guten entsprechen würde. Nicht Lobbyismus eben, nicht bloßes Machtstreben, sondern Politik im eigentlichen Sinne.

Womit ich nicht sagen will, dass das in anderen Parteien und an anderen Orten nicht geschehen würde und auch nicht, dass das den Piraten schon wunderbar gelingt.

Aus vielerlei Gründen  (einer davon ist die Wiedervereinigung, die staatliche Interventionen erforderlich machte, ein anderer ist unser Wahlsystem, das auch kleinere Parteien zulässt und nicht nur einen Kampf zwischen zwei Blöcken inszeniert) ist die Lage der Politik in Deutschland meiner Ansicht nach nicht ganz so „PR-dominiert“ wie im angelsächsischen Raum.

Aber die Probleme, die in dieser Dokureihe aufgeworfen werden, erhellen auch vielerlei, was hierzulande passiert ist.

tl;dr? DANN SCHAUT EUCH DIE VIDEOS AN!!!

(allein schon wegen der fantastischen Zeitdokumente).

Geschlechterdifferenz, reloaded

Taelon, geschlechtslos (allerdings nur theoretisch).

Einer der interessantesten Befunde im “post-biologistischen” Zeitalter ist wohl der, dass die Geschlechterdifferenz, die früher so eng mit dem Körper und der Biologie verknüpft zu sein schien, keineswegs untergegangen ist, sondern so fit und lebendig ist wie eh und je. Georg Seeßlen hat jetzt zwei fleißige Bücher geschrieben (ein dritter Band soll noch folgen), in denen er das aufdröselt.

Die Ablösung der Bedeutung von “Geschlecht” von den biologischen Phänomenen, aus denen man das ehemals hergeleitet hat, vollzieht sich auf vielen Ebenen und von unterschiedlichen Richtungen her. Was Judith Butler und andere erkenntnistheoretisch analysiert haben, hat längst augenfällige Entsprechungen in der Realität ebenso wie in der Kulturproduktion:

Medizintechnik macht es möglich, sekundäre biologische Geschlechtsmerkmale zu verändern, Penisse, Brüste und Vaginas können entfernt und angefertigt werden. Biologische menschliche Körper können mit technischen Mitteln ergänzt und verändert werden. Sogar der Vorgang des Gebärens – der im Zentrum der früheren biologischen Unterscheidung von “weiblich” und “männlich” stand – wird vom Frauenkörper gelöst.

Von der anderen Seite kommend werden Roboter und Künstliche Intelligenzen erfunden und schon längst eingesetzt, irgendwo trifft sich das dann in der Mitte, wo es schwer wird, zu unterscheiden, ob man es mit einer menschlichen Maschine oder mit einem kybernetisch aufgerüsteten Menschen zu tun hat. Kulturtheoretisch verhandelt wird das in “Postgender-Diskursen” oder in queeren Selbstverständnissen, utopisch (oder dystopisch) ausformuliert im Science Fiction, in der Werbung, in der Popkultur. Das Internet als neuerdings vorwiegendes Kommunikationsmedium schließlich ermöglicht es (und verlangt) von uns allen, Geschlecht bewusst zu “performen”, niemand ist mehr gezwungen, in der Öffentlichkeit mit dem Geschlecht in Erscheinung zu treten, das das angeborene ist. Nie war es so leicht, ein transsexuelles Eichhörnchen zu sein.

Man hätte ja meinen können (und viele meinten das), dass diese technisch-medizinisch-kulturell ermöglichte Trennung zwischen Geschlechterperformanz und biologischem Körper dazu führen würde, die Kategorien “weiblich” und “männlich” ins Wanken zu bringen. Aber weit gefehlt. Fast niemand, die oder der im Internet unterwegs ist, tritt dort mit einem anderen Geschlecht auf, als dem angeborenen. Und auch im Feld der Kybernetik und des Science Fiction sind bislang keine “Post-Gender”-Wesen entstanden, das genaue Gegenteil ist der Fall: Die Aliens, Cyborgs, Roboter, die uns da begegnen, sind in der Regel sehr viel krasser und eindeutiger geschlechtlich konnotiert, als es bei biologischen Körpern jemals der Fall war.

Georg Seeßlen macht das zum Beispiel an Robotern deutlich: Sie werden von den Menschen (also den anvisierten Konsument_innen) nur akzeptiert, wenn sie eine eindeutige geschlechtliche Zuordnung haben, und mehr noch: Wenn diese Zuordnung auch klar den eingefahrenen Geschlechterstereotypen entpricht. Pflegeroboter müssen weiblich aussehen, Arbeitsroboter männlich, sonst traut man ihnen nichts zu.

Was für Roboter gilt, gilt ebenso für die Darstellung von Außerirdischen im Science Fiction. Noch nie ist es gelungen, eine wirklich geschlechtsneutrale, humanoide Gesellschaft zu entwerfen. Geschlechtslosigkeit lässt sich offenbar nur darstellen, wenn es um Kinder oder Tiere, um Geistwesen oder Glibbermasse oder Ähnliches geht. Sobald die Wesen erwachsene “humanoide” Formen annehmen, brauchen sie ein Geschlecht.

Man könnte nun meinen, dies alles liege an der Phantasielosigkeit der Autor_innen, oder an der Unflexibilität des Publikums, das aus purer Gewohnheit keine post-gender-Humanoiden akzeptiert. Das spielt wohl sicher eine Rolle, kann es aber meines Erachtens nicht erklären. Ein Hauptgrund ist vielmehr, dass wir “Geschlechtsneutralität” auch deshalb nicht denken (und damit wahrnehmen) können, weil wir alles Eingeschlechtliche unweigerlich als “Männlich” identifizieren, einfach deshalb, weil wir Jahrhunderte Patriarchat auf dem Buckel haben, also eine symbolische Ordnung, die keineswegs von Zweigeschlechtlichkeit, sondern vom Sich-zur-Norm-Setzen des Männlichen charakterisiert war.

Der Versuch, eine “geschlechtslose” Kultur zu beschreiben, geht deshalb sogar dann schief, wenn die Autorinnen sich dieser Gefahr bewusst sind, wie zum Beispiel bei Ursula K. Le Guins “Winterplanet” oder der auf einer Idee von Gene Roddenberry basierten Science Fiction Serie “Earth: Final Conflict” (deutsch: Mission Erde).

Hier haben sich Außerirdische auf der Erde angesiedelt, die Taelons, die keine Geschlechterdifferenz kennen. Um zu vermeiden, dass sie sofort als “männlich” einsortiert werden, haben die Macherinnen ganz dezidiert versucht, gegenzusteuern. (Unter ihnen Majel Barrett-Roddenberry, die sich mit dem Thema auskennt, denn sie war in der Original Series von Star Trek eigentlich als weibliche erste Offizierin vorgesehen, musste dann aber die Brücke für den Außerirdischen Spock räumen, da die Produktionsfirma nur entweder Frauen oder Aliens dort haben wollte und wurde dann zur Krankenschwester degradiert).

Die Taelons werden von weiblichen Schauspielerinnen verkörpert, zum Beispiel, sie treten “sanft” auf, haben nichts Kriegerisches an sich. Aber es nutzte alles nichts. Unweigerlich werden die Taelons als männlich wahrgenommen, und spätestens in der fünften Staffel kommt das dann raus, als einer von ihnen nach seinem Tod als “Frau” wieder zum Leben erweckt wird und das von allen Beteiligten diskussionslos als “in einem anderen Geschlecht” interpretiert wird. Womit bewiesen wäre, dass er vorher nur scheinbar “geschlechtsneutral”, faktisch aber männlich gewesen war.

Auch Seeßlen zeigt an sehr, sehr vielen Beispielen, dass die Beharrung auf geschlechtlicher Konnotation nicht einfach nur eine Folge von Jahrhunderte langer Indoktrination ist. Denn der Körper und seine “natürlichen” biologischen Grenzen sind kein Argument mehr, und es geht bei der Erfindung oder Konstruktion von Mensch-Maschinen-Wesen überhaupt nicht darum, sich an einem “natürlichen” Ideal von Männlichkeit und Weiblichkeit zu orientieren.

Ganz im Gegenteil sind allerlei Mischformen denkbar, Menschen mit Brüsten und Penissen gleichzeitig zum Beispiel, oder Frauen mit sehr “weiblichem” Aussehen, denen Maschinengewehre an den Arm gewachsen sind. Das Überschreiten biologischer “Geschlechtergrenzen” ist keineswegs negativ konnotiert, sondern macht im Gegenteil den Reiz des Geschehens aus, nur dass das Ergebnis eben nicht das ist, dass die Geschlechterdifferenz bedeutungsloser wird, sondern dass sie im Gegenteil in Unendliche, Monströse, aufgeblasen wird: Nie waren die Penisse so lang, die Brüste so groß, die Unterschiede im Erscheinungsbild von “Männlichem” und “Weiblichem” augenfälliger als im Computerspiel, im Science Fiction, in der Robotik.

Ich denke, der Grund liegt darin, dass wir bei der Geschlechterdifferenz viel mehr verhandeln als bloß die Bedeutung von Frausein und Mannsein. Was hier verhandelt wird, ist vielmehr die Gesellschaft insgesamt und alle ihre Themen. Die Geschlechterdifferenz betrifft nicht Männer und Frauen, sie betrifft alles, die Politik, die Lebensformen, die Ernährung, die Wissenschaft, den Straßenbau, die Landwirtschaft, die Raumfahrt, die Medizin und so weiter und so weiter. Das ist auch der Grund, warum Geschichten mit “Humanoiden” ohne Verhandeln der Geschlechterdifferenz nicht möglich sind: Würden wir alles außen vor lassen, was mit der Geschlechterdifferenz verwoben ist, blieben schlicht keine Themen mehr übrig, die verhandelt werden könnten, und damit keine Geschichten, die erzählt werden könnten.

“Ihr werdet euch noch wünschen, die Geschlechtsdifferenz wäre an den biologischen Körper gebunden”, könnte ein Fazit der Lektüre dieser Bücher sein. Denn immerhin hält der biologische Körper Defekte bereit, Uneindeutigkeiten, kennt winzige Penisse und riesige Klitorisse, kennt Intersexualität, kennt breite Interpretationsspielräume im Hinblick auf die Bedeutung von Männlichkeit und Weiblichkeit.

Die Loslösung der Geschlechterdifferenz vom biologischen Körper hingegen birgt in sich die Tendenz zur Vereindeutigung. Gerade weil die Biologie uns nicht mehr determiniert, können sich Klischees und Stereotype ungehindert verbreiten, und da ist keine Natur weit und breit, die sich ihnen in den Weg stellen und ihre “Reinheit” unterminieren könnte.

So gesehen könnte die Natur, die Biologie, fast schon wieder so etwas wie ein realer Anhaltspunkt sein, um sich zu vergewissern, was mich, eine Frau, wirklich ausmacht: Keine riesigen Brüste und schmale Taille jedenfalls, keine Sexyness, sondern normale Uneindeutigkeit. Ein Blick in den Spiegel, auf meinen Bauch, meine Beine, in mein Gesicht (und auf die realen Körper anderer Frauen und Männer) ist vielleicht heutzutage der beste Weg, um Geschlechterstereotype wieder grade zu rücken.

Aber das wird natürlich nicht reichen, ein “zurück zur Natur” gibt es nicht. Der Weg kann nur der sein, sich der Mühe zu unterziehen, die unserer gesamten gesellschaftlichen und kulturellen Produktion unterliegenden Geschlechterdifferenzen zu analysieren, sich ihrer bewusst zu sein und sie frei zu gestalten. Damit wir die Definitionshoheit darüber, was “Weiblich” ist, nicht irgendwann gänzlich an Lara Croft und ihre Gefährtinnen abtreten.

Georg Seeßlen: Träumen Androiden von elektronischen Orgasmen? und Der virtuelle Garten der Lüste. Sex-Fantasien in der Hightech-Welt, Bände I und II (Band III folgt noch), Bertz + Fischer, Berlin 2011.

Der Papst, der Professor, und die Welt da draußen

Sind drei Tage lang zusammen im Vatikan eingesperrt: zig Kardinäle und ein Psychoanalytiker. Den spielt Nanni Moretti selber.

Ich gebe zu, ich bin ein großer Fan von Nanni Moretti. Deshalb bin ich auch in „Habemus Papam“ gegangen (in eine Preview, in die Kinos kommt der Film in Deutschland am 8. Dezember). Obwohl die Kritiken schlecht waren. Flache Komödie, schwülstig, nichts Besonderes, hieß es.

Natürlich kann man den Film so sehen. Man kann ihn lesen als eine müde Inszenierung alter Streitereien. Hier die Kirche, da die säkulare Welt. „Sie wissen ja, dass das Konzept der Seele mit dem des Unbewussten nicht zu vereinbaren ist“, belehrt zum Beispiel ein Kardinal den Psychoanalytiker (gespielt von Moretti selber). Dieser „Professor“, wie der Analytiker (jedenfalls in der italienischen Fassung) nur genannt wird, ist in den Vatikan gerufen worden, um den neu gewählten Papst zu therapieren. Denn derjenige, auf den die Wahl unerwartet fiel, behauptet, er könne die Last der Verantwortung nicht tragen. Er weigert sich, auf den Balkon des Petersdoms zu treten und sich den Gläubigen zu zeigen. Stattdessen haut er ab, raus, auf die Straßen Roms.

Genau das ist das Setting des Films: Die Papstwahl ist vollzogen, der weiße Rauch war zu sehen, und das „Habemus Papam“ ist verkündet. Aber die Öffentlichkeit weiß noch nicht, wer es ist. Dass der Papst verschwunden ist, wird geheim gehalten. Und im Vatikan weiß niemand, wie es weitergehen soll. So ein Fall ist im Protokoll nicht vorgesehen.

In den drei Tagen, die die Filmhandlung beschreibt, dürfen die Kardinäle und der Professor den Vatikan nicht verlassen. Das Konklave ist noch nicht beendet, also kein Kontakt zur Außenwelt. Zwei Männer-Kulturen begegnen sich hier, und das ist in vielen kleinen Details wunderschön inszeniert. Zum Beispiel in folgender Szene: Der Professor veranstaltet mit den versammelten Kardinälen ein Volleyballturier, um die Zeit zu vertreiben. Einer der alten Herren fragt, ob man denn nicht stattdessen Völkerball spielen könne. „Völkerball spielt man schon seit fünfzig Jahren nicht mehr!“ entgegnet der entgeisterte Professor. Ein winziger Satz, der gleichzeitig die Weltfremdheit der einen zeigt wie auch die Bedeutungslosigkeit der anderen, die sich allen Ernstes etwas darauf einbilden, dass sie Völkerball durch Volleyball ersetzt haben.

Wer in dem Film nur diese Begegnung zwischen einer alten und einer neuen Variante von „Patriarchat“ erkennt, mag ihn wirklich für belanglos halten. Doch das ist nur der Nebenschauplatz. An dem mir übrigens gut gefallen hat, dass die Welt der Kardinäle ohne Häme gezeigt wird, ohne Besserwisserei, ohne billige Anti-Kirchen-Polemik, ohne allzu viele erwartbare Klischees. Man mag die alten Männer irgendwie, man sieht ihre Menschlichkeit und ihr Bemühen, gut zu sein.

Der neu gewählte Papst sucht Zuflucht im richtigen Leben.

Doch das eigentliche Geschehen spielt sich anderswo ab, vor den Mauern der Kirche. Zwischen dem entflohenen Papst und der wirklichen Welt. Einer Welt, die von Frauen bevölkert ist. Frauen, die sich aufmerksam um den alten Mann kümmern, ohne ihn aber allzu wichtig zu nehmen. Sie wissen ja nicht, dass es der Papst ist, und deshalb können sie den Menschen sehen. Sie fragen ihn ganz normale Dinge: Wo denn seine Familie ist und seine Freunde, ob er schon mal mit jemandem über seine Probleme gesprochen hat, ob er ein Glas Wasser will. Sie leihen ihm ihr Handy. Sie sind nett zu ihm, aber sie brauchen nichts von ihm. Sie haben ihre eigenen Sachen zu tun.

Etwas Angst hatte ich vor dem Schluss des Films. In einer Besprechung hatte ich gelesen, der Papst würde am Ende eine große Rede halten, man verglich sie sogar mit der berühmten Rede am Ende von Chaplins „Der große Diktator“. Ich befürchtete, eine solche Rede würde den ganzen Film ruinieren.

Ein alter Mann, allein unter einer Milliarde Gläubigen.

Aber ich hätte eigentlich wissen können, dass Nanni Moretti mich nicht enttäuscht.

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