Optimismus und Visionen statt “Klasseninteresse”

Im Juni habe ich in Paris an einem Kolloquium zum 150. Jahrestag der Gründung der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) 1864 teilgenommen – zusammen mit etwa 25 Forschern und einer anderen Forscherin aus verschiedenen Ländern, die alle kurze Vorträge hielten, plus noch einmal zehn oder zwanzig Personen „Publikum“. Es war also ein eher intimer Kreis… Thema war die Frage, ob man aus der Internationale etwas für aktuelle politische Bewegungen lernen kann und in welchem Austausch sie mit anderen sozialen Bewegungen stand.

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Interessant fand ich vor allem den Beitrag von Marcel Van der Linden vom Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam. Er widersprach zum Beispiel dem Mythos, dass die IAA die erste internationale Zusammenarbeit von Arbeitergruppen gewesen sei und verwies etwa auf die schon viel ältere Solidarität zwischen Seeleuten und in die Sklaverei verschleppten Afrikanerinnen und Afrikanern bei Meutereien.

Die Internationale habe hingegen die Gruppe der legitimen sozialrevolutionären Akteure stark eingrenzt, und zwar auf diejenigen Personen, die Marx und Engels (im Auftrag des Bundes der Kommunisten) bereits im Kommunistischen Manifest definiert hatten: „Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse.“ Dieses Proletariat sollte sich laut Manifest sorgfältig sowohl nach „oben“ abgrenzen („Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer sind nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär“) als auch nach unten („Das Lumpenproletariat, diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft…“).

Die Internationale war also keine Organisation, in der sich „die Arbeiter“ zusammenschlossen im Sinne von Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen mussten, um überleben zu können. Sondern hier organisierte sich eine bestimmte Gruppe, nämlich männliche, weiße, vor allem qualifizierte Arbeiter. Obwohl zum Beispiel Frauen damals rund ein Drittel der Fabrikbelegschaften stellten, waren sie an der Gründung der IAA nicht beteiligt, wurden teilweise sogar explizit ausgeschlossen. In den USA definierte sich die Internationale (teilweise) durch den Ausschluss von Schwarzen, und so weiter.

Dieser Hintergrund ist interessant zu wissen, weil es die Kern-Botschaft der IAA betrifft, nämlich dass alle Arbeiter gemeinsame Interessen hätten, die andere Unterschiede (zum Beispiel Nationalität) in den Hintergrund treten lasse. Die „Vereinigung“ aller Arbeiter gegen „das Kapital“ war Ziel, Versprechen, Strategie der IAA – und damit setzte sie tatsächlich eine Denktradition in Gang, an der sozialrevolutionäre Bewegungen bis heute oft gemessen werden.

Doch dieses Konstrukt einer einigen Arbeiterschaft mit gemeinsamen Interessen ist leider bloß eine Illusion. Ein Vortrag beim Kolloquium in Paris beschäftigte sich zum Beispiel mit der transnationalen Solidarität von Zigarrenarbeitern: Während eines Streiks in England, wo die Zigarrenarbeiter starke Gewerkschaften und relativ hohe Löhne hatten, warben die Unternehmer belgische und niederländische Zigarrenarbeiter an, die dort viel schlechtere Arbeitsbedingungen hatten. Die Internationale intervenierte, um diesen „Import“ von Streikbrechern zu verhindern. Denn das Versprechen, die Zufuhr von „Fremdarbeitern“ verhindern zu können, war das, was die Internationale vor allem bei Arbeitern in relativ guten Arbeitsverhältnissen attraktiv machte. So reisten also während dieses Zigarrenarbeiterstreiks Abgeordnete der Internationale nach Belgien und in die Niederlanden um die Arbeiter dort davon abzuhalten, die englischen Jobangebote anzunehmen.

Das klingt natürlich gut, aber warum eigentlich sollte ein belgischer Zigarrenarbeiter ein gutes Jobangebot in England ablehnen, obwohl das doch ein Ausweg aus existenzieller Not für ihn, seine Frau, seine Kinder wäre? Offensichtlich gibt es hier einen Interessenskonflikt zwischen den englischen und den belgischen Arbeitern.

Das Argument der Internationale nun war: Ihr belgischen Arbeiter müsst selbst in eurem Land für eure eigenen Lohnerhöhungen kämpfen, und vielleicht bekommt ihr davon etwas Geld aus unserer Streikkasse (wobei die finanziellen Möglichkeiten der Internationale sehr überschätzt wurden). Aber wie überzeugend ist diese Vertröstung auf die Zukunft für jemanden, der für einen Hungerlohn arbeitet oder arbeitslos ist? Ich fragte hinterher den Referenten, ob die Internationale denn mit dieser Argumentation Erfolg gehabt hätte, und er antwortete: Nicht so wirklich. Teilweise seien Arbeiter, die die englischen Jobangebote annehmen wollten, regelrecht bedroht worden, oder man habe gedroht, den zurückbleibenden Frauen und Kindern solcher „Verräter“ würde es schlecht ergehen. Nun ja, not my revolution.

Mich interessiert das natürlich vor allem deshalb, weil es einen ganz ähnlich gelagerten Konflikt zwischen Frauen und männlichen Arbeitern gab: Streiks waren eine Gelegenheit für Frauen, nicht nur Arbeit zu finden, sondern sich auch in Berufen zu qualifizieren, aus denen die Männer sie eigentlich heraushalten wollten, in Druckereien zum Beispiel oder als Vorarbeiterinnen. Das Pochen auf ein angeblich objektives Klasseninteresse erlegte den ohnehin Benachteiligten auf, für die „gute Sache“, den in ferner Zukunft zu erwartenden Kommunismus zum Beispiel, in der Gegenwart zurückzustecken. Aber von dem Versprechen, dass die Zukunft für alle gemeinsam rosig sein werde, kann man sich heute nun mal leider kein Brot kaufen.

Die Behauptung, alle Arbeiter hätten dieselben Interessen und sie dürften sich nicht spalten lassen, ist letztlich ist eben nur ein moralischer Appell, der überhaupt nur halbwegs plausibel erscheinen konnte, weil das „richtige“ Proletariat eben auf die eng definierte Gruppe des weißen, männlichen, qualifizierten Arbeiters beschränkt worden war. Dies wurde dann letztlich zur Grundlage dessen, was man „Arbeiterbewegung“ nannte: Arbeiterparteien und Gewerkschaften, die mit Staat und Unternehmern über höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten und so weiter verhandeln.

Während die Internationale durch ihre Organisationsform die von ihr so verachteten „subproletarischen“ Kräfte des „Lumpenproletariats“ effektiv ausschließen konnte, gelang das hingegen für die „kleinbürgerlichen“ Kräfte nicht. Mehrere Referate des Kolloquiums schilderten den faktisch großen Einfluss von „radikalen“ oder „republikanischen“ Aktivisten (und Aktivistinnen) auf die Sektionen. Es war dies ein Milieu von Menschen, die die Welt verändern und sozialere Verhältnisse herbeiführen wollten. Diese Leute engagierten sich keineswegs nur in der Internationale, sondern auch (vorher, nachher, gleichzeitig) in ganz unterschiedlichen Vereinigungen und Zirkeln, betrieben jede Menge unterschiedlicher Themen von der Einführung einer universalen Sprache bis zum Spiritismus, von freier Liebe bis alternativer Geldpolitik. Und sie trugen diese Ideen auch in die Internationale hinein – Victoria Woodhull ist dafür ein gutes Beispiel.

Was diese Aktivistinnen und Aktivisten antrieb war nicht ihr „Klasseninteresse“, sondern so etwas wie „Spirit“, eine Geisteshaltung, eine Vision. Allerdings verwendeten die Protagonisten der Internationale (und an dem Punkt zogen Marx und Bakunin, die angeblichen Kontrahenten, völlig an einem Strang) viel Kraft darauf, diese Kräfte und Personen auszuschließen und sich von ihnen abzugrenzen, oder zumindest deren Einfluss kleinzuhalten. Das führte dazu, dass die Internationale sich kaum mit anderen zeitgenössischen Protest- und Reformbewegungen verbündete.

Mehrfach wurde während der Konferenz angemerkt, dass die heutigen Verhältnisse der Zeit der Internationale eigentlich näher sind als die vor fünfzig Jahren (als es zum 100. Jubiläum schon einmal eine große Konferenz gab). Während 1964 noch die beiden Blöcke Ost und West einander gegenüberstanden und im Westen Gewerkschaften und Arbeiterparteien großen Einfluss hatten, sind heute die Arbeitsverhältnisse wieder viel fließender und ungewisser. Kommunistische Parteien gibt es praktisch nicht mehr, die sozialdemokratischen verlieren kontinuierlich an Stimmen, die Gewerkschaften an Mitgliedern. Von den weltweit knapp drei Milliarden Menschen, die sich auf dem Arbeitsmarkt bewegen, sind nur sieben Prozent (200 Millionen) gewerkschaftlich organisiert, und von denen wiederum zahlen nur zwei Drittel Mitgliedsbeiträge, wie Marcel van der Linden in seinem Vortrag deutlich machte.

Für die emanzipatorischen gesellschaftlichen Errungenschaften in Europa und USA, so ein Referent, seien aber ohnehin Liberalismus und Radikalismus wichtiger gewesen als der Sozialismus, beziehungsweise Gewerkschaften oder Arbeiterparteien. Es gibt also vielleicht trotz des Niedergangs der klassischen Arbeiterbewegung noch Hoffnung.

Dabei wäre aus der Internationale zu lernen, dass man bestimmte Fehler nicht wiederholen sollte. Eine soziale Bewegung, die die widerstreitenden Interessenslagen der Ausgebeuteten ignoriert (durch die Proklamation eines fernen gemeinsamen Zieles), ist meiner Ansicht nach nicht in der Lage, langfristige gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen, sondern sie dient letztlich nur dazu, einer bestimmten Gruppe der Ausgebeuteten gewisse Privilegien innerhalb des Systems zu verschaffen.

Wer eine internationale revolutionäre Bewegung will (und eine solche bräuchten wir eigentlich dringend wieder, da sich das Problem des Nationalismus und Populismus auch im Milieu benachteiligter und armer Menschen immer stärker stellt) müsste sich eingestehen, dass es unter den „Ausgebeuteten“ unterschiedliche Auffassungen und Interessenslagen gibt, die nicht nur verschiedene Facetten von etwas sind, das als „internationale Solidarität“ eingeklagt werden kann, sondern die tatsächlich unvereinbar sind. Jedenfalls im Hier und Jetzt, das unser Handeln verlangt.

Die Frage ist also: Wie ist internationale Solidarität unter Gruppen und Menschen mit unterschiedlichen Interessen möglich? Wie ließe sich das befördern oder organisieren?

Der erste Schritt müsste dabei meiner Ansicht nach sein, klarzumachen, dass es bei Politik NICHT in erster Linie darum geht, die eigenen Interessen zu vertreten. Nicht ein (notwendigerweise auf Ausschlüssen beruhendes) proletarisches „Klassenbewusstsein“ ist für internationale Solidarität erforderlich, sondern vielmehr tatsächlich so etwas „kleinbürgerliches“ wie Spirit, Utopie und Vision.

Die komplexen Ansichten und Bedürfnisse des wirklich gesamten „Proletariats“ können halt schlicht und ergreifend nicht in einer allgemeinen Theorie sortiert, kategorisiert und hierarchisiert werden. Sie müssen miteinander leben, so wie auch Feministinnen mit ganz unterschiedlichen und teilweise widerstreitenden Ansichten und Interessen miteinander leben (und es trotzdem so etwas wie „Feminismus“ gibt, als gemeinsamen Referenzpunkt, aber ohne einheitliche Forderungen und Pläne).

Ich vermute übrigens auch, dass die tief eingewurzelte Denkfolie, die Arbeiterbewegung sei eine einheitliche Truppe mit gemeinsamen Interessen und Forderungen (oder müsse das zumindest sein) der Grund dafür ist, warum der Feminismus in der politischen Theorie wie in der öffentlichen Debatte so wenig verstanden wird, teilweise sogar von Feministinnen selbst. Wir haben als Musterbeispiel für eine politische Bewegung immer so was wie die Internationale im Kopf.

Was also stattdessen?

Eine Strategie könnte vielleicht das sein, was ich in meinem Konferenzbeitrag als „Politik verkörpern“ beschrieben habe. Eine Strategie, die ich bei den von mir untersuchten feministischen Sozialistinnen, die sich in der Internationale engagiert haben, identifiziert habe: Nicht theoretische Standpunkte auszuarbeiten, sondern mit den anderen reden, vertrauensvolle Beziehungen aufbauen, Konflikte offen austragen, und aushalten, dass man auch mal nicht einig ist. Also einfach: Hingehen und mit den anderen reden, ohne die Absicht, am Ende ein gemeinsames Papier verfasst zu haben. Erstmal verstehen, was der_die andere überhaupt für ein Problem hat, erstmal fragen statt gleich Antworten parat zu haben.

Ein Referent sagte dazu, soziale Bewegungen bräuchten vor allem „optimism about the human race“. Ja, so ist das wohl.

(Diese These ist dazu da, weitergedacht und diskutiert zu werden)

Happy Birthday, Michael Bakunin

Heute vor 200 Jahren wurde Michael Bakunin geboren, der alte Anarchist. Ich habe mich mit ihm im Rahmen meiner Diss über die Erste Internationale ziemlich ausgiebig beschäftigt und ihn dabei fast lieb gewonnen. Bakunins Leben hat der Anarchismus-Historiker Max Nettlau in akribischer Weise nachvollzogen, allerdings ist seine Bakunin-Biografie, soweit ich weiß, immer noch nicht gedruckt. Ich habe sie damals in der französischen Nationalbibliothek gelesen, auf einer per Matritze angefertigten Kopie des handschriftlichen Manuskriptes. Wenn ich mich richtig erinnere, hat Nettlau selbst insgesamt fünf fünfzig solcher Kopien angefertigt und ausgewählten Bibliotheken geschenkt.

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Okay, ich gebe zu, ich bin von Nettlau mehr beeindruckt als von Bakunin. Aber auch dessen Texte sind nach wie vor lesenswert, zumal wir alle ohnehin mehr anarchistische Theorie lesen sollten. Auch sein Leben ist atemberaubend (zum Beispiel: Wie flieht man von Sibiren über Japan in die USA?), wobei ich mich allerdings nur mit der Zeit ab ungefähr 1860 wirklich gut auskenne.

Kleiner Exkurs: Das hat mich in meiner mündlichen Prüfung in Politikwissenschaft (zum Thema Geschichte des Anarchismus) ins Schwitzen gebracht, weil ich nämlich die Frage nicht beantworten konnte, mit wem Bakunin 1848 zusammen auf den Barrikaden von Dresden gekämpft hat. (Gewinnspiel: der_die erste mit der richtigen Antwort in den Kommentaren bekommt von mir ein Exemplar meines Internationale-Buches geschenkt. Hint: Zeit-Online und SZ wissen die Antwort :)

Falls Ihr nicht die Möglichkeit habt, eins der Nettlau-Manuskripte zu lesen, ist ein guter Einstieg in Bakunins Leben die Biografie von Riccarda Huch, die es inzwischen auch billig über Second Hand gibt.

Überhaupt ist aufschlussreich, wie viele Frauen sich für Bakunin interessiert haben. Das ist inhaltlich durchaus berechtigt, denn anders als viele Zeitgenossen vertrat Bakunin einen egalitären Feminismus – zum Beispiel im direkten Gegensatz zu Proudhon. Andererseits lag ihm das Thema nicht wirklich am Herzen, im Gegensatz zu vielen seiner Mitstreitern, etwa Elisée Reclus.

Bakunins Verdienste liegen natürlich nicht im Feminismus, sondern in seiner Staatsanalyse, also darin, dass er klar sah, dass die Übernahme staatlicher Strukturen durch die Arbeiterbewegung nicht zu mehr Freiheit führen würde, sondern zu mehr Diktatur (so wie es dann ja leider auch gekommen ist im real existierenden Sozialismus). Sein Gedanke der freien Assoziation ist völlig richtig (und deshalb bin ich auch nicht der Ansicht, dass Bakunin keine nennenswerten Theorien hinterließ, viel viele meinen).

Problematisch war an Bakunin hingegen sein Revoluzzer-Gestus, der ihn zu vielen Fehleinschätzungen verleitet hat. Die Zerstörung bestehender Strukturen allein bringt halt noch keine Revolution, und man muss neue Ordnungen aufbauen. Dafür braucht man die richtigen Leute, aber Bakunin hatte eine große Begabung darin, sich immer die falschen Leute auszusuchen. So unterstützte er oft skrupellose pseudorevolutionäre Jungmacker, zum Beispiel Sergej Nechajev oder Albert Richard, die der Bewegung nur schadeten und nichts nützten. Außerdem setzte er als politisches Mittel viel zu sehr auf dubiose Geheimgesellschaften und sinnlose Aufstände. Von daher hat der Anarchismus viel von seinem weniger schönen Erbe tatsächlich Bakunin zu “verdanken”. André Léo war nicht die Einzige, die sich deshalb mit ihm gestritten hat.

Trotzdem hat Bakunin immer viel Unterstützung von Frauen bekommen. Besonders wichtig war für ihn Zoja Sergeewna Obolenska, eine russische Aristokratin, die sich von ihrem Mann getrennt hatte und mit ihren drei Kindern und ihrem Lebensgefährten ein großes Haus in Vevey am Genfer See führte. Sie war Bakunins wichtigste Geldgeberin in dieser Zeit.

(Einschub: Im Juli 1869 entführte Obolenskas Ehemann mit Hilfe der Schweizer Polizei die beiden jüngeren Kinder und russische Gerichte übertrugen ihm zudem noch die Verfügungsgewalt über Obolenskas Vermögen. Sie floh mit ihrer ältesten Tochter nach Frankreich, dann nach London, später wohl nach Spanien. Die „Affäre Obolenski“ wurde von Bakunin auch als Beleg für eine zunehmende Unsicherheit des Schweizer Exils genommen.)

Wichtig war natürlich auch die Unterstützung von Bakunins Ehefrau Antonia Kwiatkowska. Sie war Polin und deutlich jünger als er (ihr genaues Geburtsdatum weiß ich nicht), geheiratet haben sie 1857. Antonia Bakunin war politisch ebenfalls aktiv, zum Beispiel war sie eine Mitbegründerin der “Allianz der Sozialistischen Demokratie” (eine anarchistische Untergruppierung der Internationale) und Mitorganisatorin der Genfer Frauensektion der Internationale.

Antonia und Michel Bakunin.

Antonia und Michel Bakunin.

Antonia stellte auch Michaels freiheitliche Gesinnung auf den Prüfstand, als sie eine Affähre mit dem Italiener Carlo Gambuzzi anfing und mit ihm zusammen mehrere Kinder bekam. Sie führten dann eine Art “offener Dreierbeziehung” bis zu Bakunins Tod, danach heirateten Antonia und Carlo.

Bakunin hatte unter den Frauen aber nicht nur Freundinnen. Eine seiner vehementesten Gegnerinnen war Elisabeth Dmitireff, die Gründerin der russischen Sektion in Genf. Sie wollte aus der Internationale eine Massenbewegung machen und war aus diesem Grund völlig gegen Bakunins geheimniskrämerische Untergrundmentalität, stattdessen hielt sie es eher mit den eher “maintreamkompatibleren” marxistischen Strategien von Marx. Sie reiste deshalb nach London, wo sie den Generalrat besuchte und Karl Marx kennenlernte, bevor sie dann eine der wichtigsten Aktivistinnen der Pariser Kommune wurde.

Einer ihrer Verbündeten in Genf war Nikolaus Utin, ursprünglich ein Freund Bakunins, der sich aber durch den Einfluss Dmitrieffs von Bakunin distanzierte, was die beiden dann aber weniger auf einer argumentativen Ebene sondern als typischen Boys-Fight austrugen.

Die Atmosphäre, in der damals über solche Dinge verhandelt wurden, wird in diesem Zitat von Bakunin (aus seinen Erinnerungen) deutlich:

„In einer dieser Sitzungen des Zentralbureaus [der Genfer Allianz-Sektion] behandelte man einmal die Zulassung von Frauen in das Bureau. Ein solcher Vorschlag war von einigen Freunden gemacht worden, gründenden Mitgliedern der Allianz und ihr sehr ergeben, die aber, ohne dies zu ahnen, indem sie diesen Vorschlag machten, als unbewusste Werkzeuge der Utinschen Intrige handelten. Wer die Art und Weise vorzugehen dieses kleinen Juden kennt, weiß, dass eines seiner Hauptaktionsmittel die Frauen sind. Durch die Frauen schlängelt er sich überall hinein, selbst heute, sagt man, in den Londoner Generalrat. Er hatte gehofft, durch Vermittlung der Frauen seine kleine Fahne ohne Programm, sein kleines intrigantes Ich im Schoß der Allianz aufpflanzen zu können. Dies war eine der Ursachen, aus denen ich mich absolut der Zulassung der Frauen in unser Bureau widersetzt hatte.“

Tja, so war das damals. Ich sage trotzdem: Happy Birthday, Michael.

 

Ulrike Meinhof aus den Augen eines Kindes


Anja Röhl, die Tochter von Klaus Röhl aus dessen erster Ehe und damit Stieftochter von Ulrike Meinhof, hat ihre Kindheitserinnerungen aufgeschrieben. Mit dem Titel „Die Frau meines Vaters“ stellt das Buch Ulrike Meinhof ins Zentrum, doch eigentlich erfährt man mehr über das Lebensgefühl, die Szene, die Normalität des Alltags in den 1960er Jahren als über Meinhof.

Vor einigen Jahren hat Anja Röhl ihrem Vater Klaus Röhl pädophile Übergriffe vorgeworfen, die sie in diesem Buch auch wiederholt, aber das ist nicht das Zentrale. Deutlich wird generell, wie brutal Menschen noch vor wenigen Jahrzehnten mit Kindern umgehen konnten, wie wenig ihre Bedürfnisse zählten, wie unverschämt egoistisch Erwachsene sein konnten, und vor allem Männer.

Ulrike Meinhof hat Anja Röhl als die einzige Erwachsene in Erinnerung, die sich für ihre Bedürfnisse und Anliegen interessiert hat. Damit liefert sie einen weiteren Baustein in der inzwischen fast schon endlosen Saga darüber, was für ein Mensch Ulrike Meinhof wohl gewesen ist. In den Augen des Kindes und der Jugendlichen Anja Röhl war Meinhof jedenfalls ein Lichtblick in trüber Umgebung, für die sich politisierende Jugendliche eine Inspiration.

Die große Stärke des Buches ist, dass Anja Röhl neben der subjektiven Schilderung ihrer Erinnerungen keine weiteren Spekulationen anstellt. Sie schreibt einfach auf, woran sie sich erinnert. Leider sind nicht wenige Passagen geschwärzt, weil Bettina Röhl, eine der Töchter von Meinhof und jüngere Halbschwester von Anja, dagegen geklagt hatte.

Anja Röhl: Die Frau meines Vaters, Edition Nautilus 2013, 18 Euro.

PS: Termine für Lesungen stehen hier im Blog von Anja Röhl

Nackte Frauen, zu hunderten!

staedelJedesmal, wenn ich an der Konstablerwache in die U4/U5 Richtung Hauptbahnhof einsteige, ärgere ich mich über eine Werbung der Frankfurter Museen, die am Beispiel zweier Teenager den lüsternen männlichen Blick auf den nackten Frauenkörper zeigen, und die schon seit Jahren dort hängt. Nackte geile Frauen gibt es im Museum zu sehen, ist das nicht sowas von geil?

Auf ähnlich “lustige” Weise wird häufig auch für Ausstellungen geworben, die prähistorische Figurinen zeigen. Zum Beispiel wurde für die Ausstellung der Venus von Willendorf in Österreich mit einem Plakat geworben, das sie als Call-Girl (mit Telefonnummer) zeigt.

Umso wohltuender ist es, in dem 600 großformatige Seiten dicken Band “The Language of MA, the primal mother. The evolution of the female image in 40.000 years of global Venus Art” der niederländischen Religionshistorikerin Annine van der Meer zu stöbern. In einer unglaublichen Fleißarbeit hat sie hier hunderte von Venus-Darstellungen aus allen Epochen gesammelt (alle mit Abbildungen) und erläutert, in einen historischen Kontext gestellt. Die begleitenden Texte reflektieren die Entwicklung der Darstellung von Frauenkörpern über die Jahrtausende hinweg.

Durchlesen kann man das Buch nicht wirklich, aber darin blättern, sich hier und da festlesen und immer wieder interessante Geschichten entdecken.

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Der mit 29,95 Euro unglaublich günstige, englischsprachige Band ist in Holland erschienen, von Deutschland aus kann es für nur 8 Euro Porto beim Christel-Göttert-Verlag gekauft werden. Eine deutsche Übersetzung ist geplant, die wird allerdings deutlich teurer werden. Subskribentinnen bekommen aber Rabatt. Alle Infos hier.

Es gibt auch eine Facebook-Seite

Antje wollte in den Wilden Westen

Delia

Gestern Abend las ich mich mit viel Vergnügen durch die Beiträge der von Anne angestoßenen Blogparade über Pferdemädchen. (Hier die Linkliste). Ich war nämlich auch ein Pferdemädchen. Und es ist ja erstaunlich, wie viele Erinnerungen bei wie vielen hier hochkommen!

Warum ich unbedingt reiten wollte, daran habe ich eine ganz klare Erinnerung: Anstoß waren die “Delia”-Bücher von Marie Louise Fischer. Delia ist ein Mädchen aus Deutschland, dessen Vater nach Amerika ausgewandert ist, und die sich auf den Weg macht, ihn zu suchen. Als “Blinder Passagier” schmuggelt sie sich auf ein Schiff nach New York, reist dann mit einem Treck gen “Wilden Westen”, der Treck wird von Indianern überfallen, sie lebt dann dort mit denen und wird Blutsschwester des Häuptlingssohnes. Am Ende findet sie, glaube ich, auch ihren Vater.

Wahrlich eine gruselige Story, voller Rassismus, “Othering”, unkritischem Wildwest-Schmonzes. Aber auf mich als Zehnjährige hatten diese Bücher eine elektrisierende Wirkung. Nach der Lektüre wusste ich, dass ich im falschen Leben gelandet war, eigentlich war ich von meiner Bestimmung her “Indianerin”. Eine zeitlang betete ich jeden Abend mit Inbrunst, der liebe Gott möge mich doch bitte am nächsten Morgen als “Indianerin” aufwachen lassen (mit langen, dicken, schwarzen Haaren!), und als das nicht passierte, erlebte ich meine erste große Glaubenskrise.

Reiten war the closest I could get to my dream. Da ich auf dem Land wohnte und zudem in meiner Klasse sogar ein Mädchen war, deren Eltern einen PONYHOF hatten, waren die Voraussetzungen gut. Später leierte ich meinen Eltern Reitstunden aus den Rippen, zehn Stück schenkten sie mir zu Weihnachten. Zehn Stück, haha (dabei blieb es natürlich nicht). In meiner Familie wird immer noch die Geschichte erzählt, wie ich beim Autofahren (das ich hasste) immer erklärte, wenn ich mal erwachsen wäre, würde ich nicht Auto fahren, sondern Reiten!!!!

Antje auf PferdIch schaffte es bis zur “Jugendreiterprüfung”, wie dieses Foto dokumentiert (aufgenommen 1978, da war ich 13). Aber das gesittete “Dressur-Reiten” (was schon alles sagt), war für mich nur zweitbeste Variante. Ich mochte das Ponyreiten ohne Sattel und draußen viel lieber als das auf gesattelten Pferden dauernd im Kreis herum. Es war halt viel “indianerischer”. Deshalb wechselte ich zum “Voltigieren”, das war ohne Sattel und man ritt nicht, sondern machte Kunststückchen auf dem Pferd. Ja, take that: Ich habe mal auf einem galoppierenden Pferd GESTANDEN!

Das Ende meiner Pferdemädchenzeit kam sehr abrupt: Ich fiel runter und verknackste mir den Rücken. Die Orthopädin schaute mich kaum an und verhängte ein mindestens  halbjähriges Reitverbot. Das war schon klar gewesen, dafür war die nämlich berüchtigt. Reitverbote zu erteilen war ihre Standardbehandlungsmethode. Vielleicht war sie ja eine frühe emanzipatorische Vorkämpferin gegen Pferdemädchen-Kitsch. Ich hasste sie.

Und ich war natürlich wild entschlossen, nach exakt sechs Monaten wieder auf einem Pferd zu sitzen. Aber dazu kam es nie. Ich vermute, es hatte etwas damit zu tun, dass ich inzwischen lieber ein Hippiemädchen sein wollte. Vielleicht war mir auch klar geworden, dass die ganze Wildwest-Romantik nichts Reales ist, auch nichts mit den wirklichen Native Americans zu tun hat, sondern lediglich eine Projektion der eigenen Wünsche auf “Andere” darstellt. Dass Zivilisationskritik halt bei sich selbst anfangen muss.

Und wenn man diese Romantik abzieht, dann ist das mit dem Reiten in der Tat genauso beschwerlich, wie es andere in der Blogparade beschrieben haben. Eine Sehnsucht nach “Freiheit und Abenteuer” ist bei mir trotzdem hängengeblieben.

Hedwig Lachmann: Weit lieber doch besiegt sein, als verführt von eitlem Glanz…

Die letzten Tage habe ich eine Biografie über Hedwig Lachmann (1865-1918) gelesen, eine Dichterin und Übersetzerin – übersetzt hat sie zum Beispiel Edgar Allan Poe, Oscar Wilde und Honoré de Balzac. Bekannt geworden ist sie aber vor allem (naja, so mittelmäßig bekannt wenigstens), weil sie die Lebensgefährtin von Gustav Landauer war, mit dem sie auch zwei Töchter hatte.

Ich interessiere mich bei Biografien ja weniger für die Lebensgeschichten, als vielmehr für die politischen Ideen, und in dieser Hinsicht lässt mich das Buch noch etwas ratlos. Was weniger an dem Buch liegt, als vielmehr daran, dass Hedwig Lachmann eben vor allem Gedichte geschrieben hat, und Gedichte gehen irgendwie nicht so an mich.

Dabei wäre sicher viel Interessantes zu heben, zumal Lachmann ihre Freiheitsliebe explizit nicht an das Streben nach Gleichheit mit den Männern knüpfte, sondern solche Ansinnen klar zurück wies. Zum Beispiel schreibt sie an einen Freund, der eines ihrer Werke kritisch kommentiert hatte:

Das mit der “Frauenlogik” will ich mir aber doch nicht gefallen lassen. Denn die ist’s nicht, wenn etwas nicht so gelingt, wie ich’s gern möchte. Dann ist es eben meine Stümperhaftigkeit, die ich mit tausend Männern gemein habe. Vielleicht streife ich sie mit der Zeit etwas ab, meine Frauenlogik will ich gar nicht abstreifen, ich will gar nicht anders schreiben, wie eine Frau. (S. 29)

Doch leider wird dieser Aspekt in dem Buch nicht genauer behandelt, zumal die inhaltlichen Debatten, die geschildert werden, Hedwig Lachmann vor allem im Vergleich mit den Männern ihrer Umgebung zeigen, nicht in der Auseinandersetzung mit anderen Frauen. Was aber vermutlich auch der Quellenlage geschuldet ist.

Ebenso interessant fand ich den Aspekt, dass sie viel von ihrer Lebenshaltung ihrer Herkunft aus dem osteuropäischen Judentum verdankt – ihr Vater arbeitete als Kantor in jüdischen Gemeinden, die Familie stammte ursprünglich aus Ostdeutschland (einer Gegend, die heute zu Polen gehört) und war 1873 – als Hedwig acht war – nach Bayern gekommen. Ich vermute, dass die Abneigung gegen Assimilierung an die jeweils dominante Kultur (sei es die jüdische an die christlich-deutsche oder die weibliche an die männliche) ein roter Faden in Lachmanns Denken ist. Müsste aber genauer untersucht werden.

Stattdessen möchte ich hier, weil es so schön ist, ihr Antikriegsgedicht abtippen, dem auch der Buchtitel entnommen ist und das sie zum Ersten Weltkrieg geschrieben hat:

Mit den Besiegten

Preist Ihr den Heldenlauf der Sieger, schmückt
Sie mit dem Ruhmeskranz, Euch dran zu weiden -
Ich will indessen, in den Staub gebückt,
Erniedrigung mit den Besiegten leiden.

Geringstes Volk! verpönt, geschmäht, verheert
Und bis zur Knechtschaft in die Knie gezwungen -
Du bist vor jedem stolzeren mir wert,
Als wär’ mit dir ich einem Stamm entsprungen!

Heiß brennt mich Scham, wenn das Triumphgebraus
Dem Feinde Fall und Untergang verkündet,
Wenn über der Zerstörung tost Applaus
Und wilder noch die Machtgier sich entzündet.

Weit lieber doch besiegt sein, als verführt
Von eitlem Glanz – und wenn auch am Verschmachten,
Und ob man gleich den Fuß im Nacken spürt -
Den Sieger und das Siegesglück verachten.

Birgit Seemann: “Mit den Besiegten”. Hedwig Lachmann (1865-1918). Deutsch-jüdische Schriftstellerin und Antimilitaristin. Überarbeitete und aktualisierte Neuauflage. Verlag Edition AV, Lich 2012, 164 Seiten, 16 Euro.

Souveränin sein: Hildegard von Bingen

Übermorgen, am 7. Oktober, wird Hildegard von Bingen vom Papst offiziell zur Kirchenlehrerin ernannt. Kein Grund, ein großes Bohei zu machen, denn in Wirklichkeit war sie natürlich schon immer eine Kirchenlehrerin, schön, dass der Papst das jetzt auch merkt. Aber ich nehme es mal als Anlass, um einen Abschnitt aus dem Artikel “Souveräninnen” von Annarosa Buttarelli hier in den Blog zu stellen, in dem sie sich mit dem Konzept der Souveränität bei Hildegard von Bingen beschäftigt. Sozusagen, um ein bisschen Inhalt zu dem Bohei dazu zu tun :) 

Hildegard von Bingen empfängt eine göttliche Inspiration und gibt sie an ihren Schreiber weiter. Miniatur aus dem Rupertsberger Codex des Liber Scivias. Quelle: Wikipedia.

“Souveränin zu sein bedeutet, die Verantwortung der eigenen Position zu akzeptieren, denken und handeln zu können, indem man über dem historischen Gesetz der Männer und seiner Konstruktionen steht.

Hildegard von Bingen praktizierte diese Verantwortung als Überlegenheit der kosmologischen Weisheit.

Hildegard von Bingen (1098-1179) hatte politische Beziehungen zu Fürsten, die sie beriet und denen sie nicht selten Anweisungen gab.

Es wäre nutzbringend, die politische Geschichte der großen Äbtissin vom Standpunkt des Buches Frei zu existieren. Weibliche Konstruktion von Zivilisation im europäischen Mittelalter erneut zu lesen, ein wertvoller Band, den die Historikerinnengruppe des Mailänder Frauenbuchladens verfasst hat.

Darin findet sich eine sehr bedeutsame Episode über die Konzeption der Souveränität bei Hildegard von Bingen.

Hildegard widersetzt sich dem Befehl eines Bischofs, den Körper eines jungen Edelmannes, der im Konvent der Äbtissin begraben liegt, zu exhumieren, damit man ihn post-mortem bestrafen kann.

Es kommt nicht darauf an, die ganze Geschichte zu kennen, wichtig ist, zu wissen, dass Widerspruch gegen den Willen der Bischöfe zur damaligen Zeit etwas sehr Schwerwiegendes war. Ihren Widerspruch gegen den Befehl begründete die Äbtissin nicht mit dem banalen Appell an das Recht zur Jurisdiktion in ihrem eigenen Konvent und auch nicht mit einem Appell an die Schicklichkeit oder an den allgemeinen Respekt gegenüber Orten des Kultes.

Hildegard ruft vielmehr »die höhere kosmologische Weisheit« an, wonach es schwere Unordnung im Kosmos verursachen würde, wenn dieser Edelmann exhumiert, ausgesetzt, sein Körper geschändet wird. In einem Kosmos, dessen wachsame Hüterin sie sich nennt.

Sicher haben wir einigen Grund, hier eine Analogie zu Antigone zu sehen, die nach dem Text des Sophokles wegen ihres souveränen und hoheitlichen Gestus im Bezug auf den unbegrabenen Leichnam ihres Bruders bestraft wird.

Ein anderer Aspekt, den wir aus dem Beispiel der Geschichte von Hildegard ziehen können, ist, dass die aus weiblicher Wurzel stammende Souveränität keine Hierarchien braucht, um ausgeübt zu werden. Das ist der Kern dessen, worum es bei der Abneigung gegenüber der Entscheidung, wenn sie als Teil einer Befehlskette verstanden wird, geht.

Der unerlässliche Dreh- und Angelpunkt für die weibliche sexuelle Differenz ist, dass sie nicht der Hierarchie bedarf, um etwas zu tun, während es für denjenigen, der Befehle liebt, notwendig ist, zu demonstrieren, dass das Entscheiden sein Vorrecht ist. Er braucht die hierarchische Kette, über die er die Entscheidung weiter reichen kann, bis sie die Ebene der Ausführung erreicht.

Befehlen, Entscheiden erfordert diese Form der Beziehung, es sieht vor, dass Beziehungen sich so organisieren, dass man sich zur Verfügung stellt, um Befehle entgegen zu nehmen, bis zu dem Punkt, wo der Befehl ausgeführt wird. Wenn das Entscheiden als Anzeichen von Befehlsgewalt verstanden wird, braucht es Ausführende, die der Fähigkeit zum Entscheiden beraubt sind.

Ganz anders das semantische Gebiet, das ich rund um den Gestus des Herrschens angeordnet habe (Gebieterin, Hausherrin, königliche Position, ich weise auf das Königtum spiritueller Natur hin), immer vorausgesetzt, dass es in der historischen weiblichen Erfahrung verwurzelt ist.

Tatsächlich erfordert das Herrschen eine große Genauigkeit, aber vor allem verlangt es prophetische Fähigkeiten, die Fähigkeit, jene Teile der Realität zu lesen, die wir vor Augen haben, und die andere nicht sehen, es erfordert kosmologische Weisheit, das Bewusstsein von einer gerechten Ordnung der Verhältnisse, an der man teilhat oder eben nicht.

Das Bewusstsein von einer gerechten Ordnung der Verhältnisse zu haben bedeutet, sich in ihren Dienst zu stellen, in gewissem Sinne fähig zu sein, Autorität dort anzuerkennen, wo sie sich zeigt, und, wenn sie sich zeigt, die Existenz und die Kreativität eines Kosmos mit der nötigen Kompetenz zu behüten.”

Auszug aus: Annarosa Buttarelli: Souveräninnen. In: Diotima: Macht und Politik sind nicht dasselbe, Sulzbach 2012.