Ulrike Meinhof aus den Augen eines Kindes


Anja Röhl, die Tochter von Klaus Röhl aus dessen erster Ehe und damit Stieftochter von Ulrike Meinhof, hat ihre Kindheitserinnerungen aufgeschrieben. Mit dem Titel „Die Frau meines Vaters“ stellt das Buch Ulrike Meinhof ins Zentrum, doch eigentlich erfährt man mehr über das Lebensgefühl, die Szene, die Normalität des Alltags in den 1960er Jahren als über Meinhof.

Vor einigen Jahren hat Anja Röhl ihrem Vater Klaus Röhl pädophile Übergriffe vorgeworfen, die sie in diesem Buch auch wiederholt, aber das ist nicht das Zentrale. Deutlich wird generell, wie brutal Menschen noch vor wenigen Jahrzehnten mit Kindern umgehen konnten, wie wenig ihre Bedürfnisse zählten, wie unverschämt egoistisch Erwachsene sein konnten, und vor allem Männer.

Ulrike Meinhof hat Anja Röhl als die einzige Erwachsene in Erinnerung, die sich für ihre Bedürfnisse und Anliegen interessiert hat. Damit liefert sie einen weiteren Baustein in der inzwischen fast schon endlosen Saga darüber, was für ein Mensch Ulrike Meinhof wohl gewesen ist. In den Augen des Kindes und der Jugendlichen Anja Röhl war Meinhof jedenfalls ein Lichtblick in trüber Umgebung, für die sich politisierende Jugendliche eine Inspiration.

Die große Stärke des Buches ist, dass Anja Röhl neben der subjektiven Schilderung ihrer Erinnerungen keine weiteren Spekulationen anstellt. Sie schreibt einfach auf, woran sie sich erinnert. Leider sind nicht wenige Passagen geschwärzt, weil Bettina Röhl, eine der Töchter von Meinhof und jüngere Halbschwester von Anja, dagegen geklagt hatte.

Anja Röhl: Die Frau meines Vaters, Edition Nautilus 2013, 18 Euro.

PS: Termine für Lesungen stehen hier im Blog von Anja Röhl

Nackte Frauen, zu hunderten!

staedelJedesmal, wenn ich an der Konstablerwache in die U4/U5 Richtung Hauptbahnhof einsteige, ärgere ich mich über eine Werbung der Frankfurter Museen, die am Beispiel zweier Teenager den lüsternen männlichen Blick auf den nackten Frauenkörper zeigen, und die schon seit Jahren dort hängt. Nackte geile Frauen gibt es im Museum zu sehen, ist das nicht sowas von geil?

Auf ähnlich “lustige” Weise wird häufig auch für Ausstellungen geworben, die prähistorische Figurinen zeigen. Zum Beispiel wurde für die Ausstellung der Venus von Willendorf in Österreich mit einem Plakat geworben, das sie als Call-Girl (mit Telefonnummer) zeigt.

Umso wohltuender ist es, in dem 600 großformatige Seiten dicken Band “The Language of MA, the primal mother. The evolution of the female image in 40.000 years of global Venus Art” der niederländischen Religionshistorikerin Annine van der Meer zu stöbern. In einer unglaublichen Fleißarbeit hat sie hier hunderte von Venus-Darstellungen aus allen Epochen gesammelt (alle mit Abbildungen) und erläutert, in einen historischen Kontext gestellt. Die begleitenden Texte reflektieren die Entwicklung der Darstellung von Frauenkörpern über die Jahrtausende hinweg.

Durchlesen kann man das Buch nicht wirklich, aber darin blättern, sich hier und da festlesen und immer wieder interessante Geschichten entdecken.

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Der mit 29,95 Euro unglaublich günstige, englischsprachige Band ist in Holland erschienen, von Deutschland aus kann es für nur 8 Euro Porto beim Christel-Göttert-Verlag gekauft werden. Eine deutsche Übersetzung ist geplant, die wird allerdings deutlich teurer werden. Subskribentinnen bekommen aber Rabatt. Alle Infos hier.

Es gibt auch eine Facebook-Seite

Antje wollte in den Wilden Westen

Delia

Gestern Abend las ich mich mit viel Vergnügen durch die Beiträge der von Anne angestoßenen Blogparade über Pferdemädchen. (Hier die Linkliste). Ich war nämlich auch ein Pferdemädchen. Und es ist ja erstaunlich, wie viele Erinnerungen bei wie vielen hier hochkommen!

Warum ich unbedingt reiten wollte, daran habe ich eine ganz klare Erinnerung: Anstoß waren die “Delia”-Bücher von Marie Louise Fischer. Delia ist ein Mädchen aus Deutschland, dessen Vater nach Amerika ausgewandert ist, und die sich auf den Weg macht, ihn zu suchen. Als “Blinder Passagier” schmuggelt sie sich auf ein Schiff nach New York, reist dann mit einem Treck gen “Wilden Westen”, der Treck wird von Indianern überfallen, sie lebt dann dort mit denen und wird Blutsschwester des Häuptlingssohnes. Am Ende findet sie, glaube ich, auch ihren Vater.

Wahrlich eine gruselige Story, voller Rassismus, “Othering”, unkritischem Wildwest-Schmonzes. Aber auf mich als Zehnjährige hatten diese Bücher eine elektrisierende Wirkung. Nach der Lektüre wusste ich, dass ich im falschen Leben gelandet war, eigentlich war ich von meiner Bestimmung her “Indianerin”. Eine zeitlang betete ich jeden Abend mit Inbrunst, der liebe Gott möge mich doch bitte am nächsten Morgen als “Indianerin” aufwachen lassen (mit langen, dicken, schwarzen Haaren!), und als das nicht passierte, erlebte ich meine erste große Glaubenskrise.

Reiten war the closest I could get to my dream. Da ich auf dem Land wohnte und zudem in meiner Klasse sogar ein Mädchen war, deren Eltern einen PONYHOF hatten, waren die Voraussetzungen gut. Später leierte ich meinen Eltern Reitstunden aus den Rippen, zehn Stück schenkten sie mir zu Weihnachten. Zehn Stück, haha (dabei blieb es natürlich nicht). In meiner Familie wird immer noch die Geschichte erzählt, wie ich beim Autofahren (das ich hasste) immer erklärte, wenn ich mal erwachsen wäre, würde ich nicht Auto fahren, sondern Reiten!!!!

Antje auf PferdIch schaffte es bis zur “Jugendreiterprüfung”, wie dieses Foto dokumentiert (aufgenommen 1978, da war ich 13). Aber das gesittete “Dressur-Reiten” (was schon alles sagt), war für mich nur zweitbeste Variante. Ich mochte das Ponyreiten ohne Sattel und draußen viel lieber als das auf gesattelten Pferden dauernd im Kreis herum. Es war halt viel “indianerischer”. Deshalb wechselte ich zum “Voltigieren”, das war ohne Sattel und man ritt nicht, sondern machte Kunststückchen auf dem Pferd. Ja, take that: Ich habe mal auf einem galoppierenden Pferd GESTANDEN!

Das Ende meiner Pferdemädchenzeit kam sehr abrupt: Ich fiel runter und verknackste mir den Rücken. Die Orthopädin schaute mich kaum an und verhängte ein mindestens  halbjähriges Reitverbot. Das war schon klar gewesen, dafür war die nämlich berüchtigt. Reitverbote zu erteilen war ihre Standardbehandlungsmethode. Vielleicht war sie ja eine frühe emanzipatorische Vorkämpferin gegen Pferdemädchen-Kitsch. Ich hasste sie.

Und ich war natürlich wild entschlossen, nach exakt sechs Monaten wieder auf einem Pferd zu sitzen. Aber dazu kam es nie. Ich vermute, es hatte etwas damit zu tun, dass ich inzwischen lieber ein Hippiemädchen sein wollte. Vielleicht war mir auch klar geworden, dass die ganze Wildwest-Romantik nichts Reales ist, auch nichts mit den wirklichen Native Americans zu tun hat, sondern lediglich eine Projektion der eigenen Wünsche auf “Andere” darstellt. Dass Zivilisationskritik halt bei sich selbst anfangen muss.

Und wenn man diese Romantik abzieht, dann ist das mit dem Reiten in der Tat genauso beschwerlich, wie es andere in der Blogparade beschrieben haben. Eine Sehnsucht nach “Freiheit und Abenteuer” ist bei mir trotzdem hängengeblieben.

Hedwig Lachmann: Weit lieber doch besiegt sein, als verführt von eitlem Glanz…

Die letzten Tage habe ich eine Biografie über Hedwig Lachmann (1865-1918) gelesen, eine Dichterin und Übersetzerin – übersetzt hat sie zum Beispiel Edgar Allan Poe, Oscar Wilde und Honoré de Balzac. Bekannt geworden ist sie aber vor allem (naja, so mittelmäßig bekannt wenigstens), weil sie die Lebensgefährtin von Gustav Landauer war, mit dem sie auch zwei Töchter hatte.

Ich interessiere mich bei Biografien ja weniger für die Lebensgeschichten, als vielmehr für die politischen Ideen, und in dieser Hinsicht lässt mich das Buch noch etwas ratlos. Was weniger an dem Buch liegt, als vielmehr daran, dass Hedwig Lachmann eben vor allem Gedichte geschrieben hat, und Gedichte gehen irgendwie nicht so an mich.

Dabei wäre sicher viel Interessantes zu heben, zumal Lachmann ihre Freiheitsliebe explizit nicht an das Streben nach Gleichheit mit den Männern knüpfte, sondern solche Ansinnen klar zurück wies. Zum Beispiel schreibt sie an einen Freund, der eines ihrer Werke kritisch kommentiert hatte:

Das mit der “Frauenlogik” will ich mir aber doch nicht gefallen lassen. Denn die ist’s nicht, wenn etwas nicht so gelingt, wie ich’s gern möchte. Dann ist es eben meine Stümperhaftigkeit, die ich mit tausend Männern gemein habe. Vielleicht streife ich sie mit der Zeit etwas ab, meine Frauenlogik will ich gar nicht abstreifen, ich will gar nicht anders schreiben, wie eine Frau. (S. 29)

Doch leider wird dieser Aspekt in dem Buch nicht genauer behandelt, zumal die inhaltlichen Debatten, die geschildert werden, Hedwig Lachmann vor allem im Vergleich mit den Männern ihrer Umgebung zeigen, nicht in der Auseinandersetzung mit anderen Frauen. Was aber vermutlich auch der Quellenlage geschuldet ist.

Ebenso interessant fand ich den Aspekt, dass sie viel von ihrer Lebenshaltung ihrer Herkunft aus dem osteuropäischen Judentum verdankt – ihr Vater arbeitete als Kantor in jüdischen Gemeinden, die Familie stammte ursprünglich aus Ostdeutschland (einer Gegend, die heute zu Polen gehört) und war 1873 – als Hedwig acht war – nach Bayern gekommen. Ich vermute, dass die Abneigung gegen Assimilierung an die jeweils dominante Kultur (sei es die jüdische an die christlich-deutsche oder die weibliche an die männliche) ein roter Faden in Lachmanns Denken ist. Müsste aber genauer untersucht werden.

Stattdessen möchte ich hier, weil es so schön ist, ihr Antikriegsgedicht abtippen, dem auch der Buchtitel entnommen ist und das sie zum Ersten Weltkrieg geschrieben hat:

Mit den Besiegten

Preist Ihr den Heldenlauf der Sieger, schmückt
Sie mit dem Ruhmeskranz, Euch dran zu weiden -
Ich will indessen, in den Staub gebückt,
Erniedrigung mit den Besiegten leiden.

Geringstes Volk! verpönt, geschmäht, verheert
Und bis zur Knechtschaft in die Knie gezwungen -
Du bist vor jedem stolzeren mir wert,
Als wär’ mit dir ich einem Stamm entsprungen!

Heiß brennt mich Scham, wenn das Triumphgebraus
Dem Feinde Fall und Untergang verkündet,
Wenn über der Zerstörung tost Applaus
Und wilder noch die Machtgier sich entzündet.

Weit lieber doch besiegt sein, als verführt
Von eitlem Glanz – und wenn auch am Verschmachten,
Und ob man gleich den Fuß im Nacken spürt -
Den Sieger und das Siegesglück verachten.

Birgit Seemann: “Mit den Besiegten”. Hedwig Lachmann (1865-1918). Deutsch-jüdische Schriftstellerin und Antimilitaristin. Überarbeitete und aktualisierte Neuauflage. Verlag Edition AV, Lich 2012, 164 Seiten, 16 Euro.

Souveränin sein: Hildegard von Bingen

Übermorgen, am 7. Oktober, wird Hildegard von Bingen vom Papst offiziell zur Kirchenlehrerin ernannt. Kein Grund, ein großes Bohei zu machen, denn in Wirklichkeit war sie natürlich schon immer eine Kirchenlehrerin, schön, dass der Papst das jetzt auch merkt. Aber ich nehme es mal als Anlass, um einen Abschnitt aus dem Artikel “Souveräninnen” von Annarosa Buttarelli hier in den Blog zu stellen, in dem sie sich mit dem Konzept der Souveränität bei Hildegard von Bingen beschäftigt. Sozusagen, um ein bisschen Inhalt zu dem Bohei dazu zu tun :) 

Hildegard von Bingen empfängt eine göttliche Inspiration und gibt sie an ihren Schreiber weiter. Miniatur aus dem Rupertsberger Codex des Liber Scivias. Quelle: Wikipedia.

“Souveränin zu sein bedeutet, die Verantwortung der eigenen Position zu akzeptieren, denken und handeln zu können, indem man über dem historischen Gesetz der Männer und seiner Konstruktionen steht.

Hildegard von Bingen praktizierte diese Verantwortung als Überlegenheit der kosmologischen Weisheit.

Hildegard von Bingen (1098-1179) hatte politische Beziehungen zu Fürsten, die sie beriet und denen sie nicht selten Anweisungen gab.

Es wäre nutzbringend, die politische Geschichte der großen Äbtissin vom Standpunkt des Buches Frei zu existieren. Weibliche Konstruktion von Zivilisation im europäischen Mittelalter erneut zu lesen, ein wertvoller Band, den die Historikerinnengruppe des Mailänder Frauenbuchladens verfasst hat.

Darin findet sich eine sehr bedeutsame Episode über die Konzeption der Souveränität bei Hildegard von Bingen.

Hildegard widersetzt sich dem Befehl eines Bischofs, den Körper eines jungen Edelmannes, der im Konvent der Äbtissin begraben liegt, zu exhumieren, damit man ihn post-mortem bestrafen kann.

Es kommt nicht darauf an, die ganze Geschichte zu kennen, wichtig ist, zu wissen, dass Widerspruch gegen den Willen der Bischöfe zur damaligen Zeit etwas sehr Schwerwiegendes war. Ihren Widerspruch gegen den Befehl begründete die Äbtissin nicht mit dem banalen Appell an das Recht zur Jurisdiktion in ihrem eigenen Konvent und auch nicht mit einem Appell an die Schicklichkeit oder an den allgemeinen Respekt gegenüber Orten des Kultes.

Hildegard ruft vielmehr »die höhere kosmologische Weisheit« an, wonach es schwere Unordnung im Kosmos verursachen würde, wenn dieser Edelmann exhumiert, ausgesetzt, sein Körper geschändet wird. In einem Kosmos, dessen wachsame Hüterin sie sich nennt.

Sicher haben wir einigen Grund, hier eine Analogie zu Antigone zu sehen, die nach dem Text des Sophokles wegen ihres souveränen und hoheitlichen Gestus im Bezug auf den unbegrabenen Leichnam ihres Bruders bestraft wird.

Ein anderer Aspekt, den wir aus dem Beispiel der Geschichte von Hildegard ziehen können, ist, dass die aus weiblicher Wurzel stammende Souveränität keine Hierarchien braucht, um ausgeübt zu werden. Das ist der Kern dessen, worum es bei der Abneigung gegenüber der Entscheidung, wenn sie als Teil einer Befehlskette verstanden wird, geht.

Der unerlässliche Dreh- und Angelpunkt für die weibliche sexuelle Differenz ist, dass sie nicht der Hierarchie bedarf, um etwas zu tun, während es für denjenigen, der Befehle liebt, notwendig ist, zu demonstrieren, dass das Entscheiden sein Vorrecht ist. Er braucht die hierarchische Kette, über die er die Entscheidung weiter reichen kann, bis sie die Ebene der Ausführung erreicht.

Befehlen, Entscheiden erfordert diese Form der Beziehung, es sieht vor, dass Beziehungen sich so organisieren, dass man sich zur Verfügung stellt, um Befehle entgegen zu nehmen, bis zu dem Punkt, wo der Befehl ausgeführt wird. Wenn das Entscheiden als Anzeichen von Befehlsgewalt verstanden wird, braucht es Ausführende, die der Fähigkeit zum Entscheiden beraubt sind.

Ganz anders das semantische Gebiet, das ich rund um den Gestus des Herrschens angeordnet habe (Gebieterin, Hausherrin, königliche Position, ich weise auf das Königtum spiritueller Natur hin), immer vorausgesetzt, dass es in der historischen weiblichen Erfahrung verwurzelt ist.

Tatsächlich erfordert das Herrschen eine große Genauigkeit, aber vor allem verlangt es prophetische Fähigkeiten, die Fähigkeit, jene Teile der Realität zu lesen, die wir vor Augen haben, und die andere nicht sehen, es erfordert kosmologische Weisheit, das Bewusstsein von einer gerechten Ordnung der Verhältnisse, an der man teilhat oder eben nicht.

Das Bewusstsein von einer gerechten Ordnung der Verhältnisse zu haben bedeutet, sich in ihren Dienst zu stellen, in gewissem Sinne fähig zu sein, Autorität dort anzuerkennen, wo sie sich zeigt, und, wenn sie sich zeigt, die Existenz und die Kreativität eines Kosmos mit der nötigen Kompetenz zu behüten.”

Auszug aus: Annarosa Buttarelli: Souveräninnen. In: Diotima: Macht und Politik sind nicht dasselbe, Sulzbach 2012.

Wahrheit vs. Objektivität: Julia Hasletts Film über Simone Weil

Bevor ich die DVD ins Regal aufräume, will ich noch ein paar Anmerkungen zu einem Dokumentarfilm von Julia Haslett über Simone Weil verbloggen. Und zwar deshalb, weil er mir ein gutes Beispiel dafür zu sein scheint, wie man anders als in der herkömmlichen Lexikons-Wissenssammelns-Kultur mit historischem Erbe umgehen kann.

Dass es eine objektive Darstellung der Vergangenheit nicht gibt, sondern jede Geschichtsforschung das Dokument einer Auseinandersetzung zwischen zwei Subjekten ist – derjenigen, die forscht und derjenigen, über die geforscht wird – ist theoretisch zwar bekannt. Praktisch merkt man davon aber nichts. Bis heute erheben Lexika – besonders frappierend bei Wikipedia – den Anspruch, möglichst “objektiv” zu sein, die Autoren verschwinden quasi hinter den Zeilen.

Was natürlich nicht bedeutet, dass sie als Subjekte nicht da wären. Es bedeutet nur, dass sie als Subjekte nicht sichtbar sind.

Die feministische Geschichtsschreibung hat schon lange darauf hingewiesen, dass dieses vermeintlich nicht vorhandene Subjektive nur daher verschleiert werden kann, weil es ein Default-Subjekt ist, der weiße, bürgerliche Mann nämlich, der die eigene Sichtweise auf die Welt zur einzig möglichen und Normalen erklärt. Objektivität kann es ja schon allein deshalb nicht geben, weil zu keiner beliebigen Sache der Welt sämtliche Fakten erzählt werden können, jede Darstellung ist mindestens eine Auswahl dessen, was für relevant gehalten wird, und ein Verschweigen und Ausfiltern dessen, was für irrelevant gehalten wird.

Als Alternative haben feministische Wissenschaftlerinnen den Weg der “Kontextualisierung” vorgeschlagen, sowie das Offenlegen des eigenen Erkenntnisinteresses. Auf diese Weise kann begründet und transparent gemacht werden, warum welche Aspekte in einem jeweiligen Kontext interessieren und andere nicht.

Julia Haslett geht jetzt methodisch noch einen Schritt weiter und legt ihren ganzen Dokumentarfilm als eine Auseinandersetzung zwischen sich selbst und Simone Weil an. Sie legt ihr eigenes Erkenntnisinteresse also nicht nur offen, sondern stellt es ins Zentrum ihrer Arbeit. Sie zieht Parallelen zwischen Simone Weils Engagement im spanischen Bürgerkrieg und ihrem eigenen politischen Aktivismus, über die Depressionen ihres Bruders und fragt, was Weils radikale Ethik ihr in so einer Situation nützen kann.

Dabei geht sie handwerklich professionell und sehr aufwändig vor. Sie hat Menschen aufgetrieben und befragt, die Simone Weil noch persönlich kannten, sie interviewt Weils Nichte Sylvie Weil, sie reist viel – mit anderen Worten, der Film ist außerordentlich informativ, auch für Zuschauerinnen wie mich, die sich eben für Simone Weil interessieren (und nicht für Julia Haslett).

Außerdem gibt sie sich nicht zufrieden mit dem, was man nicht wissen kann. Da sie in Simone Weils Werken nicht Antworten auf alle ihre Fragen finden konnte, engagiert sie eine Schauspielerin und lässt sie in die Rolle Weils schlüpfen. Auf diese Weise kann sie tatsächlich mit “Simone Weil” sprechen, ich fand das ein interessantes Experiment.

Ich frage mich, wie Geschichtsunterricht aussehen würde, wenn historische Personen und Ereignisse nicht mehr als eine Ansammlung von dürren Fakten betrachtet würden, sondern als ein Fundus, der uns heute zur Verfügung steht, um das eigene Begehren zu verfolgen? Wenn wir nicht länger die eigene subjektive Involviertheit als ein ärgerliches Hindernis betrachten würden, das uns bei der Annäherung an die Geschichte im Wege steht, sondern als wesentliche Basis dafür, eine Tür zur Vergangenheit zu öffnen?

Ich glaube, das wäre großartig. Und ich glaube, es würde mehr “Wahrheit” ans Licht bringen.

PS: Zum Thema “Brauchen wir große Frauen? Zum Sinn und Unsinn historischer Frauenforschung” gibt es auch ein bereits älteres Vortragsmanuskript von mir.

Ein angebliches Buch über Jenny Marx

Als mir die Verlagsvorschau dieses Buches in die Hände fiel, habe ich es mir sofort bestellt. Ich war neugierig, etwas über Jenny Marx zu erfahren, über die ich nämlich erstaunlicherweise nicht viel weiß. Erstaunlicherweise, weil ich immerhin zum Thema „Frauen in der Ersten Internationale“ meine Promotion geschrieben habe, und Jenny Marx ja mit einem wichtigen Protagonisten der Internationale verheiratet war, nämlich Karl Marx.

Viele, viele engagierte Frauen sind mir während meiner Recherchen begegnet, darunter nicht nur die vier Aktivistinnen, über die ich letztlich geschrieben habe, sondern auch viele aus der „zweiten Reihe“. Es gab eine ganze Reihe von Paaren, bei denen beide gleichermaßen engagiert waren, etwa die Schriftstellerin André Leo und ihr Lebensgefährte Benoit Malon, oder Anna und Victor Jaclard. Manche Ehefrauen waren weniger “berühmt” als ihre Männer, aber dennoch politisch aktiv, wie Antonia Bakunin, die eine Zeitlang die Genfer Frauensektion leitete. Jenny Marx aber war mir nicht untergekommen, sie ist in politischer Hinsicht nicht in Erscheinung getreten. Daher interessierte mich ihre Biografie.

Leider war das Buch dann eine große Enttäuschung. Um es kurz zu machen: Ulrich Teusch liefert eine Schmonzette, die sich gar nicht mit Jenny Marx als Person beschäftigt, sondern ausschließlich mit Jenny Marx in ihrer Rolle als Ehefrau von Karl, dem Großen. Das Buch ist schlicht und ergreifend keine Biografie, sondern ein Familienportrait, und hätte es den Titel getragen „Das bewegte Schicksal der Familie Marx“ wäre es vielleicht halbwegs okay gewesen.

So jedoch wird Jenny Marx (oder das derzeit virulente Interesse an “Frauengestalten”?) instrumentalisiert, um die Glorie von Karl Marx zu erhöhen. Sie gibt ihm eine „menschliche“ Seite, man sieht ihn als liebenden Familienvater. Außerdem sollen natürlich Leserinnen eine Identifikationsmöglichkeit bekommen, daher muss Jenny wie heute üblich auch als „emanzipiert“ dargestellt werden und Karl Marx als „gleichberechtigter“ Mann.

Luce Irigaray hat die Krux in den Beziehungen zwischen Frauen und Männern darin gesehen, dass Frauen nicht als eigenständige Wesen betrachtet werden, sondern dass man ihnen die Funktion zuweist, das Männliche zu spiegeln. Dieses Buch ist ein glänzender Beleg dafür.

Das inhaltliche Anliegen von Uwe Ulrich Teusch ist, eine in der Marxforschung seiner Wahrnehmung nach verbreitete Annahme zu widerlegen, wonach Karl und Jenny eine nicht sehr glückliche Ehe geführt haben. Er will Jenny gegen den „Vorwurf“ in Schutz nehmen, sie habe Karls politische Anliegen nicht oder nur halbherzig geteilt. Demgegenüber zeichnet er das Bild einer hingebungsvollen Ehefrau, die ihren Mannes vorbehaltlos unterstützt und durch ihr häusliches Wirken maßgeblich zum Gelingen des „Marx-Projektes“ beigeträgt.

Wer in diesem Streit Recht hat, ist mir ziemlich einerlei, vermutlich kann man es nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren. Wie alle anderen, so spekuliert auch Teusch herum, aber das kann man machen. Und warum soll man nicht ein Buch schreiben für alle, die ein bisschen voyeuristisch lesen wollen, wie das Marx’sche Familienleben so gewesen sein könnte?

Liest man das Buch als Groschenroman, wozu ja auch der Untertitel „Die rote Baronesse“ gut passen würde, ist es gar nicht mal übel. Es ist flott geschrieben, eben mit der für Groschenromane üblichen Portion Schwülstigkeit, und die Geschichte (ob wahr oder nicht) ist exakt die Geschichte, die alle Groschenromane erzählen:

Erst nach vielen Widrigkeiten und Wirrungen kann die Protagonistin in den Hafen der Ehe einfahren. Sie folgt ihrem Mann ohne Murren, wo immer es ihn in der Welt auch hinzieht, und hält durch alle Höhen und Tiefen zu ihm. Unglück und Armut erträgt sie mit großer Willensstärke (von sieben Kindern, die Jenny Marx zur Welt bringt, sterben drei schon in den ersten Monaten, eines im Alter von acht Jahren). Um der guten Sache willen hält sie Anfeindungen der bösen Gegner stand und lässt sich auch von der Herablassung des Mainstreams nicht ins Wanken bringen. Sie verzeiht ihrem Liebsten sogar, dass er das Hausmädchen schwängert (natürlich nicht, ohne zunächst einmal zerrissen zu sein, und nur unter der Bedingung, dass das Kind sofort aus dem Haushalt entfernt wird). Trotz aller Schicksalsschläge hat sie immer ein heiteres Lächeln auf den Lippen. Kurz: Ohne sie hätte der Held nicht der Held sein können, der er war.

Aber muss man das lesen? Wem’s gefällt. Nicht erwarten sollte man jedenfalls, aus diesem Abziehbild etwas über die wirkliche Jenny Marx zu erfahren, über ihre Persönlichkeit, über das, was sie vom „Klischeebild Frau“ möglicherweise unterscheidet und einzigartig macht.

Was mich an diesem Buch besonders geärgert hat, ist, dass es so tut, als würde es etwas einlösen, was die feministische Geschichtsforschung eingefordert und angestoßen hat: nämlich Geschichte nicht mehr anhand der großen Taten großer Männer zu erzählen, sondern auch hinter die öffentliche Fassade zu schauen. Das Alltagsleben und das Wirken der Frauen darin ernst zu nehmen, die „vergessenen“ Frauen ans Licht zu holen, ihr Wirken zu würdigen und so weiter.

Das alles behauptet Teusch  zu leisten, was er aber in Wirklichkeit tut, ist das genaue Gegenteil. Er kennt offensichtlich keine der historisch-kritischen Methoden, die die feministische Geschichtsforschung für dieses Vorhaben entwickelt hat, er kann die von ihm angeführten Quellentexte nicht in einen Kontext stellen – weil er sich nicht wirklich für das politische Wirken von Frauen interessiert, auch nicht für das von Jenny Marx, sondern nur für das Funktionieren von Frauen als Spiegel der Männer.

Ulrich Teusch: Jenny Marx. Die rote Baronesse. Rotpunktverlag 2011, 19,50 Euro.

Louise Ottos Roman „Schloss und Fabrik“

Das Schöne am E-Book ist ja, dass man da jetzt die ganzen alten Bücher kostenlos bekommt, die man schon immer mal lesen wollte. Zumindest, wenn man sich wie ich für das 19. Jahrhundert interessiert, ist das quasi ein Schlaraffenland.

Meine jüngste Lektüre war der Roman „Schloss und Fabrik“ von Louise Otto, die später (1849) als Herausgeberin der Frauenzeitung mit dem berühmten Motto „Dem Reich der Freiheit werb ich Bürgerinnen“ und noch später (1866) mit ihrem dem Grundlagenwerk „Das Recht der Frauen auf Erwerb“ eine der wichtigsten Vordenkerinnen der deutschen Frauenbewegung war.

Ihr erster Roman hingegen, erschienen 1846, beschäftigt sich mit den sozialen Gegensätzen und Konflikten, die aus der Entmachtung des Adels und der kapitalistischen Umstrukturierung der Wirtschaft entstanden. Literarisch ist das Ganze nicht unbedingt ein Meisterwerk. Aber es ist sehr spannend zu lesen und aufschlussreich in Bezug auf die politischen Debatten jener Zeit, in der die „vier Stände“ – der Adel, die Kirche, das Bürgertum und das Proletariat – noch in klarer Abgrenzung voneinander existierten. Noch waren die ideologischen Fronten nicht klar, das Kommunistische Manifest noch nicht geschrieben, die „bürgerlichen“ Revolutionen von 1848 noch Zukunftsmusik.

Die Handlung ist ziemlich holzschnittartig, die Figuren sind weniger als individuelle Persönlichkeiten gezeichnet denn als Repräsentationen bestimmter „Typen“. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Freundschaft zwischen Elisabeth, Tochter einer adligen Familie, und Pauline, Tochter eines Fabrikbesitzers, dessen Reichtum auf brutaler Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter gründet.

Gleichzeitig gärt es im Volk, der Kommunismus ist tatsächlich jenes „Gespenst“, das umgeht in Europa. Gewaltsame Aufstände klopfen quasi schon an die Tür, und Militär und Polizei sind die einzigen, die die Machthaber davor schützen.

Hätte ich das Buch vor zehn oder zwanzig Jahren gelesen, hätte ich es vermutlich als bürgerlich-revisionistisch abgetan. Denn Louise Otto tritt klar für eine gewaltfreie Lösung der sozialen Widersprüche ein: Pauline versucht, durch tätige Hilfe für die proletarischen Familien die schlimmsten Folgen des Unrechts ihres Vaters und Bruders abzumildern und gleichzeitig diese dazu zu bewegen, bessere Arbeitsbedingungen einzuführen. Sie verliebt sich in den Arbeiter und Sozialtheoretiker Franz, der die Arbeiterschaft auf gewaltfreie Art zu organisieren versucht. Elisabeth widerum verliebt sich in einen Grafen, der ebenfalls reformerische Ideen pflegt und verbreitet.

Unterlaufen werden ihre Bemühungen einerseits durch diejenigen, die an den „alten Zuständen“ festhalten wollen. Der Adel trägt in Ottos Darstellung eine Mitschuld an dem ausbeuterischen Tun der Fabrikherren, weil er diesen die soziale Anerkennung verweigert und sie quasi dazu treibt, auf puren Reichtum und materiellen Aufstieg zu setzen. Auf der anderen Seite stehen die „kommunistischen Aufrührer“ – die allerdings in der Handlung nicht selbst eine Rolle spielen, sondern nur in Form von Flugblättern und fernen Revolutionen vorkommen. Sie werden von Otto nicht verdammt, sie sind moralisch klar im Recht. Aber, meint Otto (durch ihre Protagonisten): Es bringt halt nichts, die Umstände werden dadurch eher schlimmer als besser. Und eine wichtige Rolle spielen schließlich auch die Jesuiten und die Geheimpolizei, die im Hintergrund Strippen ziehen, mit Hilfe von Agents Provocateurs die Arbeiter zu unsinnigen Aktionen aufwiegeln und sämtliche Reformbemühungen denunzieren, indem sie Beweise fälschen und dubiose Anschuldigungen konstruieren. Alles ganz aktuell irgendwie.

Ich fand die Lektüre ziemlich interessant, nicht nur weil mein Enthusiasmus für Revolutionen ziemlich nachgelassen hat – übrigens aus denselben Gründen, die auch Louise Otto bereits ins Feld führt: Sie mögen zwar gerecht sein, aber es sterben zu viele Leute dabei. Aus anarchistischer Perspektive fand ich es natürlich besonders spannend, wie genau Otto neben den Antagonisten Proletariat und Kapital die Rolle des Staates reflektiert, der sich in der Rolle als Ordnungshüter zum Schutz der Kapitalisten sehr wohl fühlt, denn darauf stützt sich seine Macht. Und ohne ihn wären die Kapitalisten nichts.

Louise Ottos Roman ist wohl nicht ohne Grund beim Erscheinen sofort zensiert worden und konnte nur in einer verstümmelten Version erscheinen. Die Originalfassung ist erst 1996 zugänglich gemacht worden.