Die Geschlechterdifferenz gibt es, eine „Rassendifferenz“ gibt es nicht

Die fast zeitgleichen Enthüllungen über die Transsexualität von Caityln Jenner und das vorgetäuschte „Schwarzsein“ von Rachel Dolezal haben eine interessante Debatte über die Vergleichbarkeit oder Nicht-Vergleichbarkeit von Transsexualität und Trans“rassität“ ausgelöst. Inspirierend fand ich dazu einen Text von Kai M. Green, der folgende These vertritt: Der von vielen spontan geteilte Eindruck, dass Caitlyn Jenner „richtig“ und Rachel Dolezal „falsch“ gehandelt hat, so Green, sei berechtigt, aber noch nicht ausreichend verargumentiert. Es sei nicht illegitim, die Frage nach der Vergleichbarkeit von beidem zu stellen, und die bloße Behauptung „Race“ und Geschlecht seien nun mal nicht dasselbe, reiche als Antwort nicht aus.

Genau in diese Richtung bewegten sich auch meine Überlegungen zu den beiden Ereignissen. Also:  Warum ist beides nicht dasselbe? Was genau unterscheidet sie? Und was bedeutet das für ihre politische Beurteilung?

Erst einmal zu dem, was Geschlecht und „Race“ nicht unterscheidet. Beides sind kulturell hervorgebrachte Differenzierungen zwischen Menschen, die nicht „natürlicherweise“ aufgrund des biologischen Körpers selbstevident sind. Zum zweiten haben sie gemeinsam, dass die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht oder einer „Rasse“ ein extrem wichtiger und im Alltag ständig aktualisierter Baustein der persönlichen Identität ist, und zwar unabhängig davon, ob die betreffende Person sich dessen bewusst ist oder nicht. Es ist für niemanden und in praktisch keiner konkreten Situation „egal“, ein Mann oder eine Frau, Schwarz oder weiß zu sein, weil die gesamte Kulturproduktion von diesen Differenzierungen durchzogen ist.

Die dritte Gemeinsamkeit ist, dass die anhand von Geschlecht oder „Race“ vorgenommenen Differenzierungen eine Hierarchie definieren, also das eine als Norm und das andere als Abweichung gesetzt wird, und dass damit Herrschaftsverhältnisse, Privilegien und Diskriminierungen, verbunden sind. Eine vierte Gemeinsamkeit ist, dass beides  sich vor allem an Äußerlichkeiten festmacht: Kleidung, Sprechweise, Haare, Körperhaltung und so weiter. Fünftens wird die Zugehörigkeit in beiden Fällen von klein auf eingeübt und anerzogen. Menschen werden von Geburt an ständig darauf „trainiert“, männlich oder weiblich, Schwarz oder weiß zu sein und sich entsprechend zu verhalten. Und sechstens können beide Kategorien individuell bis zu einem gewissen Grad überschritten werden:  Es ist möglich, dass Menschen, die bei Geburt als weiblich oder männlich, Schwarz oder weiß „gelabelt“ wurden, durch bestimmte Maßnahmen (chirurgischer und_oder performativer Art) als Zugehörige der jeweils anderen Kategorie „durchgehen“.

Weshalb ist also das Zurückweisen der geschlechtlichen Zuordnung bei der Geburt okay, und zwar in beide Richtungen (männlich zu weiblich und weiblich zu männlich)? Und sowohl in Form von Transsexualität (also als Bekenntnis dazu, dass das eigene Geschlecht real ein anderes ist als es körperlicherweise den Anschein hatte) als auch in Form von „Transgender“ (also als persönliche Wahl der eigenen Geschlechtsidentität aufgrund von subjektiven Vorlieben oder als Ausdruck eines politischen Aktivismus), ganz abgesehen von der Möglichkeit, keinem Geschlecht eindeutig anzugehören (oder anzugehören wollen)? Und auch zu jedem Zeitpunkt des Lebens, unabhängig davon, was man bis dahin erlebt oder „performt“ hat oder wie man sozialisiert wurde? Wohingegen die Behauptung, „Schwarz“ zu sein, wenn man ausschließlich weiße Vorfahren hat und weiß sozialisiert wurde, nicht okay ist?

Ich glaube, das liegt daran, dass es trotz aller Gemeinsamkeiten einen wichtigen Unterschied zwischen den Kategorien „Geschlecht“ und „Race“ gibt, der aber entscheidend ist: Geschlecht gibt es wirklich, auch unabhängig davon, was kulturell diesbezüglich verhandelt und eingeübt wurde, „Rasse“ hingegen nicht.

Die Geschlechterdifferenz hat als Wurzel eine reale Notwendigkeit, nämlich die, das Zusammenleben zwischen Menschen, die schwanger werden können, und solchen, die es nicht können, zu regeln. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, das zu tun, und jede konkret existierende Ausformung von Geschlechterdifferenzen ist kulturell hervorgebracht. Aber es ist keine Gesellschaft denkbar, in der dieser Unterschied überhaupt keine Rolle spielt (jedenfalls nicht hier und heute, vielleicht irgendwann einmal, wenn Kinder nicht mehr von schwangeren Menschen ausgetragen und geboren werden, sondern eine technologische Reproduktionsmethode erfunden und etabliert wurde).

Hingegen gibt es keinerlei reale Notwendigkeit, Menschen verschiedener Hautfarben zu unterscheiden. Eine Gesellschaft, in der es keine „Rassenunterschiede“ gibt, ist sehr leicht vorstellbar. „Rassentheorien“ sind immer die Folge von Herrschaftsverhältnissen, sie dienen ausschließlich deren Legitimation, sie haben keinen anderen Sinn und Zweck. Und es gibt ja auf der Welt auch zahlreiche Kulturen, in denen keine „Rassenunterschiede“ gemacht werden.

„Geschlechtertheorien“ dienen zwar ebenfalls sehr häufig der Legitimation von Herrschaftsverhältnissen, aber das ist nicht ihr einziger und ausschließlicher Sinn. „Monogeschlechtliche“ menschliche Gesellschaften gibt es nicht, alle Kulturen finden irgendeinen Umgang mit dem Fakt, dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht. Auch wenn dieser Umgang natürlich nicht immer die heteronormative Zweigeschlechtlichkeit ist, mit der wir es heute zu tun haben. Matriarchatsforscherinnen gehen zum Beispiel – mit Argumenten, die mich durchaus überzeugen, auch wenn ich das nur laienhaft beurteilen kann – davon aus, dass es Gesellschaften gibt oder gab, in denen die Geschlechterdifferenz nicht herrschaftsförmig geregelt ist.

Vielleicht lässt es sich so sagen: Zwischen Herrschaftsverhältnissen und Geschlechtern gibt es eine Wechselwirkung – die Geschlechterdifferenz bringt (oft, aber nicht immer) Herrschaftsverhältnisse hervor, zum Beispiel weil Menschen, die schwanger werden und Kinder gebären, aufgrund der damit verbundenen körperlichen Belastung weniger Möglichkeiten haben, sich in Arbeitsprozesse einzubringen oder individuelle Projekte zu verfolgen, was ihnen, wenn keine kulturellen Gegenmaßnahmen existieren, faktische Nachteile bringt. Gleichzeitig äußern sich etablierte Herrschaftsverhältnisse häufig in diskriminierenden Geschlechterarrangements – die Kausalität funktioniert also sowohl in die eine als auch in die andere Richtung, und meistens ist beides der Fall.

In Bezug auf „Race“ ist der Zusammenhang zur Herrschaft hingegen nicht wechselseitig, sondern eine Einbahnstraße: „Rassentheorien“ sind immer eine Folge von Herrschaft, sie dienen ausschließlich ihrer Legitimation und Stabilisierung. Die bloße Existenz von unterschiedlichen Hautfarben kann ja selbst überhaupt keine Herrschaftsverhältnisse begründen, weil die Farbe der Haut (anders als Schwangerschaften und Geburten) keinerlei unterschiedliche Möglichkeiten und Lebensbedingungen konstituiert. Es muss also bereits Herrschaftsverhältnisse geben, bevor die Hautfarbe eine relevante Kategorie werden kann.

Damit zusammen hängt ein weiterer Unterschied, nämlich der, dass die Geschlechterdifferenz von ihrem Ursprung her keine Differenz der fließenden Übergänge ist. Schwangerwerdenkönnen oder nicht ist eine Ja-Nein-Unterscheidung, es gibt da keine Zwischentöne. Möglicherweise ist nicht bei jeder Person bekannt, ob sie schwanger werden kann, und nicht jede Person, die schwanger werden kann, realisiert diese Möglichkeit auch. Aber das ändert nichts daran, dass die Unterscheidung für sich genommen logisch eine Ja-Nein-Unterscheidung ist. Lediglich die kulturellen Ausformungen der Geschlechterdifferenz umreißen dann ein Kontinuum, das nicht nur Ja und Nein kennt, sondern auch noch jede Menge dazwischen: Kleiderordnungen, Zuschreibungen aller Art und so weiter.

Bei „Race“ ist das anders: Es gibt in Bezug auf Hautfarben kein Schwarz und Weiß, sondern nur ein Mehr- oder-weniger Pigmentiert. Die Differenz der Hautfarben ist also für sich genommen eine quantitative, die erst durch Politiken (wie etwa die “One-Drop-Rule” in den USA) künstlich zu einer qualitativen gemacht wurde. Während die Unterscheidung nach Schwangerwerdenkönnen zunächst eine qualitative ist, und erst durch kulturelle Überformungen auch eine quantitative wird.

Um nun wieder zu der eingangs gestellten Frage zurückzukommen, warum Transsexualität, Transgender und Genderfluid legitime Positionen sind, das Vorgeben einer Schwarzen Identität vonseiten einer weißen Person hingegen nicht. Mit „legitim“ meine ich hier, dass damit individuelle Freiheitsrechte berührt sind, aber auch, dass diesen Handlungen das Potenzial inhärent ist, Herrschaftsverhältnisse aufzulösen und zu untergraben.

Da es unmöglich ist, eine Gesellschaft zu entwerfen, die keine Geschlechterdifferenzen kennt, ist es für ein gutes Leben aller Menschen unabdingbar, den Einzelnen jede nur denkbare größtmögliche Freiheit im Umgang mit ihrer Geschlechteridentität zu ermöglichen. Jede Infragestellung der angeblichen „Natürlichkeit“ von real existierenden Geschlechterkonstrukten, welcher Art auch immer (auch so „unfeministische“ wie das Posen von ehemals männlich gelesenen Personen mit Highheels und Minirock), ist nicht nur in Bezug auf die persönlichen Freiheitsrechte der Betreffenden legitim, sondern auch gesamtgesellschaftlich wertvoll, weil es uns vor Augen führt, wo wir uns überall in Klischees und Vorurteilen über „Frauen“ und „Männer“ eingerichtet haben und darüber unsere eigentliche Aufgabe vernachlässigen: nämlich die herrschaftsfreie Regelung des Zusammenlebens von Menschen, die schwanger werden können und solchen, die es nicht können.

Und wer wollte bestreiten, dass es da auch heute noch so manches zu regeln gäbe! Gerade weil die Geschlechterdifferenz nicht einfach nur aus Jux und Dollerei konstruiert ist, sondern ihr eine reale Notwendigkeit zugrunde liegt, ist es unabdingbar, sämtliche damit zusammenhängenden vermeintlichen Gewissheiten immer wieder in Frage zu stellen, sie zu überschreiten und neu mit der Geschlechterdifferenz zu experimentieren. Und möglicherweise ist es heute tatsächlich so, dass die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ nur noch bedingt oder überhaupt nicht mehr brauchbar sind, um über das zu sprechen, was mit Schwangerwerdenkönnen und nicht Schwangerwerdenkönnen zu tun hat. Weil sich die kulturellen Muster im Bezug auf die Geschlechter „Frau“ und „Mann“ von dieser eigentlichen Fragestellung inzwischen vollkommen verselbständigt haben. Ich bin mir dessen nicht so sicher, aber wenn es so wäre, dann müssten wir uns eben etwas Neues einfallen lassen.

Eine weiße Person, die sich als „Schwarz“ ausgibt, stellt freilich ebenfalls eine Konstruiertheit zu Schau, in dem Fall die von „Race“, aber hier ist diese Selbstrepräsentation, anders als bei Transfrauen, banal, weil „Race“ eben gar nichts anderes als konstruiert ist. Es gibt nicht die Möglichkeit, in einer „falschen“ Hautfarbe geboren zu sein, weil die Hautfarbe für sich genommen vollkommen irrelevant für das menschliche Zusammenleben ist. Relevant ist die Hautfarbe einzig und allein als Ausdruck von Herrschaftsverhältnissen beziehungsweise als ein politischer Kampf dagegen. Und deshalb ist es völlig legitim, wenn Menschen, die aufgrund dieses Merkmals diskriminiert werden, versuchen, als „Weiße“ durchzugehen, aber eben nicht andersrum. Denn die Leugnung des eigenen Standorts als Weiße ist dann immer auch eine Leugnung der eigenen Verantwortung als Weiße.

Okay, soweit erstmal meine Gedanken, die sicher noch unfertig sind. Therefore: discuss!

Meine zehn Cent zu Elinor Burkett

Ich weiß nicht, ob sie es wirklich gesagt hat: “My brain is much more female than it is male”. Aber dieses und andere Statements von Caitlyn Jenner hat Elinor Burkett in einem Artikel in der New York Times zum Anlass genommen, sich über grundsätzliche Differenzen zwischen Feminismus und Transaktivismus Gedanken zu machen.

Kurz zusammengefasst beschwert sie sich darüber, dass Transfrauen häufig zu alten biologistischen Thesen über Geschlecht zurückkehren würden, wie zum Beispiel stereotype Körperinszenierungen von “Weiblichkeit” in Form von Nagellack, kurzen Röcken und dergleichen. Ich stimme ihrer Kritik zu, dass es Blödsinn ist, über unterschiedliche Männer- und Frauengehirne nachzudenken und dass solche Weiblichkeitsinszenierungen wie die von Caitlyn Jenner ärgerlich sind. Aber das alles ist ja nun nicht eine Besonderheit von Transfrauen. Die große Mehrheit von Cisfrauen tut doch genau dasselbe. Es ist also gehüpft wie gesprungen. Frauen sind eben nicht von Natur aus Feministinnen, ob nun Trans oder Cis.

Ein Vorteil davon, wenn es Transfrauen sind, die Geschlechterklischees performen, ist es immerhin, dass damit deutlich wird, dass diese Erscheinungsformen von Weiblichkeit nichts sind, was sich aus einer bestimmten körperlichen Beschaffenheit – Gebärmutter, Brüste und dergleichen – natürlicherweise herleitet, sondern dass es kulturelle Übereinkünfte sind. Es wird nämlich offensichtlich, dass jeder Mensch, mit dem entsprechenden Geschick (und dem nötigen Kleingeld für kosmetische Operationen und die passende Garderobe), das darstellen kann, was allgemein auf den ersten Blick als “Frau” identifiziert wird.

Unter Rückgriff auf den traditionellen Feminismus macht Burkett dann die Sozialisierungs-These stark, wonach Frausein eben nicht aus irgend etwas Biologischem herrührt, sondern gesellschaftlich hergestellt wird, nämlich durch rollenkonforme Erziehung. Daher, so schließt sie, können Menschen, die männlich sozialisiert wurden, eigentlich keine “richtigen” Frauen sein.

Gegen dieses Argument habe ich nun starke Einwände, und zwar deshalb, weil es den Status des Frauseins ganz auf eine gesellschaftliche Deformation und Diskriminierung zurück führt: Frauen sind wir, weil wir Opfer der Verhältnisse sind.

Nein, sind wir nicht. Ich schlage vielmehr vor, Frausein als ein politisches Statement aufzufassen. Ich bin eine Frau, weil ich es wähle, mich in der Position einer Frau in diese Gesellschaft einzubringen. Zu sagen “Ich bin eine Frau” ist sozusagen ein Bekenntnis. Es bedeutet auch für Cis-Frauen eine Wahl, wie man ja zum Beispiel an der Wandlung von Angela Merkel in dieser Frage sehen kann, die am Anfang ihrer politischen Karriere gerne betonte, dass ihr Frausein überhaupt keine Rolle spiele, während sie mittlerweile durchaus absichtlich und bewusst ihr Bundeskanzlerinnenamt “als Frau” ausfüllt.

Viele Cisfrauen lehnen dieses Bekenntnis ab, nicht unbedingt indem sie es rundheraus abstreiten, eine Frau zu sein, aber doch, indem sie ihrem Frausein jede Bedeutung absprechen und darauf bestehen, “doch einfach nur Menschen” zu sein. Die italienische Philosophin Wanda Tommasi hat das einmal “die Versuchung des Neutrums” genannt. Und diese Versuchung, also die Leugnung der Geschlechterdifferenz, ist meiner Ansicht nach ebenso gefährlich für die weibliche Freiheit, wie ein klischeehaftes Ausleben von angeblich feststehenden Merkmalen von Frausein.

Für Menschen, die ihr Frausein verstecken, hatte das Patriarchat schon immer ein Plätzchen frei. Angefangen von der Päpstin Johanna über die englischen Gärtnerinnen, die Männerkleidung tragen mussten, um nicht aufzufallen, und die albanischen Burneshas (die meiner Ansicht Opfer einer extrem patriarchalen Kultur sind und nichts, was feministischerseits zu feiern wäre), bis hin zu heutigen Managerinnen, die mit ihrer Businesskleidung einen männlichen Stil imitieren müssen, um ernst genommen zu werden.

Frauen können aber nur frei sein, wenn es Frauen gibt. Und Frauen gibt es nur, wenn es Menschen gibt, die sagen: “Ich bin eine Frau”. Biologie und Sozialisation sind sicherlich Faktoren, die an der Entstehung von “Frauen” beteiligt sind, aber nicht in definierender oder gar determinierender Art und Weise. Frauen können die unterschiedlichsten biologischen Herkünfte und die gegensätzlichsten Sozialisationen haben, und sie sind trotzdem Frauen. Natürlich ist es auf jeden Fall richtig, über Biologie und Sozialisation nachzudenken und beides zu berücksichtigen. So finde ich zum Beispiel nicht, dass die Themen Frausein und Schwangerwerdenkönnen völlig voneinander getrennt werden sollten. Nicht weil jede Frau schwanger werden kann, was ja nicht der Fall ist, sondern weil die Konstruktionen von Geschlechterdifferenz und Schwangerwerdenkönnen (bzw. nicht Schwangerwerdenkönnen) aufs Allerengste miteinander verknüpft sind.

Biologie und Sozialisation sind also wichtig, aber sie sind nicht der entscheidende Dreh- und Angelpunkt dessen, was ich meine, wenn ich sage “Ich bin eine Frau”. Und sie sind auch nicht das, was ich höre, wenn eine andere von sich sagt, dass sie eine Frau ist.

 

Ein Hoch auf aufdringliche und vorverurteilende K.O.-Tropfen-Tests

Heute über einen Artikel in der FAZ gestolpert, in dem es um eine neue Erfindung geht: Nagellack, mit dem Frauen feststellen können, ob ihnen jemand K.O.-Tropfen in den Drink geschüttet hat. Denn es ist ja nicht so leicht, eine Frau zu vergewaltigen, wenn sie im Vollbesitz ihrer Kräfte ist. Deshalb gibt es Typen, die ihre Opfer vorher mit Betäubungsmitteln vergiften. Und wo Not ist, da ist halt auch eine Geschäftsidee. So weit, so gruslig der Zustand unserer Zivilisation.

In dem Artikel geht es auch darum, dass einige feministische Stimmen sich kritisch zu diesem Projekt geäußert haben. Sie bemängeln, dass so die Verantwortung wieder mal den Frauen zugeschoben wird, anstatt die jungen Männer dazu zu erziehen, keine Frauen zu vergewaltigen. Allerdings: Eine Frau, die heute auf einer Party etwas trinkt, kann ja damit nicht warten, bis das Phänomen der Vergewaltigung aus der Welt geschafft wurde. Natürlich ist K.O.-Tropfen-indizierender Nagellack keine gesellschaftliche Lösung für das Leben in einer Vergewaltigungskultur. Aber möglicherweise ist er in der Zwischenzeit ja nützlich und praktisch.

Mich hat etwas anderes an diesem Artikel geärgert, das ich viel gravierender finde, und zwar ein harmlos daherkommender Nebensatz ganz am Ende. Da schreibt der Autor, dass die Erfindung nicht so ganz neu sei, denn es gebe bereits Tester, die ähnlich funktionieren, also sich verfärben, wenn man sie in eine Flüssigkeit hält, der K.O.-Tropfen beigemischt wurden, nur eben nicht als Nagellack, sondern als Teststreifen in Visitenkartenformat. Aber, so der Artikel:

Kurz den Finger ins Glas zu halten, mag zwar etwas gewöhnungsbedürftig sein, ist aber deutlich weniger aufdringlich und vorverurteilend, als auf einer Party mit einem Tester herumzulaufen.

Soso, einen Drink auf K.O.-Tropfen zu testen, ist also “vorverurteilend”. Damit übernimmt der Autor ein maskulinistisches Wording, das seit einiger Zeit die Runde macht, nämlich das Herumgejammere darüber, dass ständig unschuldige Männer zu Unrecht beschuldigt würden, Frauen etwas Böses zu wollen. Gilt denn für sie nicht die Unschuldsvermutung?

Nein, gilt sie nicht. Denn Vergewaltiger sehen von außen betrachtet genauso aus wie alle anderen Männer auch.

Dass es Männer gibt, die Frauen vergewaltigen, ist halt nicht nur ein Problem von Frauen allein, es ist ein Problem aller, der ganzen Gesellschaft, und es betrifft logischerweise Männer ebenfalls, nur halt auf andere Weise als Frauen. Solange es Männer gibt, die so etwas tun, muss jede Frau damit rechnen, ihr Opfer zu werden. Und jeder Mann muss damit rechnen, verdächtigt zu werden.

Einen Drink auf KO-Tropfen zu testen, ob mit Nagellack oder mit sonst etwas, ist jedenfalls keine Vorverurteilung der anwesenden Männer, sondern eine ganz normale Vorsichtsmaßnahme. Und deshalb bin ich unterm Strich doch für die Visitenkartentester, denn auf diese Weise wird der Skandal sichtbar und nicht verschleiert, indem Frauen verschämt und heimlich ihren Finger ins Glas stecken, damit sich nur ja kein anwesender Mann vorverurteilt fühlt. Solange wir in einer Vergewaltigungskultur leben, tun Frauen in bestimmten Situationen gut daran, ihre Drinks auf Betäubungsmittel zu testen. So ist das nunmal. Und meiner Meinung nach sollten sie das ruhig ganz aufdringlich und vorverurteilend tun.

Wenn euch das nicht gefällt, liebe Männer, dann müsst ihr eben eure Geschlechtsgenossen davon abhalten, Frauen KO-Tropfen in den Drink zu schütten. Denn erst, wenn es keine Vergewaltigungen mehr gibt, ist auch keiner von euch mehr verdächtig. Deal with that.

Prinzessinnen, oder: Unmarkierbare Männlichkeit

Im Januar war ich in Potsdam bei einer Tagung der Bundesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Frauenbüros und Gleichstellungsbeauftragten und hielt einen Workshop über „Pinkifizierung“ (hier ist die Prezi). Dabei sprach ich unter anderem auch über das „Kinderüberraschungseier-Phänomen“, also meine hier im Blog entstandene These, dass die klare Markierung von Kinderspielzeug – etwa durch Rosa – sich eigentlich weniger an Mädchen richtet als vielmehr an Jungens. Sie werden mit dem „Rosasignal“ sozusagen davor gewarnt, dass hier Mädchenterrain ist, also nichts für sie. Während es anders herum nicht funktioniert, weil für Mädchen seit der Emanzipation „Jungenssachen“ nicht mehr verboten sind. Mädchen können zwischen Röcken und Hosen wählen, Jungens (üblicherweise) nicht.

Hinterher kam eine Teilnehmerin zu mir und erzählte von einem Beispiel aus ihrer Praxis, das das Ganze gut belegt. Sie hat nämlich als Gleichstellungsbeauftragte der Samtgemeinde Papenteich ein Bilderbuch gemacht, „Die Prinzessin aus dem Papenteich“. Es erzählt von einem Mädchen, das beim Faschingsfest zunächst Prinzessin sein möchte, weil sie „schön sein will“, sich dann aber überlegt, dass Schönsein allein noch nicht ausreicht. Also entscheidet sie sich um und geht als Feuerwehrfrau-Bauarbeiterin, dekoriert mit Prinzessinnenschärpe. Motto: „Ich kann alles werden, was ich will, und schön bin ich trotzdem!“

Papenteich

Das Problem stellte sich bei der Illustration, denn im Schlussbild wollten die Autorinnen eine Vielfalt von Kindern zeigen, und unter anderem sollte dabei auch ein Junge sein, der sich

als Prinzessin verkleidet hat. Doch beim Zeichnen stellte sich heraus, dass es praktisch unmöglich ist, das rein visuell darzustellen. Denn in den Gesichtern von Kindern lässt sich kein Geschlecht erkennen, weshalb jeder Junge im Prinzessinnenkostüm eben sofort aussieht – wie ein Mädchen.

Andersrum hingegen ist es ganz leicht: Ein Kind kann anhaben, was es will, und sei es auch noch so typisch „männlich“ konnotiert, einen Blaumann oder ein Rennfahrerkostüm oder einen Schornsteinfegeranzug – schon ein winziges „weibliches“ Accessoire, ein Ohrring, ein Schleifchen im Haar, lackierte Fingernägel, lässt die Zuschauerin sofort assoziieren: „Das ist ein Mädchen“. Entsprechende „männliche“ Markierungsoptionen hingegen fehlen.

Ich habe mir überlegt, dass dieses Fehlen von eindeutigen Markern von „Männlichkeit“ (also das, was im akademischen Diskurs als „Unmarkiertheit der Norm“ bezeichnet wird), vielleicht auch ein Grund dafür ist, warum es für Jungens schwerer ist, sich „weibliche“ Dinge und Verhaltensweisen anzueignen als es andersrum für Mädchen ist, „männliche“ Dinge zu tun oder zu benutzen. Sie setzen damit gleich ihre ganze Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht symbolisch aufs Spiel. Mädchen hingegen tun das nicht, denn „sie können alles sein, was sie wollen“, und trotzdem ist es für sie ganz leicht, in ihrer Weiblichkeit erkennbar zu bleiben.

Ursula Kansky: Die Prinzessin aus dem Papenteich. Mit Bildern von Johanna Seipelt. Papenteich, 2011.

Wie ich zu einer unfreundlichen Person wurde

kein sexistDieses Buch beginnt mit einer Erzählung von Nicole von Horst. Sie beschreibt, wie sie bei einem abendlichen Spaziergang zwei Männer kennenlernte, wie sie sich ihnen freundlich zuwandte (obwohl sie eigentlich gar keine Lust auf Gesellschaft hatte), und wie dann diese Begegnung leider später umkippte in eine typische #Aufschrei-Geschichte. Nichts wirklich Gefährliches ist passiert, aber die gute Laune war weg, der Abend verdorben.

Beim Lesen wurde mir zweierlei klar: Erstens, dass ich mich – anders als Nicole – mit ziemlicher Sicherheit gar nicht auf ein Gespräch eingelassen hätte. Und dass ich das eigentlich schade finde. Ich bin, wenn ich mir unbekannten Männern begegne, ein sehr sehr unfreundlicher Mensch. Und das hat natürlich Gründe, die genau in solchen Erfahrungen liegen, wie Nicole sie hier schildert.

Und genau das ist das Schlimme am Alltagssexismus: Er vergiftet das Verhältnis zwischen Frauen und Männern.

Ich kann mich sogar noch ziemlich genau daran erinnern, wie das bei mir anfing, dass ich Männern gegenüber unfreundlich wurde. Man könnte es auch Einweihung in die unselige symbolische Ordnung des Patriarchats nennen.

Es war beim Rumknutschen mit einem Freund, ich glaube, ich war ungefähr 14 oder so. Wir küssten und streichelten uns, aber an einem gewissen Punkt wollte ich nicht weitermachen. Dieser Freund, ein sehr netter Mensch übrigens, reagierte ärgerlich und sagte mir, dass ich so etwas nicht machen könne: erst aufgeilen und dann doch nicht zum Ende kommen.

Ich erinnere mich noch daran, dass mich das damals sehr schockierte, weil ich bis dahin ganz selbstverständlich (in einer vom Patriarchat offenbar noch ungestörten Naivität) davon ausgegangen war, dass Sex zu wirklich jedem Zeitpunkt des Verfahrens von allen Beteiligten einseitig beendet werden kann.

Ich lernte an diesem Tag, dass das ein voreiliger Schluss war. Ich lernte, dass ich damit rechnen muss, dass mein Entgegenkommen, mein Mich Öffnen, meine Freundlichkeit, von Männern (sicher nicht von allen, aber eben doch von welchen, ohne dass ich vorher wissen könnte, ob dieser konkrete Mann, mit dem ich es gerade zu tun habe, dazu gehört) quasi als Versprechen auf “Mehr” interpretiert werden kann. Sogar als Verpflichtung. Dass Männer auf irgend eine mir damals noch unverständliche Weise die Idee entwickeln können, sie hätten irgendwelche “Ansprüche” mir gegenüber.

Dieser Freund, der älter war als ich, verstand sein Verhalten damals nicht als Sexismus, sondern eher als Warnung. Und möglicherweise war es das auch. Er meinte es gut. Nicht jeder Mann, so warnte er mich, würde in einer entsprechenden Situation ohne weiteres von mir “ablassen”.

Auf diese Weise begann es, dass ich unfreundlich wurde, unfreundlich zu Männern. Ich begann auch, Männer zu unterteilen in solche, mit denen ich gegebenenfalls Sex haben könnte und solche, mit denen ich das ausschloss. Und überhaupt nur mit ersteren fing ich irgendeine Art von freundschaftliches Verhältnis an. Ich dachte mir, wenn die mich dann irgendwann vergewaltigen würden, wäre es immerhin nicht so schlimm. Es war sozusagen eine Art kalkuliertes Risiko meinerseits (es gibt alte Tagebuchaufzeichnungen, die beweisen, dass ich wirklich so reflektierte).

Allen anderen Männern gegenüber blieb ich reserviert. Ich vermied es, sie auch nur anzulächeln, geschweige denn zu berühren. Ich fertigte sie mehr oder weniger geschäftlich ab. Mir gänzlich unbekannte Männer hatten schon gar keine Chance, überhaupt meine Bekanntschaft zu machen. Ich kann das wirklich gut, das Abblocken, ich habe es trainiert, bis in die Körperhaltung. Ich mache nie ein freundliches Gesicht, wenn ich mit unbekannten Männern in einem Raum bin, zum Beispiel in der U-Bahn. Was für eine schlechte Stimmung ich auf diese Weise verbreite, das muss man sich mal vorstellen!

In gewisser Weise ist das bis heute so. Nicht, dass ich Angst habe. Ich habe nur keine Lust auf Komplikationen irgendeiner Art. Ich habe keine Lust, irgendwas zu erklären oder gradezurücken. Ich weiß, dass ich dadurch die Gelegenheit verpasse, nette Männer kennenzulernen, weil ich sie mit ihren ekligen Zeitgenossen einfach in einen Topf werfe. Aber ganz ehrlich: Das Leben ist so leichter für mich. Und es ist nicht so, dass es mir an Gesellschaft mangelt – wozu soll ich mir Stress einhandeln, wenn es doch auch genügend interessante Frauen auf der Welt gibt? (Immerhin, mit dem Internet ist es leichter geworden, Männer erstmal kennen zu lernen, ohne sich gleich gemeinsam mit ihnen in einem Raum zu befinden. Das finde ich extrem angenehm, denn so kann ich schonmal vorfühlen und bin bisher, wenn es dann doch zu Treffen in einem Raum kam, zum Glück noch nie enttäuscht worden.)

Ich erlebe selten Sexismus im Alltag, aber durch das Lesen der Geschichte von Nicole wurde mir klar, dass ich einen hohen Preis dafür bezahle. Denn ich erlebe nur deshalb wenig Sexismus, weil ich Männer meide, die mir unbekannt sind. Weil ich sie mit Blicken schon entmutige, sie schon in ihre Schranken weise, bevor sie auch nur Piep sagen können. Ich bin ein viel unfreundlicherer Mensch als ich sein könnte, vor allem im öffentlichen Raum, dort, wo ich niemanden kenne.

Ich behaupte, dass ich kein Einzelfall bin, sondern dass der Alltagssexismus macht, dass sehr viel weniger Freundlichkeit von Frauen in der Welt ist, als sein könnte. Nur kurz ein Beispiel dazu, das kürzlich in meine Timeline kam: Viele Ärztinnen (sicher nicht nur in Australien) sind sexueller Belästigung ausgesetzt und ändern daraufhin ihr Verhalten – nämlich so, dass sie ihren Patienten formeller und reservierter begegnen als vorher.

Ansonsten: Lest das Buch, verschenkt es, gebt es weiter. Besonders brilliant ist die Analyse von Mithu M. Sanyal, die sehr gut erklärt, was es mit dem Begriff Sexismus auf sich hat.

Yasmina Banaszczuk, Nicole von Horst, Mithu M. Sanyal, Jasna Strick: “Ich bin kein Sexist, aber…” Sexismus erlebt, erklärt und wie wir ihn beenden. Orlanda, Berlin 2013, 95 Seiten, 10 Euro.

Schwanger werden können? Gibt’s nicht!

Puppenstube, Kinderwagen, Schürzchen – die Erziehung von Mädchen war früher unerträglich darauf ausgerichtet, sie schon von frühestem Alter an auf ihre spätere Rolle als “Hausfrau und Mutter” vorzubereiten und darauf festzulegen.

Deshalb war ich – auch im Zusammenhang mit meiner Reihe “Letz talk about Schwangerwerdenkönnen” – sehr gespannt, als kürzlich gleich zwei neue Mädchenbücher herauskamen.

“Glückwunsch – du bist ein Mädchen” von den Missy-Macherinnen Sonja Eismann, Chris Köver und Daniela Burger richtet sich an Mädchen selbst, “Das Mädchenbuch” von  Elisabeth Raffauf hingegen an Eltern. Beide haben den Anspruch, neues Material zur Verfügung zu stellen, das den veränderten Geschlechterrollen, der weiblichen Freiheit und den inzwischen gewonnenen Einsichten über die Konstruktion von Geschlecht gerecht wird.

Wie wird das Schwangerwerden heute also thematisiert? Wie könnten Mädchen und ihre Eltern dabei begleitet werden, wenn die erste Menstruation kommt? Wie ist die lange feministische wissenschaftliche und politische Auseinandersetzung mit dem Thema in populäre Bücher eingeflossen? Darauf war ich sehr gespannt.

Einigermaßen schockiert war ich dann aber, als ich feststellte: Das Thema kommt überhaupt nicht vor. Null. In beiden Büchern. Und das, obwohl sich beide keineswegs nur an Mädchen vor dem Teenager-Alter richten, sondern es geht ganz explizit auch um Jugendliche bis 18. Themen wie Körpernormen und Sexualität werden auch ausführlich behandelt. Und dann steht da der Satz:

“Bei all dem irren Spaß, den man beim Sex haben kann, gilt es zwei Dinge nie zu vergessen: Aus Sex können sowohl Babys wie auch Krankheiten entstehen.” (Glückwunsch, S. 122)

Das ist alles, was Mädchen über ihr Schwangerwerdenkönnen erfahren sollen? Babys werden in einem Atemzug mit Geschlechtskrankheiten genannt – und zwar NUR da? In dem Buch für Eltern kommt zwar das Stichwort “Menstruation” vor, aber nur unter der Fragestellung, dass die “Periode” heute im Schnitt früher eintritt als ehemals.

Ich kann mir das nicht ganz erklären, denn ansonsten sind beide Bücher – und besonders das “Glückwunsch”-Buch für Mädchen – ganz hervorragend. Nur dass eben ein Kapitel fehlt.

Ist der Grund, dass vor lauter Queerness in Vergessenheit geraten ist, dass Mädchen beim Sex schwanger werden können – und dass das etwas ziemlich anderes ist als eine Geschlechtskrankheit? Ist es heute nicht mehr nötig, sie damit vertraut zu machen, dass Schwangerwerdenkönnen etwas ist, womit man sich auseinandersetzen sollte? Wollen wir den Mädchen nicht sagen, dass dieses Potenzial durchaus auch etwas Schönes hat? Wenn man feministisch bewusst damit umgeht? Wäre das nicht auch ein guter Anlass gewesen, zwei, drei Worte über das Thema Abtreibung zu verlieren? Darüber, dass Schwangerwerdenkönnen heute, der Frauenbewegung sei Dank, nicht mehr bedeuten muss, schnurstracks am Herd zu landen?

Bedeutungslos ist das Thema jedenfalls nicht. Denn auch wenn der Anteil der Teenager-Schwangerschaften in Deutschland im internationalen Vergleich niedrig ist, so werden doch (ich habe nur Zahlen von 2007 gefunden) ungefähr acht von tausend 15- bis 17-jährigen Mädchen schwanger, drei bis vier davon tragen die Schwangerschaft aus, fünf treiben ab.

Und sicher gibt es eine ganze Reihe mehr Mädchen, die vielleicht mal befürchten, schwanger zu sein, und es sich dann als falscher Alarm herausstellt. Wäre da nicht ein Kapitel gut gewesen: Was mache ich, wenn meine Periode mal ausbleibt oder sich verspätet? Mit wem kann ich reden, muss ich es dem Jungen sagen, mit dem ich geschlafen habe, sowas in der Art?

Ich glaube, beim Thema Schwangerwerdenkönnen haben wir es momentan mit einem fetten Tabu zu tun. Denn dass ein entsprechendes Kapitel in beiden Büchern fehlt, ist ja nicht einfach Vergesslichkeit oder Nachlässigkeit seitens der Autorinnen. Es verweist auf eine allgemeine Leerstelle im gesellschaftlichen Diskurs.

Ansonsten aber sind beide Bücher wirklich empfehlenswert. Hier ist zum Beispiel eine ausführliche Rezension des Glückwunsch-Buches und hier ein Interview mit Elisabeth Raffauf über ihr Mädchenbuch.

Sonja Eismann, Chris Köver, Daniela Burger: Glückwunsch – du bist ein Mädchen. Eine Anleitung zum Klarkommen. Beltz & Gelberg, 2013, 16,95 Euro.

Elisabeth Raffauf: Das Mädchenbuch. Die neuen Mädchen – was sie für ihren Weg ins Leben brauchen, Beltz, 2013, 16,99 Euro.

Intersexualität: Personenstandsrecht jetzt eher noch schlechter

Manche Themen verfolgt man ja nur so nebenbei, und dabei kann man dann schonmal was falsch verstehen. Mir ging es so bei der Änderung des Personenstandsrechts, zu dem der Bundestag Ende Januar eine Änderung beschlossen hat, die ich zunächst eigentlich ganz gut fand, die aber wohl doch eher schlecht ist, wie ich jetzt einem Artikel von Gabriele Bischoff aus der aktuellen Ausgabe von Wir Frauen entnahm. Weil ich vermute, dass das anderen vielleicht auch so gegangen ist, verblogge ich das hier mal schnell.

In diesem Gesetz wurde die Möglichkeit eingeführt, bei intersexuellen Kindern, also solchen, die ohne eindeutig männliche oder weibliche Geschlechtsmerkmale geboren werden, auf einen Geschlechtseintrag zu verzichten. War es bis dato zwingend, Kinder nach der Geburt entweder als weiblich oder männlich einzusortieren, so kann dies jetzt offen bleiben. Klingt ja erstmal ganz gut.

Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org hat nun aber darauf hingewiesen, dass das Gesetz nicht als optionale Kann-Bestimmung, sondern als obligatorische Muss-Bestimmung formuliert ist. Der neue Paragraf 22 des Personenstandsrechts lautet:

Kann das Kind weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden, so ist der Personenstandsfall ohne eine solche Angabe in das Geburtenregister einzutragen.

Das Problematische daran ist, dass nun, wenn die Ärzte und Ärztinnen befinden, das Geschlecht sei nicht eindeutig*, die Eltern keine Möglichkeit haben, dennoch ihr Kind als weiblich oder männlich eintragen zu lassen. Zwischengeschlecht.org befürchtet, dass dadurch der Druck, eine geschlechtsvereindeutigende Operation vornehmen zu lassen, steigt – denn schließlich sind geschlechtlich nicht eindeutig zugeordnete Menschen noch längst nicht gesellschaftlich akzeptiert. Viele Eltern werden sich damit überfordert sehen, ein solches Kind ins Leben zu begleiten und sich (und noch mehr das Kind selbst) den entsprechenden Irritationen oder sogar Anfeindungen der Umwelt auszusetzen.

So wie es jetzt formuliert ist, erzwingt das Gesetz ein Zwangsouting intersexueller Kinder. Oft ist es aber besser, das Kind auch bei geschlechtlich uneindeutigen Körpermerkmalen sozusagen vorläufig einem Geschlecht zuzuordnen, dabei aber offen für die individuelle Entwicklung des Kindes zu sein und eventuell später das Geschlecht zu wechseln bzw. diese Entscheidung dem Kind, wenn es größer ist, selbst zu überlassen.

Gerade in Bezug auf die Hauptforderung der Betroffenenverbände, dass nämlich Babies nicht an den Genitalien operiert werden sollten, wenn das medizinisch nicht notwendig ist, wirkt das neue Gesetz in der Praxis höchstwahrscheinlich kontraproduktiv. Denn trotz aller Kritik daran ist das die gängige Praxis. Nach Angaben von Zwischengeschlecht.org werden nach wie vor 90 Prozent aller betroffenen Babies einer solchen Operation unterzogen, um ein eindeutiges Geschlecht kosmetisch “herzustellen”, obwohl viele Überlebende berichten, dass sie ein Leben lang unter den Folgen leiden. Und genau dies wird durch das neue Gesetz verschärft.

*PS: Über Twitter wies mich grade jemand darauf hin, dass manche Intersexuelle sich durchaus als “eindeutig geschlechtlich bestimmt” verstehen, nämlich als “eindeutig intersexuell”.