Ein Hoch auf aufdringliche und vorverurteilende K.O.-Tropfen-Tests

Heute über einen Artikel in der FAZ gestolpert, in dem es um eine neue Erfindung geht: Nagellack, mit dem Frauen feststellen können, ob ihnen jemand K.O.-Tropfen in den Drink geschüttet hat. Denn es ist ja nicht so leicht, eine Frau zu vergewaltigen, wenn sie im Vollbesitz ihrer Kräfte ist. Deshalb gibt es Typen, die ihre Opfer vorher mit Betäubungsmitteln vergiften. Und wo Not ist, da ist halt auch eine Geschäftsidee. So weit, so gruslig der Zustand unserer Zivilisation.

In dem Artikel geht es auch darum, dass einige feministische Stimmen sich kritisch zu diesem Projekt geäußert haben. Sie bemängeln, dass so die Verantwortung wieder mal den Frauen zugeschoben wird, anstatt die jungen Männer dazu zu erziehen, keine Frauen zu vergewaltigen. Allerdings: Eine Frau, die heute auf einer Party etwas trinkt, kann ja damit nicht warten, bis das Phänomen der Vergewaltigung aus der Welt geschafft wurde. Natürlich ist K.O.-Tropfen-indizierender Nagellack keine gesellschaftliche Lösung für das Leben in einer Vergewaltigungskultur. Aber möglicherweise ist er in der Zwischenzeit ja nützlich und praktisch.

Mich hat etwas anderes an diesem Artikel geärgert, das ich viel gravierender finde, und zwar ein harmlos daherkommender Nebensatz ganz am Ende. Da schreibt der Autor, dass die Erfindung nicht so ganz neu sei, denn es gebe bereits Tester, die ähnlich funktionieren, also sich verfärben, wenn man sie in eine Flüssigkeit hält, der K.O.-Tropfen beigemischt wurden, nur eben nicht als Nagellack, sondern als Teststreifen in Visitenkartenformat. Aber, so der Artikel:

Kurz den Finger ins Glas zu halten, mag zwar etwas gewöhnungsbedürftig sein, ist aber deutlich weniger aufdringlich und vorverurteilend, als auf einer Party mit einem Tester herumzulaufen.

Soso, einen Drink auf K.O.-Tropfen zu testen, ist also “vorverurteilend”. Damit übernimmt der Autor ein maskulinistisches Wording, das seit einiger Zeit die Runde macht, nämlich das Herumgejammere darüber, dass ständig unschuldige Männer zu Unrecht beschuldigt würden, Frauen etwas Böses zu wollen. Gilt denn für sie nicht die Unschuldsvermutung?

Nein, gilt sie nicht. Denn Vergewaltiger sehen von außen betrachtet genauso aus wie alle anderen Männer auch.

Dass es Männer gibt, die Frauen vergewaltigen, ist halt nicht nur ein Problem von Frauen allein, es ist ein Problem aller, der ganzen Gesellschaft, und es betrifft logischerweise Männer ebenfalls, nur halt auf andere Weise als Frauen. Solange es Männer gibt, die so etwas tun, muss jede Frau damit rechnen, ihr Opfer zu werden. Und jeder Mann muss damit rechnen, verdächtigt zu werden.

Einen Drink auf KO-Tropfen zu testen, ob mit Nagellack oder mit sonst etwas, ist jedenfalls keine Vorverurteilung der anwesenden Männer, sondern eine ganz normale Vorsichtsmaßnahme. Und deshalb bin ich unterm Strich doch für die Visitenkartentester, denn auf diese Weise wird der Skandal sichtbar und nicht verschleiert, indem Frauen verschämt und heimlich ihren Finger ins Glas stecken, damit sich nur ja kein anwesender Mann vorverurteilt fühlt. Solange wir in einer Vergewaltigungskultur leben, tun Frauen in bestimmten Situationen gut daran, ihre Drinks auf Betäubungsmittel zu testen. So ist das nunmal. Und meiner Meinung nach sollten sie das ruhig ganz aufdringlich und vorverurteilend tun.

Wenn euch das nicht gefällt, liebe Männer, dann müsst ihr eben eure Geschlechtsgenossen davon abhalten, Frauen KO-Tropfen in den Drink zu schütten. Denn erst, wenn es keine Vergewaltigungen mehr gibt, ist auch keiner von euch mehr verdächtig. Deal with that.

Prinzessinnen, oder: Unmarkierbare Männlichkeit

Im Januar war ich in Potsdam bei einer Tagung der Bundesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Frauenbüros und Gleichstellungsbeauftragten und hielt einen Workshop über „Pinkifizierung“ (hier ist die Prezi). Dabei sprach ich unter anderem auch über das „Kinderüberraschungseier-Phänomen“, also meine hier im Blog entstandene These, dass die klare Markierung von Kinderspielzeug – etwa durch Rosa – sich eigentlich weniger an Mädchen richtet als vielmehr an Jungens. Sie werden mit dem „Rosasignal“ sozusagen davor gewarnt, dass hier Mädchenterrain ist, also nichts für sie. Während es anders herum nicht funktioniert, weil für Mädchen seit der Emanzipation „Jungenssachen“ nicht mehr verboten sind. Mädchen können zwischen Röcken und Hosen wählen, Jungens (üblicherweise) nicht.

Hinterher kam eine Teilnehmerin zu mir und erzählte von einem Beispiel aus ihrer Praxis, das das Ganze gut belegt. Sie hat nämlich als Gleichstellungsbeauftragte der Samtgemeinde Papenteich ein Bilderbuch gemacht, „Die Prinzessin aus dem Papenteich“. Es erzählt von einem Mädchen, das beim Faschingsfest zunächst Prinzessin sein möchte, weil sie „schön sein will“, sich dann aber überlegt, dass Schönsein allein noch nicht ausreicht. Also entscheidet sie sich um und geht als Feuerwehrfrau-Bauarbeiterin, dekoriert mit Prinzessinnenschärpe. Motto: „Ich kann alles werden, was ich will, und schön bin ich trotzdem!“

Papenteich

Das Problem stellte sich bei der Illustration, denn im Schlussbild wollten die Autorinnen eine Vielfalt von Kindern zeigen, und unter anderem sollte dabei auch ein Junge sein, der sich

als Prinzessin verkleidet hat. Doch beim Zeichnen stellte sich heraus, dass es praktisch unmöglich ist, das rein visuell darzustellen. Denn in den Gesichtern von Kindern lässt sich kein Geschlecht erkennen, weshalb jeder Junge im Prinzessinnenkostüm eben sofort aussieht – wie ein Mädchen.

Andersrum hingegen ist es ganz leicht: Ein Kind kann anhaben, was es will, und sei es auch noch so typisch „männlich“ konnotiert, einen Blaumann oder ein Rennfahrerkostüm oder einen Schornsteinfegeranzug – schon ein winziges „weibliches“ Accessoire, ein Ohrring, ein Schleifchen im Haar, lackierte Fingernägel, lässt die Zuschauerin sofort assoziieren: „Das ist ein Mädchen“. Entsprechende „männliche“ Markierungsoptionen hingegen fehlen.

Ich habe mir überlegt, dass dieses Fehlen von eindeutigen Markern von „Männlichkeit“ (also das, was im akademischen Diskurs als „Unmarkiertheit der Norm“ bezeichnet wird), vielleicht auch ein Grund dafür ist, warum es für Jungens schwerer ist, sich „weibliche“ Dinge und Verhaltensweisen anzueignen als es andersrum für Mädchen ist, „männliche“ Dinge zu tun oder zu benutzen. Sie setzen damit gleich ihre ganze Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht symbolisch aufs Spiel. Mädchen hingegen tun das nicht, denn „sie können alles sein, was sie wollen“, und trotzdem ist es für sie ganz leicht, in ihrer Weiblichkeit erkennbar zu bleiben.

Ursula Kansky: Die Prinzessin aus dem Papenteich. Mit Bildern von Johanna Seipelt. Papenteich, 2011.

Wie ich zu einer unfreundlichen Person wurde

kein sexistDieses Buch beginnt mit einer Erzählung von Nicole von Horst. Sie beschreibt, wie sie bei einem abendlichen Spaziergang zwei Männer kennenlernte, wie sie sich ihnen freundlich zuwandte (obwohl sie eigentlich gar keine Lust auf Gesellschaft hatte), und wie dann diese Begegnung leider später umkippte in eine typische #Aufschrei-Geschichte. Nichts wirklich Gefährliches ist passiert, aber die gute Laune war weg, der Abend verdorben.

Beim Lesen wurde mir zweierlei klar: Erstens, dass ich mich – anders als Nicole – mit ziemlicher Sicherheit gar nicht auf ein Gespräch eingelassen hätte. Und dass ich das eigentlich schade finde. Ich bin, wenn ich mir unbekannten Männern begegne, ein sehr sehr unfreundlicher Mensch. Und das hat natürlich Gründe, die genau in solchen Erfahrungen liegen, wie Nicole sie hier schildert.

Und genau das ist das Schlimme am Alltagssexismus: Er vergiftet das Verhältnis zwischen Frauen und Männern.

Ich kann mich sogar noch ziemlich genau daran erinnern, wie das bei mir anfing, dass ich Männern gegenüber unfreundlich wurde. Man könnte es auch Einweihung in die unselige symbolische Ordnung des Patriarchats nennen.

Es war beim Rumknutschen mit einem Freund, ich glaube, ich war ungefähr 14 oder so. Wir küssten und streichelten uns, aber an einem gewissen Punkt wollte ich nicht weitermachen. Dieser Freund, ein sehr netter Mensch übrigens, reagierte ärgerlich und sagte mir, dass ich so etwas nicht machen könne: erst aufgeilen und dann doch nicht zum Ende kommen.

Ich erinnere mich noch daran, dass mich das damals sehr schockierte, weil ich bis dahin ganz selbstverständlich (in einer vom Patriarchat offenbar noch ungestörten Naivität) davon ausgegangen war, dass Sex zu wirklich jedem Zeitpunkt des Verfahrens von allen Beteiligten einseitig beendet werden kann.

Ich lernte an diesem Tag, dass das ein voreiliger Schluss war. Ich lernte, dass ich damit rechnen muss, dass mein Entgegenkommen, mein Mich Öffnen, meine Freundlichkeit, von Männern (sicher nicht von allen, aber eben doch von welchen, ohne dass ich vorher wissen könnte, ob dieser konkrete Mann, mit dem ich es gerade zu tun habe, dazu gehört) quasi als Versprechen auf “Mehr” interpretiert werden kann. Sogar als Verpflichtung. Dass Männer auf irgend eine mir damals noch unverständliche Weise die Idee entwickeln können, sie hätten irgendwelche “Ansprüche” mir gegenüber.

Dieser Freund, der älter war als ich, verstand sein Verhalten damals nicht als Sexismus, sondern eher als Warnung. Und möglicherweise war es das auch. Er meinte es gut. Nicht jeder Mann, so warnte er mich, würde in einer entsprechenden Situation ohne weiteres von mir “ablassen”.

Auf diese Weise begann es, dass ich unfreundlich wurde, unfreundlich zu Männern. Ich begann auch, Männer zu unterteilen in solche, mit denen ich gegebenenfalls Sex haben könnte und solche, mit denen ich das ausschloss. Und überhaupt nur mit ersteren fing ich irgendeine Art von freundschaftliches Verhältnis an. Ich dachte mir, wenn die mich dann irgendwann vergewaltigen würden, wäre es immerhin nicht so schlimm. Es war sozusagen eine Art kalkuliertes Risiko meinerseits (es gibt alte Tagebuchaufzeichnungen, die beweisen, dass ich wirklich so reflektierte).

Allen anderen Männern gegenüber blieb ich reserviert. Ich vermied es, sie auch nur anzulächeln, geschweige denn zu berühren. Ich fertigte sie mehr oder weniger geschäftlich ab. Mir gänzlich unbekannte Männer hatten schon gar keine Chance, überhaupt meine Bekanntschaft zu machen. Ich kann das wirklich gut, das Abblocken, ich habe es trainiert, bis in die Körperhaltung. Ich mache nie ein freundliches Gesicht, wenn ich mit unbekannten Männern in einem Raum bin, zum Beispiel in der U-Bahn. Was für eine schlechte Stimmung ich auf diese Weise verbreite, das muss man sich mal vorstellen!

In gewisser Weise ist das bis heute so. Nicht, dass ich Angst habe. Ich habe nur keine Lust auf Komplikationen irgendeiner Art. Ich habe keine Lust, irgendwas zu erklären oder gradezurücken. Ich weiß, dass ich dadurch die Gelegenheit verpasse, nette Männer kennenzulernen, weil ich sie mit ihren ekligen Zeitgenossen einfach in einen Topf werfe. Aber ganz ehrlich: Das Leben ist so leichter für mich. Und es ist nicht so, dass es mir an Gesellschaft mangelt – wozu soll ich mir Stress einhandeln, wenn es doch auch genügend interessante Frauen auf der Welt gibt? (Immerhin, mit dem Internet ist es leichter geworden, Männer erstmal kennen zu lernen, ohne sich gleich gemeinsam mit ihnen in einem Raum zu befinden. Das finde ich extrem angenehm, denn so kann ich schonmal vorfühlen und bin bisher, wenn es dann doch zu Treffen in einem Raum kam, zum Glück noch nie enttäuscht worden.)

Ich erlebe selten Sexismus im Alltag, aber durch das Lesen der Geschichte von Nicole wurde mir klar, dass ich einen hohen Preis dafür bezahle. Denn ich erlebe nur deshalb wenig Sexismus, weil ich Männer meide, die mir unbekannt sind. Weil ich sie mit Blicken schon entmutige, sie schon in ihre Schranken weise, bevor sie auch nur Piep sagen können. Ich bin ein viel unfreundlicherer Mensch als ich sein könnte, vor allem im öffentlichen Raum, dort, wo ich niemanden kenne.

Ich behaupte, dass ich kein Einzelfall bin, sondern dass der Alltagssexismus macht, dass sehr viel weniger Freundlichkeit von Frauen in der Welt ist, als sein könnte. Nur kurz ein Beispiel dazu, das kürzlich in meine Timeline kam: Viele Ärztinnen (sicher nicht nur in Australien) sind sexueller Belästigung ausgesetzt und ändern daraufhin ihr Verhalten – nämlich so, dass sie ihren Patienten formeller und reservierter begegnen als vorher.

Ansonsten: Lest das Buch, verschenkt es, gebt es weiter. Besonders brilliant ist die Analyse von Mithu M. Sanyal, die sehr gut erklärt, was es mit dem Begriff Sexismus auf sich hat.

Yasmina Banaszczuk, Nicole von Horst, Mithu M. Sanyal, Jasna Strick: “Ich bin kein Sexist, aber…” Sexismus erlebt, erklärt und wie wir ihn beenden. Orlanda, Berlin 2013, 95 Seiten, 10 Euro.

Schwanger werden können? Gibt’s nicht!

Puppenstube, Kinderwagen, Schürzchen – die Erziehung von Mädchen war früher unerträglich darauf ausgerichtet, sie schon von frühestem Alter an auf ihre spätere Rolle als “Hausfrau und Mutter” vorzubereiten und darauf festzulegen.

Deshalb war ich – auch im Zusammenhang mit meiner Reihe “Letz talk about Schwangerwerdenkönnen” – sehr gespannt, als kürzlich gleich zwei neue Mädchenbücher herauskamen.

“Glückwunsch – du bist ein Mädchen” von den Missy-Macherinnen Sonja Eismann, Chris Köver und Daniela Burger richtet sich an Mädchen selbst, “Das Mädchenbuch” von  Elisabeth Raffauf hingegen an Eltern. Beide haben den Anspruch, neues Material zur Verfügung zu stellen, das den veränderten Geschlechterrollen, der weiblichen Freiheit und den inzwischen gewonnenen Einsichten über die Konstruktion von Geschlecht gerecht wird.

Wie wird das Schwangerwerden heute also thematisiert? Wie könnten Mädchen und ihre Eltern dabei begleitet werden, wenn die erste Menstruation kommt? Wie ist die lange feministische wissenschaftliche und politische Auseinandersetzung mit dem Thema in populäre Bücher eingeflossen? Darauf war ich sehr gespannt.

Einigermaßen schockiert war ich dann aber, als ich feststellte: Das Thema kommt überhaupt nicht vor. Null. In beiden Büchern. Und das, obwohl sich beide keineswegs nur an Mädchen vor dem Teenager-Alter richten, sondern es geht ganz explizit auch um Jugendliche bis 18. Themen wie Körpernormen und Sexualität werden auch ausführlich behandelt. Und dann steht da der Satz:

“Bei all dem irren Spaß, den man beim Sex haben kann, gilt es zwei Dinge nie zu vergessen: Aus Sex können sowohl Babys wie auch Krankheiten entstehen.” (Glückwunsch, S. 122)

Das ist alles, was Mädchen über ihr Schwangerwerdenkönnen erfahren sollen? Babys werden in einem Atemzug mit Geschlechtskrankheiten genannt – und zwar NUR da? In dem Buch für Eltern kommt zwar das Stichwort “Menstruation” vor, aber nur unter der Fragestellung, dass die “Periode” heute im Schnitt früher eintritt als ehemals.

Ich kann mir das nicht ganz erklären, denn ansonsten sind beide Bücher – und besonders das “Glückwunsch”-Buch für Mädchen – ganz hervorragend. Nur dass eben ein Kapitel fehlt.

Ist der Grund, dass vor lauter Queerness in Vergessenheit geraten ist, dass Mädchen beim Sex schwanger werden können – und dass das etwas ziemlich anderes ist als eine Geschlechtskrankheit? Ist es heute nicht mehr nötig, sie damit vertraut zu machen, dass Schwangerwerdenkönnen etwas ist, womit man sich auseinandersetzen sollte? Wollen wir den Mädchen nicht sagen, dass dieses Potenzial durchaus auch etwas Schönes hat? Wenn man feministisch bewusst damit umgeht? Wäre das nicht auch ein guter Anlass gewesen, zwei, drei Worte über das Thema Abtreibung zu verlieren? Darüber, dass Schwangerwerdenkönnen heute, der Frauenbewegung sei Dank, nicht mehr bedeuten muss, schnurstracks am Herd zu landen?

Bedeutungslos ist das Thema jedenfalls nicht. Denn auch wenn der Anteil der Teenager-Schwangerschaften in Deutschland im internationalen Vergleich niedrig ist, so werden doch (ich habe nur Zahlen von 2007 gefunden) ungefähr acht von tausend 15- bis 17-jährigen Mädchen schwanger, drei bis vier davon tragen die Schwangerschaft aus, fünf treiben ab.

Und sicher gibt es eine ganze Reihe mehr Mädchen, die vielleicht mal befürchten, schwanger zu sein, und es sich dann als falscher Alarm herausstellt. Wäre da nicht ein Kapitel gut gewesen: Was mache ich, wenn meine Periode mal ausbleibt oder sich verspätet? Mit wem kann ich reden, muss ich es dem Jungen sagen, mit dem ich geschlafen habe, sowas in der Art?

Ich glaube, beim Thema Schwangerwerdenkönnen haben wir es momentan mit einem fetten Tabu zu tun. Denn dass ein entsprechendes Kapitel in beiden Büchern fehlt, ist ja nicht einfach Vergesslichkeit oder Nachlässigkeit seitens der Autorinnen. Es verweist auf eine allgemeine Leerstelle im gesellschaftlichen Diskurs.

Ansonsten aber sind beide Bücher wirklich empfehlenswert. Hier ist zum Beispiel eine ausführliche Rezension des Glückwunsch-Buches und hier ein Interview mit Elisabeth Raffauf über ihr Mädchenbuch.

Sonja Eismann, Chris Köver, Daniela Burger: Glückwunsch – du bist ein Mädchen. Eine Anleitung zum Klarkommen. Beltz & Gelberg, 2013, 16,95 Euro.

Elisabeth Raffauf: Das Mädchenbuch. Die neuen Mädchen – was sie für ihren Weg ins Leben brauchen, Beltz, 2013, 16,99 Euro.

Intersexualität: Personenstandsrecht jetzt eher noch schlechter

Manche Themen verfolgt man ja nur so nebenbei, und dabei kann man dann schonmal was falsch verstehen. Mir ging es so bei der Änderung des Personenstandsrechts, zu dem der Bundestag Ende Januar eine Änderung beschlossen hat, die ich zunächst eigentlich ganz gut fand, die aber wohl doch eher schlecht ist, wie ich jetzt einem Artikel von Gabriele Bischoff aus der aktuellen Ausgabe von Wir Frauen entnahm. Weil ich vermute, dass das anderen vielleicht auch so gegangen ist, verblogge ich das hier mal schnell.

In diesem Gesetz wurde die Möglichkeit eingeführt, bei intersexuellen Kindern, also solchen, die ohne eindeutig männliche oder weibliche Geschlechtsmerkmale geboren werden, auf einen Geschlechtseintrag zu verzichten. War es bis dato zwingend, Kinder nach der Geburt entweder als weiblich oder männlich einzusortieren, so kann dies jetzt offen bleiben. Klingt ja erstmal ganz gut.

Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org hat nun aber darauf hingewiesen, dass das Gesetz nicht als optionale Kann-Bestimmung, sondern als obligatorische Muss-Bestimmung formuliert ist. Der neue Paragraf 22 des Personenstandsrechts lautet:

Kann das Kind weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden, so ist der Personenstandsfall ohne eine solche Angabe in das Geburtenregister einzutragen.

Das Problematische daran ist, dass nun, wenn die Ärzte und Ärztinnen befinden, das Geschlecht sei nicht eindeutig*, die Eltern keine Möglichkeit haben, dennoch ihr Kind als weiblich oder männlich eintragen zu lassen. Zwischengeschlecht.org befürchtet, dass dadurch der Druck, eine geschlechtsvereindeutigende Operation vornehmen zu lassen, steigt – denn schließlich sind geschlechtlich nicht eindeutig zugeordnete Menschen noch längst nicht gesellschaftlich akzeptiert. Viele Eltern werden sich damit überfordert sehen, ein solches Kind ins Leben zu begleiten und sich (und noch mehr das Kind selbst) den entsprechenden Irritationen oder sogar Anfeindungen der Umwelt auszusetzen.

So wie es jetzt formuliert ist, erzwingt das Gesetz ein Zwangsouting intersexueller Kinder. Oft ist es aber besser, das Kind auch bei geschlechtlich uneindeutigen Körpermerkmalen sozusagen vorläufig einem Geschlecht zuzuordnen, dabei aber offen für die individuelle Entwicklung des Kindes zu sein und eventuell später das Geschlecht zu wechseln bzw. diese Entscheidung dem Kind, wenn es größer ist, selbst zu überlassen.

Gerade in Bezug auf die Hauptforderung der Betroffenenverbände, dass nämlich Babies nicht an den Genitalien operiert werden sollten, wenn das medizinisch nicht notwendig ist, wirkt das neue Gesetz in der Praxis höchstwahrscheinlich kontraproduktiv. Denn trotz aller Kritik daran ist das die gängige Praxis. Nach Angaben von Zwischengeschlecht.org werden nach wie vor 90 Prozent aller betroffenen Babies einer solchen Operation unterzogen, um ein eindeutiges Geschlecht kosmetisch “herzustellen”, obwohl viele Überlebende berichten, dass sie ein Leben lang unter den Folgen leiden. Und genau dies wird durch das neue Gesetz verschärft.

*PS: Über Twitter wies mich grade jemand darauf hin, dass manche Intersexuelle sich durchaus als “eindeutig geschlechtlich bestimmt” verstehen, nämlich als “eindeutig intersexuell”. 

50 Prozent. Über Zahlen und mehr.

frauenzaehlen

Anne Roth hat ein neues Blog gestartet, das ich euch empfehlen möchte: Es heißt 50 Prozent und da sammelt sie prozentuale (Nicht)-Beteiligung von Frauen beziehungsweise die Überdominanz von Männern bei verschiedenen Kongressen, Fernsehsendungen, Panels etc. Hier ist ein Bericht darüber im Metronaut.

Das ist eine gute Idee, wie ich finde, macht da mal mit. Das geht, indem ihr entsprechende Beobachtungen per Mail schickt oder in die Kommentare tippt, oder auch über Twitter: einfach Gesamtzahl, Zahl der Frauen, URL und den Hashtag #50prozent in den Tweet schreiben.

In diesem Blog habe ich über Ähnliches ja auch schon häufiger nachgedacht. Im März 2009 war mir zum Beispiel ein Trend aufgefallen, den ich “Cover-Girls” genannt habe – damit meine ich, dass viele Veranstalter ihr Defizit in Punkto weibliche Beteiligung damit überdecken, dass sie die wenigen Frauen, die eingeladen sind, immerhin prominent auf ihre Flyer und Programmhefte drucken.

Ein Jahr später habe über “gefühlte und reale Frauen” geschrieben. Damit meine ich das Phänomen, dass eine Frauenbeteiligung von 20 bis 30 Prozent als “normal” und ausgeglichen empfunden wird. Weniger als 20 Prozent stößt schon einigen Leuten inzwischen unangenehm auf, ein Frauenanteil von 50 Prozent oder darüber wird als weibliche Dominanz wahrgenommen.

Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass wenn eine Frau etwas sagt und dabei nicht als “Neutrum” auftritt, sondern ihre Weiblichkeit sichtbar ist und von ihr eventuell sogar zum Thema gemacht wird, ihre Intervention automatisch nicht mehr als allgemeingültige, an alle Menschen gerichtete Intervention verstanden wird, sondern als partikulare “Frauenintervention”, so als würde sie dann “für die Frauen” sprechen und nicht “für die Menschen”.

Ich nenne das inzwischen manchmal das “Simone-de-Beauvoir-Dilemma”: Simone de Beauvoir nämlich galt zu ihrer Zeit als einflussreiche Philosophin und maßgebliche Vertreterin des Existenzialismus. Bis sie ein Buch über Frauen geschrieben hat. Ab da war sie nicht mehr Philosophin, sondern “Frauen-Philosophin”.

Und bis heute stehen Frauen vor diesem Dilemma: Gebe ich mich als universales Neutrum aus, um gehört zu werden? Oder mache ich die Geschlechterdifferenz zum Thema, auf die Gefahr hin, dann als “Frauen-Frau” wahrgenommen zu werden?

Genau das ist der inhaltliche Grund, warum eine 50-Prozent-Zählung so wichtig ist. In einer Umgebung, in der das Sprechen von Frauen genauso normal, sichtbar und verbreitet ist wie das Sprechen von Männern wird es nämlich nicht mehr so leicht sein, Frauen als “Frauen-Frauen” in die Partikularecke zu stellen, einfach weil jede von ihnen nur eine unter ganz vielen ist. Da die vielen sichtbaren Frauen höchstwahrscheinlich auch viele sichtbare Meinungen vertreten werden, wird offensichtlich, dass eine Frau nicht “für die Frauen” spricht, auch dann, wenn sie in ihrem Frausein sichtbar ist und das vielleicht sogar thematisiert.

Ein wichtiges Thema also. Denn man muss sich ja klar machen, dass die angemessene Beteiligung von Frauen an Debatten nicht das Ende des Liedes ist, sondern der Anfang. Das heißt: Wenn wir Frauen genauso selbstverständlich sprechen hören, und genauso häufig, wie Männer, dann ist nicht das “Problem Gleichberechtigung” gelöst, sondern dann können die inhaltlichen Auseinandersetzungen überhaupt erstmal beginnen. Dann erst lägen die Themen auf dem Tisch.

Wobei, noch ein Nachtrag: Ich finde nicht, dass alle Veranstaltungen zu je fünfzig Prozent aus Frauen und Männern bestehen müssen. Zum Beispiel bereite ich ja selbst gerade eine Veranstaltung vor – die postpatriarchale Denkumenta 2013 – wo nach dem bisherigen Anmeldestand die Männer eine kleine Minderheit sein werden. Allerdings ist uns, den Veranstalterinnen, das natürlich bewusst und wir verstehen unsere Tagung auch klar als weiblichen Beitrag zu einer aktuellen Entwicklung. Wir laden Männer ein und freuen uns, wenn sie Interesse haben, aber wir erheben nicht den Anspruch, eine “geschlechtsneutrale” Tagung zu machen oder eine, wo die Geschlechterdifferenz keine Rolle spielt.

Unter diesen Voraussetzungen kann ich auch Veranstaltungen akzeptieren, bei denen Frauen eine kleine Minderheit sind – wenn die Veranstalter deutlich machen, dass sie eine Intervention aus männlicher Perspektive beabsichtigen.

Eine alte Idee von mir, die ich besser finde als die Quote, wäre in diesem Zusammenhang ja ein Ampelsystem: Einen roten Punkt bekämen alle Veranstaltungen/Panels/Sammelbände usw., bei denen ein Geschlecht extrem dominierend auftritt, sagen wir mit einem Anteil von über 75 Prozent. Einen gelben Punkt bekämen alle, bei denen ein Geschlecht zwar klar dominiert, aber nicht extrem, sagen wir mit einem Anteil von 60 bis 75 Prozent. Einen grünen Punkt bekämen alle mit einem eher ausgeglichenen Geschlechterverhältnis, also wo kein Geschlecht mehr als 60 Prozent stellt. Um es noch sichtbarer zu machen, könnten in die roten und gelben Punkte ein M oder F geschrieben werden, damit man sofort sieht, welches Geschlecht es ist, das hier dominiert.

So als eine Art Aufklärungs- und Warnsystem, das mich als Nutzerin zu einer schnelleren Navigation befähigt. Einladungen zu Themen, bei denen ich eine Männerdominanz nicht akzeptiere, bräuchte ich dann gar nicht mehr sichten, sondern könnte sie ungelesen wegwerfen.

Vielleicht entsteht aus Annes Blog ja irgendwann mal eine Bundesprüfstelle für Geschlechterverhältnisse, die dieses Siegel verbindlich einführt. Kleiner Scherz. Aber ein bisschen ernstgemeint.

Beim pinken Überraschungsei geht es nicht um Mädchen, sondern um Jungen

Solche hübschen Sandalen sind für die meisten Jungen leider noch nicht wirklich eine Option.

Zu der ganzen Debatte über das pinke Überraschungsei für Mädchen ist schon viel geschrieben und gesagt worden, aber ich will nun doch noch einen Aspekt anführen, der mir in der Debatte fehlt, obwohl er meiner Meinung nach zentral sein müsste.

Und zwar dass sich diese ganze Aktion eigentlich nur scheinbar an die Mädchen richtet. Die wirklichen Adressaten sind die Jungen. Die rosa Überraschungseier sind für sie sozusagen ein überdimensioniertes Stoppschild, das sagt: Achtung, Mädchenkram, Finger weg!

Ich glaube, dass Ferrero tatsächlich durch Marktanalysen dazu gebracht wurde, diese Aktion zu machen. Vermutlich haben sie ergeben, dass Mädchen sich wünschen, nicht nur Bastel- und Zusammenbaukram und putzige Tierfigürchen in den Eiern zu finden, sondern manchmal eben auch pinkes Feen-Glitzerzeug.

Und ich finde es gut und richtig, dass Ferrero diesen Wünschen entspricht und nun eben auch pinken Feen-Glitzerzeug-Kram in die Eier packt. Wieso nun aber wird der nicht einfach in “geschlechtsneutralen” Eiern untergebracht, wie wir uns das wohl alle gewünscht hätten?

Es ist zu kurz gedacht, hier einfach Ferrero die Schuld zu geben, denn diese Option ist wirklich nur theoretisch vorhanden. Faktisch würde Ferrero es riskieren, die Zielgruppe der Jungen auf diese Weise zu vergraulen. Denn für Jungen – und mehr noch vermutlich für ihre Eltern – ist so ein Spielzeug derzeit noch unakzeptabel – eben weil zu eindeutig mit “Weiblichkeit” assoziiert.

Eigene “Jungeneier” hingegen braucht es nicht zu geben, weil es für Mädchen im Allgemeinen kein Problem ist, “Jungenkram” in einem Überraschungsei vorzufinden.

Mädchen können nämlich beides, Jungenkram machen und Mädchenkram. Mädchen und Frauen haben ihre Emanzipation aus dem alten patriarchalen Geschlechterdualismus bereits hinter sich. Sie akzeptieren es nicht mehr, auf einen bestimmten Rollenentwurf festgelegt zu sein, sie machen einfach die Sachen, die sie wollen – unabhängig davon, ob sie nach der alten Geschlechterordnung als “weiblich” oder “männlich” einsortiert worden waren.

Es ist für Mädchen kein Problem, auch mal blaue Trekkingsandalen anzuziehen oder mit Feuerwehrautos zu spielen, einfach deshalb, weil sie inzwischen genügend weibliche Vorbilder haben, die ebenfalls “Männersachen” tun, ohne ihre Weiblichkeit dadurch aufs Spiel zu setzen.

Jungen hingegen können das nicht. Und zwar deshalb nicht, weil es unter Männern noch keine Kultur dafür gibt, wie sie ihre Männlichkeit behalten können, ohne sich von allem als “weiblich” Identifizierten abgrenzen zu müssen.

Das ist übrigens auch das große Versagen der meisten so genannten “Männerrechtler”, weil sie genau das Falsche tun: Sie versuchen die Rettung der Männlichkeit über die Abwertung und Denunziation des Weiblichen. Sie warnen vor einer “Feminisierung” der Kultur und zementieren damit die Vorstellung, dass das für Männer etwas Gefährliches sei. Auf diese Weise tragen sie ganz objektiv dazu bei, die Optionen für Jungen zu reduzieren, für deren Wohlergehen sie sich doch angeblich einsetzen wollen.

Eine Ursache dafür ist, dass in unserer Kultur trotz Gleichstellung das “Weibliche” immer noch als untergeordnet, tendenziell defizitär oder aber zumindest partikular als “nur für Frauen” betrachtet wird, während das “Männliche” weiterhin als das Übergeordnete, Normale, Erstrebenswerte gilt. Entsprechend war der Anreiz von Frauen, dieses “Männliche” in ihr Repertoire aufzunehmen, viel größer als der Anreiz für Männer, das “Weibliche” in ihres aufzunehmen.

Das gilt prinzipiell für alle gesellschaftlichen Bereiche. Diese Überraschungsei-Affäre macht das es nur besonders plakativ anschaulich: Mädchen können alle Eier kaufen. Jungens aber dürfen auf keinen Fall die Mädchen-Eier kaufen.

Das ist ein echtes gesellschaftliches Problem, aber eines, das die Frauen nicht lösen können. Wir können natürlich darauf achten, die Puppen-Glitzer-Optionen auch für männliche Kinder in unserem Umfeld möglichst offen zu halten. Aber das stößt sehr schnell an Grenzen.

Einer meiner Neffen hat früher gerne mit meinen Barbiepuppen gespielt, aber ich habe selbst erlebt, wie viel Druck er dafür bekommen hat. Dauernd wurde ihm erklärt: “Du bist doch ein Junge, da spielt man doch nicht mit Puppen”. Ganz klar, dass er es zwangsläufig irgendwann aufgegeben hat. Bis heute wird Jungen ganz massiv beigebracht, dass ihr Mannsein prekär ist, ein kostbarer Schatz, der durch “Mädchensachen” quasi kontaminiert wird.

Ich habe nie erlebt, dass Mädchen in meiner Gegenwart so rigide und offen damit gedroht wurde, sie würden ihre Weiblichkeit aufs Spiel setzen, wenn sie sich für “Jungskram” interessieren.

Abhilfe schaffen können hier nur männliche Vorbilder, die den männlichen Kindern vermitteln, dass sie alles machen können, wozu sie Lust haben, auch “Mädchensachen”, ohne dass sie dadurch ihre Männlichkeit riskieren.