Prinzessinnen, oder: Unmarkierbare Männlichkeit

Im Januar war ich in Potsdam bei einer Tagung der Bundesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Frauenbüros und Gleichstellungsbeauftragten und hielt einen Workshop über „Pinkifizierung“ (hier ist die Prezi). Dabei sprach ich unter anderem auch über das „Kinderüberraschungseier-Phänomen“, also meine hier im Blog entstandene These, dass die klare Markierung von Kinderspielzeug – etwa durch Rosa – sich eigentlich weniger an Mädchen richtet als vielmehr an Jungens. Sie werden mit dem „Rosasignal“ sozusagen davor gewarnt, dass hier Mädchenterrain ist, also nichts für sie. Während es anders herum nicht funktioniert, weil für Mädchen seit der Emanzipation „Jungenssachen“ nicht mehr verboten sind. Mädchen können zwischen Röcken und Hosen wählen, Jungens (üblicherweise) nicht.

Hinterher kam eine Teilnehmerin zu mir und erzählte von einem Beispiel aus ihrer Praxis, das das Ganze gut belegt. Sie hat nämlich als Gleichstellungsbeauftragte der Samtgemeinde Papenteich ein Bilderbuch gemacht, „Die Prinzessin aus dem Papenteich“. Es erzählt von einem Mädchen, das beim Faschingsfest zunächst Prinzessin sein möchte, weil sie „schön sein will“, sich dann aber überlegt, dass Schönsein allein noch nicht ausreicht. Also entscheidet sie sich um und geht als Feuerwehrfrau-Bauarbeiterin, dekoriert mit Prinzessinnenschärpe. Motto: „Ich kann alles werden, was ich will, und schön bin ich trotzdem!“

Papenteich

Das Problem stellte sich bei der Illustration, denn im Schlussbild wollten die Autorinnen eine Vielfalt von Kindern zeigen, und unter anderem sollte dabei auch ein Junge sein, der sich

als Prinzessin verkleidet hat. Doch beim Zeichnen stellte sich heraus, dass es praktisch unmöglich ist, das rein visuell darzustellen. Denn in den Gesichtern von Kindern lässt sich kein Geschlecht erkennen, weshalb jeder Junge im Prinzessinnenkostüm eben sofort aussieht – wie ein Mädchen.

Andersrum hingegen ist es ganz leicht: Ein Kind kann anhaben, was es will, und sei es auch noch so typisch „männlich“ konnotiert, einen Blaumann oder ein Rennfahrerkostüm oder einen Schornsteinfegeranzug – schon ein winziges „weibliches“ Accessoire, ein Ohrring, ein Schleifchen im Haar, lackierte Fingernägel, lässt die Zuschauerin sofort assoziieren: „Das ist ein Mädchen“. Entsprechende „männliche“ Markierungsoptionen hingegen fehlen.

Ich habe mir überlegt, dass dieses Fehlen von eindeutigen Markern von „Männlichkeit“ (also das, was im akademischen Diskurs als „Unmarkiertheit der Norm“ bezeichnet wird), vielleicht auch ein Grund dafür ist, warum es für Jungens schwerer ist, sich „weibliche“ Dinge und Verhaltensweisen anzueignen als es andersrum für Mädchen ist, „männliche“ Dinge zu tun oder zu benutzen. Sie setzen damit gleich ihre ganze Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht symbolisch aufs Spiel. Mädchen hingegen tun das nicht, denn „sie können alles sein, was sie wollen“, und trotzdem ist es für sie ganz leicht, in ihrer Weiblichkeit erkennbar zu bleiben.

Ursula Kansky: Die Prinzessin aus dem Papenteich. Mit Bildern von Johanna Seipelt. Papenteich, 2011.

Wie ich zu einer unfreundlichen Person wurde

kein sexistDieses Buch beginnt mit einer Erzählung von Nicole von Horst. Sie beschreibt, wie sie bei einem abendlichen Spaziergang zwei Männer kennenlernte, wie sie sich ihnen freundlich zuwandte (obwohl sie eigentlich gar keine Lust auf Gesellschaft hatte), und wie dann diese Begegnung leider später umkippte in eine typische #Aufschrei-Geschichte. Nichts wirklich Gefährliches ist passiert, aber die gute Laune war weg, der Abend verdorben.

Beim Lesen wurde mir zweierlei klar: Erstens, dass ich mich – anders als Nicole – mit ziemlicher Sicherheit gar nicht auf ein Gespräch eingelassen hätte. Und dass ich das eigentlich schade finde. Ich bin, wenn ich mir unbekannten Männern begegne, ein sehr sehr unfreundlicher Mensch. Und das hat natürlich Gründe, die genau in solchen Erfahrungen liegen, wie Nicole sie hier schildert.

Und genau das ist das Schlimme am Alltagssexismus: Er vergiftet das Verhältnis zwischen Frauen und Männern.

Ich kann mich sogar noch ziemlich genau daran erinnern, wie das bei mir anfing, dass ich Männern gegenüber unfreundlich wurde. Man könnte es auch Einweihung in die unselige symbolische Ordnung des Patriarchats nennen.

Es war beim Rumknutschen mit einem Freund, ich glaube, ich war ungefähr 14 oder so. Wir küssten und streichelten uns, aber an einem gewissen Punkt wollte ich nicht weitermachen. Dieser Freund, ein sehr netter Mensch übrigens, reagierte ärgerlich und sagte mir, dass ich so etwas nicht machen könne: erst aufgeilen und dann doch nicht zum Ende kommen.

Ich erinnere mich noch daran, dass mich das damals sehr schockierte, weil ich bis dahin ganz selbstverständlich (in einer vom Patriarchat offenbar noch ungestörten Naivität) davon ausgegangen war, dass Sex zu wirklich jedem Zeitpunkt des Verfahrens von allen Beteiligten einseitig beendet werden kann.

Ich lernte an diesem Tag, dass das ein voreiliger Schluss war. Ich lernte, dass ich damit rechnen muss, dass mein Entgegenkommen, mein Mich Öffnen, meine Freundlichkeit, von Männern (sicher nicht von allen, aber eben doch von welchen, ohne dass ich vorher wissen könnte, ob dieser konkrete Mann, mit dem ich es gerade zu tun habe, dazu gehört) quasi als Versprechen auf “Mehr” interpretiert werden kann. Sogar als Verpflichtung. Dass Männer auf irgend eine mir damals noch unverständliche Weise die Idee entwickeln können, sie hätten irgendwelche “Ansprüche” mir gegenüber.

Dieser Freund, der älter war als ich, verstand sein Verhalten damals nicht als Sexismus, sondern eher als Warnung. Und möglicherweise war es das auch. Er meinte es gut. Nicht jeder Mann, so warnte er mich, würde in einer entsprechenden Situation ohne weiteres von mir “ablassen”.

Auf diese Weise begann es, dass ich unfreundlich wurde, unfreundlich zu Männern. Ich begann auch, Männer zu unterteilen in solche, mit denen ich gegebenenfalls Sex haben könnte und solche, mit denen ich das ausschloss. Und überhaupt nur mit ersteren fing ich irgendeine Art von freundschaftliches Verhältnis an. Ich dachte mir, wenn die mich dann irgendwann vergewaltigen würden, wäre es immerhin nicht so schlimm. Es war sozusagen eine Art kalkuliertes Risiko meinerseits (es gibt alte Tagebuchaufzeichnungen, die beweisen, dass ich wirklich so reflektierte).

Allen anderen Männern gegenüber blieb ich reserviert. Ich vermied es, sie auch nur anzulächeln, geschweige denn zu berühren. Ich fertigte sie mehr oder weniger geschäftlich ab. Mir gänzlich unbekannte Männer hatten schon gar keine Chance, überhaupt meine Bekanntschaft zu machen. Ich kann das wirklich gut, das Abblocken, ich habe es trainiert, bis in die Körperhaltung. Ich mache nie ein freundliches Gesicht, wenn ich mit unbekannten Männern in einem Raum bin, zum Beispiel in der U-Bahn. Was für eine schlechte Stimmung ich auf diese Weise verbreite, das muss man sich mal vorstellen!

In gewisser Weise ist das bis heute so. Nicht, dass ich Angst habe. Ich habe nur keine Lust auf Komplikationen irgendeiner Art. Ich habe keine Lust, irgendwas zu erklären oder gradezurücken. Ich weiß, dass ich dadurch die Gelegenheit verpasse, nette Männer kennenzulernen, weil ich sie mit ihren ekligen Zeitgenossen einfach in einen Topf werfe. Aber ganz ehrlich: Das Leben ist so leichter für mich. Und es ist nicht so, dass es mir an Gesellschaft mangelt – wozu soll ich mir Stress einhandeln, wenn es doch auch genügend interessante Frauen auf der Welt gibt? (Immerhin, mit dem Internet ist es leichter geworden, Männer erstmal kennen zu lernen, ohne sich gleich gemeinsam mit ihnen in einem Raum zu befinden. Das finde ich extrem angenehm, denn so kann ich schonmal vorfühlen und bin bisher, wenn es dann doch zu Treffen in einem Raum kam, zum Glück noch nie enttäuscht worden.)

Ich erlebe selten Sexismus im Alltag, aber durch das Lesen der Geschichte von Nicole wurde mir klar, dass ich einen hohen Preis dafür bezahle. Denn ich erlebe nur deshalb wenig Sexismus, weil ich Männer meide, die mir unbekannt sind. Weil ich sie mit Blicken schon entmutige, sie schon in ihre Schranken weise, bevor sie auch nur Piep sagen können. Ich bin ein viel unfreundlicherer Mensch als ich sein könnte, vor allem im öffentlichen Raum, dort, wo ich niemanden kenne.

Ich behaupte, dass ich kein Einzelfall bin, sondern dass der Alltagssexismus macht, dass sehr viel weniger Freundlichkeit von Frauen in der Welt ist, als sein könnte. Nur kurz ein Beispiel dazu, das kürzlich in meine Timeline kam: Viele Ärztinnen (sicher nicht nur in Australien) sind sexueller Belästigung ausgesetzt und ändern daraufhin ihr Verhalten – nämlich so, dass sie ihren Patienten formeller und reservierter begegnen als vorher.

Ansonsten: Lest das Buch, verschenkt es, gebt es weiter. Besonders brilliant ist die Analyse von Mithu M. Sanyal, die sehr gut erklärt, was es mit dem Begriff Sexismus auf sich hat.

Yasmina Banaszczuk, Nicole von Horst, Mithu M. Sanyal, Jasna Strick: “Ich bin kein Sexist, aber…” Sexismus erlebt, erklärt und wie wir ihn beenden. Orlanda, Berlin 2013, 95 Seiten, 10 Euro.

Schwanger werden können? Gibt’s nicht!

Puppenstube, Kinderwagen, Schürzchen – die Erziehung von Mädchen war früher unerträglich darauf ausgerichtet, sie schon von frühestem Alter an auf ihre spätere Rolle als “Hausfrau und Mutter” vorzubereiten und darauf festzulegen.

Deshalb war ich – auch im Zusammenhang mit meiner Reihe “Letz talk about Schwangerwerdenkönnen” – sehr gespannt, als kürzlich gleich zwei neue Mädchenbücher herauskamen.

“Glückwunsch – du bist ein Mädchen” von den Missy-Macherinnen Sonja Eismann, Chris Köver und Daniela Burger richtet sich an Mädchen selbst, “Das Mädchenbuch” von  Elisabeth Raffauf hingegen an Eltern. Beide haben den Anspruch, neues Material zur Verfügung zu stellen, das den veränderten Geschlechterrollen, der weiblichen Freiheit und den inzwischen gewonnenen Einsichten über die Konstruktion von Geschlecht gerecht wird.

Wie wird das Schwangerwerden heute also thematisiert? Wie könnten Mädchen und ihre Eltern dabei begleitet werden, wenn die erste Menstruation kommt? Wie ist die lange feministische wissenschaftliche und politische Auseinandersetzung mit dem Thema in populäre Bücher eingeflossen? Darauf war ich sehr gespannt.

Einigermaßen schockiert war ich dann aber, als ich feststellte: Das Thema kommt überhaupt nicht vor. Null. In beiden Büchern. Und das, obwohl sich beide keineswegs nur an Mädchen vor dem Teenager-Alter richten, sondern es geht ganz explizit auch um Jugendliche bis 18. Themen wie Körpernormen und Sexualität werden auch ausführlich behandelt. Und dann steht da der Satz:

“Bei all dem irren Spaß, den man beim Sex haben kann, gilt es zwei Dinge nie zu vergessen: Aus Sex können sowohl Babys wie auch Krankheiten entstehen.” (Glückwunsch, S. 122)

Das ist alles, was Mädchen über ihr Schwangerwerdenkönnen erfahren sollen? Babys werden in einem Atemzug mit Geschlechtskrankheiten genannt – und zwar NUR da? In dem Buch für Eltern kommt zwar das Stichwort “Menstruation” vor, aber nur unter der Fragestellung, dass die “Periode” heute im Schnitt früher eintritt als ehemals.

Ich kann mir das nicht ganz erklären, denn ansonsten sind beide Bücher – und besonders das “Glückwunsch”-Buch für Mädchen – ganz hervorragend. Nur dass eben ein Kapitel fehlt.

Ist der Grund, dass vor lauter Queerness in Vergessenheit geraten ist, dass Mädchen beim Sex schwanger werden können – und dass das etwas ziemlich anderes ist als eine Geschlechtskrankheit? Ist es heute nicht mehr nötig, sie damit vertraut zu machen, dass Schwangerwerdenkönnen etwas ist, womit man sich auseinandersetzen sollte? Wollen wir den Mädchen nicht sagen, dass dieses Potenzial durchaus auch etwas Schönes hat? Wenn man feministisch bewusst damit umgeht? Wäre das nicht auch ein guter Anlass gewesen, zwei, drei Worte über das Thema Abtreibung zu verlieren? Darüber, dass Schwangerwerdenkönnen heute, der Frauenbewegung sei Dank, nicht mehr bedeuten muss, schnurstracks am Herd zu landen?

Bedeutungslos ist das Thema jedenfalls nicht. Denn auch wenn der Anteil der Teenager-Schwangerschaften in Deutschland im internationalen Vergleich niedrig ist, so werden doch (ich habe nur Zahlen von 2007 gefunden) ungefähr acht von tausend 15- bis 17-jährigen Mädchen schwanger, drei bis vier davon tragen die Schwangerschaft aus, fünf treiben ab.

Und sicher gibt es eine ganze Reihe mehr Mädchen, die vielleicht mal befürchten, schwanger zu sein, und es sich dann als falscher Alarm herausstellt. Wäre da nicht ein Kapitel gut gewesen: Was mache ich, wenn meine Periode mal ausbleibt oder sich verspätet? Mit wem kann ich reden, muss ich es dem Jungen sagen, mit dem ich geschlafen habe, sowas in der Art?

Ich glaube, beim Thema Schwangerwerdenkönnen haben wir es momentan mit einem fetten Tabu zu tun. Denn dass ein entsprechendes Kapitel in beiden Büchern fehlt, ist ja nicht einfach Vergesslichkeit oder Nachlässigkeit seitens der Autorinnen. Es verweist auf eine allgemeine Leerstelle im gesellschaftlichen Diskurs.

Ansonsten aber sind beide Bücher wirklich empfehlenswert. Hier ist zum Beispiel eine ausführliche Rezension des Glückwunsch-Buches und hier ein Interview mit Elisabeth Raffauf über ihr Mädchenbuch.

Sonja Eismann, Chris Köver, Daniela Burger: Glückwunsch – du bist ein Mädchen. Eine Anleitung zum Klarkommen. Beltz & Gelberg, 2013, 16,95 Euro.

Elisabeth Raffauf: Das Mädchenbuch. Die neuen Mädchen – was sie für ihren Weg ins Leben brauchen, Beltz, 2013, 16,99 Euro.

Intersexualität: Personenstandsrecht jetzt eher noch schlechter

Manche Themen verfolgt man ja nur so nebenbei, und dabei kann man dann schonmal was falsch verstehen. Mir ging es so bei der Änderung des Personenstandsrechts, zu dem der Bundestag Ende Januar eine Änderung beschlossen hat, die ich zunächst eigentlich ganz gut fand, die aber wohl doch eher schlecht ist, wie ich jetzt einem Artikel von Gabriele Bischoff aus der aktuellen Ausgabe von Wir Frauen entnahm. Weil ich vermute, dass das anderen vielleicht auch so gegangen ist, verblogge ich das hier mal schnell.

In diesem Gesetz wurde die Möglichkeit eingeführt, bei intersexuellen Kindern, also solchen, die ohne eindeutig männliche oder weibliche Geschlechtsmerkmale geboren werden, auf einen Geschlechtseintrag zu verzichten. War es bis dato zwingend, Kinder nach der Geburt entweder als weiblich oder männlich einzusortieren, so kann dies jetzt offen bleiben. Klingt ja erstmal ganz gut.

Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org hat nun aber darauf hingewiesen, dass das Gesetz nicht als optionale Kann-Bestimmung, sondern als obligatorische Muss-Bestimmung formuliert ist. Der neue Paragraf 22 des Personenstandsrechts lautet:

Kann das Kind weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden, so ist der Personenstandsfall ohne eine solche Angabe in das Geburtenregister einzutragen.

Das Problematische daran ist, dass nun, wenn die Ärzte und Ärztinnen befinden, das Geschlecht sei nicht eindeutig*, die Eltern keine Möglichkeit haben, dennoch ihr Kind als weiblich oder männlich eintragen zu lassen. Zwischengeschlecht.org befürchtet, dass dadurch der Druck, eine geschlechtsvereindeutigende Operation vornehmen zu lassen, steigt – denn schließlich sind geschlechtlich nicht eindeutig zugeordnete Menschen noch längst nicht gesellschaftlich akzeptiert. Viele Eltern werden sich damit überfordert sehen, ein solches Kind ins Leben zu begleiten und sich (und noch mehr das Kind selbst) den entsprechenden Irritationen oder sogar Anfeindungen der Umwelt auszusetzen.

So wie es jetzt formuliert ist, erzwingt das Gesetz ein Zwangsouting intersexueller Kinder. Oft ist es aber besser, das Kind auch bei geschlechtlich uneindeutigen Körpermerkmalen sozusagen vorläufig einem Geschlecht zuzuordnen, dabei aber offen für die individuelle Entwicklung des Kindes zu sein und eventuell später das Geschlecht zu wechseln bzw. diese Entscheidung dem Kind, wenn es größer ist, selbst zu überlassen.

Gerade in Bezug auf die Hauptforderung der Betroffenenverbände, dass nämlich Babies nicht an den Genitalien operiert werden sollten, wenn das medizinisch nicht notwendig ist, wirkt das neue Gesetz in der Praxis höchstwahrscheinlich kontraproduktiv. Denn trotz aller Kritik daran ist das die gängige Praxis. Nach Angaben von Zwischengeschlecht.org werden nach wie vor 90 Prozent aller betroffenen Babies einer solchen Operation unterzogen, um ein eindeutiges Geschlecht kosmetisch “herzustellen”, obwohl viele Überlebende berichten, dass sie ein Leben lang unter den Folgen leiden. Und genau dies wird durch das neue Gesetz verschärft.

*PS: Über Twitter wies mich grade jemand darauf hin, dass manche Intersexuelle sich durchaus als “eindeutig geschlechtlich bestimmt” verstehen, nämlich als “eindeutig intersexuell”. 

50 Prozent. Über Zahlen und mehr.

frauenzaehlen

Anne Roth hat ein neues Blog gestartet, das ich euch empfehlen möchte: Es heißt 50 Prozent und da sammelt sie prozentuale (Nicht)-Beteiligung von Frauen beziehungsweise die Überdominanz von Männern bei verschiedenen Kongressen, Fernsehsendungen, Panels etc. Hier ist ein Bericht darüber im Metronaut.

Das ist eine gute Idee, wie ich finde, macht da mal mit. Das geht, indem ihr entsprechende Beobachtungen per Mail schickt oder in die Kommentare tippt, oder auch über Twitter: einfach Gesamtzahl, Zahl der Frauen, URL und den Hashtag #50prozent in den Tweet schreiben.

In diesem Blog habe ich über Ähnliches ja auch schon häufiger nachgedacht. Im März 2009 war mir zum Beispiel ein Trend aufgefallen, den ich “Cover-Girls” genannt habe – damit meine ich, dass viele Veranstalter ihr Defizit in Punkto weibliche Beteiligung damit überdecken, dass sie die wenigen Frauen, die eingeladen sind, immerhin prominent auf ihre Flyer und Programmhefte drucken.

Ein Jahr später habe über “gefühlte und reale Frauen” geschrieben. Damit meine ich das Phänomen, dass eine Frauenbeteiligung von 20 bis 30 Prozent als “normal” und ausgeglichen empfunden wird. Weniger als 20 Prozent stößt schon einigen Leuten inzwischen unangenehm auf, ein Frauenanteil von 50 Prozent oder darüber wird als weibliche Dominanz wahrgenommen.

Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass wenn eine Frau etwas sagt und dabei nicht als “Neutrum” auftritt, sondern ihre Weiblichkeit sichtbar ist und von ihr eventuell sogar zum Thema gemacht wird, ihre Intervention automatisch nicht mehr als allgemeingültige, an alle Menschen gerichtete Intervention verstanden wird, sondern als partikulare “Frauenintervention”, so als würde sie dann “für die Frauen” sprechen und nicht “für die Menschen”.

Ich nenne das inzwischen manchmal das “Simone-de-Beauvoir-Dilemma”: Simone de Beauvoir nämlich galt zu ihrer Zeit als einflussreiche Philosophin und maßgebliche Vertreterin des Existenzialismus. Bis sie ein Buch über Frauen geschrieben hat. Ab da war sie nicht mehr Philosophin, sondern “Frauen-Philosophin”.

Und bis heute stehen Frauen vor diesem Dilemma: Gebe ich mich als universales Neutrum aus, um gehört zu werden? Oder mache ich die Geschlechterdifferenz zum Thema, auf die Gefahr hin, dann als “Frauen-Frau” wahrgenommen zu werden?

Genau das ist der inhaltliche Grund, warum eine 50-Prozent-Zählung so wichtig ist. In einer Umgebung, in der das Sprechen von Frauen genauso normal, sichtbar und verbreitet ist wie das Sprechen von Männern wird es nämlich nicht mehr so leicht sein, Frauen als “Frauen-Frauen” in die Partikularecke zu stellen, einfach weil jede von ihnen nur eine unter ganz vielen ist. Da die vielen sichtbaren Frauen höchstwahrscheinlich auch viele sichtbare Meinungen vertreten werden, wird offensichtlich, dass eine Frau nicht “für die Frauen” spricht, auch dann, wenn sie in ihrem Frausein sichtbar ist und das vielleicht sogar thematisiert.

Ein wichtiges Thema also. Denn man muss sich ja klar machen, dass die angemessene Beteiligung von Frauen an Debatten nicht das Ende des Liedes ist, sondern der Anfang. Das heißt: Wenn wir Frauen genauso selbstverständlich sprechen hören, und genauso häufig, wie Männer, dann ist nicht das “Problem Gleichberechtigung” gelöst, sondern dann können die inhaltlichen Auseinandersetzungen überhaupt erstmal beginnen. Dann erst lägen die Themen auf dem Tisch.

Wobei, noch ein Nachtrag: Ich finde nicht, dass alle Veranstaltungen zu je fünfzig Prozent aus Frauen und Männern bestehen müssen. Zum Beispiel bereite ich ja selbst gerade eine Veranstaltung vor – die postpatriarchale Denkumenta 2013 – wo nach dem bisherigen Anmeldestand die Männer eine kleine Minderheit sein werden. Allerdings ist uns, den Veranstalterinnen, das natürlich bewusst und wir verstehen unsere Tagung auch klar als weiblichen Beitrag zu einer aktuellen Entwicklung. Wir laden Männer ein und freuen uns, wenn sie Interesse haben, aber wir erheben nicht den Anspruch, eine “geschlechtsneutrale” Tagung zu machen oder eine, wo die Geschlechterdifferenz keine Rolle spielt.

Unter diesen Voraussetzungen kann ich auch Veranstaltungen akzeptieren, bei denen Frauen eine kleine Minderheit sind – wenn die Veranstalter deutlich machen, dass sie eine Intervention aus männlicher Perspektive beabsichtigen.

Eine alte Idee von mir, die ich besser finde als die Quote, wäre in diesem Zusammenhang ja ein Ampelsystem: Einen roten Punkt bekämen alle Veranstaltungen/Panels/Sammelbände usw., bei denen ein Geschlecht extrem dominierend auftritt, sagen wir mit einem Anteil von über 75 Prozent. Einen gelben Punkt bekämen alle, bei denen ein Geschlecht zwar klar dominiert, aber nicht extrem, sagen wir mit einem Anteil von 60 bis 75 Prozent. Einen grünen Punkt bekämen alle mit einem eher ausgeglichenen Geschlechterverhältnis, also wo kein Geschlecht mehr als 60 Prozent stellt. Um es noch sichtbarer zu machen, könnten in die roten und gelben Punkte ein M oder F geschrieben werden, damit man sofort sieht, welches Geschlecht es ist, das hier dominiert.

So als eine Art Aufklärungs- und Warnsystem, das mich als Nutzerin zu einer schnelleren Navigation befähigt. Einladungen zu Themen, bei denen ich eine Männerdominanz nicht akzeptiere, bräuchte ich dann gar nicht mehr sichten, sondern könnte sie ungelesen wegwerfen.

Vielleicht entsteht aus Annes Blog ja irgendwann mal eine Bundesprüfstelle für Geschlechterverhältnisse, die dieses Siegel verbindlich einführt. Kleiner Scherz. Aber ein bisschen ernstgemeint.

Beim pinken Überraschungsei geht es nicht um Mädchen, sondern um Jungen

Solche hübschen Sandalen sind für die meisten Jungen leider noch nicht wirklich eine Option.

Zu der ganzen Debatte über das pinke Überraschungsei für Mädchen ist schon viel geschrieben und gesagt worden, aber ich will nun doch noch einen Aspekt anführen, der mir in der Debatte fehlt, obwohl er meiner Meinung nach zentral sein müsste.

Und zwar dass sich diese ganze Aktion eigentlich nur scheinbar an die Mädchen richtet. Die wirklichen Adressaten sind die Jungen. Die rosa Überraschungseier sind für sie sozusagen ein überdimensioniertes Stoppschild, das sagt: Achtung, Mädchenkram, Finger weg!

Ich glaube, dass Ferrero tatsächlich durch Marktanalysen dazu gebracht wurde, diese Aktion zu machen. Vermutlich haben sie ergeben, dass Mädchen sich wünschen, nicht nur Bastel- und Zusammenbaukram und putzige Tierfigürchen in den Eiern zu finden, sondern manchmal eben auch pinkes Feen-Glitzerzeug.

Und ich finde es gut und richtig, dass Ferrero diesen Wünschen entspricht und nun eben auch pinken Feen-Glitzerzeug-Kram in die Eier packt. Wieso nun aber wird der nicht einfach in “geschlechtsneutralen” Eiern untergebracht, wie wir uns das wohl alle gewünscht hätten?

Es ist zu kurz gedacht, hier einfach Ferrero die Schuld zu geben, denn diese Option ist wirklich nur theoretisch vorhanden. Faktisch würde Ferrero es riskieren, die Zielgruppe der Jungen auf diese Weise zu vergraulen. Denn für Jungen – und mehr noch vermutlich für ihre Eltern – ist so ein Spielzeug derzeit noch unakzeptabel – eben weil zu eindeutig mit “Weiblichkeit” assoziiert.

Eigene “Jungeneier” hingegen braucht es nicht zu geben, weil es für Mädchen im Allgemeinen kein Problem ist, “Jungenkram” in einem Überraschungsei vorzufinden.

Mädchen können nämlich beides, Jungenkram machen und Mädchenkram. Mädchen und Frauen haben ihre Emanzipation aus dem alten patriarchalen Geschlechterdualismus bereits hinter sich. Sie akzeptieren es nicht mehr, auf einen bestimmten Rollenentwurf festgelegt zu sein, sie machen einfach die Sachen, die sie wollen – unabhängig davon, ob sie nach der alten Geschlechterordnung als “weiblich” oder “männlich” einsortiert worden waren.

Es ist für Mädchen kein Problem, auch mal blaue Trekkingsandalen anzuziehen oder mit Feuerwehrautos zu spielen, einfach deshalb, weil sie inzwischen genügend weibliche Vorbilder haben, die ebenfalls “Männersachen” tun, ohne ihre Weiblichkeit dadurch aufs Spiel zu setzen.

Jungen hingegen können das nicht. Und zwar deshalb nicht, weil es unter Männern noch keine Kultur dafür gibt, wie sie ihre Männlichkeit behalten können, ohne sich von allem als “weiblich” Identifizierten abgrenzen zu müssen.

Das ist übrigens auch das große Versagen der meisten so genannten “Männerrechtler”, weil sie genau das Falsche tun: Sie versuchen die Rettung der Männlichkeit über die Abwertung und Denunziation des Weiblichen. Sie warnen vor einer “Feminisierung” der Kultur und zementieren damit die Vorstellung, dass das für Männer etwas Gefährliches sei. Auf diese Weise tragen sie ganz objektiv dazu bei, die Optionen für Jungen zu reduzieren, für deren Wohlergehen sie sich doch angeblich einsetzen wollen.

Eine Ursache dafür ist, dass in unserer Kultur trotz Gleichstellung das “Weibliche” immer noch als untergeordnet, tendenziell defizitär oder aber zumindest partikular als “nur für Frauen” betrachtet wird, während das “Männliche” weiterhin als das Übergeordnete, Normale, Erstrebenswerte gilt. Entsprechend war der Anreiz von Frauen, dieses “Männliche” in ihr Repertoire aufzunehmen, viel größer als der Anreiz für Männer, das “Weibliche” in ihres aufzunehmen.

Das gilt prinzipiell für alle gesellschaftlichen Bereiche. Diese Überraschungsei-Affäre macht das es nur besonders plakativ anschaulich: Mädchen können alle Eier kaufen. Jungens aber dürfen auf keinen Fall die Mädchen-Eier kaufen.

Das ist ein echtes gesellschaftliches Problem, aber eines, das die Frauen nicht lösen können. Wir können natürlich darauf achten, die Puppen-Glitzer-Optionen auch für männliche Kinder in unserem Umfeld möglichst offen zu halten. Aber das stößt sehr schnell an Grenzen.

Einer meiner Neffen hat früher gerne mit meinen Barbiepuppen gespielt, aber ich habe selbst erlebt, wie viel Druck er dafür bekommen hat. Dauernd wurde ihm erklärt: “Du bist doch ein Junge, da spielt man doch nicht mit Puppen”. Ganz klar, dass er es zwangsläufig irgendwann aufgegeben hat. Bis heute wird Jungen ganz massiv beigebracht, dass ihr Mannsein prekär ist, ein kostbarer Schatz, der durch “Mädchensachen” quasi kontaminiert wird.

Ich habe nie erlebt, dass Mädchen in meiner Gegenwart so rigide und offen damit gedroht wurde, sie würden ihre Weiblichkeit aufs Spiel setzen, wenn sie sich für “Jungskram” interessieren.

Abhilfe schaffen können hier nur männliche Vorbilder, die den männlichen Kindern vermitteln, dass sie alles machen können, wozu sie Lust haben, auch “Mädchensachen”, ohne dass sie dadurch ihre Männlichkeit riskieren.

Breaking! Das Rätsel Frau ist gelöst!

So etwas Gentlemaneskes wie das kokette Eingeständnis von Stephen Hawking neulich gab es ja lange nicht mehr in Sachen Geschlechterdifferenz zu lesen: Frauen seien ihm ein komplettes Rätsel, bekannte er im Interview zu seinem 70. Geburtstag. Ich nehme an, dass er bei dieser Gelegenheit noch mehr gesagt hat, aber die meisten Medien haben diese eine Antwort zum Aufmacher gemacht.

Bekanntlich ist aber die männliche Vorstellung, Frauen seien ein komplettes Rätsel, kein ganz taufrisches Klischee. Jahrhundertelang war das Mainstream. Der Neuigkeitswert liegt vielmehr darin, dass jemand das heute noch sagt (oder, wie die Mahner gegen die political correctness vermutlich sagen würden), sich heute noch (oder wieder) traut, so was zu sagen.

Das derzeitige Mantra lautet ja eher, dass Frauen im Prinzip ganz genauso sind wie Männer, bloß mit Lippenstift. Was gibt es da schon zu verstehen. Auch in diesem Blog erscheinen immer mal wieder Kommentare, in denen Männern mir erklären, wie Frauen sind und was sie tun (meistens in Widerspruch zu dem, was ich gebloggt habe, denn ich gehe ja nur von mir persönlich aus und bin, da selbst eine Frau und noch dazu Feministin, nicht in der Lage, das zu beurteilen).

Warum ich diesen kalten Kaffee noch einmal aufrühre, ist eine Idee, die ich beim Lesen des Hawking-”Geständnisses” hatte. Nämlich die, dass genau hier die Lösung für ein ganz anderes Mysterium liegen könnte: Das Mysterium nämlich, warum auf so vielen Veranstaltungen lauter Männer reden und kaum eine Frau. Das ist ja völlig unerklärlich, weil doch niemand etwas gegen die Beteiligung von Frauen hätte. Und weil Frauen erwiesenermaßen weder blöder noch uninteressierter noch sonstwas sind.

Meine Idee nun ist folgende: Diese beiden scheinbar so diametral entgegengesetzten Vorstellungen, die unter Männern über Frauen kursieren – “sie sind ein unerklärliches Mysterium” versus “sie sind ganz genauso wie wir” – sind nur die zwei Seiten derselben Medaille. Sie führen nämlich beide zu dem Schluss, dass es eigentlich keinen Grund gibt, mit Frauen zu reden. Denn welchen Sinn soll es haben, Frauen zuzuhören, wenn man schon von vornherein weiß, dass man sie nicht verstehen wird, weil sie ja so mysteriös sind? Oder welchen Sinn soll es haben, Frauen zuzuhören, wenn sie doch eh nichts anderes sagen werden als Männer auch?

Dabei wäre es doch eigentlich so einfach. Frauen sind nämlich keine Wesen vom anderen Stern. Man kann mit ihnen reden, echt jetzt. Und nicht nur, weil sich das heute nunmal so gehört für den toleranten Mann, sondern weil man dabei tatsächlich zuweilen Sachen erfährt, auf die man selber nicht gekommen wäre.

Aber natürlich nur, wenn’s einen auch interessiert.

Die Männer und das Patriarchat

Foto: Robert Kneschke - Fotolia.com

In einer der letzten Ausgaben von „Via Dogana“, der Zeitschrift des Mailänder Frauenbuchladens (Juni 2011), gibt es einen Artikel von Riccardo Fanciullacci, der sich unter dem Titel „Das Patriarchat ist zu Ende. Und wir?“ mit der Frage beschäftigt, mit welchen Themen und Herausforderungen es Männer heute zu tun haben. Mir scheinen seine Überlegungen interessant, und vielleicht sind sie das ja auch für den ein oder anderen Mann im deutschen Kontext. Wobei er aus der Position eines Mannes schreibt, der vom Feminismus viel gelernt hat, der die Freiheit von Frauen als Chance und nicht als Bedrohung sieht und an konstruktiver Zusammenarbeit mit Frauen interessiert ist – alle anderen brauchen hier bitte auch gar nicht erst weiterlesen.

Fanciullacci unterrichtet Philosophie an der Universität von Verona und daher bezieht er sich zunächst auf eine These, die vom italienischen Differenzfeminismus angestoßen wurde, aber hier in Deutschland nicht so bekannt ist, weshalb ich sie vorab kurz rekapituliere. Der Gedanke, dass das Patriarchat möglicherweise schon zu Ende ist, stammt von Luisa Muraro, die ihn 1996 in einem Artikel namens „Freudensprünge“ formuliert hat (in deutscher Übersetzung abgedruckt in: Diotima: Die Welt zur Welt bringen, ich habe darüber 1998 ein Interview mit ihr geführt) und der dann auch Grundlage einer Flugschrift des Mailänder Frauenbuchladens wurde, dem so genannten „roten Sottosopra“ mit dem Titel „Es ist passiert – nicht aus Zufall“.

Gemeint ist offensichtlich nicht, dass mit dem Ende des Patriarchats das Paradies auf Erden angebrochen sei, sondern dass die Aufgabe, vor der freiheitsliebende Frauen stehen, nicht länger die bloße Kritik an patriarchalen Zuständen ist, sondern dass „die konstruktive Arbeit an einer erneuerten symbolischen Ordnung wichtiger wird als die Kritik an der vergehenden Zweiteilung“ – so formuliert es Ina Praetorius in ihrem neuen Buch, die dafür im deutschsprachigen Raum auch den Begriff des „postpatriarchalen Denkens“ geprägt hat.

Mir hat damals der Gedanke, dass der Kampf gegen das Patriarchat längst nicht mehr der Anknüpfungspunkt für feministisches Handeln sein sollte, sofort eingeleuchtet, aber es war schwer, das in Deutschland zu vermitteln (was ich eine Zeitlang versucht habe). Aber der Widerstand gegen diesen Gedanken war groß und die Diskussionen meist unfruchtbar, zu fest verankert war im Feminismus die Idee, dass „das Patriarchat“ noch immer in voller Blüte stünde.

Inzwischen meine ich, dass – auch wenn die Formulierung vom „Ende des Patriarchats“ im deutschen Feminismus noch immer oft zu Stirnrunzeln führt – die konkreten Entwicklungen diese Diagnose bestätigt haben. Denn so unterschiedlich die Aktionsweisen und Denkansätze von politisch aktiven Frauen auch sind, so offensichtlich ist es doch, dass sie alle der Arbeit an einer postpatriachalen Gesellschaft faktisch den Vorrang vor dem Kampf gegen klassische „Männerherrschaft“ geben:

Zum Beispiel, wenn Feministinnen keine Lust mehr haben, Männern weiterhin zu erklären, worum es eigentlich geht, sondern sie darauf verweisen, dass das längst überall nachgelesen werden kann. Oder wenn Frauen sich von der Politik der Separation verabschieden und den starken Wunsch haben, die Gestaltung der Welt gemeinsam mit Männern in Angriff zu nehmen. Oder wenn sie keine Lust mehr haben, sich an gläsernen Decken in Institutionen abzuarbeiten, sondern die Angelegenheit jetzt endlich mal mit Hilfe einer fixen Quote hinter sich bringen wollen. Oder wenn ein „sexpositiver“ Zugang zu Pornografie verlangt wird, weil sich das Thema nun wirklich nicht in der Kritik an gewaltförmigen Sexdarstellungen erschöpft. Oder wenn Politikerinnen von Angela Merkel bis Marina Weisband ganz selbstverständlich mit vollster Autorität agieren, ohne aus ihrem Frausein ein Geheimnis oder ein großes Bohei zu machen.

Ich bin bekanntlich nicht mit allem davon einverstanden, und teilweise sind die Anliegen dieser Frauen auch miteinander unvereinbar, aber das Gemeinsame daran ist, dass die Kritik an Männerherrschaft nicht mehr im Zentrum ihrer Interessen steht, sondern dass sie darüber hinaus wollen. Dass für sie die weibliche Freiheit nichts mehr ist, was gerechtfertigt und erklärt werden muss, sondern der selbstverständliche und nicht zur Diskussion stehende Ausgangspunkt.

Das heißt natürlich nicht, dass es nicht noch Relikte von patriarchalen Mustern gibt, die sehr gefährlich und problematisch sein können. Aber der Umgang mit ihnen ist – von Seiten der Frauen – von einem inhaltlichen Herzensanliegen zu einem pragmatischen In-die-Schranken-Weisen geworden, ob nun Merkel die Patriarchen in ihrer Partei auf Eis legt oder ob feministische Blogs entsprechende Kommentare einfach bei hatr.org abliefern. Die Überreste des Patriarchats sind heute nicht mehr Gegenstand ernsthafter feministischer Analyse, sondern ein Ärgernis wie schlechtes Wetter, mit dem man zwar rechnen und gegen das man etwas unternehmen muss, wobei aber die eigentlichen Aufgaben längst ganz andere sind.

Die These von Riccardo Fanciullacci ist nun, dass Frauen sich diese pragmatische Abwendung vom „Patriarchat“ als Kategorie leisten können, weil für sie das Thema tatsächlich in dem Moment inhaltlich erledigt ist, in dem sie patriarchalen Denkmustern die Glaubwürdigkeit entziehen. Männer hingegen nicht. Männer könnten nicht bloß pragmatisch mit den Ausläufern des Patriarchats umgehen, weil sie in ihrem eigenen Mannsein davon betroffen sind. Freie, also postpatriarchale Männer, so seine These, können sie nur werden, wenn sie „die Aufarbeitung der dunkelsten und tiefgreifenden Wurzeln der patriarchalen symbolischen Ordnung wieder aufnehmen. Die kritische Arbeit am männlichen Symbolischen könnte für uns Männer der direkteste Weg sein, um uns weiterzubringen und die Formen zu verändern, die unseren inneren Weg und unser Begehren prägen.“

Er hat dabei natürlich den Berlusconismus vor Augen, der ein extremes Beispiel für ein „Neopatriarchat“ ist, das politische Verantwortungslosigkeit direkt mit Männlichkeit verknüpft – Berlusconi ist ja nicht einfach nur ein schlechter Politiker gewesen, sondern er hat sein Handeln konsequent mit einer bestimmten Performanz von Männlichkeit verbunden. Auch in Deutschland gibt es Beispiele für eine solche Vermischung von gesellschaftsschädlichem Verhalten mit Männlichkeit, zum Beispiel in Teilen der Männerbewegung oder im organisierten Antifeminismus, aber auch in bestimmten Toppositionen der Wirtschaft oder in bestimmten Bereichen der Populärkultur. Deshalb, so Fanciullacci, sei es für Männer heute notwendig, das Wort „Patriarchat“ weiter zu verwenden, als Analysekriterium, um sich „von einer Erbschaft zu lösen, die ohne eine genaue symbolische Vermittlungsarbeit nicht verschwinden wird.“

Der Weg, den er dafür vorschlägt ist, eine Art und Weise zu finden, sich „auf nicht patriarchale Weise zu einer Frau in Beziehung zu setzen.“ Dafür gebe es keine bestimmte Methode und keine festen Regeln, und vor allem dürfe man nicht allgemein „die Frauen“ dabei im Blick haben. Sondern es gehe darum, sich in der konkreten Beziehung zu einer bestimmten Frau ihrer „jeweils einzigartigen Weise, Frau zu sein“ auszusetzen, und zwar „mit ein bisschen Liebe“. Dafür sei es notwendig, „Vertrauen zu haben in ihre Fähigkeit, uns zu sagen, wenn die Art und Weise, mit der wir ihr begegnen, nicht in Ordnung ist“.

Aber das sei nicht alles. Ein Hauptproblem des patriarchalen Erbes sei es, dass „Männer die außerordentliche Fähigkeit haben, jede Frau in die Position der Mutter zu bringen, und sei sie auch zwanzig Jahre jünger: Um diese Dynamik abzuschalten ist es notwendig, darauf vorbereitet zu sein, indem man sich bemüht, das Knäuel zwischen der jeweils besonderen Form des eigenen Begehrens und dem, was von historisch bedingten symbolischen Ordnungen herrührt, zu entwirren“.

Zum Schluss schlägt Fanciullacci drei Ziele vor, um die es aus seiner Sicht bei der „Transfomation des männlichen Selbst“ geht, und die ich hier zum Schluss wörtlich zitiere:

Erstens: Zu lernen, vor einer Frau zu stehen und ihre Erfolge, ihre Bewegungsfreiheit und die Interessen, die sie irgendwo hin führen, wahrzunehmen, ohne die leiseste Sehnsucht aufkommen zu lassen nach dem alten Bild der Frau als Spiegel, die dem Mann seine eigene Figur in doppelter Größe zurückwirft.

Zweitens: Zu lernen, ihr unsere Bedürftigkeit zu zeigen, ohne gleichzeitig von ihr zu verlangen, unsere Mutter zu sein; oder auch: Die eigene Mutter zu lieben, ohne von jeder anderen Frau die Liebe einer Mutter zu erwarten.

Drittens: Zu lernen, ihr eine hingebungsvolle und ernst gemeinte erotische Kreativität anzubieten, die nicht die Liebe kleinmacht und an ihrer Stelle den immer wieder selben sexuellen Phantasien Raum gibt.

Politische Praxis: Regeln ausdenken, ausprobieren, evaluieren

Nachdem ich vorgestern über Parteien und Frauen gebloggt hatte – und in den Kommentaren viel über die Piraten diskutiert wurde – war ich gestern Nachmittag bei einem Arbeitstreffen mit politischen Freundinnen. Wir sprachen auch über die Unterscheidung von Macht und Politik, die ich sehr wichtig finde (ich übersetze zusammen mit Dorothee Markert gerade ein Buch zu dem Thema), die anderen aber standen meinen Thesen skeptisch gegenüber. Sie verwiesen auf die Erfolge, die es in vielen Institutionen, auch bei den etablierten Parteien, durch eine gezielte feministische Machtpolitik gegeben habe.

Eine erzählte zum Beispiel von den guten Erfahrungen, die sie bei den Jusos mit quotierten RednerInnenlisten gemacht hat: Männer und Frauen reden immer abwechselnd, und sobald sich zu einem Thema keine Frau mehr meldet, wird darüber auch nicht weiter diskutiert (ich habe nicht gefragt, ob das andersrum auch für Männer gilt).

Das Verfahren besticht durch seine Einfachheit und seine Vorteile. Bekanntlich ist es ja ein wesentlicher Punkt, der vielen Frauen an der derzeitigen parteipolitischen Kultur nicht gefällt, dass viel über Sachen geredet wird, die die Frauen nicht so wichtig finden, und sie beklagen sich häufig, dass Männer durch lange und redundante Wortbeiträge Sitzungen in die Länge ziehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Parteisitzungen (oder auch die anderer Organisationen), bei denen so verfahren wird, für Frauen attraktiver sind.

Aber natürlich liegen auch die Nachteile auf der Hand. Zum Beispiel ist es ja auch möglich, dass zu einem Thema Männer mehr zu sagen haben als Frauen. Außerdem spitzt ein solches Verfahren die Differenzen zwischen Menschen auf die eine prinzipielle Differenz zwischen Frauen und Männern zu, womit diese Kategorie in gewisser Weise zementiert wird, während andere Unterschiede (Herkunft, Alter, soziale Position) nicht berücksichtigt werden.

Gibt es eine Möglichkeit, aus diesem Dilemma rauszukommen?

Mir fiel auf dem Nachhauseweg ein Text von Chiara Zamboni über politische Praxis ein. Darin schreibt sie: „Eine Praxis ist ein Prozess, der in Gang gesetzt wird, um erfinderisch auf einen bestimmten Kontext zu reagieren und damit dafür zu sorgen, dass er sich verändert. Ihre Auswirkungen sind weder planbar noch vorhersehbar, aber sie können während des Prozesses selbst wahrgenommen und eingeschätzt werden.“

Als Beispiel führt sie eine Praxis der Philosophinnengemeinschaft Diotima an. Eine ihrer Schwierigkeiten war anfangs, dass beim Diskutieren sehr häufig Bezug genommen wurde auf das, was andere („berühmte“) Philosophen gesagt hatten – wie es ja in akademischen Kontexten häufig der Fall ist. Statt also selbst zu sprechen und die eigenen Ideen zu formulieren, wurden die in universitärer Weise immer gleich in Beziehung zu einer vorgegebenen Tradition gesetzt. Das machte die Diskussionen langweilig und unfrei. Daher gaben sie sich eine Regel: Nicht mehr zitieren. Niemals und niemanden.

Diese einfache,  kleine Regel erwies sich im Lauf der Jahre als überaus fruchtbar. Die Denkerinnen lösten sich im Lauf der Zeit von der ständigen Bezugnahme auf die überlieferte symbolische Ordnung und wurden sich selbst (und sich gegenseitig) der Maßstab ihrer Diskussionen. Das in der gegenwärtigen Debatte gesprochene Wort wurde wichtiger als der Bezug auf vorausgegangene und kanonische Texte.

Nachdem das passiert war, wurde die Regel wieder aufgegeben, weil sie nicht mehr nötig war. Die neue Praxis hatte dazu geführt, dass sich die Diskussionskultur auf eine Weise verändert hatte, dass die Bezugnahme auf „berühmte“ Philosophen keine Gefahr mehr für das eigenständige Denken und Sprechen der beteiligten Frauen darstellte.

Ich denke, dass dieser Prozess das eigentliche Wichtige dabei ist, wenn sich Organisationen, die mit einer bestimmten Situation unzufrieden sind, Regeln geben. Der Prozess, dass durch die Regeln eine neue Kultur entsteht, wodurch die Regel als solche dann überflüssig wird.

So wäre das eine Herangehensweise, um das oben angesprochene Dilemma zu lösen. Formale Regeln, die sich eine Partei, eine Organistion gibt, die zum Beispiel unzufrieden damit ist, dass Frauen sich nicht in gleichem Maße beteiligen wie Männer – Quoten, abwechselnde RednerInnenlisten etc. – sind nicht zu verstehen als endgültige Lösungen, sondern als der Versuch, eine neue Praxis auszuprobieren.

Die Frage wäre also nicht, ob Quoten oder abwechselnde RednerInnenlisten per se gut oder schlecht, sinnvoll oder sinnlos sind, sondern ob sie in dem bestimmten Kontext hilfreich sind, die Realität in eine bestimmte, gewünschte Richtung zu bewegen. Tun sie das nicht, so besteht die Aufgabe darin, andere Regeln, andere Vereinbarungen zu erfinden. Damit zu experimentieren.

Und noch etwas ist wichtig: Es ist nicht möglich, schon vor der Vereinbarung, eine neue Praxis auszuprobieren, zweifelsfrei vorherzusagen, wie sie sich auswirken wird. Es ist immer ein Experiment, ein Anfang, und man muss beobachten und reflektieren, wie sich das entwickelt.

Regeln als experimentellen Weg für eine politische Praxis zu sehen (und nicht als Patentlösungen) wäre meiner Meinung nach ein Ausweg aus der falschen Alternative, die derzeit zum Beispiel im Zusammenhang mit der niedrigen Attraktivität der Piratenpartei für viele Frauen geführt wird: Frauenquoten einführen oder Nichtstun? Das ist genau nicht die Frage. Jede Organisation muss die für sich und ihren Kontext geeigneten Vereinbarungen und Experimente erfinden (wobei ich aber durchaus der Meinung bin, dass die Piraten sich ruhig für die Erfahrungen, die andere Parteien mit ihren Regeln machen, interessieren könnten).

Wenn bestimmte Kulturen eingeschliffen sind, dann ist Nichtstun jedenfalls keine Option. Das zeigt mir das Beispiel von Diotima, wo es ja noch nicht einmal feministisch geschulten Philosophinnen gelungen ist, sich von der Verhaftung in der traditionellen akademischen Zitiererei zu lösen, ohne sich eine klare, einfache Regel zu geben. Regeln sind natürlich immer eine Einschränkung der situationsbezogenen Freiheit, aber ohne Regeln – oder besser: klare, experimentelle Vereinbarungen zum gemeinsamen Vorgehen – ändern sich eingefahrene Strukturen nun einmal nicht. Weil sie uns allen in Fleisch und Blut und Kopf drinstecken.

Allerdings ist es – und das ist ein Problem, das ich bei den quotierten Parteien beobachte – eben auch nicht damit getan, fixe Regeln wie Quoten oder abwechselnde RednerInnenlisten einzuführen. Das ist nur der Anfang. Genauso wichtig ist, zu beobachten, wie sie funktionieren, ob sie die erwünschte Wirkung haben oder nicht, sie gegebenfalls auch wieder aufzugeben – zum Beispiel dann, wenn sie unerwünschte Folgen haben, wenn sie wirkungslos sind, oder auch (was natürlich das Beste wäre), wenn sie nicht mehr gebraucht werden.


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