Drei Gründe, warum das Internet für Journalisten möglicherweise keine Verbesserung ist, für viele andere aber schon

Es ist schon ein paar Wochen her, dass Martin Giesler einen eher pessimistischen Internetartikel schrieb. Mich hat frappiert, wie unterschiedlich er und ich das Internet und speziell das Bloggen erleben, und ich überlegte mir, woher das kommen könnte. Ich glaube, der Unterschied ist, dass er das Thema aus einer journalistischen Perspektive betrachtet, ich hingegen nicht. Vielleicht sind Internet und Journalismus ja tatsächlich unvereinbar.

Diese drei Punkte finde ich dabei besonders wichtig. (Ich beziehe mich stellvertretend auf Zitate aus Gieslers Blogpost, aber ähnliche Argumente finden sich ziemlich oft in der Debatte.)

 1. Journalist_innen nennen es Arbeit, andere nicht

„Zusammengefasst arbeite ich also durchschnittlich 8.5 Stunden pro Tag für das ZDF und davor und danach noch einmal gute 4-5 Stunden an den anderen Projekten. Macht also insgesamt rund 13 Stunden pro Tag – wir nennen es Arbeit.“ 

Dass dies eine Sichtweise ist, die nur Journalisten (oder vielleicht sonst noch Irgendwas-mit-Medien-und_oder-Uni-Leute) haben können, ist offensichtlich: Wenn eine Bäckerin neben ihrem Job bloggt, käme sie nie auf die Idee, das Arbeit zu nennen. Wir nennen es nicht Arbeit, wir nennen es Engagement, Hobby, Aktivismus, Liebhaberei. Eine Tierärztin hätte nie den Anspruch, dass sie mit ihrem privaten Blog Geld verdienen muss, ein Richter nicht den Anspruch, dass er während der Arbeitszeit seine Social Media Kontakte pflegen kann. Warum haben Journalisten diesen Anspruch?

Gerade dieses Missverständnis hat übrigens gar nichts mit dem Internet zu tun. Journalisten konnten schon immer ihre politischen Ansichten in ihrer Arbeit umsetzen, bei ihnen vermischte sich Arbeit und Teilnahme am politischen Diskurs. Früher mussten sie am Gatekeeper Redaktionsleitung vorbei, heute am Gatekeeper Algorithmus. Normalsterbliche mussten schon immer sehen, wo sie blieben, wenn sie ihre Flugblätter verteilten, Diskussionveranstaltungen abhielten, Projekte gründeten und so weiter.

Für Menschen, die nicht im Journalismus arbeiten, ist das Internet also eine Erleichterung, für Journalist_innen eher nicht.

 2. Journalist_innen und andere nähern sich der Filterbubble von verschiedenen Seiten an

„Theoretisch könnte also jeder, der sich gerade einen Twitter-Account zulegt, mit einer absolut großartigen Geschichte die Aufmerksamkeit der Welt auf sich ziehen. Praktisch ist es dann doch eher so, dass auch in den sozialen Netzwerken Filterbubbles entstehen, die durch neue Formen von Gatekeepern verwaltet werden.“

Internetdiskurse finden immer in Filterbubbles statt, soviel ist klar. Und auch eine Binse. Denn: Offene Räume, in denen alles gesagt werden kann, gibt es nicht.  Jeder Blog, jedes Medium, jedes Profil interagiert immer nur mit einem bestimmten Ausschnitt von mehr oder weniger Gleichgesinnten.

Nur: Journalist_innen und andere Menschen nähern sich dieser Filterbubble von unterschiedlichen Seiten her an. Der Journalist konnte auch schon vor dem Internet seine Nachrichten und Ansichten unter die Leute bringen, und sich bei den klassischen Newsmedien sogar tendenziell „an alle Leute“ richten. Andere Menschen hingegen hatten vor dem Internet keine Publikationsmöglichkeit und daher lediglich Zugang zu einer winzig kleinen Filterbubble, nämlich ihren Bekannten, Kolleginnen, politisch Ähnlichdenkenden, Nachbarn. Selbst diejenigen, die vor dem Internet schon publizierten, erreichten mit ihren Büchern oder Artikeln in Fachzeitschriften nur einen relativ kleinen Kreis, nämlich diejenigen, die an ihren Inhalten zumindest so sehr interessiert waren, dass sie dazu ein Buch kaufen oder sich auf den Weg zu einer Veranstaltung machten. Diese Hemmschwelle ist mit dem Internet deutlich gesunken, es passiert sogar – der Google-Suchfunktion sei Dank – gar nicht so selten, dass Menschen ganz zufällig über ihre Seiten stolpern.

Von daher: Ja, im Internet kommunizieren wir alle innerhalb einer Filterbubble, nur dass diese für Journalist_innen tendenziell kleiner, für alle anderen aber deutlich größer geworden ist.

 3. Journalist_innen haben eine berufsbedingt verzerrte Vorstellung von Reichweite

„Zudem werden einem als Journalist heute Kontrollmöglichkeiten an die Hand gegeben, um zu überprüfen, welche Inhalte und welche Journalisten wie gut performen. 8 Likes für einen Artikel? Lachhaft. 4 Retweets? Fahr nach Hause! Was gut performt, entscheiden die Giganten aus dem Valley mit ihren Algorithmen.“  

Im kommerziellen Medienbetrieb werden Reichweiten noch immer in Quantität gemessen, nicht in Qualität, und unter einer betriebswirtschaftlichen Perspektive ist das vermutlich auch nicht anders möglich. Dass das zu einer abwärtstrudelnden Spirale an Qualitätsverlust führt, ist inzwischen schon vielfach bemerkt und beklagt worden.

Wer seine Publikationen hingegen nicht verkaufen muss oder will, hat die Jagd nach quantitativ messbarer Reichweite nicht nötig. Das heißt nicht, wie oft unterstellt wird, dass diese Leute nur aus Narzissmus bloggen würden. Auch hier geht es wohl den meisten um Reichweite, nur ist diese Reichweite, auf die es ankommt, qualitativer und nicht quantitativer Art. Ein Blogpost, der zwei Menschen dazu bringt, ihre Ansichten zu überdenken, hat mehr inhaltliche Reichweite als einer, der zwanzigtausend Menschen in ihren Ansichten bestätigt. In meinem eigenen Blog stelle ich fest, dass die interessantesten und differenziertesten Diskussionen nicht unter den Artikeln stattfinden, die am häufigsten geklickt werden. Und manchmal kommt es vor, dass Leser_innen meines Blogs Einsichten, die sie (möglicherweise) durch diese Diskussionen gewonnen haben, andernorts dann selbst wieder einbringen, und immer wenn ich so etwas bemerke, freue ich mich über diese „Reichweite“, die ich natürlich in keiner Weise belegen, quantifizieren oder mir sonstwie an die Brust heften kann.

Aber der Unterschied ist: Ich brauche das auch gar nicht.

Information und Wissen: Nochmal über Journalismus

In meinem letzten Post schrieb ich, dass der Kern des Journalismus im Recherchieren bislang nicht verfügbarer Informationen liege, und dass ich deshalb der Meinung bin, Journalismus sei gesellschaftlich nützlich und solle aus allgemeinen Ressourcen ermöglicht werden. Haha, wie naiv.

Kurz darauf kam nämlich dieser Link herein, ein Text von Henry Farrell, der sagt, die Bedeutung von Medienjournalismus liege überhaupt nicht darin, Informationen zugänglich zu machen, sondern vielmehr darin, Informationen in Wissen zu verwandeln. Dass eine Information öffentlich bekannt ist, sei nämlich vollkommen unerheblich. Wichtig werde das erst, wenn man sie auch für eine wichtige Information hält. Und welche von den vielen vorhandenen Informationen wichtig sind, das entscheiden die Medien. Sie sagen uns, was wir wissen müssen (weil “man” darüber eben spricht), und was wir getrost ignorieren dürfen.

Tja, leider hat er ja recht. Allerdings: Schön ist das nicht.

Wenn ich hier im Blog öfter von “Mainstream”-Medien spreche, dann meine ich genau das: Dass es eine, vielleicht sogar inzwischen tatsächlich die einzige Funktion großer Medien ist, durch die Art und Weise ihrer Berichterstattung darüber zu entscheiden, was als relevant zu gelten hat und was nicht.

Auf diese Weise haben die Medien und die darin einflussreichen Journalist_innen eine sehr große politische Macht. Vermutlich ist das auch der Grund, warum so viele von ihnen derzeit behaupten, die Zukunft des Journalismus liege im Kuratieren und Gewichten von Informationen.

Als ich dies in meinem vorigen Blogpost zurückwies, vermutete ich noch, diese Einschätzung könne daran liegen, dass die Dynamik sozialer Medien falsch eingeschätzt wird (die nämlich so eine Arbeit tendenziell überflüssig machen). Aber vermutlich liegt es eher an der Eitelkeit der Medienmacher_innen. Denn wenn sie mit ihrer Kuratiererei darüber entscheiden, was für wichtig zu gelten hat und was nicht (und wenn das von der Allgemeinheit auch als ihre genuine Aufgabe angesehen und bejubelt wird) dann sind sie selber eben SUPERWICHTIGWICHTIG. Klar, dass ihnen das gefällt.

Nur: Gesellschaftlich nützlich sind sie dann leider nicht mehr. Sondern im Gegenteil: schädlich.

Denn eine solche Dynamik führt zur Mainstreamisierung und Normatierung im politischen Handeln, wo Differenzierung und Komplexitätsbewusstsein notwendig wäre. Sie leitet politische Debatten in einseitige Bahnen, unterdrückt abweichende Ansichten, verdrängt und marginalisiert Perspektiven, die nicht Mainstream sind.

Man kann wohl kaum bestreiten, dass genau das gegenwärtig in den Medien passiert. Die Frage ist: Finden wir das gut? Bejubeln wir diese Entwicklung als Rettung für den ach so gesellschaftlich bedeutsamen Berufszweig Journalismus? Oder müsste uns dieser Trend nicht vielmehr Anlass zur Besorgnis sein?

Wenn wir uns als politische Wesen verstehen wollen, dann, finde ich jedenfalls, müsste der Prozess der Transformation von Informationen in Wissen von jeder Person selbst geleistet werden. Um eine politisch Handelnde zu sein (und nicht bloß Teil einer Herde, die nachplappert, was grade im Brennpunkt gesendet wird), muss ich selber zu einem Urteil finden und auch dazu stehen. Muss ich selber entscheiden, welche Relevanz ich welchen Informationen zuspreche und wie ich sie verstehen, interpretieren, in meine Weltanschauung einpassen will. Natürlich nicht einsam am Schreibtisch, sondern im Austausch und im Gespräch mit anderen. Aber urteilen muss ich selbst, und dieses Urteil dann auch wieder in der Debatte anderen gegenüber vertreten. Das und nichts anderes ist Politik.

Wenn wir hingegen die Anstrengung, Informationen in Wissen zu transformieren, an irgendwelche Leute in Redaktionsstuben abgeben, dann sind wir keine politischen Wesen mehr. Dann gestalten wir nicht mehr in Freiheit unsere Welt, sondern begnügen uns damit, zwischen Joghurt mit Vanille- und Erdbeergeschmack zu wählen, aber dass es auf jeden Fall Joghurt gibt, das haben andere für uns bereits entschieden.

Und wenn man in diesem Zusammenhang dann noch einmal auf die Tatsache zurückkommen will, dass diese Medienwelt zu über 80 Prozent die Ideen und Ansichten von weißen, bildungsbürgerlichen Männern wiedergibt, wird das ganze Ausmaß des Desasters noch deutlicher.

Nein, so einen Journalismus brauchen wir nicht.

(Foto: mkorsakov/Flickr.com)

Brauchen wir noch Journalismus?

Ob wir noch Journalismus brauchen? Wo wir doch jetzt das Internet haben? Das war die Frage bei einem Panel der Medientage München, an dem ich gestern teilgenommen habe. Aus diesem Anlass habe ich nochmal etwas systematischer über diese Frage nachgedacht.

Und bin zu dem Schluss gekommen: Ja, wir brauchen Journalismus. Stellt sich nur die Frage, was genau Journalismus ist.

Journalismus, so würde ich es definieren, ist in erster Linie professionelle Recherche, die zu dem Zweck betrieben wird, Informationen der Allgemeinheit zugänglich und verfügbar zu machen. Das ist aus einer gesellschaftlichen Perspektive wünschenswert, weil politische Debatten darauf angewiesen sind, alle für ein bestimmtes Thema relevanten Informationen zur Verfügung zu haben.

Leider wird Journalismus häufig mit Schreiben verwechselt. Geschrieben wird aber viel, es gibt ja nicht nur journalistische Texte (Videos und Audios subsumiere ich der Einfachheit halber mal). Es gibt viele Gründe zu schreiben, Journalismus ist nur einer davon. Und es gibt viele Textformate, journalistische Texte sind nur ein Teil davon.

Zu dieser Verwechslung konnte es kommen, weil früher, vor dem Internet, ein Großteil der in den klassischen Medien – Zeitungen, Radio, Fernsehen – veröffentlichten Texte journalistische Texte waren. Die Veränderung, die das Internet mit sich brachte, ist die, dass jetzt jede Art von Geschriebenem publiziert wird. Es gibt im Internet alle möglichen Arten von Content. Persönliche Betrachtungen, Briefe, Tagebucheinträge, Gespräche, Meinungsäußerungen aller Art, Forschungsergebnisse, Pressemitteilungen – alles wird veröffentlicht, und zwar direkt von denen, die diese Texte produzieren.

Mir ist klar, dass Definitionen und Differenzierungen immer eine Unschärfe haben und sich in der Realität die Dinge oft vermischen und Grauzonen aufweisen, aber um die Dinge durchschauen zu können, ist es doch wichtig, Unterscheidungen zu ziehen und zu sehen, wo die Grenzen verlaufen – und wo nicht.

Die Grenze zwischen journalistischem und nicht-journalistischem Content hängt zum Beispiel nicht mit dem Medium zusammen, über das der Content verbreitet wird: Sowohl auf Blogs als auch in Zeitungen oder im Fernsehen können journalistische ebenso wie nicht journalistische Inhalte verbreitet werden. Höchstens aus den genannten historischen Gründen gibt es in Blogs oder in sozialen Netzwerken mehr nicht-journalistischen als journalistischen Inhalt. Aber einem Text ist es erstmal egal, ob er als Webseite oder als Print verbreitet wird. Es gibt inzwischen viele Blogs mit journalistischem Inhalt, und vieles, was in Zeitungen steht oder im Fernsehen gesendet wird, hat mit Journalismus nichts zu tun.

Es geht auch nicht um Qualität als solche. Beide Textformen, journalistische wie auch nicht-journalistische, haben eine jeweils eigene Qualität.

Ich schlage vor, den Unterschied folgendermaßen zu fassen: Nicht-journalistische Texte (oder Audios oder Videos), so meine These, sind solche, die nicht auf Recherchen beruhen, die eigens für die Veröffentlichung vorgenommen wurden. Die meisten Blogger_innen zum Beispiel geben Wissen, Einsichten und Erfahrungen weiter, die sie ohnehin haben, die sie auch hätten, wenn sie nicht bloggen würden. Sie wurden also nicht extra für die Publikation recherchiert.

Das bedeutet nicht, dass ihr Content deshalb weniger fundiert, weniger relevant, weniger verlässlich wäre als klassischer Journalismus – ganz im Gegenteil: Oft schreiben Menschen ja über Themen, mit denen sie sich sehr gut auskennen, meist sogar besser als entsprechende Fachjournalist_innen. Ganz einfach deshalb, weil es ihre Leib- und Magen-Themen sind, weil sie sich mit ihnen aus persönlichem Interesse beschäftigen. Oder weil sie ohnehin gerade anwesend waren, als etwas Interessantes passierte.

Der Unterschied, auf den ich hinaus will, ist nicht einer der Qualität, sondern der Perspektive: Blogger_innen teilen ihr Wissen mit der Öffentlichkeit, aber dieses Wissen hätten sie auch, wenn sie es nicht teilen würden. Zum Beispiel rezensiere ich hier im Blog Bücher oder Filme, berichte über Veranstaltungen oder schreibe Meinungsartikel zu gesellschaftlichen Debatten. Der Punkt ist: Diese Bücher würde ich auch lesen, diese Veranstaltungen auch besuchen und diese Meinungen auch haben, wenn ich nicht bloggen würde.

Das ist auch der Grund, warum Blogger_innen keine Bezahlung für ihre Texte verlangen: Sie haben keinen zusätzlichen Rechercheaufwand, der Aufwand des Bloggens besteht lediglich darin, das in Worte zu fassen, was man ohnehin schon weiß. Man veröffentlicht das, weil man darin ein persönliches Anliegen sieht, weil man die eigenen Ansichten und das eigene Wissen in den allgemeinen Diskurs einspeisen möchte, weil man Einfluss nehmen möchte, oder weil es wenig Aufwand ist, ein Foto, das man sowieso gemacht hat, dann auch noch rasch zu veröffentlichen und somit der Allgemeinheit zugänglich zu machen.

Ganz anders steht es aber um den professionellen Fotografen, der extra irgendwo hinfahren muss, um ein Foto zu machen. Oder die Journalistin, die den Auftrag bekommt, über ein Thema zu schreiben und dann erst einmal aufwändig recherchieren muss, um die notwendigen Inhalte in Erfahrung zu bringen. Wenn ich journalistisch schreibe, dann beschäftige ich mich aus professionellen Gründen mit einem Thema, mit dem ich mich ansonsten nicht beschäftigen würde. Weil ich dafür bezahlt werde, zum Beispiel.

Der Unterschied zwischen journalistischem und nicht-journalistischem Content hängt also am Zustandekommen des Wissens: Ist dafür eine Recherche notwendig, die eigens betrieben wird, um etwas für das Publizieren herauszufinden? Oder ist es ein aufgrund persönlicher Interessen oder anderweitiger beruflicher Expertise erworbenes Wissen, das dann auch noch publiziert wird, quasi als Nebenprodukt?

Wichtig ist mir dieser Unterschied, weil er aus meiner Sicht entscheidend ist, um die Notwendigkeit von Journalismus zu begründen: Denn ich behaupte, wenn wir keinen Journalismus hätten, wenn also nur das publiziert würde, was irgendjemand ohnehin schon weiß, würden wichtige Dinge unbekannt bleiben, würden Informationen, die für eine gesellschaftliche Debatte wichtig sind, nicht verfügbar sein.

Es ist nämlich ein Irrtum, zu glauben, dass sich alles googeln ließe. Es gibt sehr viele Dinge, die man nicht googeln kann. Sei es, dass jemand die entsprechenden Informationen geheim halten will – dafür braucht man dann investigativen Journalismus. Oder sei es, dass wirklich noch niemand die entsprechenden Informationen zusammengetragen hat, dass sich niemand aus persönlichen Gründen so sehr dafür interessiert, um es freiwillig zu recherchieren. Oder sei es, dass diejenigen, die sich dafür interessieren würden, nicht die notwendigen Ressourcen, nicht die Zeit, nicht das Know-How haben, um es zu recherchieren.

Und genau diese Lücke kann nur professioneller Journalismus füllen. Journalist_innen, so könnte man also sagen, sind notwendig, um Wissen googlebar zu machen, das ohne ihre Arbeit nicht googlebar wäre. Sie recherchieren Dinge, die niemand freiwillig ins Netz stellt, die aber dennoch wichtig sind oder vielleicht in einem späteren Kontext einmal wichtig werden könnten.

Wo ich hingegen langfristig keine Zukunft für den Journalismus sehe, auch wenn das derzeit häufig behauptet wird, ist im Kuratieren und Aufbereiten bereits vorhandenen Wissens. Momentan mag es noch einen gesellschaftlichen Nutzen haben, wenn Leute die Fülle der vorhandenen Informationen ordnen, sortieren, evaluieren, verifizieren und häppchenweise aufbereiten. Aber ich glaube, das werden wir alle zunehmend selber machen. Die entsprechenden Tools gibt es bereit, es bilden sich entsprechende Mechanismen heraus. Woran es momentan noch fehlt, ist die dafür notwendige Medienkompetenz, die noch nicht bei allen vorausgesetzt werden kann. Aber das wird kommen. Das Kuratieren von Informationen durch Redaktionen mag ein Modell sein für den Journalismus der nächsten fünf, zehn Jahre, aber nicht auf Dauer.

Bleibt natürlich die Frage, wer Journalismus in Zukunft bezahlen soll. Meiner Meinung nach werden das nicht die User sein. Denn ein anderer häufig genannter Zusammenhang ist ebenfalls ein Irrtum: der zwischen Relevanz und Reichweite. Beides hat nichts miteinander zu tun.

Die Relevanz eines Contents lässt sich NICHT daran ablesen, wie viele Leute sich dafür interessieren. Ich sage nur: NSU versus Königshochzeiten. Die Menschen interessieren sich im Alltag für Buntes, Skandalöses, Emotionales und nicht unbedingt für die “wirklich wichtigen” Dinge, und ich finde, das kann man ihnen nicht vorwerfen. Das geht mir auch selber oft so.

Nicht aus einer individuellen, sondern lediglich aus einer gesellschaftlichen Perspektive heraus ist es wichtig, dass möglichst viele Dinge recherchiert und veröffentlicht werden. Damit sie im Fall des Falles vorhanden und referenzierbar sind. Aber diese Rechercheergebnisse sind keine massenverkaufbare Ware. Und deshalb ist klar, dass die Finanzierung von Journalismus in  Zukunft weder über Nutzergebüren, noch über Werbung laufen kann (die ja in direktem Zusammenhang mit Reichweite und Quoten steht).

Leider befinden sich die traditionellen Medien derzeit in der Falle, dass sie sich auf der Suche nach Reichweite und damit nach Einnahmen immer weiter von genuin journalistischem Content entfernen, weil mit solchem Content eben nicht dieselben Reichweiten und Renditen erzielt werden können wie mit nicht-journalistischem Content, also mit Unterhaltung und PR. Unterhaltung (wozu auch Skandalberichterstattung gehört) erzielt Reichweiten und generiert Einnahmen. PR wiederum kostet wenig und rentiert sich daher auch bei geringeren Reichweiten, was etwa das Geschäftsmodell der Huffingtonpost ist (warum die Huffingtonpost nicht Journalismus, sondern PR ist, hat Michael Pantelouris grade auf Carta erklärt, full ack. meinerseits).

Das heißt, die Frage nach der Zukunft des Journalismus ist eine gesellschaftspolitische Frage, die nicht auf marktwirtschaftliche Weise gelöst werden kann. Angesichts der Vielzahl von anderem Content, der kostenlos verfügbar ist und das Interesse der Menschen in der Masse mehr trifft als die Ergebnisse fundierter journalistischer Recherche, werden die Leute nicht in relevantem Ausmaß dafür bezahlen. Vielleicht bei einzelnen Crowdfunding-Projekten, doch dass werden immer nur kleine Nischen sein.

Wenn der professionelle Journalismus erhalten bleiben soll, wird das meiner Ansicht nach nur über gesellschaftliche Mittel wie Kulturflatrate oder Stiftungen oder ähnliches funktionieren.

Sicher wird es auch in Zukunft noch Geschäftsmodelle für Medienangebote geben, die sich über Nutzungsgebüren oder Werbung finanzieren, aber das werden meiner Ansicht nach keine genuin journalistischen Inhalte sein, sondern in erster Linie Unterhaltung. So, wie es ein Großteil des Contents im Fernsehen oder in Zeitschriften ja jetzt schon ist.

Soweit erstmal meine Überlegungen zum Thema. Das Panel bei den Medientagen wird Anfang November auch  noch ausgestrahlt (dann reiche ich den Link nach). Bereits online steht ein Interview dazu, das der BR vor dem Panel mit mir gemacht hat (das Foto ist ein Screenshot daraus).

Weiterlesen: Information und Wissen

Diese Medien sind kaputt

Genau zehn Jahre ist es her, da schrieb Frank Schirrmacher seinen viel diskutierten Artikel “Männerdämmerung” und sagte eine Übernahme der “Bewusstseinsindustrie” durch die Frauen voraus: Von Sabine Christiansen bis Elke Heidenreich – in deutschen Medien gehe ohne Frauen bald gar nichts mehr, prophezeite Schirrmacher.

Passiert ist genau das Gegenteil: Die Medien sind so männerdominiert wie kaum noch eine andere gesellschaftliche Organisation. 98 Prozent Männeranteil in den Chefredaktionen von Tages- und Wochenzeitungen, das ist eine Dominanz wie im 19. Jahrhundert, vor der Frauenemanzipation. Beim Fernsehen, Online-Medien und Radio ist es nicht ganz so krass, aber auch da sind mehr als 80 Prozent der Redaktionen von Männern geleitet.

Dass das Problem ein generelles ist und nicht nur die obersten Führungsspitzen der Medien betrifft, zeigt nun das Programm der Medientage München im Oktober, die laut Programm “der bedeutendste Treff der Medien- und Kommunikationsbranche in Europa” sein wollen: 82 bis 84 Prozent Männeranteil bei den Mitwirkenden ist ein deutlicher Befund. Wie gehen wir damit um?

Der Verein Pro Quote setzt sich für 30 Prozent Frauenanteil in den Chefredaktionen ein. Ich selbst sehe das skeptischer. Erstens sind 30 Prozent Frauenanteil immer noch eine Männerdominanz von mehr als zwei Dritteln, außerdem sind Quoten eh nur Scheinlösungen, die das eigentliche Problem eher verschleiern als beheben.  Habe ich hier zu gebloggt.

Mein Weg wäre eher, diese eklatante Differenz offen zu thematisieren. Unsere Medien, diejenigen, die für sich beanspruchen, “Qualitätsjournalismus” zu machen und zu definieren, sind keine Institutionen, die für die Gesamtheit der Gesellschaft sprechen. Es sind Männermedien, nicht, weil sie Frauen explizit ausschließen würden, sondern weil sie faktisch  ohne Frauen auskommen und sich – wie aus dem Konzept der Medientage ganz offensichtlich wird – in ihrer Selbstanalyse auch für die Ansichten von Frauen nicht interessieren.

Und es ist ja nicht so, als ob sich diese Männerdominanz nicht auswirken würde. Es gibt in diesen Medien so gut wie keine Sachkenntnis in Hinblick auf die Geschlechterdifferenz, über Frauen und weibliche Freiheit wird fast immer unter Rückgriff auf dumme Klischees berichtet, Feminismus kommt praktisch in der Berichterstattung nicht vor, schon gar nicht dessen neuere Entwicklungen und Forschungsergebnisse  (als Ersatz wird Alice Schwarzer als Dauergast eingeladen), die Verwendung des generischen Maskulinums ist gängiger Usus und gilt ungebrochen als “professionell” und alternativlos, und es herrschen keinerlei Skrupel, offen sexistische oder frauenfeindliche Werbung zu verbreiten oder sogar selbst solche Beiträge zu produzieren.

Diese Medien, so sehe ich es, sind kaputt, und zwar unrettbar. Sie gehen mich, da ich eine Frau bin, nur bedingt etwas an. Sie haben keine Autorität, mir die Welt zu erklären, weil sie die Welt, die mich interessiert, überhaupt nicht kennen. Es gibt ganz hin und wieder auch mal was anderes, aber das muss man suchen wie die Nadel im Heuhaufen.

Es hat aus meiner Sicht keinen Zweck, da noch Energie reinzustecken.

Stattdessen greife ich lieber eine Formel auf, die die italienischen Diotima-Phiosophinnen im Anschluss an eine Einladung von Carla Lonzi diskutieren, die sagte: “Die Differenz der Frauen besteht aus Jahrtausenden ihrer Abwesenheit von der Geschichte. Profitieren wir von dieser Abwesenheit.”

Dass die derzeitigen Medien viele grundsätzliche Probleme und Schwächen haben, ist ja offensichtlich, und das betrifft nicht nur ihre fehlende Sachkenntnis im Bezug auf Feminismus und Geschlechterdifferenz. Die Abwesenheit der Frauen ist nicht das eigentliche Problem, sondern nur ein Symptom für tiefer gehende Probleme, und dabei ist es egal, ob diese Abwesenheit durch einen Ausschluss der Frauen seitens der Männer verursacht ist, oder durch ein Desinteresse seitens der Frauen.

Dass Frauen bei den derzeitigen, noch aus dem Patriarchat stammenden Medien nicht so viele Eisen im Feuer haben wie Männer, ist aus meiner Sicht eine Chance. Umso freier sind wir nämlich, ganz unabhängig davon, was dort als “normal” oder “selbstverständlich” gilt, darüber nachzudenken, wie gesellschaftliche Kommunikation, Information, Transparenz, Auseinandersetzung, Debatte und Analyse unter postpatriarchalen Vorzeichen organisiert werden kann.

Männer, die das auch interessiert, können natürlich gerne mitmachen. Und den klassischen Medien schauen wir derweil beim Sterben zu. Nicht hämisch, bloß gleichgültig.

Simone Weils Überlegungen zur Meinungs- und Pressefreiheit

Seit meinem Blogpost über Simone Weils Plädoyer für die Abschaffung der politischen Parteien liegt immer noch ihr Buch „Die Einwurzelung“ auf meinem Schreibtisch, weil ich seither vorhatte, auch noch was über ihre Überlegungen zur Pressefreiheit zu schreiben.

Nachdem ich dann heute morgen Stefan Niggemeiers Blogpost „Ekelhaft“ gelesen habe, der am Beispiel der medial inszenieren Scheindebatten über Julia Schramms angebliche Aussagen zum Thema Urheberrecht mal wieder (man könnte auch tausend andere Beispiele wählen) klar macht, wie leicht und häufig Medien nicht zu einer Urteilsfindung in der Bevölkerung beitragen, sondern diese aktiv verhindern oder gar unmöglich machen, war der Impuls endlich groß genug.

Jedenfalls finde ich ihre Überlegungen sehr bedenkenswert, gerade im Hinblick auf zahlreiche aktuelle Problemstellungen wie den Umgang mit den Sarrazins, das Urheberrecht, die Diskussionskultur im Netz und so weiter. Also, hier mein Versuch, die Ideen von Simone Weil zu vermitteln:

Normalerweise wird die Pressefreiheit ja verteidigt im Hinblick auf den Faschismus, der gezeigt habe, wohin es führt, wenn diese eingeschränkt wird. Interessanterweise bezieht sich Simone Weil (sie schreibt das 1943) ebenfalls genau darauf, nur dass sie zur entgegengesetzten Schlussfolgerung kommt:

Alles, was unzählige Dummköpfe über die Verantwortung der Schriftsteller an unserer Niederlage bis zum Überdruss wiederholt haben, ist unglücklicherweise sicher zutreffend. (45)

Im Kern ihrer Überlegungen steht die Unterscheidung zwischen Meinungsfreiheit und Pressefreiheit – beides wird heute ja häufig in eins gesetzt. Simone Weil hingegen will die Pressefreiheit beschränken, die Meinungsfreiheit aber gerade schützen, denn:

Die völlige, unbegrenzte Freiheit, jede beliebige Meinung ohne Einschränkung oder Vorbehalt zu äußern, [ist] ein unabweisbares Bedürfnis der menschlichen Vernunft. (S. 41)

Gerade das mache aber eine Beschränkung der Pressefreiheit notwendig, denn Simone Weil ist der Ansicht, dass die freie Meinungsbildung der Menschen gerade gefährdet wird, wenn sie ständig von allen Seiten mit Scheindebatten, inszenierten Pseudokonflikten, verdrehten Tatsachenbehauptungen und dergleichen zugemüllt werden. Weil schreibt:

Das der Vernunft so wesentliche Bedürfnis nach Freiheit [verlangt], dass es vor der Suggestion, der Propaganda und jeder zudringlichen Beeinflussung geschützt werde. Dies alles sind Formen des Zwanges, einer besonderen Nötigung, die zwar weder Angst noch körperlicher Schmerz begleitet, die jedoch darum nicht minder eine Vergewaltigung darstellt. … Dieser Zwang ist seiner Natur nach kollektiv, und die Seelen der Menschen sind seine Opfer. (46)

Ihr geht es darum „das äußerst empfindliche und zerbrechliche Instrument unseres Urteilsvermögens“ zu schützen, das in Gefahr sei, wenn es mit Druck, Propaganda, Loyalitätsansprüchen konfrontiert wird. Denn „wenn das Licht der Vernunfteinsicht sich einmal verdunkelt, so gerät auch die Liebe zum Guten in verhältnismäßig kurzer Zeit auf Abwege.“ (49)

Wo aber verlaufen die genauen Grenzen zwischen freier Meinungsäußerung und Pressefreiheit? Simone Weil ist klar, dass beides auf gewisse Weise miteinander zusammenhängt, und dass ihr Vorschlag letztlich in der Konsequenz dazu führt, die Möglichkeit, Dinge zu veröffentlichen, an Bedingungen zu knüpfen, also einzuschränken. Ihrer Ansicht nach ist das aber möglich, denn:

Ein und dasselbe kann zugleich begrenzt und unbegrenzt sein, wie die Länge eines Rechtecks sich unendlich verlängern lässt, ohne dass es aufhörte, in seiner Breite begrenzt zu sein.

Die (potenziell unendliche) Länge des Rechtecks liegt für Simone Weil in dem Bedürfnis, die eigene Meinung unabhängig von ihrem Inhalt öffentlich sagen zu dürfen. Dieses Bedürfnis der menschlichen Seele muss ihrer Ansicht nach unbedingt geschützt werden, zum Beispiel, indem dafür „im Bereich des Veröffentlichungswesens ein Reservat der unbedingten Freiheit“ geschaffen wird (ich frage mich, ob Blogs nicht genau dieses Reservat sind oder sein könnten). Und die Gesellschaft, so Weil, müsse verhindern, „dass dem Verfasser aus ihrer Veröffentlichung irgend welche Gefahren erwüchsen.“ (42f)

Die zu begrenzende Breite des Rechtecks hingegen liegt dort, wo etwas publiziert wird in der Absicht, die öffentliche Meinung und die Lebensführung anderer zu beeinflussen. Ich würde für heute noch anfügen, dass zu diesem Komplex auch die kommerzielle Gewinnabsicht gehört – auch der Wunsch, mit Publikationen Geld zu verdienen, Auflage und Quote zu machen, hat ja nichts mit dem schützenswerten Gut der Meinungsfreiheit zu tun. Der Grund, warum der Publikationsfreiheit unter diesen Aspekten durchaus Begrenzungen auferlegt werden können, ist laut Weil folgender:

Veröffentlichungen, die bestimmt sind, das, was man die öffentliche Meinung nennt, das heißt in der Tat die Lebensführung zu beeinflussen, stellen Handlungen dar und müssen den nämlichen Beschränkungen wie alle übrigen Handlungen unterliegen. (43)

Der Unterschied liegt also dort, wo etwas gesagt wird nicht aus dem dringenden Bedürfnis heraus, es sagen zu wollen, sondern aus dem Wunsch heraus, gesellschaftlichen Einfluss auszuüben, eine wichtige intellektuelle Rolle zu spielen oder eben, noch profaner, Geld zu verdienen. Simone Weil sagt, dass diese Unterscheidung einerseits völlig klar sei, andererseits aber natürlich im Detail schwer zu bestimmen:

Der Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, zwischen dem, was außerhalb der Handlung liegt, und dem, was an ihr teilhat, ist auf dem Papier unmöglich in juristischer Sprache zu formulieren. Was jedoch nicht hindert, dass er vollkommen klar ist. Die Trennung dieser Bereiche ist faktisch leicht durchzuführen, wenn nur der Wille, sie zu verwirklichen, genügend klar ist. (43f)

Klar ist zum Beispiel, dass alle großen Medienkonzerne dem zweiten Bereich zugehören, ebenso der öffentliche Rundfunk, aber auch Broschüren und Publikationen von Organisationen, Vereinen, Institutionen, Parteien, Unternehmen – also jegliche Propaganda und Werbung. In diesem Kontext steht dann jener Satz, der für heutige Ohren so skandalös klingt:

Das Nachrichtenwesen zum Beispiel ist einer unerbittlichen Beschränkung durch das Gesetz zu unterwerfen; sein Umfang ist in sehr beträchtlichem Maße zu verringern;  … Ebenso können Presse, Rundfunk und jede ähnliche Einrichtung einer gesetzlichen Ahndung unterliegen, nicht nur, wenn sie gegen die Prinzipien der öffentlich anerkannten Sittlichkeit verstoßen, sondern ebenfalls, wenn sie sich einer niedrigen Ausdrucksweise und Gesinnung, des schlechten Geschmacks und der Gemeinheit schuldig machen. (47)

Während also bei großen Medienkonzernen, Parteienpropaganda, Lobbyismus und so fort klar ist, dass sie auf der „zu begrenzenden“ Seite jenes Rechtecks stehen, ist bei Einzelpersonen ohne große gesellschaftliche Macht klar, dass sie auf der Seite der „unbegrenzten“ Meinungsfreiheit stehen.

Dazwischen gibt es jedoch noch einen Übergangsbereich, zum Beispiel im Fall von Intellektuellen, die zwar als Einzelpersonen auftreten, aber durch ihre Popularität eine solche Wirkmächtigkeit erreicht haben, dass sie Menschen nicht nur Kraft ihrer jeweils konkreten Argumente, sondern allein durch die ihnen zugesprochene „Bedeutung“ und Prominenz beeinflussen können. Diese haben sich nach Simone Weil ebenfalls den „Gesetzen“ unterzuordnen, oder mit anderen Worten: Sie müssen die Verantwortung für ihr (publizistisches) Handeln übernehmen und sich entsprechend für dessen Folgen zur Rechenschaft ziehen lassen und können sich nicht ohne weiteres auf die Meinungsfreiheit berufen.

Wobei Simone Weil unter „Gesetz“ hier weniger juristische Paragraphen versteht, sondern eben jene „Gesetzmäßigkeiten“, die das Funktionieren einer Gesellschaft sicherstellen und die menschlichen Grundbedürfnisse schützen. Sich entsprechend diesem „Gesetz“ zu verhalten, ist nicht nur die Aufgabe von Staatsorganen, sondern von allen. Jedenfalls hält sie auch an dieser Stelle noch einmal fest, dass diese „gesetzliche“ Beschränkung der Pressefreiheit gerade keine Beschränkung der Meinungsfreiheit ist, denn:

Eine derartige Ahndung kann erfolgen, ohne dass die Freiheit der Meinungsäußerung im geringsten beeinträchtigt wird. So kann zum Beispiel eine Zeitung unterdrückt werden, ohne dass die Mitarbeiter der Schriftleitung das Recht zu anderweitigen Veröffentlichungen nach eigenem Gutdünken einbüßen. (47)

Hier kommt dann der Übergang zu ihrer Beschäftigung mit den politischen Parteien. Beidesmal steht im Zentrum ihre Unterscheidung zwischen Individuen und Organisationen:

Einzig dem Journalisten, und nicht der Zeitung, steht, und zwar unter Vorbehalt, das Recht auf freie Meinungsäußerung zu; denn nur der Journalist ist imstande, sich eine Meinung zu bilden. Sämtliche die Freiheit der  Meinung betreffenden Probleme lassen sich ganz allgemein klären, wenn man von dem Grundsatz ausgeht, dass diese Freiheit ein Bedürfnis der denkenden Vernunft ist und dass die Vernunft einzig dem menschlichen Wesen für sich allein betrachtet zukommt. Infolgedessen kann keine Vereinigung einen berechtigten Anspruch auf die Freiheit der Meinungsäußerung erheben, weil keine Vereinigung ihrer im allergeringsten Grade bedarf. Ganz im Gegenteil, der Schutz der Gedankenfreiheit fordert, dass es einer Vereinigung gesetzlich verboten sei, einer Meinung Ausdruck zu geben. Schickt nämlich eine Gruppe sich an, irgendwelche Meinungen zu vertreten, so wird sie unvermeidlich danach trachten, diese ihren Mitgliedern aufzuzwingen. (47f)

Alle Zitate aus: Simone Weil: Die Einwurzelung. Einführung in die Pflichten dem menschlichen Wesen gegenüber. Kösel-Verlag, München 1956.

Update: Diesen Artikel über die Proteste gegen das Mohammed-Schmähvideo finde ich auch ganz interessant in dem Zusammenhang. Das Problem ist nämlich nicht, dass jemand so ein Video gedreht hat, denn als einfaches Video regt es auch nur wenige Leute auf. Die Unterscheidung zwischen Meinungs- und Pressefreiheit würde hier helfen: Denn das Problem ist nicht, dass jemand so ein Video dreht (das ist von der Meinungsfreiheit gedeckt), sondern die Art und Weise, wie in großen Medien über so etwas berichtet wird (in wiefern “Internethypes” eine ähnlich Funktion übernehmen (können) muss glaube ich noch genauer untersucht werden).

Aber wenn man diesen Unterschied nicht macht, kann man natürlich mit Hinweis auf die schlimmen Folgen der Pressefreiheit die Meinungsfreiheit einschränken und zum Beispiel Schmähvideos verbieten oder auch Internetrechte einschränken (Terrorismus!). Dabei würde es reichen, wenn man  die Medienkonzerne irgendwie dazu bringen könnte, sich bei ihrer Berichterstattung halbwegs an der Wahrheit zu orientieren anstatt sich dauernd Skandale herbeizufingieren.

(Und das Skandale fingieren beginnt heute schon auf einer sehr niedrigen Ebene, bei Alltagsthemen, nicht erst bei Gewalt usw. Es kann auch um die Frage gehen, ob Bananen gesund sind. Und “Wahrheit” bedeutet nicht, dass die einzelnen behaupteten Fakten zutreffen – wobei oft noch nicht einmal das der Fall ist – sondern ob das Bild, das man von Ereignissen zeichnet, irgendwie deckungsgleich mit der Realität ist oder nur ein verzerrter Ausschnitt davon).

Parteipolitik, Lobbyismus, kommerzieller Journalismus – that’s why nix funktioniert

Beim Frühstück las ich die taz von gestern und darin einen Artikel über familien- und ehebezogene Sozialleistungen. Für erstere gibt der Staat im Jahr 123 Milliarden, für letztere 73 Milliarden aus (überwiegend Ehegattensplitting). Das ganze System ist der helle Wahnsinn. Es gibt 152 verschiedene familienpolitische Leistungen, und kein Mensch weiß, wie dieser ganze Wust an Bestimmungen sich überhaupt auswirkt – ein entsprechendes Gutachten ist schon lange angekündigt, wird aber irgendwie nicht fertig.

Also: Es wird viel Geld unnütz verschleudert, während die meisten Familien doch selbst sehen müssen, wo sie bleiben. Das Ganze wäre für mich kein Thema, wenn es hierbei bloß um verschiedene Meinungen und Ansichten gehen würde, nach dem Motto: Die einen sind für Ehegattensplitting, andere dagegen, man tauscht Argumente aus, stimmt ab, und macht dann das, wofür die Mehrheit ist. Da würde ich mich gegebenenfalls zwar ärgern, wenn die Mehrheit es anders sieht als ich selber, aber das wäre kein prinzipielles Problem. Denn so ist das eben im Leben, dass nicht alle meiner Meinung sind.

Nein, der Artikel hat mich aufgeregt, weil das derzeitige System für Familienförderung eigentlich von niemandem befürwortet wird. Es handelt sich also gar nicht um eine politische Meinungsverschiedenheit. Alle Parteien und alle Beteiligten wissen, dass das familienpolitische Leistungskuddelmuddel Unfug ist und man dringend eine Schneise hinein schlagen und sich irgend ein halbwegs sinnvolles Modell ausdenken müsste.

Der Punkt ist: Das ist im Rahmen unserer politischen Verfahrensweisen offenbar unmöglich. Die taz zitiert einen Politiker mit den Worten: “Die gesamte Sozialpolitik ist politisch vermint. Wer sich da an einer falschen Stelle meldet, der verliert ‘ne Wahl.”

(Mal ganz abgesehen von der Frage, was so schlimm daran ist, eine Wahl zu verlieren, wenn sich herausstellt, dass die eigenen Ideen eben nicht mehrheitsfähig sind)…

… sieht man hier auch, wo das Problem ist. Das Problem ist die Art und Weise, wie über diese Dinge öffentlich verhandelt wird. Wir haben Politik in Form von Machtpositionen organisiert, um die Parteien konkurrieren, die sich entsprechend gegeneinander profilieren müssen. Sie haben kein Interesse daran, gemeinsam zu vernünftigen und sinnvollen Entscheidungen zu kommen, sondern vor allem daran, sich gegenseitig schlecht zu machen, die anderen  zu diffamieren und in ein schlechtes Licht zu rücken.

Und wir haben den gesamten öffentlichen Bereich in Form des Lobbyismus organisiert, das heißt, sobald eine Politikerin oder ein Politiker einen Vorschlag zur Reform der familienpolitischen Sozialleistungen unterbreiten würde, meldeten sich die Verbände dieser und die Verbände jener zu Wort, und ihr Kriterium wäre NICHT, ob der Vorschlag von einem allgemeinen Standpunkt aus sinnvoll wäre, sondern einzig und allein, ob er ihnen und den Interessensgruppen, die sie repräsentieren, nützt (dann wären sie Feuer und Flamme dafür) oder ob er sie im Vergleich zu heute schlechter stellt (dann würden sie ihn als Untergang des Abendlandes verdammen).

Und schließlich haben wir auch noch die veröffentlichte Meinung der Bildzeitungen, Spiegels, HartaberFairs und all den Kram, die unter Berichterstattung verstehen würden, genau diese Lobbyismus-Ansichten und Politik-Schaukämpfe gegeneinander zu hetzen, für die eine oder andere Seite, entsprechend ihrer “Blattlinie”, Partei zu ergreifen und Stellung zu beziehen. Sie würden die Sachen aufbauschen, “pointieren”, und dabei hätten sie weder eine gute Lösung für das zugrunde liegende Problem im Sinn, und noch nicht einmal die Unterstützung für diese oder jene Interessensgruppe, sondern allein ihre Quote und damit ihren kommerziellen Erfolg.

Parteipolitik, Lobbyismus und kommerzieller Journalismus sind das Dreigespann, das heute wirkliche Politik – im Sinne von: gemeinsam Regeln für das gute Zusammenleben aller zu finden – aktiv verhindert und unmöglich macht.

Die absurde Zersplitterung familienpolitischer Leistungen, die man nicht mehr eingefangen bekommt, ist natürlich nur ein Beispiel für dieses Versagen. Auch die Europapolitik funktioniert aus genau diesem Grund nicht, weil die Länder alle ihre Nationalismuskarte spielen (Deutschland vorneweg).

Auch dazu gab es ein Beispiel in der gestrigen taz. Ulrike Herrmann kritisiert in ihrem Artikel, wie die deutschen Parteien auf ein Interview von Mario Monti, dem italienischen Premierminister, im Spiegel reagiert haben – nämlich genau in der bekannt bekloppten Weise, die ich oben beschrieben habe.

Allerdings macht sie ihnen daraus einen moralischen Vorwurf, sie appelliert an die Verantwortlichen, doch bitte nicht nationalistisch zu sein. Ich glaube aber, dass es sich hier um ein grundsätzliches Problem handelt, um einen systemimmanenten Mechanismus, und nicht um ein Problem des Missbrauchs, persönlicher Eitelkeiten oder negativer Einzelfälle. Es sind nicht die einzelnen Politiker, Lobbyistinnen oder Journalistinnen schuld, wenn sie bei diesem Theater mitspielen.

Trotzdem hat aber der und die Einzelne durch aus Handlungsspielraum. Niemand ist gezwungen, sich so zu verhalten. Auch nicht innerhalb des Systems, denn “Macht und Politik sind nicht dasselbe”, und es ist durchaus möglich, auch innerhalb der gegebenen Strukturen nach einer anderen Logik zu spielen.

Allerdings: Man muss sich darüber bewusst sein, dass man dort nach einer anderen Logik spielt. Man muss bereit sein, das Risiko der Niederlage einzugehen – dafür kann man dann aber auch mehr gewinnen als Wahlen. Man kann gewinnen, dass endlich wieder Politik gemacht wird, in der Sinnhaftigkeit und Allgemeinwohl etwas bedeuten. Man kann diese wirkliche Politik aber nur zurückgewinnen, wenn man sich von der Logik der Macht (nicht von den Orten der Macht!) fernhält.

Ich werde das Thema weiter verfolgen. Auch Simone Weil ist dabei noch immer meine Lehrerin. Über ihr “Manifest zur Abschaffung der politischen Parteien” habe ich ja schon gebloggt. Sie hat sich aber auch ausführlich mit dem Thema Pressefreiheit beschäftigt (die sie für falsch hält) – ein heikles Thema, aber ich werde es demnächst mal angehen.

Ich fordere nichts von Männern. Was ich stattdessen tue.

Kürzlich starteten Journalistinnen unter dem Motto www.pro-quote.de eine Initiative, die in den deutschen Medien mehr Frauen in Führungspositionen bringen soll. Genannt wurde die Zahl von zwei Prozent Chefredakteurinnen, und das ist in der Tat ja genauso desolat wie in Aufsichtsräten. Von daher ist es der Aktion gelungen, auf eine wirklich krasse Schieflage hinzuweisen.

Trotzdem habe ich den Aufruf nicht unterzeichnet. Und zwar nicht nur, weil darin eine Frauenquote gefordert wird und ich ja bekanntlich keine große Quotenfreundin bin.

Was mich noch viel mehr stört ist, dass hier die Frauenquote gefordert wird. Der Aufruf besteht ja aus einem offenen Brief „an die Chefredakteure, Intendanten, Verleger und Herausgeber“, denen – bezeichnenderweise unter Berufung auf die Autorität eines weiteren Mannes, Gabor Steingart vom Handelsblatt – gesagt wird: „Wir fordern, dass mindestens 30 Prozent der Führungspositionen in den Redaktionen im Laufe der nächsten fünf Jahre mit Frauen besetzt werden – und zwar auf allen Hierarchiestufen. … Schaffen Sie das?“

Diesen symbolischen Akt, dass gestandene Frauen, teilweise Chefredakteurinnen, sehr viele Ressortleiterinnen, unter Berufung auf eine männliche Autorität einen Brief an ihre Kollegen und Chefs schreiben und von ihnen etwas fordern, halte ich für sehr problematisch.

Um es einmal ganz klarzustellen: Ich fordere von Chefredakteuren, Intendanten und Verlegern rein gar nichts. Ich glaube nämlich nicht, dass sie in der Lage sind, gesellschaftliche Probleme zu lösen oder dass sie dazu beitragen können, meinen Wunsch nach einer Welt mit mehr öffentlichem Einfluss von Frauen zu verwirklichen. Ich fordere von ihnen nichts, sondern ich trage mit ihnen einen politischen Konflikt aus. In diesem Konflikt bin ich die Handelnde, nicht die Bittende.

Etwas von jemandem zu fordern bedeutet immer auch, ihm Autorität zuzusprechen. Wer etwas von jemandem fordert, sagt damit zugleich aus, selbst nichts tun zu können und für das Erreichen der eigenen Wünsche und Ziele auf die Hilfe des anderen, an den die Forderung gerichtet ist, angewiesen zu sein.

Hierin liegt meines Erachtens ein wichtiger Grund, warum die Frauenbewegung für viele Frauen keine große Autorität hat: Sie stellt zu viele Forderungen und setzt sich damit selbst in die Position derjenigen, die nichts ausrichten kann. Warum soll ich mich mit meinem Wunsch, etwas zu bewirken und etwas zu tun, an einer Bewegung orientieren, die mir eingestandenermaßen gar nicht helfen kann, sondern selbst auf die Hilfe anderer angewiesen ist? Warum sollte ich mich dann nicht direkt an die Mächtigen wenden und ihnen meine Wünsche anvertrauen?

Mit Forderungen muss man sehr vorsichtig sein. Denn mit jeder Forderung bestärkt man die Macht und Wichtigkeit des Gegenübers. In der Tat war die Quoten-Forderungs-Initiative der Medienfrauen auch postwendend eine willkommene Gelegenheit für den einen oder anderen Herren Chefredakteur, sich mit seiner Meinung contra oder pro zu Wort zu melden. Der eine macht den Frauen wohlwollend von oben herab Versprechungen, sichert ihnen sein Mitgefühl und seine Unterstützung zu. Der andere erklärt ihnen, warum ihre Forderung dumm und falsch ist. So oder so: Papa erklärt die Welt und entscheidet, ob die Kinder das Bonbon bekommen oder nicht.

Ich freue mich natürlich, wenn Männer sich für die Ansichten von Feministinnen interessieren, gerne dürfen sie sich auch für Quoten einsetzen und Frauen fördern. Aber wenn sie das tun, dann ist das ihre Sache. Sie sollen es nicht mir oder „den Frauen“ zuliebe tun, sondern weil sie verstehen, warum die Abwesenheit von Frauen ein Problem ist und weil der Einsatz für mehr weiblichen Einfluss ihrer Überzeugung entspricht. Nur dann ist es etwas wert. Aber dann muss ich auch nichts mehr von ihnen fordern, denn sie sind ja sowieso schon bei der Sache.

Männer hingegen, die immer noch im Patriarchatsmodus leben und meinen, sie seien die Herren der Welt und die Repräsentanten der Normalität und könnten sowieso alles besser und seien auf Frauen nicht angewiesen – nun, solche Männer nehme ich hin wie schlechtes Wetter oder eine Lungenentzündung: Ich muss damit zurechtkommen, ich muss Gegenmaßnahmen ergreifen, ich muss sie, wo möglich, bekämpfen und versuchen, sie zu entmachten. Aber von ihnen zu fordern, sie mögen doch bitte eine Frauenquote einführen, ist in etwa so sinnvoll, wie der Lungenentzündung einen Brief zu schreiben, sie möge doch bitte weggehen oder wenigstens nicht so weh tun.

Aber auch wenn ich die Form des Protestes der Medienfrauen ganz falsch finde, so finde ich natürlich das Anliegen vollkommen richtig: nämlich dem lange angestauten Unmut über die Zähigkeit und Ignoranz der so genannten “Leitmedien” Ausdruck zu verleihen und etwas dagegen unternehmen zu wollen.

Hier ist also mein Aktionsplan, was wir dagegen unternehmen können (und was ich bereits dagegen unternehme):

  • Ich praktiziere in meinem persönlichen Einflussbereich eine 50 Prozent Frauenquote. Das heißt, ich achte bei allen Aufträgen, die ich zu vergeben habe, bei allen Menschen, über die ich berichte, bei allen Stellen, über deren Besetzung ich mit zu entscheiden habe, bei allen Podien, an deren Konzeption ich beteiligt bin, darauf, dass Frauen qualitativ und quantitativ mindestens die Hälfte ausmachen. Wenn ich mich aufgrund der herrschenden Machtverhältnisse nicht durchsetzen kann, mache ich klar und unmissverständlich deutlich, dass ich mit der getroffenen Entscheidung nicht einverstanden bin und kündige gegebenenfalls meine Mitarbeit auf.
  • Ich weise bei jeder sich mir bietenden Gelegenheit öffentlich und privat darauf hin, dass die absurde Männerdominanz in den Führungspositionen von deutschen Medienhäusern Ausdruck ihrer Inkompetenz und zunehmenden Bedeutungslosigkeit ist.
  • Ich kooperiere nicht mit Männern, die nicht aus freien Stücken heraus ebenso handeln. Ich suche wo immer möglich die Auseinandersetzung mit ihnen und bemühe mich, die Gründe meiner Entscheidung zu vermitteln. Ich gebe diesen Männern aber keinerlei Unterstützung (auch nicht bei anderen Themen), sondern versuche, ihren Einfluss, wo immer es mir möglich ist, zurückzudrängen und ihre Autorität zu untergraben.
  • Ich unterstütze Frauen, die sich für Führungspositionen in Medienhäusern interessieren, nach allen Kräften und mit allen mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Ich fördere sie unter Einsatz meiner Ressourcen, setze mich mit ihnen kritisch auseinander, stehe ihnen als Mentorin zur Verfügung und suche mit ihnen zusammen nach Wegen, wie sie ihren Wunsch auch gegen die Ignoranz der Strukturen und ihrer Kollegen und Chefs umsetzen können.
  • Ich frage Frauen, die sich für Führungspositionen in Medienhäusern nicht interessieren, nach ihren Gründen und nehme ihre Kritik, ihre Vorbehalte, ihren Unmut aufmerksam zur Kenntnis. Ich setze mich in meinem Einflussbereich aktiv dafür ein, die dabei zu Tage gekommenen Verhältnisse und Strukturen zu verändern und Arbeitsbedingungen zu schaffen, die den Wünschen von Frauen besser entgegenkommen.
  • Ich weiß, dass ein solches Engagement mit Konflikten und möglicherweise mit Nachteilen für meine eigene berufliche Karriere verbunden ist. Ich bin bereit, diese Konflikte einzugehen und mich mit meinem Engagement bei Chefs und Kollegen unbeliebt zu machen. Ich weiß, dass dieser Konflikt nicht zu umgehen ist und werde von Fall zu Fall versuchen, die Grenzen dessen was mir möglich ist, auszutesten und eventuell sogar zu überschreiten.

Wozu meine Verlegerin gut ist

Der neue Coup von Amazon, dass Autorinnen dort direkt ihre Bücher herausbringen können (ohne über Verlage zu gehen), war eigentlich absehbar. Neu ist das Modell ja  nicht, interessant eigentlich nur durch die Marktgröße von Amazon, das natürlich in einer anderen Liga spielt als Books on Demand. Aber auch schon vor dem Internet gab es Verlage, die jedes beliebige Buch herausgebracht haben, solange der Autor oder die Autorin nur genug Geld mitbrachte.

Worum es jetzt bei der Amazon-Sache geht, ist daher nicht wirklich ein neues Verfahren – Autorinnen kommen ohne Umweg über eine Verlegerin auf den Markt – sondern um das Prestige dieses Vorgehens. Wer bisher Bücher bei Books on Demand herausbrachte oder in einem dieser einschlägig bekannten “Wir-drucken-alles”-Verlage, hatte in Wahrnehmung der meisten kein richtiges Buch geschieben. Richtiger Autor war nur, wer in einem richtigen Verlag ein Buch hatte. Und je richtiger desto besser, Suhrkamp oder Ullstein ist besser, als Frauenoffensive oder Orlanda.

Es ging also im Verlagswesen schon lange nicht mehr um die Tätigkeiten, die ursprünglich mal der Grund für die Entstehung von Verlagen waren: Druck und Vertrieb von Papier. Weil das ungeheuer teuer und aufwändig war und spezialisiertes Know-How brauchte, konnten das einzelne Autoren nicht leisten und waren also auf Verlage angewiesen. Die Verlage kontrollierten den Zugang von Texten zum Markt: Sie entschieden, was gedruckt wurde und was nicht, nach politischen, nach subjektiven oder nach ökonomischen Kriterien, je nachdem.

Dies alles, diese ganze ursprüngliche Entstehungsbedingung des Verlagswesens ist bereits seit Erfindung des Internet abgeschafft, überflüssig. Wäre nur das die Aufgabe eines Verlags, wären Verlage schon längst ausgestorben.

Allerdings hatte sich zwischenzeitlich ein zweites Geschäftsfeld etabliert, nämlich die Verteilung von Status. Wer in einem “guten” Verlag veröffentlicht, bekommt – unabhängig von der Qualität des Buches – automatisch Aufmerksamkeit. Die großen Buchhandlungen haben ihre festen Regale, in denen da immer alles Neue von diesem und jenem Verlag steht, ganz unabhängig von der Qualität des Buches. Dasselbe gilt weitgehend für die Verteilung von Rezensionen in etablierten Medien.

Auf das alles könnte ich gut verzichten. Aber Verlage haben noch eine andere, positive Funktion: Sie bieten eine gewisse “Vorsortierung”. Ich zum Beispiel veröffentliche in etablierten Frauenbuchverlagen (bei Ulrike Helmer und bei Christel Göttert), und das hat den Vorteil, dass meine Bücher direkt ein interessiertes Publikum erreichen und gezielt auf dieses zugeschnitten vermarktet werden. Durch die verschiedenen Spezialisierungen und weltanschaulichen Ausrichtungen von Verlagen, sind sie Wegweiser für bestimmte Standards, und diese Funktion ist gut. Ob man denselben Nutzen nicht heute in Zeiten des Internet auch anders haben könnte, ist natürlich fraglich.

Der Hauptgrund, warum ich auf eine Verlegerin nicht verzichten will, ist aber der Austausch, die inhaltliche Debatte, und natürlich das Lektorat. Ein Buch zu schreiben ist oft eine einsame Angelegenheit. Durch die Diskussion mit meinen Verlegerinnen, durch das Hin und Her im Prozess des Lektorates, sind alle meine Bücher bisher wesentlich besser geworden. Auch haben die Verlegerinnen einen ganz anderen Blick auf ein mögliches Marketing, auf griffige Titel (“Methusalems Mütter” war zum Beispiel Ulrike Helmers Idee, nicht meine), sie kennen die Marktlage, sie können “Benchmarking” betreiben, also beurteilen, was momentan gefragt ist und was eher nicht.

Diese Kooperation zwischen Autorin und Verlegerin, diese Verbindung zwischen subjektivem, persönlichen Denken und Schaffen, und seiner Vermittlung nach draußen hin, in die Welt mit ihrem  Zeitgeist, ihrem Mainstream, ihren Moden und so weiter ist für mich das Herzstück heutiger Verlagsarbeit. Dass da eine ist, die mich darauf hinweist, wenn Sätze und Gedanken unverständlich sind, die darauf besteht, dass potenzielle Leserinnen und Leser das verstehen, die kritisch nachfragt, ob das, was ich da geschrieben habe, überhaupt stimmt oder richtig ist. Und so weiter.

Und ich glaube tatsächlich, dass es der Qualität vieler Bücher abträglich wäre, wenn es diese Kooperation nicht mehr gäbe. Möglicherweise sterben Verlage aus, weil Druck und Vertrieb von Büchern tatsächlich besser von Amazon abgewickelt werden können. Und möglicherweise sterben sie jetzt noch schneller aus, weil Amazon das Selbstverlegen von Büchern quasi gesellschaftsfähig macht und das Geschäftsmodell “Wir verleihen Autoren Status” damit zusammenbricht.

Aber ich hätte dann eine Idee für ein neues Geschäftsfeld: Verlage könnten DienstleisterInnen werden für Autoren und Autorinnen, die sich der Begrenztheit ihrer eigenen Fähigkeiten und Sichtweisen bewusst sind und ihre längeren Texte gerne einem professionellen “Realitätscheck” unterziehen möchten, bevor sie sie in die breite Öffentlichkeit entlassen. Vielleicht wäre das Geschäftsmodell dann umgekehrt wie heute: Nicht die Autorin bekommt einen bestimmten Betrag pro verkauftem Buch von der Verlegerin bezahlt, sondern andersrum.


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Der Datenschutz und ich

Mein Tagebuch. Nur für mich bestimmt. Auch wenn andere darin lesen.

Kürzlich saßen wir tratschend und klatschend beisammen und erzählten so: Die hat sich von dem getrennt, nachdem sie Dinge in seinem Tagebuch gelesen hatte.

Daraufhin die spannende Frage nach der Schuld.

„Selbst schuld. Er hätte sein Tagebuch halt nicht herumliegen lassen sollen.“

„Was sie gemacht hat, war unmoralisch. Sie hätte nicht in seinem Tagebuch lesen dürfen.“

Wer ist schuld? Diejenigen, die ihre Daten nicht genug schützen? Oder diejenigen, die die Daten anderer ohne Erlaubnis verwenden? (Die sehr interessante Variante, wonach er sein Tagebuch absichtlich hat herumliegen lassen, damit sie es findet, weil er zu feige war, die Beziehung selbst zu beenden, lassen wir hier mal außen vor).

Ich selbst bin in dieser Frage parteiisch, weil ich auch einmal von einer großen Liebe verlassen wurde, nachdem er in meinem Tagebuch gelesen hatte. Damals war ich zwanzig und sehr wütend.

Und zwar war ich nicht wütend, weil er mein Tagebuch gelesen hatte, sondern weil er die völlig falschen Schlüsse daraus gezogen hat. Das Händchenhalten mit jemand anders war nicht so gemeint gewesen, wie es bei ihm ankam, es hatte nicht dieselbe Bedeutung wie in seiner Interpretation. Ich fühlte mich ungerecht behandelt. Aber ein Gespräch war nicht möglich, weil seiner Meinung nach „die Fakten für sich sprachen.“

Fakten aber sprechen nicht für sich. Sie müssen immer interpretiert und in einen Kontext gestellt werden.

Das ist bei Daten im Internet genauso wie mit Daten in einem Tagebuch. Nur dass das ganze Problem mit dem Internet sehr viel komplexer geworden ist, weil es viel mehr Daten gibt, die herumzirkulieren und viel mehr Leute, die darauf Zugriff haben, und weil es viel komplizierter ist, die eigenen Daten zu beschützen.

Mit dem Verschlüsseln von Daten hatte ich allerdings auch vorher schon Probleme. Mein erstes Tagebuch bekam ich zu Weihnachten 1975, da war ich elf. Im Sommer 1977 verlor ich den Schlüssel. Im Dezember habe ich das Tagebuch dann aufgebrochen. Ich wollte weiter reinschreiben. Mir war damals schon klar, dass meine Mutter jetzt darin herumlesen könnte. Ich entschloss mich, es darauf ankommen zu lassen.

Bis heute habe ich eine Aversion gegen das Verschlüsseln, zumindest wenn ich selbst mich darum kümmern soll. Es ist mir zu umständlich. Ich bin dafür auch sowieso zu schusselig. Bis heute bin ich der Meinung, schuld sind nicht die, die Daten nicht verschlüsseln, sondern diejenigen, die Daten von anderen missbrauchen. Und dieser Missbrauch besteht nicht darin, Daten überhaupt in Erfahrung zu bringen, sondern darin, sie entgegen der Intention ihrer Urheberin zu verwenden. So wie dieser Mann, der seine falschen Schlüsse aus dem Fakt des Händchenhaltens zog.

Wahrscheinlich ist das einfach auch meine Erziehung. Von meiner Mutter gab es eine strikte moralische Vorgabe, die darin bestand, dass die größte Sünde ist, zu lügen. Oder anders: Man muss zu den Dingen stehen, die man tut, man muss sie durchkämpfen. Nicht verheimlichen.

Viele sagen mir, das sei naiv, möglicherweise ist es das. Der Punkt ist halt, dass ich nicht anders kann. Das hat mir schon vielerlei Nachteile verschafft. Ich habe mal eine Redakteurinnenstelle bei einer kirchlichen Zeitung nicht bekommen, weil bekannt wurde, dass ich und mein Ex (ein anderer) unsere Ehe mit einer großen Scheidungsparty beendeten (das war in den 1980er Jahren, da war man auch bei der evangelischen Kirche noch pingelig mit solchen Dingen).

Auch das ist ein Missbrauch von Daten gewesen. Klar kann man sagen, es war naiv von mir, das offen herumzuerzählen. Schuld sind aber dennoch die, die glauben, das Feiern einer Scheidungsparty mindere die Arbeitsqualität einer Journalistin.

Ich will daraus gar keine prinzipielle Sache machen. Die Leute sind verschieden, ich bin eben so. Es ist keine Frage von Entweder-Oder: Datenschutz versus verantwortlicher (und das bedeutet: nicht gegen die Intention der Urheber_innen gerichteter) Umgang mit Daten. Es ist gut, dass es Datenschutz gibt und Leute, die sich darum kümmern. Aber ich denke, wir müssen – gerade, aber nicht nur im Internet – an beiden Seiten aufmerksam sein und ein Bewusstsein schaffen.

Mich stört also nicht der Datenschutz als solcher, sondern dass so getan wird, also wäre an diesem Ende das ganze Problem zu lösen. Mich stört, dass immer nur über den Datenschutz geredet wird und über die andere Seite nicht. Mir erscheint das wie eine Kapitulation vor der bösen Welt. Vielleicht ist die Chance dafür, eine Kultur der Transparenz und des verantwortlichen Umgangs mit Daten, die nicht für mich bestimmt sind, einzuführen, gleich Null. Ich will sie trotzdem haben.

Das Thema ist mir auch deshalb so wichtig, weil der Kampf für Datensicherheit ja immer schwieriger und aussichtsloser erscheint. Er frisst so viel Energie. Und dann passieren doch immer wieder „Unfälle“. Und es verarmt unsere Kultur. Zum Beispiel auf Facebook: Aus Angst vor der missbräuchlichen Verwendung ihrer Daten schreiben viele Leute nur völlig belangloses und harmloses Zeug. Sie pflegen ihr Profil wie eine Pressestelle. Das wäre so ähnlich, wie wenn ich in mein Tagebuch nur noch reinschreibe, was alle Welt lesen darf. Es wäre dann kein Tagebuch mehr.

„Bei unserem Wochenend-Streit hat T. in meinem Tagebuch gelesen, ohne dass ich es ihm gegeben habe. Das macht mir nichts aus, ich hoffe bloß, dass ich damit jetzt nicht irgendeine Selbstzensur anfange, aber ich glaube, seitdem M. es gelesen hat, rechne ich ohnehin immer damit. Sei’s drum.“ Das schrieb ich im Mai 1988.

Und so halte ich es im Prinzip auch heute noch, Internet hin oder her. Mein Bemühen geht nicht dahin, meine Daten zu schützen, sondern eher dahin, mich von der Gefahr ihrer missbräuchlichen Verwendung nicht verängstigen zu lassen. Wobei man natürlich sagen muss, dass ich dafür eine recht komfortable Ausgangsposition habe: Ich bin alt genug, um schon manches erlebt zu haben, ich kenne mich beruflich mit den Mechanismen von PR aus, ich bin wirtschaftlich recht gut abgesichert. Aber umso mehr: Wer, wenn nicht Leute wie ich, sollen denn dieses Risiko eingehen? Sollen wir es den Jugendlichen überlassen, die Risiken und Nebenwirkungen auszutesten? I don’t think so.

Das Neue am Internet ist, dass die Zielgruppe einer Information nicht mehr am Medium zu erkennen ist. Das ist ein Fakt. Früher oder später steht alles im Internet, davon bin ich überzeugt. Es gibt ja zum Beispiel sehr gute Gründe dafür, auch ein ganz persönliches Tagebuch, das nur für eine selbst bestimmt ist, ins Internet zu stellen – das weiß ich, seit mir einmal ein fast vollgeschriebenes Tagebuch in Barcelona aus dem Auto geklaut wurde. Ein Verlust, den ich heute noch fast mehr betrauere als den jener großen Liebe.

Und deshalb werde ich für eine Kultur werben, in der man Tagebücher herumliegen lassen darf, ohne dass einer daraus ein Strick gedreht wird. Ich schreibe gerne so banale Dinge ins Internet wie dass ich mir in Oslo Gummistiefel gekauft habe oder was es heute bei mir zu essen gab. Macht euch darüber nur lustig, es gibt Menschen, die das interessiert. Vielleicht acht oder so. Die anderen 246 Facebook-Kontakte müssen es halt überlesen. Oder sie lachen über mich, das sei ihnen gegönnt. Oder sie schicken mir ab morgen Spammail aus ihrem Schuhladen. Auch das werde ich überleben. Aber dann weiß ich zumindest, dass das Leute sind, die nicht wissen, was sich gehört.

Postscriptum: Ich hätte bei unserem eingangs geschilderten Gespräch ja gerne gewusst, was sie in diesem Tagebuch gelesen hat, das sie dann veranlasste, ihn zu verlassen. Die Lippen desjenigen, der die Geschichte erzählte, waren aber versiegelt. Diese Information war vertraulich. Ja, auch mit sowas muss man leben. Zuweilen.


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