Freiheit unterm Schleier? Hm, so eher nicht

Mit dem muslimischen Kopftuch geht es mir ein bisschen wie mit der Prostitution: Ich bin unbedingt dagegen, es zu verbieten oder Frauen, die sich dafür entscheiden, zu stigmatisieren, zu diskriminieren oder für willenlose Opfer zu halten. Aber ich bin gleichzeitig der Ansicht, dass es sich dabei um eine Praxis handelt, die nur innerhalb von patriarchalen Kulturen Sinn ergibt und die ich daher nicht wirklich gut finden kann.

Leider ist aber auch beim „Kopftuchthema“ die Debatte völlig verengt auf die Frage, ob und wie es gesetzlich geregelt gehört. Auf der Contra-Seite werden die unterschiedlichsten und oft abenteuerliche Dinge hineininterpretiert, die Pro-Seite beschränkt sich meistens darauf, es zu einer individuellen Angelegenheit der betreffenden Frauen zu erklären, die niemanden sonst etwas angehe. Mit beidem bin ich nicht einverstanden.

Ich bin der Ansicht, dass eine Debatte über dieses Thema nur möglich ist, indem man die Gründe und Argumente von Frauen, die das Kopftuch tragen, hört und ernst nimmt. Ich bin aber auch der Ansicht, dass ein solches sichtbares Symbol, das die Erscheinungsweise von Frauen in der Öffentlichkeit prägt  – und es gibt ja in Deutschland schon längst mehr nur als eine Handvoll von Kopftuchträgerinnen – nicht einfach nur Privatsache ist, sondern etwas, das uns alle betrifft. Zumindest betrifft es auch mich, die ich ja auch eine Frau bin.

Natürlich gibt es unzählige unterschiedliche Gründe, warum eine Frau das muslimische Kopftuch trägt (es gibt ja auch andere Kopftücher). Manche tun es aus Tradition oder Gewohnheit, manche als sichtbares Zeichen ihrer Frömmigkeit oder ihrer Zugehörigkeit zum Islam, manche vielleicht auch einfach nur als Mode oder um ihre Eltern zu ärgern oder um ihren Eltern einen Gefallen zu tun.

Eine feministische Aktivistin hat mal gesagt, sie trägt es, um keine Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass sie eine lupenreine Muslimin ist, aber sie trägt es auf eine untypische Weise, um gleichzeitig deutlich zu machen, dass sie sich nicht der üblichen patriachalen Tradition ihrer Religion verpflichtet fühlt, was eine Begründung war, die mir besonders gut gefiel.

Das alles sind aber sozusagen, wie man auf philosophisch sagen würde, „kontingente“ Gründe, das heißt, sie hängen nicht wesentlich mit dem Kopftuch zusammen, sondern sind dem Zufall der historischen oder persönliche Umstände geschuldet. Das bedeutet nicht, dass sie unwichtig sind, ganz im Gegenteil, das Kontingente ist meist viel wichtiger als Prinzipien oder Theorien. Aber an dieser Stelle interessiert es mich mal nicht.

schleierWas soll also das Kopftuch, eigentlich? „Unter dem Schleier die Freiheit. Was der Islam zu einem wirklich emanzipierten Frauenbild beitragen kann“ – unter diesem Titel hat Khola Maryam Hübsch jetzt eine Antwort auf diese Frage versucht. Und mit dieser Antwort möchte ich mich hier auseinandersetzen, weil ich mit ihr nicht einverstanden bin.

Wobei ich vorausschicken muss, dass ich mit dem Allermeisten, was sie schreibt, durchaus einverstanden bin. Ein großer Teil des Buches besteht in der Zurückweisung unangemessener und klischeehafter Zuschreibungen an das Kopftuch und aus einem Plädoyer gegen jegliche Verbote, und das sehe ich alles, wie gesagt, ganz genauso.

Der zweite Argumentationsstrang handelt von der Liebe, und zwar von der heterosexuellen Ehe zwischen einer Frau und einem Mann. Ihre Kritik wendet sich, wenig überraschend, gegen die Sexualisierung des weiblichen Körpers, gegen die romantischen Liebesklischees, die allzu oft ins Unglück führen und dergleichen. Ihre Hauptreferenz ist dabei die Studie „Warum Liebe wehtut” von Eva Illouz, über die ich ja auch schon gebloggt habe. Auch dieser Analyse kann ich weitgehend zustimmen, das ist alles nicht schön.

Aber. Ist das Kopftuch, beziehungsweise die Art von Geschlechterbeziehungen, für die es (laut Hübsch) im Islam steht, eine Lösung für all das? Ein Wort, das sie in dem Zusammenhang oft verwendet, ist „reizarm“. Ihre Argumentation ist letztlich: Eine Kleidung, die den Körper „reizarm“ verhüllt, bewirkt, dass Männer und Frauen füreinander sexuell nicht so anziehend sind, und das wiederum hat zur Folge, dass es weniger Fremdgehen und damit stabilere Ehen gibt, was das Leben für alle, die sich dauerhafte Paarbeziehungen wünschen, leichter macht. Wobei Hübsch betont, dass „Reizarmut“ ein Gebot für Frauen und für Männer sei.

Mal ganz abgesehen davon, dass Homosexualität in diesem Modell als Möglichkeit gar nicht vorkommt, bezweifle ich sehr, dass das so funktioniert. Ich selbst habe einige Erfahrung mit „reizarmer“ Kleidung, sie ist nämlich das, was ich schon immer trage. „Sexy“ kommt in meinem Kleiderschrank nicht vor – aber das hat keineswegs verhindert, dass ich mich permanent in jemanden verliebt habe und alle möglichen Leute sich in mich verliebt haben.

Möglicherweise hat die Art der Kleidung eine Auswirkung auf spontane körperliche Geilheitsanfälle, aber das, was für monogame Beziehungen die viel größere „Gefahr“ ist (wenn man dem Konzept denn mal folgen will), nämlich die Attraktivität einer Person, das Interesse an jemand, das Herzklopfen macht und den Wunsch hervorruft, diese Person wiederzusehen und Zeit mit ihr zu verbringen, das ist von „reizhafter“ Kleidung meiner Erfahrung nach ziemlich unabhängig.

Deshalb zweifle ich auch an Hübschs These, dass gerade das „Kopftuch“ – nicht als isoliertes Kleidungsstück sondern als Ausdruck von „reizarmer“ Kleidung generell – den Nutzen hat, öffentliches Wirken von Frauen leichter zu ermöglichen, weil es sozusagen verhindert, dass sich das öffentliche Wirken mit emotionalem und potenziell ehezerstörendem Beziehungskuddelmuddel vermengt.

Meine Gegenthese gegen diese Begründung für das Kopftuch wäre: Überall dort, wo Frauen mit Männern zusammentreffen (und, im Fall dass sie lesbisch sind, auch dort, wo sie mit Frauen zusammentreffen), besteht die „Gefahr“, dass sie diese anderen Männer_Frauen attraktiv und interessant finden oder von diesen attraktiv und interessant gefunden werden. Kein Kopftuch der Welt kann diese „Gefahr“ auch nur um ein Minimum reduzieren. Mit dieser „Gefahr“ müssen wir alle – als Gesellschaft und als Einzelne – umgehen.

Dafür gibt es ja unendlich viele Möglichkeiten, von innerer Entschlossenheit aus dem festen Wille zu unbedingter „Treue“ auf der einen Seite bis hin zur gänzlichen Verabschiedung der Monogamie auf der anderen. Aber irgendwo auf dieser Skala müssen wir uns ansiedeln – jedenfalls alle diejenigen von uns, die draußen in der Welt aktiv sind und dort mit anderen Menschen als unserem Ehemann oder unserer Ehefrau zu tun haben oder (möglicherweise sogar eng) zusammenarbeiten.

Die einzige Möglichkeit, dieser Problematik aus dem Weg zu gehen, ist es, gar keine außerehelichen Beziehungen zu anderen Menschen zu haben. Oder, wenn man in Hübschs strikt heterosexuellem Kosmos bleibt: Keine außerehelichen Beziehungen zu anderen Männern. Und leider ist das ja eine Interpretation, die dem real existierenden Islam nicht ganz fremd ist.

Natürlich grenzt sich Hübsch von solchen frauenfeindlichen Ideologien klar ab. Aber sie selbst schreibt auch nichts über das öffentliche Wirken von Frauen. Unter weiblicher Freiheit scheint sie nur die Freiheit zu verstehen, einen guten Mann zu finden und mit ihm eine stabile dauerhafte Ehe zu führen. Und das Kopftuch soll dabei helfen, weil es (angeblich) verhindert, dass andere Männer sie attraktiv finden.

Aber eine Frau, die klug und stark in der Welt wirkt, ist nunmal attraktiv. Auch wenn sie ein Kopftuch trägt. Let’s deal with that.

Khola Maryam Hübsch: Unter dem Schleier die Freiheit. Patmos 2014, 192 Seiten, 16,99 Euro.

Vollkommen schamlos

sufi

Achtung, dieser Blogpost enthält Spuren von Frömmigkeit.

Nachdem mir ja das Kirchentagsprogramm keine große Hilfe im Auffinden interessanter Veranstaltungen war, benutzte ich gestern Abend einfach die Funktion „In der Nähe“ der Kirchentags-App und besuchte die einzige Veranstaltung in der Gegend meines Hotels: „Drehtanz aus der Sufi-Tradition zum Mitmachen“ in der Apostelkirche in Eimsbüttel.

Und was soll ich sagen? Es war eine gute Wahl (bzw. eben keine Wahl meinerseits, sondern göttliche Fügung, haha. Kein Scherz).

Sufi ist ja eine muslimische Variante der Mystik, also eine Praxis, wie man unmittelbare Verbindung zu Gott bekommen kann („unmittelbar“ heißt, ohne Vermittlung etwa über eine Heilige Schrift oder einen Priester etc.). In diesem Fall besteht diese Praxis darin, sich dauernd im Kreis zu drehen, und zwar immer in dieselbe Richtung, zu einer meditativen Musik.

In der Apostelkirche waren eine Art „Sufi-Band“ und einige professionelle Sufi-Tänzerinnen und Tänzer, die genaue Einführung habe ich nicht mitbekommen, weil ich zu spät kam, aber sie hat auch nicht lange gedauert, das meiste war tatsächlich das Tanzen. Oder sich im Kreis drehen. Dazu gab es keine Anleitung oder so, es ging einfach die Musik los und dann haben die Leute aus dem Publikum angefangen zu tanzen, je nachdem wie sie Lust hatten. Natürlich nicht alle, aber doch viele, im Übrigen auch viele Männer. Einige schienen auch schon Erfahrung darin zu haben, anscheinend gibt es in Deutschland Kurse für Sufitanz. Erkennbar waren die „Profis“ daran, dass sie Spezialschuhe trugen, Spezial-Sufi-Schuhe, eine Art Mischung aus Ballerinas und Stiefeletten.

Wie auch immer, ich selbst tanzte nicht mit, sondern saß nur da und schaute mir das an, allerdings zweieinhalb Stunden lang praktisch bewegungslos, wodurch ich auch ein bisschen in Trance geriet. Ein paar der Mantras habe ich mitgesungen. Allah u Allah.

Und irgendwann merkte ich, dass ich richtiggehend glücklich war, genau an diesem Ort zu sein. Vor meinen Augen hatte ich all die Klischees, die über die evangelische Kirche so kursieren, die Männer-Softies in unmodischen Cordhosen und Blazern über Rollkragenpullis, die dicken Frauen in den wallenden Leinenkleidern, die hageren Betschwestern und so weiter, ja, sie alle waren da, und nicht nur das, sie tanzten da auch noch nach irgendwelchen orientalischen Klängen albern im Kreis herum. Sie wären ein gefundenes Fressen gewesen für jeden taz- oder Titanicreporter.

Aber diesen Menschen war das völlig egal. Sie kannten keine Scham. Sie bewegten ihre alten und jungen, weiblichen und männlichen, sehr sehr dicken und sehr sehr dünnen, eleganten und plumpen, beweglichen und steifen Körper durch diese Kirche, mit albernen Gesichtern und komischen Verrenkungen, manche schnell und souverän, andere im Schneckentempo, aber niemand wäre auf die Idee gekommen, darüber zu lachen. Es war einfach keinerlei Coolness im Raum. Und selbst die wenigen, die sich möglicherweise ein wenig eitel darin gefielen, das Sufitanzen schon besonders gut zu beherrschen, störten das Gesamtgeschehen nicht. Wenn überhaupt, dann waren eher sie es, die ein bisschen lächerlich wirkten, aber nicht mal das. Gestern Abend, an diesem Ort, brauchte sich niemand wegen irgendetwas zu schämen, nichtmal wegen eventueller Eitelkeit. Ich saß zweieinhalb Stunden auf meinem Hintern, hörte die Musik, sah den Menschen zu, und war glücklich.

„Und sie kannten keine Scham“ wird über Eva und Adam im Paradies gesagt. Und ich glaube, das ist wirklich etwas, das paradiesische Zustände beschreibt: ein Ort, wo niemand sich schämt, wo alle so sind, wie sie sind, ohne beurteilt zu werden. Ein Ort, wo man sicher sein kann, dass jemand zu Hilfe kommt, wenn man hinfällt (und es sind gestern Abend einige hingeknallt, die vermutlich ihre Fähigkeit überschätzt hatten, sich ohne schwindlig zu werden dauernd in dieselbe Richtung zu drehen), und zwar ohne dass die Frage der Schuld überhaupt nur von Ferne im Raum steht. Ein Ort, wo die Körperlichkeit des Menschen zentral wichtig ist und geschützt wird, ohne dass damit irgendwelche Normierungen und Erwartungen und Ideale in irgendeiner Weise verbunden sind.

Einen Ort, an dem wir wirklich „nackt“ sein können, so nackt, wie sich die Menschen bei diesem Sufitanzen gemacht haben, obwohl sie natürlich Kleider am Leib hatten. Also ehrlich, ich glaube, ich war gestern Abend kurz im Paradies.

Leila Ahmed: Die „stille Revolution“ der Islamistinnen

Leila Ahmed. Foto: Yalebooks

Als Kind hat Leila Ahmed in den 1940er Jahren in Ägypten die Anfänge des Islamismus miterlebt. Sie erlebte, wie die Muslimbrüderschaft nach und nach die Deutungshoheit über das, was „der wahre Islam“ sei, für sich beanspruchte, und wie der Hijab, diese spezielle Kopf- und Körperbedeckung, zum Signal und Markenzeichen der der Bruderschaft verbundenen Frauen wurde.

Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 beobachtete Ahmed, die inzwischen in den USA lebt und Professorin an der Harvard Divinity School ist, auch unter amerikanischen Musliminnen eine Zunahme der „Hijabistas“. Ein Phänomen, das sie als liberale Muslimin zunächst besorgniserregend fand.

Über viele Jahre hinweg hat sie daraufhin die Bedeutungen und Debatten rund um das Thema Kopftuch und Geschlechterrollen untersucht, und zwar nicht im Islam generell, sondern speziell im Islamismus, also eben jener religiösen „Erweckungsbewegung“, die ihren Anfang in der ägyptischen Muslimbrüderschaft nahm und später vor allem vom saudischen Wahabismus beeinflusst war. (Der lange Zeit von den USA gezielt gefördert wurde. Mit dessen Unterstützung der Islamismus auch im Ausland, zum Beispiel eben in den USA, Bedeutung gewann. Und der nicht gleichzusetzen ist mit Terrorismus).

Besonders hat sich Ahmed für die Frage interessiert, wie der Islamismus sich heute in den USA entfaltet. Ihre – wie sie schreibt auch für sie selbst überraschende – Erkenntnis und These des Buches ist, dass sich derzeit innerhalb des US-amerikanischen Islamismus eine „stille Revolution“ vollzieht, die vor allem von Frauen, aber auch von Männern einer jüngeren Generation angestoßen wird.

Diese jüngeren Kräfte würden fundamentalistische, patriarchale und nationalistische Meinungsführer innerhalb der islamistischen Moscheen und Dachverbände zunehmend in Frage stellen und offen kritisieren. Dabei würden sie amerikanisch-westliche und muslimische Grundwerte für miteinander vereinbar erklären – insbesondere unter dem Stichwort sozialer Gerechtigkeit.

Ihre Hauptanliegen seien die Vermittlung eines friedlichen und menschenfreundlichen Islam in der Mehrheitsgesellschaft, die größere Beteiligung von Frauen an religiösen Hierarchien, die Schaffung von gleichwertigen Räumen für Frauen in den Moscheen, das Eintreten für Minderheiten sowie die Abkehr von einer oft nationalistischen Bindung an die Herkunftsländer ihrer Eltern und der dortigen Politik hin zu einem größeren Bekenntnis zum eigenen „Amerikanischsein“.

Dabei reiche das Spektrum von eher konservativen Reformerinnen, die oft innerhalb der islamistischen Organisationen arbeiten und dort teilweise auch Positionen innehaben bis hin zu radikalen liberalen Theologinnen und Aktivistinnen, die patriarchale und fundamentalistische Praktiken eher von außen angreifen – aber häufig selbst biografisch Verbindungen zum Islamismus haben.

Obwohl diese beiden Flügel oft gegensätzlich argumentieren und sich auch gegenseitig kritisieren, so Ahmeds These, würden sie sich letztlich gegenseitig stärken und befruchten. Zum Beispiel ist ihr aufgefallen, dass die konservativeren Frauen innerhalb der Moscheen sich zwar nicht aktiv für die Rechte zum Beispiel von Homosexuellen einsetzen, aber sich auch nicht dagegen aussprechen, wenn die radikaleren Stimmen das tun.

Möglich geworden sei dieser Aufbruch im Zuge der islamfeindlichen Stimmung im Anschluss an den 11. September, glaubt Ahmed. Die öffentliche Aufmerksamkeit für den Islam und die offene Islamfeindlichkeit großer Teile der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft habe zwei Folgen gehabt, die nur auf den ersten Blick widersprüchlich scheinen: Einmal eben jene starke Zunahme von Musliminnen, die bewusst angefangen haben, Hijab oder Kopftuch zu tragen, um ihren Protest gegen Islamfeindlichkeit zu untermauern und die von außen als „Botschafterinnen“ eines friedlichen Islam wahrgenommen werden wollen. Gleichzeitig seien die bisherigen Führungsmänner innerhalb der Moscheen und Dachverbände unter Druck geraten und könnten sich krass patriarchale Töne nicht mehr leisten. Ahmed hat etwa beobachtet, dass bei den Jahreskongressen des islamistischen US-Dachverbandes sukzessive der insgeheime „Verschleierungszwang“ gelockert wurde, ebenso wie die Rigidität der Geschlechtertrennung in der Sitzordnung. Außerdem seien dort auch zunehmend kritische Redner und Rednerinnen eingeladen worden, denen man vorher niemals das Wort erteilt hätte.

Das Buch ist auch wegen der vielen Detailinformationen lesenswert. Genau beschreibt Ahmed die Geschichte der Muslimbruderschaft, von ihrem Beginn zu einer Zeit, als in Ägypten bei der Mehrheitsgesellschaft die Nachahmung europäischer Lebensstile en Vogue war, über die staatliche Verfolgung der Islamisten bis zu ihrem fulminanten Aufstieg und Ausbreitung in jüngerer Zeit, der vor allem mit dem Versprechen sozialer Gerechtigkeit verknüpft war. Dabei erfährt die Leserin vieles über die wechselnden Bedeutungen, die dem Hijab im Lauf der Zeit von verschiedenen Seiten und Interessensgruppen zugesprochen wurden, und auch über das Denken einzelner maßgeblicher Protagonisten – und auch Protagonistinnen, wie etwa die einflussreiche „Urmutter“ der Muslimbrüder, Zainab al-Ghazali.

Ebenso detailreich beschreibt Ahmed im zweiten Teil des Buches die Entwicklungen nach dem 11. September in den USA, wobei sie die Ideen zahlreicher maßgeblicher muslimischer Protagonistinnen im Einzelnen beschreibt. Wobei es ihr gelingt, zu zeigen, dass die „stille Revolution“, die sie betreiben, tatsächlich auch auf Wurzeln zurückgreifen kann, die innerhalb der islamistischen Weltsicht selbst bereits angelegt waren.

Eine wirklich interessante Studie, die so manche Frage aufwirft, vor allem die, ob es den Protagonist_innen dieser „stillen Revolution“ gelingt, auch auf die islamistischen Doktrinen und Praktiken in jenen Ländern zurückzuwirken, in denen Islamisten politische Macht oder gesellschaftliche Hegemonie haben, und die, so Ahmed, nach wie vor „endemisch patriarchal“ sind.

Außerdem würde ich gerne ein deutsches Äquivalent zu dieser Studie haben.

Leila Ahmed: A Quiet Revolution. The Veil’s Resurgence from the Middle East to America. Yale University Press, 2011, 352 Seiten.

Weibliche Gelehrte im Islam

Hier hat jemand ein sehr fleißiges Buch über weibliche Gelehrte im Islam geschrieben, das ich mit einiger Faszination gelesen habe. Mohammad Akram Nadwi hat mit großer Akribie in den Quellen aufgespürt, welche Frauen wo, wie und wann sich an der Überlieferung von Hadithen beteiligt haben, also von Erzählungen und Berichten aus dem Leben des Propheten Mohammed, die für Muslime und Musliminnen nach dem Koran die zweitwichtigsten Quellen dafür sind, um herauszufinden, was Menschen tun sollen, was erlaubt und verboten ist.

Für alle, die den Islam für eine bloße Männerreligion halten, ist das schonmal lehrreich, weil allein die Fülle an Material diese Behauptung obsolet macht. So stammt die zweitgrößte Anzahl an Hadithen, nämlich über 2000, von Aisha, einer der Ehefrauen Mohammeds. Dass Frauen nach islamischer Praxis und weitem Konsens nicht nur lernen, sondern auch lehren können (und zwar auch Männer), wird ebenso klar.

Überhaupt hat es vor allem in den ersten zwei Jahrhunderten viele Frauen gegeben, die Hadithe erzählten und weiter erzählten, während ihre Anzahl in den Jahrhunderten danach stark zurück gegangen ist, was Nadwi damit erklärt, dass dann die Tradierung mehr mit Reisen verbunden war, woran weniger Frauen beteiligt waren (einige aber doch). Die Feministin denkt dabei natürlich auch unweigerlich an jenen allgemeinen Trend in sozialen Bewegungen, dass fast immer die Beteiligung von Frauen in den Anfangszeiten sehr viel höher ist als in den darauf folgenden Phasen der Institutionalisierung und Konsolidierung.

Abgesehen davon, dass dieses Buch natürlich ein großer Fundus für alle möglichen Arten von historischer Islamforschung ist, fand ich vor allem das Vorwort spannend. Darin schreibt Nadwi nämlich von seiner Befürchtung, seine Forschung könne auf westlich-emanzipatorisch-feministische Weise verstanden werden, was er nicht möchte und worin er eine Vereinnahmung der von ihm untersuchten Frauen sehen würde:

These were not feminists, neither consciously nor unconsciously. They were above all else, like the men scholars, believers, and they got and exercised the same authority by virtue of reasoning with the same methods from the same sources as the men…” (S. XIV)

Den westlichen Feminismus, vor dessen Karren er sich nicht spannen lassen möchte, reduziert er allerdings auf den Gleichstellungsfeminismus, also auf die Forderung, Frauen müssten dasselbe tun können wie Männer. Nadwi schreibt:

The sheer number of examples from different periods and regions will establish that the answer to some of the ‘If men can, why can’t women?’ questions is ‘Men can and women can too’. That ist correct, and yet it is not right. It is not right because the approach embedded in the question ‘if men can, why can’t women?’ is, from the Islamic perspective of the muhaddithat (also der Hadith-Gelehrten), misleading in itself. (S. XV)

Die Irreführung, die in der Frage des Vergleichs der Frauen mit den Männern liegt, läuft seiner Ansicht nach auf drei Punkte heraus:

Erstens enthält sie die Unterstellung, dass die Sphäre der Frauen geringer zu bewerten sei als die der Männer. Er weist er darauf hin, dass von den über 8000 weiblichen Gelehrten, die er zusammengetragen hat, nicht eine die “häusliche” Sphäre geringer bewertet hätte oder die weiblichen Pflichten darin für unerheblich erklärt hätte. Auch hätte keine je geäußert, dass es weniger erstrebenswert oder minderwertiger sei, eine Frau zu sein als ein Mann, und gleichzeitig hätte keine von ihnen je bestritten, dass Frauen bei entsprechenden Gelegenheiten und Fähigkeiten trotzdem auch Pflichten gegenüber der Gesellschaft und außerhalb der Familie hätten.

Zweitens, so Nadwi, würde die Fragestellung ‘If men can, why can’t women?’ das Handeln überbetonen und das Sein vernachlässigen – so als würde also der Wert eines Menschen davon abhängen, was sie oder er tut: “Undue emphasis on agency (being able to do) as a measure of dignity and liberty is an error.”

Drittens schließlich kritisiert Nadwi, dass diese Fragestellung die Vorannahme enthalte, dass Geschlechterdifferenzen notwendigerweise zu Ungerechtigkeiten führen müssen und dass deshalb Maßnahmen ergriffen werden müssen, um diese Differenzen durch rechtliche oder soziale Maßnahmen oder auch via “biological engineering” abzuschaffen.

Diese Punkte sind, wie ich finde, ziemlich spannend, denn sie alle treffen in der Tat einen wunden Punkt des Gleichheits-Feminismus, oder anders gesagt: Ich unterschreibe alle drei auf der Stelle.

Aber.

Im argumentativen Kontext des westlich-christlichen Kulturkreises habe ich die Möglichkeit, die männliche Selbstbehauptung, wonach das autonome, handelnde, normgebende Subjekt das Maß der Dinge ist, zu kontern mit dem Hinweis auf eine – anders gelagerte, sich anders äußernde weibliche Subjektivität. Dem, was ich (mit anderen) das weibliche Begehren nenne. Der Weg dazu ist, zu entlarven, dass vieles von dem, was in dieser Kultur an männlicher Vorherrschaft und Dominanz herausgebildet wurde, eine Folge davon ist, dass die weibliche Subjektivität missachtet wurde, oder einfacher gesagt: Dass die Männer den Anspruch erhoben haben, zu definieren, was Frausein bedeutet und das in institutionelle Rahmen (Gesetze, Sitten, Normgebilde) zu gießen.

Ich kann also zum Beispiel sagen: Ihr Männer behauptet, Frauen seien soundso und hätten dieses und jenes zu tun und zu unterlassen, ich aber, eine Frau, behaupte dass es anders ist und eröffne darüber einen politischen Konflikt – voilà: die Frauenbewegung.

Im islamischen Kontext, soweit ich das verstanden habe (zumindest würde das wohl Mohammad Akram Nadwi so sehen), ist das kein Argument, weil die menschliche Subjektivität keine normgebende Rolle bei den Verhandlungen über gesellschaftliche Regeln und das, was erlaubt und verboten ist, spielt, sondern allein der Koran und – ergänzend – eben die Hadithe oder andere Quellen. Oder anders gesagt: Bei der Entscheidung darüber, was erlaubt ist oder nicht, spielt das persönliche Begehren keine Rolle, weder das der Männer noch das der Frauen, sondern allein der Wille Gottes, und zwar nicht als etwas letztlich Unverfügbares (wie in weiten Teilen des Christentums), sondern genau so, wie er im Koran festgelegt und im beispielhaften Leben Mohammeds bekräftigt ist.

Das heißt, die Subjektivität der Beteiligten, das persönliche Begehren, ist kein Argument, weder auf Seiten der Männer noch auf der der Frauen. Das war es vor allem, was mich an dem Buch so fasziniert hat: Die Diskussionen und Bemühungen drehen sich nicht darum, durch Nachdenken, Verhandlungen und Diskussionen zu einer Übereinkunft über gesellschaftliche Regeln und Normen zu kommen – das Setting, das ich als westliche Differenzfeministin unweigerlich vor meinem geistigen Auge habe, wenn ich patriarchale Phänome ausgehend von meiner Subjektivität – der einer Frau – kritisiere und bekämpfe, was mir aber nur deshalb möglich ist, weil die Kategorie der Subjektivität als solche auch bei meinem männlichen Gegenüber eine akzeptierte Kategorie ist (wenn auch nicht die weibliche).

Sondern die Diskussionen und Bemühungen der weiblichen Gelehrten im Islam, von denen in diesem Buch die Rede ist, drehen sich darum, möglichst genau wiederzugeben und zu tradieren, was der Prophet Mohammed gesagt und getan hat. Der Prophet Mohammed, der, wohlgemerkt, ja nur ein Mensch ist, ein Mann, und kein Gott!

Und das ist der Punkt, an dem ich etwas nicht verstehe: Wie laufen feministische Intervention gegen patriarchale Muster und Phänomene in einem weltanschaulichen Kontext, der sich verbindlich auf feste, phänomenologisch greifbare Äußerungen des göttlichen Willens bezieht wie eben den Koran oder das, was der Prophet (und Mann) Mohammed gesagt und getan hat? Wie kann feministische Intervention möglich sein, die sich (zu Recht) nicht auf formale “Gleichheit” beziehen soll, wenn man nicht die Instanz der weiblichen  Subjektivität zur Verfügung hat?

Vielleicht hat ja demnächst mal die eine oder andere Muslimin Lust, mit mir darüber zu diskutieren.

Mohammad Akram Nadwi: al-Muhaddithat: the women scholars in Islam. Interface Publications, Oxford, London 2007.

Muslime und Schwule: ein konstruierter Gegensatz

Aufsätze über Sexualpolitiken nach dem 11. September.

Als der marokkanische Gelehrte Muhammad as-Saffar in den 1840er Jahren Paris besuchte, stellte er verwundert fest: „Tändeleien, Romanzen und Umwerbungen finden bei den Franzosen nur mit Frauen statt, denn sie tendieren nicht zu Knaben oder jungen Männern. Vielmehr gilt ihnen das als extrem schädlich.“

Homophobie, also die moralische Ablehnung sexueller Beziehungen unter Menschen desselben Geschlechts (vor allem unter Männern) ist – zumindest in der Form, wie wir sie kennen – eine Erscheinung, die wesentlich zur westlich-abendländischen Kultur gehört. Trotzdem ist im Zuge der zunehmenden Islamfeindlichkeit nach den Anschlägen vom 11. September vor allem der Islam in den Ruch der Homophobie gekommen.

Fragen nach der Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Lebensformen waren zum Beispiel im so genannten Integrationsfragebogen vorgesehen. Aus den großen Schwulenverbänden gibt es immer wieder Stimmen, die eine spezielle Schwulenfeindlichkeit in muslimischen Communities und unter Jugendlichen unterstellen. Die Ursachen dafür werden generell im „Islam“ ausgemacht und manchmal auch in den „rückständigen“ Migrationskulturen generell.

Koray Yilmaz-Günay hat in diesem Band nun Texte zusammengestellt – teilweise ältere, teilweise neu geschriebene – die das als Konstruktion, als Klischee entlarven. Kritisiert wird die Tendenz von Teilen der Schwulenbewegung, einerseits unverhohlen rassistisch zu sein, gleichzeitig aber durch die „Zurschaustellung“ von „dunkelhäutig-exotischen“ Liebhabern Weltoffenheit zu demonstrieren. Andere Texte setzen sich mit der Islamfeindlichkeit als „Elitendiskurs“ auseinander – also mit dem Phänomen, dass das Abheben auf die angebliche Homophobie der „Anderen“ Rassismus auch in aufgeklärt intellektuellen Szenen quasi salonfähig wird.

Der Vorwurf einer speziell muslimischen Homophobie nimmt dabei eine ganz ähnliche Rolle ein wie die Behauptung, der Islam sei seinem Wesen nach frauenfeindlich. Vor der Folie des Fremden gibt sich der Mainstream besonders aufgeklärt, doch wie die eingangs geschilderte Begebenheit im Paris des 19. Jahrhunderts zeigt, spricht man hier weniger über den Islam als über sich selbst. Getreu dem Motto: Die größten Kritiker der Elche waren eben früher selber welche. Und sind es außerdem auch heute noch. In den USA, so las ich in einem der Texte mit Entsetzen, gebe es inzwischen den Ausdruck „I’m not gay seat“. Gemeint ist der Sessel, den zwei Jungen zwischen sich frei lassen, wenn sie zusammen ins Kino gehen – wer sich da drauf setzt, ist schwul!

Das Problem ist, dass die rechtliche Emanzipation homosexueller Lebensformen in den westlichen Kulturen bisher nicht wirklich zu einer kritischen Hinterfragung normativer Sexualmoralen geführt hat. Bislang wurden nur die Grenzen des normativ Akzeptierten ein bisschen verschoben. Die westliche Kultur ist noch immer von ihrem Wesen her homophob, und zwar auf eine Weise, die sich nicht mit den in anderen Kulturen natürlich auch vorhandenen problematischen Aspekten von Sexualmoral parallelisieren lassen. Ebenso wie die westliche Kultur auch der weiblichen Freiheit noch immer skeptisch bis feindlich begegnet, trotz (oder vielleicht sogar gerade wegen) der erfolgreich durchgesetzten rechtlichen Gleichstellung von Frauen.

Das Tragische an der ganzen Geschichte ist, dass durch genau solche Diskussionslinien der tatsächliche, alltägliche Kampf für die Freiheit der einzelnen Menschen, für die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensformen, erschwert wird. Wenn junge Muslime immer wieder hören, der Islam sei gegen Homosexualität, der Islam sei gegen Feminismus – dann steigt ja logischerweise die Gefahr, dass sie genau das werden, um ihre muslimische Identität zu behaupten: homophob und frauenverachtend. Wir bringen durch unsere Diskurse das selbst hervor, was wir angeblich kritisieren und bekämpfen.

Eine sinnvolle Auseinandersetzung mit diesen Themen kann nicht vor dem Hintergrund der Frage: „Welche Religion und Kultur ist besser oder schlechter für Frauen und für Homosexuelle“ geführt werden. Sie kann nur geführt werden vor dem Hintergrund der Frage: „Welche Traditionen, Denkfiguren und Alltagspraxen hat die eine und die andere Religion und Kultur, die uns dabei helfen können, gemeinsam in eine freiere und lebenswerte Welt zu gelangen?“

Die Texte in diesem Band, obwohl nicht immer leicht zu lesen, können bei dieser Änderung der Blickrichtung helfen.

Koray Yilmaz-Günay (Hg): Karriere eines konstruierten Gegensatzes: Zehn Jahre „Muslime versus Schwule“. Sexualpolitiken seit dem 11. September. Eigenverlag, Berlin 2011. Man kann das Buch für 5 Euro zzgl. Porto bei http://www.yilmaz-gunay.de/ bestellen.


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Muslimische Frauenvereine in Deutschland

In der öffentlichen Debatte über “den Islam” kommen normalerweise zwei Gruppen zu Wort: Religiös konservative Männer, vorwiegend die Vorsitzenden der organisierten muslimischen Dachverbände, und säkulare, religionskritische Frauen, vorwiegend Vertreterinnen der These, dass der der Islam mit der weiblichen Freiheit prinzipiell unvereinbar sei.

Gut also, dass sich mal jemand einer anderen Gruppe zuwendet: nämlich den politisch liberalen und gleichzeitig religösen Frauenverbänden. In seiner empirisch-soziologischen Studie interviewt Markus Gamper Mitglieder aus vier muslimischen Frauenverbänden: Dem “Zentrum für Islamische Frauenforschung” in Köln, dem Netzwerk für muslimische Frauen HUDA, dem Bildungs- und Freizeitzentrum für muslimische Frauen IMAN in Darmstadt, und einem weiteren Verein, der nicht namentlich genannt sein wollte.

Die Ergebnisse sind nicht wirklich überraschend: Die Frauen kritisieren sowohl den patriarchalen und national-konservativen Mainstream in vielen Moscheegemeinden als auch den anti-islamischen Tenor in der deutschen Berichterstattung, haben emanzipatorische Grundhaltungen, schildern teilweise erschreckende Diskriminierungserfahrungen, klagen über einen zunehmenden Assimilierungsdruck. Interessant zu lesen ist das dennoch, vor allem wegen der langen transkribierten Originalzitate aus den Interviews.

Unterm Strich würde ich aber sagen, dass diese soziologische Herangehensweise dem Thema nicht wirklich angemessen ist. Dass die Interview letztlich in Form eines Fragebogenrasters in ein vorgegebenes Interpretationsschema gepresst wurden, macht die Lektüre langweilig und die Ergebnisse teilweise banal. Interessanter wäre es, wenn sich jemand mal ideengeschichtlich mit diesen Positionen auseinander gesetzt hätte: Welche neuen Argumentationsmuster in der Debatte würden sich zeigen, wenn man die Einschätzungen dieser Gruppe von Frauen ernst nehmen würde? Welche Konfliktlinien ergeben sich innerhalb der liberal-muslimischen Frauenbewegung?

Die Antworten auf solche Fragen muss sich die Leserin implizit aus den Antworten selbst erschließen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Thema steht daher leider immer noch aus.

Markus Gamper: Islamischer Feminismus in Deutschland? Religiosität, Identität und Gender in muslimischen Frauenvereinen. Transcript, Bielefeld 2011, 29,80 Euro.


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Identität und Zugehörigkeit. Zur Debatte, ob der Islam zu Deutschland gehört

Der alberne Streit über die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, überdeckt ein aus meiner Sicht noch problematischeres Thema im Hintergrund. Denn schon diese Frage geht implizit davon aus, dass es eine fest bestimmbare „Identität“ geben könnte.

Ich habe ja kürzlich schon einmal an dieser Stelle gegen „Gleichheit“ als politisch sinnvollen Begriff argumentiert, und dies knüpft daran an. „Identität“ bedeutet nämlich im Wortsinn „Gleichheit“, und zu diesem Phänomen gehört es, dass Identität daran bemessen wird, wer dazu gehört und wer nicht. Gleichheit, Identität ist nur zu haben um den Preis des Ausschlusses von anderen.

Allein schon die Frage zu stellen, was zu Deutschland gehört und was nicht (egal, wie man das dann beantwortet), bedeutet, sich dem Phänomen „deutsch“ letztlich in den Kategorien der Parteipolitik anzunähern. Also so, wie sich Männer das Politische vorgestellt haben (und damit das funktionieren konnte, mussten sie die Frauen als „andere“ ausschließen): als Parteien. Politische Einheiten verstanden als Gruppe, die sich um ein bestimmtes „Programm“ formiert, die einheitlich-gleich diese Positionen oder bestimmte partikulare Interessen vertritt, und zwar gegen die anderen, die eben andere Meinungen und Interessen haben. Zu denen man einzelne zulassen und aus dem man andere ausschließen kann. Und in diesem Kontext steht eben jetzt die Debatte zum Islam: Sortieren wir ihn ein als „zu uns gehörig“ oder als „fremd“? Und es ist kein Zufall, dass die Antwort auf diese Frage daran geknüpft wird, ob sich „der Islam“ zu „unserem“ Parteiprogramm bekennt.

Dieses Verständnis von Politik als Interessens- oder Identitätspolitik müsste dringend überdacht werden. Das habe ich in der Frauenbewegung gelernt. Die Frauenbewegung hat ja nie ein „Programm“ zustande gebracht (zum Glück), und obwohl auch hier anfangs die eigene Position unter „Fraueninteressen“ in der Logik der Parteipolitik zu denken versucht wurde, ist die „Identität“ der Frauen doch schnell hinterfragt und kritisiert worden. Die Frauenbewegung, so zeigte sich, braucht kein identitäres Subjekt, um handlungsfähig zu sein.

Die alte, von den männlichen „Gleichheits“-Vertretern hervorgebrachte Aufteilung der Welt in eine angeblich „öffentliche“ und eine angeblich „private“ Sphäre verweist dabei auf eine mögliche Auflösung, und zwar in Form der Familie, die als Gegenmodell zur Partei fungiert. Zu einer Familie gehört man nämlich gerade nicht, indem man sich zu einem bestimmten Programm bekennt, sondern einfach so, qua Geburt. Es ist eine Tatsache, dass ich zu einer bestimmten Familie gehöre, eine Tatsache, auf die ich keinen Einfluss habe. Und diese Tatsache wird auch nicht dadurch hinfällig, dass ich mich eventuell an bestimmte Familientraditionen nicht halte oder diese verändern will. Ich bin dann möglicherweise ein „schwarzes Schaf“, aber ich gehöre dennoch dazu.

Ebenso ist meine Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht nichts, was ich durch „unweibliches“ Verhalten aufs Spiel setzen könnte. Egal, was ich tue, ich bin eine Frau. An dieser Stelle könnten wir ansetzen, um auch andere „Identitätspolitiken“ zu hinterfragen. Was Deutschsein ausmacht, das ergibt sich nicht aus der Zustimmung und Anerkennung eines „deutschen Parteiprogramms“, sondern aus der schlichten Tatsache, in Deutschland zu leben oder einen deutschen Pass zu haben und sich selbst zugehörig zu fühlen. Und jede Definition von „Deutschsein“ ist nichts anderes als eine aktuelle Bestandsaufnahme all dessen, was „Deutsche“ tun oder nicht. Deutschsein ist kein „Programm“, sondern eine Tatsache.

Neben Nationalitäten oder politischen Bewegungen (wie der Frauenbewegung) könnte dieses Prinzip der Zugehörigkeit statt Identität auch auf andere Gruppierungen übertragen werden, zum Beispiel auf Religionen. Was etwa „das Christentum“ oder „der Islam“ ist, lässt sich nämlich ebenfalls nicht aus irgendwelchen Jahrhunderte alten Schriften oder Dogmen ableiten (auch wenn die alten Männer, die diese Programme und Dogmen verwalten, das gerne so hätten), sondern aus dem, was diejenigen, die sich zu einer Religion zugehörig erklären, jeweils tun oder lassen.

Dies ermöglicht ein anderes Verständnis von Freiheit: Ebenso wie ich meine Zugehörigkeit zu einer Familie nicht dadurch verliere, dass ich ihre Traditionen verlasse, dass ich dissident bin, ebenso wenig verliere ich meine Zugehörigkeit zur Frauenbewegung, bloß weil ich anderer Meinung bin wie Simone de Beauvoir, oder meine Zugehörigkeit zu Deutschland nicht dadurch, dass ich etwas anderes tue als das, was historisch die „deutsche Leitkultur“ gewesen ist oder mein Christinsein nicht dadurch, dass ich irgendwelche Verlautbarungen der Kirchenspitzen falsch finde.

Ich schlage also vor, politische und weltanschauliche Debatten nicht länger entlang der Bestimmung einer „Identität“ zu diskutieren, sondern entlang der Bestimmung von „Zugehörigkeit“. Beziehungsweise den Zusammenhang umzudrehen: Nicht die Identität, die Gleichheit, die Übereinstimmung mit einem Programm oder einer Leitkultur ist die Grundlage für Zugehörigkeit, sondern andersrum: Die Zugehörigkeit entscheidet darüber, wie das „Programm“ oder die „Leitkultur“ aussieht, weil dies nur die Summe dessen ist, was alle „Zugehörigen“ tun oder lassen.

Das hat auch den großen Vorteil, dass Differenz dabei denkbar wird, dass inhaltliche Konflikte und Kontroversen fruchtbar gemacht werden können, zum Nutzen des Ganzen. Und es zeigt auch, was hinter islamfeindlichen Einstellungen wirklich steckt: Nämlich nicht etwa eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Ansichten, die man selbst falsch findet, sondern gerade die Abwehr und Verweigerung solcher inhaltlichen Auseinandersetzungen.

Oder anders gesagt: Mit Leuten, von denen ich behaupte, dass sie ohnehin nicht dazu gehören, brauche ich ja nicht diskutieren. Ich kann sie einfach vor die Tür setzen.

 

Update: Christoph Fleischer hat diese Gedanken in einem eigenen Blogpost weitergedacht


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