Für Fortgeschrittene: Gutes Leben im hohen Alter

Fotografiert beim Kirchentag.

Fotografiert beim Kirchentag.

Der demografische Wandel ist ja eines meiner Spezialthemen, weshalb ich gestern beim Kirchentag die Gelegenheit wahrnahm, Ursula Lehr zu hören, frühere Frauen- und Gesundheitsministerin, und eine der führenden Alternswissenschaftlerinnen Deutschlands.

Man achte dabei auf das kleine „n“ – es geht ihr nicht um die Wissenschaft vom Alter, also um die Untersuchung eines bestimmten Lebensabschnitts (der irgendwann später mal auf uns zukommt und vorerst nur andere betrifft) sondern um das Altern, also um jenen Prozess, den wir im Moment unserer Geburt begonnen haben und erst im Moment unseres Todes beenden.

Bei diesem Vortrag ging es um die Frage, wie dieser Prozess im hohen Alter abläuft, also wenn man über achtzig oder über neunzig ist, und worauf es dabei ankommt, um gutes Leben zu haben. Erstmal bestand der aus vielen Zahlen, ich hoffe, ich habe alles richtig mitgeschrieben, denn Ursula Lehr hat uns in ziemlichem Tempo durch die Folien gejagt…

Also: Die Lebenserwartung steigt weiter an (pro Jahr um drei Monate, in den vergangenen 130 Jahren hat sie sich in Deutschland glatt verdoppelt), und was dabei zunimmt, ist der Anteil der gesunden Jahre. Sozialwissenschaftlich heißt das „Komprimierung der Morbidität“, also banal: Ganz am Ende ihres Lebens sind viele Menschen sehr krank, aber meistens quetscht sich das auf die letzten zwei Jahre zusammen, egal ob diese letzten zwei Jahre im Alter von achtzig, neunzig oder über hundert stattfinden. Aber natürlich leben manche auch mit Krankheiten eine lange Zeit, und im Idealfall „kommen alle Krankheiten, wenn wir bereits tot sind“. Aber durchschnittlich verlängert sich durch die Lebenserwartung nicht die „schlimme Phase“ kurz vorm Sterben, sondern die noch „gute Phase“ davor.

Die Zahl der Hochaltrigen steigt dabei rapide. Zurzeit leben mindestens 12655 über Hundertjährige in Deutschland – so viele beziehen aus dieser Altersgruppe jedenfalls Rente. Im Jahr 2050 leben (wenn die Entwicklung so weiter läuft wie bisher) 2 Millionen über 90-Jährige in Deutschland, und zwar bei einer Gesamtbevölkerung von dann nur noch 70 Millionen. Nicht selten leben heute schon drei Generationen von Rentner_innen in einer Familie: Lehr erzählte, dass sie kürzlich beim Geburtstag einer 102-Jährigen war, mit deren 80 Jahre altem Sohn und ihrer der 58 Jahre alten Enkelin.

Ein Vorurteil ist die Verknüpfung von Hochaltrigkeit und Pflegebedürftigkeit: Erstens gibt es auch junge Menschen, die pflegebedürftig sind, und zweitens sind es die allermeisten Hochbetagten nicht: Von den 80-85-Jährigen sind 81 Prozent zu einer eigenständigen Lebensführung in der Lage, von den 85-90-Jährigen kommen 65 Prozent allein zurecht, und bei den über 90-Jährigen sind es immerhin noch 41 Prozent. Wobei in dieser Altersgruppe ein Drittel dement ist, was noch mal gesondert betrachtet gehört.

Das Zahlenverhältnis zwischen Hochaltrigen und Jüngeren ändert sich rapide, allerdings hat es das auch schon in der Vergangenheit: Kamen 1890 auf eine 75-Jährige oder Ältere noch 79 Jüngere, so waren das bereits 1950 nur noch 35, 2010 waren es noch 10, und 2050 werden es noch 4 sein. In anderen Worten: Ein Fünftel der Bevölkerung ist dann 75 und älter.

Ansteigen wird damit auch die Zahl der Einpersonenhaushalte, wobei das Alleinleben im Alter (derzeit) vor allem Frauensache ist: Unter den 75-Jährigen und älteren lebt einer von vier Männern, aber zwei von drei Frauen allein.

Ein wichtiger Punkt ist natürlich Gesundheit, die muss, wie Lehr sagt, „erkämpft werden“. Das bedeutet, sich gezielt um die Bereiche zu kümmern, die noch gesund sind, auch zum Beispiel im Pflegeheim (und nicht nur die zu „behandeln“, die krank sind“). Prävention, Sozialkontakte, körperliche Aktivität, gesunde Ernährung sind hier die Stichpunkte. Mich erinnerte das an Ina Praetorius Rede von den „Gesundheiten“ im Plural. Bisher definieren wir Gesundheit im Singular, während es viele Krankheiten gibt. Es gibt aber auch viele Gesundheiten, und die brauchen ebenso Aufmerksamkeit.

Laut Lehr gibt es eine Wechselwirkung zwischen körperlichem Wohlbefinden und Aktivität: Also nicht nur dass wer gesund ist, auch weiter aktiv sein kann, sondern das Aktivsein bewirkt oft auch bessere Gesundheit. Dabei sei es wichtig, dreierlei zu tun: Etwas für sich selbst, etwas für andere (also für konkrete andere Menschen) und etwas für die Gesellschaft (ich würde es „Politik“ nennen“). Klar ist: Alle Menschen brauchen eine Aufgabe im Leben, wer nichts zu tun hat, was ihr oder ihm sinnvoll erscheint, gibt sich auf, und für hochaltrige Menschen ist das besonders fatal.

Memo für uns Jüngeren: Auf keinen Fall den alten Menschen Aufgaben abnehmen, die sie selbst erledigen können. Das ist ein feiner Grat, der da kunstfertig zu erkunden ist – hochaltrige Menschen (bzw. alle bedürftigen Menschen letztlich, also alle Menschen, aber bei den Hochaltrigen fällt es ins Auge) brauchen die Sicherheit, dass ihre Bedürfnisse verlässlich und in guter Qualität versorgt werden, gleichzeitig ist es wichtig, dass sie selbst die Verantwortung für ihr Leben behalten und alles das selbst tun, was sie tun können (und eben noch Sachen für andere tun und sich politisch engagieren). (PS: Dieser Absatz war jetzt von mir und nicht von Lehr)

Konkret fordert Lehr, dass alle Altersgrenzen nach oben zu hinterfragen sind. Hochaltrige Menschen seien untereinander so unterschiedlich wie keine andere Altersgruppe, deshalb sei es unsinnig, Beschränkungen anhand des kalendarischen Alters zu machen (wie ab 80 keine Kredite mehr, ab 90 keine künstlichen Hüftgelenke etc.)

Ein anderer Vorschlag: Wir haben unsere Gesellschaft bisher sehr um die jüngeren “Lebensphasen” organisiert, feiern Geburten, Erwachsenwerden, Volljährigkeit, Schulabschluss, Hochzeit, Geburten von Kindern. Das alles betrifft das erste Lebensdrittel. Das einzige, was in den weiteren zwei Dritteln noch gefeiert wird, ist Rente und Tod. Alles zwischen 60 und 100 gilt als “Alter”, das ist angesichts der heutigen Lebensverläufe viel zu grob.

Die negativen Begleitumstände des hohen Alters können natürlich nicht weggeleugnet werden: Viele Freund_innen sterben, die Umwelt begegnet einer mit Skepsis, Krankheiten kommen. Umso wichtiger sei es, „an die Zukunft zu denken“.

Ein Tipp von Lehr ist, sich nicht mental auf das zu konzentrieren, was nicht mehr geht, sondern die „Kunst zum Auskosten der noch gegebenen Möglichkeiten“ zu pflegen. Auch neue Erfahrungen sollte man anstreben, wobei die aber nur was nützen, wenn sie nicht einfach nur additiv angefügt werden (Nach dem Motto: Ich muss noch mal nach China), sondern wenn sie in den bisherigen Lebensverlauf integriert werden.

Soweit meine Notitzen.

Datenschutz, Postprivacy und die älteren Frauen

Foto: Herby (Herbert) Me - Fotolia.com

Heute morgen hörte ich zufällig im Radio ein Interview mit Thilo Weichert (ich weiß leider nicht mehr, auf welchem Sender), dem Datenschutz-Beauftragten von Schleswig-Holstein, der ja derzeit wieder mit seiner Kritik an Facebook in allen Medien ist. Dazu geschnitten war ein Beitrag über die Postprivacy-Theorien, wonach Privatsphäre sowieso ein veraltetes Konzept ist.

Mich hat diese Sendung (wie viele Medienberichte zu dem Thema) sehr geärgert, weil ich es höchst problematisch finde, wenn die Diskussionen über die Veränderungen durch soziale Internet-Netzwerke immer als Konflikt zwischen diesen beiden Standpunkten dargestellt werden. Vor allem musste ich daran denken, wie wohl die zahlreichen älteren Frauen (die ja viel Radio hören), diesen Beitrag wohl aufgenommen haben. Denn man muss sich mal vor Augen führen, dass von den Frauen über 65 Jahren zwei Drittel das Internet noch überhaupt nicht nutzen. Geschweige denn Facebook oder andere soziale Netzwerke.

Diese Abstinenz der großen Mehrheit älterer Frauen halte ich für höchst riskant. Eine Frau, die heute 65 ist, kann noch gut zwei oder drei Jahrzehnte leben. Ohne Kompetenzen im Internet zu erwerben koppelt sie sich von einem Kommunikationsmedium ab, das heute schon extrem wichtig ist und in Zukunft immer wichtiger werden wird. Dadurch verschließt sie sich Ressourcen, die für ihr Leben extrem nützlich und teilweise unverzichtbar sind.

Immer mehr Informationen bekommt man überhaupt nur über das Internet. Soziale Kontakte – vor allem zu jüngeren Menschen – sind ohne Internetnutzung (und vermutlich gerade auch ohne die Nutzung sozialen Netzwerke) immer schwieriger aufrecht zu erhalten. Das Internet ist längst keine Spielerei für einige Nerds mehr, sondern eine Notwendigkeit im Alltag, und vor allem auch im Alltag älterer Menschen.

Ob es ums Einkaufen geht, ums Recherchieren von Produktinformationen, um Auskünfte zu Gesundheitsthemen oder darum, Hilfe zu bekommen, wenn man irgendetwas nicht versteht – es gibt schlicht und einfach keine bessere Quelle als das Internet. Und das gilt besonders für ältere Menschen, die körperlich vielleicht nicht mehr so mobil sind oder die nur noch wenige Real-Life-Kontakte in ihrem Alltag haben.

Über diese Risiken der Internetabstinenz vor allem älterer Frauen wird in der öffentlichen Debatte viel zu wenig gesprochen. Und solche Sendungen, in denen von der einen Seite ein pauschales Gefahren-Szenario von wegen Datenklau an die Wand gemalt wird, während auf der anderen Seite die radikale Postprivacy-Revolution ausgerufen wird, führen dazu, dass diese Gruppe von Menschen weiterhin „draußen“ gehalten wird.

Oft sind ja Unwissenheit, diffuse Ängste und Unsicherheit der Technik gegenüber der Grund dafür, dass ältere Frauen sich vom Internet fern halten. Was sollen sie wohl von einem Hinweis halten, wie ihn Thilo Weichert allen Ernstes vorgebracht hat, dass man, bevor man Google nutzt, erst einmal die eigene IP-Adresse verschleiern soll? Hallo? Wie viele Frauen über 60 wissen, was eine IP-Adresse ist, geschweige denn, wie man sie verschleiert? Alles, was bei solchen Ratschlägen hängen bleibt, ist wieder mal die Botschaft: Das Internet ist gefährlich und kompliziert, besser ich fange gar nicht erst damit an.

Die Zielgruppe, die bei diesen Debatten angesprochen wird, ist klar definiert: Junge oder mittelalterliche Menschen, die vielleicht allzu unbedacht sensible Informationen über sich preisgeben. Überhaupt nicht im Blick ist die zahlenmäßig viel größere Gruppe von Menschen, die aus Angst vor „Datenmissbrauch“ das Internet meiden und damit Gefahr laufen, den Anschluss zu verpassen (die überwiegend, aber keineswegs nur aus älteren Frauen besteht).

Deshalb würde ich mir wünschen, dass Datenschützer wie Weichert ihre Kritik mit einem deutlichen Hinweis darauf verbinden, dass das Sich-Heraushalten aus dieser Entwicklung keine gangbare Alternative ist. Oder dass, wenn Weichert sich für dieses Problem nicht zuständig fühlt, wenigstens die Redakteure und Journalistinnen, wenn sie schon dieses Thema lang und breit bearbeiten, auch auf diesen Aspekt hinweisen.

Und die Postprivacy-Fans könnten dieses Argument des sozialen Ausschlusses ja vielleicht in ihr Repertoire mit aufnehmen. Was auch bedeutet, dass sie die diffusen und teilweise sicher irrationalen Ängste älterer Menschen vor diesen Neuerungen ernst nehmen und zu entkräften versuchen, anstatt noch Öl ins Feuer zu schütten.


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Einige Anmerkungen zu Sarrazins „Verdummungsthese“ und der Demografie generell

Okay, eigentlich ist der Ärger über die jüngsten Äußerungen von Thilo Sarrazin schon groß genug, aber weil das Thema Demografie eins meiner Lieblingsthemen ist, möchte ich nun noch ein paar Anmerkungen hinzufügen.

Sarrazin, Bundesbank-Vorstand und SPD-Politiker, hat Zeitungsmeldungen zufolge gesagt, „die Deutschen“ würden „verdummen“, weil Kinder von “aus der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika” eingewanderten Familien weniger Bildung hätten als bio-deutsche und diese Familien zudem überdurchschnittlich viele Kinder bekämen. Es geht dabei weniger um Rassismus (er hat ja nicht gesagt, dass es an ihren Genen liegt, zumindest könnte er ebenso gut die kulturellen Hintergründe gemeint haben), sondern um Demografie – nämlich um die Zusammensetzung der Bevölkerung und ihren Einfluss auf die zukünftige gesellschaftliche Entwicklung.

Dass Demografie in Deutschland überhaupt ein Thema ist, ist ein relativ junges Phänomen. Nach der rassistischen Selektionspolitik der Nazis – Menschen „jüdischer“ Herkunft umbringen, Menschen „arischer“ Herkunft zum Kinderkriegen animieren – hat man das Thema in den Nachkriegsjahrzehnten vorsichtshalber links liegen lassen. Erst als das Statistische Bundesamt 2003 eine Prognose veröffentlichte, wonach die Bevölkerung in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten deutlich veraltern wird, flammten plötzlich aufgeregte Demografiedebatten auf, und zwar unter dem Fokus: Woher kriegen wir mehr Kinder?

Die Antwort ist einfach: Nirgendwoher. Die Fertilitätsrate in Deutschland liegt seit etwa 35 Jahren (seit dem „Pillenknick“ Mitte der 1970er) ziemlich stabil bei ungefähr 1,5 Kindern pro Frau. Was sinkt, das ist die Geburtenrate, also die Zahl der pro tausend Einwohner_innen geborenen Kinder. Der Grund dafür ist aber nicht, dass Frauen plötzlich weniger Kinder bekämen, sondern dass der Anteil der Frauen im gebärfähigen Alter kleiner wird: Wenn der Altersdurchschnitt der Bevölkerung ansteigt, sinkt die Geburtenrate zwangsläufig.

Alle gut gemeinten Maßnahmen für „mehr Kinder“ wie etwa das Elterngeld können dagegen nichts ausrichten. Die wenigsten Menschen machen nämlich so eine weit reichende und existenzielle Frage wie die, ob (und wie viele) Kinder sie haben wollen, von ein paar hundert Euro abhängig oder davon, ob es einen Krippenplatz gibt. Das soll nicht heißen, dass solche Maßnahmen nicht wünschenswert wären, das sind sie aus hunderterlei Gründen. Man sollte sich nur nicht der Illusion hingeben, damit die Zahl der Geburten nennenswert steigern zu können.

Die Frage, wie viele Kinder Menschen bekommen, ist ein sehr komplexer kultureller Faktor. Der Hauptgrund für die niedrigen Kinderzahlen in Deutschland (wie in der westlichen Welt überhaupt) liegt darin, dass Kinder hier nicht selbstverständlich zum Leben dazu gehören. Die Entscheidung für ein Kind – und zwar für jedes Kind neu – will gut überlegt sein muss bewusst getroffen werden. Und das ist kein neues Phänomen, sondern bereits hundert Jahren alt. Der entscheidende „Geburtenknick“ in Deutschland fand nämlich weder in den 1970ern noch gar in letzter Zeit, sondern bereits zwischen 1910 und 1920 statt: Damals sank in nur einem Jahrzehnt die durchschnittliche Kinderzahl von über fünf auf nur noch zwei Kinder pro Frau.

Diese Mentalität der bewussten Familienplanung ist übrigens in allen westlichen Industrieländern ähnlich – allerdings doch mit einer kleinen Tendenz: In Ländern mit faschistischer oder nationalsozialistischer Vergangenheit (Deutschland, Österreich, Griechenland, Italien, Spanien) liegt die Fertilitätsrate signifikant niedriger als in Ländern ohne eine solche (Frankreich, England, Skandinavien, USA). Diese Verteilung zeigt im Übrigen auch, dass solche tiefen kulturellen Muster mehr Bedeutung für das Geburtenverhalten haben als staatliche Interventionen: Nicht nur in gut ausgebauten Sozialstaaten wie Skandinavien und Frankreich werden verhältnismäßig viele Kinder geboren, sondern auch in Ländern wie England und USA, wo soziale Förderung praktisch nicht existiert.

Und auch traditionelle Prägungen aus Kulturen mit viel höheren Kinderzahlen, wie sie zum Beispiel durch Migrationsbewegungen (aus Afrika oder dem mittleren Osten) zu uns kommen, richten gegen diese tiefen kulturellen Muster kaum etwas aus. Vor allem an diesem Punkt irrt sich Sarrazin nämlich: Die Kinderzahl immigrierter Familien gleicht sich schon nach einer, spätestens nach zwei Generationen der deutschen an.

Das heißt: Mehr Kinder werden es nicht werden, da kann man jammern, so lange man will. Es wäre also nur vernünftig, sich möglichst rasch von der Illusion zu verabschieden, durch politische Maßnahmen die „richtigen“ (deutschen, bürgerlichen, angepassten) Familien zum Kinderkriegen animieren zu können. Verantwortliche Politik hat angesichts der demografischen Entwicklung nur ein Mittel zur Verfügung: Sie muss alle nur denkbaren Anstrengungen unternehmen, um allen Kinder, die hier leben, die bestmögliche Förderung zukommen zu lassen. Denn unsere Zukunft hängt nun einmal davon ab, dass sie ihre Talente und Fähigkeiten so gut wie möglich entwickeln.

Ob es dafür hilfreich ist, ihnen zu erzählen, sie wären ja sowieso dümmer als andere? Bekanntlich leistet sich Deutschland eines der selektivsten Schulsysteme der westlichen Welt. Nirgendwo sonst gibt es so viele Kinder aus Migrationsfamilien ohne Abschluss. Selbst wenn es sein mag, dass sie von ihren Eltern nicht immer dieselbe Förderung erhalten, wie wir es als deutschen Mittelschichtsstandard gewohnt sind – umso wichtiger wäre es doch, dafür zu sorgen, dass ihnen ihre Herkunft nicht zum Nachteil wird.

Denn das ist ein Punkt, den Sarrazin und diejenigen, die ihm applaudieren, offenbar übersehen: Nicht die „Migrantenkinder“ brauchen uns. Wir brauchen sie.


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Nein, die Kinderlosen sind nicht schuld

Erstmals hat das statistische Bundesamt jetzt eine Erhebung gemacht zu der Frage, wie viele Kinder Mütter in Deutschland haben. Das heißt, es wurde nicht wie sonst nur die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau erhoben, sondern auch die Entwicklung innerhalb der Gruppe der Mütter selbst untersucht. Als ich vor drei Jahren mein Buch „Methusalems Mütter“ schrieb, lagen solche Zahlen noch nicht vor, also war ich besonders gespannt auf das Ergebnis und habe mir heute die Zahlen einmal genauer angeschaut (nachzulesen sind sie unter www.destatis.de).

Mutter sein ist schön, finden die meisten Frauen. Aber eben nicht alle, und das ist auch nicht schlimm. Foto: www.photocase.com/paul-can5

Mutter sein ist schön, finden die meisten Frauen. Aber nicht alle, und so what? Foto: http://www.photocase.com/paul-can5

Vergleicht man die Frauen der Jahrgänge 1933 bis 1968 (die Jüngeren sind zwar auch befragt worden, jedoch kann man daraus nicht wirklich etwas schließen, weil sie ja noch weitere Kinder bekommen können, weshalb ich sie an dieser Stelle nicht berücksichtige), so zeigt sich, dass es innerhalb der Mütter zu einer klaren Verschiebung hin zur „Norm-Mutter“ gegeben hat: nämlich der, die ein oder zwei Kinder hat. Ihr Anteil ist im Vergleich zu der Generation der heute 70 bis 75-jährigen Frauen um jeweils rund fünf Prozent gestiegen, und zwar von 25 auf knapp 30 Prozent bei den Müttern mit einem und von 39 auf knapp 44 Prozent bei den Müttern von zwei Kindern. Allerdings ging diese Veränderung nicht linear vonstatten, sondern relativ rasch im Verlauf von nur zehn Jahren: Schon die heute 60 bis 64 Jahre alten Mütter hatten zu 30 Prozent ein Kind und zu 45 Prozent zwei Kinder, und dies ist seither stabil geblieben.

Rasant zurückgegangen ist hingegen der Anteil der Frauen, die drei oder mehr Kinder haben: Er liegt bei den 70 bis 75 Jahre alten Müttern noch bei 35 Prozent und ist, ebenfalls relativ rasch (in einem Zeitraum von 20 Jahren), auf um die 20 Prozent gefallen, wo er bis heute liegt. Das ist ein Rückgang um satte 15 Prozent, wobei er unter den Frauen mit vier oder mehr Kindern mit 18 Prozent noch einmal deutlicher ausgefallen ist.

Ebenfalls klar angestiegen ist der Anteil der Frauen ohne Kinder, er ist von 11 Prozent bei den älteren Frauen auf heute um die 20 Prozent gewachsen. Ein interessanter Unterschied in der Verschiebung ist aber, dass anders als bei den Umschichtungen innerhalb der Gruppe der Mütter, dies eine kontinuierliche Entwicklung war: ein stetiger Anstieg über die Jahrzehnte.

Manche Zeitungen, zum Beispiel die taz, ziehen aus diesen Zahlen die Schlussfolgerung, das „Problem“ der sinkenden Geburtenraten (ich würde in diesem Zusammenhang überhaupt nicht von einem Problem sprechen) liege nicht so sehr in einem Trend zu weniger Kindern, sondern im Anstieg des Anteils kinderloser Frauen. Ich habe dieser These schon in meinem Buch vehement widersprochen und bleibe auch nach diesen Zahlen dabei. Zwar ist es natürlich richtig, dass die zunehmende Kinderlosigkeit auf die Geburtenrate drückt. Aber es ist gleichwohl nicht sinnvoll, hier den Fokus der Familienpolitik anzusetzen.

Denn eine Frau, die keine Kinder will, weil sie zum Beispiel andere Prioritäten in ihrem Leben setzt, wird sich auch mit bester Kindergartenausstattung nicht zum Mutterwerden überreden lassen. Dass dies bei Akademikerinnen oder ansonsten beruflich engagierten Frauen häufiger vorkommt als bei anderen, ist auch keine wirklich große Überraschung. Insofern ist der Anstieg der Kinderlosigkeit aus Sicht der Frauen durchaus auch ein positives Zeichen: Kinderlos zu sein ist heute kein Stigma mehr, und dass Frauen auch ohne Kinder zufrieden sind und sich als vollwertig begreifen, ist definitiv ein Grund zur Freude. Anzunehmen, dass unter den Müttern der älteren Generationen ein gewisser Anteil ungewollt Mutter geworden war, ist sicher nicht abwegig. Der höhere Anteil kinderloser Frauen ist definitiv auch darauf zurückzuführen, dass ungewollte Mutterschaften heute viel seltener sind als früher. Und das ist auch gut so.

Natürlich gibt es daneben auch eine große Gruppe von Frauen, die ungewollt kinderlos bleiben. Und zwar eine kleinere, bei denen das medizinische Ursachen hat, und eine deutlich größere, die Kinder nur gemeinsam mit einem Partner großziehen wollen, aber keinen Mann finden, der diesen Wunsch mit ihnen teilt. Aber auch in diesen beiden Fällen kann die Politik kaum Einfluss nehmen. Allenfalls besteht die Möglichkeit, die „Zeugungsunlust“ der Männer irgendwie zu bearbeiten, aber für einen der wesentlichen Gründe, warum Männer heute zögerlich sind, ein Kind in die Welt zu setzen, ist ja keine Lösung in Sicht, ganz im Gegenteil: die wirtschaftliche Unsicherheit, die bei der Familienplanung wohl aus Sicht der Männer noch mehr als aus Sicht der Frauen ins Gewicht fällt, nimmt derzeit ja nicht ab, sondern zu.

In meinem Buch hatte ich deshalb dafür plädiert, die Aufmerksamkeit darauf zu richten, die Situation von Müttern möglichst zu verbessern, denn eine Frau, die sich schon einmal grundsätzlich für Kinder entschieden hat, sollte nicht aus organisatorischen und finanziellen oder sozialen Gründen gezwungen sein, auf ein drittes, viertes oder fünftes Kind zu verzichten. Wenn ich diese Zahlen nun sehe, muss ich zugeben, dass das vermutlich auch unrealistisch ist. Denn wenn der Trend weg von der Vielkinder-Familie eigentlich gar kein (kontinuierlicher) Trend ist, sondern ein Umbruch in den Familienstrukturen, der bereits vor vierzig bis fünfzig Jahren weitgehend abgeschlossen war, dann ist es sehr unwahrscheinlich, dass sich an diesem Rad noch etwas drehen lässt.

Von daher würde ich aus dieser neuen Studie die Schlussfolgerung ziehen, dass eine gute Familienpolitik vielfältig sein und aus der Fixierung auf die „Normfamilie“ mit zwei Kindern herauskommen muss. Jeder Kinderwunsch einer Frau ist möglichst zu unterstützen, ob es nun das erste, zweite, dritte, vierte oder fünfte Kind ist. Keinesfalls brauchen wir noch mehr Fixierung auf die typische Vater-Mutter-zwei Kinder-Konstellation, sondern eine Vielfalt von Lebensformen, mehr Akzeptanz sowohl für Vielkind-Familien als auch für lesbische Mütter und schwule Väter und vor allem für die wachsende Gruppe der so genannten „Alleinerziehenden“ (die übrigens in den seltensten Fällen ihre Kinder tatsächlich „allein“ erzieht, sondern nur halt eben nicht im typischen Kleinfamilien-Rahmen).

Unter demografischen Gesichtspunkten (also im Hinblick auf die Frage, wie sich das Generationengefüge heute und in den kommenden Jahrzehnten sinnvoll in gesellschaftlichen Strukturen abbilden lässt) ist ohnehin die Bildungsfrage und nicht die Geburtenfrage die entscheidende: Auch die neue Studie hat wieder ergeben, dass der Kinderanteil in sozial schwachen Familien tendenziell höher ist als in sozial besser gestellten, und zusammen mit der sozialen Auslese, von der unser Bildungssystem immer noch geprägt ist, sind da die Probleme der Zukunft vorprogrammiert. Auf den Punkt gebracht heißt das: Es ist vor allem notwendig, den Kindern, die geboren werden, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft eine gute Ausbildung und gesellschaftliche Perspektiven zu bieten. Dazu gehört übrigens auch, ihnen nicht durch verfehlte Politik immer mehr Schulden und sonstige Altlasten aufzubürden.

Jedenfalls werden sich die Kinderzahlen auch mit bester Eltern-Förderungspolitik nicht entscheidend nach oben treiben lassen. Dass unsere Gesellschaft veraltet, also im Durchschnitt älter wird (was ohnehin vor allem an der Lebenserwartung und nicht an den Kinderzahlen liegt) ist eine Tatsache. Eine Katastrophe wird das nur, wenn wir uns dieser Tatsache nicht stellen, sondern uns immer weiter der Illusion hingeben, dass die Herausforderungen wie ein Hokuspokus verschwinden würden, würden wir nur mehr Kinder in die Welt setzen.

Die Rückkehr der Vielehe

Warum wir längst nicht mehr monogam sind – und warum das auch nicht schlimm ist

Bei einer Debatte über das neue Unterhaltsrecht hörte ich neulich eine interessante Formulierung: Einige Diskussionsteilnehmerinnen klagten darüber, dass viele Frauen, die jahrelang als Hausfrauen für Kinder und Ehemann gearbeitet hatten, nun um ihre finanzielle Absicherung fürchten müssen. Woraufhin andere die neue Regelung verteidigten, darunter auch eine Bundestagsabgeordnete, die schilderte, wie Politikerinnen aus allen Parteien gemeinsam dieses Thema diskutiert und schließlich die Neuregelung befürwortet hätten. Sie sagte in etwa: „Es ist jetzt zwar für die Erstfrauen schlechter geworden, aber wir hatten eben auch die Interessen der Zweit- und Drittfrauen im Auge.“

In diesem Moment wurde mir klar, womit ich als Idee schon eine ganze Zeit schwanger gehe, was ich aber bis dahin nicht so formuliert hätte: Wir erleben derzeit eine Rückkehr der Vielehe. Das soziologische Gerede von der „seriellen Monogamie“ stimmt überhaupt nicht. „Seriell“ ist die Monogamie, also die exklusive Lebensgemeinschaft eines Paares, nämlich höchstens im Hinblick auf den Sex – darüber besteht jedenfalls weithin Einigkeit: Wer mit der einen pennt, darf nicht (mehr) mit der anderen. Aber im Hinblick auf die Gesamtheit der Beziehung stimmt es ganz oft nicht, nämlich immer dann, wenn Kinder da sind. Denn es ist heutzutage ausdrücklich erwünscht, dass die Beziehung der Kinder zu beiden Elternteilen auch nach der Scheidung aufrechterhalten wird. Es ist aber völlig unsinnig anzunehmen, ein Vater könnte eine intensive und verantwortungsvolle Beziehung zu seinen Kindern pflegen, ohne gleichzeitig auch eine (wie auch immer geartete) Beziehung zu deren Mutter zu haben – oder gegebenenfalls auch andersrum.

Wie soll man dieses komplizierte Beziehungsgefüge organisieren? An dieser Frage scheitern heute viele Liebesbeziehungen zwischen Frauen und Männern. Eine Bekannte von mir hat sich zum Beispiel von ihrem Freund getrennt, mit dem sie drei Jahre lang ein Paar war. Das ungeklärte Verhältnis zu seiner Exfrau und den noch kleinen Kindern war ein dauernder Streitpunkt gewesen. Meine Bekannte hatte den Eindruck, immer nur um die Bedürfnisse der „Erstfamilie“ herumorganisiert zu werden – angefangen vom Urlaubstermin über die Frage, in welcher Stadt man wohnt, bis hin zur Planung der Weihnachtsfeiertage. Endgültig gereicht hat es ihr dann, als ihr Freund den Vorschlag machte, sie könnten doch eine Wohnung im selben Haus beziehen, in dem auch seine Exfrau und die Kinder lebten. Das wäre doch organisatorisch am einfachsten, fand er. In dem Moment beschloss sie, dass das Leben einer Zweitfrau wohl doch nichts für sie ist.

Vielleicht wird es Zeit, sich einzugestehen, dass die so genannte „serielle Monogamie“ überhaupt keine Monogamie ist. Monogamie ist nämlich, so sagt die Lexikon-Definition, „die lebenslange exklusive Fortpflanzungsgemeinschaft zwischen zwei Individuen“. In diesem Sinne ist unsere Kultur ganz offensichtlich schon lange nicht mehr monogam. Hierzulande wird „monogam“ verstanden als „in einem bestimmten Lebensabschnitt nur mit einer Person Sex haben.“ Die Frage, wer mit wem ins Bett geht, ist aber in diesem Zusammenhang ziemlich unerheblich. Solange keine Kinder da sind, entstehen diesbezüglich im Allgemeinen keine größeren Probleme, jedenfalls keine, die erwachsene Menschen nicht im Normalfall untereinander regeln könnten.

Das Hauptproblem besteht nicht im Hinblick auf die Sexualität, sondern auf die Kinder, und die Frage, wie stabile Elternbeziehungen auf der einen und wechselnde Sexualbeziehungen auf der anderen Seite unter einen Hut gebracht werden können. Oder konkret: Wer sich mit wem wie intensiv verbunden fühlt, wo der emotionale Lebensmittelpunkt liegt, wo die Verantwortlichkeiten und Verbindlichkeiten.

„Fortpflanzungsgemeinschaften“ lassen sich ganz einfach nicht „seriell“ organisieren. Jedenfalls dann nicht, wenn eine Gesellschaft den Anspruch auf lebenslange verantwortliche Elternschaft sowohl von Vater als auch von Mutter legt. Es gäbe natürlich andere Möglichkeiten. Matriarchale Gesellschaften zum Beispiel sind häufig so organisiert, dass sie Vaterschaft und Sexualität trennen: Die Rolle des sozialen Vaters, also der verlässlichen, lebenslang verpflichteten männlichen Bezugsperson eines Kindes, übernimmt der Bruder der Frau, während die Sexualpartner der Mütter wechseln können. Männer sind also nicht die Väter der Kinder, die ihre (wechselnden) Sexualpartnerinnen zur Welt bringen, sondern sie sind die „Väter“ ihrer Nichten und Neffen, der Kinder ihrer Schwestern, mit denen sie ja auch ohnehin eine lebenslange familiäre Beziehung verbindet.

In diese Richtung einer kulturellen Trennung zwischen biologischer und sozialer Vaterschaft geht die Entwicklung hierzulande aber gerade nicht. Die „biologische“ Vaterschaft wird – wie die jüngste Aufwertung genetischer Vaterschaftstests in juristischen Verfahren zeigt – im Vergleich zur sozialen Vaterschaft sogar immer wichtiger. Vor allem die organisierten Männerverbände bekunden hieran ein großes Interesse (obwohl es nach wie vor auch sehr viele Väter gibt, die nach einer Trennung den Kontakt zu ihren Kindern abbrechen). Doch wenn man das will, muss man sich auch den Konsequenzen solcher Verhältnisse stellen: Wenn Väter und Mütter das Recht auf wechselnde, serielle Liebesbeziehungen inklusive daraus möglicherweise resultierender weiterer Kinder haben, dann ist das faktische Polygamie.

Dass dies nicht offen thematisiert wird, liegt natürlich daran, dass wir komplexe Familienstrukturen, die über die intime Zweierbeziehung als „Keimzelle“ hinausweisen, hierzulande offiziell ablehnen. Schon in der Schule hat man uns beigebracht, dass der Übergang von der bösen Polygamie der wilden Naturvölker zur guten Monogamie der zivilisierten Gesellschaften ein Fortschritt in der Menschheitsgeschichte war. Derzeit ist das Thema zudem besonders heikel, weil diese alte, patriarchale Vielehe doch eher bei den vermeintlich so rückständigen Muslimen vermutet wird, als mitten unter „uns“ aufgeklärten westlichen Leuten. Dabei ist es völlig abwegig zu glauben, dass die alten Araber ihre vielen Frauen alle gleichzeitig geehelicht hätten. Natürlich taten auch sie das in der Regel „seriell“, also hübsch nacheinander. Und auch damals wird es im wesentlichen so gewesen sein, dass die „Erstfrau“ vor allem, was das Nachtlager betraf, gegen ihre jüngeren, sexuell attraktiveren Nachfolgerinnen ausgetauscht wurde, aber als Mutter der bereits geborenen Kinder eben weiterhin zum Familienkreis gehörte. Dass der Prophet Mohammed irgendwann die Parole ausgab, bei vier Frauen müsse Schluss sein, hatte auch keineswegs sexualmoralische, sondern ökonomische Gründe: Es ging, damals wie heute, um die Frage der wirtschaftlichen Absicherung von Frauen und Kindern, also um das Unterhaltsrecht.

Eines allerdings ist heute anders geworden, und das ist die Gleichberechtigung der Frauen. Es sind nicht mehr, wie in patriarchalen Zeiten, nur die Männer, denen es erlaubt ist, im Laufe der Zeit mehrere Frauen zu haben, sondern auch die Frauen dürfen heute mehrere Männer haben. Das macht das Problem aber nicht unbedingt einfacher. Auch so manchem „Zweitmann“ dürfte das familiäre Kuddelmuddel seiner bereits mit einem anderen Mann Mutter gewordenen Lebenspartnerin Probleme bereiten. Immerhin können die Männer, anders als die Frauen, hier auf den Faktor Zeit hoffen: Bei den Frauen ist nämlich irgendwann mit dem Mutterwerden Schluss, während die Männer bis ins hohe Alter weitere Kinder zeugen können. Deshalb ist das neue Unterhaltsrecht übrigens auch unter Geschlechteraspekten höchst ungerecht: Ein „Erstmann“, der wegen der Kinder auf Karrierechancen verzichtet hat, kann sich relativ sicher sein, dass die gut verdienende Mutter seiner Kinder irgendwann keine weiteren Kinder in die Welt setzt, denen (und deren Vätern) gegenüber sie möglicherweise unterhaltspflichtig ist. Den „Erstfrauen“ geht es da deutlich schlechter. Sie müssen bis ans Lebensende um ihre Unterhaltsansprüche bangen, da die gut verdienenden Väter ihrer Kinder jederzeit die Möglichkeit haben, erneut mit anderen Frauen Kinder zu haben.

Was die ökonomische Seite des Problems betrifft, so ist eine Lösung aber in Sicht: Sie besteht in der finanziellen Unabhängigkeit aller erwachsenen Individuen. Wenn erst einmal alle Frauen und Männer erwerbstätig und individuell ökonomisch abgesichert sind, dann verliert die Frage des Unterhaltsrechts an Bedeutung. Dass dieser Weg bislang nur halbherzig eingeschlagen wird – unter anderem deshalb, weil die ökonomische Bedeutung von Haus- und Familienarbeit noch immer nicht in aller Klarheit mit einkalkuliert wird – ist zwar wahr, aber kein symbolisches, sondern lediglich ein handwerkliches Problem der Politik. Denkbar ist so eine Lösung, und im Großen und Ganzen sind wir ja auch bereits auf dem Weg dorthin.

Dennoch glaube ich, dass das Problem der heutigen, uneingestanden polygamen Beziehungsstrukturen damit nicht gelöst ist. Meine Bekannte zum Beispiel, die keine andere Lösung sah, als sich von dem Mann, den sie eigentlich liebt, zu trennen, hat kein wirtschaftliches Problem. Dass ihr Freund sein Einkommen mit seinen Kindern und deren Mutter teilt, findet sie völlig in Ordnung. Als ökonomisch selbstständiger Frau kann es ihr ja auch egal sein. Ihr Problem ist vielmehr, dass es ihr in dieser Beziehungskonstellation nicht möglich ist, weiterhin den Traum einer monogamen Liebesbeziehung zu träumen. Sie musste einsehen, dass sie mit diesem Mann, obwohl sie ihn liebt, keinen intimen Familienbereich gründen (und in diesem Binnenraum selbst Mutter werden) kann, ohne dass dieser „monogame“ Bereich gewissermaßen „gestört“ wird durch die gleichfalls berechtigen Ansprüche anderer Frauen und Kinder, die durch ebenso intime Beziehungen mit diesem Mann bereits verbunden sind.

Worauf ich hinaus will ist, zu zeigen, dass Probleme dieser Art nicht nur individuelle Probleme sind, sondern die logische Folge der Art und Weise, wie wir über Familien und Liebesbeziehungen sprechen und nachdenken. Früher, in patriarchalen und monogamen Zeiten, hatte der Liebeskummer der Frauen seinen Grund in einem individuellen Fehlverhalten der betreffenden Männer. Zwar war sexuelle Polygamie, insbesondere unter Männern (aber wahrscheinlich auch unter Frauen) schon immer weit verbreitet. Doch wenn ein Ehemann mit der Sekretärin ins Bett ging oder die Ehefrau den Briefträger verführte, dann entstanden daraus keine moralischen, von der Gesellschaft eingeforderten Folgen und Verpflichtungen. Monogamie hieß eben, dass die erste, eigentliche, gesetzlich abgesegnete Beziehung (die Ehe) als einzige zählte. Entsprechend war sich die „öffentliche Meinung“, also die Nachbarinnen, die Schwiegermütter, die Zeitungsschreiber und so weiter, auch einig: Wer „fremdgeht“ – egal ob als Verheirateter oder mit einem anderweitig Verheirateten – handelt schlecht, ist schuldig, hat keine Ansprüche zu stellen.

Das hat sich geändert. Wir möchten, dass die Ansprüche aller Beteiligten gehört und beachtet werden. Das heißt aber, dass heute der aus „Mehrfachbeziehungen“ herrührende Liebeskummer der Frauen (und wohl auch vieler Männer) nicht in erster Linie mit individuellem Fehlverhalten zu tun hat, sondern mit widersprüchlichen, einander ausschließenden Ansprüchen der Gesellschaft: Man kann eben ganz einfach nicht sowohl intime und exklusive Zweierbeziehungen führen, als auch für die Kinder aus vorangegangenen Beziehungen verantwortlich und verlässlich da sein. Der Traum der intimen, exklusiven Zweierbeziehung, der Monogamie also, lässt sich nur träumen, wenn man entweder auf Kinder ganz verzichtet (und auch nur Kinderlose als mögliche Liebespartner und -partnerinnen in Betracht zieht), oder wenn man tatsächlich zur ursprünglichen Monogamie-Definition der „lebenslangen exklusiven Fortpflanzungsgemeinschaft“ zurückkehrt. Und es ist wohl kein Zufall, dass es für beides derzeit starke gesellschaftliche Tendenzen gibt.

Wenn wir das aber nicht wollen, wenn wir vielmehr eine Gesellschaft wollen, in der weiterhin Kinder geboren werden, die Erwachsenen aber dennoch frei sind, ihre Sexualpartner und -partnerinnen im Lauf der Zeit zu wechseln, dann werden wir uns wohl dem Thema „moderne Polygamie“ zuwenden müssen. Wie können familiäre Beziehungsstrukturen funktionieren, in denen sich mehrere Frauen und Männer, die in komplizierten Strukturen wechselseitig durch (ehemalige und aktuelle) Sexualbeziehungen sowie durch ein komplexes Netz von sozialer oder biologischer Mutter- und Vaterschaft unweigerlich miteinander verbunden sind, wohlfühlen und menschenfreundlich miteinander umgehen?

 

Abschied von der guten Mutter

Was Mütterlichkeit ist oder sein sollte, das wird heute, wie ehedem, vor allem von Gesetz und öffentlicher Meinung definiert. Wie aber wäre es, wenn die Freiheit der Frauen (und nicht deren Nutzen für die Gesellschaft) ins Zentrum des Nachdenkens über die Bedeutung von Mutterschaft gestellt würde? Dazu habe ich unter dem Titel „Abschied von der ‚guten’ Mutter“ einen Artikel für die Zeitschrift „Forum Sexualaufklärung und Familienplanung“ gder Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung herausgegeben wird.

Link: www.antjeschrupp.de/mutter. In dem Heft gibt es noch weitere interessante Artikel, zum Beispiel über das „Mutterbild in Medien und Alltag“ oder über Mutterbilder von Migrantinnen. Das Themenheft „Mutter“ ist kostenlos bei der BZgA in Köln erhältlich, einfach per Mail unter Best.-Nr. 13329210 an order@bzga.de.