Die denkwürdigen Sorgen der Frau Lewitscharoff


8668329083_a46ff3f9aa_bÜber die denkwürdige Rede von Sibylle Lewitscharoff habe ich heute beim Spaziergehen nachdenken müssen. Nicht über ihre krasse Wortwahl, über die sich ja schon alle aufgeregt haben, denn mir gefallen krasse Wortwahlen eigentlich: Ansichten werden ja auch nicht dadurch besser, dass sie in diplomatische Vokabeln verpackt werden.

Die Frage, die mich interessiert, ist nicht, warum Lewitscharoff sich so krass ausdrückt, sondern was sie dazu bringt, solche Ansichten zu haben. Ich glaube nicht, dass ihr Fall sarrazinesk ist, dass es ihr also vor allem um Aufmerksamkeit und Selbstinszenierung geht. Ich glaube, dass sie sich tatsächlich irrt, weil sie etwas Wichtiges nicht verstanden hat.

Der inhaltliche Punkt ihrer verbalen Ausfälle war eine „Abscheu“ vor künstlicher Befruchtung  und zwar speziell, wenn es sich um lesbische Frauen handelt. Bei heterosexuellen Paaren hat sie eher Verständnis, es handelt sich also nicht um Technikkritik, die Technik ist ja in beiden Fällen dieselbe, sondern um Gesellschaftskritik.

In einem Interview in der FAZ hat Lewitscharoff noch einmal konkretisiert, was genau es ist, das sie für eine „katastrophale Entwicklung“ hält:

„Die Selbstermächtigung der Frauen. Ich finde, zu einem Kind gehört auch der Mann.“

Und weiter:

„Es geht mir wirklich auch darum, den Mann nicht zu beseitigen aus der Erziehung. Das ist mir wichtig. Ich finde, die Männer sind in unserer Gesellschaft stark im Rückzug begriffen, was Erziehungsfragen angeht. Das halte ich für schwierig.“

Diese Einschätzung ist ja nun ganz und gar erstaunlich, weil wir uns seit einiger Zeit doch mitten in einem riesigen Transformationsprozess zur Einbeziehung von Männern in „Erziehungsfragen“ befinden. Sowohl auf politischer Ebene (Vätermonate, neue Arbeitszeitmodelle), als auch auf gesellschaftlicher („Mehr Männer in Kitas“, organisierte Väterbewegungen, Feuilletonserien über Vaterschaftserfahrungen) wie auch auf individueller (heterosexuelle Paare, die sich bemühen, die Erziehungsarbeit aufzuteilen, Kampf schwuler Männer ums Adoptionsrecht).

Es ist also rundheraus falsch, dass Männer, was Erziehungsfragen betrifft, „stark im Rückzug begriffen“ wären, das genaue Gegenteil ist der Fall. Und zwar in einem Ausmaß, das lesbische Frauen mit Kinderwunsch ganz sicher nicht unterminieren können.

Was also hat Lewitscharoff im Kopf, wenn sie so etwas offensichtlich Irreales behauptet?

Als ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass es bei diesem Thema tatsächlich etwas gibt, das „im Rückzug begriffen“ ist, allerdings sind das nicht Männer generell, sondern eine ganz spezielle Sorte Mann: der typische Vater von früher. Während das Wort „Mutter“ heute mehr oder weniger noch dasselbe bedeutet wie vor hundert, zweihundert oder dreihundert Jahren, hat das Wort „Vater“ einen radikalen Bedeutungswandel hinter sich.

Was ist denn eine Mutter? Eine „Mutter“ ist eine Person, die für ein Kind die volle Verantwortung trägt. In sehr vielen Fällen (aber nicht notwendigerweise) ist diese Person identisch mit der Person, die das Kind geboren hat. Sie erledigt die für das Kind notwendige Care-Arbeit, vermittelt ihm die Welt, lehrt das Kind sprechen, und dafür verbringt sie einen Großteil ihrer nicht-erwerbstätigen Zeit gemeinsam mit dem Kind. Das ist, wohlgemerkt, eine phänomenologische Beschreibung „real existierender“ Mütter, keine normative Definition. Im konkreten Fall kann diese Person auch ein Mann sein oder jemand, die_der das Kind nicht selbst geboren hat, und es gibt natürlich auch Mütter, die von ihrem Kind getrennt leben. Aber die große Mehrzahl der Mütter, so behaupte ich, dürften sich mehr oder weniger in diesem Bild wiederfinden.

Und was ist ein Vater? Noch vor hundert Jahren war ein Vater ein Mann, der mit einer Mutter verheiratet war und durch diesen Status die Befugnis hatte, über Mutter und Kinder zu bestimmen und deren Rechte stellvertretend nach außen wahrzunehmen. Er war häufig, aber nicht notwendigerweise, auch der biologische Erzeuger der Kinder. In die notwendigen Erziehungsarbeiten war er im Alltag fast gar nicht involviert, fungierte aber als Autoritätsperson, die das letzte Wort hat („Warte nur, bis dein Vater nach Hause kommt!“). Er verbrachte nur wenig Zeit zusammen mit den Kindern, vielmehr hatte er meist einen eigenen Bereich, den die Kinder nur mit Erlaubnis betreten durften. Die Mutter hatte dafür zu sorgen, dass der Vater von seinen Kindern „nicht gestört wird“.

Ich behaupte mal, die Väter, die sich heute noch in dieser Beschreibung wiederfinden, lassen sich an einer Hand abzählen. Die meisten würden sich wahrscheinlich eher in dem wiederfinden, was ich oben über Mütter schrieb.

Betrachtet man diesen Bedeutungswandel des Wortes „Vater“, so wird deutlich, dass es sich tendenziell dem angenähert hat, was Muttersein schon immer bedeutete. Noch nicht unbedingt in der Realität – dass es mit der „aktiven Vaterschaft“ noch an vielen Ecken hapert und warum, muss ich hier ja nicht näher ausführen. Aber es ist doch klar, dass viele der heutigen „real existierenden Väter“ irgendwie in diese Richtung wollen, und die beteiligten Mütter übrigens auch. Manche vielleicht nur halbherzig, andere entschlossener, aber einige sind auch schon dort angekommen.

Wenn sich aber Väter nur noch dadurch von Müttern unterscheiden, dass sie die Kinder nicht selbst geboren haben (was ich übrigens keineswegs für einen trivialen Unterschied halte, aber für meine hiesige Argumentation fällt er nicht groß ins Gewicht), dann…

… ja, dann gibt es keinen logischen Grund mehr dafür, warum die Gruppe der Erwachsenen, die ein Kind „bemuttern“, sich unbedingt aus einer Frau und einem Mann zusammensetzen muss. Es können dann genauso gut zwei Frauen oder zwei Männer sein. Oder drei oder vier.

Der entscheidende Punkt ist hier, dass der patriarchale Vater nicht mehr gebraucht wird. Ich weiß nicht, ob er jemals „gebraucht“ wurde, aber zumindest hatte er früher eine gesellschaftliche Funktion. Die hat er heute nicht mehr. Sie ist in dem Moment obsolet geworden, als Frauen gleichberechtigt wurden, wo sie sich selbst nach außen vertreten und eigenes Geld verdienen konnten. Oder vielleicht sogar noch früher: in dem Moment, wo Frauen das patriarchale Familien-Arrangement nicht mehr akzeptierten und beschlossen, für ihre Gleichberechtigung zu kämpfen.

Sibylle Lewitscharoff hat also Recht, wenn sie eine „Selbstermächtigung der Frauen“ diagnostiziert. Aber diese Selbstermächtigung bezieht sich nicht darauf, einem technologischen Machbarkeitswahn zu frönen und dabei die Bedingtheit und Begrenztheit der Welt zu missachten (wie Lewitscharoff es ihnen vorwirft). Um es in Lewitscharoffs religiösem Bezugsrahmen auszudrücken, den sie ja ausdrücklich zu ihrer Rechtfertigung ins Feld führt: Frauen setzten sich mit ihrer Selbstermächtigung keineswegs selbst an die Stelle Gottes, sie lassen bloß nicht mehr zu, dass Männer sich (ihnen und ihren Kindern gegenüber) an die Stelle Gottes setzen.

Deshalb ist die Selbstermächtigung der Frauen, die unter sehr vielem anderem auch die In-Vitro-Fertilisation für lesbische Frauen mit Kinderwunsch brachte, auch keine Gefahr für die Welt und das Zusammenleben der Menschen. Es geht dabei nämlich gerade nicht um Machbarkeit und Ich-Bezogenheit, sondern um ein gutes Leben für alle, um gelingende Beziehungen.

Na klar gibt es einen medizinisch-pharmazeutischen Komplex und neoliberale Ideologen, die aus all dem Profit schlagen wollen, und es ist sehr wichtig, dies kritisch im Auge zu behalten (ein Bemühen, dem Lewitscharoff leider gerade einen Bärendienst erwiesen hat).

Es dauert immer eine Weile, bis ein so grundlegender Wandel wie das Ende des Patriarchats – und genau darum handelt es sich hier im genauesten Wortsinn – sich auch „herumspricht“, also in die symbolische Ordnung einer Gesellschaft eingeschrieben wird und auch die konkrete Realität sich entsprechend sichtbar ändert. Sibylle Lewitscharoff, so scheint es mir, gehört zu denen, die diese Veränderung nicht sehen (und sie ist ja wahrlich nicht die einzige). Sie sieht nur das Durcheinander, das dieser Wandel ebenfalls mit sich bringt, und sehnt sich daher zurück nach einer alten Ordnung. Die aber zum Glück nicht wiederkommen wird.

Denn, wie italienische Feministinnen schrieben: „Es ist passiert – nicht aus Zufall“.

Foto: Flickr.com/jenssissel cc by-sa

Die neuen Väter und ihre Option auf Elternarbeit

© lisalucia - Fotolia.com

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(Dies ist ein Artikel in der Reihe “Letz talk about Schwangerwerdenkönnen)

Im Editorial der aktuellen brandeins schreibt Chefredakteurin Gabriele Fischer einen Satz, der mir zu denken gab. Er lautet:

Wolf Lotter unterbrach gern seinen Elternurlaub, um aus … zu erzählen.

Der Informationsgehalt ist ein doppelter. Erstens: Wolf Lotter ist im Elternurlaub (Kekse !!!). Und zweitens: Er ist gern bereit, seinen Urlaub zu unterbrechen, wenn es in der Firma etwas wichtiges zu tun gibt (Kekse !!!).

Unbeantwortet bleibt die dritte Frage: Und wer versorgt jetzt das Kind?

Einen Elternurlaub kann man ja nicht einfach so unterbrechen wie einen Mallorcaurlaub. Mallorca ist es egal, wenn man ihm den Rücken kehrt und zurück an den Schreibtisch eilt. Ein Kind hingegen muss trotzdem weiter versorgt werden, stündlich. Vermutlich hat Lotters Kind eine Mutter, die hier einspringt, oder es gibt andere Erwachsene, die das tun, oder Lotter schafft es, beides zu vereinbaren, ich weiß es nicht.

Aber die Frage zu stellen: Und wer versorgt das Kind? ist wichtig, weil sie zentral ist für die derzeitigen Debatten um Elternschaft.

In Bezug auf Vaterschaft hat heute das alte patriarchale Modell ausgedient, wonach ein Vater Familienoberhaupt ist, das Entscheidungen für Frau und Kinder trifft und Geld verdient, aber in die alltägliche Hausarbeit kaum involviert ist. Doch es ist noch nicht so genau klar, was Vaterschaft denn künftig stattdessen bedeuten soll.

Bei mir gehen bei Sätzen wie dem oben zitierten gewisse Alarmglocken an, weil dahinter die Idee steckt, dass Vaterschaft sich künftig zwar bis zu einem gewissen Grad am Modell von Mutterschaft orientiert (konkrete Fürsorge für das Kind im Alltag), allerdings nur als Option beziehungsweise auf Zeit. Zwei “Vätermonate” eben, oder Elternurlaub, der unterbrochen werden kann. Ähnlich scheint es zum Beispiel auch Malte Welding zu gehen, der das Thema in seinem Blog ausführlich diskutiert hat.

Ich möchte deshalb den Gedanken in die Debatte bringen, dass das Modell “Kinderversorgen als Option” nur denkbar ist, wenn es andere Menschen gibt, für die das Kinderversorgen eben keine Option, sondern undiskutierbare Notwendigkeit ist. Diese Menschen nenne ich einfach mal “Mütter”, weil genau das das traditionelle Modell von Mutterschaft war: “Mutter” ist diejenige, die letzten Endes für die Versorgung des Kindes zuständig ist. Sie kann diese Arbeit delegieren, an Väter, Tanten, Großmütter, Nachbarinnen. Aber wenn sich niemand anderes findet, muss sie es selbst machen.

Diese Unterscheidung zwischen “Vätern” (Fürsorgearbeit als Option) und “Müttern” (Fürsorgearbeit als undiskutierbare Notwendigkeit) ist natürlich nicht unbedingt an das Geschlecht der betreffenden Personen gebunden, aber sie ist auch nicht völlig losgelöst davon. Denn hier setzt sich eine Realität fort, die die ungleiche Beteiligung von Elternpersonen vor der Geburt widerspiegelt: Die der Schwangeren und der Nicht-Schwangeren.

Solange ein Kind noch nicht geboren ist, ist es Teil des Körpers einer schwangeren Frau*. Im Zustand des Schwangerseins ist aufgrund purer biologischer Umstände Elternschaft keine Option, die zum Beispiel für einen Job mal eben unterbrochen werden kann. In diesem Zustand sind nur Tätigkeiten möglich, die mit der Elternschaft (dem Schwangersein) vereinbar sind, punkt, basta.

Und zwar im Unterschied zu den nicht-schwangeren Elternteilen. Sie sind in ihren sonstigen Aktivitäten durch die bevorstehende Geburt in keinerlei Weise körperlich eingeschränkt, sie können in der Woche vor dem Geburtstermin noch einen Marathon laufen oder sich bewusstlos saufen, ohne dass das – auf der körperlichen Ebene – irgend eine negative Auswirkung auf das Kind hat. Wenn sie darauf, etwa aus Solidarität mit der schwangeren Frau, verzichten, dann tun sie das aus sozialen Gründen, freiwillig: Für sie ist Option, was für die Schwangere undiskutierbare Notwendigkeit ist.

Die historisch überkommenen Geschlechterrollen verlängern diesen Zustand sozusagen in die Zeit nach der Geburt. Das hat nichts mit moralischer Schuld zu tun. Es ist auch nicht so, dass die Frauen* hier per se den schwarzen Peter haben, denn die Männer* bestehen auf der Optionalität ihrer Fürsorgetätigkeit in der Tat oft nicht einfach aus Faulheit, sondern durchaus aus Verantwortungsbewusstsein, nämlich dem, für die finanzielle Absicherung sorgen zu müssen, nicht  nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder und deren Mütter (Vgl dazu auch meinen Post “Paarbildung”)

Worum es mir geht ist, dass die Symbolifigur “Elternarbeit als Option”, wie sie in dem brandeins-Zitat bekräftigt wird und auch im tatsächlichen Verhalten vieler “neuer” Väter zum Ausdruck kommt, nicht zum neuen Interpretationsmodell für Elternschaft generell werden darf, denn dies widerspricht der Bedingtheit des Menschseins: In Bezug auf Babies und kleine Kinder ist Elternarbeit eben keine Option, sondern eine undiskutierbare Notwendigkeit, die erledigt werden muss. Von irgend jemandem. Dieser jemand ist dann die Mutter*.

Diese Person muss nicht identisch sein mit der Frau, die das Kind geboren hat, denn bei der Geburt wird der Körper des Kindes vom Körper der schwangeren Frau getrennt. Dass sie es aber auch heute noch, nach Jahrzehnten aktiver Gleichstellungspolitik nach wie vor fast immer ist, liegt meines Erachtens daran, dass wir die Nicht-Optionalität von Elternsein nicht genügend diskutieren und in unserem Handeln und Sprechen bewusst machen.

Wenn wir die traditionellen Bedeutungen von Mutterschaft und Vaterschaft ablehnen und an ihrer Stelle neue einführen möchten, müssen wir also unbedingt die Frage stellen und beantworten: Wie ist verlässlich dafür gesorgt, dass die früher den Müttern zugeschriebene Aufgabe, nämlich im Fall dass das Kind etwas braucht, alles andere ohne Wenn und Aber hinten anzustellen und die notwendige Arbeit zu tun, auch in Zukunft erfüllt wird? Optionale Vaterschaft ist da keine Lösung. Und solange wir keine Lösung haben, wird diese Funktion, von seltenen Ausnahmen abgesehen, bei den Frauen hängenbleiben, die ein Kind geboren haben.

Schwangerwerdenkönnen und symbolische Ordnung

Dies ist Teil 3 der Reihe “Letz talk about Schwangerwerdenkönnen”

Das Schwangerwerdenkönnen ist ein realer Vorgang, das heißt, es gibt dabei einen materiellen Hintergrund: Im Körper einer Frau* wächst ein neuer Mensch heran und wird, wenn alles gut verläuft und von der Schwangeren gewünscht, nach einer gewissen Zeit geboren.

Doch in der gegebenen Realität (was ich mit dem Unterschied zwischen „Realität“ und „Realem“ meine, habe ich neulich beschrieben, am Ende dieses Blogposts) ist dieser Prozess der Schwangerschaft untrennbar mit einer bestimmen symbolischen Ordnung verwoben, wobei diese Ordnung gleichzeitig für die Betroffene vorgegeben ist, als auch von ihr verändert werden kann.

Diese symbolische Ordnung prägt dabei das Erleben aller Frauen*, also aller Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit schwanger werden können, und zwar unabhängig davon, ob sie tatsächlich schwanger werden können oder irgendwann schwanger werden.

Ich zum Beispiel weiß nicht, ob ich schwanger werden kann, denn ich habe es nie ausprobiert (und werde es wohl auch nie erfahren), aber dennoch ist mein Heranwachsen ganz erheblich vom Schwangerwerdenkönnen geprägt gewesen. Vom Eintritt meiner Pubertät an war ich mit dieser Möglichkeit konfrontiert und musste mich damit auseinandersetzen.

Zum Beispiel verboten mir meine Eltern als Jugendliche bestimmte Sachen, etwa gemeinsames Zelten ohne Aufsicht mit Jungens, mit dem ausdrücklichen Hinweis darauf, dass ich schwanger werden könnte. Dabei spielte es keine Rolle, wie wahrscheinlich das wäre, der springende Punkt war, dass es nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden konnte.

In meiner Jugend, also ab Ende der 1970er Jahre, hing das Schwangerwerdenkönnen noch wie ein Damoklesschwert über dem Frausein, ich weiß nicht genau, wie das heute ist. Aber damals, zumindest auf dem Dorf, war das Schwangerwerden außerhalb des dafür vorgesehenen Eherahmens der größte anzunehmende Unfall, der einer Frau widerfahren konnte. „Heiraten müssen“ war eine gängige Formulierung dafür, dass mit dem Schwangerwerden ein schlimmer Lebensweg vorgezeichnet war, nämlich die Alternative, lebenslang mit einem Mann verbunden zu sein, den man möglicherweise nicht liebte, oder das ehrlose Leben einer „unehelichen Mutter“ zu führen. Also eine Wahl zwischen Pest und Cholera.

Entsprechend panisch erlebte ich Sexualität mit Jungs. Jedesmal, wenn sich die Menstruation um ein paar Tage verzögerte, durchlebte ich diese Panikphasen, und zwar allein, ohne mit jemandem darüber sprechen zu können. Auch dabei nützte es mir nicht viel, mir zu sagen – soweit mir die biologischen Vorgänge dabei bekannt waren – dass es sehr unwahrscheinlich wäre, dass ich schwanger bin. Für die Panik genügte es, dass ich es nicht mit hundertprozentiger Sicherheit ausschließen konnte.

Später habe ich erfahren, dass diese Panik bei älteren Frauen oft noch viel krasser gewesen war. Denn ich wusste als Jugendliche immerhin, dass ich nur dann schwanger werden konnte, wenn in irgendeiner Weise männlicher Samenerguss involviert war. Andere waren weniger „aufgeklärt“ und hatten befürchtetet, dass vielleicht schon Küssen und Streicheln zu einer Schwangerschaft führen könnte.

Dass der allergrößte Teil dieser Panik nicht von dem realen Umstand des Schwangerwerdenkönnens verursacht war, sondern von einer symbolischen Ordnung, die bestimmte Geschlechterverhältnisse voraussetzte, wurde mir klar, als meine persönliche „kopernikanische Wende“ zu dem Thema eintrat. Mitte der achtziger Jahre, als ich zwanzig war, erfuhr ich von der Existenz der Frauenbewegung und damit von der Möglichkeit, abzutreiben. Ab diesem Zeitpunkt war alles anders und die Panik weg: Ich wusste, dass das Schwangerwerdenkönnen nicht bedeuten würde, dass mein Leben ab nun versaut wäre, sondern dass ich auch dann noch ein freier Mensch mit Handlungsoptionen wäre. Ich könnte nämlich abtreiben, oder ich könnte mich entscheiden, das Kind auszutragen ohne den Mann, mit dem ich Sex hatte, mein Leben lang am Hals zu haben. Von diesem Moment an war ich nicht mehr panisch, sondern nur noch leicht besorgt, wenn die Menstruation mal ein paar Tage ausblieb.

Die Frauenbewegung und die Idee eines freien weiblichen Umgangs mit einer eventuellen Schwangerschaft hat die symbolische Ordnung unserer Kultur auf ganz entscheidende Weise verändert, und zwar so, wie symbolische Veränderungen immer ablaufen: Als gesellschaftlicher Wandel, der einerseits objektiv vorhanden ist, gleichzeitig aber von jedem Individuum persönlich und subjektiv angeeignet werden muss. Die Idee des „Mein Bauch gehört mir“ musste in der Welt sein, damit ich überhaupt davon erfahren konnte, gleichzeitig aber musste ich auch tatsächlich davon erfahren und mir diese Idee aktiv aneignen, um davon profitieren zu können. Oder anders gesagt: Es ist ein sozialer Prozess, der erfordert, das eigene Beziehungsnetz und symbolische Bezugssystem zu verändern – ich akzeptierte nicht mehr die Autorität meiner Eltern oder der Dorfgemeinschaft in Bezug auf das, was ein eventuelles Schwangerwerden meinerseits bedeuten würde, sondern übertrug diese Autorität der Frauenbewegung beziehungsweise meinen feministischen Freundinnen.

Interessant in dem Zusammenhang ist auch die Rolle meiner männlichen Sexualpartner dabei. Ich hatte nie verstanden, warum sie mit diesem ganzen Vorgang so unbeteiligt umgehen konnten, warum also so viele Männer, mit denen ich schlief, keinen gesteigerten Wert auf Verhütung legten. Sie schienen diese Panik nicht zu kennen, obwohl sie von einem eventuellen „heiraten müssen“ doch ebenso betroffen gewesen wären, wie ich. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie das Thema verdrängten (und von der symbolischen Ordnung dazu ermutigt wurden, es zu verdrängen), oder ob es daran lag, dass es für sie tatsächlich ein äußerliches Thema war, weil es ja nicht ihr Körper wäre, der schwanger würde. Vielleicht war mein eventuelles Schwangerwerden für sie ein Problem wie jedes andere, aber kein so existenzielles wie für mich.

Später habe ich allerdings auch Männer kennengelernt, die ebenso panische Angst vor meinem Schwangerwerden hatten wie ich selbst, sogar noch größere: Denn nach meiner kopernischen Wende wären sie im Fall der Fälle ganz meiner Entscheidung ausgeliefert, was ich ihnen mit feministischem Furor auch unmissverständlich klar machte. Von dem Moment an, wo ich Feministin geworden war, hätte kein Mann mich mehr dazu bringen können, ein Kind auszutragen, das ich nicht gewollt hätte, oder dazu, ein Kind abzutreiben, das ich gewollt hätte.

Ich denke, dass dieser radikale und reale Unterschied zwischen Frauen* und Männern*, also dass die einen schwanger werden können und die anderen nicht, ein wirklicher Konflikt ist, der nicht so leicht gelöst werden kann. Der reale Vorgang des Schwangerwerdens bedeutet, dass die letzte Entscheidung über das Austragen eines Kindes allein bei der schwangeren Person liegt, denn es ist ein Vorgang, der sich innerhalb ihres Körpers abspielt. Ohne die Anwendung von purer Gewalt oder die Installation einer gewaltförmigen symbolischen Ordnung, die die Freiheit von Frauen* prinzipiell einschränkt, ist an dieser Tatsache nichts zu ändern.

Mit der kopernikanischen Wende, die die Frauenbewegung in Bezug auf das Schwangerwerdenkönnen gebracht hat, hat unsere Kultur einen sehr gewaltigen Schritt in Richtung auf mehr weibliche Freiheit getan. Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Die ganzen offenen Debatten rund um die Elternschaft lesbischer und schwuler Paare (was zwei sehr unterschiedliche Angelegenheiten sind), um biologische versus soziale Vaterschaft, um die Organisation von Kindererziehung und so weiter und so fort hängen letztlich mit diesem Konflikt zusammen.

Meine Vermutung ist, dass wir hier gute Lösungen nur finden werden, wenn wir uns diesem Konflikt stellen, also die körperliche Geschlechterdifferenz in Punkto Schwangerwerdenkönnen thematisieren – anstatt sie, wie derzeit oft üblich, unter einem „neutralen“ Labels namens „Elternschaft“ zu verstecken.

(Titelfoto: adesigna/cc/Flickr.com)

Paarbildung: Schwangerwerdenkönnen und Heteronormativität

Mama, Papa, Kind. Foto: Fotowerk - Fotolia.com

Mama, Papa, Kind. Foto: Fotowerk – Fotolia.com

Dies ist Teil 2 der Reihe „Letz Talk about Schwangerwerdenkönnen“

Menschen kommen auf die Welt, indem sie als kleine hilflose überlebensunfähige Wesen aus dem Körper einer schwangeren Frau* herausrutschen. Das bedeutet, dass Bedürftigkeit und das Angewiesensein auf die Hilfe anderer eine conditio humana ist, also eine Grundbedingung des Menschseins. Es bedeutet auch, dass es in menschlichen Gesellschaftlichen Regelungsbedarf gibt für den Fall, dass eine Schwangerschaft eintritt. Geregelt werden muss insbesondere, wie die Verantwortung für diesen Neuankömmling auf der Welt unter den Erwachsenen verteilt wird.

Die Tatsache, dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht bedeutet, dass Frauen* und Männer* einen unterschiedlichen Zugang zu diesem Thema haben. Zwar besteht zwischen ihnen noch eine Gleichheit, was die Zeugung eines Kindes betrifft – das ist nämlich einem Menschen allein nicht möglich, es braucht zwei dafür. Aber nicht alle Menschen haben dann gleichermaßen die Möglichkeit, dieses gezeugte Zellhäuflein auch wachsen zu lassen und zu gebären.

Wenn wir uns mal für einen Moment vorstellen, es gäbe überhaupt keine kulturellen Regeln in diesem Bereich, keine sozialen Beziehungsnormen und verbindliche Abmachungen, dann hätten Männer* aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit keinerlei Möglichkeit, eine Elternschaft zu planen – denn sie wüssten ja nie, ob die Frau*, mit der zusammen sie ein Kind gezeugt haben, auch neun Monate später noch irgendwo in der Nähe ist oder etwas mit ihnen zu tun haben möchte. Frauen* hingegen wären, falls sie schwanger werden, mit der Verantwortung für das Kind völlig auf sich gestellt – denn sie könnten ja nie wissen, ob der Mann*, mit dem sie zusammen das Kind gezeugt haben, neun Monate später noch da ist oder etwas mit ihnen oder mit dem Kind zu tun haben möchte, und sie könnten das auch von keinem anderen Menschen wissen.

Der einzige Mensch, der bei der Geburt eines Kindes mit hundertprozentiger Sicherheit anwesend ist – ohne dass es dafür irgend einer sozialen Regelung bedarf – ist die Mutter, denn aus ihrem Körper heraus kommt das Kind auf die Welt. Die Mutter kann sich nicht dafür entscheiden, bei der Geburt ihres Kindes nicht dabei zu sein. Die Anwesenheit jeder anderen Person hingegen (des biologischen Vaters, eines sozialen Vaters, einer Hebamme, einer Ärztin oder eines Arztes, von wem auch immer) ist entweder kontingent, also „zufällig“ in dem Sinne, dass diese Person auch nicht anwesend sein könnte, oder eben sozial vermittelt, also durch gesellschaftliche Regeln gewährleistet.

Der kulturelle Regelungsbedarf dreht sich also im Kern um zwei Grundthemen: die Frage, welche Unterstützung eine schwangere Frau* durch die Allgemeinheit erfährt, und die Frage, welche „Rechte“ die Allgemeinheit, die Männer* oder bestimmte andere Menschen in Bezug auf das Kind haben, das im Körper einer Schwangeren heranwächst – unter Umständen auch gegen ihren Willen. Im Detail müssen zum Beispiel für folgende Fragen Antworten gefunden werden:

Gibt es für Menschen, die schwanger sind und/oder rund um die Geburt eine Unterstützung? Was für eine? Wer kommt für diese Unterstützung auf, die Allgemeinheit oder bestimmte andere Menschen? Müssen die Schwangeren irgendwelche Bedingungen erfüllen, um in den Genuss solcher Unterstützung zu kommen? Welche? Oder müssen die Schwangeren selbst sehen, wo sie bleiben und wie sie zurechtkommen?

Wird von Menschen, die ein Kind gebären, erwartet, dass sie sich anschließend um das Neugeborene kümmern? Wie lange? Oder gibt es andere, die dafür ebenfalls zuständig sind? Wer ist das und unter welchen Bedingungen? Wie wird sichergestellt, dass die Betreffenden ihrer Verpflichtung auch nachkommen?

Können Menschen, die schwanger sind, entscheiden, ob sie das Kind austragen möchten oder nicht? Wer bestimmt darüber, was mit neugeborenen Kindern geschieht? Was davon fällt in den Entscheidungsbereich derjenigen, die das Kind geboren hat? Was davon fällt in den Entscheidungsbereich der Allgemeinheit oder bestimmter anderer Menschen? Welcher anderen Menschen? Werden für all das von der Gesellschaft Bedingungen gestellt, stehen dafür Ressourcen zur Verfügung? Wer entscheidet darüber konkret?

Das Problem bei all diesen Fragen ist, dass ihre Beantwortung jeweils unterschiedliche Folgen – Vorteile oder Nachteile – für Frauen* und Männer* hat. Beschließt eine Gesellschaft zum Beispiel, Schwangeren eine Art „Verdienstausfall“ zu zahlen (weil sie eine Zeitlang nicht in gleicher Weise wie Nichtschwangere selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen können) oder eine gute, von der Allgemeinheit finanzierte Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, dann werden Männer* nie in den Genuss dieser Vorteile kommen, weil sie ja von vornherein wissen, dass sie nicht schwanger werden können. Beschließt eine Gesellschaft hingegen restriktive Regeln für den Vorgang der Schwangerschaft (zum Beispiel ein Abtreibungsverbot), dann müssen Frauen* damit rechnen, davon betroffen zu sein, nämlich in dem Fall, dass sie schwanger werden, Männer* können aber sicher sein, dass sie niemals davon betroffen sind.

Das bedeutet, dass das Konzept der „Gleichheit“ für Regelungen in diesem Bereich nicht funktioniert, weil eben Männer* und Frauen* aufgrund ihrer körperlichen Unterschiede nicht gleichermaßen von solchen Regelungen betroffen sein können.

Die „Lösung“, die nun die patriarchale Kultur für diese Herausforderung erdacht hat, war die Erfindung der „heterosexuellen Matrix“. Die Idee ist gewissermaßen, dass die körperliche Differenz innerhalb der menschlichen Spezies in Bezug auf die Fortpflanzung – und damit das „Problem“, dass es in Bezug auf Schwangerschaftsregelungen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu Interessenkonflikten zwischen den männlichen* und weiblichen* Individuen kommt – nivelliert wird, indem nicht in Individuen, sondern in heterosexuellen Paaren gedacht wird. Man „bindet“ sozusagen immer einen Menschen, der schwanger werden kann, und einen anderen, der nicht schwanger werden kann, zusammen: Die kleinste gesellschaftliche Einheit ist dann nicht mehr der einzelne Mensch, sondern das Frau-Mann-Paar. Damit muss die Gesellschaft als Ganze sich nicht mehr um die lästige Differenz zwischen „Gebärenden“ und „Nichtgebärenden“ kümmern. Von jeder Regel ist ja jedes Paar gleichermaßen betroffen, eventuelle Konflikte sind dann bitte intern auszutragen und „Privatsache“.

Die gesamte westlich-patriarchale Konstruktion von Geschlecht ist darauf ausgerichtet, dieses System zu stabilisieren. „Legitime“ Kinder dürfen nur innerhalb eines heterosexuellen Ehepaares entstehen – daher das Verbot der außerehelichen Sexualität. Um die Nachteile, die den Männern* aus diesem Arrangement im Vergleich zum ungeregelten Zustand entstehen (denn sie müssen ja jetzt die Last und Mühe und den Umstand des Kinderkriegens und die Sorge um die Neugeborenen mittragen, obwohl sie selbst gar nicht schwanger werden und das Problem also „eigentlich“ gar nicht hätten) entsteht die sehr starke symbolische Figur des „Vaters“, die mit gesellschaftlicher Macht und Privilegien ausgestattet wird – vor allem Macht über „ihre“ jeweiligen „Ehefrauen“ und die Kinder, die diese gebären.

Die Nachteile, die den Frauen* wiederum aus diesem Arrangement entstehen (die Aufgabe ihrer Autonomie und persönlichen Eigenständigkeit) wird mit dem Verweis auf eine angebliche weibliche „Natur“ oder eine göttliche „Schöpfungsordnung“ legitimiert und durch frühkindliche Konditionierung hin zur „Selbstaufopferung“ und zur Ausbildung angeblicher „mütterlicher Instinkte“ abgesichert.

Aber weil das noch nicht reicht, entsteht ein ausgefeiltes Rechts-, Glaubens- und Wissenschaftssystem, das diese zweigeschlechtliche Ordnung festschreibt und es nahezu unmöglich macht, etwas anderes auch nur in Betracht zu ziehen. Die heterosexuelle Matrix durchzieht die Beziehungen zwischen Männern* und Frauen* auf einer sehr grundsätzlichen Ebene, auch in Bereichen, die mit dem Schwangerwerden und Gebären gar nichts zu tun haben (wie zum Beispiel bei der Frage, wer fürs Kochen oder Fensterputzen zuständig ist). Wo man auch hinschaut, ist unser Denken und unsere kulturelle Struktur von Pseudo-„Ehepaaren“ durchzogen, die klar geschlechtlich konnotiert sind – Körper und Geist, Gefühl und Verstand, Bauch und Kopf, Privat und Öffentlich….

Also: Alles, was wir über Frauen und Männer sagen, ist eine soziale Konstruktion, und nicht nur das – die patriarchale Konstruktion der Geschlechterdifferenz in Form von heterosexuellen „Ehepaaren“ prägt nicht nur das Verhältnis von Frauen und Männern, sondern das gesamte Denken und die gesamte Kulturproduktion. Aber es ist wichtig, zu sehen, dass diese Konstruktionen eben nicht in einem luftleeren Raum und willkürlich entstanden sind, sondern dass sie von ihrem Ursprung her eine Herausforderung bearbeiten, die sich für menschliche Gesellschaften aufgrund der biologischen Beschaffenheit ihrer Spezies tatsächlich stellt.

Oder anders gesagt: Wenn wir die heterosexuelle Matrix untergraben wollen, wenn wir das Modell des Mann-Frau-Paares durch etwas anderes, besseres ersetzen möchten – durch freie Individualität, durch andere Vorstellungen von Familie, durch vielfältigere Beziehungskonstellationen – dann wird das meiner Ansicht nach nur gelingen, wenn wir die oben gestellten Fragen zum Umgang mit Schwangeren und Neugeborenen bewusst stellen und andere, bessere Regelungen finden. Dafür brauchen wird Denkmodelle, die die Tatsache, dass es eine körperliche Differenz zwischen Frauen* und Männern* im Bezug auf Schwangerschaft und Geburt gibt, nicht umschiffen oder kleinreden, sondern sie realistisch ins Auge fassen.

Letz talk about Schwanger werden können

tamponIm Januar nahm ich an einem Seminar über weibliche Initiationsriten teil, bei dem es auch um den Austausch zwischen europäischen und afrikanischen Sichtweisen zu dem Thema ging. Zur Vorstellungsrunde sollten wir Teilnehmerinnen jeweils einen Gegenstand mitbringen, der für uns das „Frauwerden“ symbolisiert. Ich war sehr überrascht, dass viele der anderen etwas mitgebracht haben, das für den Eintritt der Gebärfähigkeit steht – Tampons oder Stoffbinden zum Beispiel.

Ich war davon so überrascht, weil ich selbst nicht eine Sekunde an so was dachte. Ich hatte vielmehr ein Foto herausgesucht, das meine Mutter als Baby zeigt zusammen mit ihrer Mutter, ihrer Tante und ihrer Großmutter. Denn für mich hängt Frausein vor allem damit zusammen, sich bewusst in eine weibliche Genealogie zu stellen, also sich zugehörig zum „Geschlecht der Frauen“ zu empfinden und zu positionieren.

Vielleicht liegt es daran, dass ich keine Kinder habe und auch nie welche wollte, dass für mich das Frausein nichts mit Gebären zu tun hat, dass ich mein „Weiblichsein“ nicht mit dem Übergang vom (geschlechtsneutralen?) Kindheitszustand in den menstruierenden Zustand der „erwachsenen“ Frau assoziiere. Aber seit diesem Seminar denke ich darüber nach, ob das nicht auch ein bisschen ein Sich Herausmogeln ist.

In der heutigen, vor allem westlichen Debatte über die Geschlechterdifferenz ist das Thema Schwangerwerdenkönnen ziemlich in den Hintergrund gerückt. Wir verstehen Frausein losgelöst von biologischen körperlichen Phänomenen, denken vor allem über die sozialen Konstruktionen von Geschlecht nach, und das ja auch aus gutem Grund: Es gibt schließlich zahlreiche Frauen, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht schwanger werden können oder wollen, und es ist sogar nicht einmal ausgeschlossen, dass Männer schwanger werden, wenn zum Beispiel ein Transmann sich entschließt, seinen Geburtskörper nicht zu verändern, sondern in seiner Gebärfähigkeit zu erhalten.

Fast alles von dem, was wir meinen, wenn wir heutzutage das Wort „Frau“ benutzen, hat also überhaupt nichts mit der Frage des Schwangerwerdenkönnens zu tun. Aber das sollte uns nicht dazu verleiten, diesen Aspekt für gänzlich unbedeutend zu halten. Denn es gibt einen Zusammenhang zwischen der Geschlechterdifferenz und der Frage, wie Menschen sich fortpflanzen. Und auch wenn dieser Zusammenhang in unserer patriarchalen Kultur überwiegend auf sehr grauselige Weise hergestellt und mit Bedeutungen überladen wurde, die der Feminismus mit guten Gründen zurückgewiesen hat, so kann die Alternative doch nicht sein, so zu tun, als gäbe es überhaupt gar keinen Zusammenhang.

Ich habe deshalb beschlossen, eine kleine Serie von Blogposts zu schreiben, mit denen ich dieses Thema gewissermaßen umkreisen will. Mein Ausgangsgedanke dabei ist folgender:

Es gibt Menschen, die können schwanger werden, und Menschen, die können nicht schwanger werden. Und es lässt sich schon bei der Geburt eines Kindes mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhersagen, ob es einmal zu der einen oder der anderen Sorte gehören wird.

Diese unterschiedliche körperliche Beschaffenheit von Menschen im Hinblick auf die Fortpflanzung der Spezies ist die Ursache dafür, dass fast alle menschlichen Kulturen so etwas wie eine „Geschlechterdifferenz“ erfunden haben.

Die gesellschaftliche Konstruktion sozialer Geschlechterdifferenzen ist nicht etwa eine völlig absurde Idee böswilliger Menschen, die irgendwann in grauer Vorzeit beschlossen haben, die Menschheit willkürlich und ohne jeden Anlass in Frauen und Männer einzuteilen. Sondern diese Einteilung reagierte auf eine reale Herausforderung, vor der jede menschliche Kultur steht: Es muss nämlich die Frage beantwortet werden, wie man mit dem Umstand umgehen will, dass nicht alle Menschen gleich sind, sondern manche schwanger werden können und andere nicht.

Der Einfachheit halber will ich diejenigen Menschen, von denen man bereits bei der Geburt aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit weiß, dass sie später mal schwanger werden können, hier Frauen* nennen, und diejenigen Menschen, von denen man bereits bei ihrer Geburt mit ziemlicher Sicherheit weiß, dass sie niemals schwanger werden, Männer*. Mit Sternchen.

Im Allgemeinen werden solche Sternchen oft in genau der gegenteiligen Bedeutung verwendet, nämlich um deutlich zu machen, dass es sich bei „Frauen“ und „Männern“ gerade nicht um natürliche, biologische Phänomene handelt, sondern um soziale Konstruktionen. Ich bin mit dieser Praxis bisher nicht warm geworden, weil ich es für selbstverständlich halte, dass die Begriffe „Frau“ und „Mann“ Konstruktionen sind und keine natürlichen Phänomene – so wie alle Worte übrigens. Wenn ich jetzt das Sternchen doch verwende, dann, um deutlich zu machen, dass ich diesmal gerade nicht – so wie sonst – „Frauen“ und „Männer“ in ihrer vielschichtigen und uneindeutigen und komplexen sozialen Bedeutung meine, sondern in einem tatsächlich auf die Fortpflanzungsumstände reduzierten Sinn: als begriffliche Unterscheidung zwischen „Menschen, die, wenn sie auf eine bestimmte Weise Sex haben, damit rechnen müssen, schwanger zu werden“ (Frauen*) und „Menschen, die sich ihr ganzes Leben über sicher sein können, dass sie unter gar keinen Umständen schwanger werden“ (Männer*).

Warum ist es wichtig, diese Unterscheidung zu treffen?

Heute, wo wir eine gute medizinische Versorgung haben, wo es Verhütungsmittel gibt und wir eine Lebenserwartung von an die achtzig Jahren haben, kann es so aussehen, als ob dieser Unterschied ganz unbedeutend wäre im Vergleich zu allem anderen, was so ein Menschenleben ausmacht und prägt. Selbst bei denjenigen Menschen, die schwanger werden, betrifft das ja meist nur eine relativ kurze Phase ihres Lebens, ganz abgesehen davon, dass sich viele Frauen* auch dagegen entscheiden, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen.

Bis vor hundert Jahren jedoch (und in vielen Gesellschaften bis heute) war das aber anders. Viele Frauen* waren früher zehn Mal oder sogar noch öfter schwanger, bei einer Lebenserwartung von vielleicht vierzig Jahren befanden sie sich also einen Großteil ihres erwachsenen Lebens „in anderen Umständen“. Schwanger sein und Gebären war zudem eine recht gefährliche Angelegenheit, man konnte dabei leicht sterben, was auch oft passiert ist. Außerdem erforderte die Sicherstellung des Lebensunterhaltes in viel höherem Maß als heute körperlichen Einsatz, sodass es einen recht erheblichen Unterschied im Alltagsleben ausmachte, ob ein Mensch schwanger war, kurz vor der Geburt stand oder gerade ein Kind geboren hatte, oder ob das in seinem Leben niemals vorkam.

Dieser Umstand, so meine These, ist ein wichtiger Grund gewesen für die Ausprägung von Geschlechterdifferenzen. Wie diese Geschlechterdifferenzen inhaltlich ausgefüllt werden, ist damit natürlich überhaupt nicht gesagt. Das zeigt sich ja auch schon daran, dass unterschiedliche Kulturen ganz unterschiedliche Systeme der Geschlechterdifferenz hervorgebracht haben und diese auch ständig verändert werden.

Eine Kultur kann sich ausgehend von der körperlichen Differenz zwischen Frauen* und Männern* in Bezug auf die Fortpflanzung alles Mögliche ausdenken oder auch nicht. Das Problem, vor dem wir als Feministinnen stehen, ist doch, dass wir den ganzen vielen Mist dekonstruieren müssen, der in dem Zusammenhang in unserer Kultur und Geschichte erfunden wurde, weil der vor allem zur Unfreiheit von Frauen* aber teilweise auch von Männern* geführt hat. Diesem ganzen Mist müssen wir irgendetwas anderes entgegensetzen, etwas, das idealerweise mit der menschlichen Freiheit vereinbar ist und nicht sie ständig untergräbt.

Ich behaupte aber, dass es uns nicht gelingen wird, eine freiheitliche Bedeutung der Geschlechterdifferenz zu finden oder zu etablieren, wenn wir den Anlass vollständig ignorieren, der dem Schlamassel zugrunde liegt. Wenn wir also so tun, als wäre es vollkommen egal, ob ein Mensch schwanger werden kann oder nicht. Denn wenn Ungleiches gleich behandelt wird, entsteht erneut Ungerechtigkeit und Unfreiheit.

Vielleicht liegt hier auch eine Antwort auf eine Frage, die mich schon länger umtreibt, nämlich warum Geschlechterklischees sich so hartnäckig halten und vielleicht sogar noch krasser werden, obwohl wir doch im Hinblick auf Emanzipation und Gleichberechtigung in den letzten Jahrzehnten so weit vorangekommen sind. Ist es vielleicht so, dass gerade die Abspaltung der Diskussionen um Geschlecht von den realen Ursachen dieser Konstruktionen, nämlich den Unterschieden zwischen Frauen* und Männern* im Bezug auf Fortpflanzung, dazu geführt hat, dass an die Stelle von solchen realen Themen ein übergroßes Imaginäres getreten ist, dass also die Diskurse über Geschlecht sozusagen in einem „freien Raum“ geführt werden und nicht mehr an die reale Bedingtheit der conditio humana geknüpft sind?

Wenn wir im Bezug auf eine freiheitliche Dekonstruktion von Geschlechtssterotypen vorankommen möchten – so meine These – dann besteht die Lösung nicht darin, die körperlichen Umstände der menschlichen Fortpflanzung (ein neuer Mensch entsteht, indem er neun Monate lang im Körper einer Frau* heranwächst) für irrelevant zu erklären. Sondern eine freie Bedeutung des Frau*-Seins (und damit auch des Frau-Seins und des Mann-Seins, ohne Sternchen) hängt davon ab, dass wir gute, menschenfreundliche, freiheitliche gesellschaftliche Rahmenbedingungen und symbolische Ordnungen schaffen, wie wir als Gesellschaft mit der körperlichen Differenz von Menschen in Bezug auf die Fortpflanzung umgehen.

Ich habe vor, das Thema in nächster Zeit hier im Blog von verschiedenen Perspektiven aus weiter zu verfolgen.

Teil 2: Paarbildung: Schwangerwerdenkönnen und Heteronormativität

Teil 3: Schwangerwerdenkönnen und symbolische Ordnung

Teil 4: Die neuen Väter und ihre Option auf Elternarbeit

Kybernetischer Kommunismus oder: Die unerledigten Visionen der Shulamith Firestone

Vergangene Woche starb Shulamith Firestone, eine der wichtigsten Vordenkerinnen der „zweiten Welle“ des Feminismus. Was ist eigentlich ihr Vermächtnis?

1970, da war sie 25, erschien Firestones Buch „The Dialectic of Sex“ (auf Deutsch: „Frauenbefreiung und sexuelle Revolution“, erschienen 1975). Darin vertritt sie die These, dass weibliche Freiheit erst möglich sei, wenn weiblicher Körper und Reproduktion, also Schwangerschaft und Kinderkriegen, voneinander getrennt werden: „Der Kern der Unterdrückung der Frau ist ihre Rolle als Gebärerin.“ (S. 71).

Firestones feministische Vision war das, was sie „kybernetischer Kommunismus“ nannte: Eine Welt, in der die Entstehung von Menschen vom weiblichen Körper gelöst ist. Dafür setzte sie große Hoffnungen in die entstehenden Reproduktionstechnologien.

Ihre Aussagen wurden auch damals schon kontrovers diskutiert, und eine große Strömung von Feministinnen stand den Reproduktionstechnologien von Beginn an skeptisch gegenüber. Doch für viele Frauen ihrer Generation waren Firestones Thesen durchaus ein Argument dafür, sich bewusst gegen das Kinderkriegen zu entscheiden.

Ich habe Firestones Buch später, gegen Ende der 1980er gelesen und fand ihre These falsch, aber weniger aus Skepsis gegenüber der Reproduktionstechnologie, sondern eher aus einem argumentationslogischen Motiv heraus: Ich war schon damals der Meinung, es dürfe keine Vorbedingung für weibliche Freiheit sein, dass Frauen sich den Männern angleichen. Und genau das sah ich in ihrem Vorschlag: Auf künstliche Reproduktion zu setzen bedeutete, den männlichen Körper zu imitieren, indem man aus dem weiblichen die Gebärfähigkeit eliminierte.

Heute, einige Jahrzehnte später, stelle ich fest, dass sich Firestones Ideen keineswegs erledigt haben. Auf den ersten Blick scheinen sie zwar noch skurriler zu sein als damals – der Feminismus ist mehr im Mainstream angekommen und nur selten noch so radikal. Doch als ich jetzt aus Anlass ihres Todes noch einmal darüber nachdachte, fiel mir auf, dass Firestone damals hellsichtig den Finger in eine Wunde legte, über die wir uns heute gerne mal hinwegmogeln: die Tatsache nämlich, dass die biologischen Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Körpern für das gesellschaftlich-kulturelle Verhältnis von Frauen und Männern durchaus eine enorme Rolle spielen.

Wenn Firestone der Meinung war, solange es diese Unterschiede gibt – solange also Frauen schwanger werden und Kinder gebären und Männer nicht – könne es keine Gleichheit der Geschlechter, keine Freiheit der Frauen geben, bezieht sie sich auf Simone de Beauvoir. Diese hatte ja in „Das andere Geschlecht“ bereits ähnliche Ansichten vertreten: Dass Frauen schwanger werden und Kinder gebären ist auch für Beauvoir die Wurzel des Patriarchats, weil es sie den Männer gegenüber im Bezug auf eigene, selbst bestimmte Projekte in der Welt (Beauvoir war Existenzialistin) ins Hintertreffen geraten ließ.

Beauvoir riet Frauen deshalb, weniger Tamtam um die Mutterschaft machen und sich mehr auf Erwerbsarbeit und Selbstverwirklichung zu konzentrieren. Aber das war sozusagen nur eine quantitative und keine qualitative Lösung: Es bliebe doch immer ein Rest von Nachteil gegenüber den von Schwangerschaftssorgen unbehelligten Männern übrig.

Firestone dachte Beauvoirs Ansatz radikal zu Ende: Wenn das Gebären wirklich die Wurzel der weiblichen Unterdrückung ist, dann liegt die einzige Lösung darin, dass Frauen überhaupt nicht mehr schwanger werden.

Und heute? Heute wird das Thema Schwangerschaft und Geburt im Feminismus gerne weiträumig umschifft. Über biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu sprechen, ist fast schon ein Tabu geworden.

Was das Kinderthema betrifft, so konzentrieren wir uns fast nur noch auf den Zeitraum nach der Geburt. Ab da können nämlich Frauen und Männer gleichermaßen Verantwortung übernehmen – so jedenfalls die Theorie, deren Umsetzung in die Realität jedoch noch reichlich zu wünschen übrig lässt. Die neun Monate zwischen Empfängnis und Gebären hingegen werden ausgeblendet. So als würde es überhaupt keinen Unterschied machen, ob jemand „Eltern“ wird durch einmaliges Vögeln oder (bei engagierten Vätern, lesbischen Co-Müttern, schwulen Eltern) einen sozialen Akt der Verantwortungsübernahme – oder eben durch neunmonatelanges Schwangersein und anschließendes Gebären.

Und schließlich: Können nicht auch Männer Gebärmütter haben? Ja, klar. Aber es geht hier nicht um Definitionen von Mannsein und Frausein. Es geht darum, dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht. Und dass das einen Unterschied macht, der politisch, sozial und kulturell von Bedeutung ist. Einen Unterschied, der eng mit Konzeptionen von Weiblichkeit und Männlichkeit verknüpft ist. Uns das in äußerster Radikalität vor Augen zu führen, ist das bleibende Vermächtnis von Shulamith Firestone.

Von welcher Bedeutung, das steht allerdings nicht fest. Ich teile die Bedeutung, die Firestone diesem Unterschied gibt, nicht: Ich bin nicht der Ansicht, dass Menschen, die schwanger werden (können), anderen gegenüber notwendigerweise im Nachteil sein müssen. Sie sind es nur unter patriarchal infizierten Bedingungen.

Und das Patriarchat ist das Problem, nicht das Schwangerwerden. Ich glaube, dass eine Gesellschaft auch so organisiert sein kann, dass Schwangersein und Kindergebären kein prinzipielles Handicap darstellt. Ich kann mir eine postpatriarchale Kultur vorstellen, in der Abhängigkeiten und Zugehörigkeiten nicht als Einschränkungen der Freiheit gelten, sondern als deren Vorbedingung – und dann würde Mutterwerden kein Nachteil mehr sein. Das Verhältnis des ungeborenen Kindes zu der Frau, in deren Leib es heranwächst, ist ja nichts anderes als eine besonders krasse Form von Abhängigkeit und Zugehörigkeit.

Aber ich gebe Firestone ganz Recht: Wir müssen uns diesem Thema aktiv widmen. Der biologische Aspekt des menschlichen Lebens, das Schwangersein, das Gebären und das Geborenwerden gehören wieder ins Zentrum feministischer, geschlechterpolitischer Überlegungen zurückgeholt.

Verwaistes Interview zum Stand der Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Beim Aufräumen meiner alten Dateien bin ich auf dieses Interview hier gestoßen, das irgendwer im vergangenen November mit mir gemacht hat, das aber offenbar noch nicht erschienen ist und – normalerweise bin ich ja nicht so unorganisiert – inzwischen habe ich vergessen, welche Redaktion das war. Da ich es aber ganz gut finde, stelle ich es jetzt einfach mal hier in den Blog:

Was muss sich ändern, damit die Vereinbarkeit für Frauen wahr werden kann?

Zuerst einmal muss man klarstellen, dass die „Vereinbarkeit“ kein spezielles Frauenproblem ist, sondern ein gesellschaftliches Problem, das alle betrifft. Auch Väter und Menschen, die selber keine Kinder haben. Menschen, die Kinder versorgen und betreuen, dürfen nicht länger als Sonderfall betrachtet werden, sondern es muss ganz normal sein, Kinder zu haben und gleichzeitig alles mögliche andere zu machen. Die derzeitige Form der Erwerbsarbeit ist ja auch nicht nur mit der Kinderbetreuung unvereinbar, sondern ebenso mit anderen Pflege- und Fürsorgearbeiten, aber auch mit ehrenamtlichem oder politischem Engagement oder mit den natürlichen Ruhebedürfnissen vieler Menschen. Es muss alles flexibler werden. Es muss zum Beispiel möglich sein, dass man – aus welchen Gründen auch immer – mal für ein, zwei Jahre aus dem Berufsleben aussteigt oder qualifizierte Teilzeitmöglichkeiten hat. Nicht nur für Mütter oder Väter. Ansonsten sind die Notwendigkeiten im Detail ja längst bekannt: Arbeiten auch von zuhause aus, Führungspositionen in Teilzeit, effektivere und kürzere Sitzungskultur, Kinder müssen auch mal mitgebracht werden können, flächendeckende, qualitativ hochwertige und kostenlose öffentliche Kinderbetreuung ab null Jahren. Vor allem auch mehr Kreativität im Einzelfall, man kann nicht alle Probleme, die sich in dem Zusammenhang stellen, immer generell und für alle gleich regeln.

Gibt es positive Signale aus der Wirtschaft, dass ein Umdenken in den Betrieben stattfindet?

Das ist auch von Fall zu Fall verschieden. Dort, wo qualifizierte Fachkräfte fehlen, gibt es Anstrengungen, weil man es sich nicht leisten kann, junge Mitarbeiterinnen, die Mütter werden, zu verlieren. Im Großen und Ganzen ist es mit dem Umdenken aber noch nicht weit her. Der Vollzeitmitarbeiter mit ständiger Verfügbarkeit, der Bereitschaft zu vielen Überstunden und ständiger Präsenz vor Ort ist noch immer die Norm.

Was tun die erwerbstätigen Väter?

Die erwerbstätigen Väter kann man nicht über einen Kamm scheren. Es gibt inzwischen einige, die darauf drängen, Zeit für ihre Kinder zu haben und sich um Stundenreduzierung bemühen oder Erziehungszeiten nehmen. Das sind aber noch wenige. Andere erhöhen sogar ihre Stunden, wenn ihre Frauen Kinder kriegen, teils aus wirtschaftlichen Gründen, weil die Angst vor Arbeitslosigkeit dann noch größer ist. Im Schnitt ist es immer noch so, dass im Zweifelsfall die Mütter bei ihrer beruflichen Laufbahn Kompromisse machen und nicht die Väter. Ganz schwierig ist es für Menschen mit geringem Einkommen. Die müssen heute, egal ob Frau oder Mann, Vollzeit arbeiten, um über die Runden zu kommen. Sie haben keinen finanziellen Spielraum, um Stunden zu reduzieren, und sie können sich auch keine Putzfrauen oder Babysitter leisten, die sie entlasten.

Sie haben von dem Begriff Erwerbsarbeitsmythos gesprochen, was meinen Sie damit?

Dieser Mythos bedeutet, dass nur, wer erwerbstätig ist, ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ist. Dabei wird übersehen, dass auch die anderen Arbeiten im Haus- und Fürsorgebereich eine enorme volkswirtschaftliche Bedeutung haben. Bei der Pflege beginnt man das jetzt langsam, zu verstehen. Die gesellschaftliche Wichtigkeit von Arbeiten hängt nicht daran, ob sie bezahlt werden. Manche bezahlte Arbeit dreht sich nur um den Profit und nicht um das Allgemeinwohl.

Was ist mit den Vätern? Beobachten Sie ein Umdenken?

Das Umdenken besteht wohl darin, dass Väter nicht mehr selbstverständlich davon ausgehen, dass die Versorgung der Kinder im Alltag die Aufgabe der Mütter ist. Sie sehen sich heute selbst auch in der Pflicht. Der Wunsch von Frauen, auch mit Kindern erwerbstätig zu sein, gilt auch nicht mehr per se als egoistisch. An der Umsetzung hapert es aber noch gewaltig, aus den oben genannten Gründen. Den Preis bezahlen dann die Frauen. Sie verdienen weniger Geld und sind nach dem geänderten Unterhaltsrecht ja auch durch die Ehe nicht mehr wirtschaftlich abgesichert.

Ist Teilzeitarbeit für alle die Lösung?

Ja, das finde ich schon. Wobei ich auch hier nicht für eine Standardlösung bin. Es wird immer Leute geben, die so sehr in ihrem Beruf aufgehen, dass sie gerne 50 oder 60 Wochenstunden arbeiten, und das ist auch okay. Andererseits wird es immer auch Leute geben, die sich lieber anderweitig engagieren und bereit sind, dafür auf materielles Einkommen zu verzichten. Vielleicht wollen sie nicht nur ein oder zwei, sondern vier oder fünf Kinder haben. Oder sie verschreiben sich ganz einem Ehrenamt, oder sie machen Kunst, mit der sie kaum etwas verdienen. Auch das sollte möglich sein. Deshalb bin ich für ein leistungsunabhängiges Grundeinkommen, das allen Menschen, egal was sie tun, das materielle Lebensminimum sichert. Im Schnitt finde ich aber, das Lohnniveau sollte so sein, dass man mit dreißig Wochenarbeitsstunden gut leben kann, also deutlich mehr als das blanke Existenzminimum hat. Das ist auch gar nicht so abwegig, wenn man bedenkt, dass die alte Hausfrauenehe ja auch darauf basierte, dass vierzig Wochenstunden Erwerbsarbeit genug sind, um den Unterhalt von zwei Erwachsenen sicherzustellen.

Was ist typisch deutsch am Mutterbild hierzulande im Vergleich zu Frankreich oder Skandinavien?

Typisch deutsch im Vergleich zu Frankreich ist ein gewisses Misstrauen gegenüber staatlicher Kinderbetreuung. Das sind zum Teil auch noch Folgen der Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus. Man will das hier eher in der Verantwortung der Familie sehen, während es in Frankreich keine gesellschaftlichen Vorbehalte gegen Kinderkrippen oder Tagesmütter gibt. Ein anderer Unterschied zu Frankreich sind die starken Bemühungen, auch Männer in die Kindererziehung einzubeziehen. In Frankreich ist es noch allgemeine Ansicht, dass dafür die Frauen zuständig sind – und die Männer nicht. Von Skandinavien unterscheidet uns das Verständnis vom Sozialstaat. In Deutschland soll der Sozialstaat nur für „Sonderfälle“ greifen, also dann einspringen, wenn die Einzelnen es selbst nicht geregelt kriegen. In Skandinavien gibt es hingegen ein starkes Bewusstsein dafür, dass staatliche Unterstützung im Zweifelsfall für alle da ist, weshalb man auch bereit ist, höhere Steuern zu zahlen. Daraus ergibt sich natürlich ein viel größerer Handlungsspielraum des Staates, unter anderem eben auch für die öffentliche Kinderbetreuung. Erzieherinnen werden zum Beispiel viel besser bezahlt als hier. Und die Gesellschaften der skandinavischen Länder sind generell egalitärer, weshalb auch weniger Unterschiede zwischen Frauen und Männern – und damit zwischen Müttern und Vätern – gemacht werden.

Alltäglicher Wahnsinn: Das Leben einer berufstätigen Mutter

Eines der größten Mysterien unserer Zeit ist für mich die Tatsache, dass immer noch so viele Kinder geboren werden.

Seit ich mich vor ein paar Jahren intensiver mit dem demografischen Wandel beschäftigt habe, ist mir klar geworden, dass die Kinderzahlen pro Frau keineswegs ständig sinken, wie als Annahme immer so im Zeitgeist herumwabert. Im Prinzip ist die „Fertilitätsrate“ schon seit hundert Jahren mehr oder weniger gleich geblieben – der große deutsche Geburtenknick fand zwischen 1910 und 1920 statt, als die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau von fünf auf unter zwei sank. Alle späteren Schwankungen waren im Vergleich dazu Pillepalle.

Viele werden also nach wie vor Mütter, obwohl sich die Lebensbedingungen von Frauen und damit auch die Umstände, unter denen sie Kinder zur Welt bringen, fundamental verändert haben. Frauen können heute wählen und sich überhaupt politisch engagieren (die Gründung politischer Vereinigungen war ihnen bis 1909 per Gesetz verboten), sie können eigenes Geld verdienen (bis in die 1970er brauchten sie dafür die Erlaubnis ihres Ehemannes), sie müssen nicht mehr heiraten, um einen „ehrbaren“ Platz in der Gesellschaft zu haben. Es stehen ihnen Verhütungsmittel zur Verfügung, und Abtreibungen sind nicht mehr hochriskante Angelegenheiten in illegalen Hinterzimmern. Frauen sind gut ausgebildet, und kaum noch jemand wirft ihnen ernsthaft vor, wenn sie kinderlos bleiben, hätten sie ihre Weiblichkeit verfehlt.

Während sich also die Bedingungen für ein Frauenleben ohne Ehemann und Kinder im letzten Jahrhundert ganz enorm verbessert haben, ist das Frauenleben mit Kindern nach wie vor schwierig und kompliziert. Die gesellschaftlichen Strukturen sehen das nämlich nicht vor; der „Modellmensch“, um den herum sich unsere Arbeitswelt, die Sozialversicherungen und so weiter drehen, ist der von Fürsorgepflichten befreite, nur für sich selbst zuständige Erwachsene. Trotz mancher Veränderungen im Detail liegt die Verantwortung für das Versorgen von Kindern nach wie vor bei der Mutter und gegebenenfalls (also wenn er „mitmacht“) beim Vater. Kinder sind „Privatvergnügen“.

Für mich persönlich war das der Grund, warum ich keine Kinder bekommen habe. Ich hatte keine Lust, meine männlichen Lebenspartner danach auszusuchen, ob ich mit ihnen eine „Familie“ gründen konnte; die Männer, in die ich mich verliebte, hatten immer andere Qualitäten, aber nicht diese. Und in der Regel hatten sie auch keine diesbezüglichen Ambitionen.

Das allein hätte mich zwar nicht davon abgehalten, Mutter zu werden, wenn ich es unbedingt gewollt hätte – aber angesichts der damit verbundenen Schwierigkeiten, Unannehmlichkeiten, finanziellen Unwägbarkeiten wollte ich nicht. „Ich schaff mir keine kleinen Kinder an“, sang ich mit Nina Hagen, und fühlte mich genau deshalb „unbeschreiblich weiblich“. Wenn du, Gesellschaft, Kinder haben willst, dann schaffe vernünftige Rahmenbedingungen dafür, und wenn du das nicht auf die Reihe kriegst, dann ist das nicht meine Schuld – so war immer meine Einstellung. Es war mir also wichtig, zu betonen, dass ich mich keineswegs aktiv gegen Kinder entschieden habe. Ich sah nur angesichts der Umstände keine Veranlassung dazu, welche zu bekommen.

Natürlich war die Lage in den 1990er Jahren – also dem Zeitraum, als das Thema für mich altersmäßig relevant war – noch um einiges schlechter als heute. Kitaplätze waren noch seltener, es gab kein Elterngeld, der Anspruch, dass auch die Väter sich eventuell an der mit Kindern verbundenen Arbeit nicht nur „beteiligen“, sondern sich auch vollumfänglich dafür verantwortlich fühlen, war noch sehr exotisch, und die Versuche, wenigstens halbwegs sowas wie eine „Vereinbarkeit“ von Kindern und Berufsleben zu bewerkstelligen, noch ganz rudimentär.

Mit großem Interesse habe ich deshalb Barbara Streidls neues Buch gelesen: Wie ist es denn heute, zehn, zwanzig Jahre später? Hat sich was verbessert? Würde ich mich heute vielleicht anders entscheiden?

Eher nein. „Kann ich gleich zurückrufen?“ ist der Titel, unter dem Streidl den „alltäglichen Wahnsinn einer berufstätigen Mutter“ beschreibt. Sie schildert darin eine typische Woche aus dem Leben einer Frau mit dreijährigem Sohn und 30-Stunden-Arbeitswoche. Und es ist tatsächlich der reine Wahnsinn. Und das, obwohl die Umstände ihrer Protagonistin vergleichsweise gut sind: Sie hat einen verantwortungsvollen Ehemann, der sich des Problems bewusst ist und mitmacht, wo er kann, sie hat keine Geldsorgen und auch sonst keine größeren anderweitigen Probleme. Und trotzdem ist das Leben eine reine Hetze.

Mit genauem Blick schildert Barbara Streidl die vielen kleinen Fallstricke der Unvereinbarkeit von „Beruf und Familie“. Allein deshalb lohnt die Lektüre. Dabei setzt sie die geschilderten Erlebnisse zugleich in Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten und zeichnet so ein ziemlich genaues Bild von dem Dilemma.

Was mich am meisten deprimiert hat, ist das ständig präsente Schuldgefühl der Protagonistin: Schuldgefühle gegenüber den Kollegen, die wegen ihr flexibler sein müssen, gegenüber der Putzfrau, von deren eigenem Leben sie nichts weiß, gegenüber der alten Mutter, die sie für Not-Kinderbetreuungs-Einsätze einspannt, gegenüber dem Ehemann, mit dem sie zu wenig gemeinsame Zeit als Paar verbringt, gegenüber dem Kind, das sie ständig hetzen muss und so weiter. Und dann auch noch Schuldgefühle wegen mangelnder Zivilcourage: Weil die Protagonistin als reflektierte Feministin die Situation durchschaut, aber nicht überall, wo es notwendig wäre, den Elan hat, etwas zu sagen und einzugreifen.

Es ist ziemlich offensichtlich, dass es die berufstätigen Mütter sind, die in ihrer Person mit einem eigentlich unmöglichen Spagat zusammenhalten, was zusammengehört, aber von den realen gesellschaftlichen Umständen ständig auseinandergerissen wird.

Die große Stärke des Buches ist, dass Streidl dieses Dilemma sowohl auf der kleinteiligen Ebene möglicher Veränderungen angeht – indem sie zum Beispiel viele kleine Missstände beschreibt, die sich mit etwas gutem Willen durchaus verändern ließen – aber gleichzeitig deutlich werden lässt, dass hier ein tieferer Konflikt liegt, der nicht mit ein paar konkreten politischen Maßnahmen hier und da behoben werden kann.

Und was nun tun? Das Beste aus der Situation machen. Mir persönlich ist nach der Lektüre dieses Buches noch immer und erst recht unverständlich, warum so viele Frauen überhaupt Kinder bekommen. Aber vielleicht steckt genau in dieser weiblichen Irrationalität der Impuls, den wir brauchen, um gesellschaftliche Veränderungen zum Besseren anzustoßen. Denn das geht wohl tatsächlich nur „gegen jede Logik“ und „gegen jede Wahrscheinlichkeit“.

Dreierlei scheint mir dafür in der heutigen Situation wichtig:

Erstens: Wege zu finden, wie Mütter ihre Schuldgefühle loswerden können, oder besser, aus diesen Schuldgefühlen einen politischen Konflikt zu machen. Die Logik unserer gesellschaftlichen Strukturen bringt konkretes Leid hervor, aber da eine gesellschaftliche Struktur sich nicht schuldig fühlen kann, nehmen diejenigen die Schuld auf sich, die die Resultate vor konkreten anderen Menschen verantworten müssen. Also zum Beispiel die Mutter, die ihr Kind jeden Tag hetzt, damit sie es rechtzeitig in der Kita hat, oder die Tochter, die ihre Mutter nur sieht, wenn sie sich zum Babysitten die Türklinke in die Hand geben. Die Schuld, um die es hier geht, ist berechtigt, aber uns muss klar sein, dass sie von den betroffenen Frauen sozusagen nur stellvertretend für die Allgemeinheit verkörpert wird. Also zum Beispiel auch stellvertretend für mich, die ich es vermieden habe, in solche Situationen zu geraden, indem ich kinderlos geblieben bin.

Zweitens: Keine Rechtfertigungen. Es gibt kein „richtiges“ Frauenleben und auch kein „richtiges“ Mutterleben. Und daher ist es notwendig, dass berufstätige Mütter bewusst Entscheidungen treffen, ohne sich dafür zu rechtfertigen. Das betrifft die Art der Kindererziehung ebenso wie die Art des beruflichen Engagements oder die Art, Hausarbeit zu organisieren. „Weil ich es will“ ist eine Begründung für persönliche Entscheidungen, die frau ruhig zum Standard machen könnte – denn ob eine Entscheidung verantwortungsvoll getroffen wird (was natürlich wichtig ist), kann man nicht daran ablesen, ob sie anderen gefällt oder nicht.

Und drittens: Beziehungen stärken, sich auf Beziehungen stützen. Keine ist alleine Mutter. Dass dieses Eingebundensein von Müttern in ein größeres Beziehungsnetz heute meist auf ihre Beziehung zum Kindsvater enggeführt wird, halte ich für problematisch und irreführend – das wäre im Übrigen auch mein einziger Einwand gegen das Buch von Barbara Streidl (obwohl sie hier vielleicht auch einfach nur die Realität abbildet, aber es ist eben wie ich finde eine problematische Realität). Das Gute an der stärkeren Aufmerksamkeit für die Väter ist natürlich, dass die Position der Mutter überhaupt schon einmal sozialisiert wird und nicht nur in der Symbiose Mutter-Kind verankert bleibt. Denn es ist so, wie Streidl am Ende ihres Buches schreibt,

 … dass wir zusammenhalten müssen. Um diese schwierigen, merkwürdigen, anstrengenden Zeiten nicht nur zu überstehen, sondern vielleicht auch zu genießen. Wir stoßen mit unseren Weingläsern an.

Barbara Streidl: Kann ich gleich zurückrufen? Der alltägliche Wahnsinn einer berufstätigen Mutter. Blanvalet, München 2012, 8,99 Euro

Mütter und Freiheit. Oder wer verändert die Welt?

Barbara Vinken, Barbara Streidl und ich (von links) bei der Diskussion in München. Foto: Ingrid Arnold

Am Mittwoch fand im Münchener Gasteig eine von Frauenstudien e.V. veranstaltete Diskussion zum Thema Mutterbilder zwischen Barbara Vinken (Literaturwissenschaftlerin und Autorin des Buches “Die deutsche Mutter”) und mir statt, die Barbara Streidl toll moderiert hat. Ingrid Arnold hat im Blog des Journalistinnenbundes schon was darüber geschrieben.

Ich glaube, es war eine ganz gute Diskussion, weil wir zwar in vielen Punkten unterschiedlicher Meinung waren, aber nicht im Sinne eines plattitüdigen Pro und Contra, wo man die Argumente der anderen immer schon vorher kennt.

Von vornherein bestand zwischen uns und dem Publikum Einigkeit in den offensichtlichen Essentials: Wir brauche flächendeckende gute öffentliche Kinder- und Babybetreuung, keine finanzielle Förderung der patriarchalen Versorgerehe, also Abschaffung des Ehegattensplittings.

Gegenseitige Zustimmung zwischen Vinken und mir gab es auch bei unseren jeweiligen wesentlichen Anliegen: Bei ihr die Kritik an dem spezifisch deutschen “Müttermythos”, also der Vorstellung, Mütter müssten zum Wohl der Kinder die Hauptbetreuungsarbeit übernehmen, der prinzipiellen Skepsis gegenüber öffentlicher Kinderbetreuung und damit die tendenzielle Unvereinbarkeit von Mutterschaft und Berufstätigkeit. Bei mir die Betonung, dass das Neudenken von Mutterschaft in einen größeren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontext gehört, bei dem auch die Erwerbsarbeit und die Verteilung von Einkommen neu organisiert werden muss.

Uneinigkeit bestand aber in dem Weg dahin. Ich sehe nämlich in der Entscheidung vieler Frauen (nicht nur, aber vor allem Mütter) für Teilzeitarbeit nicht nur Ausdruck von “Müttermythos”, sondern auch eine größere Distanziertheit gegenüber dem “Erwerbsarbeitsmythos” und glaube, dass man daraus einen Hebel für gesellschaftliche Veränderungen machen kann – indem etwa auch Männer Geschmack an Teilzeitarbeit finden können oder indem Frauen in ihren Berufen bestimmte Ansprüche an Vereinbarkeit stellen – mehr Flexibilität, weniger Anwesenheitsfetischismus etc. – um die Vereinbarkeit beiderer Tätigkeitsbereich zu verbessern. Barbara Vinken widersprach dem vehement, weil sie der Ansicht ist, damit würde nur die Fixierung auf bestimmte Mütterbilder erhalten. Die notwendigen Veränderungen müssten nicht von den Frauen vorangetrieben werden, sondern von Männern oder der Politik.

Interessant fand ich noch, dass ich Barbara Vinken, die sich mit der Situation in Frankreich gut auskennt, nach einer Vermutung fragen konnte, die ich schon länger habe. Etwas scherzhaft sage ich nämlich manchmal, dass die Kinderbetreuung in Frankreich nur deshalb so gut ist, weil die Männer befürchten, wenn es keine Krippenplätze gäbe, müssten sie am Ende selber mit anpacken. In der Tat bestätigte Vinken, dass die Versorgung von Kindern in Frankreich ganz eindeutig Aufgabe der Mütter und nicht der Väter ist.

Dies ist nun ein wesentlicher Unterschied zu Deutschland, wo viele eine bessere Verteilung von Fürsorgearbeit auf beide Geschlechter anstreben. Ich denke, beides hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil in Frankreich ist sicher, neben der größeren Dringlichkeit, für eine öffentliche Infrastruktur zu sorgen, dass väterrechtliche Polemiken dort nicht so stark werden können.

Allerdings finde ich unter’m Strich hier den deutschen Weg doch besser, nicht nur aus Gerechtigkeitsgründen. Sondern weil ich glaube, dass ein volkswirtschaftliches Umdenken leichter vonstatten gehen kann, wenn auch zunehmend Männer persönliche Erfahrungen mit Care- und Fürsorgearbeit haben.

PS: Passend zum Thema auch dieser Kommentar von Barbara Dribbusch in der heutigen taz. Man muss doch nicht alles in die Phase zwischen 30 und 40 packen!

Update: Bei Frau Lila gibt es jetzt auch den Audiomitschnitt der Diskussion zum Download”