Rummoserer und Fixer mag ich beide nicht

Gestern spülte mir das Internet wieder mal einen dieser kulturpessimistischen Zeitungsartikel auf den Bildschirm, in denen jemand über den Verfall der Sitten lamentiert, über das Internet, das uns alle ausspioniert, darüber, dass wir alle sowieso Idioten sind, weil wir die Welt nicht genauso düster sehen, wie er, über die Tugendwächter überall, die Gutmenschen, die alles, was ihnen nicht passt, zum Skandal machen, darüber, dass man das N-Wort nicht mehr sagen darf und nirgendwo mehr rauchen, darüber, dass es im Zeitalter von Social Media praktisch unmöglich geworden ist, die jugendliche Geliebte vor der Öffentlichkeit zu verstecken, was es leider etwas mühselig macht, anderen Moral zu predigen.

Ja, man hat es schwer heutzutage. Ich twitterte dann:

Leute, die einfach nur die Welt anprangern, wie sie ist, ohne den klitzekleinsten Vorschlag, was man nun tun soll. Wozu machen die das?

Und:

Wahrscheinlich zum Geld verdienen. Oder um sich wichtig zu tun. Ich glaube nicht, dass sie sich wirklich Sorgen machen.

Lustigerweise werden mir meine eigenen Gedanken oft erst beim Twittern klar. Der Impuls, etwas zu twittern, zeigt mir, dass da für mich ein Thema drinsteckt, eine Spur, die es sich vielleicht zu verfolgen lohnt. Und das wird mir meist erst hinterher klar: Wenn ich meine Tweets nochmal lese, erfahre ich oft etwas über meine eigenen Ansichten.

In dem Fall merkte ich, dass mir gar nicht so sehr der kulturpessimistische Inhalt dieses Artikels auf die Nerven gegangen war – wie bei jeder Polemik enthielt auch dieser durchaus das ein oder andere Körnchen Wahrheit. Mich störte vielmehr die Tatsache, dass in diesem ganzen sehr sehr sehr langen Text nicht auch nur der Hauch eines Ansatzes eines Vorschlags gemacht wurde, was wir denn nun angesichts dieser an die Wand gemalten Katastrophe eventuell tun könnten.

Noch klarer wurde mir mein Unbehagen, als dann @oliverherold zurück twitterte:

Ich sehe auch oft Probleme, die ich nicht lösen kann, deswegen bin ich nicht minder besorgt.

Und damit hat er natürlich sehr Recht. Mir wurde durch den Einwand klar, dass es gar nicht Lösungen sind, die ich mir wünsche. Die Probleme, mit denen wir es auf der politischen Ebene zu tun haben, zeichnen sich ja insgesamt dadurch aus, dass es für sie keine Lösungen gibt, nehmen wir die Eurokrise, oder auch die Umweltkatastrophe oder die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie oder oder oder.

Ich glaube, es gibt einen bestimmten Männertypus, der die eigene Männlichkeit darüber identifiziert, immer alles „fixen“ zu können – ein Problem, über das ich schon mal am Beispiel von MarkTomJack gebloggt habe. Und dieser Typ Mann empfindet es wohl als echte Kränkung, wenn da ein Problem ist, das man nicht „lösen“ kann. Zu diesem Typus gehören sowohl die alten Staatspapas, die uns früher nach Marke Adenauer regiert haben, als auch die klassischen Revoluzzer, die immer einen zehn-Punkte-Plan für den nächsten Umsturz in der Schublade haben, und die der festen Überzeugung sind, dass die Welt bisher nur deshalb noch nicht gerettet ist, weil das reaktionäre System sie nicht ans Ruder lässt.

Dieser Typus ist heute zum Glück in die Defensive geraten, wer behauptet, die Lösung zu wissen, wirkt ja eher lächerlich (leider nicht auf alle). Und vielleicht sind perspektivlos dahermosernde Kulturpessimisten ja eine Folge dieser Entwicklung. So nach dem Motto: Wenn wir schon keine Pauschallösungen mehr verkaufen dürfen, dann gibt es von uns eben nur noch Rumgemosere und keine konstruktiven Vorschläge mehr.

Einen Missstand, ein Problem zu sehen und es zu formulieren, vor unguten Entwicklungen zu warnen, gehört natürlich zum Kerngeschäft der Politik. Aber das genügt halt nicht. Probleme gibt es überall, und der übliche Schlagabtausch von „Das (zum Beispiel das Internet) ist gut!“ versus „Das ist schlecht!“ bringt überhaupt nicht weiter.

Zu einer wirklichen politischen Debatte gehört es auch, Ideen, Praktiken, Vorschläge zu formulieren, was man angesichts der so dargelegten Situation nun vielleicht tun könnte oder sollte: Wo sind die Ansatzpunkte, von denen aus man etwas positiv beeinflussen kann? Wo gibt es bereits Menschen, die etwas Entsprechendes versuchen und denen man sich anschließen oder die man unterstützen kann? Wer profitiert von diesem Missstand und wie könnte man ihm oder ihr Grenzen setzen? Am allerbesten ist es, wenn solche Vorschläge nicht nur theoretisch deduziert werden, sondern auf eigener Erfahrung beruhen, wenn man also bereits selbst mit einer bestimmten Praxis experimentiert hat und die entsprechenden Ergebnisse mit anderen teilt.

Solche Vorschläge vorzubringen und zur Diskussion zu stellen ist meiner Ansicht nach die Kernaufgabe der „Intellektuellen“ und jedes politischen Menschen generell. Wer die Wirklichkeit einfach nur anprangert ohne eine solche weitere Reflektionsstufe, bewegt sich auf dem Niveau eines trotzigen Kindes, das sagt: „Ich will aber nicht, dass es regnet.“ Das ist für die politische Debatte ebenso schädlich wie die andere Seite, die behauptet, die alleinseligmachende Lösung für das Regenproblem zu haben. Denn beides öffnet nicht den politischen Raum, sondern schließt ihn zu.

Meine Güte, es regnet halt nun mal. Politik bedeutet, darüber zu streiten, ob es angesichts dieser Tatsache besser ist, zuhause zu bleiben, nass zu werden, den Regenschirm einzupacken, öffentliche Plätze zu überdachen und so weiter. Nichts davon ist die eine definitive Lösung. Aber alles davon ist eine Möglichkeit, mit der Tatsache, dass es regnet, zurecht zu kommen und etwas draus zu machen.

Gott im Gendertrouble

Nicht erst seit dem berühmten Satz von Mary Daly „Wenn Gott männlich ist, dann ist das Männliche Gott“ ist das Geschlecht Gottes ein wichtiges Thema in der feministischen Theologie. Speziell der christlichen, denn im Unterschied zum Judentum und zum Islam ist der christliche Gott sozusagen ganz besonders männlich. Zum einen, weil Jesus als die Person, in der „Gott Mensch geworden ist“ ein Mann war, und zweitens, weil es im Christentum kein Bilderverbot gab, was bedeutet, dass Legionen von Künstlern Gott gemalt und in Stein gehauen haben, und zwar so gut wie immer in männlicher Gestalt.

Mein Theologiestudium liegt ja jetzt schon ein paar Jährchen zurück, und umso interessanter finde ich ein Buch zu lesen, in dem die Autorinnen der Frage nachgehen, was sich in den letzten Jahren – auch ausgelöst vom Gender-Trouble des Dekonstruktivismus – so in punkto Gott und Gender getan hat. Ich bin erst halb durch, aber ich das Buch enthält so viele kluge Gedanken, dass ich schon mal ein paar aufscheiben muss, um nicht alles wieder zu vergessen.

Helga Kuhlmann beschäftigt sich in ihrem Aufsatz mit der Frage „Wird Gott in Jesus Christus zum Mann?“. Die theologische Frage, die dahinter steckt, ist diejenige, ob das Geschlecht von Jesus sozusagen zufällig männlich war (nach dem Motto: Gott wollte Mensch werden, und da es die nur in den Varianten Mann und Frau gibt, musste er sich halt für eines entscheiden, er hätte genauso gut eine Frau werden können), oder ob Gott mit Absicht eine männliche Inkarnation gewählt hat, also eben nicht Mensch, sondern dezidiert Mann geworden ist.

Letzteres behaupten zum Beispiel diejenigen, die aus der Männlichkeit Jesu den Ausschluss der Frauen aus dem Priesteramt begründen (mit dem Argument, die Priester, die sozusagen stellvertretend für Christus das Abendmahl praktizieren, müssten diesem „ähnlich“ sein, und Männer seien ihm eben ähnlicher als Frauen). Diese Auffassung ist zwar auch heute noch verbreitet, aber natürlich nicht in der feministischen Theologie. Sie ist ja auch zu offensichtlich ein Deckmäntelchen, damit man sich nicht von alten patriarchalen Gewohnheiten trennen muss. Also sozusagen keiner echten Auseinandersetzung wert. (Oder höchstens ein Anlass, aus der Kirche auszutreten, was ja auch viele Frauen gemacht haben).

Die emanzipiert gebügelten Theologen von heute betonen natürlich, dass sie Gott keineswegs als männlich ansehen, benutzen aber dennoch weiter männliche Metaphern (Herr, Richter, König und so weiter) und sprechen von Gott immer als „er“ und nie als „sie“. Rein zufällig und bloß pragmatisch. Das ist die „Versuchung des Neutrums“, die glaubt, das Weibliche in männlichen Metaphern und männlicher Sprache mitmeinen zu können, was aber nicht funktioniert.

Neuerdings wird das noch weiter gedreht, wie Kuhlmann am Beispiel des Heidelberger Systematikers Wilfried Härle zeigt: Er verteidigt die männlichen Metaphern für Gott, weil dadurch eine größere Distanz zwischen Gott und den Menschen betont werde. Die Argumentation geht dann ungefähr so: Wenn wir alle Gottes Kinder sind, ist es besser, sich Gott als Vater vorzustellen, denn Mütter kümmern sich um einen, während Väter distanzierter sind und man sich auch ein bisschen vor ihnen fürchtet. So wie man es auch mit Gott tun soll. Diese Argumentation fällt natürlich in dem Moment in sich zusammen, wo Väter anfangen, sich anders zu verhalten als die patriarchalen Väter von früher. Die Metapher von „Gott als strengem Vater“ wäre demnach ein Auslaufmodell, das sich (hoffentlich) bald von selbst überholt, weil es keine patriarchalen, sondern nur noch fürsorgliche, quasi „mütterliche“ Väter gibt. Theologisch wäre dagegen einzuwenden, dass man hier mal über das Gottesbild diskutieren müsste. Ist es wirklich angemessen, sich Gott als distanziert, streng und ein bisschen zum Fürchten vorzustellen? Nö. Jedenfalls nicht angemessener, als sie sich als fürsorglich, helfend, schutzgebend vorzustellen.

(Kleiner Einschub: In demselben Band zeigt Gerlinde Baumann in ihrem Aufsatz „Ist der Gott des Alten Testaments männlich?“, dass Gott dort zwar als dezidiert „männlich“ geschildert wird, aber eher im Sinne von „königlich“. Sie stellt die kluge Überlegung an, dass die meisten Attribute von „herrschaftlich-königlicher Männlichkeit“ damals – wie übrigens auch heute – auf die meisten real-existierenden Männer gar nicht zutreffen).

Aber zurück zur Männlichkeit Jesu und was sie bedeutet. Helga Kuhlmann schlägt da eine dritte Denkrichtung vor (neben: Sie war Zufall und: Sie war Absicht), und zwar die Möglichkeit, dass sich in Jesus eine gegen den Strich gebügelte Männlichkeit zeigt. Jesus ist zwar unbestreitbar ein Mann, aber so wie er in den Evangelien geschildert wird, wird er nicht gerade als Paradebeispiel von „doing male gender“ geschildert. Sondern zum Beispiel als schutzbedürftiges Kind, als Weisheit (die weibliche Sophia), als Mitfühlender und so weiter. Kuhlmanns Argument ist, dass vor allem die „Leiblichkeit“ Jesu betont wird, und dass deshalb die Geschlechterdifferenz (er ist ein Mann und keine Frau) in der christlichen Systematik keine Rolle spielen sollte: Gott, so ihre Schlussfolgerung, wird in erster Linie Mensch und nicht Mann.

So sehr ich die Argumentation nachvollziehen kann und auch teile, so melden sich bei mir an dieser Stelle doch meine differenzfeministischen Fragezeichen. Denn die Männlichkeit Jesu bleibt dennoch eine Tatsache, auch wenn sie performanzmäßig unterlaufen wird und mir die Betonung von Jesu Menschlichkeit und Leiblichkeit durchaus Anknüpfungs- und Identifizierungsmöglichkeit gibt, auch wenn ich kein Mann, sondern eine Frau bin. Aber die Differenz ist damit ja längst nicht aufgehoben, denn wir beide – sowohl Jesus als auch ich – haben nach wie vor die ganze geschlechterdifferente Geschichte der vergangenen 4000 Jahre plus auf dem Buckel.

Mit anderen Worten: Ich werde mich mit Jesus niemals so identifizieren können, wie ein Mann es kann, da gebe ich dem Vatikan vollkommen Recht. Ich bin Jesus nicht in derselben Weise „ähnlich“, wie ein Mann es ist. Da ich aber natürlich die Schlussfolgerung des exklusiv männlichen Zugangs zum Priestertum (und den ganzen übrigen Rattenschwanz an Frauenfeindlichkeit, die das faktisch nach sich zog) nicht teilen kann, muss ich mir eine andere überlegen. Und  zwar zunächst einmal die, dass die Männlichkeit Jesu für Frauen – und damit für das Christentum allgemein – ein PROBLEM bleibt, das sich nicht postgendermäßig auflösen lässt.

Nicht in dem Sinne, dass das Christentum deshalb für Frauen prinzipiell ungeeignet wäre. Auch nicht in dem Sinne, dass irgendjemand daran Schuld ist, denn ich sehe schon ein, dass Gott eben irgendetwas werden musste. Gott ist faktisch ein Mann geworden, was im Übrigen angesichts der patriarchalen Gesellschaftsstrukturen vor 2000 Jahren auch keineswegs Zufall war. Und damit müssen wir nun irgendwie zurechtkommen.

Dass an einem Problem niemand Schuld ist und dass man es nicht hätte verhindern können, bedeutet ja nicht, dass es kein Problem mehr wäre. Die Männlichkeit Jesu bleibt ein Problem, und diesem Problem muss man sich stellen, es lässt sich nicht de-konstruieren. Ich vermute, es lässt es sich auch nicht lösen. Möglicherweise könnte man das aber sogar zu einem Vorteil wenden im Vergleich zu den „geschlechtsneutraleren“ Varianten Judentum und Islam. Denn die Männlichkeit Jesu bleibt uns Christinnen ein ständiger Stachel im Fleisch und verhindert, dass wir uns in angeblich geschlechtsneutralen, faktisch aber eben doch männlich konnotierten Gottesmetaphern bequem einrichten.

Gerlinde Gerber, Silke Petersen, Wolfram Weiße (Hg): Unbeschreiblich weiblich? Neue Fragestellungen zur Geschlechterdifferenz in den Religionen. Berlin 2011.

(Diese Seite auf Französisch lesen)

Kleiner Rant gegen MarkTomJack

MarkJackTom :)

Wir haben zuhause seit einiger Zeit ein neues Mem. Es heißt „MarkTomJack“. Zusammengesetzt aus den Serienhelden Mark (Flash Forward), Tom (4400) und Jack (Lost).

MarkTomJack (addieren könnte man auch Jim aus The Wire) bezeichnet einen bestimmten, sehr nervigen Typus Mann, der neuerdings offenbar in keiner amerikanischen Fernsehserie fehlen darf. Er ist immer weiß, er ist immer die Hauptfigur und er hat immer einen knackigen, einsilbigen Namen (oder ist es anders zu erklären, dass die einzige männliche Serienfigur, die nicht in dieses Raster passt, einen zweisilbigen hat, nämlich Peter aus Fringe?).

Wäre ich Männerbeauftragter, hätte ich schon längst einen Protest gegen diese eindimensionale, tumbe Darstellung von Männern gestartet. Denn MarkTomJack ist eine echte Plage. Wenn er nur ins Bild kommt, rollen sich schon sämtliche Fußnägel hoch. (Tatsächlich war Jack der Grund, warum ich mich nach den ersten zwei Folgen schon fast entschlossen hatte, Lost nicht mehr weiterzugucken. Nur den gesammelten Überredungskünsten meines sozialen Umfelds ist es zu verdanken, dass ich durchgehalten habe, zum Glück).

MarkTomJack kapiert nie etwas, aber er will ständig alles „fixen“. Er leidet unter der grandiosen Selbstüberschätzung, immer für alles verantwortlich zu sein, und es fällt ihm gar nicht auf, dass er die Dinge in der Regel nur verkompliziert. Er kann es nicht ertragen, dass auch mal jemand anderes ein Problem hat. Deshalb macht er sämtliche Probleme zu seinen eigenen. Wenn zum Beispiel seine Kollegin im Einsatz angeschossen wird, vergeht er an Selbstvorwürfen. Statt anderen beizustehen muss er dauernd selbst getröstet, bedauert, verstanden, gebauchpinselt werden. Er ist einfach so fürchterlich wichtig.

Vor allem Frauen gegenüber ist MarkTomJack einfach nur peinlich. Er leidet unter völlig aus der Luft gegriffenen Eifersuchtsattacken. Er macht ständig alles falsch, auch wenn es gar nichts falsch zu machen gibt, wahrscheinlich deshalb, weil er sonst nicht im Mittelpunkt stehen würden. Sein Verhältnis zu anderen Männern wiederum besteht vor allem aus Konkurrenz um die Position des Leitwolfs. Diese Konkurrenz zelebriert er sogar dann, wenn die anderen Männer an ganz anderen Dingen interessiert sind, was meistens der Fall ist. Das übersteigt aber seinen Horizont. Einzige Ausnahme ist natürlich sein Vater, dem er sich beweisen muss.

MarkTomJack ist für die Handlung eher nebensächlich, denn es gibt genügend andere Protagonisten und Protagonistinnen, die das, was es zu tun gibt, genausogut – oder besser – erledigen können. Die auch viel interessanter sind, weil sie eine Persönlichkeit haben, die diese Bezeichnung verdient, weil sich ihr Gefühlsleben nicht ausschließlich aus Klischees speist, weil sie komplexer Gedankengänge mächtig sind. Weil man bei ihnen nicht immer schon im Voraus weiß, was sie in der nächsten Sekunde tun oder sagen werden.

Im Vergleich mit früheren Serienhelden – Caine, Rockford, Picard, Mulder, you name it – ist der MarkTomJack von heute ein blasser, langweiliger Junge. Nicht, dass es früher die Figur MarkTomJack nicht gegeben hätte. Er trat auch in älteren Serien schon auf, aber nur als Nebenfigur, die eben genau die Aufgabe hatte, die Schlichtheit von MarkTomJack im Vergleich zu den eigentlichen Hauptfiguren zu verdeutlichen. MarkTomJack ist es, der von Caine in die Schranken gewiesen wird, dem Rockford aus seinem selbstveschuldeten Schlamassel hilft, und der Picard oder Mulder dauernd das Leben schwer macht, weil sein Horizont völlig auf das eigene Ego beschränkt ist.

Liebe Drehbuchautoren (oder sind da sogar Drehbuchautorinnen dabei?): Bitte hört auf, eure guten Geschichten mit solchen MarkTomJacks zu verhunzen. Danke.

Der Papst, der Professor, und die Welt da draußen

Sind drei Tage lang zusammen im Vatikan eingesperrt: zig Kardinäle und ein Psychoanalytiker. Den spielt Nanni Moretti selber.

Ich gebe zu, ich bin ein großer Fan von Nanni Moretti. Deshalb bin ich auch in „Habemus Papam“ gegangen (in eine Preview, in die Kinos kommt der Film in Deutschland am 8. Dezember). Obwohl die Kritiken schlecht waren. Flache Komödie, schwülstig, nichts Besonderes, hieß es.

Natürlich kann man den Film so sehen. Man kann ihn lesen als eine müde Inszenierung alter Streitereien. Hier die Kirche, da die säkulare Welt. „Sie wissen ja, dass das Konzept der Seele mit dem des Unbewussten nicht zu vereinbaren ist“, belehrt zum Beispiel ein Kardinal den Psychoanalytiker (gespielt von Moretti selber). Dieser „Professor“, wie der Analytiker (jedenfalls in der italienischen Fassung) nur genannt wird, ist in den Vatikan gerufen worden, um den neu gewählten Papst zu therapieren. Denn derjenige, auf den die Wahl unerwartet fiel, behauptet, er könne die Last der Verantwortung nicht tragen. Er weigert sich, auf den Balkon des Petersdoms zu treten und sich den Gläubigen zu zeigen. Stattdessen haut er ab, raus, auf die Straßen Roms.

Genau das ist das Setting des Films: Die Papstwahl ist vollzogen, der weiße Rauch war zu sehen, und das „Habemus Papam“ ist verkündet. Aber die Öffentlichkeit weiß noch nicht, wer es ist. Dass der Papst verschwunden ist, wird geheim gehalten. Und im Vatikan weiß niemand, wie es weitergehen soll. So ein Fall ist im Protokoll nicht vorgesehen.

In den drei Tagen, die die Filmhandlung beschreibt, dürfen die Kardinäle und der Professor den Vatikan nicht verlassen. Das Konklave ist noch nicht beendet, also kein Kontakt zur Außenwelt. Zwei Männer-Kulturen begegnen sich hier, und das ist in vielen kleinen Details wunderschön inszeniert. Zum Beispiel in folgender Szene: Der Professor veranstaltet mit den versammelten Kardinälen ein Volleyballturier, um die Zeit zu vertreiben. Einer der alten Herren fragt, ob man denn nicht stattdessen Völkerball spielen könne. „Völkerball spielt man schon seit fünfzig Jahren nicht mehr!“ entgegnet der entgeisterte Professor. Ein winziger Satz, der gleichzeitig die Weltfremdheit der einen zeigt wie auch die Bedeutungslosigkeit der anderen, die sich allen Ernstes etwas darauf einbilden, dass sie Völkerball durch Volleyball ersetzt haben.

Wer in dem Film nur diese Begegnung zwischen einer alten und einer neuen Variante von „Patriarchat“ erkennt, mag ihn wirklich für belanglos halten. Doch das ist nur der Nebenschauplatz. An dem mir übrigens gut gefallen hat, dass die Welt der Kardinäle ohne Häme gezeigt wird, ohne Besserwisserei, ohne billige Anti-Kirchen-Polemik, ohne allzu viele erwartbare Klischees. Man mag die alten Männer irgendwie, man sieht ihre Menschlichkeit und ihr Bemühen, gut zu sein.

Der neu gewählte Papst sucht Zuflucht im richtigen Leben.

Doch das eigentliche Geschehen spielt sich anderswo ab, vor den Mauern der Kirche. Zwischen dem entflohenen Papst und der wirklichen Welt. Einer Welt, die von Frauen bevölkert ist. Frauen, die sich aufmerksam um den alten Mann kümmern, ohne ihn aber allzu wichtig zu nehmen. Sie wissen ja nicht, dass es der Papst ist, und deshalb können sie den Menschen sehen. Sie fragen ihn ganz normale Dinge: Wo denn seine Familie ist und seine Freunde, ob er schon mal mit jemandem über seine Probleme gesprochen hat, ob er ein Glas Wasser will. Sie leihen ihm ihr Handy. Sie sind nett zu ihm, aber sie brauchen nichts von ihm. Sie haben ihre eigenen Sachen zu tun.

Etwas Angst hatte ich vor dem Schluss des Films. In einer Besprechung hatte ich gelesen, der Papst würde am Ende eine große Rede halten, man verglich sie sogar mit der berühmten Rede am Ende von Chaplins „Der große Diktator“. Ich befürchtete, eine solche Rede würde den ganzen Film ruinieren.

Ein alter Mann, allein unter einer Milliarde Gläubigen.

Aber ich hätte eigentlich wissen können, dass Nanni Moretti mich nicht enttäuscht.

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Die Männer und das Patriarchat

Foto: Robert Kneschke - Fotolia.com

In einer der letzten Ausgaben von „Via Dogana“, der Zeitschrift des Mailänder Frauenbuchladens (Juni 2011), gibt es einen Artikel von Riccardo Fanciullacci, der sich unter dem Titel „Das Patriarchat ist zu Ende. Und wir?“ mit der Frage beschäftigt, mit welchen Themen und Herausforderungen es Männer heute zu tun haben. Mir scheinen seine Überlegungen interessant, und vielleicht sind sie das ja auch für den ein oder anderen Mann im deutschen Kontext. Wobei er aus der Position eines Mannes schreibt, der vom Feminismus viel gelernt hat, der die Freiheit von Frauen als Chance und nicht als Bedrohung sieht und an konstruktiver Zusammenarbeit mit Frauen interessiert ist – alle anderen brauchen hier bitte auch gar nicht erst weiterlesen.

Fanciullacci unterrichtet Philosophie an der Universität von Verona und daher bezieht er sich zunächst auf eine These, die vom italienischen Differenzfeminismus angestoßen wurde, aber hier in Deutschland nicht so bekannt ist, weshalb ich sie vorab kurz rekapituliere. Der Gedanke, dass das Patriarchat möglicherweise schon zu Ende ist, stammt von Luisa Muraro, die ihn 1996 in einem Artikel namens „Freudensprünge“ formuliert hat (in deutscher Übersetzung abgedruckt in: Diotima: Die Welt zur Welt bringen, ich habe darüber 1998 ein Interview mit ihr geführt) und der dann auch Grundlage einer Flugschrift des Mailänder Frauenbuchladens wurde, dem so genannten „roten Sottosopra“ mit dem Titel „Es ist passiert – nicht aus Zufall“.

Gemeint ist offensichtlich nicht, dass mit dem Ende des Patriarchats das Paradies auf Erden angebrochen sei, sondern dass die Aufgabe, vor der freiheitsliebende Frauen stehen, nicht länger die bloße Kritik an patriarchalen Zuständen ist, sondern dass „die konstruktive Arbeit an einer erneuerten symbolischen Ordnung wichtiger wird als die Kritik an der vergehenden Zweiteilung“ – so formuliert es Ina Praetorius in ihrem neuen Buch, die dafür im deutschsprachigen Raum auch den Begriff des „postpatriarchalen Denkens“ geprägt hat.

Mir hat damals der Gedanke, dass der Kampf gegen das Patriarchat längst nicht mehr der Anknüpfungspunkt für feministisches Handeln sein sollte, sofort eingeleuchtet, aber es war schwer, das in Deutschland zu vermitteln (was ich eine Zeitlang versucht habe). Aber der Widerstand gegen diesen Gedanken war groß und die Diskussionen meist unfruchtbar, zu fest verankert war im Feminismus die Idee, dass „das Patriarchat“ noch immer in voller Blüte stünde.

Inzwischen meine ich, dass – auch wenn die Formulierung vom „Ende des Patriarchats“ im deutschen Feminismus noch immer oft zu Stirnrunzeln führt – die konkreten Entwicklungen diese Diagnose bestätigt haben. Denn so unterschiedlich die Aktionsweisen und Denkansätze von politisch aktiven Frauen auch sind, so offensichtlich ist es doch, dass sie alle der Arbeit an einer postpatriachalen Gesellschaft faktisch den Vorrang vor dem Kampf gegen klassische „Männerherrschaft“ geben:

Zum Beispiel, wenn Feministinnen keine Lust mehr haben, Männern weiterhin zu erklären, worum es eigentlich geht, sondern sie darauf verweisen, dass das längst überall nachgelesen werden kann. Oder wenn Frauen sich von der Politik der Separation verabschieden und den starken Wunsch haben, die Gestaltung der Welt gemeinsam mit Männern in Angriff zu nehmen. Oder wenn sie keine Lust mehr haben, sich an gläsernen Decken in Institutionen abzuarbeiten, sondern die Angelegenheit jetzt endlich mal mit Hilfe einer fixen Quote hinter sich bringen wollen. Oder wenn ein „sexpositiver“ Zugang zu Pornografie verlangt wird, weil sich das Thema nun wirklich nicht in der Kritik an gewaltförmigen Sexdarstellungen erschöpft. Oder wenn Politikerinnen von Angela Merkel bis Marina Weisband ganz selbstverständlich mit vollster Autorität agieren, ohne aus ihrem Frausein ein Geheimnis oder ein großes Bohei zu machen.

Ich bin bekanntlich nicht mit allem davon einverstanden, und teilweise sind die Anliegen dieser Frauen auch miteinander unvereinbar, aber das Gemeinsame daran ist, dass die Kritik an Männerherrschaft nicht mehr im Zentrum ihrer Interessen steht, sondern dass sie darüber hinaus wollen. Dass für sie die weibliche Freiheit nichts mehr ist, was gerechtfertigt und erklärt werden muss, sondern der selbstverständliche und nicht zur Diskussion stehende Ausgangspunkt.

Das heißt natürlich nicht, dass es nicht noch Relikte von patriarchalen Mustern gibt, die sehr gefährlich und problematisch sein können. Aber der Umgang mit ihnen ist – von Seiten der Frauen – von einem inhaltlichen Herzensanliegen zu einem pragmatischen In-die-Schranken-Weisen geworden, ob nun Merkel die Patriarchen in ihrer Partei auf Eis legt oder ob feministische Blogs entsprechende Kommentare einfach bei hatr.org abliefern. Die Überreste des Patriarchats sind heute nicht mehr Gegenstand ernsthafter feministischer Analyse, sondern ein Ärgernis wie schlechtes Wetter, mit dem man zwar rechnen und gegen das man etwas unternehmen muss, wobei aber die eigentlichen Aufgaben längst ganz andere sind.

Die These von Riccardo Fanciullacci ist nun, dass Frauen sich diese pragmatische Abwendung vom „Patriarchat“ als Kategorie leisten können, weil für sie das Thema tatsächlich in dem Moment inhaltlich erledigt ist, in dem sie patriarchalen Denkmustern die Glaubwürdigkeit entziehen. Männer hingegen nicht. Männer könnten nicht bloß pragmatisch mit den Ausläufern des Patriarchats umgehen, weil sie in ihrem eigenen Mannsein davon betroffen sind. Freie, also postpatriarchale Männer, so seine These, können sie nur werden, wenn sie „die Aufarbeitung der dunkelsten und tiefgreifenden Wurzeln der patriarchalen symbolischen Ordnung wieder aufnehmen. Die kritische Arbeit am männlichen Symbolischen könnte für uns Männer der direkteste Weg sein, um uns weiterzubringen und die Formen zu verändern, die unseren inneren Weg und unser Begehren prägen.“

Er hat dabei natürlich den Berlusconismus vor Augen, der ein extremes Beispiel für ein „Neopatriarchat“ ist, das politische Verantwortungslosigkeit direkt mit Männlichkeit verknüpft – Berlusconi ist ja nicht einfach nur ein schlechter Politiker gewesen, sondern er hat sein Handeln konsequent mit einer bestimmten Performanz von Männlichkeit verbunden. Auch in Deutschland gibt es Beispiele für eine solche Vermischung von gesellschaftsschädlichem Verhalten mit Männlichkeit, zum Beispiel in Teilen der Männerbewegung oder im organisierten Antifeminismus, aber auch in bestimmten Toppositionen der Wirtschaft oder in bestimmten Bereichen der Populärkultur. Deshalb, so Fanciullacci, sei es für Männer heute notwendig, das Wort „Patriarchat“ weiter zu verwenden, als Analysekriterium, um sich „von einer Erbschaft zu lösen, die ohne eine genaue symbolische Vermittlungsarbeit nicht verschwinden wird.“

Der Weg, den er dafür vorschlägt ist, eine Art und Weise zu finden, sich „auf nicht patriarchale Weise zu einer Frau in Beziehung zu setzen.“ Dafür gebe es keine bestimmte Methode und keine festen Regeln, und vor allem dürfe man nicht allgemein „die Frauen“ dabei im Blick haben. Sondern es gehe darum, sich in der konkreten Beziehung zu einer bestimmten Frau ihrer „jeweils einzigartigen Weise, Frau zu sein“ auszusetzen, und zwar „mit ein bisschen Liebe“. Dafür sei es notwendig, „Vertrauen zu haben in ihre Fähigkeit, uns zu sagen, wenn die Art und Weise, mit der wir ihr begegnen, nicht in Ordnung ist“.

Aber das sei nicht alles. Ein Hauptproblem des patriarchalen Erbes sei es, dass „Männer die außerordentliche Fähigkeit haben, jede Frau in die Position der Mutter zu bringen, und sei sie auch zwanzig Jahre jünger: Um diese Dynamik abzuschalten ist es notwendig, darauf vorbereitet zu sein, indem man sich bemüht, das Knäuel zwischen der jeweils besonderen Form des eigenen Begehrens und dem, was von historisch bedingten symbolischen Ordnungen herrührt, zu entwirren“.

Zum Schluss schlägt Fanciullacci drei Ziele vor, um die es aus seiner Sicht bei der „Transfomation des männlichen Selbst“ geht, und die ich hier zum Schluss wörtlich zitiere:

Erstens: Zu lernen, vor einer Frau zu stehen und ihre Erfolge, ihre Bewegungsfreiheit und die Interessen, die sie irgendwo hin führen, wahrzunehmen, ohne die leiseste Sehnsucht aufkommen zu lassen nach dem alten Bild der Frau als Spiegel, die dem Mann seine eigene Figur in doppelter Größe zurückwirft.

Zweitens: Zu lernen, ihr unsere Bedürftigkeit zu zeigen, ohne gleichzeitig von ihr zu verlangen, unsere Mutter zu sein; oder auch: Die eigene Mutter zu lieben, ohne von jeder anderen Frau die Liebe einer Mutter zu erwarten.

Drittens: Zu lernen, ihr eine hingebungsvolle und ernst gemeinte erotische Kreativität anzubieten, die nicht die Liebe kleinmacht und an ihrer Stelle den immer wieder selben sexuellen Phantasien Raum gibt.

Mann am Steuer

© diego cervo - Fotolia.com

Heute im Fitnessstudio – da muss man ja manchmal hingehen, um was von der Welt mitzubekommen – lief der neue Werbespot von Skoda. Ich hatte keinen Ton, und die tollen Autos mit den glücklichen Familien drin wären wahrscheinlich einfach so an mir vorbei gerauscht, wenn nicht der Claim am Ende als Text gekommen wäre: „Jede Familie ist anders“.

Das war nämlich recht skurril, denn faktisch waren alle dargestellten Familien lächerlich gleich. Ein Mann, eine Frau, zwei Kinder, jung, weiß, mittelständisch wohlhabend, wirklich krampfhaft absurdes Klischee. In allen Autos kackte dann das kleinste Kind in die Hose, die Männer hielten sich angeekelt die Nase zu, und die Frauen hatten natürlich vergessen, die Windeln mitzunehmen.

Ich will mich gar darüber aufregen, dass hier wieder mal das große Mann-Frau-Paar inszeniert wird (das hab ich gestern schon gemacht), und auch nicht darüber, wie selbstverständlich die Frauen für die Beseitigung der Scheiße zuständig sind.

Worüber ich die folgende halbe Stunde Crosstrainer nachdachte, war vielmehr die Tatsache, dass in allen Autos der Mann am Steuer saß und die Frau daneben. Die Langlebigkeit dieser Aufteilung auch nach mehreren Jahrzehnten Gleichstellungs- und Emanzipationsbemühen ist mir schon lange ein Rätsel (ich fahre nämlich gerne Auto, sehr zur Freude gewisser Beifahrer übrigens). Gibt es irgendwo eine Studie, die erforscht hat, in wie vielen gemischtgeschlechtlich besetzten Automobilen die Männer hinter dem Lenkrad sitzen und die Frauen daneben? Ich tippe auf so 90 Prozent.

Mein Rant hier richtet sich nicht gegen Skoda oder andere Autofirmen, die in ihrer Werbung ja nur klischeehaft zuspitzen, was tatsächlich Realität ist. Ich richte mich an die Frauen, die ihren Männern standardisierterweise das Lenkrad überlassen. Hey, Frauen: Hört damit auf! Das kann so nicht weitergehen! Ihr richtet damit die Welt zugrunde!

Das meine ich nur halb spaßig. Denn das ist tatsächlich ein grundlegendes Dilemma unserer post-gleichgestellten Gesellschaften: Dass die große Mehrheit von Frauen in eine ungebrochene Selbstinszenierung des männlichen Imaginären einwilligt. Das Autolenkrad ist dafür nur ein Beispiel. (Ein anderes ist, dass die meisten Frauen nach der Heirat den Namen des Mannes annehmen, oder doch spätestens für die gemeinsamen Kinder).

Was genau ist mein Problem? Mein Problem ist, dass die Sitzverteilung im Auto und die Namensverteilung in der Familie nicht einfach privates Arrangement sind, sondern Ausdruck einer symbolischen Ordnung:

In dieser Ordnung konstituiert sich Männlichkeit wesentlich über den Zugang zu Macht und Kontrolle. Historisch ist das eindeutig – einflussreiche Positionen sind von ihrem Ursprung her als männliche Positionen konstituiert, Frauen waren davon explizit ausgeschlossen und werden bis heute nur notgedrungen „zugelassen“, vorausgesetzt, sie akzeptieren die Spielregeln. Diese symbolische „Männlichkeit“ von öffentlichen, einflussreichen Positionen erschwert nicht nur den Zugang von Frauen dazu, sondern – und das ist der wichtigere Punkt – sie verunmöglicht es auch, dass öffentlicher Einfluss sachgemäß und zum Wohle aller ausgeübt wird.

Am Beispiel „Mann am Steuer“ lässt sich das gut nachvollziehen: Männer machen viel mehr schwere Unfälle. Denn sie fahren nicht einfach Auto, um von hier nach dort zu kommen, wie es vernünftige Menschen tun würden, sondern sie fahren auch Auto, um zu zeigen, wer den längeren, größeren, schnelleren hat. Natürlich nicht alle Männer. Aber eben doch viele – immer noch. Immer dann, wenn Männer politischen (oder wirtschaftlichen) Einfluss mit einer Bestätigung ihrer Männlichkeit verknüpfen, wird es gefährlich. Denn es werden falsche Entscheidungen getroffen und falsche Weichen gestellt.

Mich interessiert aber nicht, was die Männer machen, sondern was die Frauen machen: Sie lassen das zu. Natürlich haben sie dafür gute Argumente. Wenn er doch unbedingt fahren will, soll er doch. Wieso soll ich mich auf langwierige Diskussionen einlassen, es ist doch ganz bequem auf dem Beifahrersitz. Es genügt mir, zu wissen: Wenn ich fahren wollte, dann könnte ich.

Alles richtig. Es hat sich ja auch schon einiges verbessert. Wenn der Mann betrunken ist, lässt er heute die Frau nach Hause fahren. Oder wenn die Strecke so weit ist, dass man es beim besten Willen nicht alleine schaffen kann. Oder wenn die Frau unbedingt fahren will und das deutlich sagt – normalerweise tut er ihr dann den Gefallen. Wir sind ja schließlich nicht in Saudi-Arabien, wo Frauen das Autofahren verboten ist. Das meine ich gar nicht sarkastisch, es ist wirklich eine Verbesserung, wenn man sich vor Augen führt, dass es vor ein paar Jahrzehnten eben noch anders war.

Außerdem sind die Zeiten vorbei, als die Frauenbewegung aus der Frage, wer am Steuer sitzt, eine Prinzipienfrage gemacht hat. Auf dem Fahrersitz zu bestehen, nur um des Prinzips willen, wirkt verknöchert und emanzenhaft, wer will das schon?

Kaum eine, und zu Recht. Es kann ja in der Tat nicht darum gehen, in den Wettkampf mit den Männern um den längsten, stärksten und schnellsten einzusteigen. Ich verstehe sehr gut, wenn Frauen darauf keine Lust haben – weder im Auto, noch auf der Karriereleiter. Ich habe darauf auch keine Lust.

Aber es ist eben auch keine Alternative, sich mit der theoretischen Möglichkeit, ans Steuer kommen zu können, wenn man denn nur wollte, zufrieden zu geben. Denn auf diese Weise wird die Verknüpfung von einflussreicher Position und Männlichkeit immer weiter wiederholt und befestigt. Und das schadet nicht den Frauen, es schadet der Welt!

Die italienische Philosophin Annarosa Buttarelli schreibt in einem Text, den ich gerade übersetze, dass wir heute eine zweite Revolution der Frauen brauchen. Sie fordert die Frauen zu einer „Übernahme von Verantwortung gegenüber unserer Differenz und gegenüber der Welt, die wir lieben“ auf.

Mit dieser Differenz ist nicht eine angeblich natürliche Überlegenheit oder Andersheit der Frauen gemeint, sondern eben jene Position, in der wir uns historisch befinden, die Männer aber nicht: Wir sind diejenigen, deren Geschlecht frei ist von imaginären Überladungen, die die Machtinstitutionen unserer Gesellschaft enthalten. Und deshalb haben wir ungleich bessere Möglichkeiten, diese Institutionen und Ordnungen zu verändern, was angesichts des Zustandes der Welt dringend nötig ist.

Am banalen Beispiel Auto: Weiblichkeit ist nicht symbolisch mit Autofahren verknüpft, wir bekräftigen damit nicht unsere Identität, daher können wir uns darauf beschränken, einfach nur gut Auto zu fahren. Oder auch nicht, weil der Zug eh ökologischer und bequemer ist. Wir laufen nicht Gefahr, uns kastriert vorzukommen, wenn man uns das Auto wegnimmt, oder wenn das Auto, in dem wir grade sitzen, eine lahme Krücke ist.

Natürlich gibt es auch Männer, die sich inzwischen von dieser imaginären Aufladung befreit haben, das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass diese imaginäre Aufladung trotz dieser dissidenten Männer immer noch besteht und die symbolische Ordnung prägt. Sodass Männer, die sich nicht bewusst davon befreien und andere Verknüpfungen eingehen, einfach zu leicht in die Versuchung geraten, sich wie Macker zu verhalten. Zu glauben, sie seien nur ganze Kerle, wenn sie am Steuer sitzen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Klar, wir – die Frauen und die bewusst reflektierenden Männer – wissen, dass das Quatsch ist, lächerlich, eine symbolische Unordnung. Aber diese Unordnung ist eben dennoch real. Und sie wird immer und immer wieder festgezurrt, zum Beispiel jedes Mal, wenn eine Frau es zulässt, dass der Mann sich wie selbstverständlich ans Steuer setzt, weil er, ohne darüber auch nur nachzudenken, der Überzeugung ist, das sei der natürliche angestammte Platz für Wesen seines Geschlechtes.

Deshalb, liebe Frauen: Schaut da nicht länger einfach nur zu. Willigt nicht laufend in diese Selbstinszenierung von symbolischer Männlichkeit ein.

Und wenn es nur ist, damit uns in Zukunft solche Werbespots erspart bleiben.

Update: Am Samstag vor Pfingsten haben wir auf der Autobahn (zwischen Camberg und Montabaur auf der A3) mal gezählt: Unter den Autos, wo vorne ein Mann und eine Frau saßen, war 48 Mal der Mann, 5 Mal die Frau am Steuer.


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Schlipsmänner. Ein Modeblogpost.

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Manche Geschichten brauchen definitiv zu lang, um in meine Timeline zu gelangen, da besteht noch Verbesserungsbedarf. Die Meldung vom Schlipsstreit im Bundestag erreichte mich nämlich erst heute via Süddeutsche, obwohl der Spiegel und der Freitag schon am 20. Januar darüber berichtet hatten, und die Linke in einem Blog die Angelegenheit sogar schon am 17. Dezember bekannt gemacht hatte.

Es geht darum, dass aus der CDU irgendwann letztes Jahr die Anweisung erging, Schriftführer müssten in Ausübung ihres Amtes im Bundestag Schlipse tragen, damit die “Würde des Hauses” gewahrt bleibe. Und dass sich die Abgeordneten Andrej Hunko (Linke) und Sven-Christian Kindler (Grüne) – Applaus für sie an dieser Stelle! – weigerten, selbiges zu tun, und damit die Angelegenheit “hochgekocht wurde”, wie sich der Spiegel süffisant ausdrückt.

Dieser Fall sieht erstmal nach Pillepalle aus, aber er ist aus mehreren Gründen bemerkenswert: Nicht nur, weil deutlich wird, dass die Medien ein Thema offenbar erst dann aufgreifen, wenn es nicht nur die Linken, sondern zumindest auch die Grünen unterstützen. Nicht nur, weil es zeigt, wie verkommen das demokratische Verständnis bei den sich selbst “bürgerlich” nennenden Parteien bereits ist (oder wieder ist), die offenbar die Besetzung parlamentarischer Gremien mit der Besetzung von Aufsichtsräten verwechseln. Nicht nur, weil die SPD auch noch Verständnis für diesen Rückwärtsmarsch in den Mief der fünfziger Jahre hat. Und nicht nur, weil die ganze Armseligkeit dieser institutionellen Art, “Politik” zu machen, hier deutlich wird.

Ich finde diesen Fall auch interessant, weil die Mechanismen der “Integration” von Frauen in traditionell exklusiv für Männer vorgesehene politische Institutionen hier schön anschaulich werden, sowohl was ihre Möglichkeiten für Veränderungen betrifft, als auch deren Grenzen.

Denn auch wenn die Grünen dieses symbolische Politikfeld “Kleidungsnormen in politischen Gremien” mit ihrem legendären “Turnschuhminister Fischer” besetzt haben – für die Jüngeren: Joschka Fischer hatte 1985 bei seiner Vereidigung als erster grüner Minister Turnschuhe getragen und damit ein allgemeines Rauschen im Blätterwald verursacht – so ist der eigentliche Konfliktpunkt ja die Frage, was Frauen anziehen, wenn sie in männliche Gefilde Einzug halten.

Der Schlips (als integrativer Bestandteil des Ensembles “Anzug”) steht für ein politisches männliches Selbstverständnis, nämlich die “Gleichheit”. Anzüge in dunklen Farben, die alle Herren gleich aussehen ließen, waren ein in der Tat “bürgerlicher” Dresscode, der sich von den bunten, glitzernden, heute würde man sagen tendenziell “tuntigen” und dekadenten Dresscodes des Adels abgrenzte.

Interessant dabei ist, dass Frauen gerade deshalb keine Anzüge tragen durften, bzw. es ein Riesenskandal war, wenn sie es taten. Frauen hatten mit ihren breiten Tüllschichten und den bunten Farben, den glitzernden Pailletten und samtenenen Bändchen im Bürgertum gerade weiterhin “adelig” auszusehen, um so ihren von den männlichen Aufklärern dekretierten Ausschluss aus dem Bereich der Politik augenfällig zu machen. (Als ich für meine Diss über das 19. Jahrhundert recherchierte, brauchte ich eine ganze Weile, um zu verstehen, was eine “Putzmacherin” eigentlich genau machte, und vor allem warum es für diesen typischen Frauenberuf einen so ungeheuer großen Bedarf gab: Aber es wurden offenbar wahre Unmengen von Perlen, Bändern und sonstigem Krimskrams benötigt, um diesen weiblichen Anti-Anzug-Dresscode zu befriedigen).

Der Freitag weist in seinem Beitrag zur aktuellen Schlipsaffäre dankenswerter Weise darauf hin, dass es einen Skandal auslöste, als die SPD-Abgeordnete Lenelotte von Bothmer 1970 zum ersten Mal in einem Hosenanzug den Bundestag betrat. Das waren noch die Nachwirkungen dieses symbolischen Szenarios, die Aufregung kam daher, dass Bothmer qua Hosenanzug ihre Teilhabe am bürgerlichen Männer-Dresscode behauptete. Heute ist der Hosenanzug  bekanntlich das oberkonventionellste Businesswomen-Kleidungsstück, das man sich nur denken kann. Die Verbürgerlichung der Frauen ist abgeschlossen.

Aber das ist bloß Emanzipation und nicht weibliche Freiheit.

Mich interessiert, ob es in diesem Ganzen auch positive Aspekte gibt. Und die sehe ich durchaus, und zwar darin, dass es die “bürgerlichen Parteien” nicht wirklich fertig bringen, einen definitiven Dresscode für Frauen festzulegen. Dass etwa die Schriftführerin Agnes Alpers (Linke) als Ersatz für die abgewiesenen “unbürgerlichen”, weil schlipslosen Männer mit einem knallroten Schlips auf der erwürdigen Bank Platz nahm, dagegen konnte keiner was sagen. Nicht nur aus Höflichkeit oder Unsicherheit, sondern weil Alpers als Frau gewissermaßen in einer anderen Liga spielt. Oder besser: Nicht in einer anderen Liga, sondern sie spielt ein ganz anderes Spiel.

Im Schlipsstreit geht es nämlich um einen Diskurs über Männlichkeitsbilder: Turnschuhträger gegen Krawattenheinis. Die Krawatte ist ein Distinktionsmerkmal, um “diese Männer” von “jenen Männern” zu unterscheiden – dieser Streit wird alltäglich an zahlreichen Arbeitsplätzen ausgetragen, jedenfalls wenn ich den Männern in meinem Bekanntenkreis glauben kann – hier geht es um soziale Hierarchien innerhalb eines männlichen symbolischen Systems und einen Konflikt darüber, wer ein “richtiger Mann” ist und wer nicht.

Die Frauen stehen bei diesem Streit etwas daneben. Sie sind nicht mehr, wie früher, ganz draußen, aber sie sind auch nicht ganz drin, ihre Differenz ist eher wie phasenverschoben. Was die Männer betrifft, so gibt es klare Anweisungen – Schlips -, was die Frauen betrifft, bleibt das “Angemessene” nebulös. Und das ist auch gut so, denn der Streit zwischen bürgerlichen und unbürgerlichen Männern ist nicht unserer. Auch wenn ich persönlich ganz klar auf Seiten der Anti-Schlips-Fraktion stehe und diese nach Kräften unterstützen würde. Aber ich bin von diesem Streit nicht betroffen.

Frausein bedeutet schlipsfrei sein, könnte man auch sagen, eine Frau ist schlipsfrei auch dann, wenn sie einen trägt, wenn Ihr versteht, was ich meine. Und diese Freiheit politisch fruchtbar zu machen, darum geht es. Das neue Buch von Luisa Muraro, so habe ich kürzlich gehört, soll den Titel tragen: “Vom Glück, als Frau geboren zu sein”. Genau. Nicht in diese alten Streitigkeiten unter Männern verwickelt zu sein macht uns frei, über das Patriarchat hinaus zu denken, an einer postpatriarchalen Welt zu arbeiten.

Inwiefern das innerhalb dieser desolaten Strukturen der offiziellen Politik überhaupt noch möglich ist, weiß ich nicht. Aber wenn ich Schriftführerin wäre, dann würde ich mir wohl einen Spaß daraus machen, die Grenzen des für eine Frau Möglichen auszutesten: Wie kurz darf der Rock sein, um “unangemessen” zu werden – wahlweise auch wie wallend, wie lila, wie schrill gepunktet? Und mit welchen Peinlichkeiten würde da argumentiert werden? Würden sie am Ende ins Stottern geraten und rot werden?

Vor allem würde ich wahrscheinlich total spiralige, karierte, gestreifte Kleidung anziehen. Damit die Kameras damit ein echtes Problem haben.


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Gewalt ist nicht geschlechtsneutral

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Soeben ist eine Studie (pdf) veröffentlicht worden, die jetzt unter dem Label „Männer sind genauso Opfer von häuslicher Gewalt wie Frauen“ diskutiert wird. Erstellt hat sie Peter Döge im Auftrag der Evangelischen Männerarbeit. Dafür wurden 1479 Männer und 970 Frauen danach befragt, ob sie schon einmal Opfer und/oder Täter_innen von Gewalt waren. (Ich kenne nicht die Studie, nur die Berichte über sie, wäre aber an den zugrunde liegenden Methoden und Zahlen und den Detailergebnissen interessiert, falls jemand Infos hat, bitte in den Kommentaren posten).

Sowohl bei der Fragestellung der Studie selbst als auch bei der Art und Weise, wie ihre Ergebnisse diskutiert werden, läuft momentan einiges schief. Und damit meine ich nicht nur die bekannten Maskulinistengruppen, die ohnehin der Meinung sind, Männer würden von Frauen unterdrückt, und die diese Studie jetzt natürlich propagandistisch für sich ausschlachten.

Die Absicht hinter dem Machen der Studie scheint gewesen zu sein, anhand von Zahlen nachzuweisen, dass das Stereotyp vom weiblichen Opfer und vom männlichen Täter nicht stimmt, und zwar mit dem ausdrücklichen Ziel, die Aufmerksamkeit auf die Situation von Gewalt erleidenden Männern zu richten.

Dieses Ziel für sich genommen ist wichtig und richtig. Ich kann aber nicht verstehen, warum die Diskussion über männliche Bedürftigkeit und wie ihr zu begegnen sei, offenbar nicht geführt werden kann, ohne gleichzeitig die Errungenschaften der Frauenbewegung und weibliche Autorität klein zu reden und als „böse“ darzustellen.

Um den angestrebten Zweck zu erreichen, wurde in dieser Studie ein sehr weiter Gewaltbegriff zugrunde gelegt. „Gewalt“ ist sowohl schwere körperliche Gewalt, die ganz überwiegend von Männern gegen Frauen ausgeübt wird, als auch auch psychische Gewalt wie Anschreien und leichte körperliche Gewalt wie Ohrfeigen. Es zeigte sich, dass im Bereich psychischer Gewalt mehr Frauen als Männer angeben, sie auszuüben, während Männer und Frauen bei der leichten körperlichen Gewalt ungefähr gleichauf liegen.

Nun frage ich, was solche Zahlen hergeben, außer dass sie es verunmöglichen, beim gesellschaftlichen Diskurs über Gewalt zwischen Frauen und Männern zu unterscheiden, weil die Kategorien so weit gefasst sind, dass die Unterschiede nicht mehr erkennbar sind. Hilft es den Opfern von Gewalt – egal ob Frauen oder Männer – wenn wir dazu übergehen, das Thema quasi „geschlechtsneutral“ zu betrachten? Ich denke nicht.

„Körperliche Gewalt“ und „psychische Gewalt“ sind zwei sehr verschiedene Phänomene, die abgesehen davon, dass sie beide schlimm für das Opfer sind, kaum etwas miteinander zu tun haben. Der Fehler, beides miteinander zu vermischen, ist auch schon in der Frauenbewegung gemacht worden – damit habe ich mich in diesem Jahr in einem Vortrag kritisch auseinandergesetzt, den ich bei einer Jubiläumsfeier eines Frauenhauses gehalten habe.

Eine Absicht der Studie war es, Männer als Opfer von Gewalt in den Fokus zu rücken. Das ist auch tatsächlich wichtig: 45 Prozent der befragten Männer und 41 Prozent der Frauen gaben an, schon einmal Opfer von Gewalt geworden zu sein. Das braucht man aber gar nicht als großartige Neuigkeit zu verkaufen, denn es ist altbekannt: Männer sind sehr viel häufiger als Frauen nicht nur im häuslichen Bereich gewalttätig, sondern auch im außerhäuslichen Bereich. Und da findet die Gewalt überwiegend unter Männern statt, das heißt, Männer sind sowohl Opfer als auch Täter.

Männer sind also auf zweierlei Arten gefährdet: Sie können Opfer von schwerer körperlicher Gewalt werden, die ihnen andere Männer im öffentlichen Raum antun, und sie können psychischer Gewalt oder leichter körperlicher Gewalt ausgesetzt sein, die ihnen Frauen im häuslichen Bereich antun. Es ist doch offensichtlich, dass beides zwei verschiedene Dinge sind, die entsprechend auch unterschiedliche Maßnahmen erfordern.

Um die Bedürfnisse männlicher Gewaltopfer zu verstehen, wäre es meiner Ansicht nach besser gewesen, eine differenzierte Studie darüber zu machen, wie und wo genau und von wem Gewalt gegen Männer ausgeübt wird. Ohne den Vergleich mit den Frauen, der nur diesen Tenor des Gegeneinander Ausspielens à la „Wer ist das ärmere Opfer?“ nach sich zieht.

Noch ein letzter Punkt, der mir bei der Studie fraglich erscheint: Kann man wirklich von den Selbstaussagen der Befragten ohne weiteres auf die realen Verhältnisse schließen? Ich meine, es gibt doch noch einmal einen Unterschied zwischen jemandem, der (oder die) Gewalt ausübt und der Frage, ob er oder sie dies auch weiß und eingesteht. Die Studie scheint implizit davon auszugehen, dass Männer und Frauen sich hier statistisch gleich verhalten: Dass sie also in gleichem Maße sowohl wissen, dass sie Gewalt anwenden, als auch bereit sind, das bei einer Befragung zuzugeben. (Falls jemand Hintergrundinfos dazu hat, wie Döge dieses Problem angeht, bitte ebenfalls in den Kommentaren posten. In den Medienberichten habe ich nichts dazu gefunden).

Viele Frauen klagen aber über bestimmte Gewaltformen innerhalb von Beziehung und Familie, während die betroffenen Männer in ihrem Verhalten nichts Gewaltförmiges sehen (hier ein Artikel dazu). Dazu gehört etwa Lächerlichmachen, ständiges Ins-Wort-Fallen, unvorhersagbare Aggressivität in eigentlich harmonischen Situationen, abwertende Bemerkungen in Anwesenheit Dritter und so weiter. Ein solches Verhalten wird von den Opfern durchaus als (psychische/verbale) Gewalt empfunden, von den Tätern aber nicht als solche anerkannt. Im Gegenteil, diese streiten rundheraus ab, irgendetwas Problematisches zu tun – und genau dieses Abstreiten („Das bildest du dir doch nur ein!“) ist es, was hier den Kern des Problems ausmacht.

Was Gewalt ist und was nicht, das kann man jedenfalls nicht einfach der Selbsteinschätzung von Umfrageteilnehmerinnen und -teilnehmern überlassen. Nur zur Erinnerung: Bevor die Frauenbewegung den Skandal der häuslichen Gewalt in den 1970er Jahren öffentlich machte, galt es in allgemein gesellschaftlichem Bewusstsein ja ebenfalls nicht als Gewalt, wenn Ehemänner ihre Frauen verprügelten oder sie vergewaltigten. Sondern als ganz normal. Und wer das öffentlich ansprach, machte aus einer Mücke einen Elefanten.

Heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen. Und diese Enttabuisierung hat überhaupt erst die Grundlagen dafür geschaffen, dass auch Männer als Opfer von Gewalt in den Blick kommen konnten.

Die derzeitige Wende hin zu der pauschalen Behauptung, Frauen und Männer seien gleichermaßen Opfer und Täter_innen, ist dieser Debatte nicht förderlich. Sondern es ist notwendig, die verschiedenen Formen von Gewalt zu unterscheiden und die mit ihnen jeweils eng verwobene Geschlechterdifferenz zu untersuchen und zum Thema zu machen.


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Warum Jungen in der Schule benachteiligt sind – und was dagegen hilft

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Am 8. März war ich bei WDR5 als Studiogast eingeladen, um mit Hörerinnen und Hörern über das allseitige Dauerbrenner-Thema „Feminismus – brauchen wir den noch?” zu diskutieren. Eine Frage geht mir seither besonders im Kopf herum.

Unter den Anrufern war ein Lehrer, der sich darüber beklagte, dass in Schulbüchern neuerdings nur noch Frauen und Mädchen vorkämen, und dass die Jungen überhaupt keine Vorbilder mehr hätten. Das Beispiel, das er erzählte, war Folgendes: Im Englischbuch war von einem Raumschiff die Rede, und er dachte: Endlich mal was, das auch die Jungen interessiert! Aber dann kam „The Captain” und „she” tat dies und das. Also wieder eine Frau, wieder eine Zurückweisung für die Jungen, wieder keine Möglichkeit zur Identifikation!

Das Beispiel ist natürlich in mancherlei Hinsicht schwach: Erstens bin ich nicht so sicher, dass in heutigen Schulbüchern wirklich nur noch Frauen vorkommen und keine Männer (vielleicht kann das ja mal jemand durchzählen und in den Kommentaren posten?). Und zweitens ist ein weiblicher Raumschiff-Captain seit Kathryn Janeway ja nichts Außergewöhnliches mehr, oder anders: Dass Geschlechterbilder in Schulbüchern nicht die typischen Klischeerollen wiederholen, sollte uns doch eigentlich freuen.

Aber diese offensichtlichen Schwächen in der Argumentation sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier ein in der Tat wichtiges Problem angesprochen wurde. Mit der Sorge um die Benachteiligung von Jungen in der Schule steht dieser Hörer ja nicht alleine da, es ist nicht zufällig eines der heutigen Top-Themen in punkto Geschlechterverhältnis. Und es ist ein, wie ich finde, sehr wichtiges Thema.

Woran aber liegt die Benachteiligung der Jungen, wodurch kommt sie zustande?

Das Problem liegt meiner Ansicht nach nicht daran, dass Jungen heute mit vielen Frauen konfrontiert sind (sei es als Lehrerinnen oder als Figuren in Schulbüchern). Denn diese Tatsache wird für die Jungen doch nur deshalb zum Problem, weil sie sich mit Frauen bzw. weiblichen Protagonistinnen nicht (oder nur schlecht) identifizieren können. Und dies liegt wiederum daran, dass wir kulturell immer noch mit jenem patriarchalen Erbe zu kämpfen haben, in dem das Männliche das Normale und das Weibliche das Andere, das Defizitäre war.

Es ist doch auffällig, dass Mädchen überhaupt kein Problem damit haben, sich mit männlichen Protagonisten zu identifizieren, sie sich zum Vorbild zu nehmen, und von Männern etwas zu lernen. Mädchen und Frauen sind in unserer Kultur sozusagen zwangsweise Meisterinnen darin, zwischen „Ich-Frau” und „Ich-Mensch” hin- und her zu switchen. Sie lernen von klein auf, dass sie zwar einerseits „Mensch” sind, also normal, andererseits aber „Frau”, also anders. Deshalb können sie sich sowohl als Frau, als auch als Mensch verstehen – und sind entsprechend flexibel, wenn es darum geht, Vorbilder zu finden.

Ein Beispiel von mir selbst: Bei der Lektüre der Winnetou-Romane von Karl May habe ich mich als Jugendliche sowohl mit Old-Shatterhand (dem Ich-Erzähler) als auch mit Nscho-tschi (Winnetous Schwester und weibliche Hauptfigur) identifiziert. Ich hatte sozusagen eine gespaltene Identität: Als Shatterhand war ich in Winnetou verliebt, als Nscho-tschi in Shatterhand. Und das fand ich keineswegs kompliziert, weil ich es gewohnt war, sowohl Frau als auch Mensch zu sein, das heißt, mich sowohl mit Frauen als auch mit Männern zu identifizieren, wenn ich dort etwas Lernenswertes vermutete.

Ähnlich ging es mir mit den Schulbüchern, die damals im Hinblick auf Frauen- und Männerrollen noch weitgehend klischeehaft waren und in denen alle wichtigen Positionen von Männern repräsentiert wurden. Das hielt mich keineswegs davon ab, so gut wie möglich von ihrem Vorbild zu profitieren.

Das Problem der Jungen ist nun heute, dass sie es nie gelernt haben (wie vielleicht die Männer überhaupt), Frauen nicht nur in ihrer Qualität des Anders-Seins wahrzunehmen, sondern in ihrer Qualität des Menschseins. Sie haben dieses flexible Hin- und her Switchen nicht gelernt. Sobald sie eine Frau sehen, eine weibliche Protagonistin in einem Schulbuch etwa, identifizieren sie sie als „Nicht-Ich”, als „Andere” – und damit taugt sie natürlich nicht mehr als Vorbild. Sie können nichts von ihrem Beispiel lernen, weil sie das nicht auf sich selbst beziehen.

Damit sind die Jungen natürlich in einer emanzipierten Welt, in der Frauen wichtige und maßgebliche Positionen einnehmen, den Mädchen gegenüber in einem großen Nachteil: Denn die Mädchen können, etwas überspitzt gesagt, sowohl von Frauen als auch von Männern lernen, Jungen hingegen nur von Männern.

Leider ist die Art und Weise, wie dieses Problem öffentlich diskutiert wird, nicht gerade hilfreich, um es zu lösen, im Gegenteil. Wenn etwa davon die Rede ist, dass die große Zahl an Lehrerinnen und Erzieherinnen Schuld wäre am schulischen Misserfolg von Jungen, dann liegt diesem Argument eine latente Abwertung weiblicher Autorität zugrunde. Sie hilft den Jungen also gerade nicht, vom Wissen der Lehrerin zu profitieren, sondern bietet im Gegenteil einen weiteren Anknüpfungspunkt, ihr die Autorität zu entziehen.

Das heißt nicht, dass gegen mehr Männer in Grundschulen und Kitas etwas einzuwenden wäre. Männliche Vorbilder und Erziehungspersonen könnten den Jungen nämlich vorleben, dass auch sie nicht einfach nur „normal”, sondern auch „anders” sind – und das ist ein erster Schritt dazu, zu erkennen, dass auch die „anderen”, also die Frauen, nicht nur anders, sondern gleichzeitig normal sind. Problematisch wird nur, wenn dieses Thema so diskutiert wird,  dass Jungen unbedingt männliche Vorbilder bräuchten, um überhaupt etwas lernen zu können. Denn genau in diesem Missverständnis liegt die Ursache ihres Problems.

Die Benachteiligung von Jungen in den Schulen kann nur beendet werden, wenn wir ihnen helfen, dass sie auch in weiblichen Personen Vorbilder für sich selbst sehen können. Wenn sie lernen, dass auch die Frauen, die aus ihrer Sicht “anderen” also, für das allgemein Menschliche stehen, und es sich deshalb lohnt, ihnen zuzuhören und sich für das, was sie tun zu interessieren. Weil darin nämlich möglicherweise auch für sie selbst, die Jungen, etwas Lehrreiches steckt. Aber das ist natürlich ein Projekt, das nicht nur auf die Schule bezogen ist, sondern auf die Gesellschaft allgemein.



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