Philosophie des Körpers

philosophieMichela Marzano, Philosophieprofessorin in Paris, hat ein Buch geschrieben über die „Philosophie des Körpers“ – ein wichtiges Thema. Die gängigen Philosophen haben hat ja seit den alten Griechen mit einem Dualismus von Körper und Geist gearbeitet, eine Unterscheidung und Gegenüberstellung, die selbst dann, wenn sie problematisiert wurde, doch im Fokus des Interesses stand: der Körper als das, was uns im Materiellen festhält, was die menschliche Freiheit behindert. Und das gerne auch im Paket mit einer Verachtung den Frauen gegenüber, die, da auch der allerautonomste Mensch sein Leben dem Geborenwerden aus dem Körper einer Frau heraus verdankt, das Symbol schlechthin für diese Verhaftung ans Materielle sind.

Dass das „Ich“, das Subjekt, keinen Körper „hat“, sondern nur als Körper überhaupt existiert, diese Tatsache haben fast alle (westlichen) Philosophen entweder ignoriert oder zumindest bedauert. Und deshalb ist es sehr gut, dass Michela Marzano sich diesem Thema systematisch nähert. Ihre Analyse ist auch streckenweise sehr lesenswert, vor allem dann, wenn sie sich kritisch mit dieser Philosophietradition auseinandersetzt. Berührend zu lesen sind auch die Kapitel, in denen es um körperliche Qualen als Strategie zur Entmenschlichung von Opfern geht, am Beispiel der NS-Konzentrationslager oder der Philosophie de Sades.

An den Punkten jedoch, wo sie sich der Frage stellt, was eine „Philosophie des Körpers“ angesichts aktueller Technologien und Diskurse bedeuten würde, wird ihre Argumentation eher schwach. Die Frage nach der Körperlichkeit stellt sich ja heute neu, wo es durch chirurgische Eingriffe oder andere Technologien möglich geworden ist, Körper auf eine Weise zu verändern, wie das früher unvorstellbar war. Die „alten Philosophen“ hatten ja „nur“ die Frage zu klären, wie der Mensch damit zurechtkommen soll, nun mal mit diesem oder jenem Körper gesegnet oder gestraft zu sein (denn „tun“ konnte man früher nicht allzu viel). Heute hingegen geht es zusätzlich auch um die Frage, wie der Mensch den eigenen Leib technologisch gestalten soll oder nicht.

Marzanos Antwort lässt sich im Prinzip zusammenfassen als: Sowas soll man lieber nicht machen. Sie vermutet in jedem Wunsch, Körper zu verändern, eine Spätwirkung jenes Dualismus, den sie zuvor kritisiert hat. Wer den eigenen Körper verändert, so ihre These, verhält sich wie das „Geist-Subjekt“ der alten Philosophen, das den Körper nicht als Teil des Selbst begreift, sondern als Objekt, das nach Belieben gestaltet werden kann.

Die Beispiele, an denen sie das verdeutlicht, sind: Eine Künstlerin, die den eigenen operativ veränderten Körper als Kunstwerk begreift, die Queer-Theorie, die das biologische Geschlecht als konstruiert versteht, Transsexualität, also die Vorstellung, der eigene Körper könne „falsch“ sein, und schließlich „das Internet“, wo sich Menschen mit virtuellen Avataren ausstatten bzw. die Cyborg-Idee der Verschmelzung von Mensch und Maschine.

Aber sind diese neuen Annäherungen an Körperlichkeit wirklich nur Nachfolger des alten Körper-Geist-Dualismus? Lassen sich diese Phänomene nur interpretieren als erneuten Versuch, das „Ich“ vom Körper zu trennen und der Materie hierarisch überzuordnen, indem der Körper als falsch, manipulierbar und als zu gestaltendes „Ding“ betrachtet wird?

Ich denke, dass Marzano durchaus einen wunden Punkt trifft, denn eine solche „dualistische“ Sichtweise (nach dem Motto „Ich bin eine freier Mensch und kann deshalb mit meinem Körper machen, was ich will“) kommt in allen angesprochenen Diskursen tatsächlich zuweilen vor. Es gibt Menschen, die ein „frei wählbares“ Geschlecht propagieren, wobei der lästige Geburtskörper eben nicht in die Quere zu kommen hat, und es gibt Internet-Theoretiker, die von der Entkörperlichung des Users träumen, damit der endlich in den Weiten des Virtuellen aufgehen kann, ohne sich lästigerweise zwischendurch noch Pizza ordern zu müssen. Und natürlich gibt es im Zusammenhang mit Cyborgs immer auch wieder den (in zahllosen Science Fictions ausgearbeiteten) Traum, durch technische Modifikationen den Limitationen und der Endlichkeit des menschlichen Körpers zu entkommen.

Die Frage ist nur: Ist das das Wesentliche an diesen Diskursen? Oder ist das nur die Erscheinung, die sie annehmen, wenn man sie oberflächlich betrachtet – nämlich selbst noch von der Folie des alten Körper-Geist-Dualismus ausgehend? Wobei der Denkfehler sowohl auf Seiten der Kritiker_innen als auch der Verfechter_innen von Körpermodifizierungen liegen kann.

Ich jedenfalls lese in diesen Diskursen (auch) etwas anderes. Wenn eine Künstlerin sich selbst in ihrer Körperlichkeit als Kunstwerk inszeniert, ist das nicht gerade ein Ausdruck dessen, dass sie sich der Körperlichkeit ihres Ichs bewusst ist? Ist nicht der querschnittsgelähmte Mann, der als kraftgestählter Avatar im Internet unterwegs ist, sich der eigenen Körperlichkeit vielleicht bewusster als viele Gesunde? Ist der Wunsch einer Transsexuellen nach operativen Veränderungen ihres Körpers nicht gerade ein Ausdruck davon, dass sie um die grundlegende Bedeutung des Körpers für das Ich weiß?

Zu sagen, der Wunsch nach operativen Veränderungen des Körpers seien ein Resultat des alten Körper-Geist-Dualismus ist, halte ich für verkürzt. Das kann sein (bei vielen konventionellen Schönheitsoperationen ist das sicher so), aber es muss nicht so sein. Die Idee, es gäbe einen „natürlichen“, „intakten“, „unveränderten“ menschlichen Körper ist ja genauso falsch wie die Idee, der Körper sei dem Willen vollkommen unterworfen.

Die Frage ist nicht, ob wir die eigene körperliche Existenzform mit Hilfe von Technologien verändern, sondern wie, und von welchen Bildern und symbolischen Vorstellungen wir dabei ausgehen. Gerade das Wissen darum, dass die eigene Existenz immer nur eine körperliche Existenz ist, kann Ursache für den Wunsch sein, sich auch über den Körper auszudrücken, den Körper ebenso zu formen und „weiterzubilden“, wie wir (hoffentlich) unseren Geist weiterbilden.

Das, was nach der Kritik an den „alten Philosophen“ mit ihrem Körper-Geist-Dualismus neu zu lernen wäre, ist nicht eine prinzipielle Skepsis gegen eine von subjektiven Wünschen geleitete Gestaltung von Körpern, sondern eine bewusste und differenzierte kulturelle Praxis, die die Art und Weise von Körpergestaltung kritisch reflektiert. Was heißt es, das eigene „Körpersein des Ichs“ verantwortlich zu gestalten?

Dazu gehört wohl ebenso der Rat, den Körper nicht zu vernachlässigen oder für unwichtig zu halten, als auch der Rat, den Körper nicht zu überhöhen und das eigene Glück davon abhängig zu machen, dass dieser Körper möglichst optimal beschaffen ist. Und vor allem ist es wichtig, realistisch zu bleiben: Denn egal wie sehr wir den eigenen Körper auch mit Hilfe von medizinischer Technik modifizieren und transformieren mögen – dem Umstand, dass wir körperliche Wesen sind, also sterblich, verletzlich, bedürftig und untrennbar ein Teil der materiellen Welt, werden wir niemals entkommen können.

Michela Marzano: Philosophie des Körpers. Diederichs, München 2013,  14,99 Euro

Zum Eintrag „Körper“ im ABC des guten Lebens

Kleiner Versuch, den Atheismus zu verstehen

Nachdem mein Buch “Frankfurter Antworten auf die Gretchenfrage” herausgekommen war, kam die Frage auf, warum ich nicht auch jemanden aus dem Bereich Atheismus interviewt habe. Dafür gibt es Gründe, trotzdem interessiert mich das Thema, und ich würde dem gerne nachgehen.

Erste Rechercheversuche ergeben jedoch, dass das ein seeeehr weites Feld ist. Das fängt schon mit der Frage an, ob der Atheismus eine Weltanschauung ist (und insofern überhaupt mit einer Religion vergleichbar) – eine kurze Twitterumfrage, die ich vorhin startete, ergab die überwiegende Antwort: Ja, isser. Allerdings antworteten einige auch: Nein, isser nicht.

Die Antwort, die ich am interessantesten fand, war die von @nineberry, wonach Atheismus ein Oberbegriff über viele verschiedene Weltanschauungen ist (ähnlich wie “Theismus” der Oberbegriff über alle Weltanschauungen, die auf die eine oder andere Weise von “Gott” reden).

Ich habe natürlich alle möglichen Definitionen über den Atheismus gelesen, aber Definitionen interessieren mich bei dem Thema nicht wirklich, ebensowenig wie sie mich bei Religionen interessieren. Sondern mich interessiert die Bedeutung, die der Atheismus konkret für das persönliche Leben einzelner Menschen spielt, wie sie dieses Denken füllen, was ihnen wichtig ist und so weiter.

Deshalb stelle ich hier jetzt einfach mal ein paar Fragen in den Raum, in dem Versuch, dem Phänomen Atheismus irgendwie auf die Spur zu kommen bzw. es überhaupt erst einmal zu einer sinnvollen Fragestellung zu bringen.

Wobei ich diese Fragen speziell an Leute stellen möchte, die von sich selbst sagen würden, dass sie Atheist_innen sind (also zum Beispiel meine ich nicht Agnostiker_innen, die davon ausgehen, dass man die Frage nach Gott weder positiv noch negativ beantworten kann, sondern Leute, für deren Weltanschauung die Überzeugung, dass es Gott NICHT gibt, zentral ist).

Also, hier meine Fragen:

Bezeichnet ihr euch aktiv als “Atheist_in”? Bei welchen Gelegenheiten?

Wie seid ihr zum Atheismus gekommen? Habt Ihr euch aus eigener Initiative dazu entschieden oder haben euch andere dazu angeregt? Wer? War es eine bewusste Entscheidung zu einem bestimmten Zeitpunkt oder eher ein schleichender Prozess?

Sind die Leute in eurem Bekannten-/Freund_innenkreis auch überwiegend atheistisch? Ist das ein Thema im privaten Kontakt?

Welche Rolle spielt bei eurem “Bekenntnis” zum Atheismus die Ablehnung bzw. die Kritik an den “real existierenden” Religionen?

Würdet Ihr sagen, dass Ihr anstelle von “Gott” an etwas anderes “glaubt”? Woran? – Oder haltet Ihr das Konzept des “Glaubens” für prinzipiell problematisch? Warum?

Spielt das atheistisch-Sein in eurem Alltag eine Rolle? Beeinflusst das euer Handeln? Wann/wo zum Beispiel?

Das waren jetzt so ein paar Fragen, die mir dazu eingefallen sind. Vielleicht gibt es ja welche, die Lust zum Antworten haben. Aber ihr könnt natürlich auch andere Punkte in die Kommentare schreiben, die euch zu dem Thema relevant zu sein scheinen! Thanks!

PS: Achja, und Links zu interessanten Blogposts zum Thema wie zum Beispiel diesem sind auch willkommen.

Alles, was ich machen muss, ist nichts kaputt

Keine Ambitionen: Kwai Chang Caine.

Seit der unvergleichliche Kwai Chang Caine (whatever happened to such Männerbildern?) in einer Kung Fu-Folge neulich die Frage „What are your ambitions?“ mit einem schlichten „I have no ambitions“ beantwortete, geht mir das im Kopf herum. Der Weg des Tao. Keine Ambitionen haben. Yeah. Wie schön.

Und welch ein Kontrast zu den heutigen Imperativen Leistung, Effizienz, Motivation, Commitment.

Aber Caine hat recht: Ambitionen sind zu nichts gut. Sie lenken davon ab, was notwendig ist, weil sie immer das Weltverbessern (das natürlich notwendig ist) mit persönlicher Ehre und Ruhm vermengen. Es ist kein Zufall, dass die Weltretter meistens die Katastrophen erst selbst herbeiführen, die sie dann hinterher wieder fixen müssen.

„I have no ambitions“ – das ist auch ein Männer-Frauen-Ding. Den Frauen war es früher ja erlaubt, keine Ambitionen zu haben, es war sogar die ihnen zugeschriebene Rolle. Heute hingegen stehen, Imperativ der Gleichstellung, vor allem sie in der Pflicht, Ambitionen zu haben. Wo kämen wir denn sonst hin mit der Emanzipation.

Die Männer hingegen dürfen manchmal auch faul sein. Das ist dann sozialkritisch. Sie bejubeln gerne in rhythmischen Abständen das olle Buch „Recht auf Faulheit“. Aber Faulheit ist nur die andere Seite der Medaille. Es ist NICHT das Gegenteil von Ambitioniertsein. Bei beidem steht nämlich das Ego im Zentrum des Handelns (oder Nicht-Handelns), nicht die Welt und ihre Notwendigkeiten.

Ich bin leider oft auch faul und ambitioniert, eben ein Kind meiner Zeit. Aber ich glaube, Kwai Chang Caine, Simone Weil und die anderen Mystiker_innen, die das seit Jahrhunderten predigen, haben Recht: Es ist ein Fehler.

Momentan mache ich jedenfalls gute Erfahrungen damit, mir jedesmal, wenn ich wieder etwas unglaublich Wichtiges zu tun vorhabe, sage: „I have no ambitions.“ Das ist wie eine Befreiung im Geist. Und eine echte Erleichterung. Denn mir wird klar:

Alles, was ich machen muss, ist nichts kaputt.

Macht und Politik sind nicht dasselbe

So, das Buch ist da, yippie: “Macht und Politik sind nicht dasselbe”, die neueste Sammlung der Philosophinnengemeinschaft Diotima aus Verona, die ich zusammen mit Dorothee Markert übersetzt habe. Das Projekt hat mich den ganzen letzten Herbst und Winter auf Trab gehalten, jetzt kann es endlich raus in die Welt.

Finanziert hat das Ganze die Erika Wisselinck-Stiftung – tausend Dank dafür. Erschienen ist es im Ulrike Helmer-Verlag, kosten tut es 19,95 Euro, und hier ist der Trailer. Have fun and share!

Nähere Informationen dazu stehen hier. Die Buchpräsentation ist kommenden Mittwoch in München, weitere Termine, die bisher feststehen, sind Laatzen, Frankfurt am Main und Wetzlar. Näheres in meinem Terminkalender.

Positiv überrascht. Überlegungen zur repräsentativen Demokratie

Saulus, treuer Repräsentant der Staatsmacht, hat eine Erleuchtung, fällt vom Pferd, und wird zum Paulus. Hier gemalt von Caravaggio. Das Bild hängt in der Kirche St. Maria del Popolo in Rom und ist im Original noch viel schöner.

Ich habe bekanntlich kein emphatisches Verhältnis zur repräsentativen Demokratie. Von meiner politischen Überzeugung her bin ich eher Anarchistin, und außerdem kann ich nicht von dem Gedanken absehen, dass die repräsentative Demokratie (wie auch die Demokratie als politischer Gedanke generell) von Männern für Männer erfunden wurde unter explizitem Ausschluss der Frauen, also von mir und meinesgleichen – eine Tatsache, mit der mich auch alle Einladungen zur Mitmachen, die meistens nichts anderes sind als Erlaubnisse zur Assimilation, nicht versöhnen.

Andererseits habe ich genauso wenig ein emphatisches Verhältnis zur Revolution. Die „linken“ Kritiken an der repräsentativen Demokratie erscheinen mir um keinen Deut attraktiver. Auch sie betreffen mich irgendwie nicht.

Dieses Verhältnis zwischen mir und dem „System“ habe ich lange Zeit nicht gut formulieren können. Es ist nicht Desinteresse, denn die politischen Geschehnisse um mich herum lassen mich keineswegs kalt. Es ist auch nicht Autonomie, denn die Geschehnisse betreffen mich ja selbst ganz direkt, und ich mische mich auch immer wieder persönlich in sie ein.

Einen recht guten Begriff habe ich kürzlich bei Luisa Muraro gefunden, die von „symbolischer Unabhängigkeit“ spricht (in ihrem Einleitungskapitel zu dem Diotima-Buch „Macht und Politik sind nicht dasselbe“). Sie beschreibt diese Haltung anhand des Römerbriefs von Paulus, wo steht: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat … Seid stets darauf bedacht und gebt allen, wozu ihr verpflichtet seid: Wem ihr Abgaben zahlen müsst, zahlt Abgaben. Wem ihr Zoll zahlen müsst, zahlt Zoll. Wen ihr fürchten müsst, fürchtet. Wen ihr achten müsst, achtet. Dann seid ihr niemandem etwas schuldig – außer einander zu lieben. Denn wer andere liebt, hat die Tora erfüllt.“

Als ich kürzlich Muraros Vorschlag folgte und diesen Text noch einmal so las, als wäre es das erste Mal, stellte ich fest, dass er ziemlich genau mein Verhältnis zu Staat und Demokratie beschreibt: Ich halte mich an die Regeln, aber das war’s auch. Ich bleibe niemandem etwas schuldig, aber meine Beteiligung ist ohne innerliche, symbolische Verbundenheit. Ich erwarte nichts von der „Obrigkeit“, nicht die Garantie meiner Freiheit, nicht die gute Organisation der Welt. Ich stelle keine Forderungen an die Machthaber, ich verteidige diese Ordnung nicht, sondern eher schaue ich zu, was sie so macht. Das wahre Gesetz, das, woran mir etwas liegt, ist etwas anderes (das mit „Liebe“ etwas schwammig umschrieben ist, aber es kommt schon irgendwie hin. Man könnte es auch „Politik der Beziehungen“ nennen).

Bei diesem Zuschauen und Beobachten habe ich in letzter Zeit wiederholt festgestellt, dass mich die repräsentative Demokratie durchaus positiv überraschen kann. Und ich habe den Eindruck, dass sie zurzeit in Deutschland eher besser als schlechter funktioniert, zumindest besser als in den meisten anderen europäischen Ländern.

In den vergangenen Monaten war ich bei politischen Tagungen in Italien (wo ich über „Die Politik von Frauen an der Macht in Deutschland“ gesprochen habe) und in Österreich, und stellte fest, dass viele politisch interessierte Menschen dort die Ereignisse hierzulande mit Respekt und einer Spur Neid verfolgen. Diese Spiegelung von außen hat mich dazu gebracht, die politische Landschaft in Deutschland noch einmal mit anderen Augen zu betrachten. Und bei aller grundsätzlichen Skepsis muss man doch sagen, dass der nach 1968 ausgerufene „Marsch durch die Institutionen“ nicht ganz wirkungslos geblieben ist.

Einen maßgeblichen Anteil daran hat sicher auch die von vielen Frauen voran getriebene „Gleichstellungspolitik“ (auch wenn das ein schlechtes Label ist), also die vielen engagierten Frauen, die sich seit den 1970er Jahren dafür einsetzen, weibliche Differenz in den traditionell männlichen Institutionen einzubringen, und deren Folge unter anderem auch die „uneitle und pragmatische“ Politik vieler deutscher Spitzenpolitikerinnen ist, die Ulrike Winkelmann in der taz neulich treffend analysiert hat.

Eine weitere dieser positiven Überraschungen ist ganz unbestreitbar der Erfolg der Piratenpartei. Er hat gezeigt, dass es unsere politischen Verfahren und Systeme tatsächlich ermöglichen, die Unzufriedenheit großer Bevölkerungsgruppen nicht bloß außerhalb, sondern auch innerhalb der von diesem System vorgegebenen Formen – nämlich als Partei – zu formieren, und zwar effektiv und schnell. Auch dies ist, zumindest bisher, in Deutschland ziemlich einzigartig, geradezu vorbildhaft und lehrbuchmäßig.

Man sollte also meinen, dass diejenigen, die die repräsentative Demokratie (anders als ich) mit Verve und innerer Überzeugung verteidigen, nun Jubelsprünge machen würden. Dass sie gegenüber Skeptikerinnen wie mir sagen würden: Seht her, wir funktionieren, und zwar gut! Dass sie diese Anzeichen für Lebendigkeit und Erneuerungsfähigkeit hervorheben, dass sie damit werben, dass sie sie feiern.

Aber was passiert stattdessen? Mir werden Nachrichten in den Feedreader gespült wie die über den SPD-Politiker Björn Böhning, der doch tatsächlich die Ansicht vertritt, der Erfolg der Piratenpartei sei eine Gefahr für die repräsentative Demokratie. Warum, habe ich aus seiner Argumentation heraus nicht verstanden, aber die These ist ohnehin so absurd, dass man darüber nur den Kopf schütteln kann.

Und schon hat das kurze Aufflackern von Interesse in mir wieder einen Dämpfer bekommen. Ich wundere mich, schreibe einen Blogpost, und gehe wieder in Beobachterinnenstellung.

Freiheit in Bezogenheit. Eine Auseinandersetzung mit Joachim Gauck und Co.

Joachim Gauck nennt sich – im Vorwort zu seinem gerade veröffentlichten Essay – einen „Liebhaber der Freiheit“. Als Betreiberin eines Blogs, der sich „Aus Liebe zur Freiheit“ nennt, musste ich den natürlich lesen.

Noch mehr Ähnlichkeiten in seiner und meiner Wortwahl zeigten sich dann während der Lektüre. So schreibt Gauck ganz explizit von „Freiheit in Bezogenheit“ – eine Formulierung, die einige politische Denkfreundinnen und ich in einem 2009 erschienenen Buch gewählt haben, dessen Titel lautet: „Sich in Beziehung setzen. Für eine Weltsicht der Freiheit in Bezogenheit“.

Ob Gauck seine Wortwahl von uns hat oder ob es sich hier um eine bloße Koinzidenz handelt, weiß ich nicht (allerdings ist unser Buch in evangelischen Kreisen, zumindest unter Frauen, recht breit rezipiert worden). Aber das ist auch nicht so wichtig, für gute Ideen gibt es ja kein Copyright, und je weiter sie sich verbreiten, umso besser.

Leider aber versteht Gauck den Begriff völlig anders als wir. Sein Aufgreifen des (letztlich schon auf Hannah Arendts Diktum vom „Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten” zurückgehenden) Gedankens, dass Freiheit nicht nur Unabhängigkeit bedeutet, sondern erst in Beziehungen zum Ausdruck kommt, verhungert sozusagen auf halber Strecke. Es bleibt auf der Ebene einer Binsenweisheit.

Gauck beschreibt zwei Arten von Freiheit: Die „jugendliche“, revolutionäre Freiheit, die vor allem auf Autonomie und Unabhängigkeit setzt, also „Freiheit von etwas“ ist. Und dann die „erwachsene“, Verantwortung übernehmende Freiheit, die die Welt gestaltet, also „Freiheit zu etwas“ ist. Damit umreißt er im Wesentlichen den Konsens, den die westeuropäische männliche Philosophie seit langem tradiert. Freiheit wird dabei aus der Perspektive des erwachsenen, mündigen, gesunden Mannes gedacht (der heute, in emanzipierten Zeiten, freilich auch eine Frau sein darf).

Freiheit ist dabei ein Objekt des männlichen Begehrens, dem sich verschiedene Männer auf durchaus unterschiedliche Weise nähern: Der Engländer liebt die Freiheit „wie sein rechtmäßiges Weib“, der Franzose „wie seine erwählte Braut“ und der Deutsche „wie seine Großmutter“ – wie es der wortgewaltige Heinrich Heine einmal formuliert hat, der von Gauck wieder herangezogen wird.

Und – Bezogenheitsdenken hin oder her – auch Gauck macht wieder die alten Gegenüberstellungen auf zwischen „freiheitsliebenden“ Bürgern einerseits und „Besitzstandswahrern“, denen ihre materielle Sicherheit wichtiger ist als die Freiheit, andererseits.

Unter „Bezogenheit“ versteht Gauck nämlich nichts anderes, als die Integration von Verantwortung in das autonome Freiheitsstreben. Damit zelebriert er erneut den klassischen patriarchalen Kampf zwischen Vätern und Söhnen: Während letztere sich gegen jeden Zwang und jede Fremdbestimmung wehren, will Gauck die Freiheit (eben unter dem Stichwort „Bezogenheit“) nicht mehr individuell-egoistisch, sondern pragmatisch-realitätsbezogen sehen unter der Formel: „Wenn ich für andere sorge, bin ich erst so richtig frei“.

Dass er sich damit explizit von den Linken distanziert, wurde in den letzten Tagen von verschiedenen Seiten heftig kritisiert, aber natürlich kriegt diese Art der Argumention von linker Seite auch immer wieder neues Futter. Zum Beispiel wenn Denker wie der von vielen unter ihnen quasi als Popstar verehrte Philosoph Slavoj Zizek Sachen schreiben wie: Wer wirklich revolutionär sein will, muss Frau und Kind letztlich erschießen, um nicht mehr erpressbar zu sein.

Für mich und viele politisch denkende Frauen, die ich kenne, ist dieser altbackene Streit zwischen revoluzzenden Söhnen und verantwortungsschweren Vätern schon lange langweilig geworden. Worum es uns geht, das ist die Einsicht in die eigene Bedürftigkeit, die eigene Abhängigkeit. Denn nur wer diesen Standort einnimmt, wird die Fülle der wahren Freiheit entdecken, die das „Bezugsgewebe der menschlichen Angelegenheiten“ bereithält. Und kann sich dann von dem krampfhaften Streben nach Autonomie und Eigenverantwortung verabschieden, das prinzipiell unerreichbar ist, weil es sich lediglich um eine patriarchale Illusion, ein Wolkenkuckucksheim handelt.

Wir haben in unserem Buch vorgeschlagen, Freiheit überhaupt nicht mehr von der Autonomie her zu denken (sei sie nun mit Verantwortung für andere verknüpft oder nicht), sondern im Gegenteil von der eigenen Bedürftigkeit her. Bedürftigkeit und Abhängigkeit sind nämlich nicht menschliche Besonderheiten, die von der „normalen“ Autonomie abweichen und daher mit Freiheit tendenziell in Konflikt stehen. Sondern sie sind im Gegenteil die Voraussetzungen für Freiheit: Frei sein können wir, weil wir von anderen bereits Fürsorge und Zuwendung bekommen haben.

Mehr Männern als Frauen fällt dieser Paradigmenwechsel schwer. Die meisten Befürworter des Grundeinkommens argumentieren zum Beispiel damit, dass Sozialleistungen vom „Stigma der Fürsorge“ befreit werden sollen. Genau das Gegenteil ist notwendig!

Und auch Gauck zeigt nun: Selbst wenn Männer die Formel „Freiheit in Bezogenheit“ aufgreifen, bedeutet das noch lange nicht, dass sie sich von dem alten Autonomiegedanken verabschiedet haben. Irgendwo scheint es eine Barriere zu geben, die es ihnen (und manchen „emanzipierten“ Frauen vermutlich ebenso) schwer macht, die eigene Bedürftigkeit anzuerkennen und sie in ihr Freiheitskonzept integrieren.

Offensichtlich ist es durchaus möglich, „Bezogenheit“ zu sagen und trotzdem weiterhin die Perspektive des großen Zampanos beizubehalten, der für andere etwas tut. Worauf es aber ankäme wäre, zu verstehen (und in die politische Reflektion über Freiheit einzubeziehen), dass andere immer schon etwas für mich getan haben, bevor ich selber frei sein kann. Und dass ich diese Abhängigkeit mein Leben lang nicht loswerde.

Joachim Gauck: Freiheit. Ein Plädoyer. Kösel 2012.