Verantwortlichkeiten II

Da ich schon mal beim Nachdenken bin über das, was politische Verantwortung bedeutet, hier noch ein anderer Punkt. Ich bekomme öfter mal Mails oder Kommentare, in denen sowas steht wie „Der Feminismus müsste mal das und das tun“. Dabei frage ich mich dann natürlich immer, wer dieser „Der Feminismus“ eigentlich sein soll. Die naheliegende Antwort auf so was ist wohl: Wenn das und das deiner Meinung nach getan werden muss – ja, warum tust du es dann nicht?

In gewisser Weise sind solche Anregungen eine netter formulierte Unterform der beliebten Argumentationsfigur: „Wenn der Feminismus nur dieses oder jenes (nicht) tun würde, dann wäre er besser, dann würde ich mich vielleicht auch Feministin nennen, dann wäre ich nicht mehr dagegen“ usw. Darin spiegelt sich die merkwürdige Haltung wider, Politik in der Logik von Werbung und Verkaufen zu interpretieren. „Wenn der Feminismus so und so (nicht) wäre, dann würde ich ihn vielleicht kaufen, dann könntet Ihr mich als Kund_in gewinnen.“

Und tatsächlich ist das ja nur ein Spiegel davon, wie sich der Raum des Politischen seit längerem tatsächlich präsentiert – das Phänomen lässt sich durchaus auf andere politische Bewegungen übertragen. Parteien oder politische Bewegungen stehen quasi wie auf dem Verkaufsregal, und wer die eingängigsten Versprechen oder auch nur die hübscheren Gesichter und die knalligsten Slogans hat, wird gewählt. Und wer nicht gewählt wird, hat sich wahrscheinlich nicht gut genug „vermarktet“.

Allerdings ist es doch eigentlich so: Wenn ich zum Beispiel der Ansicht bin, dass mit dem Verhältnis der Geschlechter so manches im Argen liegt, dann muss ich halt etwas tun, um die Dinge zu verbessern, also „Feministin werden“ (ob man das dann so nennt oder nicht). Auch wenn mir das, was andere Feministinnen tun, vielleicht nicht vollumfänglich zusagt. Oder eigentlich, gerade wenn mir das, was andere Feministinnen tun, nicht vollumfänglich zusagt.

Jedenfalls kann ich mich nicht drauf herausreden, dass ich mich ja prinzipiell für das Thema engagieren würde, aber es mir der aktuelle Stand des Feminismus leider unmöglich macht. „Wenn Ihr euch so abschreckend verhaltet, dann müsst ihr euch nicht wundern, wenn so viele Leute mit dem Feminismus nichts anfangen können.“ Doch, wir wundern uns. Denn wir haben keinen Joghurt zu verkaufen, wir machen Politik.

Für das eigene politische Handeln (oder Unterlassen) ist jeder und jede selbst verantwortlich. Und wer ungerechte Verhältnisse hinnimmt, ohne sich zu engagieren, soll doch bitte einfach zu dieser Ignoranz stehen – und nicht anderen dafür die Verantwortung zuschieben.

 

Verantwortlichkeiten

Ich möchte euch ein schönes Portrait über die feministische Theologin Amina Wadud empfehlen, die muslimische Frauen auffordert, der patriarchalen Interpretation des Islam deutlicher zu widersprechen. „We let patriarchy to take over“ kritisiert sie, das heißt, sie richtet sich mit ihrem Appell nicht an „die anderen“ (die Männer, das Patriarchat, die Typen vom Islamischen Staat) sondern an „uns“ – in diesem Fall die muslimischen Frauen – und fordert sie auf, Verantwortung für die Art und Weise zu übernehmen, wie sich der Islam derzeit entwickelt.

Ich poste das hier auch deshalb, weil mich einige Reaktionen auf meinen Blogpost zum Thema Rape Culture doch verwundert haben. Dort schrieb ich unter Bezug auf die Arbeiten von Mithu M. Sanyal, Frauen seien „mit der Art und Weise, wie sie Geschlecht ‚performen‘ auch selbst aktive Mitwirkende an dem, was heute unter dem Oberbegriff Rape Culture, also Vergewaltigungskultur zusammengefasst wird.“ Das wurde kritisiert mit dem Argument, damit würde ich Vergewaltigungsopfern eine Mitschuld zuweisen, also letztlich Victim Blaming betreiben.

Es ist meines Erachtens ein echtes Problem bei vielen deutschen politischen Debatten, dass alles quasi innerhalb von Nanosekunden auf die Schuldfrage zugespitzt wird. Über Politik, so scheint es mir manchmal, können wir gar nicht anders als moralisch sprechen, also immer vor dem Hintergrund der Frage, wo Gut und Böse jeweils liegen und wer in den Himmel kommt und wer in die Hölle.

Es geht aber bei politischen Debatten nicht um moralische Schuld, sondern um Verantwortung. Gerade in Deutschland sollten wir angesichts der Notwendigkeit, den Nationalsozialismus aufzuarbeiten, eigentlich inzwischen gelernt haben, zwischen beidem einen Unterschied zu machen. Nicht persönlich an etwas „schuld“ zu sein, enthebt niemanden der Verantwortung.

Selbstverständlich ist keine Frau, die vergewaltigt wird, in irgendeiner Weise selbst daran „schuld“. Schuld ist immer zu 100 Prozent der Täter. Das festzustellen bedeutet aber nicht, dass Frauen in Bezug auf Vergewaltigungskultur generell keine Verantwortung tragen würden, dass es also für sie unmöglich wäre, diesbezüglich eine aktive Rolle einzunehmen. Und immer, wenn es jemandem möglich ist, aktiv etwas zu tun, lässt sich auch sinnvollerweise darüber diskutieren, ob das, was jemand tut, richtig oder falsch, sinnvoll oder sinnlos ist.

Frauen, die ihren Töchtern beibringen, sie müssten erstmal „Nein“ sagen, um sich bei Männer interessanter zu machen; Frauen, die sich sexualisiert aufbretzeln, nicht weil es ihnen so gefällt, sondern weil sie meinen, sie müssten das tun, um anerkannt zu sein; Frauen, die schweigend zuschauen, wie andere Frauen von Männern belästigt werden; Frauen, die als Mitarbeiterinnen von Werbeagenturen Kampagnen mit objektivizierten Frauenkörpern mittragen und so weiter und so weiter – sie alle aktiv zur Stabilisierung von Vergewaltigungskultur bei. Die Beispiele ließen sich natürlich vervielfachen.

Aber auch das festzustellen bedeutet nicht, dass alle Frauen, die sich so verhalten, auch in einem moralischen Sinne schuldig sind. Möglicherweise haben sie ja gute Gründe, die ihr Verhalten rechtfertigen. Oder sie befinden sich in einer Situation, in der sie keine anderen Möglichkeiten haben. Oder sie haben noch nie über das Thema nachgedacht. Es gibt hundert Gründe, die ihr Verhalten erklären, viele davon sind struktureller Natur und damit in der Logik individueller Schuld nicht hinreichend zu erfassen.

Die Frage nach der moralischen Schuld lässt sich sowieso immer nur im Einzelfall beantworten, niemals pauschal. Kriterium dafür ist, ob eine Person im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Richtige tut oder nicht. Normalerweise können das Außenstehende gar nicht beurteilen (weshalb ich es sinnvoll finde, dass in religiösen Kontexten diese Entscheidung „Gott“ überlassen wird, aber das nur nebenbei. Die Eliminierung der Kategorie „Gott“ aus dem politischen Diskurs ist meiner Meinung nach einer der Gründe für diese ständige Vermengung von moralischer Schuld und politischer Verantwortung).

Auch wenn wir uns also zurückhalten müssen, eine anderen Person im Einzelfall als moralisch schuldig zu verurteilen, weil wir die jeweiligen Umstände höchstwahrscheinlich nicht vollständig erfassen, so können wir uns aber durchaus mit solchen ethischen Fragen auf einer politischen Ebene auseinandersetzen. Dabei geht es aber eben nicht um Moral und Schuld, sondern um Verantwortlichkeit. Nicht nur die „Täter“ und „Mächtigen“ sind für ihr Handeln verantwortlich, nicht nur sie haben Handlungsspielräume – zum Glück, denn es ist keine aussichtsreiche politische Strategie, bloß Forderungen an „die da oben“ zu stellen. „Die da oben“ werden unseren Forderungen nicht nachkommen. Der politische Wandel geht, wenn überhaupt, dann von uns selber aus. Die interessante Frage ist deshalb: Was wollen_können_sollen wir tun? Und nicht: Was sollen wir von „denen da“ fordern?

„Niemand hat das Recht, zu gehorchen“, sagte Hannah Arendt. Ihre Kritik an den „Judenräten“, die als jüdische Autoritäten die Nazis bei der Organisation des Lebens in den Ghettos unterstützten (mit besten Absichten), hat ihr von jüdischer Seite ebenfalls den Vorwurf des „Victim Blaming“ eingebracht. Der Hinweis darauf, dass es kein Recht zu Gehorchen gibt, dass es also nicht erlaubt ist, den eigenen Konformismus damit zu rechtfertigen, dass irgendwelche Autoritäten das verlangt oder so vorgeschrieben haben, ist aber gerade auch für den Feminismus wichtig. Denn viele Frauen nutzen ihre Handlungsmöglichkeiten aufgrund von zu viel „Gehorsam“ nicht aus, sie scheuen Konflikte, legen Wert auf männliche Anerkennung, fokussieren sich ausschließlich auf ihr Privatleben und so weiter. Das lässt sich auf einer generellen Ebene durchaus als Problem feststellen, auch wenn es auf einer moralischen Ebene nicht möglich ist, in einem konkreten Fall von außen zu entscheiden, welche Handlungsmöglichkeiten eine konkrete Frau nun tatsächlich hat oder nicht.

Feminismus ist jedenfalls umso wirkungsvoller und interessanter, je mehr wir uns nicht in einer Politik der Forderungen verlaufen, sondern uns selbst und andere Frauen dazu anregen, etwas Sinnvolles zu tun. Wenn wir Praktiken erfinden, die uns (und vielleicht auch anderen) dabei helfen, angesichts der Verhältnisse verantwortlich zu handeln und uns für das einsetzen, was wir für richtig halten. Zum Beispiel indem wir uns darüber austauschen, welches Handeln Erfolg hat und was nicht und so weiter. Indem wir also gerade nicht moralische Anforderungen an uns selbst oder gar an andere Frauen stellen, sondern durch eine realistische Betrachtungsweise die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass jede im Rahmen ihrer Möglichkeiten tut, was sie kann. Dafür ist es ja gerade nötig, dass wir ernst nehmen, was Frauen daran hindert. Und es ist unabdingbar, nicht ständig in jedem Vorschlag zum politischen Handeln gleich einen moralischen Druck zu sehen, was natürlich nur zu reflexhafter Ablehnung führt (in der Regel eine Begleiterscheinung von schlechtem Gewissen). Es geht im Feminismus darum, Wege zu finden, wie wir die Möglichkeiten und Handlungsoptionen von Frauen erweitern können. Moral hilft uns dabei nicht, aber Realismus.

Denn niemand hat überhaupt keine Handlungsmöglichkeiten. Und genau das ist der Hebel für politische Transformationen. Veränderung hin zu einer freiheitlicheren Welt ist nur möglich, wenn die betroffenen Akteur_innen selbst etwas bewegen; Veränderung wird nie „von oben“ ausgehen.

Das ist im Übrigen kein Aufruf zu Aktionismus. Wir wissen ja längst, dass zu viel Aktivismus oft genauso schädlich für eine positive Transformation ist wie zu wenig. „Nicht Handeln“, wie Simone Weil es nannte, ist oft besser, als falsch zu Handeln, und falsches Handeln aus guten und ehrenwerten Motiven kann ebenso viel Schaden anrichten wie unterlassenes Handeln.

Aber dass Menschen, die Opfer von ungerechten Verhältnissen sind, keine Schuld an ihrer Lage haben, bedeutet nicht, dass sie innerhalb dieser Verhältnisse keine politische Verantwortung trügen und keinerlei Handlungsoptionen hätten. Dass sie sich realistisch und ohne moralischen Impetus untereinander über diese Optionen und die eigenen Verantwortlichkeiten austauschen und sich über ihre Möglichkeiten klarwerden, ist aus meiner Sicht der entscheidende Hebel für feministisches (und vermutlich auch anderes) Engagement.

Was das alles kostet. Was das alles einbringt.

Gerade ist ein bisschen Aufregung in meiner Ecke des Internets, weil irgend so ein Ökonom ausgerechnet haben will, dass die Migration in Deutschland mehr kostet als sie einbringt. Während doch erst kürzlich ein paar andere Ökonomen ausgerechnet haben, dass die Migration für Deutschland ein richtiger Reibach ist.

Mir gehen solche Rechnungen auf die Nerven. Was ist das denn für eine Kultur, die gesellschaftliche Phänomene danach beurteilt, was unterm Strich dabei rumkommt?

Ich finde es falsch, politische Vorschläge mit Profit-Argumenten zu begründen. Nicht nur weil der Schuss, wie in diesem Fall, gerne mal nach hinten losgeht, weil ich, wenn ich meine politische Haltung damit begründe, dass sie unterm Strich was einbringt, in Erklärungsnot komme, sobald mir jemand vorrechnen kann, dass sie mich was kostet.

Migration ist ja nicht das einzige Thema, bei dem solche Kalkulationen aufgestellt werden. Auch bei ökologischen Fragen wird gerne vorgerechnet, was das volkswirtschaftlich kostet, so einen Regenwald abzuholzen oder die Folgen eines Atomkraftwerkunfalls zu bezahlen. Im Feminismus sind solche Argumente auch sehr beliebt: Unternehmen mit mehr Frauen in der Führung sind ja nachweislich profitabler, nicht wahr.

Ich will ja nicht altmodisch erscheinen, aber ich finde schon, dass die Frage danach, was gut und schlecht, was richtig und falsch ist, ein bisschen substanzieller begründet werden sollte.

Es ist falsch, Atomkraftwerke zu betreiben und Regenwälder abzuholzen, weil damit der Ökohaushalt der Erde nachhaltig geschädigt wird. Es ist richtig, darauf zu verzichten, selbst wenn uns das was kostet. Es ist richtig, gesellschaftliche Machtpositionen nicht nur einer bestimmten demografischen Gruppe, nämlich weißen Männern, vorzubehalten, denn Demokratie bedeutet, dass alle mitbestimmen können. Deshalb sollten wir diese Positionen auch dann diversivizieren, wenn das den Profit eventuell verringern würde. Und es ist richtig, Migration zu fördern, weil die Menschen, die hierher kommen, gute Gründe dafür haben, und wir in einer globalisierten Welt kein Recht darauf, uns mit unserem Reichtum von anderen abzuschotten.

Politische Entscheidungen und Positionen müssen politisch begründet werden, nicht ökonomisch. Von daher ist es schnurzpiepegal, was Migration (oder Umweltschutz oder Diversität oder oder oder) kostet oder bringt. Allein, diese Fragen so zu diskutieren, ist schon zutiefst unpolitisch.

Die politisch relevante Frage ist: In was für einer Welt, in was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Welche ethischen Maßstäbe legen wir an uns und andere an? Was, glauben wir, ist ein gutes Leben – eines, das wir auf Kosten anderer führen, oder eines, das für alle Menschen zugänglich ist, die auf dieser Welt leben?

 

Soll_darf man mit Fanatikern reden?

Nach einem halben Jahr Pause haben Benni und ich es heute endlich mal wieder geschafft, zu podcasten. Eine gute Stunde lang diskutierten wir über die Frage, ob man mit Fanatikern wie PEGIDA oder Islamisten reden_diskutieren soll_darf oder nicht. #

Bitte hier entlang zur Episode 15 von “Besondere Umstände”. 

„Kämpfen ohne zu hassen, Auflösen ohne zu zerstören“

Ohnmachts-Erfahrungen gibt es im Bereich des Politischen viele. Oft scheint es, als müssten wir uns damit abfinden, dass es Kriege gibt, dass die Umwelt zerstört wird, die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden, die Geheimdienste uns alle ausspähen und so weiter.

Diese Diagnose, dass Politik zunehmend ohnmächtig erscheint, war bereits Ausgangspunkt für das Buch „Macht und Politik sind nicht dasselbe“, in dem die Autorinnen ausloten, wie eine Politik, die nicht auf instrumentelle Macht setzt, vielleicht aus dieser Ohnmacht herauskommen könnte. Eine von ihnen, Luisa Muraro, wendet sich nun in einem kleinen Büchlein einem weiteren Aspekt zu, und zwar der Frage nach der Gewalt. Angelika Dickmann und Gisela Jürgens haben es unter dem Titel „Stärke und Gewalt“ ins Deutsche übersetzt.

buecher92Den Kerngedanken von „Dio è violent“ (wie der Originaltitel lautet) hat Dorothee Markert in ihrer Rezension so zusammengefasst: „Wenn wir von vornherein und grundsätzlich die Möglichkeit ausschließen, bei unserem Handeln auch einmal die Grenze zur Gewalt zu überschreiten, dann nehmen wir uns selbst Stärke, verzichten auf die volle Kraft, die wir eigentlich zur Verfügung hätten.“ Ich empfehle euch, ihren Artikel ganz zu lesen!

Die Gewaltfrage ist ja für sozialrevolutionäre Bewegungen nichts Neues, aber normalerweise geht es vor allem um Aspekte der Moralität („Darf man Gewalt anwenden oder nicht?“) oder der Effektivität („Nützt Gewalt der guten Sache oder ist sie kontraproduktiv?“).

Muraro hingegen interessiert die Frage der inneren Haltung im Zusammenhang mit der politischen Erzählung des „Gesellschaftsvertrags“, der die Grundlage westlicher Demokratien und Staatsverständnisse ausmacht. Dieser Erzählung zufolge haben die Einzelnen auf ihr Recht der Gewaltanwendung verzichtet und das Gewaltmonopol dem Staat übertragen, weil sie vernünftigerweise eingesehen haben, dass das Leben für alle unterm Strich dann besser ist.

Muraro vertritt nun die Ansicht, dass dieser Gesellschaftsvertrag aufgekündigt wurde, dass diese Erzählung tot ist, dass dieses Prinzip nicht mehr funktioniert, und dass das formale Weiterbestehen dieser Übereinkunft inzwischen mehr Schaden anrichtet als positiv auf das Zusammenleben der Menschen einzuwirken. Und dass es deshalb notwendig ist, die Gewaltfrage wieder auf den Tisch zu bringen. Denn für einen ganz normalen Menschen stelle sich die Situation derzeit so dar:

„Dies ist die wahre Substanz des stillschweigenden und alltäglichen Gesellschaftsvertrags: sich mit den Nächsten zu vertragen, die Gesetze zu berücksichtigen und denen zu vertrauen, die öffentlich Verantwortung übernommen haben. Um im Gegenzug persönliche Würde im Kontext eines vernünftigen und friedlichen sozialen Lebens zuerkannt zu bekommen. Das geht so lange, bis  diese Person erfährt, dass in ihrem Auftrag Flugzeuge losgeschickt werden, die Bomben auf Häuser von ahnungslosen und unschuldigen Menschen werfen, Soldaten Gefangene quälen, Wissenschaftler immer mörderischere Apparate entwickeln, üppige Geschäfte gemacht werden mit dem Verkauf von ausgeklügelten Waffen an Länder, die nicht einmal genug Schulen und Krankenhäuser haben. Als ob das normal oder unausweichlich sei. Der Mensch, von dem ich spreche, kann an diesem Punkt protestieren, schweigen, erkranken. Er kann aber auch etwas anderes machen, das ich als Alternative vorschlage: Er kann seinen stillschweigenden Konsens mit der Ordnung, die das Zusammenleben reguliert, aufkündigen. Und sich in einem inneren Akt, der praktische Konsequenzen haben wird, sagen: Ich mache nicht mehr mit. Ich vertraue den Gesetzen und offiziellen Instanzen nicht mehr, ich hole mir die gesamte Verfügbarkeit über mich und meine Stärke zurück, ich selbst muss sie verwalten, egal wie groß oder klein sie ist, und ich gebe mir die Erlaubnis, sie zu gebrauchen.“ (25f).

Es waren vor allem zwei Ereignisse, die Muraro anregten, über das Thema nachzudenken: Die brutale Polizeigewalt gegen linke Aktivistinnen und Aktivisten beim G-8-Gipfel in Genua im Juni 2001 und die Anschläge in den USA am 11. September desselben Jahres und die darauf folgenden Anti-Terror-Maßnahmen, die – nicht nur in Guantanamo – sämtliche rechtsstaatlichen und völkerrechtlichen Prinzipien, die sich aus dem Gesellschaftsvertrags-Modell ergeben, untergruben. Heute könnte man sicherlich noch die NSA- und Überwachungs-Skandale nennen.

Wie können wir politisch handeln, wenn wir erkennen müssen, dass der Gesellschaftsvertrag, auf den sich moderne Demokratien stützen, nicht mehr gilt? Das ist für Muraro keine pessimistische Frage, denn sie zeigt, dass dieser Gesellschaftsvertrag ohnehin nie real war, sondern immer nur eine Erzählung der Moderne. Speziell für Frauen ist sein nun auch symbolisches Verschwinden umso leichter zu verwinden, als sie ja von Anfang an explizit davon ausgenommen waren: Der Gesellschaftsvertrag schützte immer nur (freie) Männer vor der Gewalt anderer Männer, aber zum Beispiel nicht die Frauen vor der Gewalt ihrer Ehemänner. Vergewaltigung in der Ehe etwa ist ja erst seit kurzem verboten, häusliche Gewalt erst ein politisches Thema, seit die Frauenbewegung in den 1970ern das zur Sprache brachte.

Die erste Einsicht, wenn man die Erzählung vom Gesellschaftsvertrag nicht mehr glaubt, lautet: Politisches Handeln, das wirksam sein will, kann sich nicht darauf verlassen, dass die Staaten, also Polizei, Militär und Gerichte, letztlich dafür zuständig sind, die Dinge zu regeln, und dass es zur Erfüllung staatsbürgerlicher Pflichten also genügt, sich an politischen Prozessen wie etwa Wahlen zu beteiligen. Für „Verschwendung“ hält Muraro daher auch „die Sprache des Protests, der sich an die Regierenden wendet“, und der noch immer einen Großteil politischer Debatten – gerade der Linken und der Feministinnen – ausmacht (wie ein beliebiger Blick auf Twitter zeigt). Aber, so Muraro: „Die Parolen der Entrüstung sind erbärmlich (nicht der Protest, der damit einhergeht). Es fehlt gewiss nicht an Gründen, um sich zu entrüsten, aber es fehlt offensichtlich der Adressat: Es gibt keine politische Autorität mehr, die der Sache gewachsen ist.“ (S. 34)

Die klassische Strategie der Gewaltlosigkeit, die ja teilweise auch radikal staatskritisch ist, funktioniere heute nicht mehr, denn sie braucht ein Ideal, anhand dessen sich die Arroganz der Herrschenden vorführen lässt: Früher war das das Reich Gottes, später das Ideal des Fortschritts, der dafür sorgt, dass es allen immer besser geht. Solange ein solches Ideal wenigstens theoretisch angestrebt wird, lässt es sich auch als Argument gegen Verstöße dagegen verwenden, man kann den Herrschern ihre Gotteslästerlichkeit vorhalten oder den Regierenden ihre Verletzung des Gleichheitsprinzips. Doch inzwischen hat man sich von beidem verabschiedet, es gibt kein Ideal mehr, sondern die offizielle Politik hat dahingehend kapituliert, dass die Reichen und Starken sich das Beste aus der Welt rausholen auf Kosten aller anderen und sieht ihre Aufgabe nur noch darin, den Ablauf dieser Zwangsläufigkeit ein wenig milder zu gestalten. Aber, schreibt Muraro, „die Feststellung, dass wir nicht mehr vom Traum animiert sind, allen werde es besser gehen, ist ein Todesstoß für das Ideal der Gleichheit und die Politik der Rechte. Es gibt eine Gewalt in den Dingen und zwischen den Lebenden, die auf eine Rückkehr des Gesetzes des Stärkeren hindeutet: Darüber müssen wir nachdenken.“ (37)

Wenn aber das Gesetz des Stärkeren zurückkehrt – also die Welt des „Jeder gegen Jeden“, für das der Gesellschaftsvertrag durch die Einhegung individueller Gewalt eine Lösung versprochen hat – dann ist die Frage, wie wir, die wir für eine gerechtere und bessere Welt eintreten möchten, angesichts dieser Situation handeln sollen und können. Gisela Jürgens schreibt im Vorwort zur deutschen Ausgabe: „Deutlich wird stets, dass die einzige Macht, die wir haben, die ist, gegenwärtig zu sein und über die eigene Kraft zu verfügen. Frei über sie zu verfügen, darin liegt die Stärke.“

Dabei müssen wir uns natürlich klar machen, dass es einen fließenden Übergang gibt zwischen konsequentem Einsatz der mir zur Verfügung stehenden Kraft – und Gewalt. Es ist nicht möglich, eine klare Grenze zu ziehen, wie es Theorien der Gewaltfreiheit manchmal behaupten. Der zu suchende Maßstab, schlägt Muraro vor, liegt nicht darin, ob Gewalt angewendet wird oder nicht, sondern darin, ob das eigene Handeln – sei es nun gewaltsam oder nicht – richtig oder gerechtfertigt ist. „Richtig“ bezieht sich auf die angewandten Mittel im Sinne von Wirksamkeit (hat das, was ich tue, tatsächlich positive Auswirkungen oder schädliche?), das „Gerechtfertigt“ bezieht sich darauf, ob die angestrebten Ziele sinnvoll sind. Gesucht ist der Mittelweg zwischen einem zynischen „Der Zweck heiligt die Mittel“ und einem lähmenden „Ich darf nur tun, was gesetzlich erlaubt und gewaltfrei ist“.

Natürlich, und da haben diejenigen Recht, die für prinzipielle Gewaltfreiheit plädieren, ist der Einsatz von Gewalt sehr viel weniger wirksam als immer behauptet wird. Meistens erreicht man damit das Gegenteil von dem, was man wollte, und Nicht-Handeln (im Sinne von nicht Kollaborieren) ist fast immer der effektivere Weg. Die Frage, die Muraro aufwirft, ist aber diejenige, ob das wirklich prinzipiell, also ausnahmslos immer der Fall ist, oder ob es nicht manchmal doch eben Situationen gibt, in denen es anders ist.

Wir sind hier bei der Diskussion über „gerechten Krieg“, die inzwischen diskreditiert ist, weil wir das Mantra „gerechte Kriege gibt es nicht“ gelernt haben – aber leider nur, um uns daran zu gewöhnen, dass nützliche und „unvermeidliche“ Kriege inzwischen an der Tagesordnung sind. Es scheint, als ob niemand mehr die Frage danach, ob ein Krieg „gerecht“ ist, überhaupt stellt, weil Krieg inzwischen schlicht ein Fakt ist so wie Regen.

Muraro, die selbst nicht an Gott glaubt, zieht den Begriff „Gott“ heran, um eine gerechte Gewalt, so wie sie sie für nötig hält, zu beschreiben, und zwar, weil es notwendig ist, den Aspekt der Transzendenz hier zu berücksichtigen: „Es handelt sich darum, eine Gewalt zu denken, die nicht das Instrument von irgendjemandem ist, die sich das Recht nicht aneignen kann, indem es sie rechtfertigt, und die niemand sich aneignen kann.“ (40)

Ihr Punkt ist, dass es keine Definition dieser gerechten Gewalt geben kann, dass es sich hierbei vielmehr um Entscheidungen handelt, die einzelne Menschen in einer jeweils konkreten Situation treffen müssen, ohne sich dabei auf Regeln oder Gesetzmäßigkeiten berufen zu können, und bei denen sich immer erst im Nachhinein herausstellt, ob die Anwendung von Gewalt richtig und gerechtfertigt war. Ein krasses Beispiel, das sie hier anführt, sind die UN-Truppen in Srebrenica, die dabei zusahen, wie die Bevölkerung von serbischen Truppen massakriert wurde – obwohl sie zweifellos die nötige Stärke gehabt hätten, das zu verhindern.

Die Frage ist: Sind wir bereit, in einer gegebenen Situation die ganze notwendige Kraft und alle Stärke, die wir haben, einzusetzen? Oder schließen wir schon von vornherein ein bestimmtes Handeln aus? Im Prinzip ist der Rekurs auf Gewalt hier nur das Auf-die- Spitze-Treiben genau dieser Frage, denn „die ganze notwendige Kraft“ umfasst natürlich noch sehr viel mehr als den Einsatz von Gewalt. Zum Beispiel die Bereitschaft zu harten Auseinandersetzungen, oder dazu, sich unbeliebt zu machen, oder das entschlossene Eingreifen in Situationen, auch wenn mir persönlich daraus vielleicht Nachteile entstehen.

Der entscheidende Punkt, an dem sich Muraros Vorschlag andererseits von militanten Konzepten des politischen Kampfs unterscheidet, die den Einsatz von Gewalt rechtfertigen – sowohl auf Seiten von Staaten und Militärs als auch auf Seiten von „linken“ Bewegungen wie etwa der RAF – ist ihr kategorisches Beharren darauf, dass Gewalt niemals ein Mittel zum Zweck sein kann:

„Dass Gewalt ein Mittel ist (ein Mittel der Politik oder Justiz), welches sich auf die eine oder andere Art gebrauchen lässt, für oder gegen das Machtsystem, ist eine falsche und schädliche Annahme. Die Gewalt steht uns nicht zur Verfügung, eher umgekehrt. Wenn wir tiefer schauen, ist in der Gewalt der Ausdruck einer Potenz zu erkennen, welche die Menschen nicht kontrollieren; meist ist sie blind und destruktiv, doch manchmal, von Zeit zu Zeit, kann sie einen Sinn bekommen und sich denjenigen auferlegen, die einen Sinn für Gerechtigkeit haben, und so gerechte Gewalt werden. Auf jeden Fall ist es falsch zu glauben, mit der Gewalt alles tun zu können – sie gebrauchen oder darauf verzichten, als ob es den Menschen offen stünde, sie sinnvoll einzusetzen, und als ob es eine freie Option wäre, darauf zu verzichten, und nicht ein von außen auferlegter Zwang, der uns auch auf unsere Stärke verzichten lässt.“ (53f)

Wahrscheinlich ist dieser Punkt am Schwierigsten zu verstehen, aber er ist gleichzeitig meiner Meinung nach auch der wichtigste.

Nachgedacht werden müsse schließlich auch über die „Virilität“ von Gewalt und Krieg, also die Verwobenheit von beidem mit Männlichkeitskonzepten. Wir befinden uns schließlich genau im hundertsten Jahr nach Beginn des Ersten Weltkriegs, der für Muraro ein Wendepunkt in der menschlichen Geschichte mit Gewalt ist: Der Moment, in dem Gewalt massenhaft und maschinell wurde, und jener Krieg, in den hunderttausende junge Männer mit Begeisterung zogen, um zu zeigen, dass sie männlichen Geschlechts waren (und wobei viele Frauen sie aus denselben Gründen bejubelten, es geht hier nicht um moralische Schuldzuweisungen, sondern um eine Analyse).

In diese Rubrik gehören ebenso Traditionen der Linken, von anarchistischen Terroranschlägen bis zum heutigen „Schwarzen Block“, der für Muraro das „objektive Komplizentum, die perfekte Verkörperung des Kontinuums von privater Gewalt, Kriminalität und Staatsgewalt“ ist (S. 63). Alles drei – private Gewalt, Kriminalität und Staatsgewalt – bedingt und stabilisiert sich gegenseitig, und ist tief in Vorstellungen von Männlichkeit eingewoben (weshalb Muraro auch der Ansicht ist, dass die Neuthematisierung von Gewalt heute von Frauen ausgehen muss).

Es geht jedenfalls nicht um einen Appell zu mehr Mut und Heldentum im politischen Kampf, ganz und gar nicht. Es geht nicht darum, „stärker“ zu werden, sondern darum, ob ich meine vorhandene Stärke – wie klein auch immer sie sein mag – einsetze oder nicht. Gewalt ist kein Mittel, schreibt Muraro am Ende des Büchleins, sondern „eine Manifestation“. Der Idee, Gewaltausübung könne als kalkuliertes, instrumentelles Handeln verstanden werden, setzt sie eine andere Art entgegen, bei der die Gewalt eher „herausgelassen“ wird: „Wut, der Wutanfall, der die würdige und richtige Reaktion des Menschen auf einen Übergriff und auf arrogante Gewalt ist, egal, von wem sie ausgeht, Gott, Mann, Frau oder Dingen… Der Wutanfall bewirkt, dass wir uns hochschwingen auf die enorme Stärke dessen, was uns vernichten will, und so können die Energien erneut fließen.“ (66f)

Aber wie viel der in uns vorhandenen Gewalt sollen wir herauslassen? Muraro bringt das auf folgende Formel: „So viel wie nötig, um zu kämpfen, ohne zu hassen, so viel, wie gebraucht wird, Bestehendes aufzulösen, ohne zu zerstören.“ (78)

Luisa Muraro: Stärke und Gewalt. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim, 78 Seiten, 7,50 Euro.

Besondere Umstände – wieder xtreme!

Heute morgen haben Benni und ich wieder gepodcastet – für alle, die unsere Dispute nicht nur in Blogkommentaren lesen, sondern gerne auch mal hören möchten. Es ging um das Philosophicum in Frankfurt, um Idealismus und Materialismus oder symbolische Ordnung versus Produktionsverhältnisse ändern?, um Organisationen, Macht und Politik (und den Herrn der Ringe) und um die Frage: Marx vergessen?

Listen and enjoy!