Weniger Marx, mehr André Léo

In diesem Jahr wird die Erste Internationale 150 Jahre alt. Da ich (vor 15 Jahren) meine Dissertation über die politischen Ideen von vier feministischen Sozialistinnen schrieb, die sich in der Internationale engagiert haben, fahre ich im Juni zu einem Jubiläums-Kongress in Paris.

Dass ich eingeladen wurde, obwohl ich an keiner Uni arbeite und auch seit meiner Diss mich nicht weiter mit der Internationale beschäftigt habe, freut mich natürlich, anderseits aber heißt es wohl auch, dass niemand sonst seither über Frauen in der Internationale geforscht hat (da ich die Veranstalter nicht kenne, nehme ich an, sie haben mich gegoogelt).

Wie auch immer, da es lange her, dass ich mit dem Thema zu tun hatte, dachte ich, es sei wohl keine schlechte Idee, mein Wissen vorher nochmal ein bisschen aufzufrischen. Und so las ich in den vergangenen Tagen die Biografie „André Léo (1824-1900), la Junon de la Commune“ von Alain Dalotel. André Léo (ihr Künstlerinnen-Name, zusammengesetzt aus den Vornamen ihrer Söhne André und Léo) ist eine von „meinen“ Frauen, aber da das Buch erst 2004 erschienen ist, kannte ich es damals noch nicht.

(Léos Geburtsname war Léodile Béra, verheiratet hieß sie dann Champseix. Ihren zweiten Mann hat sie nicht mehr offiziell geheiratet, von daher musste sie den Namen nicht nochmal ändern. Wahrscheinlich ist über Frauen bloß deshalb so wenig geforscht wurden, weil niemand Lust hatte, sich immer durch diesen Namenswirrwarr zu arbeiten; bei Männern ist das viel einfacher, die heißen von Geburt bis Tod immer gleich.)

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Ich war sehr erstaunt darüber, wie sehr es mich berührt hat, jetzt nochmal über André Léos Leben zu lesen, und vor allem auch ihre Texte wieder zu lesen, die in der Biografie ausführlich dokumentiert sind. Vor 15, 16, 17 Jahren, als ich mich zuerst mit ihr beschäftigte, fand ich sie nämlich ein bisschen „langweilig“ – jedenfalls langweiliger als andere von mir erforschte Aktivistinnen, speziell die Tabubrecherin Victoria Woodhull.

Während Woodhull von freier Liebe predigte, keinen Skandal scheute und man beim Nachverfolgen ihres Lebens von einem „Oha“ ins nächste „Wow“ schlingert, war Madame André Léo in meinen Augen eben das – eine Madame. Sie hatte, so schien mir, kein aufregendes Leben und vor allem keine aufregenden Positionen.

Okay, sie brachte als Witwe mit Schriftstellerei und Journalismus sich selbst und zwei kleine Kinder durch, gründete die erste Frauenrechtsvereinigung Frankreichs, war eine Aktivistin der Pariser Kommune, musste dann ins Ausland fliehen, stritt mit den Anarchisten gegen die Okkupation der Internationale durch Marx und Engels, lebte mehrere Jahre im Exil in der Schweiz und Italien, hatte eine mehrjährige Liebesbeziehung mit einem deutlich jüngeren Mann, und schrieb auch mit über siebzig noch Bücher.

Aber trotzdem fand ich sie irgendwie langweilig, damals. Alles, was sie schrieb, schien mir so besonnen und bedacht. Nicht falsch, aber auch nicht mitreißend. Selbst wenn sie anarchistische Positionen vertrat, war das nicht mitreißend, sondern nur klug und richtig. Da war keinerlei Polemik, nur strikte Analyse mit pädagogischem Anliegen. Nicht wie eine Kämpferin schrieb sie, eher wie eine Mutter, die ihren Kindern gute Ratschläge gibt.

Umso erstaunter war ich, dass ich dieselben Texte jetzt ganz anders las. Vielleicht liegt es daran, dass ich inzwischen genauso alt bin wie sie damals war, sogar noch ein bisschen älter (André Léo war während der Pariser Kommune, also Frühjahr 1871, 47 Jahre alt), während ich vor 15 Jahren so alt war wie Victoria Woodhull (nämlich Anfang 30). Maybe age matters doch.

Aber ich glaube, es ist noch was anderes, nämlich dass nicht nur ich mich geändert habe, sondern auch die Welt drumherum. In den Neunzigern hatten wir vieles noch nicht gehabt: Es war noch vor dem 11. September, es gab noch kein Gerede vom Clash of Civilizations und keine Anti-Terror-Hysterie. Der Zusammenbruch des Sozialismus nach Sowjet-Modell war gerade erst passiert, und viele (ich jedenfalls) waren noch guter Hoffnung, dass danach etwas Besseres kommen könnte, so eine Art „guter Sozialismus“.

Ich hatte damals nicht vorhergesehen, dass es hingegen zu einer fast absoluten, weltweiten Herrschaft des Kapitalismus kommen würde (oder wie immer wir dieses System nennen wollen, nach dem heute die Welt strukturiert wird). In den Neunzigern gab es noch die Idee, zumindest als Absichtserklärung auch bei Politikern und Wirtschaftsbossen, dass Fortschritt dazu führen wird, dass es allen immer besser geht. Inzwischen wird ganz ungeniert davon ausgegangen (und werden auch offen in diesem Sinn Entscheidungen getroffen), dass es natürlich manchen Leuten schlechter gehen muss, immer schlechter, und verkauft wird das mit der Drohung, dass es ihnen andernfalls eben noch schlechter gehen wird.

Inzwischen ist, sogar auch in Europa wieder, vom Überleben die Rede, das leider eben nicht für alle Menschen gesichert werden kann, zum Beispiel nicht für Rentnerinnen in Griechenland, die kein Geld für Heizung haben, oder nicht für Menschen aus Afrika, die eben dann zuhause verhungern müssen, oder auf dem Mittelmeer ertrinken.

In den Neunzigern hatten ich noch nicht so klar das Wiederentstehen einer Klasse von Dienstbot_innen vorhergesehen, war mir noch nicht so klar, dass es darauf hinausläuft, dass die reichen Industriestaaten praktisch ihre gesamte Pflege- und Fürsorgearbeit und auch einen Großteil der Hausarbeit an Frauen und zunehmend auch an Männer übergeben würden, die prekär, illegal und zu billigsten Löhnen diese Arbeit machen, was ja nur möglich ist aufgrund eines enormen Wirtschaftsgefälles zwischen Deutschland und diesen Ländern. Die anderen müssen arm bleiben, damit sie bereit sind, für niedrige Löhne zu arbeiten, sonst lohnt sich der Deal für die Reichen ja nicht. Mir war nicht klar, wie deutlich auch die westlichen Industriestaaten wieder zu einer offenen Klassengesellschaft werden würden.

Mit anderen Worten: Manchmal habe ich den Eindruck, wir sind vom 20. nicht ins 21. Jahrhundert gekommen, sondern zurück ins 19., was die gesellschaftlichen Verhältnisse betrifft.

Jedenfalls fand ich in den Texten von André Léo, die ich damals eher von historischem Interesse fand, beim jetzigen Wiederlesen eine unglaubliche Aktualität. Zum Beispiel, wenn sie als wichtigste Aufgabe der Internationale die Schaffung einer länderübergreifenden Solidarität und Zusammenarbeit der Arbeiterinnen und Arbeiter sieht – zum Beispiel bei Kriegen wie dem französisch-preußischen Krieg oder auch bei Arbeitsmigration, die schon damals eingesetzt wurde, um das Lohnniveau zu drücken.

Deshalb twitterte und facebookte ich neulich, dass wir eigentlich dringend wieder eine Internationale Arbeiter-Assioziation bräuchten. Denn wo ist denn die Solidarität zwischen russischen und ukrainischen Arbeitern? Wo ist die Solidarität zwischen deutschen und griechischen Menschen, die von Armut betroffen sind? Wo ist die Solidarität zwischen europäischen und afrikanischen Menschen, die ums Überleben kämpfen? Das alles gibt es praktisch nicht.

Ich habe auch keine Idee, woher man die jetzt so schnell herbekommen könnte, aber ich glaube, es wäre nötig, wieder so etwas wie „Klassenbewusstsein“ zu kultivieren und zu pflegen. Denn diejenigen, die von den gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Entwicklungen arm und rechtlos gemacht werden, verorten sich selbst doch eher anderswo, über Nationalität, über Religion, über Kultur und so weiter. Deshalb sind die allermeisten von ihnen nicht „revolutionär“.

Auch mit diesem Problem war André Léo schon konfrontiert, und zwar war es in ihrem Kontext der Unterschied zwischen Paris und dem Land – revolutionär war man nur in Paris, auf dem Land war die Bevölkerung konservativ bis monarchistisch. Ihre Pariser Mit-Revolutionäre schauten deshalb immer etwas auf die „Landeier“ hinab, André Léo aber sagte voraus, dass eine Revolution, die von den Massen der armen Leute nicht getragen und unterstützt wird, nicht gelingt.

Ihr wichtigstes Anliegen war daher die Bildung, und damit meinte sie nicht Bildung im heutigen arbeitsmarktkonformen Sinn des Herstellens von „Employability“, sondern Bildung im Sinne von: „Wie funktioniert eine freie und gerechte Gesellschaft?“ Das ging ihrer Ansicht nur über Argumente, Überzeugen, Debattieren, Vorleben, Experimentieren. Solange die Prinzipien der Demokratie nicht in den Herzen und Köpfen der Menschen verankert sind, wird keine Revolution lange etwas ausrichten, war ihre Prognose, wobei sie unter Demokratie natürlich nicht dieses Klappergerüst von formalem Wahlrecht und repräsentativem Parteienproporz meinte, das wir heute haben, sondern eine Gesellschaftsform, die tatsächliche Partizipation aller bei der Entscheidungsfindung ermöglicht.

Deshalb stieg sie auch aus dem Anarchismus in dem Moment aus, wo dort mit dem Bombenschmeißen begonnen wurde: Nicht, weil sie prinzipiell etwas gegen den Einsatz von Gewalt hatte – sie hatte ja schließlich auch die militärische Verteidigung der Kommune gutgeheißen – sondern weil diese Attentate genau das Gegenteil von dem erreichten, was ihr vorschwebte: Sie trieben die Bevölkerung direkt in die Arme der Reaktionäre.

Noch etwas anderes ließ mich beim Lesen von André Léos Biografie fast schon wehmütig werden: Die Vision eines Sozialismus ohne Marxismus. Denn Karl Marx war zwar Léos Zeitgenosse, aber damals noch nur ein Sozialist unter vielen und nicht jener große Zampano, an dem sich alle abarbeiten müssen, der er heute ist.

André Léo war eine der schärfsten Gegnerinnen von Marx, der nämlich eine völlig andere Vorstellung von der Internationale hatte als sie. Marx hatte mit dem „Kapital“ (der erste Band erschien 1867) eine sozusagen „objektive und wissenschaftliche“ Analyse des Kapitalismus vorgelegt, von der er meinte, dass sie die Grundlage für jegliches sozialistisches Engagement sein müsste – und ihm war kein Trick zu schäbig und keine Polemik zu hinterhältig, wenn sie nur dazu diente, dieses Ziel durchzusetzen. Wer objektiv und wissenschaftlich Recht hat, muss eben nicht mehr diskutieren, er kann die Gegner direkt bekämpfen oder in den Gulag stecken, so kann man doch eigentlich das politische Erbe des Marxismus kurz und knapp zusammenfassen.

Léo hingegen war der Ansicht, dass es die Aufgabe der Marginalisierten selbst sein müsste, ihre Situation zu analysieren, zu verstehen und Aktionsformen zu erfinden und zu erproben, die durchaus von Land zu Land, von Kontext zu Kontext auch unterschiedlich ausfallen könnten. Sie war nicht dagegen, dass von Intellektuellen und Gebildeten Theorien entworfen werden, ja dass sie versuchen, gewissermaßen auch „die Massen zu belehren“. Aber sie bekämpfte vehement jeden Versuch, die Internationale „auf Linie zu trimmen“, der ja auch tatsächlich nicht gelang, sondern die Internationale hingegen kaputtmachte.

Ich frage mich manchmal, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn sich der Marxismus nicht als Dreh- und Angelpunkt jeglicher Kapitalismuskritik durchgesetzt hätte, wenn es ihn vielleicht gar nicht gegeben hätte. Wenn die Arbeiterbewegung sich pluralistisch und vielfältig weiter entwickelt hätte, und wenn sie André Léos ständig eingeforderte Mahnung beherzigt hätte, dass der Zweck niemals die Mittel heiligt.

Wenn Bildung im Sinne von Analysieren, Lernen, Ideen austauschen eine alltägliche Praxis der Linken geworden (oder geblieben) wäre, so wie es André Léo vorgeschlagen hat, anstatt mit dem platten Spruch „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ solche Versuche für obsolet zu halten oder als bürgerliche Naivität zu verleumden. Wenn sich nicht alle Linken seit 150 Jahren an Marx abarbeiten müssten, also an der Frage, ob sie dafür oder dagegen sind (und natürlich waren auch immer welche dagegen, aber dieses sich Abarbeiten hat sie immer auch blockiert und gelähmt).

Ich glaube, ganz ehrlich, die Geschichte der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung wäre ohne Karl Marx besser verlaufen. Und ich bin der Meinung, wenn es heute darum geht, wieder sowas wie eine „Internationale“ zustande zu kriegen, dann müssten wir viel mehr André Léo lesen und viel weniger Karl Marx.

Cambiamento oder Trasformazione?

Gestern Abend hörte ich im Mailänder Frauenbuchladen einen Vortrag von Annarosa Buttarelli, die eine neue philosophische Buchreihe vorstellte. Dabei sprach sie auch über einen Unterschied, der mir sehr sinnvoll erscheint, den aber die deutsche Sprache begrifflich nicht so hergibt wie die italienische (und der mir deshalb bisher gar nicht so klar war), und zwar den Unterschied zwischen cambiamento und trasformazione.

Übersetzen könnte man das mit Veränderung und Wandel, aber die unterschiedlichen Bedeutungsebenen sind (für mein Gefühl jedenfalls) im Italienischen klarer.

Ein cambiamento ist eine Veränderung, die nicht unbedingt eine tiefere Bedeutung haben muss, die auch einfach das Alte in neuem Gewand sein kann, während eine trasformazione ein tiefgehender Wandel ist, der sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Also der Unterschied zwischen “Ich lege mir eine neue Frisur zu” und “meine Haare werden langsam grau”. Oder der Unterschied zwischen “Ich habe einen Kurs in Feminist Studies besucht” und “Ich habe verstanden, dass Frauen freie Menschen sind.”

Annarosa führte diese Unterscheidung ein, um den Rahmen ihrer neuen Buchreihe zu umreißen, bei der es nämlich darum geht, Texte herauszugeben, die die gegenwärtige trasformazione der europäischen Gesellschaften kritisch und sachdienlich begleiten.

Mir wurde bei dieser Unterscheidung  klar, warum ich so vieles von dem, was medial gesendet wird, so unglaublich langweilig finde: Es wird so oft in höchster Aufgeregtheit über cambiamentos geplappert, während kaum jemand die Perspektive einnimmt, gegenwärtige trasformaziones informativ zu begleiten.

Auch was “revolutionäre” Politik betrifft, so ist diese Unterscheidung interessant. “Revolution machen” wurde bisher meist als strategische Herbeiführung von Veränderungen verstanden (Regierung absetzen, neue Regierung inthronieren) während meiner Ansicht nach zu wenig Aufmerksamkeit auf den Prozess der Transformation gelegt wurde (ich glaube, das war es auch, was hinter meiner Kritik an Žižek steht).

“Transformative” Politik, meint Annarosa, bedeutet nicht in erster Linie das Herbeiführen von Veränderungen (à la Frauenquote, Regierungswechsel, neues Gesetz für dieses und jenes), sondern die praktische_denkerische Begleitung eines Transformationsprozesses, den man weniger aktiv “herbeiführt” als vielmehr passiv “erleidet”, doch genau durch dieses sich Einlassen ergeben sich Handlungsoptionen, die dann dafür bedeutsam sind, in welche Richtung dieser Prozess geht, zum Besseren oder zum Schlechteren.

Ob zum Beispiel das Angela-Merkel-Cambiamento (dass Deutschland zum ersten Mal eine Bundeskanzlerin hat und keinen Bundeskanzler) zu einer Transformation führt und zu welcher ist nicht ausgemacht, sondern es kommt auch darauf an, was wir anderen damit machen und wie wir diesen Prozess begleiten. Ist Angela Merkel einfach nur dasselbe wie ihre Vorgänger, bloß in weiblicher Variante? Oder ist ihre Kanzlerinnenschaft ein Anzeichen dafür, dass sich ein Wandel vollzieht, zum Beispiel in unserem Politikverständnis oder in den Vorstellungen, die wir uns von “einem Kanzler” machen? Wie könnte diese Transformation aussehen und gibt es etwas, das ich dazu beitragen kann?

Ähnlich kann man auf viele Themen blicken. So ist auch nicht ausgemacht, ob die rechtliche Gleichstellung von homosexuellen Paaren nur eine simple Veränderung bleibt oder ob es zu einem wirklichen Wandel von Beziehung- und Geschlechternormen führt. Oder ob eine Frauenquote in Führungsgremien… undsoweiter und so weiter.

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Ihren Text über “Souveräninnen” in dem Diotima-Sammelband “Macht und Politik sind nicht dasselbe” hat Annarosa Buttarelli jetzt übrigens zu einem ganzen Buch ausgebaut. Ich bin darauf schon sehr gespannt. Gerüchteweise gibt es Überlegungen, dass es auch ins Deutsche übersetzt werden soll…

Was das Scheitern der Piraten lehrt

Vor viereinhalb Jahren schrieb ich zum ersten Mal über die Piratenpartei und äußerte die Hoffnung, dass trotz allem Feministinnen eine Weile mit ihnen segeln könnten. Vor vier Jahren äußerte ich mich bereits skeptischer, weil ich den Eindruck hatte, dass es der Partei nicht gelingt, Frauen für sich zu interessieren, beziehungsweise ein Ort zu sein für interessierte Frauen, die sich nicht der Parteiraison unterordnen, und ich schrieb: „Gelingt ihnen das nicht, dann bleiben die Piraten ein gesellschaftliches Randphänomen, das mich ungefähr so sehr interessieren muss wie Formel Eins-Rennen.“

Jetzt sieht es so aus, als ob sich die Piratenpartei ganz zerlegt hat und tatsächlich wieder in genau dieser Bedeutungslosigkeit versinkt, was ich schade finde. Als Politikwissenschaftlerin interessiert mich aber, woran es liegt.

Ein wesentlicher Punkt scheint mir zu sein, dass viele in der Piratenpartei Macht und Politik verwechselt haben, beziehungsweise Macht als Ersatz für Politik verstanden haben. Und dass sich deshalb in ihrem Scheitern auch die Krise einer mit zu viel Männlichkeit aufgeladenen Parteienpolitik zeigt (was nicht dasselbe ist wie „zu viele Männer“, aber natürlich damit zusammenhängt), die auch symptomatisch für andere Parteien ist. Nur dass die – vermutlich durch ihre mehr oder weniger quotenbasierten Gegenstrategien – diesem Prozess nicht mit voller Härte ausgeliefert sind.

Unter „Macht“ verstehe ich hier eine Praxis, die eigenen inhaltlichen Anliegen durchzuboxen, indem man auf formale Möglichkeiten und Rechte zurückgreift und es darüber vernachlässigt, sich mit den Anliegen von politischen Gegner_innen und derem Begehren wirklich inhaltlich auseinanderzusetzen. Die Abschaltung der Diskussions-Infrastruktur war dafür ein Beispiel, aber ebenso Rücktritte aus taktischen Gründen, mit denen etwas erzwungen werden soll (so beschreibt es jedenfalls Elke Wittich), oder die Verkomplizierung von Entscheidungsprozessen durch Geschäftsordnungstricks und überhaupt jedes formale Bestehen auf „Das ist mein gutes Recht!“.

Formale Strukturen auszunutzen ohne auf den konkreten inhaltlichen Sinn der jeweiligen Situation zu achten, ist eine Vorgehensweise, die Männer deutlich häufiger wählen als Frauen. Mein Lieblingsbeispiel dafür sind jene elf Männer von den Grünen, die sich bei der Urwahl als Kandidaten aufstellten, um die Partei in den Bundestagswahlkampf zu führen. Der Sinn der Wahl war ja gewesen, aus vier chancenreichen Kandidat_innen zwei zu bestimmen, aber formal hatte jedes Parteimitglied „das gute Recht“, anzutreten. Dass gleich mehrere Männer auf diese Idee kamen, aber keine einzige Frau, ist kein Zufall.

Mit Macht müssen wir uns alle auseinandersetzen, aber auf Männer übt sie eine deutlich größere Faszination aus als auf Frauen. Seit ich Feministin bin, wird jedenfalls unter Frauen über den schwierigen Umgang mit Macht diskutiert. Die einen sind skeptischer und wollen sich von der Macht tendenziell fernhalten, die anderen sind enthusiastischer und fordern dazu auf, sich für sie zu erwärmen. Aber dass Macht nicht einfach etwas Unproblematisches ist, weil ihr Einsatz das Potenzial hat, Beziehungen zu zerstören und weil die Macht dazu neigt, das Feld der politischen Debatte zu verminen, ist allen Frauen, die ich kenne, bewusst. Oder, wie es kürzlich eine Mitdiskutantin ausdrückte, nachdem sie an uns andere Feministinnen einen flammenden Appell für mehr strategisches Vorgehen in Punkto Netzpolitik gehalten hatte: „Wir müssen einfach überlegen, wie wir es hinkriegen, dass auch wir diese Meinungsmacht haben – iiiih, das hört sich schrecklich an, ich weiß.“

Ich habe den Eindruck, für viele Männer hört sich das nicht schrecklich an. Wenn man sich anschaut, wie strategisch zum Beispiel die Maskus Diskussionforen „bespielen“, dann scheint diese Art des „Sich Einbringens“ manchen von ihnen sogar tatsächlich Spaß zu machen. Auch sonst habe ich es in politischen Gremien schon oft beobachtet, dass viele Männer Spaß daran haben, formale Regelungen trickreich auszunutzen und alles zu tun, „was in ihrer Macht steht“, um an ihr Ziel zu kommen, egal was die anderen wollen.

Das Schicksal der Piratenpartei ist meiner Ansicht aber ein Indiz dafür, dass diese Haltung zerstörerisch ist (und zwar auch dem eigenen Anliegen gegenüber), wenn sie kein Korrektiv hat – ein Korrektiv, das in anderen Parteien möglicherweise durch einen halbwegs erklecklichen Frauenanteil mehr oder weniger automatisch gegeben ist. Was sie tun ist auch nicht mein Ideal von Politik, aber immerhin sind sie dadurch nicht völlig handlungsunfähig.

Aber wie haben es die Parteien eigentlich früher gemacht, vor einigen Jahrzehnten, als sie allesamt noch männerdominiert waren? Ich glaube, damals hatten sie noch ein Korrektiv, und das hieß „patriarchale Autorität“. Macht allein kann keine politischen Prozesse moderieren, es braucht noch etwas anderes, und das waren früher „die großen Männer“, die Adenauers, Wehners, Brandts, Kohls, Fischers. Sie alle hatten nämlich nicht einfach nur Macht, sie hatten auch Autorität, auf sie hörten viele, und sie hatten es deshalb oft gar nicht nötig, auf ihre Macht zu pochen.

Wer von euch die Serie „Jericho“ guckt: Da ist dieser Mechanismus schön am Beispiel des Ex-Bürgermeisters Green dargestellt, der auch nach seiner Abwahl weiterhin ganz offensichtlich Autorität genießt, während sie seinem Nachfolger Gray vollkommen abgeht, der deshalb ständig auf seine Macht („Ich bin hier der Bürgermeister!“) pochen muss.

Die Autorität des patriarchalen „Vaters“ hat die destruktiven Aspekte der Macht eingehegt und konnte so Räume schaffen, in denen Politik möglich war. Jetzt, im postpatriarchalen Durcheinander, ist diese patriarchale Autorität aber in Frage gestellt, nicht nur durch die Frauen, sondern eigentlich mehr noch durch die „Söhne“, die alles anders machen wollen. Sie haben den Vater („die etablierten Parteien“) vom Thron gestürzt und träumen den Traum einer gewissermaßen technokratischen Kultur von „Gleichen“, von „Brüdern“, die sich allein auf Techniken und Regeln stützen.

Aber das funktioniert eben nicht.

Was also tun? Ich denke, der Weg müsste sein, dass wir uns parteipolitische (oder generell: institutionenpolitische) Prozesse unter der Fragestellung genauer anschauen, wie Macht und Politik dabei zusammenhängen. Dass es nötig ist, eine andere, nicht-patriarchale Art von „Autorität“ ausfindig zu machen und einzuüben, die den vakanten Platz eines Korrektivs technokratischer Macht ausfüllen kann.

Im Feminismus arbeiten wir ja auch schon länger an dem Thema.

Masters of Desaster: Besondere Umstände, Episode 14

Diese Folge machte dem Titel unseres Podcasts besondere Ehre, denn nachdem wir eine tolle Stunde geredet hatten, war nur eine halbe Stunde auf dem blöden Smartphone drauf. Anders als bei Episode 11 haben wir (unter Bennis Protest) dieses Fragment trotzdem gepostet, ergänzt um eine Viertelstunde … aber hört selbst.

Besondere Umstände – Episode 13

Benni Bärmann und ich haben nach langer Zeit mal wieder gepodcastet. Episode 13 von “Besondere Umstände” geht über: die Grünen, Parteipolitik im allgemeinen und Angela Merkel im besonderen. – Blockupy, Hamburg, die Eigentumsfrage und Gewalt bei Demonstrationen (21:25) – Soziokratie und Konsens (44:20). Listen and enjoy!

Gegner_innen und politische Konflikte

Kürzlich habe ich endlich mal Chantal Mouffe gelesen (ihr Buch „Über das Politische“, das so eine Art Zusammenführung ihres Denkens ist), und darin eine Antwort auf eine Frage gefunden, die mich in den letzten Wochen bewegt hat: Warum es mich so sehr ärgert, dass die Grünen in Hessen eine Koalition mit der CDU machen. Denn ich habe gar nichts Prinzipielles gegen Schwarz-Grüne Koalitionen. Im Bund oder in anderen Ländern kann ich mir das zum Beispiel vorstellen. Aber nicht in Hessen, nicht mit dieser CDU. Warum kann oder will ich mir das nicht vorstellen?

Die Antwort, die ich bei Mouffe gefunden habe, ist ihr Vorschlag, im Bereich des Politischen wieder mehr mit dem Begriff der Gegnerschaft und des Konflikts zu operieren. Sie beobachtet (wie ich finde, zu Recht), dass sich in der Art und Weise, wie heute über politische Dinge debattiert wird, eine falsche Grundannahme eingeschlichen hat, nämlich die, dass es für alles eine „richtige“, „rationale“ Lösung gibt.

Wenn nur alle genügend logisch nachdenken und das Thema wissenschaftlich erforschen, so scheinen viele zu glauben, dann kommt raus, dass jeder vernünftige Mensch zum Ergebnis xyz kommen muss. Diejenigen, die zu einem anderen Ergebnis kommen, die also eine andere Meinung vertreten als ich, haben dementsprechend noch nicht genug über das Thema nachgedacht, oder sie hängen Ideologien und Aberglauben an, die einer vernünftigen Erkenntnis im Weg stehen.

Hier wird naturwissenschaftliches Denken auf die Politik übertragen, beziehungsweise wird so letztlich der politische Charakter von Konflikten geleugnet. Aber die Menschen, die zum Beispiel gegen ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare sind, gegen ein Grundeinkommen, für ein Betreuungsgeld oder was auch immer, sind keineswegs einfach zurückgeblieben und unaufgeklärt. Sie haben sich nur anders entschieden, sie stehen auf einer anderen Seite des politischen Spektrums.

Es spricht natürlich nichts dagegen, zu versuchen, sie mit Argumenten zu überzeugen. Man muss aber realistischerweise davon ausgehen, dass das unter Umständen nicht gelingt. Und zwar nicht deshalb, weil die anderen zu dumm wären, die Wahrheit zu erkennen, sondern weil sie schlicht und ergreifend etwas anderes wollen als ich.

Die gängige Sichtweise sieht zwei Möglichkeiten vor, mit politisch Andersdenkenden umzugehen: Man kann sie entweder für dumm und unaufgeklärt halten, oder man kann im Gegenteil die Differenzen herunterspielen und zu einer Frage von unbedeutenden Vorlieben machen.

Entscheidet man sich für das erste, so gilt es, weiter mit ihnen zu diskutieren, es ihnen zu erklären, sie zu überzeugen. Wenn sie sich weigern, muss man sie hingegen aus dem politischen Diskurs ausschließen, denn sie haben ja objektiv unrecht.

Entscheidet man sich hingegen für das zweite, dann misst man dem Konflikt keine tiefgehende Bedeutung zu, sondern zeigt sich tolerant für die abweichende Ansichten, hat also letztlich die Vorstellung, beides könne friedlich nebeneinander bestehen.

Das alles kann in bestimmten Fällen sinnvoll sein. Zum Beispiel ist es richtig, Neonazis aus dem Diskurs auszuschließen. Oder es ist richtig, verschiedene Spielarten des Feminismus als unterschiedliche Wege zu einem ähnlichen Ziel anzusehen und zum Beispiel eine andere nicht schon deshalb für eine Gegnerin zu halten, weil sie für oder gegen Quoten ist.

Doch für die meisten politischen Konflikte, mit denen wir es zu tun haben, ist weder das eine noch das andere ein gangbarer Weg. Homophobie zum Beispiel oder Mainstream-Rassismus kann ich weder tolerieren, noch kann ich diejenigen, die so denken, ernsthaft aus dem politischen Diskurs ausschließen, allein schon, weil sich diese Frage aufgrund der Mehrheitsverhältnisse gar nicht stellt. Ich muss akzeptieren, dass sie Teil der politischen Sphäre sind, das bedeutet etwa, dass ich zusammen mit ihnen in einem Parlament sitzen kann und ihnen das Recht zugestehe, ihre Ansichten zu vertreten.

Doch zu akzeptieren, dass Andersdenkende legitime politische Akteur_innen sind, bedeutet nicht, dass man auch verpflichtet ist, mit ihnen konkret zusammenzuarbeiten. Der Spruch “Alle demokratischen Parteien müssen miteinander koalieren können”, den man neuerdings manchmal hört, ist irreführend, wenn er als moralisches Postulat verstanden wird.

Ich kann in Andersdenkenden auch echte politische Gegner_innen sehen. Das bedeutet, dass ich mich nicht der Illusion hingebe, ich müsste nur lang genug argumentieren, bis auch sie endlich verstanden haben, dass ihre Ansichten falsch sind. Sie irren sich nämlich nicht, und sie sind auch nicht dumm. Sie entscheiden sich nur ganz bewusst für Dinge, die ich ebenso bewusst für falsch halte. Das ist der Kern unseres Konfliktes, der nicht durch vernünftiges Räsonnieren aufgelöst werden kann.

Allerdings ist es in der Realität nicht so einfach, wie es sich bei Chantal Mouffe liest. Sie hat noch die alte, sozusagen „klassenkämpferische“ Gesellschaft vor Augen, die klare Verhältnisse zwischen „links“ und „rechts“ kannte und wünscht sich so etwas zurück. Heute verlaufen die Konfliktlinien der politischen Gegnerschaft aber nicht mehr so eindeutig, und schon gar nicht zwischen klar abgegrenzten Parteien.

Meiner Ansicht nach geht es eher darum, die Kategorie der „Gegner_innenschaft“ wieder bewusst in das politische Repertoire aufnehmen (das persönliche, das der eigenen Gruppe…), als zusätzliche Möglichkeit sozusagen, das eigene Verhältnis zu anderen Akteurinnen zu begreifen – neben den beiden bereits gängigen Kategorien von „Geht gar nicht/ist dumm“ oder „Kann-man-tolerieren“.

Noch komplizierter wird das Ganze übrigens dadurch, dass durch persönliche Beziehungen in konkreten Fällen einzelne Andere von der einen in die andere Kategorie wechseln können. Dass etwa ein wirkliches Argumentieren doch möglich ist oder irgendwann nicht mehr  möglich ist. Dass Zusammenarbeit stattfinden kann oder nicht mehr stattfinden kann. Aber eigentlich klingt das jetzt auch wieder schwieriger, als es in einem konkreten Fall ist. So ähnlich wie es schwierig ist, theoretisch zu definieren, wann man ein Kunstwerk schön findet, aber ganz leicht, es zu entscheiden, wenn man davor steht.

Denn, um zur hessischen Situation zurückzukommen: Für mich und viele andere, die hier grün gewählt haben, gehört die hessische CDU ganz einfach nicht in die „Kann-man-mit-zusammenarbeiten“-Kategorie, sondern in die der Gegnerschaft. Und das ist der Grund, warum ich mich über diese Koalition so ärgere.

(Foto: Surfguard/Flickr.com)

Aus dem Scheitern lernen, aber das Richtige

Die Tage gab es zwei Anlässe, um über ein Scheitern von Frauen an der Parteipolitik zu diskutieren. Susanne Gaschke ist als Oberbürgermeisterin von Kiel zurückgetreten (hier ist ihre Rücktrittsrede zum Nachlesen, hier spricht sie in einer Talkshow darüber), und Yasmina Banaszczuk ist aus der SPD ausgetreten (hier ihre Begründung).

Ich kenne in beiden Fällen die Hintergründe der Ereignisse nicht im einzelnen, was mich hieran jedoch interessiert, ist die Art und Weise, wie über diese Ereignisse diskutiert wurde. Denn es handelt sich keinesfalls um Einzelfälle. Ähnliche Geschichten habe ich schon vielfach gehört, wenn ich mit Frauen ins Gespräch kam, die parteipolitisch engagiert sind (oder waren).

Dass es ein weit verbreitetes Unbehagen über die Strukturen, die Gewohnheiten, die Verfahrensweisen und den Habitus in politischen Parteien gibt, vor allem (wenn auch natürlich nicht nur) unter Frauen, ist doch vollkommen offensichtlich. Aber offenbar gibt es ein Tabu, das auszusprechen und zum Thema zu machen. Es ist quasi so, als würde ein riesiger Elefant mitten im Zimmer stehen, aber alle schauen angestrengt links und rechts dran vorbei oder halten sich die Augen zu. Davon geht der Elefant aber nicht weg.

Wie sehr es tabuisiert ist, auszusprechen, dass die Krise der Parteipolitik auch Ausdruck eines Konfliktes zwischen Frauen und Männern über die Frage ist, wie Politik sein sollte, wurde an den geradezu panischen Reaktionen auf Gaschkes Rücktrittsbegründung deutlich. Die Tagesthemen nannten sie eine aggressive Abrechnung, der Focus schrieb von einer Krawallrede, landauf landab war man sich einig, dass das unmöglich war. Ich fand es eigentlich eine ganz normale Rede, wie gesagt, ähnliche Erfahrungen und Bewertungen habe ich schon von zig parteipolitisch aktiven Frauen gehört. Das Neue daran war nur, dass es diesmal eine Oberbürgermeisterin war, die es in einer öffentlichen Rede so deutlich formuliert hat.

Ein Grund für diese merkwürdige Wahrnehmungsstörung in der öffentlichen politischen Debatte scheint mir zu sein, dass Frauen in der Politik nach wie vor entweder als Neutren wahrgenommen werden oder aber – wenn ihr Frausein thematisiert wird – als Opfer. Aber vor dieser Folie lässt sich das Phänomen nicht greifen.

Wenn zum Beispiel Christiane Hoffmann im Spiegel Gaschke vorwirft: “Für die Sache der Frauen und die Diskussion um Frauen in Führungspositionen ist es nicht zuträglich, wenn Frauen wie Gaschke in einem wichtigen politischen Amt scheitern. Noch weniger zuträglich ist es, wenn sie ihr Scheitern auch noch damit begründen, dass sie Frauen sind.” – dann bewegt sie sich noch tief in den 1980ern. Inzwischen sind wir längst über die Zeiten hinaus, in denen Frauen sich durch besonderes Wohlverhalten ihre Berechtigung, als politische Subjekte ernst genommen zu werden, erst verdienen mussten (und entsprechend Frauen, die sich “falsch” verhalten, diese Berechtigung gefährden). Wir sind bereits in dem Stadium, wo die Parteien (und, btw., andere historisch exklusiv männliche Organisationen auch) zeigen müssen, dass sie auch für Frauen interessant sind. Ansonsten verlieren sie nämlich ihre Existenzberechtigung.

Ähnlich am Thema vorbei argumentiert Stefan Reinecke in der taz, der ebenfalls vehement verneint, dass Gaschke gescheitert wäre, weil sie eine Frau ist – schließlich würden Angela Merkel und Ursula von der Leyen ja auch nicht scheitern. Aber, kleiner Service, Frauen verhalten sich unterschiedlich, sie haben unterschiedliche Absichten und Ziele und auch unterschiedliche Strategien. Richtig ist, dass Gaschke nicht an voremanzipatorischer Frauenfeindlichkeit gescheitert ist, sie hätte sich auch anders verhalten können und wäre dann – möglicherweise – nicht gescheitert. Das bedeutet aber nicht, dass hier die Geschlechterdifferenz vollkommen unerheblich war.

Zumal Reineckes eigene Analyse praktisch eins zu eins wiedergibt, wo genau die Konfliktlinien verlaufen, wenn er schreibt: “Dieser Fall zeigt lehrbuchhaft, was PolitikerInnen in Krisen auf keinen Fall tun dürfen. Erstens: besser keine tränenreiche öffentliche Rede halten, denn das macht die Sache erst recht spektakulär. Zweitens: lieber nicht gegen die eigene Partei wüten, denn das wirkt, als wolle man die Schuld anderen aufhalsen. Drittens: besser nicht die Presse beschimpfen. Denn das ermuntert Journalisten erst recht, nachzulegen. … Wer keine höhnischen Zeitungskommentare über sich lesen will, wird besser nicht OberbürgermeisterIn.”

Was aber, wenn es unterschiedliche Ansichten darüber gibt, was “Politiker tun dürfen” und was nicht? Was, wenn manche es vielleicht falsch finden, dass in der Politik keine Tränen erlaubt sind? Oder es überhaupt nicht normal finden, dass Journalisten unter der Gürtellinie “nachlegen”, wenn ihnen an einer Politikerin was nicht gefällt (oder sie glauben, dadurch Auflage und Klickzahlen zu machen)?

Mich erinnerte diese Passage an einen Einwand, den manche bürgerlichen Frauen im 19. Jahrhundert ihren Geschlechtsgenossinnen entgegen hielten, die für den Zugang von Frauen zur Parteipolitik kämpften. Zum Beispiel kritisierte Harriet Beecher Stowe im Jahr 1872 die Ankündigung von Victoria Woodhull, für die Präsidentschaft der USA zu kandidieren, mit folgenden Worten:

„Wer immer auch Präsident der Vereinigten Staaten werden will, muss sich darauf einstellen, dass sein Charakter in Stücke gerissen wird, dass er verletzt, geschlagen und mit Schmutz überzogen wird von jedem unflätigen Blättchen im ganzen Land. Keine Frau, die nicht wie ein alter Putzlumpen durch jede Gosse und jedes dreckige Wasserloch gezogen werden will, würde jemals einer Kandidatur zustimmen. Es ist eine Qual, die einen Mann umbringen kann. Was für ein unverschämtes Luder von einer Frau muss das sein, die so etwas aushält, ohne dass es sie umbringt?“

Damals waren Frauen noch explizit, also allein aufgrund ihres Frauseins, von Parteien und politischen Ämtern ausgeschlossen; sie konnten nicht wählen und auch nicht gewählt werden. Und zwar nicht einfach, weil die Männer, als sie für ihresgleichen die Demokratie erfanden, die Frauen quasi aus Unachtsamkeit vergessen hätten. Die meisten Menschen (auch die meisten Frauen) glaubten damals, dass Frauen sich mit diesem “schmutzigen Geschäft” nicht einlassen sollten. Es ist schon erstaunlich, wie dieses Argument – die Politik ist eben so, damit muss eine Frau leben, wenn sie da mitspielen will – sich eins zu eins in gleichberechtigte Zeiten herübergerettet hat.

Nein, heute ist das Thema, dass wir genau das nicht länger akzeptieren wollen. Es geht darum, die Spielregeln zu ändern (genauer gesagt, ging es auch schon Frauen wie Victoria Woodhull darum, das ist nur im Zuge der Gleichstellungsfixiertheit im Emanzipationsfeminismus in Vergessenheit geraten). Wir wollen Präsidentin sein und Oberbürgermeisterin (naja, wenigstens einige von uns) ohne die Umstände, die bislang für diese Ämter galten, länger hinzunehmen. Wir wollen die Spielregeln ändern.

Die interessante Frage ist heute, wie das gehen kann. Gutmeinende Männer (und auch so manche Frau) geben uns den Ratschlag, das System quasi von innen heraus zu verändern. Zum Beispiel schrieb Nico Lumma in seiner Entgegnung auf den SPD-Austritt von Yasmina Banaszczuk, wer etwas ändern wolle, müsse “beim Organisieren von Mehrheiten und Aufmerksamkeit besser … werden. Das geht leider nur mit einem dicken Fell und Beharrlichkeit.”

Der Punkt ist nur, dass wir das jetzt schon seit dreißig, vierzig Jahren versuchen, mit sehr mäßigem Erfolg. Nicht einmal bei den Grünen, die seit Jahrzehnten eine 50-Prozent-Quote haben, hat sich wirklich etwas an den Mechanismen verändert. Und kulturell hat sich erst recht nichts geändert, wie man an dem desolaten Frauenanteil von Parteien sieht, die sich mit Postgender-Tomaten auf den Augen für “geschlechtneutral” halten.

Nein, die Anpassung an die Spielregeln bringt uns nicht weiter, soviel ist klar.

Allerdings: Das Anklagen und Einfordern von Veränderungen an die Adresse von “denen da oben” hilft uns genauso wenig weiter. Das hat Julia Seeliger in ihrer (wenn auch meiner Meinung nach unnötig polemischen) Erwiderung auf den Blogpost von Banasczuk durchaus richtig beobachtet. Wenn sie kritisiert, dass “diese jungen Menschen … anscheinend von Siggi gelobt werden wollen oder Juso-Vorsitzende werden oder von Andrea Nahles voll reformistisch und erlaubt irgendwelchen Genderquatsch geschenkt bekommen” wollen, ist da ein Körnchen Wahrheit dran.

Sich darüber zu beklagen, dass “das System” so ist, wie es ist, enthält immer noch eine Anerkennung der Autorität derer, die dort die Macht haben. Sie sollen offenbar überzeugt werden, es in Zukunft anders zu machen. Ja, das ist wohl etwas unbedarft. Vielleicht ist es aber auch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass jüngere Frauen bereits mit dem Versprechen der Gleichberechtigung aufgewachsen sind. Viele glauben wirklich, was ihnen in der Schule und in den Medien über das System des Parlamentarismus erzählt wird – dass es da auf ihre Stimme ankommt, dass sie sich nur einbringen sollen, dass ihre Meinung etwas zählt. Anders lässt sich die Enttäuschung, die aus dem Blogpost von Banaszczuk spricht, ja nicht erklären.

Es gibt aber eine dritte Möglichkeit neben der Anpassung an die Spielregeln und der Forderung an die Mächtigen, die Spielregeln doch bitte zu ändern.

Diese dritte Möglichkeit liegt in dem, was die italienischen Diotima-Philosophinnen in ihrem Buch “Macht und Politik sind nicht dasselbe” symbolische Unabhängigkeit nennen. Sie schlagen darin zum Beispiel die Praxis vor, selbst nach anderen Spielregeln zu spielen, aber auf demselben Spielfeld. Sie entwerfen die Idee einer “weiblichen Souveränität”, die sich über die in einem männlichen System geltenden Spielregeln stellt und schlicht das tut, was sie für richtig hält (so wie Victoria Woodhull eine Präsidentschaftskandidatur startete, obwohl sie offiziell gar nicht das Wahlrecht hatte). Auf diese Weise spricht man den Machthabenden keine Autorität mehr zu, sondern wählt für sich andere Maßstäbe, andere Autoritäten, um sich daran zu orientieren. Konkret: Man muss dahin kommen, dass man es völlig unwichtig findet, was Sigmar Gabriel sagt oder was in der Zeitung steht.

Das ist nicht leicht und wohl niemand wird das hundertprozentig und tagtäglich schaffen. Aber wenn man aus dieser Postition heraus handelt, dann ist es möglich, Dinge wirklich zu verändern. Natürlich wird man – nach den herkömmlichen Maßstäben – auch ziemlich oft scheitern, manchmal wird man aber auch überraschende Erfolge erzielen. Das ist jedenfalls meine Erfahrung. Natürlich wird man oft nicht gewählt oder bekommt den Job oder den Posten nicht, wenn man nach anderen Regeln spielt, manchmal aber eben doch, und dann besteht zumindest die Chance, wirkliche Veränderungen anzustoßen, weil man niemandem in dem System etwas schuldet und weil es dann vielleicht doch andere Leute gibt, mit denen man sich verbünden kann. Oder man redet gegen Wände, die Wörter werden einer im Mund rumgedreht, aber dann passiert es doch mal, dass jemand zuhört und ein wirkliches Gespräch stattfindet. Dafür gibt es keine Garantie, aber die Chance besteht durchaus.

Und: Wenn man ein eventuelles Scheitern nicht als eigenes Versagen oder als Enttäuschung über die böse Welt interpretiert, sondern als Ergebnis eines Experimentes, bei dem man etwas riskiert und deshalb manchmal gewinnt, oft aber auch nicht – dann ist es auch nicht so niederschmetternd, man wusste ja vorher, dass dieses Risiko besteht. Und vielleicht lässt sich daraus ja etwas für zukünftige Aktionen lernen. Also: Aufstehen, Krone richten, weitergehen (und sich zwischendurch mit ein paar guten Freundinnen wieder Mut antrinken).

Zu diesem Thema hatten wir vor einigen Jahren mal eine Konferenz organisiert unter dem Titel “Sichtbar und einflussreich, ohne sich anzupassen”, ich hatte damals ein Tagungsprotokoll geschrieben, viele der Anregungen finde ich immer noch gut.

Wer Lust hat, das Thema intensiver zu diskutieren: Am 23. November gibt es ein Tagesseminar “Demokratie – aber wie?” der Landeszentrale für politische Bildung Baden Württemberg in Stuttgart, bei dem ich Referentin bin und genau darüber sprechen werde.

(Foto: Deutscher Bundestag/Marc-Steffen Unger)

Lob auf den Mainstream

Der Mainstream wird in diesem Blog öfter erwähnt, und meistens kommt er nicht gut weg: Der Mainstream ist rückständig, stellt Normen auf und bestraft alle, die sich ihm nicht anpassen wollen oder können. Der Mainstream interessiert sich nicht für die wirklich wichtigen Themen, er plappert nach, treibt Säue durchs Dorf, hat Schuppen auf den Augen, zelebriert Klischees, grenzt aus.

Nach vier Tagen in Jerusalem habe ich meine Meinung überdacht. Mir wird langsam klar, dass es einer Gesellschaft gut tut, einen Mainstream zu haben, also ein Spektrum von Meinungen, die irgendwie als „normal“ gelten, als selbstverständlich vorausgesetzt und für „wahr“ gehalten werden.

Nur dann sind nämlich politische Debatten möglich, die das gemeinsame Wohl aller im Blick haben. Der Mainstream ist sozusagen die Folie des Gemeinsamen, von der Einzelne oder Minderheiten abweichen. Die Differenzen, die diese Einzelnen oder Minderheiten markieren, haben zum Ziel, Einfluss auf den Mainstream zu nehmen. Und in der Tat ist der Mainstream ja nicht in Stein gemeißelt, sondern veränderbar. Zum Beispiel hat er sich in Deutschland in den vergangenen Jahren in Richtung Akzeptanz weiblicher Erwerbstätigkeit verändert oder seine Auffassungen zur Homosexualität geändert.

Solche Auseinandersetzungen zwischen Dissident_innen und Mainstream sind meistens schmerzhaft und anstrengend für diejenigen, die in der Minderheit sind – und es ist richtig, auf dieses Ungleichgewicht hinzuweisen und es sich bewusst zu machen – aber sie sind notwendig und sie sind sinnvoll. Der Mainstream sorgt sozusagen für den größeren Rahmen, in dem das Wechselspiel zwischen dem, was mehrheitsfähig ist, und dem, was es nicht ist, überhaupt stattfinden kann. Oder anders gesagt: Die Adressat_innen einer politischen Intervention, die aus der Perspektive einer Minderheit vorgebracht wird, sind letztlich „alle“. Es geht darum, Hegemonie zu erringen, um mit Gramsci zu sprechen.

Hier in Jerusalem gibt es hingegen keinen Mainstream, sondern mehrere partikulare Wahrheiten. Augenfällig aufgeteilt in den drei verschiedenen Quartieren der Altstadt – das muslimische, das jüdische, das christliche Viertel –, augenfällig auch in offensiv vorgetragenen Symbolen, Sprachen, in der Art sich zu kleiden, sodass man einzelnen Menschen sofort ansieht, zu welcher Gruppe sie gehören und zu welcher nicht.

Das führt aber dazu, dass eine politische Intervention im oben genannten Sinn – also als Vorschlag oder Anregung für „alle“ – gar nicht möglich ist. Das Bekenntnis zu einer bestimmten Überzeugung ist nicht mehr der Versuch, Einfluss auf den Mainstream zu nehmen, den es ja nicht gibt, sondern dient in erster Linie der oft sogar nur provokativen Abgrenzung von den Anderen.

Wenn ich in einer Position der Ohnmacht bin (was immer der Fall ist, wenn ich als Einzelne oder kleine Minderheit dem „Mainstream“ gegenüberstehe), kann ich mich nicht auf reines Muskelspiel zurückziehen, denn es ist von vornherein klar, dass ich unterliegen würde. Ich muss also Vermittlungen suchen, muss werben, überzeugen, meine Ideen und Vorstellungen „rüberbringen“ (oder ich werde zur Sekte, was bedeutet, dass ich mich bewusst abspalte vom Rest und aus dieser Abspaltung meine Befriedigung ziehe).

Diese Suche  nach Vermittlungen ist schwierig und anstrengend, aber es besteht immerhin die Chance, erfolgreich zu sein, es besteht die Chance, dass ich tatsächlich andere überzeuge – kraft meiner Argumente, denn andere Möglichkeiten habe ich nicht.

Stehen sich hingegen mehrere mehr oder weniger gleichstarke Gruppierungen gegenüber, ist die Versuchung groß, solche Mittel der politischen Argumentation zu verlassen und stattdessen auf pure Macht zu setzen. Krieg ist oft die Folge, und nicht zufällig.

Gleichzeitig ist es in einer Gesellschaft ohne Mainstream schwer, Selbstkritik zu üben oder innerhalb der eigenen Gruppe eine dissidente Meinung zu vertreten. Steht das doch schnell im Verdacht, den „anderen“ in die Hände zu spielen. Das führt dann dazu, dass die Gesellschaft verstarrt, dass sie sich nicht erneuert, dass sie sich nicht in Frage stellen und vom Anderen befruchten lässt, dass alles letztlich absurd wird.

Dieses Problem besteht zwar innerhalb von Minderheitengruppen in einer „Mainstream“-Gesellschaft auch, und zwar sogar noch verstärkt, aber für die Abweichler_innen besteht dann immerhin die Möglichkeit, sich gewissermaßen in die sicheren Gefilde des Mainstreams hinüberzuretten. In einer Gesellschaft, die in verschiedene feste Gruppen aufgespalten ist, müssen sie hingegen „zur Gegenseite“ überwechseln, was ungleich schwieriger und konsequenzenreicher ist.

Wenn aber Selbstkritik nur noch schwer möglich ist, führt das schnell dazu, dass nicht mehr echte Differenzen ausgetragen werden, sondern Pseudo-Differenzen. Dass Konflikte letztlich nur noch symbolisch aufgeladen sind und nicht mehr real. Denn natürlich gibt es auch in Jerusalem so etwas wie Mainstream, aber der wird ignoriert und nicht wertgeschätzt.

Mainstream scheint hier zum Beispiel zu sein, dass Frauen Kopftücher tragen und fromme Männer Bärte. Aber anstatt zum Symbol einer jerusalemerischen Gepflogenheit zu werden, dient auch dieses eigentlich Gemeinsame faktisch der Abgrenzung voneinander: Es wird viel Mühe darauf verwendet, dass gleich auf den ersten Blick deutlich wird, ob es sich um ein muslimisches, ein jüdisches oder ein christlich-orthodoxes Kopftuch handelt.

Jedenfalls bin ich nach dieser Erfahrung mehr denn je eine Anhängerin des Synkretismus, also der Vermischung von Glaubensinhalten und Kulturen. Denn nur auf diese Weise ist es möglich, aus einer gegebenen Differenz heraus einen neuen Mainstream zu etablieren, also das allgemeine Gute im Blick zu behalten. Faktische Differenzen können zum Beispiel durch Migration entstehen, weil dann plötzlich verschiedene „Mainstreame“ aufeinander treffen. Das führt zu Konflikten, die ausgetragen gehören. Aber die Diskussionen, die sich daraus ergeben, sollten immer zum Ziel haben, ein neues Gemeinsames herzustellen, einen gemeinsamen „Mainstream“ zu finden.

Das bedeutet nicht, dass sich alle auf einen einheitlichen Stil einigen müssen. Es kann auch bedeuten, dass bestimmte Unterschiede angesichts des gewachsenen Gemeinsamen keine so große Wichtigkeit mehr haben, sondern nur noch ein Aspekt des persönlichen Lebensstils sind. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen (und hoffe es), dass die Frage, ob eine Frau Kopftuch trägt oder nicht, in Deutschland bald auf dieser Ebene wahrgenommen wird.

Auf der Ebene eines solchen neu gefundenen Mainstreams können sich dann wiederum andere Differenzen ergeben, die später durch politische Debatten wieder den Mainstream beeinflussen, worauf hin wieder andere Unterscheidungen wichtig werden und immer so weiter. Und so blöde man in einer konkreten Situation den Mainstream auch finden mag – ohne ihn ist keine politisch produktive Gesellschaft vorstellbar.

Für mich persönlich bedeutet das, dass ich auch meine feministische Filterbubble – die ich nach wie vor schätze – von nun an bewusst in diesem größeren Kontext sehe. Die dort herausgearbeiten dissidenten Positionen, die mich/uns in Widerspruch zum Mainstream bringen, sind keine „reine Lehre“, sondern sie bleiben auf den Mainstream ausgerichtet. In anderen Worten: Es genügt mir nicht, Recht zu haben, ich will auch alle anderen davon überzeugen – und gehe dabei bewusst das Risiko ein, dass meine reine Lehre dabei verwässert wird. Dieses Wechselspiel ist es, worauf es ankommt.

Frauen „wissen” weniger von Politik – aber von welcher?

home_coverAnfang Juli machten Meldungen über eine Studie des britischen „Economic and Social Research Council” (ESRC) die Runde. Ausgehend von der schon aus vielen anderen Untersuchungen bekannten Tatsache, dass Frauen überall auf der Welt weniger Faktenwissen über politische Sachverhalte haben als Männer, wollte die Studie untersuchen, ob und wie diese Lücke zusammenhängt mit dem in einem jeweiligen Land erreichten Status an Geschlechtergleichheit.

Das für manche überraschende Ergebnis war, dass es eine deutliche kontra-intuitive Korrelation zwischen beidem gibt, dass nämlich dieser Unterschied umso größer ist, je gleichberechtigter die jeweiligen Gesellschaften sind. Frauen im emanzipationsmäßig vorbildlichen Norwegen, aber auch in UK oder Kanada haben im Vergleich zu ihren männlichen Landsleuten weniger politisches Faktenwissen als Frauen in Ländern mit eher patriarchalen Gesellschaftsstrukturen wie Südkorea, Griechenland, Italien oder Kolumbien. Dass es sich wirklich um eine Geschlechterdifferenz speziell in Bezug auf politisches Faktenwissen handelt, wurde durch Kontrollfragen zu anderen Themen verifiziert, bei denen sich keine solche Differenz gezeigt hat.

Mich hat das Ergebnis nicht so sehr überrascht, denn ich interessiere mich schon länger für die Unterschiede in Bezug auf das, was Frauen und Männer jeweils unter Politik verstehen, wie Frauen und Männer sich Politik wünschen und was ihnen dabei jeweils wichtig ist. So interessieren sich deutlich mehr Männer als Frauen für institutionelle Verfahrensweisen oder Parteikarrieren – man denke nur, jüngstes Beispiel, an die Urwahl der Grünen für ihr Spitzenduo zur Bundestagswahl, wo neben den vier aussichtsreichen Kandidat_innen sich noch zehn weitere Männer zur Wahl aufstellen ließen, aber keine einzige Frau.

Frauen unterscheiden deutlicher zwischen Macht und Politik, gehen seltener und weniger gern den Weg juristischer Auseinandersetzungen, haben ein weniger empathisches Verhältnis zu formalen Politikstrukturen und ihren Ämtern. Und daher ist es meiner Ansicht nach auch kaum verwunderlich, dass sie gerade dort, wo sie nicht mehr so sehr gegen formale und strukturelle Diskriminierung kämpfen müssen, andere Prioritäten setzen. Je größer die Freiheit der Frauen ist, umso weniger sehen sie sich genötigt, sich an einer männlichen Norm orientieren zu müssen, um anerkannt zu sein. Sie beschäftigen sich eben mit den Sachen, die sie wirklich interessieren, und nicht mit denen, für die sie sich unter Gleichstellungsgesichtspunkten interessieren sollten. Und wenn sie sich für institutionelle Repräsentationspolitik nicht so sehr interessieren, wissen sie natürlich auch nicht so viel darüber.

Weil aus den Pressemeldungen aber nicht genau ersichtlich war, wie die Studie aufgebaut war, welche Fragen genau in welchen Ländern überhaupt gestellt wurden, und wie die Ergebnisse im Detail ausgefallen sind, habe ich mir eine umfangreiche Auswertung schicken lassen – was, großes Lob an den ESRC – auch sehr unkompliziert mit einer simplen Mail ging.

Leider war Deutschland nicht dabei, die Studie hat einen starken Fokus auf die anglophonen Länder: Australien, Kanada, USA und UK waren sozusagen das eigentliche Interesse, die anderen Länder dienten vor allem als vergleichende Beispiele. Aus Europa waren Griechenland, Italien und Norwegen dabei, aus Asien Südkorea und Japan, aus Lateinamerika Kolumbien. Kein einziges Land aus Osteuropa und auch keines aus Afrika waren vertreten.

Dass Afrika und Osteuropa gefehlt haben, ist deshalb schade, weil dort noch einmal ganz andere Gesellschaftsstrukturen gerade in Bezug auf das Geschlechterverhältnis vorherrschend sind. Dass Deutschland fehlte, ist schade, weil hier das Setting mit Angela Merkel als Bundeskanzlerin anders ist als in Ländern mit männlichen Regierungschefs. Zumal die Studie einen Zusammenhang ergeben hat, wonach Frauen mehr Faktenwissen über Politik haben, wenn Frauen in der politischen Berichterstattung vorkommen und wenn Frauen Akteurinnen mit politischen Ämtern sind.

Besonders interessant fand ich in diesem Zusammenhang, dass vor allem die “Quality-Papers” (also die großen Zeitungen mit politischem Schwerpunkt) sehr viel mehr Aktivitäten von Männern berichten als Aktivitäten von Frauen, und zwar relativ unabhängig vom Stand der Gleichberechtigung in dem jeweiligen Land. Im Fernsehen hingegen ist das Verhältnis von Frauen und Männern weniger krass verzerrt (wenn auch lange nicht ausgewogen) – allerdings stellt sich dabei natürlich auch noch die Frage, wie Frauen dort gezeigt werden. Jedenfalls geben laut Studie in allen Ländern die Männer einen deutlich größeren Medienkonsum an als die Frauen, und zwar in allen Medien (Zeitungen, Fernsehen, Radio, Internet).

Ich sehe dabei durchaus auch einen Zusammenhang mit der oben erwähnten Geschlechterdifferenz im Bezug auf das, was jeweils unter Politik verstanden wird. In den Medien (und in den Fragen der Studie) steht vor allem das im Fokus, was italienische Feministinnen einmal “zweite Politik” genannt haben, nämlich jene Politik, die die konkreten Kontexte des menschlichen Zusammenlebens in Richtung strukturelle Repräsentationslogik verlassen hat. Die “erste Politik” hingegen findet im Lokalen statt, in Gewerkschaften, Schulbeiräten, Nachbarschaftsinitiativen, Umweltgruppen und so weiter. Aber über diese “erste Politik” wird kaum in den “großen” Medien berichtet, und deshalb wurde nach ihr auch nicht in der ESRC-Studie gefragt, denn die Fragen wurden jeweils landesspezifisch konstruiert anhand dessen, was von den “großen” Medien berichtet worden war.

So entstand natürlich ein feiner Zirkelschluss: Die Medien berichten vor allem über das, was Männer tun und was Männer interessant finden, dann wird das, worüber die Medien berichten, für das relevante Wissen über Politik gehalten und zur Grundlage für Fragen gemacht, die dann – Überraschung! – Männer “richtiger” beantworten als Frauen.

Trotzdem ist aber die Geschlechterdifferenz längst nicht der einzige Faktor, der hier eine Rolle spielt. So ist der Unterschied zwischen den einzelnen Ländern größer als der zwischen den Geschlechtern. Generell über wenig politisches Faktenwissen verfügen Menschen in Amerika, also Kolumbien und USA sowie die Frauen in Kanada (sie beantworteten weniger als 40 Prozent der Fragen richtig), während die Menschen in allen anderen Ländern sowie die kanadischen Männer vergleichsweise eng beisammen liegen (zwischen 40 und 60 Prozent richtige Antworten) und lediglich die norwegischen Männer mit über 70 Prozent richtigen Antworten einen Ausreißer nach oben bilden.

Außerdem gibt es auch eine klare Alterskorrelation: Je älter die Menschen sind, desto mehr politisches Faktenwissen haben sie, wobei dieser Trend bei den Männern stärker ist als bei den Frauen. Man kann also durchaus mit gewissem Recht sagen, dass die “zweite Politik” ein spezielles Interessensgebiet älterer Männer darstellt. (Soziale Unterschiede etwa in Bezug auf Einkommen oder kulturellen Hintergrund wurden nicht gesondert untersucht, sondern nur bei der Auswahl der Befragten auf eine repräsentative Mischung bezüglich der Bevölkerung des jeweiligen Landes geachtet).

Bemerkenswert ist auch, dass der “Alterssprung” hin zu mehr Wissen sich bei den Frauen erst jenseits der 54 Jahre zeigt, während Männer bereits ab 35 Jahren mehr Fragen richtig beantworten. In der Studie wird das damit erklärt, dass Frauen erst in höherem Alter sich politisches Faktenwissen aneignen, was damit zusammenhängen könnte, dass ihnen vorher die zeitlichen Ressourcen wegen Kindererziehung und -betreuung fehlen. Aber ich halte das nicht für den hauptsächlichen Grund, zumal die jüngeren Frauen ja offenbar durchaus Zeit haben, sich über andere Themen zu informieren.

Ich glaube, dass sich hier vor allem kohortenspezifische biografische Erfahrungen niederschlagen. Die Studie war ja keine Langzeitstudie, sondern nur eine Momentaufnahme, das heißt, die Ergebnisse bilden das Politikverständnis und -interesse bestimmter Jahrgänge ab. Die Unterschiede zwischen den Altersgruppen müssen ihre Ursache also nicht im Alter als solchem haben, sondern das höhere politische Faktenwissen älterer Frauen auch in “gleichgestellten” Ländern könnte damit zusammenhängen, dass diese Länder früher, als die betreffenden Frauen jung waren, überhaupt noch nicht gleichberechtigt waren. Erst die jüngeren und mittelalten Frauen sind ja bereits unter den Bedingungen relativ großer Gleichberechtigung aufgewachsen. Daher könnte der von mir vermutete Effekt, dass nämlich Frauen unter gleichberechtigteren gesellschaftlichen Bedingungen sich eher dafür entscheiden, andere Prioritäten und Relevanzkriterien in Punkto Politik zu setzen, eben für die älteren Frauen nur eingeschränkt gelten.

Bei den Männern hingegen hält sich der Charme der “zweiten Politik” auch noch in den mittleren Alterskohorten der 35-54-Jährigen. Erst die noch jüngeren Männer interessieren sich für die Fakten dessen, was institutionellerweise als “Politik” verstanden wird, fast so wenig wie die Frauen.

Die Verantwortlichen der Studie ziehen am Ende auch selbst den Schluss, dass ihr Ansatz eigentlich nicht geeignet war, um das politische Wissen und das Politikinteresse von Frauen zu erfassen, weil sie sich von der ganzen Anlage her eben an dem orientiert haben, was – vor allem ältere – Männer für Politik halten oder ins Zentrum ihres politischen Interesses stellen, und zwar sowohl die Politiker als auch die Journalisten und Redakteure der “quality papers” als auch die normalen Bürger.

Von daher hoffe ich, dass das Vorhaben weiter verfolgt wird, das am Ende der Zusammenfassung der ESCR-Studie skizziert ist, nämlich der jetzigen Untersuchung über ‘männliche’ Politik noch eine über ‘weibliche’ Politik folgen zu lassen:

Women do as well or better than men in answering questions about ‘feminine’ political knowledge such as local social policies that are more relevant to everyday life, or about specific politics pursued by women politicians. In order to track down whether or not national gender equity regimes influence women’s knowledge of ‘feminine’ politics, we would like to revisit this subject and develop a questionnaire that better captures awareness of the political issues that women see as the most important.

Nur dass ich hier eben statt von ‘männlicher’ und ‘weiblicher’ lieber von ‘zweiter’ und ‘erster’ Politik sprechen würde.