Ich finde mich auch zu dick, aber das ist mir egal.

speckollenMaike sagt auf kleinerdrei ihrer Waage Adieu, gleichzeitig wird unter #waagnis ein neues Twitter-Hashtag gestartet, damit alle sich an der Debatte beteiligen, Leah ärgert sich, weil sie vermisst, dass sich bei all dem auf längst zum Thema Gesagtes und Gedachtes bezogen wird und liefert gleich als Service auch eine Linkliste mit.

Ich selbst beobachte die Debatten über Dicksein, Lookism (also Diskriminierung aufgrund des Aussehens) und all das schon seit ich bei Twitter bin mit etwas Verwunderung, denn natürlich sind Körperformen und Schönheitsideale ein uraltes Thema des Feminismus, aber für mich persönlich war das vor dem Internet irgendwie keines.

Heute morgen hatte ich nun die Idee, dass das vielleicht damit zu tun haben könnte, dass mir nicht nur ein feministisch geschult kritisches Verhältnis zu Körpernormen nach jahrzehntelangem Training quasi in Fleisch und Blut übergegangen ist. Sondern dass vielleicht ein weiterer Grund ist, dass ich auch ein unverkrampftes Verhältnis zu der Tatsache habe, dass ich mich selbst – natürlich – zu dick finde. Ich habe sozusagen Frieden damit geschlossen, was mir wiederum den Raum verschafft, meine Aufmerksamkeit anderen Dingen zuzuwenden.

Manchmal, wenn ich mich mal wieder zu dick finde, denke ich zum Beispiel: Ha! Wenigstens etwas, das ich mit anderen Frauen gemeinsam habe. Irgendwie mache ich mich so über mein eigenes Mich-zu-dick-Finden  lustig. Ich habe also kapituliert, kämpfe nicht mehr dagegen an, ich fühle mich halt zu dick, auch wenn ich weiß, dass das totaler Blödsinn ist, aber so bin ich nun mal und so ist die Welt, in der ich lebe.

Das Fiese ist nämlich, dass eine Sache, gegen die man kämpft,  gerade deshalb, weil man dagegen kämpft, nur umso wichtiger wird. Und das ist es auch, was mir an der Aktion des Waage-Wegschmeißens ein paar Fragezeichen verursacht. Möglicherweise könnte nämlich die – völlig richtige – Kritik an Schönheitsnormen dahin umschlagen, dass Frauen sich wieder mal selber schuldig fühlen, diesmal darüber, dass sie das mit dem Sichzudickfühlen einfach nicht lassen können.

Wie gesagt, ich mache ganz gute Erfahrungen damit, mich selber gut zu finden, obwohl ich mich dauernd zu dick finde.

Allerdings weiß ich nicht, ob meine Situation mit der einer Dreißigjährigen von heute vergleichbar ist (ich werde nächstes Jahr fünfzig). Dass es da eine Generationendifferenz geben könnte, wurde mir klar, als ich vor ein, zwei Jahren mal was von irgendeiner Ernährungsberatung gelesen hatte, bei der von Eiweiß die Rede war, und ich fragte auf Twitter kurz in die Runde, ob denn in Eigelb auch Eiweiß drin sei. Eine Endzwanzigerin antwortete mir sinngemäß: Natürlich, sowas wissen junge Frauen heutzutage auswendig.

Also, als ich Endzwanzigerin war, wussten wir sowas nicht auswendig. Wir haben uns in meiner Erinnerung überhaupt sowieso nicht um unser Essen gesorgt, wir haben einfach gegessen, was es gab. Außer denen, die morgens Körner fürs Müsli einweichten. Schon damals fühlte ich mich, wie es eben so Frauenschicksal ist, zu dick (obwohl ich viel dünner war als heute), aber ich wäre nicht auf die Idee gekommen, mich deshalb genauer mit meinem Essen zu beschäftigen. Für sowas hatten wir gar keine Zeit, wir machten Politik und Revolution!

So ist das bei mir bis heute, das Michdickfühlen hat schlicht keine großartigen weiteren Konsequenzen für mein Leben. Ich habe zwar eine Waage, aber ich stelle mich ungefähr einmal im Jahr drauf. In meiner unmittelbaren Umgebung ist niemand, der es wagen würde, mir zu sagen, dass ich zu dick bin. Manchmal finde ich mich im Fitnessstudio beim Umziehen zu dick, und dann denke ich, ist doch klasse, damit gebe ich den jungen Frauen hier wenigstens ein gutes Beispiel. Aber natürlich wäre ich trotzdem lieber dünner.

Manchmal denke ich, ich könnte gesünder essen, ganz manchmal probiere ich das sogar mal für zwei, drei Tage aus, aber dann habe ich einfach keine Zeit mehr, mich damit intensiv zu befassen, weil ich soviel anderes lieber machen will. Ja, ich fühle mich dick, aber das war’s dann auch. Ich habe nicht mal Lust dazu, mich darüber zu ärgern, dass ich mich dick fühle, und schon gar nicht will ich mich anstrengen, um daran was zu ändern. Und das ist eigentlich mein größtes Erstaunen, wenn ich Texte im im Netz darüber, wie etwa den von Maike, lese: Nicht, dass so viele Frauen sich dick fühlen, sondern wie wichtig das Thema offenbar tatsächlich in ihrem Alltag ist.

Natürlich sind Auseinandersetzungen über die Funktionsweisen von Abwertung und Diskriminierung gegenüber Menschen, die aus der Körpernorm fallen, sehr wichtig. Aber ob es wirklich gut ist, dass sich jetzt jede einzelne Frau mit ihrem Sichzudickfühlen auseinandersetzt? Ich weiß nicht.

Sue Reindke hat einen interessanten Text darüber geschrieben, wie es häufig schon die kleinen Bemerkungen sind, mit denen Frauen sich gegenseitig das Leben schwer machen. Das ist es, was wir tun müssen: Solche Bemerkungen nicht mehr machen und auch nicht mehr akzeptieren, wenn sie in unserer Gegenwart gemacht werden.

Aus meiner Sicht stellt sich jedenfalls die  Frage: Ist wirklich das Sichdickfühlen als solches das Problem, oder dass das Thema im Vergleich zu anderen Dingen so eine Bedeutung im Alltag bekommt? Liegt nicht darin, dass man das dauernd reflektiert, wenn auch in kritischer Absicht, vielleicht die Gefahr, dass das Thema Körpernormen noch mehr Bedeutung bekommt? Weil man sich zwar kritisch, aber eben dennoch dauernd mit dem eigenen Körper und seinem Verhältnis zu gesellschaftlichen Blicken beschäftigt – anstatt eben mit etwas anderem?

Das sind keine rhetorischen, sondern wirkliche Fragen.

Morgens vorm Spiegel

Nachdem die von Journelle ungeplant angestoßene Bilderaktion unter dem Hashtag #609060 bei Instagram schon in einigen Blogs und später auch in den online-Portalen von Spiegel und Stern diskutiert worden ist, habe ich doch noch ein bisschen Senf dazu zu geben.

Für diejenigen, die es eventuell nicht mitbekommen haben: Da posten viele Frauen und ein paar Männer Bilder von sich, auf denen zu sehen ist, was sie anhaben, in welcher Kleidung sie aus dem Haus gehen. Als ich das erste Mal davon gelesen habe, hatte ich sofort Lust, mitzumachen, ohne groß darüber nachzudenken.

Es gab dann einige bedenkenswerte Kritik, etwa von Anke Groener und von der Mädchenmannschaft, die darauf hinweisen, dass es natürlich eine Illusion ist, auf diese Weise gänzlich aus den Normierungen weiblicher Körper auszubrechen, und dass eben nicht „einfach so alle mitmachen“ können. Der Einwand ist richtig und wichtig.

Ich hatte nach der Lektüre aber trotzdem noch Lust, mitzumachen. Und zwar weil ich glaube, dass diese merkwürdige Praxis, sich morgens vor dem Spiegel zu vergewissern, wie man aussieht, auf welche Weise man den eigenen Körper in die Öffentlichkeit bewegt, eine wichtige Kulturpraxis ist.

Meine These ist, dass sich der Erfolg dieser Aktion und die Lust von so vielen, sich daran zu beteiligen – mehr Frauen als Männern –, nicht in erster Linie der Wunsch ist, gegen Körpernormierungen zu protestieren (dazu wäre die Aktion nämlich in der Tat nicht gut geeignet), sondern dass etwas anderes dahinter steckt: Der Wunsch, sich der Bedeutung von Schönheit zu vergewissern – und der Spaß daran, diese persönliche Auseinandersetzung mit Schönheit auch öffentlich zu dokumentieren und das Ergebnis mit anderen zu auszutauschen.

Das Thema hat mich wohl auch deshalb angesprungen, weil ich mich im April bei einem Denkwochenende mit politischen Freundinnen genau über dieses Thema ausgetauscht habe: Darüber nämlich, wie unser Aussehen, die Kleidung, die wir tragen, etwas damit zu tun hat, wie souverän, frei und selbstbewusst wir in der Öffentlichkeit auftreten.

Unser Thema war, wie Frauen in der Welt sichtbar und einflussreich sein können, ohne sich anzupassen. Und dabei ist die Frage des Aussehens – oft belächelt und für nebensächlich erklärt –eine ganz wichtige. Wir haben dafür das Bild der „fünf schönen Königinnen“ gefunden, in dem die drei Komponenten dessen benannt sind, was eine Frau, die in der Welt etwas bewirken will, braucht: Sie darf nicht allein sein, sie muss schön sein, und sie muss souverän sein (in dem Sinne, dass sie ihrem eigenen Urteil vertraut und nicht in erster Linie anderen gefallen will).

Ich finde tatsächlich, dass das ein politisches Thema ist, das natürlich die Geschlechterdifferenz unmittelbar berührt. Menschen, die sich in ihrem Körper und mit ihrem Erscheinungsbild wohlfühlen, sind selbstbewusster, mutiger, eher bereit, Konflikte auszuhalten und für ihre subjektiven Ansichten einzustehen. Die Wahl der Kleidung kommuniziert Dinge, Standpunkte, Werthaltungen – und es gibt guten Grund, das nicht für unwichtig und nebensächlich zu halten, sondern zu reflektieren, individuell und politisch, also im Austausch mit anderen.

Die Bedeutung der Schönheit in der körperlichen Selbst-Präsentation war auch der männlichen Tradition lange bewusst (man denke nur an Schmuck und Kleidung von Königen, Stammesführern, Priestern), aber mit der Aufklärung haben die Männer für sich die Uniform erfunden, die dieses Thema überflüssig macht: Alle ziehen dasselbe an, ein Zeichen für Gleichheit ebenso wie klare äußerliche Zeichen für die eigene Position in der Hierarchie – je nachdem, wie viele Streifen auf der Jacke sind, ist man General oder einfacher Soldat. Überflüssig zu sagen, dass auch Anzug und Krawatte eine Uniform sind. Uniformen sind die Kleider der Machtstrukturen, individuelles Outfit ist die Kleidung der Politik (denn Macht und Politik sind ja nicht dasselbe).

Dieses Thema hat viele interessante Aspekte: Zum Beispiel das Phänomen, dass Schönheit in diesem Sinne schwer zu wiederholen ist: Die Klamotte, mit der ich mich gestern super gefühlt habe, geht heute aus irgendwelchen Gründen überhaupt nicht. Oder dass Schönheit sich auf der Grenze zwischen Individualität und Allgemeinheit abspielt: Weder kann ich, wenn ich schön sein will, einfach das nachmachen, was alle tun (diese ganzen, der Norm perfekt entsprechenden Körper aus den Modejournals sind in diesem Sinne nicht schön, wie ich finde, sondern banal), noch kann ich total aus der aktuellen Mode oder den jeweils herrschenden Sehgewohnheiten ausbrechen. Ich muss dazwischen herumbalancieren. Außerdem ist die Klamotte eine Weise, mich zu den Orten, an die ich aufbreche, und den Menschen, denen ich dort begegne, in Beziehung zu setzen: Je nach Gelegenheit wähle ich etwas anderes. Der Blick in den Spiegel, bevor ich das Haus verlasse, bringt all diese Punkte intuitiv zusammen. Es gibt keine klaren Regeln, an denen ich mich orientieren kann – ich weiß nur, dass es wichtig ist, dass ich „schön“ bin, dass ich das brauche, um mich gut zu fühlen und mein Begehren in die Welt zu tragen.

Mir gefällt es, dass diese kulturelle Praxis mit der #609060- Aktion einen sichtbaren Ausdruck gefunden hat. Und ich würde mich freuen, wenn wir in diesem Umfeld noch mehr herumexperimentieren, das reflektieren und uns darüber austauschen. Wissend, dass wir gegen dieses bekloppte Norm-Dingens selber nicht gefeit sind und dass wir Gefahr laufen, dass es uns dabei immer wieder in dabei in die Quere kommt.

Viva il Kitsch: Jeff Koons, Kunst und Brüste

Jeff Koons: Poodle, 1991 (Made in Heaven) – Farbig gefasstes Holz, 58,4 x 100,3 x 52,1 cm – © Jeff Koons

Ich gehe sehr, sehr selten in Kunstausstellungen, weil mich meistens die Leute und das Ambiente nerven. Dabei mag ich Kunst, aber ich mag keine Museen, keine Vernissagen, keine Kunstbeflissenen. Man darf nix anfassen, man darf nicht lachen – ernsthaft nicht.

(Vor einigen Jahren ging ich mit zwei Bekannten aus Brasilien ins Städel, Kunststudentinnen von einer kleinen Uni im Nordosten. Sie hatten noch nie die Gelegenheit gehabt, die ganzen Berühmtheiten mal im Original zu sehen. Entsprechend fröhlich aus dem Häuschen liefen sie durch die Räume des Städel und waren ganz begeistert und riefen Oooohs und Aaaahs. Solange bis ein Wächter kam und sagte, wir sollten uns doch gefälligst angemessen benehmen. Meiner Meinung nach waren die zwei die einzigen gewesen, die sich angemessen benommen hatten, aber okay.)

Als große Freundin des Kitsches konnte ich jedoch nicht anders, als heute die Jeff Koons-Ausstellung anzuschauen, beide Teile, erst die Skultpuren im Liebieghaus, dann die Bilder in der Schirn, und ich fand beides großartig. Ich mag es laut und bunt und glitzernd. Ich konnte es mir auch nicht verkneifen, einen der Hulks anzufassen, die nämlich aussehen wie aufgeblasene Plastikpuppen, aber aus Stahl sind. Man MUSS das angefasst haben, um es zu glauben. Ebenso wie man die ganzen Bilder und Skulpturen in Echt gesehen haben muss, die Abbildungen in Katalogen und auf Internetseiten sind nicht mal ein Abklatsch, eher eine Irreführung.

Bei all dem haben mich sogar nicht mal die vielen nackten Brüste gestört – über Jeff Koons als Erotomanen und die Ausstellung überhaupt hat übrigens Melusine Barby auf den Gleisbauarbeiten bereits Kluges gebloggt.

Ich finde ja die männliche Faszination für Brüste schon immer eher skurril, und als Jugendliche war mir dieser männliche Blick sehr unangenehm, weil er ja auch auf mich gerichtet war. (Als meine Brüste anfingen zu wachsen, Ende der Siebziger, gab es noch diese Kultur der post-68er-Direktheit, sodass zum Beispiel ein Nachbar, der mich auf der Straße traf, zu mir als Dreizehnjähriger sagen konnte: “Na, dein Busen ist ja schon richtig gut zu sehen”. Und ein älterer Junge an der Schule erlaubte mir den Zutritt zur Clique der Älteren allen Ernstes mit dem Argument, dass meine Brüste ja schon so schön groß seien.)

Sagen wir so, ich habe es überlebt, und im Lauf der Zeit stumpft man da ja auch ab. Allerdings kann ich es mir nicht verkneifen, Männer, die auf Busen starren, für ein bisschen gaga zu halten. Ebenso wie Künstler, die ihre Frauendarstellungen oben oder unten abschneiden, Hauptsache, die Brüste sind mit drauf. Dass es an der Erinnerung an die Nahrung spendende Mutterbrust liegt, kann ich nicht so recht glauben, denn diese Erinnerung habe ich ja nun auch, aber trotzdem gefallen mir an Menschen eher andere Körperteile, Arme oder Oberschenkel zum Beispiel. Wäre ich Künstlerin, würde ich lauter Arme und Beine modellieren.

Von daher werdet Ihr euch jetzt sicher nicht wundern, wenn ich  verrate, dass mir in der ganzen Ausstellung Popeye am besten gefallen hat. Nicht nur wegen der Arme, sondern auch wegen dem Glänzen und der Farben.

Und noch etwas hat mich sehr amüsiert. Nämlich diese kunstbeflissene Dame, die direkt hinter uns die Ausstellung verließ und ihrem Unmut Luft machte: “Nie geht jemand ins Liebieghaus, aber bei diesem Käse kommen die in Massen her”. Ja, so sind wir, banausisch und fröhlich! Und wir lieben, wenn etwas SCHÖN ist!

PS: Dass ich hier nur einen Pudel abbilden kann, liegt an der Pressefotoauswahl.

Intimrasuren und Schönheits-OPs an der Vulva

Gerade las ich von einem WDR-Bericht über einen (angeblichen?) Trend unter jungen Frauen zu Schönheits-Operationen an der Vulva. Ein Hauptproblem für sie scheint es zu sein, dass die inneren Schamlippen bei erwachsenen Frauen häufig länger sind als die äußeren. Während Vulva-OPs wohl noch eher selten sind, entnehme ich dem Beitrag (und das trifft sich mit meiner eigenen Anschauung aus den Umkleidekabinen des Fitness-Studios), dass Intimrasuren unter jüngeren Frauen heute bereits völlig normal sind, und Behaarung im Genitalbereich als eklig und unhygienisch gilt.

Das Thema Schönheit interessiert mich schon länger (siehe z.B. hier), und zwar weil Schönheit die Wechselwirkung zwischen Selbst- und Fremdbild betrifft, mit dem Sich-selbst-einordnen in gesellschaftliche Strukturen und insofern etwas mit Beziehungen zu tun hat.

Man könnte ja nun kulturpessimistisch daherkommen und Schönheits-OPs an der Vulva einfach als (evtl. etwas übersteigerten) Ausdruck zunehmender gesellschaftlicher Normierung von Frauenkörpern begreifen. Gewissermaßen als auf die Spitze getriebene Fortentwicklung von Dünnseins-Normen und Bein- und Achsel-Rasuren.

Mir persönlich gehen Schönheits-Normen für Frauenkörper (oder besser: Akzeptabilitätsdefinitionen, die man erfüllen muss, um sich in der Öffentlichkeit zeigen zu können) schon immer auf die Nerven, vor allem, weil sie so viel Arbeit machen. Ich halte mich aber so weit wie nötig daran, weil ich ja auch irgendwie einsehe, dass man sich kämmen und ordentlich anziehen sollte, bevor man auf die Straße geht. Und weil das, was als “normal” gilt, sich immer verändert und Ausdruck allgemeiner Trends ist, habe ich es seit längerem aufgegeben, mich darüber allzu sehr aufzuregen und halte mich der Einfachheit halber an die Norm. Soweit es eben sein muss.

Allerdings finde ich, dass es zwischen Beinhaar-Rasuren und Intimrasuren (oder gar Vulva-OPs) einen gewichtigen Unterschied gibt: Meine nackten Beine sehen im Sommer alle Menschen, denen ich in der Öffentlichkeit begegne. Ich kann es also in gewisser Weise akzeptieren, dass ich mich hier anpasse und ein bisschen Aufwand für mein äußeres Erscheinungsbild betreibe. Meine Vulva sehen im Allgemeinen aber nur sehr wenige Leute. Und für die wenigen erscheint mir der Aufwand doch unverhältnismäßig hoch. Versteht ihr, was ich meine?

Das, wovon ich vorhin schrieb – die Wechselwirkung zwischen Selbstbild und äußerem Bild, die Beziehung der Einzelnen zur Gesellschaft – ist nicht das, worum es bei Intimrasuren und Vulva-OPs geht. Hier geht es um die Beziehungen zwischen einer Frau und ihren (potenziellen) Sexpartnern und -partnerinnen. Also um den privaten, intimen Bereich. Eine Frau, die sich nicht die Vulva rasiert, geht nicht die Gefahr einer öffentlichen Stigmatisierung ein, weil ungefähr 99.9 Prozent aller Menschen, die sie trifft, ja gar nicht wissen, ob sie rasiert ist oder nicht.

Nicht mit gesellschaftlicher Akzeptanz haben wir es hier also zu tun, sondern mit intimbeziehungsmäßiger Akzeptanz. Ich finde das einen sehr wichtigen Unterschied.

Charlotte Roche hat in ihrem neuen Buch Schoßgebete ja sehr anschaulich beschrieben, welchen Aufwand es bedeutet, Intimrasur  zu betreiben. Aber auch für sie gehört das inzwischen zum guten Ton (und, der Gleichberechtigung sei es geschuldet, betreibt der emanzipierte Mann von heute das offenbar auch – Frage in die Runde: Ist das so?). Im Prinzip sagt sie, dass Frauen, die nicht bereit sind, sich hier was von Pornos abzuschauen, sowieso selbst schuld sind, wenn sie keinen guten Sex haben und von ihren Männern verlassen werden.

In der Tat ist die Hauptmotivation ihrer Hauptfigur Elizabeth die Angst, von ihrem Mann (der fast schon, neben der Therapeutin, als ihr Erlöser geschildert wird), verlassen zu werden. Ich weiß nicht, aber ich stehe auf dem Standpunkt: Ein Mann, der mich verlassen will, ist eh nicht der Richtige für mich. Soll er dann doch.

Es ist ja wohl nicht so, dass Männer, die mit mir zusammen sind, mir damit einen Gefallen tun. Mindestens genauso sehr tue ich ihnen einen Gefallen. Ich halte nichts von dem Konzept, dass man sich über Gebühr anstrengen muss, um für den Beziehungspartner (die Beziehungspartnerin) attraktiv zu sein. Ich halte eher was von dem Konzept, dass sich diejenigen Leute beziehungsmäßig zusammentun sollten, die sich ohnehin gegenseitig gefallen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich verstehe nicht so ganz, was hier vor sich geht, in Frauen-, Männer-, Sex- und Beziehungsfragen.

Früher, vor der Frauenbewegung und der Emanzipation, hatten Frauen immerhin einen handfesten Grund, Angst davor zu haben, von ihren Männern verlassen zu werden. Das bedeutete für sie nämlich, dass sie kein Geld mehr hatten, gesellschaftlich geächtet wurden, dass sie ihre Kinder verloren, sofern welche da waren. Heute ist das alles nicht mehr so. Woher also die verzweifelte Angst, verlassen zu werden?

Gleiches gilt für den Druck der anderen Frauen. Schon immer war es der Vergleich mit den anderen Frauen, der eine Frau dem Druck aussetzte, sich innerhalb gesellschaftlicher Frauennormen zu bewegen. Die anderen Hausfrauen kontrollierten die Sauberkeit der Fenster, die Konkurrentinnen auf dem Ehemarkt die äußerliche Attraktivität, und heute kontollieren die anderen Frauen in der  Umkleidekabine (oder Autorinnen wie Roche) den Enthaarungsgrad der Vulva. Das ist nichts Neues.

Aber auch dieser Druck müsste doch eigentlich abgenommen haben, da es doch die “eine” normale Frauenrolle längst nicht mehr gibt und ich heute unter einer Vielfalt aus Frauenszenen auswählen kann. Warum also funktionieren diese Normierungen nach wie vor?

I simply don’t get it.

Auch zum Thema: Postfeministische Maskerade

 

 

 

 

Und hier noch ein aktueller Artikel aus der SZ

 


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Schlipsmänner. Ein Modeblogpost.

© danielschoenen - Fotolia.com

Manche Geschichten brauchen definitiv zu lang, um in meine Timeline zu gelangen, da besteht noch Verbesserungsbedarf. Die Meldung vom Schlipsstreit im Bundestag erreichte mich nämlich erst heute via Süddeutsche, obwohl der Spiegel und der Freitag schon am 20. Januar darüber berichtet hatten, und die Linke in einem Blog die Angelegenheit sogar schon am 17. Dezember bekannt gemacht hatte.

Es geht darum, dass aus der CDU irgendwann letztes Jahr die Anweisung erging, Schriftführer müssten in Ausübung ihres Amtes im Bundestag Schlipse tragen, damit die “Würde des Hauses” gewahrt bleibe. Und dass sich die Abgeordneten Andrej Hunko (Linke) und Sven-Christian Kindler (Grüne) – Applaus für sie an dieser Stelle! – weigerten, selbiges zu tun, und damit die Angelegenheit “hochgekocht wurde”, wie sich der Spiegel süffisant ausdrückt.

Dieser Fall sieht erstmal nach Pillepalle aus, aber er ist aus mehreren Gründen bemerkenswert: Nicht nur, weil deutlich wird, dass die Medien ein Thema offenbar erst dann aufgreifen, wenn es nicht nur die Linken, sondern zumindest auch die Grünen unterstützen. Nicht nur, weil es zeigt, wie verkommen das demokratische Verständnis bei den sich selbst “bürgerlich” nennenden Parteien bereits ist (oder wieder ist), die offenbar die Besetzung parlamentarischer Gremien mit der Besetzung von Aufsichtsräten verwechseln. Nicht nur, weil die SPD auch noch Verständnis für diesen Rückwärtsmarsch in den Mief der fünfziger Jahre hat. Und nicht nur, weil die ganze Armseligkeit dieser institutionellen Art, “Politik” zu machen, hier deutlich wird.

Ich finde diesen Fall auch interessant, weil die Mechanismen der “Integration” von Frauen in traditionell exklusiv für Männer vorgesehene politische Institutionen hier schön anschaulich werden, sowohl was ihre Möglichkeiten für Veränderungen betrifft, als auch deren Grenzen.

Denn auch wenn die Grünen dieses symbolische Politikfeld “Kleidungsnormen in politischen Gremien” mit ihrem legendären “Turnschuhminister Fischer” besetzt haben – für die Jüngeren: Joschka Fischer hatte 1985 bei seiner Vereidigung als erster grüner Minister Turnschuhe getragen und damit ein allgemeines Rauschen im Blätterwald verursacht – so ist der eigentliche Konfliktpunkt ja die Frage, was Frauen anziehen, wenn sie in männliche Gefilde Einzug halten.

Der Schlips (als integrativer Bestandteil des Ensembles “Anzug”) steht für ein politisches männliches Selbstverständnis, nämlich die “Gleichheit”. Anzüge in dunklen Farben, die alle Herren gleich aussehen ließen, waren ein in der Tat “bürgerlicher” Dresscode, der sich von den bunten, glitzernden, heute würde man sagen tendenziell “tuntigen” und dekadenten Dresscodes des Adels abgrenzte.

Interessant dabei ist, dass Frauen gerade deshalb keine Anzüge tragen durften, bzw. es ein Riesenskandal war, wenn sie es taten. Frauen hatten mit ihren breiten Tüllschichten und den bunten Farben, den glitzernden Pailletten und samtenenen Bändchen im Bürgertum gerade weiterhin “adelig” auszusehen, um so ihren von den männlichen Aufklärern dekretierten Ausschluss aus dem Bereich der Politik augenfällig zu machen. (Als ich für meine Diss über das 19. Jahrhundert recherchierte, brauchte ich eine ganze Weile, um zu verstehen, was eine “Putzmacherin” eigentlich genau machte, und vor allem warum es für diesen typischen Frauenberuf einen so ungeheuer großen Bedarf gab: Aber es wurden offenbar wahre Unmengen von Perlen, Bändern und sonstigem Krimskrams benötigt, um diesen weiblichen Anti-Anzug-Dresscode zu befriedigen).

Der Freitag weist in seinem Beitrag zur aktuellen Schlipsaffäre dankenswerter Weise darauf hin, dass es einen Skandal auslöste, als die SPD-Abgeordnete Lenelotte von Bothmer 1970 zum ersten Mal in einem Hosenanzug den Bundestag betrat. Das waren noch die Nachwirkungen dieses symbolischen Szenarios, die Aufregung kam daher, dass Bothmer qua Hosenanzug ihre Teilhabe am bürgerlichen Männer-Dresscode behauptete. Heute ist der Hosenanzug  bekanntlich das oberkonventionellste Businesswomen-Kleidungsstück, das man sich nur denken kann. Die Verbürgerlichung der Frauen ist abgeschlossen.

Aber das ist bloß Emanzipation und nicht weibliche Freiheit.

Mich interessiert, ob es in diesem Ganzen auch positive Aspekte gibt. Und die sehe ich durchaus, und zwar darin, dass es die “bürgerlichen Parteien” nicht wirklich fertig bringen, einen definitiven Dresscode für Frauen festzulegen. Dass etwa die Schriftführerin Agnes Alpers (Linke) als Ersatz für die abgewiesenen “unbürgerlichen”, weil schlipslosen Männer mit einem knallroten Schlips auf der erwürdigen Bank Platz nahm, dagegen konnte keiner was sagen. Nicht nur aus Höflichkeit oder Unsicherheit, sondern weil Alpers als Frau gewissermaßen in einer anderen Liga spielt. Oder besser: Nicht in einer anderen Liga, sondern sie spielt ein ganz anderes Spiel.

Im Schlipsstreit geht es nämlich um einen Diskurs über Männlichkeitsbilder: Turnschuhträger gegen Krawattenheinis. Die Krawatte ist ein Distinktionsmerkmal, um “diese Männer” von “jenen Männern” zu unterscheiden – dieser Streit wird alltäglich an zahlreichen Arbeitsplätzen ausgetragen, jedenfalls wenn ich den Männern in meinem Bekanntenkreis glauben kann – hier geht es um soziale Hierarchien innerhalb eines männlichen symbolischen Systems und einen Konflikt darüber, wer ein “richtiger Mann” ist und wer nicht.

Die Frauen stehen bei diesem Streit etwas daneben. Sie sind nicht mehr, wie früher, ganz draußen, aber sie sind auch nicht ganz drin, ihre Differenz ist eher wie phasenverschoben. Was die Männer betrifft, so gibt es klare Anweisungen – Schlips -, was die Frauen betrifft, bleibt das “Angemessene” nebulös. Und das ist auch gut so, denn der Streit zwischen bürgerlichen und unbürgerlichen Männern ist nicht unserer. Auch wenn ich persönlich ganz klar auf Seiten der Anti-Schlips-Fraktion stehe und diese nach Kräften unterstützen würde. Aber ich bin von diesem Streit nicht betroffen.

Frausein bedeutet schlipsfrei sein, könnte man auch sagen, eine Frau ist schlipsfrei auch dann, wenn sie einen trägt, wenn Ihr versteht, was ich meine. Und diese Freiheit politisch fruchtbar zu machen, darum geht es. Das neue Buch von Luisa Muraro, so habe ich kürzlich gehört, soll den Titel tragen: “Vom Glück, als Frau geboren zu sein”. Genau. Nicht in diese alten Streitigkeiten unter Männern verwickelt zu sein macht uns frei, über das Patriarchat hinaus zu denken, an einer postpatriarchalen Welt zu arbeiten.

Inwiefern das innerhalb dieser desolaten Strukturen der offiziellen Politik überhaupt noch möglich ist, weiß ich nicht. Aber wenn ich Schriftführerin wäre, dann würde ich mir wohl einen Spaß daraus machen, die Grenzen des für eine Frau Möglichen auszutesten: Wie kurz darf der Rock sein, um “unangemessen” zu werden – wahlweise auch wie wallend, wie lila, wie schrill gepunktet? Und mit welchen Peinlichkeiten würde da argumentiert werden? Würden sie am Ende ins Stottern geraten und rot werden?

Vor allem würde ich wahrscheinlich total spiralige, karierte, gestreifte Kleidung anziehen. Damit die Kameras damit ein echtes Problem haben.


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Postfeministische Maskerade

© SyB - Fotolia.com

Seit längerem schon wundere ich mich über Frauen (es sind übrigens bei weitem nicht nur jüngere), die sich eine so unglaubliche Mühe mit ihrem körperlichen Aussehen machen. Die in nach zwei Stunden Training in der Umkleide noch mal eine Stunde für Haare machen und Schminken dranhängen. Die morgens freiwillig eine Stunde früher aufstehen, weil sie ohne entsprechendes „Styling“ nicht auf die Straße wollen. Die immer auf die leckersten Nachtische verzichten oder wenn nicht, dann wenigstens am nächsten Tag auf das Frühstück weglassen. So viel Mühe, so viel Selbstdisziplin – für was?

Nicht, dass das so neu wäre. Im Gegenteil, es kommt mir total alt vor. Geradezu ein Deja-vu. Auch schon bei meiner Mutter hat mich das immer gewundert. Sicher, sie machte damals, in den 1970ern, andere Sachen, sie schminkte sich weniger, dafür toupierte sie ihre Haare in einzelnen Strähnen, aber der Zeitaufwand war ähnlich immens. Und auch das Ergebnis – Minirock und Stöckelschuhe (damals in der Variante Platteau).

Meine Vorliebe für Jeans-Shirts-Boots-Kleidung hat sicher auch was mit Protest gegen diese Art von „Weiblichkeit“ zu tun, die meine Mutter repräsentierte, und die mir viel zu umständlich war. Nicht, dass das besonders originell von mir gewesen wäre. In den Achtzigern galten fast allen meiner Freundinnen die Frauen mit ordentlich frisierten Haaren als Spießerinnen. Die These der damaligen Feministinnen, dass Stöckel und mühsam hergerichtete Sexyness ein Ausdruck von Frauenunterdrückung wären, erschien uns höchst plausibel. Zumal es auch genau das war, was meine Mutter predigte: „Wer schön sein will, muss leiden” – von wegen! Und ich behielt recht. Ihre Prophezeiung: „Wenn du so rumläufst, findest du nie einen Mann!“ ist ja nicht eingetroffen. Ich bin sogar der Meinung, dass ich bessere Männer gefunden habe, als einer Minirock-Antje je über den Weg gelaufen wären.

Aber jetzt machen sich die 16-jährigen Töchter meiner Freundinnen wieder genauso zurecht wie damals meine Mutter. Sie verbringen wieder Stunde um Stunde im Bad, statt vernünftige Dinge zu tun wie beispielsweise die Welt retten. Das war jetzt ein kleiner ironischer Schlenker, um deutlich zu machen, dass ich mir der ambivalenten Bedeutungen meiner eigenen Wahl bzw. der meiner Generation durchaus bewusst bin. Aber trotzdem frage ich mich: Warum nur?

Eine schöne Vokabel dazu fand ich in einem Buch, das ich gerade lese, „Top Girls“ von Angela McRobbie. Sie nennt das Phänomen „postfeministische Maskerade“. Ihre These ist, dass die Geschlechterstereotype, die der Feminismus so grundlegend durcheinander gebracht hat, sich heute wieder schlagkräftig Bahn brechen. McRobbies Analyse des Phänomens ist vorwiegend pessimistisch. Sie sieht darin eine besonders perfide Variante eines Backlash, der das Ziel hat, den Feminismus abzuwickeln und seine grundlegenden Errungenschaften wieder rückgängig zu machen. Das Perfide liege darin, dass feministische Ideen quasi augenzwinkernd aufgenommen und dann ad acta gelegt werden: Frauen von heute haben es ja (der Frauenbewegung sei Dank) nicht mehr nötig, sich sexy zu machen, weil sie ja längst eigenes Geld verdienen und alles dürfen und können. Umso deutlicher sagt ihre Weiblichkeits-Maskerade daher: Ich mache das freiwillig!

Die heutigen Inszenierungen von klischeehafter Weiblichkeit wären also, so McRobbie, nicht etwa eine Gegenposition zu dekonstruktivistischer Hinterfragung von Geschlechterrollen, sondern gerade ihre Affirmation. Nach dem Motto: Na klar ist das alles konstruiert und performed, also können wir doch umso dicker auftragen (im wahrsten Sinn des Wortes). Das würde zumindest erklären, warum „natürliche Weiblichkeit“ heute kein erstrebenswertes Ziel mehr ist, wie es noch zu Zeiten meiner Mutter teilweise war. Damals musste eine Frau sich zwar „zurechtmachen“, aber es durfte auch nicht allzu künstlich oder nuttig wirken. Heute sind der Selbst-Modellierung keinerlei Grenzen mehr gesetzt. Wir wissen ja, dass es Natürlichkeit eh nicht gibt.

Ist also die erneute Bereitschaft so vieler Frauen, sich unbequem zu kleiden und jede Menge Zeit aufzuwenden, nur um „sexy“ auszusehen (das schreibe ich in Anführungszeichen, weil ich das Wort eigentlich unpassend finde, denn schon viele Männer haben mir versichert, sie fänden das gar nicht sonderlich erotisch, aber mir fällt grade kein besseres ein) – ist dieser Aufwand also nur eine gemeine Mainstream-Strategie zur Unterbutterung feministischer Errungenschaften?

Auch wenn an McRobbies These sicherlich vieles wahr ist (und die Verteidigerinnen der heutigen Porno-Ästhetik sollten ruhig mal in diese Richtung nachdenken), so hat das Ganze aus meiner Sicht auch noch eine andere Seite. Was dabei nämlich übersehen wird ist, dass unsere Kultur noch eine andere Traditionslinie für Weiblichkeit kennt: nämlich die „ungeschminkte“ Frau, diejenige, die genau das Gegenteil von sexy sein will. Quasi die westeuropäische Variante der muslimischen Kopftuchträgerin.

Dies wurde mir bei der Lektüre des neuen Buches von Dorothee Markert noch einmal klar, die in „Lebenslänglich besser“ die kulturellen Einflüsse des Pietismus herausstellt, also einer bestimmten Art christlicher Frömmigkeit, die in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert sehr einflussreich war. Pietistische Frauen (und auch Männer) widmeten sich ganz dem gottesfürchtigen Leben, und dazu gehörte, dass sie einfache und bequeme Kleidung trugen, sich nicht schminkten und alles taten, um keine erotischen Reize auszusenden.

Die andere Seite der „Hure“, die ihren Körper dem männlichen Begehren auf dem Präsentierteller serviert, war in unserer Kultur schon immer die „Heilige“, die ihren Körper möglichst versteckte. (Und, aber das an dieser Stelle nur nebenbei: Diese Geschichte ist meiner Ansicht nach eine wesentliche Ursache des derzeitigen Hasses auf die muslimische „Verhüllung“ des Frauenkörpers: ganz nach dem Motto, dass die größten Kritiker der Elche früher selber welche waren).

Diese andere Definition von „keuscher“ Weiblichkeit ist ebenso frauenfeindlich wie die „pornografische“ Weiblichkeit, sozusagen die andere Seite der Medaille. Sie ist, wie Markert sehr überzeugend nachzeichnet, auch keineswegs auf christlich-fundamentalistische Zirkel beschränkt, sondern fast nahtlos in Teile der sozialistischen und studentischen 68-er-Bewegungen hinübergewandert: Stichwort Maojacke. Auch in diesen Szenen war eine gute Frau eine, die ihre persönlichen, privaten, gar sexuellen Ambitionen für die „gute Sache“ zurückstellte, die ganz im Kampf der Bewegung aufging und all den „Frauenkram“ wie Schminke und Mode hinter sich ließ. Und, keine Frage: Insofern die Frauenbewegung der 1970er Jahre aus der Studentenbewegung hervorgegangen ist, blieb auch sie von diesen Gedanken nicht unberührt.

Die Lösung des Problems liegt, wie so oft, nicht in einem Entweder-Oder. Frauenkörper unsichtbar zu machen, weil man in der öffentlichen Sichbarkeit von Weiblichkeit eine Gefahr für die Revolution (oder den Glauben) wittert, ist ebenso falsch wie die postfeministische Illusion, man könne die Pornografizierung des öffentlichen Blicks auf den Frauenkörper dadurch aufheben, dass man sie sich selbst zu eigen macht. Gesucht ist ein dritter, ein wirklich „postpatriarchaler“ Weg.

Eine Richtung dafür gab mir eine Bemerkung, die die „Altfeministin“ Ursula Müller kürzlich machte. Sie sagte in unserem Vorgespräch zu einer Podiumsdiskussion, dass die heute so oft vermutete Unterstellung, die Frauenbewegung damals hätte den weiblichen Körper „entsexualisieren“ wollen, nicht stimmt. Sie hätten lila Latzhosen damals nämlich gerade „sexy“ gefunden. Wenn Frauen ihre BHs verbrannten, die Stöckelschuhe in die Ecke warfen und statt unbequemen Minis buntgemusterte wallende Gewänder anzogen, dann gerade nicht, um ihre Weiblichkeit zu „verstecken“, wie heute rückblickend viele vermuten. Sondern im Gegenteil: Sie haben damit ihre Weiblichkeit hervorgekehrt. Öffentlich gemacht. Allerdings eben eine Weiblichkeit, so wie sie sie wollten. Und nicht wie andere sie bereits definiert hatten.

Vielleicht ist die Lösung ja genau so einfach. Nicht zu fragen, ob Kopftuch oder Push-Up eine angemessene oder unangemessene Kleidung für eine Frau ist. Sondern zu fragen: Was finde ich schön? Will ich wirklich ein Kopftuch tragen? Lohnen sich die schmerzenden Füße nach einem Tag auf Stöckeln wirklich, und für was? Wie will ich meinen weiblichen Körper heute in der Öffentlichkeit präsentieren? Mich inszenieren? Welches Bild einer Frau möchte ich abgeben – jenseits dieser blöden Gegenüberstellungen, die mir patriarchale Dualismen dauernd andienen wollen?

Eine Frage, die, wie ich finde, nicht nur jede einzelne Frau für sich beantworten muss (das auch). Sondern eine Frage, die politische Relevanz hat. So wie alles Private.


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Schöne Wörter, Scheißwörter

Diese Woche sah ich abends den Film “Letzes Jahr in Marienbad”, einen alten Film von 1961, in dem sehr häufig das Wort “Balustrade” vorkam. Das Wort hakte sich irgendwie in meinem Kopf fest, und als ich tags drauf durch die Stadt lief, hielt ich Ausschau nach Balustraden. Ich fand natürlich keine. Dafür fand ich ein Plakat, das für eine Tagung zum Thema “Sozialraumorientierung” warb. Und neben dem schönen Wort “Balustrade”, das mich an jenem Tag begleitete, fand ich dieses Wort “Sozialraumorientierung” so unglaublich häßlich.

Menschen an Balustraden. Szenenfoto aus dem Film "Letztes Jahr in Marienbad".

Die Schönheit und Hässlichkeit von Wörtern ist ein Phänomen, über das ich immer mal wieder nachdenke, seit ich Chiara Zambonis Buch “Unverbrauchte Worte” gelesen habe. Sie schreibt darin über die Möglichkeit einer gegenseitigen Öffnung zwischen den Worten, der Sprechenden und den Dingen, die benannt werden. Worte sind nicht einfach nur neutrale “Platzhalter” für eine angeblich objektive und unverrückbare Realität, sondern beides wirkt aufeinander ein und beeinflusst sich gegenseitig. Wie wir sprechen, welche Worte wir verwenden, um die Realität zu erschließen und uns mit der Welt in Beziehung zu setzen, ist ihrer Ansicht nach eine politische Praxis.

“Unverbrauchte Worte” zu finden (und zu hören) ist dabei keine Frage des Willens, der Technik, der Methode, sondern – so ein Bild von Zamboni – wie ein Schwimmen im freien Meer: “Wir sprechen und bekommen keine Klippe zu fassen, an der wir hochklettern könnten, um uns von oben sprechen zu sehen. Es ist, als wären wir immer draußen im offenen Meer.”

Meine These: Wenn wir die Realität im Sinne eines Besseren verändern wollen, ist es hilfreich, schöne Worte zu finden und hässliche zu meiden. Denn mit hässlichen Wörtern kann die Welt nicht schön werden. Ich glaube, es war Kant, der schrieb, dass über Ästhetik kein abstraktes Urteil möglich ist. Schönheit erkennt man an Beispielen, in der Situation. Man kann nicht definieren, was schön ist, aber man kann das Schöne erkennen, wenn es einer begegnet.

Deshalb wollte ich wissen, welche Wörter andere schön finden und welche sie hässlich finden und startete vor zwei Tagen bei Twitter eine kleine Reihe “Schöne Wörter, Scheißwörter”. Inzwischen hat sich unter dem Hashtag #swsw schon einiges angesammelt. Schön gefunden werden zum Beispiel die Wörter Wischmop, Augenstern, Aubergine, hässlich die Wörter Mobbing, Anpassungsstörung, Liebling…

Mich interessiert auch die Frage, wie weit die Urteile darüber, welche Wörter schön und welche hässlich sind, auseinandergehen. Bisher waren zwei umstritten: Das Wort “Eiterbeule” findet jemand hässlich, ich finde es hingegen ganz schön. Und ich finde das Wort “Lebertran” schön, jemand anderes versieht das mit einem Fragezeichen. Wobei man natürlich unterscheiden muss zwischen dem Wort als Wort und dem möglicherweisen unangenehmen Inhalt, der damit bezeichnet wird. Also das Wort “Lebertran” kann ja nichts dafür, dass der eklig schmeckt.

Hiermit ist die Beispielsammlung samt Diskussion nun auch im Blog eröffnet. Ich bin gespannt.